26.12.2010

Stephanie von Guttenberg nackt (Sex Porno)

... so jedenfalls laut Titanic, Deutschlands größtem FDP-Magazin, und zwar auf der Reeperbahn. Auch ich möchte natürlich bei Google Search profitieren. Und habe deshalb gleich mal eine gleichnamige Schlagzeile entwickelt.
Hintergrund ist keinesfalls, dass gestern die meisten Suchanfragen, die zu meinem Blog führten, die Schlagworte nackt, Sex und Porno hatten und ich insgesamt nur sieben Besucher verzeichnen konnte.


25.12.2010

Weihnacht

Moin, moin. Wünsche allseits eine schöne Weihnacht.
Ich bin den ganzen Tag bei meinem Onkel, wo sich "die" Familie trifft. Außerdem Gretel. Gretel ist die beste Freundin meines Onkels. Hoffentlich komme ich mit der S-Bahn gut durch.
Fühle mich nicht fit. Hatte gestern noch einiges über Pan's Labyrinth und Avatar - Aufbruch nach Pandora geschrieben (es gibt im St. Genet zwei Motive, die der Transformation und die des Labyrinths, die in den beiden Filmen anders aufgegriffen und "fort"entwickelt werden, zudem ebenso in den Bildern von Zoltan, der diese beiden Aspekte auf eine ganz andere Art und Weise aufgreift). Diese Ideen haben noch die ganze Nacht in mir gegrummelt.


19.12.2010

Saint Genet

von Sartre; immer noch ein wundervolles, neuartiges Buch. Außerdem: Logik des Sinns. Sartre schreibt über die Metamorphosen von Genet, und Deleuze radikalisiert diese Ansicht (in gewisser Weise) anhand der Logik von Kant.


16.12.2010

Artikel, die mit Pfannkuchen anfangen, enden mit Justin Bieber

Darf Justin Bieber mit Selena Gomez Pfannkuchen essen? Die Fans twittern Gefahr. Hund, wer an Satire denkt.

Sperrholzfrisuren waren einst das Markenzeichen englischer Königinnen. Neuerdings entdeckt man diese in ihrer aerodynamischen Variante bei self-made-Herzensbrecher Justin Bieber. Produziert durch den Untergang des Hauses Usher wird jetzt selbst das schnöde Mehlgebäck zum Schibboleth für Fans. Die Frisur hält.

Fan ist nicht gleich Fan
18.37 in einer anonymen Tram in Berlin: ein Junge steigt ein und überrascht durch eine Frisur, die sich so schmiegsam über sein Gesicht legt, dass man dieses bartlose Weiß für eine Art gigantischer Rose von Jericho halten könnte. Doch nein! Beim näheren Hinblick ist es tatsächlich nur ein Junge. Ein überbieberter Junge, zugegeben. Vom Original wünschte man sich manchmal ähnliche Camouflage.
Andere Jungen in diesem Alter hören Punk. Ihre Hosen sind zerrissen, durch ihre Lippen finden mindestens drei Metallringe ihre Berechtigung zur Existenz, und das Tattoo auf dem Unterarm ist zu 30 % echt. Solche Jungen finden noch Verständnis bei den älteren Erwachsenen. Jedoch: Justin Bieber!
Als jüngst Samuel Koch seine Wette bei Thomas Gottschalk so tragisch schmiss, hatten einige der Fans von Bieber nichts anderes zu tun, als in Tränen auszubrechen. Das Unglück war allerdings nicht das Unglück, sondern dass der jugendliche Pop-Star nicht auftreten würde. All die schönen "Ich will ein Kind von dir!"-Schilder umsonst gemalt und die Eltern können einen noch nicht einmal richtig trösten. Fan-sein ist hart, sogar noch härter als manche Frisuren.

Selbstmorddrohungen, ganz unschuldig
Der Musiksender MTV, kleiner Bruder von ADHS, berichtet neuerdings folgendes (laut Stern online vom 13.12.2010): in Philadelphia habe Bieber mit Gomez Pfannkuchen gegessen und anschließend das Restaurant Arm in Arm verlassen. Gomez sagt: "Das ist alles. Es ist alles ganz unschuldig." Was zu befürchten war!
Unschuldig sind auch die Fans. Kritisches Denken gleicht der berühmten Terra incognita. Da die Realität offensichtlich nicht so funktioniert, wie ein echter Fan sich das wünscht, kommt einem Selbstmorddrohung sehr gelegen. Dies musste Bieber letztes Jahr erfahren, als er offensichtlich eine unbekannte, junge Frau küsste. Bei dieser handelte es sich um Jasmine Villegas, die das "zweite Bein" (second leg) von Biebers Tournee My World Tour, einer sogenannten Welttournee, sei. Zum Stolpern braucht's doch nichts als Füß! Und mehrere Fans drohten tatsächlich mit Selbstmord. Man mag hier doch auf ein gewisses Versagen des Dilettantismus hoffen.

Ein verdammt guter Pfannkuchen
Erinnern Sie sich noch an Pulp Fiction? Dort ist das Essen eines Big Kahuna Burgers das Vorspiel zu einem wahren Gemetzel. Wer also glaubt Gomez, wenn sie sagt: "Wir haben Pfannkuchen gegessen. Wer isst nicht gerne Pfannkuchen?" Der feine Unterschied besteht darin, ob es sich um normale Pfannkuchen handelt oder Big Kahuna Pfannkuchen.
Denn genau dem gilt die Aufregung der Fans. Letzten Endes liest sich diese Aussage doch als: "Wir haben mit Justin Bieber Sex gehabt. Wer hat nicht gerne mit Justin Bieber Sex?"
Aus der Perspektive der Pfannkuchen ist diese Aussage sogar mehr als wahr. Es ist zwar nur oraler Sex gewesen, aber alles in allem war er doch ziemlich vereinnahmend.

Wie Justin Bieber singen
Artikel im Internet gleichen Popsongs. Für einen Moment leuchten sie hell auf, um dann für immer zu erlöschen. Autoren von Internet-Artikeln haben ein großes Mitgefühl für jugendliche Showgrößen. Von ihren Fans werden sie zerfleischt, in aller Zärtlichkeit, zudem missachtet, übermuttert, in panoptischem Größenwahnsinn überwacht und jede ihrer Gesten in rasender Interpretationswut zum Sprechen gebracht. Sind wir nicht alle ein wenig Bieber?
Ja, man wünschte es sich tatsächlich! Stattdessen werden wir wahrscheinlich wieder von vollkommener Missachtung gestraft, solange wir unsere Artikel nicht rappen, unsere Frisuren nicht im nahe gelegenen Baumarkt spezialanfertigen lassen und unsere Worte nicht wie die Orakelsprüche geschlechtsloser Außerirdischer klingen.
Der Neid auf Justin Bieber steht uns ins Gesicht geschrieben und kein Haar der Welt krümmt sich für uns und verdeckt dieses unschöne Gefühl. Geschichten, die mit Pfannkuchen anfangen, enden bei Justin Bieber, doch wo hören Geschichten auf, die mit Justin Bieber beginnen? Bei Rote Beete?

15.12.2010

Ist Justin Bieber tot?

Er sagt doch selber das er nicht tot ist,... (Wortlaut eines Fans)
Aber wenn er lügt und doch ...
Jedenfalls haben Justin Bieber-Fans ja richtig existentielle Probleme. Adorno ist dagegen nur was für intellektuelle Weicheier. Und der ist nun wirklich tot.



14.12.2010

Wonderful Life

Black spielte 1988 den furchtbar schmalzigen Hit Wonderful Life ein. Zucchero kann dem Lied zwar nicht seine Limonadenhaftigkeit nehmen, aber zumindest kann man es jetzt mit gutem Gewissen heimlich hören. HIER!
Die Video-Ästhetik als ekelhaftes Objekt Phi im lacanianischen Sinne, als ein Zu-viel-an-Realität, im Wonderful Life von Hurts HIER! Die Frau als Objekt a des Ekelhaften (man lese: Zizek, Liebe dein Symptom wie dich selbst!).


Justin Bieber II

Besonders fasziniert mich die Frisur von diesem Kerl. Das erinnert mich daran, dass ich immer wieder fasziniert war, wenn unter den Lego-Haaren von den Lego-Star-Wars-Figuren eine simple Noppe auftauchte. Manchmal konnte man durch diese in den darunter befindlichen Hohlraum blicken.
Doch seien wir ehrlich: was ist denn das für eine Frisur, die einer Welwitschia mirabilis mehr ähnelt, als dem normalen Balzkostüm vorpubertärer Jungen?


Justin Bieber

... singt wie eine kastrierte Schildkröte. Ich schwör ...

13.12.2010

Motivation

Ich komme zu einem meiner Lieblingsthemen zurück: Motivation. Auf suite101.de habe ich zum Rubikonmodell zwei Texte veröffentlicht, einen zur allgemeinen Einführung, einen in Bezug auf das Plotten.
Mit dem zweiten Text folge ich einer "ewigen Arbeit". Noch immer suche ich nach geeigneten Modellen, um ein zentrales Element von Romanen begrifflich fassbarer zu machen: der Szene. Das Rubikonmodell erscheint mir an dieser Stelle sehr geeignet, mein Denken zu befruchten. Tatsächlich lässt sich leicht zeigen, dass dieses vielfältig im Roman auftaucht.

Nebenbei noch ein kleiner Literaturtipp: die Schulbücher vom Duden-Verlag sind großartig. Gerade arbeite ich mit dem Mathematik-Buch für die neunte Klasse und entdecke den Spaß an dieser formalisierten Sprache neu. Jetzt muss ich mir unbedingt (und als Ausgleich) die Deutschbücher kaufen. Morgen! Vielleicht!



Spracherkennung

Ein letztes Mal werde ich an dieser Stelle für mein heiß geliebtes Dragon NaturallySpeaking schwärmen. Gestern war ich noch etwas schockiert. Ich hatte die Wochen davor fleißig neue Wörter trainiert, aber wenig Texte geschrieben (d.h. gesprochen). Als ich gestern Abend einen längeren, zusammenhängenden Text eindiktieren wollte, dachte ich zuerst, dass die spinne. So viele falsche Wörter hatte mir das Programm am Anfang nicht umgesetzt. Der Fehler lag allerdings vor allem darin, dass ich diese Wörter nicht benutzt habe. Seither verbessert sich die Erkennungsleistung von Diktat zu Diktat und diesen Text übernimmt er schon fast fehlerfrei.
Dragon NaturallySpeaking ist ein "intelligentes" Spracherkennungsprogramm. Es lernt aus dem Kontext und insofern dadurch, dass man es gebraucht. Mal sehen, ob ich euch mit meiner zukünftigen Textproduktion neidisch machen kann.


06.12.2010

Lieber Stern,

... jüngst, d.h. heute, schriebst Du, dass "Die Partei" "eigentlich ein satirisches Projekt … ist". Nun dürfte dir aber auch, du alte politische Nase, bekannt sein, dass die FDP aus der Westerweller Spaßpartei hervorgegangen ist und zwar durch das simple Ereignis, dass sie jegliches Ziel (Spaß) aufgegeben haben. Was also soll die Rede von einem "satirischen Projekt"? Ist das nicht eine solide Grundlage für zukünftige Erfolge um die 18 %? (Nebenbei bemerkt: 18 wird von den Neonazis als Zahl frequentiert, da diese die Initialen für Adolf Hitler bezeichnen soll: war das nicht das spaßigste am Spaßprojekt FDP?)


außerdem habe ich:

… beschlossen, meinem Spracherkennungsprogramm nicht noch weitere Vokabeln anzutrainieren, sondern erstmal wieder viel zu schreiben. Darf ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen, wie großartig einfach das Schreiben wird, wenn man ein solches Programm hat und nicht gerade Wörter wie Deterritorialisierungsgeschwindigkeiten benutzt?
… heute erst von Slavoj Zizek Körperlose Organe gelesen, aber nichts dazu notiert, da mein Sohn gerade meinen Computer in Beschlag genommen hatte, dann habe ich von Gilles Deleuze Kino II (Das Zeit-Bild) gelesen und wiederum nichts notiert, da mein Sohn immer noch am Computer saß. Als ich dann endlich selber mich vor die Kiste setzen durfte, musste ich erstmal andere Sachen tun, als für den Blog zu schreiben. Zum Beispiel habe ich 2 h auf französischen Internet-Seiten herumgehangen und mir Rezepte für französisches Weihnachtsessen angesehen. Danach war ich hungrig und habe eine Büchse mit Dosensuppe aufgemacht.
… dann bin ich allerdings auch mal fleißig gewesen und habe diverse Notizen der letzten Wochen in meinem Zettelkasten übertragen. Dabei sind mir mal wieder meine Anmerkungen zur Chemiedidaktik vom Sommer in die Hände gefallen und dass ich diese immer noch nicht eingefügt habe. Außerdem neue Notizen, viele zu Kinofilmen: Avatar, Der Mann, der zu viel wusste, Der Pakt der Wölfe, Effi Briest. Aber auch: objektorientiertes Programmieren, ein wenig Lacan, kleine Gehässigkeit über Kristina Schröder.


Glühwein

Recherchiert habe ich (und danach seltsame Texte geschrieben): Glühwein.

Wissenschaftler klonen Raupen

Oder: Raupkopie ...
Danke an diesen Twitter!


27.11.2010

Aldi, du alte Milchnase!

Was muss ich neuerdings in deinen Regalen erblicken? Einen Joghurt aus biologisch hergestellter Milch! Sag an, Aldi, wie sollte das funktionieren? Hast du etwa unsere lila Milka-Kühe genmanipuliert? Sind diese neuerdings schwarz-weiß? Werden wir demnächst unter Schokoladenknappheit leiden? Und was sagt Frau Künast dazu?
Aber man muss ja mit dem Fortschritt gehen. Ich erwarte demnächst von dir, liebes Aldi, Kartoffeln aus bodennahem Anbau.


25.11.2010

Harry Potter und das Modellieren

Weiterhin erscheint mir Modellieren als eine der wichtigsten Fertigkeiten zu sein, die man sich antrainieren kann. Allerdings sehe ich auch hier nur nach und nach durch, wie die verschiedenen Aspekte der Modellierungskompetenz zusammenhängen. Trotzdem: vor allem die Arbeit mit kreativen/wilden Analogien gehört dazu.
Jetzt finde ich in der Morgenpost online ein Interview mit einem kreuzberger Informatiker, der in seiner Firma Teile von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes modelliert hat.
Mathematisches Modellieren, Simulieren und sinnliche Anschauung
Morgenpost Online: Was ist der Kick an Ihrer Arbeit?
Gellinger: Wir sind, neben Regisseur und Kameramann, die einzigen, die definieren, was auf der ganzen Leinwand zu sehen ist. Wir bemalen die Leinwand.
Morgenpost Online: Braucht dieses Berufsbild eher verhinderte Maler oder kreative Programmierer?
Gellinger: Wir brauchen Mitarbeiter mit unglaublichem technischem Wissen – aber es dürfen nicht die sprichwörtlichen Computernerds aus dem Keller sein. Sie müssen ein gutes Auge haben, gern in die Natur gehen, sich anschauen, was der Himmel in der Reflexion im Wasser macht und wie das Sonnenlicht von hinten durch das Laub eines Baumes fällt. Man muss beobachten, recherchieren können – und in der Lage sein, diese Gesetzmäßigkeiten der Natur in mathematische Formeln zu fassen, die sich in eine Software umsetzen lassen. Ein extrem komplexes Berufsbild.
Wir haben hier die ganze Bandbreite an Modellierungskompetenzen innerhalb eines kurzen Abschnitts. Und dies zeigt auch, wie anforderungsreich die moderne Technik geworden ist, die nicht nur verstanden werden muss, sondern auch die Bezüge zwischen Realität und Simulation eng knüpfen muss, damit die special effects wirklich sitzen.


15.11.2010

Schwule Fantasy

Liebe junge Autoren schwuler Fantasy!
Ein Roman besteht aus einer Geschichte. Das soll hier mal festgehalten werden. Eine lose Aneinanderkopplung von Fick-Szenen (zwischen zwei männlichen Elfen, respektive Orks) nennt sich lose Aneinanderkopplung von Fick-Szenen.
Vielen Dank!
PS 1: Kunst kommt von können, Wulst von wollen.
PS 2: Natürlich habe ich nichts gegen schwule Fantasy, solange die Betonung auf Fantasy liegt und man hier den Roman, also eine durchgeformte Geschichte, mit hört. Und was mich besonders nervt, ist eigentlich auch nicht, dass diese Prosatexte ohne Geschichte sind, sondern dass die leiseste Kritik zu Beleidigungen und Boshaftigkeiten führt. Wozu, ihr lieben jungen Autoren schwuler Fantasy, braucht ihr dann noch einen Text-Coach, wenn ihr sowieso schon absolut toll seid und von namhaften (aber stets ungenannten) Showgrößen in den Himmel gelobt werdet?

PS 3: Einmal, vor einem halben Jahr, hat sich eine lesbische Schriftstellerin zu mir verirrt. Auch diese musste ich ablehnen. Der feine Unterschied allerdings war, dass diese Frau so gut schreiben konnte, dass ich mich nicht im Stande sah, ihr nachzuhelfen. Aber nett war sie und wir hatten ein lustiges Telefonat.


Bildung (Vortrag ohne Namen)

Gerne hätte ich Ihnen anstelle dieses Vortrags etwas Handfestes an die Hand gegeben, etwas, das seiner Form entspricht, in seiner Form verspricht und vor allem etwas, das bildet. Etwas, das bildet, das einen Überblick verschafft, das zusammenfasst, Ihnen womöglich die Auseinandersetzung mit dem erspart, wovon ich zu Ihnen sprechen möchte. Dieses wovon ist nicht weniger als die Reform und die Bildung, vor allem aber die Reform, die man in der Reformpädagogik und der Bildungsreform so leichtfertig wiederfindet. Es war mir nicht möglich, und es wird mir nicht aufhören unmöglich zu sein, dieses Thema in Form zu bringen. Vorweg also die Sprachverwirrung.
Was aber ist nun die Reform, das Reformierende, das Wesen der Reform? Was, alles in allem, ist die Bildung einer Reform, die Bildungsreform? Und was überhaupt ist diese Form, die hier, in dem Wort, zurück oder erneut in eine Form übersetzt werden soll?
Das alles sind gebildete Fragen, Fragen, die sich gebildet haben, die sich zu jeder Zeit neu formieren, unaufhörlich und nicht enden wollend, um die Bildung zu befragen.
Bildung selbst ist, übersetzt ins Ursprüngliche, ins Lateinische, die Formation. Diese Gleichsetzung ist mehr als unglücklich, bezeichnet die Form im modernen Diskurs etwas, das vom Inhalt getrennt existiert, während die Bildung auf das Inhaltliche zielt.
Andererseits wurde diese Trennung auch hinterfragt, so dass der Unterschied zwischen Inhalt und Form doch wieder unentschieden bleibt. Erinnern wir hier vorsorglich schon mal an Babel, an die Sprachverwirrung, an den Moment, in dem die Form sich verliert, um die Vielfalt der Sprachen zu bilden, deren Studium, wie Humboldt bemerkt, bildend sei.
Hartmut von Hentig wiederum schreibt in seinem Buch »Bildung«, Bildung sei »selbst die Spannung oder Brücke zwischen … tradierten Idealen und aktuellem Kompetenzbedarf, zwischen philosophischer Selbstvergewisserung und praktischer Selbsterhaltung der Gesellschaft.« (S. 57)
Bildung sei also eine Spannung oder eine Brücke. Man höre zunächst diese doppelte Metapher, die aus den Ingenieurswissenschaften zu uns kommen, und doch so unvereinbar scheinen. Die Bildung sei, und das Bild bleibt hier unentschieden, ein »oder«, eine gebildete Disjunktion, die entweder selbst eine Disjunktion oder eine Konjunktion, eine Trennung oder eine Verbindung, eine Spannung oder eine Brücke beschreibt.
Dies wirft zugleich ein seltsames Licht, und es scheint nicht das Licht der Aufklärung zu sein, auf die Ufer, die diese Brücke der Bildung verbinden soll, oder auf die unvereinbaren Materialien, zwischen denen die Spannung der Bildung besteht. Hier haben wir die Ideale, dort den Kompetenzbedarf, hier die Selbstvergewisserung und dort die Selbsterhaltung. Schon in dieser Zusammenstellung klingt das Tohuwabohu heraus, mit dem Gott den Turm zu Babel einstürzen ließ. Tohuwabohu, dies ist das Gegenwort der Bildung, des gebildeten Menschen, die Vergeblichkeit der Bildung, die nie ins Göttliche aufgehen kann.
Schon jetzt, an dieser Stelle, am Anfang der Bildung mögen Sie sich fragen, was dies wohl sei, das hier so viel Verwirrung verursacht, was hier einen wohlgepflegten Begriff, ein geläutertes Gut der bürgerlichen Gesellschaft mit so viel Unruhe und auch so viel Unmut begleitet.
Halten wir also zunächst fest, dass die Unruhe, die den Bildungsbegriff ergreift, uns zurückschrecken lässt, uns hindert, ihn näher zu betrachten, als sei er eine Sonne, in deren grellem Licht man erblindet, so dass man lieber ein wenig an ihm vorbei schaut, und ihn gleichsam aus den Augenwinkeln erfasst. Du sollst dir kein Bildnis machen!
Beginnen wir also von vorn, gleichsam an der Schwelle, dort, wo Hartmut von Hentig die Mitte des Bildungsbegriffes sieht: »Bildung bezeichnet selbst die Spannung oder Brücke zwischen … tradierten Idealen und aktuellem Kompetenzbedarf, zwischen philosophischer Selbstvergewisserung und praktischer Selbsterhaltung der Gesellschaft. Ich hätte auch - mit Platons großem Gleichnis - sagen können: Bildung ist beides - Aufstieg ans Sonnenlicht und Abstieg in die Höhle. Das eine ist ohne das andere sinnlos und unbekömmlich.« (Seite 57)
Aufstieg und Abstieg, Spannung und Brücke, Selbstvergewisserung und Selbsterhaltung, Philosophie und Praxis, Tradition und Aktualität, Ideale und Kompetenzbedarf - eine Reihe von Polaritäten markieren diesen Bildungsbegriff, bringen ihn in Spannung, indem in der Schrift, im Buch die räumliche Nähe hergestellt wird. Auch dies ist eine weitere Polarität: die Schrift vermag zu verfugen, was unvereinbar ist.
Sehr deutlich sagt von Hentig auch, dass er hinter diese Polarität nicht zurückweichen will: »Nicht hinnehmbar aber ist: wenn Bildung das eine beansprucht (die Werte, die Kultur, die Verantwortung, die Mündigkeit, die Führung) und das andere betreibt (die Bedienung der Wirtschaft, die Regelung des Arbeitsmarktes, das Fitmachen für die Laufbahn, die Aufbewahrung der Kinder und die Disziplinierung der Jugendlichen).« (Seite 57)
Halten wir an dieser Stelle - ebenfalls provisorisch - fest, dass die Spannung für sich einen Wert bildet, die folgendem entgegensteht: das eine, die Ideale nämlich, zu beanspruchen, und das andere, die Regulierung des Kompetenzbedarfs, zu betreiben. Hier gilt es zu unterscheiden und zu entscheiden, in der Spannung des (noch) Unentschiedenen, womöglich auf einer Brücke, die sich gerade erst zu bilden begonnen hat.
Beginnen wir also von vorn, beginnen wir erneut zu fragen, wem oder was sich Hartmut von Hentig widmet, auf der Schwelle zwischen Aufstieg und Abstieg, zwischen Sonne und Schatten, zwischen dem Reich der Ideen und der Höhle der Phänomene. An dieser Schwelle, diesem Buch, das sich der Idee der Bildung widmet, findet sich eine Widmung, die dieser Idee eine seltsame Färbung verleiht, womöglich sogar aus dem Tohuwabohu heraus die Stimme einer anderen Vernunft hören lässt.
So lässt sich, innerhalb des Buches und doch nicht ganz zu ihm gehörig, also auch außerhalb, folgendes lesen:
»Dem Andenken an meine Mitarbeiterin Gisela Grunwald, die nicht aufhörte, sich durch Wissbegierde, Umsicht und Mitgefühl zu bilden.« (Seite 6)
Markieren wir zunächst einige wichtige Bezüge:
  1. Die Mitarbeiterin, der Hartmut von Hentig sein Buch widmet, hörte nicht auf, sich zu bilden. Sich bilden, diese auf sich selbst gerichtete Tätigkeit, die darum Sorge trägt, sich aus der Form in eine neue Form zu bringen, sich zu reformieren; so dass hier das Wort Reform einen reflexiven, einen um sich selbst besorgtem Zug annimmt.
  2. Die Mitarbeiterin hörte nicht auf. Der Prozess, den von Hentig hier markiert, ist kein beendbarer. Er wird von einer Unendlichkeit durchzogen, die die Bildung, die Reform und/oder die Reformation in ihren zentralen Wesenszügen berührt.
  3. Weiter markiert der Autor die drei Werkzeuge, durch die dieses Sich-bilden möglich wird: die Wissbegierde, die Umsicht, das Mitgefühl. Was sind das für drei Werkzeuge? Keines dieser drei Werkzeuge zielt direkt auf den reflexiven Moment des Sich-bildens, sondern geht, folgt man zunächst ihrer naiven Bedeutung, in die Umwelt hinaus. Was aber kann das für eine Art von Reflektion sein, deren Werkzeuge nicht direkt auf den Menschen selbst zielen, sondern höchst indirekt, wenn überhaupt, über die Umwelt, den Mitmenschen, die Situation? Erscheint hier das Selbst der Reflektion nicht wie aus dem Augenwinkel, gleichsam als könne man dieses ebenso wenig direkt erblicken, wie die Sonne oder die Bildung?
  4. Die Widmung beginnt mit einem höchst delikaten, einem anspielungsreichen Wort, dem Andenken. Es ist zunächst ein Wort ohne Verb, ohne Tätigkeit. Jenes »ich denke an« ist viel weniger religiös aufgeladen. Es fehlt zum Beispiel die Anspielung des Verlustes, den man in dem Wort Andenken zu hören vermag. Hier, an dieser Stelle, an der Hartmut von Hentig sein Buch über die Bildung durch eine Widmung markiert, die zugleich ein Andenken ist, schwingt ein Verlust mit, der sich zugleich um die Erkenntnis, um die richtige Erkenntnis sorgt.
  5. Die Widmung also ist dem Andenken an die Mitarbeiterin Gisela Grunwald gewidmet. Dieses Andenken markiert, aus dem Augenwinkel heraus, den Tod der Mitarbeiterin, den Grund des Verlustes, und das Ziel der Widmung. Die Widmung selbst ist aber nicht direkt der Mitarbeiterin gewidmet, sondern dem Andenken. Hier kreuzen sich vielfältige Figuren der Indirektheit, der Anspielung, die nicht genau das sagen, sondern zu verstehen geben, als trügen diese Indirektheiten die Gabe des Verstehens in sich, solange man sie nur aufmerksam genug liest.
  6. Ein weiterer Punkt verweist uns auf ein seltsames Paradox, auf eine Bedeutungskonstellation, die sicherlich nicht unschuldig gewählt wurde: das Selbst, jene Mitarbeiterin eben, die nicht aufhören konnte, sich zu bilden, hat längst aufgehört, wurde aus jenem unendlichen Prozess herausgerissen und verbannt. Das Ende der Bildung ist der Tod und der Tod markiert das Ende der Bildung, diesmal nicht in einer Polarität, sondern einer Gleichsetzung, die einer Tautologie gleichkommt. Es gibt also keinen anderen Bruch mit der Bildung als den Tod.
  7. Hartmut von Hentig spielt die Mitarbeiterin nicht direkt an: weder ist sie ein Objekt des Satzes (nur eine Spezifizierung des Andenkens), noch hat dieser Satz ein Subjekt, noch weist dieser Satz konkret darauf hin, was diesem Andenken direkt gewidmet ist. Es könnte etwas ganz anderes sein als dieses Buch. Tatsächlich könnte dieser Satz genauso unzusammenhängend am Beginn dieses Buches stehen, wie der Satz »ich habe meinen Regenschirm vergessen« in einem Notizbuch von Nietzsche zu finden ist, mitten zwischen "ordentlichen" Fragmenten. Lediglich das Gesetz des Genres gebietet die Verknüpfung. Die Widmung wird durch den Ort, an dem sie steht, zur Widmung; sie füllt, durch den Ort, an dem sie steht, den leeren Platz des Subjektes, und könnte doch ganz anders gemeint sein. Behalten wir zunächst unsere Vorbehalte gegen jegliche Eindeutigkeit. Bleiben wir indirekt! Du sollst dir kein Bildnis machen!
  8. Eine letzte Anmerkung sei dieser Widmung gewidmet. Was ist das für eine Mitarbeiterin, die sich Gisela Grunwald nennt, die der Autor der Widmung als »meine Mitarbeiterin« bezeichnet, die er sich, wenngleich konventionell, aneignet, als zu sich gehörig markiert, als jemanden, die »mit ihm arbeitet«, in einer Arbeitsteilung, die also ganz mit ihm verbunden ist? Es ist die gleiche Mitarbeiterin, die nicht aufhört, sich zu bilden, die ganz und gar, ohne Lücke und Unterlass ein Verhältnis zu sich selbst pflegt, in einem beständigen Übersetzen der eigenen Form, ein Wandel oder auch Entzug, dem das Andenken besonderen Platz einräumt. Es scheint gerade so, als sei dieses zuverlässige Sich-erneuern dasjenige, dem die Widmung besonders gilt. Und es scheint so, als sei es gerade dieser Zug des Entzugs, dieses Verhältnis zu sich selbst, das das »Mit« der »Mitarbeiterin« begründet.
Fassen wir zunächst zusammen, was diese Widmung strukturiert: der Selbstbezug des Bildens, die Unendlichkeit dieses Selbstbezugs, die Werkzeuge, die in einer paradoxen Drehung nicht auf sich selbst, sondern auf das Außen weisen, dem Andenken, das sowohl den Tod als auch die Mitarbeiterin anspielt, dem Tod als dem Ende des Bildens, dem Tod als dem einzigen, der die Unendlichkeit des Bildens zu beenden vermag, und schließlich jener seltsame Status des »mit«, dem ein »sich« zu Seite gestellt wird, als handele es sich bei der Selbstbezüglichkeit des Sich-bildens und der Kooperation oder Arbeitsteilung nicht um zwei sehr unterschiedliche Sphären, sondern um zwei Bedingungen füreinander.
Vielleicht aber müssen wir von hier aus tatsächlich weitergehen, sozusagen die Schwelle des Buches verlassen, und uns tiefer in es hinein wagen, den Abstieg wagen, um die schwankenden Gestalten, die sich uns am Eingang genähert haben, ein wenig besser zu fassen.
Erneut gibt es ein Hindernis. Bevor das Buch beginnt, schiebt sich ein weiterer Text vor, eine Art Vorspiel, das zugleich eine Art Metakommunikation über das Buch ist. Das Buch erklärt sich selbst, tritt zu sich selbst in eine Art Selbstbezug, die zugleich Vorspiel und Metakommunikation ist und, wie der Autor später (Seite 9) schreibt, an der Stelle des Schlusses steht. Der Schluss könnte auch am Anfang stehen, so der Autor, doch genau hier steht eben jener Text, der noch nicht der eigentliche Text ist, aber auch schon nicht mehr Widmung. Er bleibt ein namenloses Ding auf der Schwelle.
»Nicht ungerne«, so beginnt dieser namenlose Text, »nicht ungerne«, also in einer doppelten Verneinung, der rhetorischen Figur, die Litotes genannt wird und von der gesagt wird, sie betone durch Untertreibung. »Nicht ungerne hätte ich diesem Buch den Titel Über die Bildung. Eine Rede an die Gebildeten unter ihren Verächtern gegeben und so begonnen: …« (Seite 7)
Hier, an dieser Stelle, anstelle eines Schlusses (oder Vorworts), sagt von Hentig, dass er dieses Buch nicht so beginnt, wie er gleich, nach diesem ersten Satz, sein Buch beginnen wird, buchstäblich. In einer ironischen Wendung wendet er sich an den Leser, sagt, was er eigentlich nicht sagen wollte, untertreibt, um zu betonen, und nennt einen Titel, der ›über die Bildung‹ und ›unter ihren Verächtern‹, in einem drunter-drüber, in einem Tohuwabohu kombiniert. Passenderweise ist es Schleiermacher, den er hier mit einem Titel zitiert, Schleiermacher, den er gleichsam zunächst unter dem Schleier belässt, um ihn dann zu lüften.
Was von Hentig hier allerdings als möglichen Titel seines eigenen Buches zitiert, ist keine Rede von Schleiermacher über die Bildung, sondern über die Religion, auf die er zuvor, in seiner Widmung, mit dem Wort Andenken bereits angespielt hat, und die er hier durch sein eigenes Thema ersetzt. Auch diese Ersetzung ist nicht ohne: es sind nicht die Gebildeten, die sich um die Religion sorgen, sondern es sind die Gebildeten, die sich um die Bildung sorgen, und an die sich dieser Text wendet. Ein seltsamer, und doch zugleich altbekannter Kurzschluss: die Sorge des Gebildeten um sich selbst, um das, was sie gebildet macht, die Bildung.
Hören wir eine weitere Anspielung heraus, auf die ich bereits angespielt habe, und auf die dieses Buch in seiner Form im Ganzen anspielt: Goethes Faust. Die Parallelen sind unverkennbar. Die Widmung oder Zueignung findet sich ebenfalls im Faust, das Vorspiel auf dem Theater, welches die Wirtschaftlichkeit, das Vergnügen und die Bildung in ein Wechselspiel bringt, durchzieht von Hentigs Buch wie drei rote Fäden, die sich in der Unendlichkeit kreuzen werden, die fünf Kapitel als die fünf Teile des klassischen Dramas, und einige weitere Anspielungen, denen man genauer nachgehen müsste.
Besonders hervorzuheben ist jener Klassiker der Zitate »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen; / Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen; / Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.« (Z 1112-1117). Man höre die Spannung heraus, die auch ein Wesenszug der Bildung sei. Man höre heraus, dass Faust der Prototyp des gebildeten Menschens sei, ein Renaissance-Mensch, wie er im Buche steht.
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Faust die Religion durch Bildung ersetzt, man könnte auch sagen: durch diese verloren hat, dass diese Bildung allerdings die universitäre Bildung ist, die ihm, dem Faust, nichts zu geben weiß. Unschwer sieht man darin das, was von Hentig später als Schulbildung bezeichnen wird, von der er sagt: »[Dieser] Bildung geht die Beugung voran.« (Seite 50)
Der Gegenstand sei in der Schulbildung direkt ins Auge zu fassen, sein (rein) sachlicher Gehalt sei Bildung, während die Beugung ein Zusatz sei, der für die Bildung notwendig, aber äußerlich sei - notwendig, aber äußerlich. Sie werden an dieser Stelle merken, dass sich in der Schulbildung das reflexive Moment des Sich-bildens nicht wieder findet, genauso wenig, wie der Faust in der universitären Bildung dasjenige findet, was »die Welt im Innersten zusammenhält«. Sie werden an dieser Stelle wahrscheinlich auch daran denken, dass dieser direkte Zugang, den die Schulbildung verspricht, wenig zu diesen indirekten Verdrehungen passt, diesen Windungen, diesem Mäandern, der den Text von Hartmut von Hentig kennzeichnet.
Folgt man dem Faust weiter, so spricht auch dieser von der Beugung, von einer anderen Art von Beugung, als sie sich in den Verdrehungen von Hentigs finden lässt: »Und ziehe schon an die zehen Jahr‘ / Herauf, herab und quer und krumm / Meine Schüler an der Nase herum - « (Z 361-363), so Faust, der hier auf die Bildungsmisere verweist, die den Schüler beugt, die den Lehrer zu einem Täuscher und Lügner werden lässt, zu einem Mephistopheles, einem Geist, der stets verneint. Das, was die Schulbildung im Innersten zusammen hält, ist die Beugung des Schülers, die Vortäuschung des Wissens, die Manipulation.
Ist das nicht seltsam? Ist das nicht ein wenig bizarr und unerhört? Die Windungen der Schulbildung in all ihrer Falschheit gegen das seltsame, schwierige, nicht leicht zu verstehende Mäandern dieses namenlosen Textes Hartmut von Hentigs? Ist das überhaupt eine richtige Opposition, ein Gegensatz, ja wenigstens ein Kontrast? Hören wir auch an dieser Stelle ein weiteres Mal den Faust heraus: »Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt.« (Z 317); »Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, / Umfass‘ euch mit der Liebe holden Schranken, / Und was in schwankender Erscheinung schwebt, / Befestiget mit dauernden Gedanken.« (Z 346-349)
Gerade im letzten Zitat findet man jenen seltsamen Chiasmus, die Figur der Überkreuzstellung, die auch in die Widmung bei Hartmut von Hentig anklingt. »Das Werdende, das ewig wirkt und lebt« korrespondiert mit der Aufforderung »befestiget mit dauernden Gedanken«, aus dem sich leicht jenes »die nicht aufhörte« heraushören lässt; während man - allerdings in einem sehr kühnen Subtext - aus »umfass‘ euch mit der Liebe holden Schranken, …« bis hin zu »befestiget« die drei Werkzeuge, Wissbegier, Umsicht und Mitgefühl, wieder finden könnte. Zu lesen ist es so nicht, und trotzdem ergeben sich hier Verbindungslinien.
Am prägnantesten aber ist, dass von den zwei Aufforderungen, die in diesen Zeilen stecken, die eine direkt an den "Zuhörer" gerichtet ist, die andere an die "Umwelt". Hartmut von Hentig schreibt:
»Das Grundgebot, an das ich erinnern möchte, ist, dass eine pädagogische Tätigkeit, […] in der Selbstständigkeit des Zöglings oder Schülers zu münden hat, d.h. sich selbst überflüssig zu machen, sich selbst zurückzunehmen gehalten ist. … Bildung ist … in seiner prägnanten Bedeutung immer Sichbilden, beginnt erst dort, wo man sie selber in die Hand nimmt. Davor liegen Bemühungen der anderen, die dies ermöglichen.« (Seite 151)
Es ist also nicht ohne Grund, dass von Hentig dieses Buch auf so indirekte Weise einer Mitarbeiterin gewidmet hat, die nicht aufhörte, sich zu bilden. Sie ist, wer auch immer sie war, gleichsam einer jener römischen Hausgeister, die an der Schwelle in Form von tönernen Abbilder aufgestellt wurden, und die das Unglück von der Hausgemeinschaft fernhalten sollten. Dem Wesen einer guten pädagogischen Tätigkeit ist es eigen, sich selbst zurückzunehmen, indirekt zu werden, nicht mehr zu züchten, nicht Wissen abzufragen, nicht Kompetenzauflagen zu erfüllen, sondern das Sichbilden zu ermöglichen.
Dort, wo Goethe noch, parallel zu Schleiermacher, die Religion gesehen hat (und sei es die geläuterte und an eine Naturphilosophie gewöhnte Religion), findet sich bei von Hentig die Bildung wieder, bei der der Pädagoge sich zurückzieht, sich indirekt macht, die Grammatiker würden hier von einem Subjektschwund reden, und gleichsam in diesen hinein, in dieses allmähliche Verschwinden der Erziehung beim Reden, entsteht jenes reflexive Verhältnis des Zöglings zu sich selbst, jenes »selber in die Hand« nehmen, welches Hartmut von Hentig als die Bildung in ihrer prägnanten Bedeutung kennzeichnet.
Und noch ein weiterer Zug aus der Widmung taucht wieder auf: jenes Sich-bilden bedeutet, »dass wir im und am Leben lernen können und sollten«, also wiederum jener seltsame Zug, der reflexiv zu sein scheint, und doch die Umwelt ins Blickfeld nimmt.
An dieser Stelle dreht von Hentig diesen seltsamen Bezug zwischen dem Einzelnen und seiner sozialen Umwelt noch ein Stück weiter. Im Schlussteil, der, wie von Hentig sagt, auch am Anfang hätte stehen können, hätte dort nicht etwas anderes gestanden, anstelle eines Vorwortes, im Schlussteil also steht: »Verantwortung für die Polis als Maßstab, Politik selbst als Anlass für Bildung … [Politik] als die große Erfindung des Abendlandes zur immer neuen, beweglichen Herstellung von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit - des Spielraums für Kultur und des Gegenbildes zu Herrschaft.« (Seite 207)
Was also, so sei am Ende wie am Anfang gefragt, ist die Bildungsreform? Können wir uns ein Bild von dieser Reform machen, von dieser Reformpädagogik, dieser (oft) im wesentlichen politischen Bildung? Hören wir sehr genau auf dieses letzte Zitat, in der von Hentig die Politik als eine Erfindung bezeichnet, eine Erfindung »zur immer neuen, beweglichen Herstellung«, und man höre dieses »nicht aufhörte«, das uns an der Schwelle zu diesem Buch begegnet ist und uns am Ende (oder Anfang) erneut begegnet. Man höre, wie diese Politik, die von Hentig meint, den Menschen nicht beherrscht (sie ist das Gegenbild zur Herrschaft), sondern mit dem Sich-bilden korrespondiert, mit diesem »nicht aufhörte, sich … zu bilden«, das auf so seltsame, so indirekte Art und Weise mit dem »mit« der Mitarbeiterin in Beziehung stand: indirekt, ein wenig verdreht, achtsam, aber auf seltsame, fragwürdige Weise, mit Sicherheit auch anders möglich.
Es gäbe also keine Bildungsreform, keine, die von der Politik aus organisiert wird, von der Politik für die Menschen, viel häufiger aber gegen sie, und doch gäbe es diese Bildungsreform, gleichsam unter der Hand, überall dort, wo Menschen sich von ihren Erziehern, ihren Lehrmeistern lösen, sich bilden, sich selbst bilden, sich re-formieren, für, mit, manchmal auch gegen die gesellschaftlichen Strömungen.
Babel mag zunächst eine Geschichte von der menschlichen Anmaßung sein, die durch Gott in ihre Schranken verwiesen wurde. Doch Babel lässt sich auch ganz anders, indirekter lesen. Es ist ebenso eine Geschichte von den Herrschenden, die ihrem eigenen Wissen ein Monument zu setzen gedachten, die sich selbst eine Widmung schrieben, direkt auf ihr Wissen hin, direkt auf ihre Herrschaft hin. Es ist, wenn man uns diese Voreiligkeit verzeiht, eine Geschichte von der Maßlosigkeit der Schulbildung als richtige Bildung, von der Einheit der Sprache als Voraussetzung dieser Maßlosigkeit, und von der Sprachverwirrung, die diese Bildung wieder frei gibt, die sie für ihre Rückbezüglichkeit, für ihre Sorge um sich selbst wieder öffnet.
* * *
Ein kleines Produkt am Rande, auch, weil ich euch - liebe Blogleser! - so lange vernachlässigt habe.
Ich war in den letzten Tagen viel unterwegs, gezwungenermaßen (auch wenn mancher es nicht so sehen mag, aber glaubt mir, bestimmte Partys gehören einfach nicht zu meiner Lebensqualität). Nebenbei habe ich mir die Zeit mit einer ersten, noch groben Kommentierung von Hartmut von Hentig vertrieben. Man lese an dieser Stelle, wenn man meiner Kommentierung mit mehr Tiefe folgen will, Michel Foucaults Hermeneutik des Subjekts. Man lese auch seine Vorlesungen über die juridischen Formen, man lese Bernfelds Sisyphos, man lese Huisken, Negt/Kluge (Geschichte und Eigensinn), Tausend Plateaus. Nicht zuletzt interessiert mich im Moment (auch, weil ich seit längerer Zeit wieder am Durchkommentieren seines Werkes bin) Goethes Faust, dessen Gedanken und Bilder von Hentig recht eigenwillig (zum Glück!) aufnimmt.
* * *
Für Kommentare und Ideen bin ich übrigens sehr dankbar. Von Hentigs Buch Bildung ist äußerst reich an Bezügen. Ich werde sie selbst kaum alle lesen können.


Erziehungstipp

"Unter zwanzig Jahren werden wir keinen dieser Jünglinge, womöglich keinen unter fünfundzwanzig Jahren, in die wirtschaftliche Realität eintreten lassen. Jeder soll ad libitum die Glücksmöglichkeiten des Besitzes kosten, sie sollen sich ihm mit der Lust der jungen Erotik, mit Freiheit und Trubel unlöslich verknüpfen, er soll in diesen gefährlichen Jahren, wo Querköpfe, und in der Pubertät wird man sehr leicht querköpfig, bereit sind, die Gesellschaft auf Gerechtigkeit und Recht zu prüfen, sie nicht kennen lernen in ihrem wirklichen Bestand. Und wenn er sie mal kennen lernt, soll er sie und ihre Vorteile, für sich und den Besitzenden überhaupt, nicht mehr entbehren können; sie sollen sehen, wie er sie gründlich auf Grund seiner erlernten Philosophie bejahen wird. Ich werde verbieten, dass man Studenten auf den Universitäten duldet, deren Väter sich nicht zu einem largen Taschengeld entschließen wollen und können. Solche Kerle sind in höchstem Maße staatsgefährlich."
Bernfeld, Siegfried: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Frankfurt am Main 1973, S. 100
Dieser ganze Absatz ist natürlich eine Satire.
Bernfelds Text ist allerdings in höchstem Maße komplex, und auch wenn er mir hier sympathisch ist (ich liebe zynische Satiren), so muss sein Werk trotzdem auf Herz und Nieren geprüft werden, Herz und Nieren, das heißt hier auf Argumente und Metaphern.


25.10.2010

Semantische Klassen 2

Damit ihr nicht ganz auf dem Trockenen schwimmt, hier schonmal einen Überblick über die semantischen Klassen, die man allerdings sinnvoller, und von Polenz tut das auch, semantische Verknüpfungen nennen sollte, da diese sich explizit auf Wörter beziehen, die Satzteile oder Nebensätze verknüpfen (also auf bestimmte Signalwörter):
  • kopulative Verknüpfungen: diese fügen einen Sachverhalt zu einem anderen hinzu, ergänzen einen Sachverhalt oder summieren mehrere Sachverhalte (zu einem)
  • disjunktive Verknüpfungen: diese nennen eine oder mehrere Alternativen, stellen diese zur Wahl und/oder lassen die Entscheidung für diese Alternativen offen
  • adversative Verknüpfungen: diese setzen Aussagen einander entgegen, kontrastieren Aussagen oder korrigieren eine durch eine Aussage hervorgerufene Erwartung
  • konzessive Verknüpfungen: hier wird in einer ersten Aussage ein Zugeständnis gemacht, der in einer zweiten Aussage (graduell) entgegengetreten wird
  • explikative, spezifizierenden oder exemplifizierende Verknüpfungen: eine erste Aussage wird durch eine zweite Aussage erklärt, präziser ausgedrückt oder durch ein konkretes Beispiel erläutert
  • restriktive Verknüpfungen: eine erste Aussage wird durch eine zweite eingeschränkt, in ihrer räumlichen, zeitlichen, sachlichen oder sozialen Reichweite
  • komparative Verknüpfungen: eine erste Aussage wird erklärt durch den Vergleich mit einer zweiten Aussage
  • temporale Verknüpfungen: diese orientieren über die Zeitbeziehung im Satzinhalt und im Kontext
  • komitative Verknüpfungen: diese beschreiben einen Sachverhalt durch ein notwendiges Miteinander, entweder, indem zwei Sachverhalte vorliegen müssen, um zusammen eine Wirkung zu bilden, oder indem zwei Sachverhalte sich wechselseitig bedingen
  • instrumentale Verknüpfungen: diese erklärt, wie man eine Handlung durch ein bestimmtes Mittel, bzw. einen Zweck durch einen bestimmte Handlung erreicht
  • finale Verknüpfungen: hier wird durch eine (instrumentale) Handlung erklärt, welchen Sachverhalt als Zweck oder Ziel jemand erreichen will
  • konsekutive Verknüpfungen: hier wird ein als Tatsache genommener Sachverhalt dadurch erklärt, dass eine Folge behauptet oder erwartet wird
  • kausale Verknüpfungen: eine in einer ersten Aussage beschriebene Ursache wird durch eine in einer zweiten Aussage beschriebene Folge ergänzt
  • konditionale Verknüpfungen: aus einem als möglich vorausgesetzten Sachverhalt oder einer als möglich vorausgesetzten Regel wird ein bedingter folgender Sachverhalt vorausgesagt oder auf dessen mögliches Erscheinen hingewiesen
  • metakommunikative Verknüpfungen: eine zweite Aussage erklärt die Bedeutung oder Ausdrucksweise einer ersten Aussage


Semantische Klassen

Ab und zu komme ich auf meinen sehr geschätzten Peter von Polenz zurück, bzw. auf sein Buch Deutsche Satzsemantik. Darin befindet sich eine Kategorisierung semantischen Klassen/Verknüpfungen in komplexen Satzstrukturen (Seite 268-287).
Mit diesen hüpfe ich gerade zwischen Aebli (Zwölf Grundformen des Denkens), Wilks (Verlockende Gefahr) und einigen weiteren Autoren hin und her. Rousseaus Emile gehört dazu, allerdings nur eine ganz kurze Passage über die Aufmerksamkeit von Säuglingen, und einiges aus den Tagebüchern von Anais Nin. Jonathan Cullers Dekonstruktion habe ich zumindest stellenweise gelesen, aber noch nicht genau durchkommentiert, und einen Aufsatz von Michel Foucault (Ein Spiel um die Psychoanalyse). 

Die Vorlesungen von Michel Foucault

Gerade Michel Foucault erscheint mir als ein besonders fruchtbarer Autor für eine Analyse anhand semantischen Klassen. Anders als Hans Aebli zersplittert er die Begriffe, löst sie in Argumentationen auf und erweitert oder verengt ihren Geltungsbereich. Im Gegensatz zu Foucault wirkt Aebli von seinen Argumentationen monoton. Ähnlich wie Foucault kann man die Vorlesungen von Sigmund Freud als von den semantischen Verknüpfungen her reich bezeichnen.
Das liegt unter anderem daran, dass Foucault und Freud viel "dialogischer" schreiben, und dadurch ein sehr viel stärkeres Spiel von Argumenten aus verschiedenen Blickwinkeln entfalten. 

Dialoge schreiben

Dialoge sind für viele Autoren das Eichmaß ihrer Qualität. Und, so kann ich dazusetzen, obwohl ich selbst mittlerweile ganz schöne Dialoge zustande bringe, so fällt es mir doch schwer, zu vermitteln, wie ich das tue. Für meine Kunden habe ich zwar einen ganz gutes Schema, das sich an Konflikten entlanghangelt (und dass ich witzigerweise aus einem Schema zur Lösung von Bürgerkriegskonflikten der UNO abgeleitet habe), aber mir war bis jetzt immer noch nicht so ganz klar, wo dann trotzdem die Qualitätsunterschiede in Dialogen herstammen.
Die letzten Stunden habe ich damit verbracht, explizite und implizite Propositionen in dem oben genannten Roman von Wilks zu analysieren, und hier die verschiedenen semantischen Verknüpfungen zu identifizieren. Dabei zeigt sich, dass die (sehr schönen) Dialoge bei Wilks recht komplex verknüpft sind, und dadurch (vermutlich) ihre Dramatik erhalten.
Übrigens wirkt diese Herangehensweise, die ich pflege, nämlich die analytische, auch eine Gefahr: mit der Dramatik ist es wie mit dem Witz. Versucht man, diese zu erklären, verschwindet sie. Nichtsdestotrotz: in den nächsten Tagen werde ich wohl einige konkretere Fragmente dazu veröffentlichen.

Aebli

Gotteswillen, ist das ein selbstgefälliger Mensch!
Trotzdem: Gerade habe ich wieder meine Auseinandersetzung mit seiner Theorie der Begriffsbildung gelesen und bin eigentlich ganz stolz, was sich aus diesem altbackenen Kerl herausgezaubert habe.



23.10.2010

Gefühle als dynamische Figuren

"Gefühle kann man nicht direkt erzeugen, so wie man Gedanken erzeugen kann. Es gibt auch kein Sprechen über Gefühle neben dem Sprechen über die Sache. Selbst wenn wir über Gefühle sprechen, so tun wir das in sachlichen Begriffen. Auch ist das Sprechen über Gefühle selbst kein Gefühl, und es erzeugt es in der Regel nicht. Im Gegenteil: Jedermann weiß, dass das Sprechen über Gefühle dieser häufig gerade zerstört."Aebli, Hans: Zwölf Grundformen des Lehrens,  Seite 135
Eine ärgerliche Darstellung, genauso wie die Darstellung zur Lebendigkeit des Erzählens ab Seite 37.

Kognitionen und Emotion
Worum Aebli sich hier drückt, ist eine präzisere Verbindung zwischen Gefühlen und Gedanken. Für mich kulminiert dieser ganze Absatz in der Hyperbel "zerstören". Man weiß, zumindest heute, dass Gefühle ein hochkomplexes Netzwerk darstellen, deren Beziehung zum Denken zwar nicht präzise geklärt ist, aber deren ständige Verstricktheit in kognitive Vorgänge nicht mehr weggeleugnet werden kann.
Das allerdings bestreitet Aebli auch nicht.
Die Frage, was mit dem Begriff der Zerstörung hier überdeckt wird, ist die Frage nach der Dynamik der Gefühle und deren kognitiven Reflektion. Denn der Eindruck, dass die Gefühle verschwinden, wenn man über sie nachdenkt, sie reflektiert, oder mit jemandem darüber spricht, entsteht nicht dadurch, dass Reden die Gefühle "kaputt macht", sondern dadurch, dass der Fokus der Aufmerksamkeit auf dem Wandel der Gefühle liegt (auch das ist eine höchst vage Umschreibung, ich weiß).

Gefühle und Aufmerksamkeit
Man hat es hier mit einem doppelten Kontrast zu tun. Normalerweise schenkt man seinen Gefühlen im tagtäglichen Leben nicht so viel Aufmerksamkeit, sondern nimmt sie hin. Durch dieses Aufmerken auf die eigenen Gefühle werden sie kognitiv fassbarer. Zugleich entsteht aber eine andere Differenz, die durch den ständigen Wandel der Gefühle, durch ihr "Fließen" erzeugt wird. Unterscheidet man diese beiden Kontraste nicht, dann entsteht der Eindruck, dass ein Gefühl "kaputt geht", "zerstört wird", sobald man ihm Aufmerksamkeit schenkt.
Und bei diesem Aufmerksamkeit-schenken ist es wiederum so, dass die diesen Vorgang begleitenden Gefühle "unterhalb" der entsprechenden Kognition liegen und dadurch latent werden. Man müsste von hier aus jeweils immer wieder auf das entsprechende Gefühl fokussieren, ein mühsamer, und, wie ich mir das vorstelle, unfruchtbarer Vorgang.

Verdinglichung der Gefühle
Es ist auf der einen Seite ärgerlich, dass bestimmte Kognitionspsychologen (und Aebli gehört dazu) den Gefühlen einen so mythischen Status einräumen (insgesamt sind Aeblis Bücher von "genialischen" Passagen durchzogen, die beim näheren Durchdenken ziemlich krude werden). Auf der anderen Seite sind solche Menschen ärgerlich, die behaupten, oder es einfach praktizieren, dass Gefühle immer offen und auf einfache Weise reflektiert werden könnten. Sowohl diejenigen, die nicht an den Gefühlen rühren wollen, wie diejenige, die ständig an ihnen rühren, verdinglichen diese Gefühle und sehen sie nicht als "dynamische Figuren in einem Prozess".
Dies ist auch mit einer der Gründe, warum ich der so genannten emotionalen Intelligenz überhaupt keinen Wert beimesse.

Seltsam ist auch, …

… dass ich trotz meines Spracherkennungsprogramms kaum veröffentliche. Dabei schreibe ich, bzw. spreche ich Texte, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mein Pensum ist enorm. Doch genau darin liegt wohl die Gefahr. Ich fülle meinen Zettelkasten auf, notiere hunderte von Gedanken, aber ich ordne nichts. Ordnen heißt bei mir: Artikelchen schreiben.
Das ist aber auch meiner Lust am Herumwühlen geschuldet. Mit Dragon NaturallySpeaking ist es so einfach geworden, von Text zu Text zu hüpfen und trotzdem immer genau die Fundstelle zu bezeichnen, dass ich im Moment einfach nur am produzieren bin, kommentierte, assoziiere und wenig Lust an fertigen Texten habe.
Adam Faust, und ich: Ghostwriter
Zudem habe ich zur Zeit einen "lustigen" Auftrag. Ich bin Ghostwriter für Adam Faust, so jedenfalls sein "Künstler"Name, einem wohl ziemlich exklusiven Callboy.

Wir verstehen uns gut, lachen viel, und die Geschichten, die er erzählt, sind ziemlich unglaublich. Die meisten seiner (wirklich reichen) Kundinnen kenne ich nicht. Eins aber weiß ich ziemlich genau, wenn ich mir seine Geschichten anhöre: Geld verdirbt wirklich den Charakter, und garantiert auch keinen besseren Sex.


Nora Roberts

Auf der Rückseite von "Verlockende Gefahr" steht übrigens: "Die Fans von Nora Roberts werden Eileen Wilks lieben."
Das allerdings dürfte nicht weiter wundern, da die Bücher von Roberts teilweise völlig wirr sind, und die Frauengestalten so seltsam unterwürfig, zumindest aber charakterlos, dass man keiner Frau diese Romanfiguren als Vorbild wünscht. Dagegen ist die Heldin von Wilks eine Frau, die denkt! Sie ist widersprüchlich, weiß darum, ist intelligent, hat aber auch ihre Mucken, und ihre einzige Lebensaufgabe besteht in allem möglichen anderen, als einen Kerl ins Bett und sich selbst in den Hafen der Ehe zu bringen.
Anders gesagt: Wilks schreibt gut, Roberts schlecht.


Verlockende Gefahr

Ist das nicht seltsam? Jetzt lese ich seit drei Wochen (wieder!) romantic fantasy. Neulich habe ich auch noch einmal Nora Roberts unter der Lupe gehabt. Auch bei deutschen Leserinnen sind diese Romane sehr beliebt, und schließlich muss ich wissen, wie man solche Romane schreibt.
Meine Sache sind sie nicht. Zum Glück sind meine Kundinnen, die solche Romane schreiben wollen, sehr nett.
Wolf Shadow
Seit gestern bin ich allerdings auf eine kleine Perle stoßen, einen - für einen unterhaltsamen - gut geschriebenen Roman mit einer ordentlichen Leserorientierung, einer guten Charakterzeichnung, und einer, wenn auch auf den typischen Konventionen beruhenden, spannenden Geschichte.
Die Autorin heißt Eileen Wilks, der Roman ist der erste aus einer Reihe, die sich Wolf Shadow nennt, und der Titel lautet Verlockende Gefahr.
Erster Satz
Die Sätze von Wilks sind teilweise ganz wunderbar. Einige ihrer Sätze mitten im Roman eignen sich wundervoll für neue erste Sätze in anderen Geschichten. Hier der erste Satz aus diesem Roman:
"Viel war von seinem Gesicht nicht mehr übrig."
Auf der einen Seite ist dieser Satz eine Art "Schock", weil er indirekt auf eine höchst brutale Gewalt hinweist, und auf der anderen Seite lässt dieser Satz eine ganze Menge offen.
Regel für erste Sätze: Überschreitung der Norm und Unklarheit!


11.10.2010

Zitat

Das Erforschliche in Worte sieben; das Unerforschliche ruhig veralbern ...
Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas



05.10.2010

Udo Reiter und Sarrazin

Offensichtlich gibt es ein neues Wort: sarrazinesk.
Damit wird wohl derzeit jegliche Kritik am Islam, die politisch inkorrekt erscheint, in ein Adjektiv fassbar.

Udo Reiter twittert

Gefunden habe ich dieses wunderbare Adjektiv in einem Artikel über Udo Reiter, der auf Twitter folgende Aussage veröffentlicht hat:
"Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren."
Damit erntete Reiter eine "Welle der Empörung". Nur: warum?

Die Richtung der Parodie

Diese Zwischenüberschrift darf man durchaus doppeldeutig lesen. Was Reiter veröffentlicht hat, ist eine Parodie. Eine gute Parodie tut weh. Und tatsächlich, wenn man sich ernsthaft überlegt, was Reiter eigentlich ausgesagt hat, dann macht er sich in einem so vieldeutigen Sinne lustig, dass man durchaus nicht sagen kann, dass diese Parodie eine bestimmte "Richtung" besäße. Will sagen: wer hier eine Eindeutigkeit liest, kann nicht richtig lesen.
Was macht eine Parodie? Sie spricht unter anderem durch eine andere Stimme, zum Beispiel die der Nationalisten. Und wäre es nicht eine Befürchtung, mit der die Nationalisten beständig spielen, dass das wahr würde, was Reiter hier schreibt? Oder spricht er vielleicht durch die Stimme all jener Naivlinge, die glauben, dass der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft und die Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, schon die wesentlichste Bedingung der Integration sein?
Man könnte diesen Satz noch eine ganze Menge mehr "Feinde" abgewinnen. Nur was nützt das? Die Parodie ist vielfältig, und wer sich angegriffen fühlt, wird, zumindest in diesem Fall, mehr von sich selbst offenbaren, als Kritik üben. (Nachtrag: seltsamerweise ist die Parodie gerade dadurch so vielfältig lesbar, weil sie so kurz, so einfältig ist.)

Shitstorm

Auch das ist ein neues Wort. "So nennt man es heute, wenn jemand in der Netzöffentlichkeit plötzlich und heftig mit Dreck beworfen wird, ob berechtigt oder unberechtigt.", so der Autor des Artikels, Christian Stöcker. Und er fährt fort: "Twitter ist das perfekte Shitstorm-Medium, weil es sich seine Form der Informationsverbreitung Nachrichten innerhalb kürzester Zeit einer großen Gruppe von Menschen zugänglich machen kann und ihnen gleichzeitig eine Reaktionsmöglichkeit eröffnet. Je größer das Erregungspotential einer Äußerung oder Information, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch zahlreiche "Retweets" an immer weitere Netzwerke weitergereicht wird."

Parodie lernen

Meine persönliche Meinung zu den Deutschen, die ich zum besten geben, ob ich gefragt werde oder nicht: Deutsche verstehen nichts von Ironie. Deutsche können auch, zumindest glaubt man das in PISA, nicht lesen. Nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Und mindestens müssen Deutsche zu alle Ihre Meinung geben, auch wenn sie gar keine haben. Auch darüber macht sich Udo Reiter, strukturell gesehen, lustig. Jede massenmediale Erregung (zum Beispiel in Twitter) ist eben auch ein struktureller Witz.
Schön wäre es, wenn die Deutschen die wunderbaren Formen des literarischen Witzes wieder kennen und schätzen würden. Zwar würde dann Mario Barth nicht nur arbeitslos werden, sondern wahrscheinlich der Jean Paulschen Scharia anheimfallen, und leider würde dies auch nicht zur Islamisierung oder Ent-Islamisierung Deutschlands beitragen, aber man hätte doch ein wenig mehr zu lachen, zumindest als Intellektueller.
Um ein paar der wunderbaren Werke zu nennen: die Tagebücher von Walter Kempowski, die Sudelbücher von Lichtenberg (der ja geschrieben hat: wenn ein Tweet und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, muss das nicht immer am Tweet liegen), natürlich Jean Paul, und - wer hat ihn nicht gelesen? - Grimmelshausen. Kennen Sie übrigens von Schiller und Goethe die Xenien?
Und wenn Sie ein zugleich hoch wissenschaftliches, hochsensibles und doch parodierendes Werk lesen wollen, dann empfehle ich von Irigaray: Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts.
Außerdem: Jörg Räwel: Humor als Kommunikationsmedium; Michail Bachtin: Die Ästhetik des Wortes; Gerard Genette: Palimpseste.

01.10.2010

Ein toller Satz!

»Sie duftete nach Seife und wirkte frisch und geschlechtslos.«

Gefunden in Roberts, Nora: Der Maler und die Lady, Seite 32.

Übrigens bin ich sowieso immer wieder fasziniert, wie verwirrend diese Geschichten werden, wenn man die Logik ihrer Sätze tatsächlich verstehen will. Ich weiß nicht, ob das nur an der Übersetzung liegt, oder ob diese Verwirrung schon im Original herrscht. Jedenfalls kann man sich rhetorisch unendlich über diese Texte auslassen. Seit gestern kommentiere ich (nebenbei) diesen Roman von Roberts durch.

Hier ist noch ein schöner Fund, diesmal von Seite 31:

»Lara drehte sich um. Durch Zufall oder Absicht fiel das Sonnenlicht auf ihr Profil. In diesem Augenblick sah sie atemberaubend aus. Aufseufzend betrachtete Lara ihr eigenes Gesicht.«



30.09.2010

Stationenunterricht und gute Erklärungen

In der Pädagogik, vor allem in der "praktisch" orientierten, begegnet man allerlei seltsamen Vokabeln. So finde ich in der Chemiemethodik (von Cornelsen) die Stationenarbeit als "selbstständiges Aneignen von Lerninhalten". Dieses bewirke "eine größere Verantwortung für das eigene Lernen".
Vor dem Hintergrund des Konstruktivismus ist das allerdings ein unsinniger Begriff. Denn im Konstruktivismus wird alles Wissen selbstständig angeeignet und alles Wissen basiert zunächst auf Handlungen, die kognitiv abgebildet und symbolisch verkürzt werden, so dass die Handlung schließlich gänzlich durch das Symbol zurückgenommen werden kann. Es gibt also gar nichts anderes als das selbstständige Aneignen von Lerninhalten. Tatsächlich erinnern solche Formulierungen eher an ein double-bind, in der Art, dass der Schüler sich selbstständig die Inhalte erarbeitet, die der Lehrer wünscht.
Tatsächlich erscheint mir der Wirkungszusammenhang zwischen Wissenskonstruktion und Verantwortung für das Lernen umgedreht, und mindestens wesentlich komplizierter. Indem die Stationen den Schülern die Verantwortung für einen bestimmten Aspekt oder ein bestimmtes Material geben, erzeugen sie ein gewisses Bewusstsein für die Selbstständigkeit. So verkürzt scheint das Ganze aber immer noch unsinnig. Man müsste zumindest noch die Rolle der Aufmerksamkeit und der Metakognition genauer beachten. Dies dürfte eine umfassende und weit reichende Aufgabe sein, zunächst für die Theorie, dann für die Praxis (sowohl der diagnostischen als auch der unterrichtlichen Praxis).
Kranz, Joachim/Schorn, Jens: Chemie Methodik. Berlin 2008


Kleine Statistik meines Blogs

Über Besucher habe ich mich ja eigentlich nie beschwert, vor allem, weil ich keine erwartet habe. Mir macht Schreiben einfach Spaß. Trotzdem habe ich mich ab und zu gebauchpinselt (vor allem letztes Jahr), indem ich Besucherstatistiken und meistgelesene Artikel hier zum Besten gegeben habe.
An den Statistiken hat sich irgendwann nicht mehr viel verändert. Nach wie vor habe ich etwa 50-500 Besucher täglich, mit einigen Ausreißern nach oben und nach unten. Zur Zeit allerdings merke ich einen deutlichen Anstieg, der wohl durch suite101.de kommt. Dabei sind es aber fast ausschließlich die Nachrichtenartikel, die für diesen Anstieg sorgen.
Die zwei wichtigsten Suchbegriffe zu meinem Blog sind nach wie vor "sinnentnehmendes Lesen" und "Charakterisierung". Alleine Charakterisierung wurde heute, mit verschiedenen Zusätzen (Person, Beispiel, Roman, et cetera), über hundertmal gesucht und hier gefunden.
Dagegen ist "sinnentnehmendes Lesen" deutlich "abgerutscht". Nach wie vor produziert dieser Artikel im Durchschnitt 50 Treffer am Tag. Das liegt aber vermutlich auch daran, dass er nicht besser platziert werden kann: er steht an erster Stelle bei Google.


Veronika beschließt zu sterben und anderes

Am Montag war ich im Kino, in einer Preview, und habe mir den Film nach dem Bestseller von Paolo Coelho angesehen, "Veronika beschließt zu sterben". Eines zumindest hat mir besonders gut gefallen: anders als das Buch ist der Film nicht weinerlich. Und, sehr überraschend, Sarah Michelle Gellar spielt großartig. (Ein kurzer Text von mir dazu auch hier: Veronika beschließt zu sterben - die Verfilmung des Bestsellers.)

Dragon NaturallySpeaking 11.0
Gerade wieder nehme ich (zum vierten Mal) mein Dragon NaturallySpeaking in Betrieb. Am Anfang hatte ich einige Probleme (doch das war bereits im März, als ich so wahnsinnig viel zu tun hatte); jetzt hat mich eine Woche lang ausgebremst, dass die neue Version meine alten Benutzerdaten nicht übernommen hat und ich zahlreiche Vokabeln neu einsprechen musste. Aber es geht wesentlich schneller. Das Programm ist fantastisch.

Chemiedidaktik
Außerdem arbeite ich zur Zeit an der Chemiedidaktik. Dass ich hier so viel Zeit hineinstecke, mag manchen verwundern, doch tatsächlich sind es nicht nur die Inhalte der Chemiedidaktik, die mich interessieren, sondern auch die Querverbindungen zu anderen Themen, so zum Beispiel Kreativität, Kompetenzaufbau oder (aber das erkläre ich hier nicht genauer) zum kreativen Schreiben
.

Suite101.de
Mit mal mehr, mal weniger Lust veröffentliche ich Artikel auf suite101.de. Um mich mit Politik zu beschäftigen, jedenfalls grundlegender, fehlt mir zur Zeit die Zeit. Dabei hätte ich schon Lust, hier mehr zu schreiben, und mir fehlt die Lust, weil mir die Gelegenheit fehlt, hier in die Tiefe zu gehen.
Doch gerade die aktuelle Debatte zur Integration braucht mich (und das sage ich mit aller Unbescheidenheit), um hier adäquat die rhetorischen Mechanismen aufzudecken und mit einer Ethik eines "gewissen Pluralismus'" in Verbindung zu bringen. Zumindest habe ich gemerkt (und rege mich darüber nicht auf), dass einige Ideen aus meinen politischen Kommentaren kurz darauf von anderen Autoren aufgegriffen wurden, um nicht zu sagen abgeschrieben. Aber ich rege mich darüber eben deshalb nicht auf, weil auch meine Ideen dazu nicht neu sind, sondern ich womöglich nur der erste war, der sie mit der aktuellen Debatte verbunden hat.

(Und ich höre schon wieder einen meiner Freunde sagen: Du Hengst!)

22.09.2010

Was Amok noch bedeutet

Amok: plötzliche, unmotivierte, wahllose Gewalttaten mit schrecklichen Folgen. Früher eigentlich eher ein Ereignis aus dem Fernen Osten. In letzter Zeit vermehrt aus dem Nahen Osten und den USA. Inzwischen auch in Mitteleuropa, insbesondere in Deutschland und der Schweiz ein Begriff, der Böses ahnen lässt.
Drollig, und genauer nachzulesen auf www.psychosoziale-gesundheit.net.



15.09.2010

Rhetorische Analyse

Hmmm ... eine schöne, kleine, fragmentarische Analyse zu einem Aphorismus von Nietzsche hier. Eigentliches Ziel ist immer noch eine Rhetorik des Humors. Hier fehlen mir aber noch wesentliche Erkenntnisse.


14.09.2010

Clustern und Schreiben

Texte schreiben ist nicht immer so lustig, vor allem, wenn es sich um formalisierte Texte handelt, die bestimmte Stichwörter bedienen müssen. Nebenbei vergnüge ich mich deshalb mit dem Schreiben von kleinen Artikelchen für suite101.de. Ein paar Tage habe ich jetzt pausiert. Dafür stelle ich jetzt drei Stück online, die miteinander zusammenhängen. Blogleser werden den Tenor dieser Artikel bereits kennen. Der erste betrachtet Cluster als kreative und analytische Methode. Der zweite beleuchtet das Verhältnis zwischen Cluster und wissenschaftlichem Schreiben. Der dritte verweist auf eine recht simple Möglichkeit der Formalisierung von Clustern hin zu Begriffsnetzen.
Bizarr finde ich, dass Cluster im Internet kaum gesucht werden. Ich halte diese immer noch für eine der wichtigsten Techniken beim Schreiben, auch beim wissenschaftlichen Schreiben (neben dem Zettelkasten). Warum in unserer wieder ach so leistungsbereiten Gesellschaft diese Methode so wenig gepflegt wird, ist mir ein Rätsel. Ich jedenfalls fabriziere damit eine ganze Menge Sinniges und Unsinniges.


13.09.2010

Blicklose Augen (Vampirromane)

Ich treibe mich, neben der ganzen anderen Arbeit, in der Lyrik herum. Gerade auch, weil sich hier ein aktuelles Motiv aus der Vampirliteratur finden lässt, das Motiv der blicklosen Augen und umgekehrt das Gefühl, angeblickt zu werden (ein typisches Motiv des Horrorromans, siehe zum Beispiel das Masten-Haus in Stephen Kings "Brennen muss Salem", siehe aber auch ETA Hoffmanns Sandmann).
Bei Walter Benjamin finde ich folgendes Zitat von Charles Baudelaire:
Der Stumpfsinn ist oft eine Zier der Schönheit. Ihm hat man es zu verdanken, wenn die Augen trist und durchsichtig wie die schwärzlichen Sümpfe sind oder aber die ölige Ruhe der tropischen Meere haben.
Benjamin, Walter: GW I/2, S. 649




08.09.2010

Herrenlose Damenfahrräder

Ab und zu probiere ich mich auch am feministischen Denken. Mit welcher Qualität, mag ich gar nicht beurteilen. An der Universität wurde eine meiner Referatsverschriftlichungen bemängelt, weil dieses nicht die weibliche Form mitgenutzt hatte. Während meines Referendariats war es umgekehrt. Weibliche Form? Weiß man doch, liest sich außerdem viel zu kompliziert.
Eine nette Kolumne zur "Sprachbereinigung" hat Sebastian Sick heute bei Zwiebelfisch eingestellt.
Ernsthafter ist meine sehr knappe Einführung zum hegemonialen Sprechen.



07.09.2010

Sarrazin, die Türken und die Intelligenz

Ich müsste, wenn ich Zeit hätte, diesen ganzen Ideenkomplex auseinandernehmen. Insgesamt erscheinen die Behauptungen, die im Internet über die Intelligenz aufgestellt werden, sowohl im "protürkischen" als auch im "antitürkischen" Sinne vollkommen fantastisch.
Auch der Umgang mit statistischen Daten oder das ganze Problem der Diagnostik wird in einer unterkomplexen Art abgehandelt, dass dabei nichts anderes entstehen kann als Mythen.
Was Sarrazin angeht: selbst wenn er eine Debatte angestoßen hat und dies auf provozierende Weise, sollte er hinterher noch ein wenig mehr dazu zu sagen haben als seine beständigen Wiederholungen. Denn er verweist zwar (zurecht) auf den fehlerhaften Umgang mancher seiner Kritiker mit dem von ihm verwendeten Datenmaterial, äußerst sich aber in nichts dazu, dass auch er die Daten nicht komplex genug ausgewertet hat. Welche seltsamen Blüten sprunghafte Argumente und Pseudo-Koryphäen treiben, habe ich in Sarrazin und die Intelligenz - Alles eine Sache der Gene? umrissen.


05.09.2010

Die Pseudowissenschaft "gender studies"

So finde ich es eben im Internet. Vermutlich ist dem Herrn Knauß diese Forschungsrichtung zu anspruchsvoll. Tatsächlich kann man konstatieren, dass "gender studies" zu überbetont sind, wenn die hauptsächliche Frage, wie nämlich soziale Ordnung möglich sei, diese nicht lenkt.
Gerade aber den gender studies verdanken wir tiefgreifende Einsichten in das Verhältnis von sozialer Struktur und alltäglicher Rhetorik und damit immer noch ein kaum zu ermessendes Potential an Aufklärung. Wissenschaft lässt sich im sozialen Bereich immer durch eine kritische Durchsicht des bereits vorhandenen Materials erreichen. Pseudo-Wissenschaft verhält sich dagegen simplifizierend, undifferenziert. Und das schafft der gute Ferdinand Knauß mal locker.
Beispiel? "Die Behauptung des durch die Gesellschaft konstruierten Geschlechts beruht auf einer Theorie des Psychologen John Money, die in den siebziger Jahren..." (so Knauß). Simone de Beauvoir: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht" (Das andere Geschlecht, 1949). John Money dagegen hat vor allem behauptet, dass zwiegeschlechtlich geborene Menschen nach einem operativen Eingriff "ganz natürlich" in ihre (von Arzt und Eltern zugewiesene) Geschlechtsidentität hineinwachsen würden. Also auch nicht ganz das, was Knauß verbreitet.


Bequemlichkeits-Biologismus

Ein schönes Wort, das auf allerlei derzeitig laufende Debatten zutrifft, zum Beispiel auf den (Anti-)Feminismus. Auch in der Pädagogik ist das Gehirn mittlerweile alles. Neuroeducation! - das Schlagwort. Dabei beobachtet man in Situationen immer noch Verhalten, keine Gehirne. Die Neurophysiologie hat in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen unseres Denkens immer besser abstecken können. Die kruden Übergriffe in den Unterricht dagegen simplifizieren nicht nur die Forschung, sondern biologisieren auch die Kinder in unzulässigem Maße. Und dann: Sarrazin und seine sauberen Ideen ethnischer Verschiedenheit! Muss ich noch ein Wort dazu sagen?
Lesen:
Michel, Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Frankfurt am Main 2006
Michel, Foucault: Die Geburt der Biopolitik.
Geschichte der Gouvernementalität II. Frankfurt am Main 2006


David Lynch: Interview project

David Lynch war immer mal wieder für eine Überraschung gut. Nach seinem übermäßig skandalisierten 'Blue Velvet' drehte er einige weitere Filme mit ähnlicher Atmosphäre. 'Twin Peaks' war international ein Riesenerfolg und dabei so abgedreht, so komisch und so bitter, wie kaum eine andere Produktion von ihm. Mit 'A straight story' überraschte Lynch erneut.
Jetzt habe ich, zufällig, im Internet, auf dem Blog von Outopos, einen Hinweis auf ein weiteres, faszinierendes Projekt von Lynch gefunden: The Interview Project. Ganz faszinierend.


04.09.2010

Else Buschheuer twittert

gerade: was, wenn alles nur eine frage der semantik ist?
Ist es, liebe Else, ist es.


Thilo Sarrazin - Iteration

Ich sollte mich vielleicht nicht zu sehr mit dieser Debatte beschäftigen. Sie regt mich nur auf. Von allen Seiten melden sich derzeit Halbgebildete zu Wort. Halbgebildete erkennt man oft daran, dass sie für komplexe gesellschaftliche Prozesse Lösungen parat haben.
Angela Merkel dagegen gefällt mir (bedingt) gut mit ihren Äußerungen. Sie will den Dialog fördern. Implizit sagt sie auch, dass sie keine Lösungen will. Das mag in unserer ach so lösungsorientierten Gesellschaft ein Widerspruch sein. Tatsächlich aber sind Lösungen à la Sarrazin keine Lösungen, wenn sie nicht angemessen die Problemsituation erörtern. Eine Lösung zu einem nicht-existenten Problem ist eben auch nur ein Problem. Ein paar Notizen zu Dialog und Gewalt findet ihr hier.


02.09.2010

Sprachverhütung

Moderne Spracherkennungsprogramme basieren auf objektorientierten Datenbanken. Der Vorteil von objektorientierten Datenbanken ist, dass sie sich intelligent verhalten können und doppeldeutige Wörter aus dem Kontext ein- und ausschließen können. Doppeldeutig heißt, dass das Programm nicht genau erkennen kann, welches Wort dort gesprochen wurde.
Neulich diktierte ich folgende Phrase in den Computer "... sechs Denkhüte, sondern auch ...". Das Programm erkannte statt "sechs" nun "Sex" und da ich das weitere wohl eher undeutlich gesprochen hatte, schrieb er "Sexdenktüte, Kondom drauf".


Die gespiegelte Analogie

Luce Irigaray beginnt ihr Buch Speculum. Der Spiegel des anderen Geschlechts mit einer besonderen Art der Analogie. Die Analogie basiert normalerweise darauf, dass vier Elemente in Bezug gesetzt werden: A : B <-> X : Y, lies: A verhält sich zu B wie X zu Y.
Nun zitiert Irigaray zu Beginn den Anfang aus Freuds (fiktiver, da nicht gehaltener) Vorlesung Die Weiblichkeit:
»Meine Damen, meine Herren! [...] Über das Rätsel der Weib­lichkeit haben die Menschen zu allen Zeiten gegrübelt. [...] Auch Sie werden sich von diesem Grübeln nicht ausgeschlossen haben, insofern Sie Männer sind; von den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, sie sind selbst dieses Rätsel.«
um dann fortzufahren (und zwar ohne Zitatzeichen):
Für Sie, meine Herren, handelt es sich also darum, dass Sie untereinander, unter Männern, über die Frau sprechen, die ihrer­seits nicht daran interessiert sein kann, einen Diskurs zu hören oder herzustellen, der das eines männlichen Diskurses begründen, einer Debatte unter Männern, die die Frau nicht interessieren, nichts angehen kann. Von der sie notfalls gar nichts zu wissen brauchte.
Die Bewegung, die Irigaray hier ins Spiel bringt, ist komplex.
Zunächst spricht Freud für und anstelle der Männer. Irigaray dagegen spricht anstelle von Freud, zieht aber die Gleichsetzung von Menschen und Männern ab, schärft die Linie ein, dass die Frau aus dem Reden ausgeschlossen ist und fügt den Begriff des Diskurses hinzu, der begründet wird.
Zunächst also sieht es so aus, als verhielte sich Freud zu den Männern wie Irigaray zu den Männern. A : B <-> X : B.
Allerdings macht Irigaray auch deutlich, dass sie die Rede von Freud deplatziert. Sie nimmt zwar seinen Platz ein und paraphrasiert ihn, setzt aber die Markierungen anders und verdeutlicht Oppositionen. A : B <-> A' : B.
Schließlich aber muss dieser Ort, von dem Irigaray spricht, und den Freud ganz anders besetzt, folgend gelesen werden. Freud gehört zu den Männern, spricht also unter seinesgleichen, Irigaray dagegen nicht.

(Freud ∈ Männer) : Männer ↔ (Irigaray ∉ Männer) : Männer

Dadurch, dass die Analogie von einem Paradox durchzogen wird, zerbricht der Spiegel. Übrigens ein Spiegel, den Freud seinerseits aufstellt. Männer : (Rätsel der Weiblichkeit) <-> (Frauen=Rätsel) : Desinteresse.
Immer wieder kehrt Irigaray auf solche Analogien zurück: Männer : aktiv <-> Frauen : passiv; oder: Männer : Geschlechtsverkehr <-> Frauen : Säugling; oder Männer : Frauen <-> Sperma : Eizelle. Indem Irigaray diese Analogien zusammenschürzt, sie nachahmt (nachäfft), sie konsequent dort anwendet, wo Freud inkonsequent gewesen ist, zerbricht sie nach und nach die innere Struktur von Freuds Aufsatz.
Eine weitere Strategie, die Irigaray in die Analyse der Freudschen Analogien einhängt, ist die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Typen der Analogie. Irigaray nutzt nun nicht die Begrifflichkeiten der Entwicklungspsychologie, aber indem sie die Gleichsetzung der Frau mit einem Material als strukturellen Effekt in einem hegemonialen Diskurs aufzeigt, spielt sie mit den Unterschieden zwischen einer präoperativen und einer formal-operativen Analogie.