01.05.2016

Eine Art Ritual

In meinem Leben gibt es so eine Art Frühjahrsritual, eines, dem ich dieses Jahr frühzeitig vorweggreifen wollte.
Immer, wenn der Mai sich nähert, hole ich mir die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff heraus. Dann lese ich darin, lese neu, lese, blättere, denke nach. Und seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, mal wieder etwas über sie zu schreiben, einer der großen Wortkunstschaffenden im deutschsprachigen Raum.
Es gelingt mir nicht. Ich sammle, stelle gegenüber, vergleiche, liste auf, gruppiere. Aber je mehr ich mich darein versenke, umso weniger sehe ich eine Einheit. Ich habe also frühzeitig zu schreiben versucht, und bin gescheitert. Die Interpretation liegt in vielfältige Trümmer geschlagen vor mir da.
Neulich habe ich mich mit der Etymologie des Wortes scheit beschäftigt. Zu finden ist dies in Die Mergelgrube:
Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
...
scheit, so wie es im Grimmschen Wörterbuch steht, ist doppeldeutig. Es ist Werkzeug, Instrument und Abfall:
Werkzeug
als grabscheit (Spaten), knetscheit (wohl eine Art Holzrolle), und in ähnlichen Komposita
Instrument
als Span zum Anzünden von Feuer (siehe scheiterhauffen), auch als Holzstück, um etwas zu verkeilen
Abfall
scheiter (im Unterschied zu scheit) als gewaltsam zersplitterte trümmer, siehe: in scheiter gehen
Weiters gibt es eine metaphorische Übertragung, deren Verbindung seltsam, nicht ganz genau zu bestimmen ist:
Unbeweglichkeit
scheit, steifer scheit, dürrer scheit, zur charakterisierung einer trägen unbeweglichkeit
Alle vier Bedeutungen strahlen in das Gedicht aus:
Trümmer
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber sah ich nicht; doch die Natur 
Schien mir verödet, und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; ...
Es gibt zwei Werkzeuge im Gedicht, die zusammen mit anderen semantischen Differenzen (von Oppositionen kann man nicht sprechen) das Gedicht strukturieren: der Scheit selbst (Z. 1) und die Nadel, also: Stricknadel (Z. 86). Diese stellen sich in ein unbestimmtes Verhältnis zum Beispiel zu Bertuchs Naturgeschichte (welches der Hirte liest) und den Anspielungen auf das erste Buch Mose, der Genesis, ebenso zu dem scharfen und dem lauen Wind, den zusammengewürfelten Steinen und dem Medusenstein, usw.
Ebenso lassen sich Instrumente finden, dem göttlichen der Sintflut, dem mythischen des Byssusknäuels (byssos --> Stoff des Leichentuchs).
Vor allem der Hirte wird durch eine Trägheit charakterisiert:
  • wie er bedächtig seine Socken strickt
  • so sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen
Aber ganz so einfach ist das alles nicht. Vor allem ist es jeweils anstrengend, die eigenen kulturellen Kodierungen, mit denen Leser die Lücken in der Bedeutung aufzufüllen geneigt sind, herauszuheben und abzuweisen. Interpretation ist wesentlich Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.

Ich halte mich zurück mit all meinen kleinen Bruchstücken. (O welch' ein Waisenhaus ist diese Heide, ...)
Dafür hier noch die wunderbare erste Strophe aus der Ballade Der Fundator:
Im Westen schwimmt ein falber Strich,
Der Abendstern entzündet sich
Grad' über'm Sankt Georg am Tore;
Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.
Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht
Um's Eiland, wo die graue Wacht
Sich hebt aus Wasserbins' und Rohre.

30.04.2016

Erbärmlich

Abschreiben für die Logik-Blase

Wenn ich mich gerade mal wieder auf politischen Seiten herumtreibe, dann nicht allzulange. Pirinçcis neues Buch Umvolkung wird von rechtsradikalen Seiten fleißig bekakelt. Was mich anwidert, ist nicht nur, dass sich das journalistische Handwerk auch hier oftmals darauf zu beschränken scheint, voneinander abzuschreiben, ohne zu prüfen, was der faktische Gehalt ist.
Dies ist leider eine Gepflogenheit, die sich bis in die Universitäten hinein finden lässt: man zitiert nur noch Bestimmtes, dem Professor Angenehmes, weil dies in die logische Blase des Betreffenden passt. Man findet dies in der Kriminologie, im Feminismus, in der Pädagogik. Obwohl hier gelegentlich noch die Selbstkorrektur greift.
Wenn sich dann die "Rechten" (eine eigentlich recht heterogene, gerade zu "multikulturelle" Mischung) ihre Einheit nur noch dadurch geben können, dass sie voneinander abschreiben, dass sie Spekulationen mit Tatsachen verwechseln, dass sie ihre winzigen Ausschnitte für die Welt insgesamt halten, dann schüttelt es mich nur noch.

Auf der Suche nach der verlorenen Tugend

Ich war gestern Abend dabei, den Begriff der Tugend und den Begriff der kulturellen Evolution zu vermitteln. Nicht allzulange, denn mich hat eine Magen-Darm-Grippe (oder etwas ähnliches) ziemlich niedergeschmissen.
Geärgert hat mich, wie unvorsichtig, geradezu abgrundtief dümmlich (mal wieder) sehr zufällige Ergebnisse der kulturellen Evolution als Mittelpunkt einer Moral gesetzt werden, wie die moderne Familie, die die AfD so gerne stärken möchte, obwohl es sich sichtlich um ein sehr marginales Modell handelt. Nun ist natürlich das Gegenteil, die Ablehnung dieses Familientypus oder gar die Behauptung, der moderne Mensch läge außerhalb der evolutionären Entwicklung, genauso falsch. Der Grund für diesen Streit ist im verkürzten Verständnis der Evolution zu suchen, der die verschiedenen Parteigänger heimsucht.
Nun interessiert mich hier gerade besonders Nietzsche, denn bei ihm lese ich eine gewisse Möglichkeit heraus, die Tugend mit der kulturellen Evolution gegen die kulturelle Evolution in Stellung zu bringen, mithin eine Art Paradoxie herauszuarbeiten, die die - von Nietzsche so attribuierten "aristokratischen" - Tugenden als Evolution anti-evolutionärer "Fragmente" begreift. Ein wichtiger Begriff in dieser Argumentation ist mir derzeit der Begriff der Epiphanie: die Tugend erscheint (sie entwickelt sich nicht).
Doch im Moment merke ich, dass meine Versuche, die Idee einer modernen Tugend innerhalb einer modernen Politik zu greifen, immer wieder auf weitere Fragen stoßen, meist auf große Lücken, auf Seltsamkeiten, auf weitere Spielräume, die es zu bedenken gilt. - Und insofern schreibe ich nicht und beklage nur.

Rechtsintellektualismus

Das ist nun wohl der bescheuertste Begriff, den ich in den letzten Wochen gelesen habe. Hier wird nicht einmal mehr verheimlicht, dass die Allseitigkeit aus dem (wissenschaftlichen, philosophischen) Denken herausgehalten wird. Das ist ein noch dümmlicherer Begriff als der der Umvolkung.
Was die Umvolkung angeht, so hat der gute Pirinçci offensichtlich noch nicht gemerkt, dass diese längst stattgefunden hat: die internetlosen Deutschen sind, qua technischer Evolution und Revolution, durch internetbenutzende Deutsche ausgetauscht worden. Der Wechsel findet immer noch statt. Dementsprechend ist die Zeit unruhig, die Welt voller kleinerer und größerer Experimente (man skyped z. B. um drei Uhr nachts mit einer Studentin aus Australien, um sich über Christa Wolf zu unterhalten). Der Bruch zu der (deutschen) Kultur Anfang der achtziger Jahre jedenfalls ist augenfällig, aber schwer, wenn nicht unmöglich in Kausalitäten und Wirkfolgen zu bringen. (Und überhaupt: Pirinçci vermischt ständig die Kultur mit den Genen, eine Art mythischem Genpool mit den ästhetischen und politischen Gepflogenheiten einer Region. Wie Sarrazin. Zum Begriff des Genpools lese man Ökologie von Thomas und Robert M. Smith: leider ist dieses Buch nicht ganz so einfach zu lesen (zu wissenschaftlich), um von den Parteigängern der AfD oder seltsamen Feministen verstanden werden zu können.)
Nicht weniger Unruhe bringen die Veränderungen der politischen Landschaft in der ehemaligen UdSSR mit sich. Man mag von der Annexion der Krim halten, was man will, von der politischen Lage in der Ukraine, von der neuen Rolle der Türkei, vom "Palästina"-Konflikt, etc. - Zumindest wird man doch die Unruhe konstatieren dürfen, die sich in die gesamte politische und wirtschaftliche Landschaft ausstrahlt.
Was von den rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kräften vergessen wird, sind diese massiven Umbrüche, die keineswegs den Deutschen und seine "deutsche Kultur" unberührt gelassen haben. Hier mit konservativen Begriffen zu kommen, ist durchaus erlaubt, müsste aber ganz anders entwickelt werden, als durch bloßes Konstatieren. Das ist nämlich nicht intellektuell, und schon gar nicht rechtsintellektuell, sondern nur doof und dogmatisch. In gewisser Weise beerben diese Kräfte die Ideologie des SED-Kaders, nicht inhaltlich, aber doch formal. So jedenfalls sieht das zur Zeit für mich aus.

25.04.2016

Manchmal ...

... erschrecke ich mich über mich selbst. Aber nur ein wenig. Und eigentlich bin ich stolz. Weswegen?
Nun, heute hatte ich wenig Zeit. War in der Bibliothek, und das nach einem langen Tag (sechs Stunden, danach Konferenz). Dann "kurz" hingelegt, was etwa anderthalb Stunden waren, dann an meinen Vorbereitungen für morgen herumgearbeitet. Schließlich: etwas Entspannung, was bedeutet hat: JavaScript.
In JavaScript habe ich mittlerweile ganz umfangreiche Sachen ausprobiert, nicht so, wie früher, dass ich mal drei, vier Zeilen Code eingetippt habe. Im Gegensatz zu Java ist JavaScript eine ganz schlichte Sprache, die nur dadurch so mächtig wird, weil man sie mit HTML, CSS, SQL und PHP verbinden kann. Der Zusammenhang all dieser Sprachen ist mir noch unsicher, aber ich komme voran.
Heute habe ich also, in etwa 20 Minuten, eine kleine Webseite eingetippt, auf der der wesentliche Inhalt durch ein kleines JavaScript ausgetauscht wird. Den Inhalt bekommt die Seite aus einer Datenbank. Nicht die Webseite, die nett ist, sondern die Geschwindigkeit, mit der ich meine Idee umsetzen konnte, hat mich dann über mich selbst erstaunen lassen.
Nun gut.

Mein Kurs für HTML/CSS ist weitestgehend fertig. Gelegentlich tausche ich noch einzelne Videos aus. Aber bisher bin ich ganz zufrieden. Noch findet mich kaum jemand. Aber das ändert sich sicherlich in den nächsten Wochen. Jetzt müsste ich den JavaScript-Kurs durchplanen. Allerdings bin ich noch auf der Suche nach einem guten Aufbau. Sofern mir kein Heureka kommt, werde ich mir auch damit Zeit lassen.
Gestern habe ich eine Reihe älterer Videos (noch aus den Osterferien) veröffentlicht, die zu den Listen in HTML. Heute noch eines, das ebenfalls aus den Osterferien stammt, zu den Tabellen. Wie bei den Listen ist dies aber nur das erste von mehreren Videos, weil Tabellen recht komplex werden können.

17.04.2016

Matthias Richling

Matthias Richling ist mal wieder großartig. Er parodiert Frauke Petry, aber zu beachten ist vor allem auch der Hintergrund. Links sieht man Schilder für Toiletten, Männlein und Weiblein eben, rechts ein Schild für den Notausgang. Richlings Text dagegen gehört wohl eher zu den schwächeren.

Ein seltsamer Nachmittag

Ein seltsamer Nachmittag war das. Und mal wieder stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass ich gleichzeitig viel und viel zu wenig getan habe.

Jan Böhmermann und die Satire

Klar: zu Jan Böhmermann musste ich einiges lesen. Ich habe in letzter Zeit nicht mehr allzu viel politische Artikel kommentiert, aber zumindest fiel es mir heute leicht, einen genaueren Blick in bestimmte Gebiete zu werfen. Neben der Semiotik der Satire, zu dem ich meinen letzten Post veröffentlicht habe, habe ich mir mal wieder das Grundgesetz und seine Kommentierung vorgenommen.
Irgendjemand hat, recht altklug, getwittert, plötzlich fühle sich jeder in Deutschland als Verfassungsrichter. Ganz so hoch würde ich das bei mir nicht einschätzen; und ich bezweifle, dass die meisten anderen Menschen das tun würden. Aber in einem gebe ich Xavier Naidoo recht: das Grundgesetz sollte man dicht an seinem Herzen tragen. Und, wo wir gerade dabei sind, und in dem vollen Wissen, dass ich kein religiöser Mensch bin, die Bibel, möglichst die Luther-Übersetzung.
Ich war also fleißig, fleißig wie schon lange nicht mehr, auch wenn ihr vieles nicht veröffentlicht sehen werdet. Erdogan hat mich beschäftigt, die Befreiung von Palmyra, das geplante Verbot „sexistischer“ Werbung und, im Gegenzug dazu, der Sexismus gegen Männer. Und wo wir gerade bei Sexismus sind, so hatte ich gestern ein interessantes Telefonat mit einer nahestehenden Frau, die das jugendliche Kokettieren eines Mädchens für bezaubernd hielt.

Mathematikdidaktik

So penibel bin ich schon lange nicht mehr gewesen. Jede gute Unterrichtseinheit beginnt mit einer Sachanalyse. Theoretisch gesehen. In der Praxis macht das natürlich niemand, vielleicht in den höheren Klassen. Was man in der Grundschule zu unterrichten hat, erscheint denkbar einfach: die Minuten und Stunden auf der Uhr, zum Beispiel.
Dummerweise ist es dann doch nicht ganz so einfach, denn wenn man sich tatsächlich an eine Sachanalyse macht, hat man es ja nicht mit dem Wissen von Grundschüler zu tun, sondern mit dem Wissen, aus dem man das zu vermittelnde Wissen für Grundschüler herausarbeitet. Und ich erinnere mich nur herzlich gerne daran, dass ich eine Einführungsstunde zu dem Buchstaben P gehalten habe, und bei der Sachanalyse ewige Zeit daran gesessen habe zu erklären, wie dieser Laut durch die besondere Mundstellung gesprochen werden kann.
Nun gut, ich habe es mir auch etwas schwerer gemacht, als man dies normalerweise tut: ich wollte meine Fantasie darin schärfen, was beim Erlernen der Uhrzeit alles so falsch gehen kann. Meine Arbeit war zum Teil also recht spekulativ.

Videos für Programmiersprachen

Dann hatte ich noch vor, weitere Videos zu drehen. Das habe ich aber sein gelassen: ich hatte einfach keine Zeit. Auch die, die ich bisher schon hergestellt habe, habe ich nicht hochgeladen. Ein bisschen Luft möchte ich mir schon lassen, und eine Erfahrung von meinem Blog ist, dass eine zu rasche Veröffentlichung nicht hilfreich ist. Die nachfolgenden Videos verdecken die davor veröffentlichten.
Gut: auf YouTube ist das etwas anders. Über die Playlist kann man das Interesse der Zuschauer in eine gute Reihenfolge bringen. Aber gerade der HTML-Kurs zeigt mir, dass ich es hier, anders als bei Python, mit einer starken Konkurrenz zu tun habe. Meine Videos werden nicht gefunden.
Eigentlich wusste ich das schon vorher. Und da es ganz hervorragende Tutorials gibt, wollte ich eigentlich auch gar keine Filme drehen. Zwei Sachen haben mich allerdings umgestimmt: zum einen habe ich gemerkt, wie oberflächlich mein Wissen über das Internet ist und mich deshalb einer radikalen Umorientierung, weg von der grafischen Darstellung innerhalb von Anwendungen (also Spielen) hin zu dem Austausch über das World Wide Web, unterzogen.
Hintergrund ist auch, dass ich eigentlich ein Tutorials über die Programmierung mit Python und dem Modul Django drehen wollte, und mir dabei eben mein mangelndes Wissen aufgefallen ist. Obwohl mir HTML und CSS leicht fallen.
Der andere Grund, warum es jetzt gerade ein Kurs zu HTML und CSS sein muss, waren natürlich meine Schüler. Die haben mich mit bestimmten Fragen durchlöchert, auch zur Programmierung von Websites. Und wenn man dann so gebauchpinselt wird, kann man auch nicht Nein sagen; jedenfalls mir fällt das schwer.

Mein Zettelkasten

Lange Zeit war mein Zettelkasten das Herzstück meiner Arbeit. Der eine oder andere mag sich noch daran erinnern, dass ich darüber geklagt habe, wie sehr ich mit dem Einpflegen meiner Kommentare in den Zettelkasten hinterherhinke. Mittlerweile aber lichtet sich das Problem. Sehr sporadisch, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit habe ich es jetzt geschafft, fast meine gesamten Blog zu übertragen. Die letzten vier Artikel fehlen mir noch. Dies wollte ich schaffen, bevor ich meine Notizen zu Hannah Arendt übertrage. Sicherlich noch die über Nietzsche, obwohl ich mit dieser neuen Auseinandersetzung gerade erst begonnen habe. Aber da verpflichte ich mich auf mehr Mut zur Redundanz. Und wenn ich damit halbwegs fertig bin, dann wäre mal wieder eine Arbeit mit meinem Zettelkasten, ein Durchkommentieren eine eigenen Notizen, ein Ordnen und Neuschreiben angesagt.
Bücher muss ich mir jedenfalls gerade keine kaufen. Diese Arbeit habe ich noch die nächsten zwei, drei Jahre zu tun. Dann könnte ich schon langsam über meine Rente nachdenken.

Backen

In letzter Zeit backe ich wieder recht viel. Vor allem Brötchen. Gelegentlich muffelt meine Küche vom Sauerteig. Aber das ist in Ordnung, solange das Ergebnis schmeckt.

Ordnen

Und wo wir gerade beim Ordnen sind: auch meine ganzen Notizen zu meinen Schülern und zu den geplanten Unterrichtseinheiten müsste ich ordnen. Am Freitag hatte ich ein Gespräch mit meiner Rektorin, und da ist mir noch einmal ganz schmerzhaft bewusst geworden, dass ich zwar viele Sachen tief durchdenke, dass mir aber die Ordnung fehlt, um damit etwas Strukturiertes anzufangen. Ich habe mich also diszipliniert, und habe meine ganzen Aufzeichnungen durchgesehen, in Reihenfolgen gebracht, Sachen ausgeklammert, andere ausgearbeitet, usw.

Ziegen vor Gericht: Böhmermann in Satiristan

Die Causa Böhmermann zeigt, was Satire leistet. Satire ist ein Text, dem (zunächst) ein eindeutiger Interpretant fehlt. Ist dieser zu rasch zuhanden, gilt Satire als schmerzlos und witzfrei und lau. Bleibt der eindeutige Interpretant dagegen aus, dann hat man wohl das, mit dem Deutschland zur Zeit umgeht: eine Causa Böhmermann.

Der Interpretant

Feindseligkeit

Witze und Comedy bräuchten immer einen Feind, einen Gegner. Dass dieser Gegner nicht eine fremde Person sein muss, sondern auch eine Idee oder der Teil einer Person, lässt sich rasch zeigen. In solchen Fällen handelt es sich um Archetypen, entweder um Personen, die pointiert für eine Idee stehen, oder für Verhaltensweisen und Denkmuster, die für eine Idee typisch sind.
Typisch für Comedy und Satire ist allerdings auch, dass sich dieser Feind zwar nicht sofort, aber doch relativ schnell fassen lässt. Manchmal beruht die Verzögerung auf einem ungewöhnlichen Bild, einem überraschend neuen Ausdruck, einer neuen Gedankenverbindung, aber immer scheint es dieser kurze Moment des Nicht-interpretieren-Könnens zu sein, der das Lachen begleitet.

Texte interpretieren

In Interpretationen scheint es immer eine gewisse Menge an Zeichen zu geben, an die der Interpret nicht rühren mag. Wer meinen Blog kennt, kann sich vielleicht an die Beispiele erinnern, die ich zum Homo Faber und zum Verhältnis von Evolutionstheorie und Gender-Mainstreaming gegeben habe.
Dieser Ausgangspunkt der Interpretation, der nur schwer hinterfragt werden kann, weil an ihm die ganze Interpretation hängt, heißt Interpretant. So ist die Interpretation des Homo Faber seit langer Zeit unter der Deutungshoheit der Frauenfeindlichkeit Fabers gelesen worden, mit dem Inzest und der Schuld als Neben-Interpretanten. Dass man dies auch ganz anders sehen kann, habe ich gezeigt. Dasselbe gilt für das kulturelle Geschlecht: die Akzeptanz des kulturellen Geschlechts ist nicht die Akzeptanz konkreter sexueller Orientierungen; Akzeptanz muss nicht gleich Sichtbarkeit bedeuten, und ob eine Idee, die meiner Ansicht nach explizit politisch ist, in Institutionen gehört, in denen noch nicht mündige Bürger Kulturtechniken lernen, halte ich für fraglich.

Die Lächerlichkeit

Interpretanten werden dann lächerlich, wenn man sie von außen betrachtet. Wir kennen das: wir kennen die verschrobenen Ansichten bestimmter Minderheiten, wir kennen die seltsamen Figuren, denen wir an unserem Arbeitsplatz, im Supermarkt oder in einer Behörde begegnen. Dort, wo der andere anfängt zu interpretieren, ist nicht unser Ausgangspunkt. Unsere Argumentation, so müssten wir uns lesen, fängt von einer anderen Stelle aus an. Und im Prinzip ist genau das das, was die Lächerlichkeit ausmacht. Wir haben uns in unserer Welt einen logischen Zusammenhang zurecht gebastelt; jetzt treffen wir auf einen anderen logischen Zusammenhang, der zu unserem nicht passt, und wir beginnen zu lachen. Vielleicht haben die Psychoanalytiker nicht so unrecht: dass hinter der Angst vor der Lächerlichkeit die Angst vor der Selbstentfremdung steht.

Lachende Gemeinschaften

Nichts verbinde so sehr wie der Humor, sagt der Volksmund. Doch dahinter steckt leider ein ganz anderes Prinzip: nichts verbindet so sehr wie der gemeinsame Feind. So ist der Spruch vielleicht doch nichts anderes als eine Auslegung des Spruches: der Feind meines Freundes ist auch mein Feind. Gemeinschaft, und das steht zur Zeit mehr denn je infrage, ist wohl mehr oder weniger kultiviert eine Frage der gut ausgewählten Fremdenfeindlichkeit. Mithin auch eine Frage nach dem, was in einer Kultur nicht angetastet werden darf, was unter einem Berührungsverbot steht und heilig ist.

Böhmermann

Vielstimmigkeit

In gewisser Weise ist Böhmermann das „Gegenereignis“ zu den Anschlägen in Paris. Wie diese zu verstehen sind, dazu gibt es einen Grundkonsens. Der fehlt bei Böhmermann. So solidarisiert sich Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Springer, mit dem deutschen Satiriker. Er nennt das Gedicht (samt seinem Drumherum) „ein Kunstwerk. Wie jede große Satire.“ In der Freien Welt gibt es von Ramin Peymani andere Worte zu lesen: das Gedicht sei ein „tumber Tiefschlag“, ein „Bärendienst“ für alle, „die von der islamischen Welt ein klares Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit fordern“. Schließlich, als eine dritte von vielen Stimmen, geistert durch die Medienwelt, was Bernd Lucke als Schlussfolgerung und Sentenz seiner Argumentation angehängt hat: „Böhmermann ist eine feige Drecksau.“

Das fragile Geflecht

Ich möchte nun nicht versuchen, die richtige Meinung herauszuarbeiten, obwohl mich das durchaus reizen würde. Ich möchte aber einige Schritte vor einem solchen Ergebnis stehen bleiben, und zunächst verstehen, warum sich ein so widersprüchliches Bild über den sei es nun satirischen oder nicht-satirischen Beitrag Böhmermanns aufgebaut hat. Dies scheint mir im Wesentlichen aus zwei Komponenten zu bestehen, die einander kreuzen und selber als höchst problematisch angesehen werden. Die eine Komponente besteht aus dem Status der Massenmedien selbst und der Frage nach der Pressefreiheit und den journalistischen Pflichten, angefangen von der Kritik an der medialen Überdrehtheit und der Anbiederung an ein Unterhaltungspublikum bis hin zu den Pöbeleien a la Lügenpresse auf der einen und dem Vorwurf der Volksverhetzung auf der anderen Seite.
Die zweite Komponente kann man der politischen Idolisierung zurechnen. Erdogan macht sich mit seiner Politik gerade in Deutschland wenig Freunde, weil es eben auch um Pressefreiheit, aber auch seltsame nationalstaatliche Gelüste geht. Um es vorsichtig auszudrücken. Und auf der anderen Seite steht Angela Merkel, deren Rückzieher von den Besserwissern hämisch kommentiert wird, von den bisher Gutgläubigen enttäuscht aufgenommen wird. Und dort hinein kommt dann dieser seltsame Vertrag, der gegen viel Geld den weiteren Zuzug von Flüchtlingen begrenzen soll.
So ist die gesamte Situation unklar, problematisch, zerbrechlich, und, wie man aus manchen Wortmeldungen lesen darf, bis zum Zerreißen gespannt.

Wen veralbert Böhmermann?

Worüber sich die Interpreten nicht einig werden können, ist, wen Böhmermann dort eigentlich angreift. Es gibt kein eindeutiges Feindbild, weder bei Böhmermann, der das Schmähgedicht innerhalb eines Rahmens vorgetragen hat, was man eben nicht tun dürfe und was strafbar sei (eben jenes Gedicht selbst); aber auch die Kultur gibt kein eindeutiges Feindbild mehr her.
Manche Menschen haben Angst vor den Flüchtlingsströmen, ohne die Menschen als solche abzulehnen, ja ohne ihnen die Einreise untersagen zu wollen. Es gibt jene Menschen, die mit einem diffusen Deutschtum in der Tasche sich dazu bemächtigt fühlen, in unflätiger Sprache und mit nicht haltbaren Unterstellungen über das Leben fremder Menschen entscheiden zu dürfen. Und es gibt, man kann es gar nicht aufzählen, noch zahlreiche andere Meinungen mehr. Der Feind, der dem einen oder anderen vor Augen schwebt, ist so vielgestaltig die Meinungen selbst.

Die Kunst der Satire

Ob Satire eine Kunst ist oder nicht, bleibt dahingestellt. Von den antiken Musen hört man dazu ebenso wenig, wie von den septem artes liberales. Und von den letzteren vielleicht insofern doch noch, als die Rhetorik auch die Kunst der Verdrehung sein kann, und eines ihrer bevorzugten Mittel dabei die Hyperbel ist.
Eines aber kann man mit den Mitteln der Semiologie sagen: Satire wird dann einvernehmlich wahrgenommen, wenn es einen gemeinsamen Interpretanten gibt. In einer Situation, in der die europäischen Werte, von der Meinungsfreiheit bis zum „Kosmopolitismus“, in Frage stehen, in der sich Deutschland selbst nicht mehr über seine Werte so richtig im Klaren ist, muss ein solches Gedicht den instabilen Zustand der politischen Landschaft offenbaren.

Satire und Meta-Satire

Es folgt, was folgen muss. Der Streit, selbst wieder ein politisches Ereignis, wird von der Satire aufgenommen und weiterverfolgt. Und auch darin erweist sich Böhmermann mit seinem Beitrag als das genaue Gegenstück zu den Anschlägen in Paris. Wenn Peter Fuchs den Terror als ein kommunikatives Ereignis bezeichnet (also auch als ein kommunikatives Ereignis, nicht nur), welches dazu dient, die Kommunikation auf eine Art und Weise zu unterbrechen, dass danach mehr Kommunikation möglich wird, dann ist die Satire, wie sie Böhmermann gemacht hat, die Weiterführung in die Unverständlichkeit der Kommunikation, die die Kommunikation anheizt.

Was ich mir wünsche

Zum Schluss darf ich vielleicht doch noch meine eigene Meinung loswerden. Vor zwei Tagen habe ich gelesen, dass die Entscheidung der Bundesregierung richtig sei, Erdogan den Weg über die deutschen Gesetze und die deutsche Gerichtsbarkeit zu ermöglichen: so werde er vielleicht mal mit den Ideen und Möglichkeiten eines demokratischen Rechts konfrontiert. Das wäre mal die umgekehrte Meinung zu dem, was derzeit eher mitschwingt: dass man Böhmermann bereits preisgegeben habe, als eine Art Bauernopfer.
Ich wünsche mir keine Verurteilung Böhmermanns. Erdogan muss einen solchen Spott aushalten lernen. Das Gedicht selbst ist nicht gut, aber der Rahmen, in dem es steht, durchaus zu würdigen (einer zweideutigen Inszenierung dessen, was Satire eben nicht darf). Sehr fragwürdig finde ich, dass sich Angelegenheiten der Massenmedien und des politischen Systems vermischen, und dass diese Vermischung von Erdogan auf diese Weise betrieben wird.
Ich wünsche mir zudem, dass die Zensur eines zweideutigen Beitrages zurückgenommen wird. So wenig ich die Zensur eines Akif Pirinçci gut heiße (obwohl jeder wissen darf, dass ich seine Meinungen abscheulich finde), so wenig darf die Sendung Böhmermanns der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Das muss diskutiert werden. Darum muss gestritten werden.
Schließlich gibt es in dem ganzen Streit eben doch noch einen Aspekt, der beachtet werden muss: dass vermutlich jeder die Sendung nach einigen Tagen vergessen hätte, wenn Erdogan darum nicht so viel Wirbel gemacht hätte. Doch vermutlich muss es so sein.
Und ein wenig darf ich auch gestehen, genieße ich das Ganze. Für rhetorische Analysen bietet die Debatte reichlich Stoff. Und ein Analytiker politischer Rhetorik hat deshalb viel zu tun.

Das Zentrum für politische Schönheit jedenfalls hat von drei Kronzeugen ein Foto ins Netz gestellt. Sie werden gegen Erdogan aussagen. Es handelt sich um Ziegen.

16.04.2016

CSS mit Blogger

Und abgesehen von seltsamen Telefonaten: ein gewisser Sascha rief mich an und wollte wissen, ob ich der Frederik Weitz wäre. Bin ich es? Ich habe es mich gefragt. Wenig geholfen hat, dass er mich in Potsdam verortete: was ich mit Potsdam zu tun habe? Nun, wenig. Meine Schule liegt in Potsdam, mehr nicht.

CSS in blogger

Nun, eine andere Sache habt ihr gerade hoffentlich wohlwollend bedacht: mein Blog bekommt ein neues Design. Diesmal keines von der Stange, denn ich gestalte die einzelnen Elemente selbst. Peinlich daran ist, dass mir HTML seit Jahren geläufig ist, auch CSS, was selbstverständlicherweise dazugehört. Aber ich habe mich bisher nicht überwinden können, dies auch für meinen Blog zu nutzen.
Nun habe ich mir einige Vorlagen entworfen, die ich mit einigem Fleiß auf einige Artikel übertragen habe. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich damit zufrieden bin. Da ich diese Vorlagen aber an einer zentralen Stelle verändern kann, wird sich auch die ganze Darstellung des Blogs ändern, wenn ich Lust dazu habe.
Jedenfalls schreibe ich einiges um, lese mich selbst, während ich die Artikel umändere, und komme hoffentlich demnächst auch mal wieder dazu, hier umfassender zu schreiben. Denn all meinen Videos zum Trotz schreibe ich. Über die Bücher, die ich lese, über meine Schüler, über mein Leben. Seit einiger Zeit (einem Jahr etwa) aber wieder zuerst auf's Papier, dann erst in den Computer. Obwohl ich lange kein Arbeitsbuch mehr geführt habe, bzw. nur aus einer alten Pflicht, komme ich davon nicht weg. So toll mein Spracherkennungsprogramm auch ist.

Kreatives Schreiben

Eine mir sehr wichtige Sache ist das Herumwandern an den Grenzen des Bedeutsamen. Dazu hilft mir das Spracherkennungsprogramm nur wenig. Manchmal schon. Meist aber fühle ich mich freier, wenn ich einen Stift in der Hand und ein Papier vor der Nase habe. So habe ich zu Pirincci geschrieben, und meine (halbe) Mindmap ist ideenreicher als das, was ich in den letzten Monaten geschrieben habe.

Umvolkung

Pirincci wird ein neues Buch herausbringen. Es nennt sich Umvolkung.
Wieder einmal stellt sich die Frage, ob ich das lesen will. Die Ankündigung des Verlags jedenfalls war weinerlich genug.

01.04.2016

Schwarm-Demenz und NSU

Petra Pau hat eine schöne neue Vokabel ins Spiel gebracht: die Schwarm-Demenz. Das ist leicht nachzuvollziehen, wenn man sich facebook anschaut: nicht, dass es nicht viele kluge Stimmen dort gäbe. Aber ganz hartnäckig halten sich dort auch die Menschen, die nicht argumentieren können.
Nun, Petra Pau war, zusammen mit Dorothea Marx, auf einer Podiumsdiskussion, die von Hans-Ulrich Jörges geleitet wurde. Thema war die NSU, und eigentlich nicht die NSU selbst, sondern warum die Aufklärung der Umstände, dass die NSU jahrelang trotz Fahndung unter uns leben konnte, nicht so richtig gelingt. Marx äußert den "Verdacht des betreuten Mordens".

22.03.2016

Terror jenseits der Grenzen

Sloterdijk empfiehlt der Politik, grenzempfindlich zu werden. Das ist aus vielerlei Gründen eine schwierige Behauptung, da dies voraussetzt, dass Grenzen nach der Erkenntnis entstehen, dass also die Erkenntnis das Apriori der Grenzen sei, während doch die ganze Wissenschaftlichkeit, und nicht zuletzt die operativen Logik darauf aufgebaut ist, zunächst eine Grenze zu ziehen, und dann festzustellen, welche Erkenntnisse sich damit ergeben. Allerdings war Sloterdijk dann nicht ganz so eindeutig. Und dass er kein Philosoph des Aprioris ist, das sollte bekannt sein. Sogar ihm selbst.

Heteronormative Grenzen

Ein ganz anderes Problem an Grenzen ist, dass sie nicht naturwissenschaftlich funktionieren. Sie sind aus sozialen Ereignissen zusammengesetzt, mithin eine Mannigfaltigkeit, heterogen und heteronormativ. Ich glaube, dass man daraufhin das Parteiprogramm der AfD ganz gut lesen kann: in seiner Widersprüchlichkeit spiegelt es genau das Problem von Grenzen wider.

Erreichbarkeit des Terrors

Schließlich ist der Terror keineswegs nur ein Phänomen schlechter oder verfehlter Politik. Als ich heute Morgen am Computer saß und meine letzten Python-Videos von gestern Abend hochgeladen habe, hatte ich bereits Twitter geöffnet. Und dort war innerhalb von wenigen Minuten, direkt nach den Explosionen in Brüssel, bereits eine Flut an Kommentaren und Meldungen vorhanden. Die Übermittlung solcher Nachrichten hat sich radikal beschleunigt. Die räumlichen Grenzen spielen keinerlei Rolle mehr. Und auch wenn dies an den Staatsgrenzen zunächst wenig zu rütteln scheint, verändern sie doch die ganze Atmosphäre, das ganze Wirken der Staatsgrenzen. Der Terrorismus ist deshalb so präsent (und deshalb vielleicht auch überhaupt erst in diesen Dimensionen möglich), weil er sich entlang der Informationskanäle so schnell in seiner Wirkung ausbreitet.

Verantwortung wofür?

Natürlich ist es unsinnig, der Gesellschaft den Vorwurf zu machen, sie würde den Terror lediglich inszenieren. Ein Prinzip einer sich aufklärenden Gesellschaft besteht darin, Verantwortung zu übernehmen. Und wo diese Verantwortung nicht übernommen wird, muss sie eventuell erzwungen werden. Wer keine Verantwortung dafür übernimmt, dass er anderen Menschen die Freiheit eingeschränkt hat, im krudesten Fall durch die Tötung, dem muss auch die Verantwortung für die eigene Freiheit weggenommen werden.
Noch ist es ein Gedankenspiel. Aber in gewisser Weise gibt es Metatugenden, die die Tugendhaftigkeit des einzelnen Menschen erst ermöglicht. Und es gibt (vielleicht) so etwas wie Metasünden, die die Tugendhaftigkeit einzelner Menschen mindern oder unmöglich machen.

Geltungssucht

Zwei „Sünden“ (dies aber bitte nicht religiös zu lesen) scheinen mir die Faulheit und die Geltungssucht. Die Geltungssucht ist mit Sicherheit auch eine strukturelle Sünde, vor allem im Journalisten-Kreis. Denn wer die Nachricht zuerst bringt, hat auch die Aufmerksamkeit, meistens zumindest. Und die Aufmerksamkeit zu besitzen bedeutet, an seinen Artikeln zu verdienen. Dies mag zu der Schlampigkeit geführt haben, die man heute dem Journalismus (zum Teil) vorwerfen muss.
Strukturell ist diese Sünde deshalb, weil der Einzelne nichts dafür kann. Es ist ein typisches Beispiel für den generalisierten Individualwillen, wenn also der Einzelwille auf genau die gleiche Art von vielen verschiedenen Menschen verfolgt wird, sodass alle das gleiche wollen, aber nur wenige es erreichen können. Man nennt dies auch Konkurrenz. Aufklärung braucht eine ganz andere Form der Willensbildung, eine Bemühung um eine Kooperation, ohne sich auf einen Gruppenzwang einzulassen.

Funktionalität des Terrors

Peter Fuchs jedenfalls schreibt in seinem Buch Das System „Terror“:
Einer der Effekte dieser neuartigen [funktionalen] Struktur der Gesellschaft ist, dass Systeme dieses Typs nicht mehr an Territorien, an Staaten, an Nationen, Völkerschaften etc. geknüpft sind. Sie erreichen ein operativen Abstraktionsgrad, der Grenzen einfach ignoriert.
(Seite 44)

13.03.2016

Moral aus der Selbstbehauptung

Anfang der Woche habe ich einen schönen Artikel gelesen, von einer Professorin für Philosophie, Annemarie Pieper. Dieser erläutert die Form der Moral in Nietzsches Zur Genealogie der Moral, und wie diese sich gegen die beiden „klassischen“ Formen der moralischen Begründung absetzt.

Aristoteles

Die erste Form der Begründung von Moral besteht darin, ihre Geltungskraft an die Tradition zu binden. Die Moral besteht aus Handlungsmustern, deren Wertschätzung in einer Gemeinschaft über lange Zeit etabliert worden ist.
Nietzsche wendet sich gegen eine solche Geltungskraft, indem er den fiktiven Charakter der Moral herausarbeitet. Damit widerspricht er noch nicht der Moral, aber ihrer Begründung. Die Begründung selbst wiederum sei eine moralische, die sich aber oftmals gerade nicht als moralisch versteht, sondern als objektiv. Deshalb sind solche Begründungen nicht wissenschaftlich, und der Sache nicht angemessen, wenn man Wissenschaft zu betreiben versucht.

Kant

Bei Kant wiederum wird die Moral in einer transzendentalen Bedingung gesucht: es gibt etwas hinter der Moral, was diese ermöglicht, ein Prinzip der Vernunft. Autonomie und Freiheit sind auf der Verbindlichkeit von Handlungen gegründet (Kantianer verzeihen mir bitte meine sehr grobe und abkürzende Darstellung).
Seit Nietzsche, dann Wittgenstein, nebenher auch Freud, schließlich der Systemtheorie, darf man aber wissen, dass vieles, was Kant noch der Transzendenz zugerechnet hat, aus kulturellen Prozessen entsteht. So, wie die Grammatik nicht auf ein transzendentales Prinzip zurückzuführen ist, sondern sich in der Reduktion der Komplexität gründet, wobei diese Reduktion auf sehr unterschiedliche Weisen stattfinden könnte, aber sich eben auf eine Form der Reduktion beschränken muss, so ist die Moral (eventuell) einer grundlegenden Absicherung und Festigkeit im zwischenmenschlichen Verkehr geschuldet, liegt also gleichsam unterhalb des menschlichen Miteinander, nicht oberhalb dessen, als seine Veredelung. Mag Brecht auch gesagt haben: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, so gälte dies für die Gemeinschaft doch umgekehrt: Erst kommt die Moral, dann das gemeinsame Fressen.

Nietzsche

Wenn Nietzsche von der Sklavenmoral und dem Herdentrieb der Moral wegkommen will, dann auch deshalb, weil er einen bewussteren Umgang mit moralischen Normen einfordert. Dass eine Moral eher eine Moral der Sklaven ist, scheint mir nicht so sehr an ihren Inhalten zu legen, sondern an der Form, wie Menschen zu dieser Moral kommen: nämlich aus Bequemlichkeit und Feigheit (wenn man zum Beispiel moralisch ist, weil man sonst in einen Konflikt geraten könnte).
Diese Form der Moral entsagt der Bequemlichkeit der Tradition und der Feigheit einer Anthropologisierung zwischenmenschlicher Umgangsformen. Sie ist zugleich Kritik und Polemik; Kritik, indem sie die Darstellung der Moral(en) hinterfragt, damit aber ihre Geltung und ihre Begründung; Polemik ist sie, weil sie die fragwürdige Zwischenmenschlichkeit angreift, dies aber aus der Perspektive heraus und in den Formen bereits tradierter Zwischenmenschlichkeit. Insofern muss sie sich sogar gegen sich selbst wenden und sich beständig hinterfragen.

Die Moral der Politik

Politik kann die Moral nur simulieren. Sieht man im Kern der Moral die Tugend, nach der man handelt, oder die Idee, der man sich verpflichtet, dann kann dies nur aus einem Verhältnis zu sich selbst entspringen; dieses Verhältnis zu sich selbst muss sich selbst behaupten. Es mag irrational sein, aber es zieht seine Verantwortung nicht aus einer Allgemeinheit oder einer Wesenhaftigkeit. Und selbst wenn jemand mit einer Moral konform ginge, so macht es doch einen Unterschied, ob er für sich diese Moral wählt, oder ob er sich in sie einfügt (wiederum aus Bequemlichkeit oder aus Feigheit).
Politik kann für diese Wahl keine Maßstäbe setzen. Allenfalls können Politiker dies vorleben, indem sie tugendhaft handeln. Das heißt auch, dass in öffentlichen Diskussionen, wie z. B. zu politischen Videos auf youTube, weniger der Inhalt, als vielmehr die Art und Weise geregelt werden muss, wie Menschen miteinander diskutieren.
Ich mag die AfD zum Beispiel nicht. Einen Ausschluss aus öffentlichen Diskussionen halte ich allerdings für grundlegend falsch. Ich mag aus demselben Grund derzeit auch nicht, wie sich etablierte Parteien durch ein Taboo, ein Berührungsverbot, gegen jegliche Gemeinsamkeit mit der AfD abgrenzen wollen. Dies ist Parteienpolitik, keinesfalls Politik für die Bürger und auch nicht moralisch. Es ist, so befürchte ich, die Politik von Parteien, die sich nicht mehr begründen können; was (leider) nicht beinhaltet, dass die AfD (oder einer ihrer diffusen Anhängerschaft) damit ihre Positionen erklären könnte.

28.02.2016

Python

Irgendwie erscheint es mir jetzt logisch: in den letzten Wochen hatte ich, wenn ich überhaupt mal Zeit hatte, kleine Videos gedreht, um Python zu erklären. Dabei bin ich zwar oft hin- und hergesprungen (ich habe sie eigentlich nur für mich gemacht, um mal das Medium zu wechseln), aber jetzt fand ich sie doch relativ gut und habe sie auf youtube veröffentlicht - oder zumindest einen kleineren Teil davon: Programmieren mit Python

Es gibt also noch ein Leben zwischen Wohnung aufräumen, Didaktikbücher lesen und youtube-Videos schauen.

20.02.2016

Die Fliege die nicht durch das Glas kann, oder: Genealogische Kritik

Martin Saar hat dem von Rachel Jaeggi herausgegebenen Sammelband Was ist Kritik? einen Aufsatz mit dem Titel Genealogische Kritik beigesteuert. In diesem behandelt er die Formen der Genealogie bei Nietzsche und Foucault. Der Aufsatz ist zu kurz, um ein solch komplexes und zentrales Thema zufriedenstellend zu behandeln.
Ich möchte hier, ohne erschöpfend zu argumentieren, einige Methoden der Kritik herausarbeiten. Dies ist im Anschluss an die Kritik der Ideologien, wie sie Umberto Eco vorstellt (Eco, der Amateur als Schriftsteller), zu lesen.

Kritik als Praxis

Kritik, im weitesten Sinne politische Kritik, auch wenn diese literarische Werke betrifft, ist eine Praxis. Wir können dies aus der lapidaren Bemerkung von Niklas Luhmann ableiten, dass auch Wissenschaft Interaktion nötig habe. Fraglich ist allerdings, ob Kritik zu einem Ende kommt. Die großen Utopien sind bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts schal geworden; Nietzsche hatte seinen Anteil daran. Mit dem selben Recht könnte man aber auch Dilthey oder Wittgenstein herbeizitieren. Gerade zum geflügelten Wort ist dann Lyotards (wohl ironische) Bemerkung vom Ende der Meta-Erzählungen geworden. Wenn aber politische Kritik nicht mehr auf die Verwirklichung einer Utopie abzielt, wenn überhaupt das Ziel der Kritik verloren gegangen ist, was soll Kritik dann noch?

Bewegung und Stillstand

Von hier aus lassen sich zwei einander ergänzende Ziele der Kritik herausarbeiten. Auf der einen Seite ist dies die Freiheit der Entscheidung, auf der anderen Seite die Selbstversicherung. Beide sind zeitlich begrenzt zu sehen. Dabei zielt die Freiheit der Entscheidung auf eine größere Beweglichkeit der Menschen im Verkehr untereinander, während die Selbstversicherung die Verantwortung dafür übernimmt, sich selbst als Subjekt zu entwerfen, sich also nicht blindlings subjektivieren zu lassen.
Diese beiden Positionen widersprechen einander nicht: die Entscheidungsfreiheit und die Selbstverantwortlichkeit sind die beiden Seiten derselben Münze.

Anti-Chronologie

Die Genealogie, bzw. die kritische Methode, die Nietzsche praktiziert, verläuft nicht entlang einer Chronologie. Natürlich könnte man eine Geschichte chronologisch rekonstruieren. Dies würde allerdings die geschichtlichen Entwicklungen von der Psychologie ihrer Akteure abschneiden. Eine solche Art der Darstellung würde aber auch den Leser einer solchen Geschichte von der Geschichte selbst trennen. Sie würde zum Objekt eines „quasi-göttlichen“ Subjekts werden; dieses wäre aus der Welt der Historie verbannt.
Nietzsche beabsichtigte aber etwas anderes: er wollte, dass seine Leser Verantwortung für ihr Leben, für ihr „Schicksal“, für (ihre) Geschichte übernehmen. Deshalb verlaufen seine Argumentationen nicht über eine sachliche, objektive Darstellung, sondern über Faszinationen. Nicht die Wahrheit, sondern die Aufmerksamkeit ist ein erster Maßstab einer genealogischen Kritik. Insofern ist diese nicht chronologisch geordnet, sondern sprunghaft. Sie bedient sich auch nicht abgesicherter Quellen, der Mythen und der Gerüchte, der zweideutigen Darstellungen und der Täuschungen und Fälschungen. Die Genealogie ist deshalb nicht als historische Darstellung zu lesen, sondern gleichsam unter der Hand als Positionsbestimmung zur Jetztzeit.

Die Methoden

Die historisch-rhetorischen Codes

Auch wenn Nietzsche immer wieder sagt, er habe die Philologie hinter und unter sich gelassen, liest er Texte mit dem ganzen Instrumentarium der Philologie. Aber er liest sie nicht mehr, um zu einer „sauberen“ Rekonstruktion des Quellenmaterials zu kommen, sondern um den Abstand zwischen einem historischen Phänomen und der Jetztzeit auszumessen. Er relativiert und relationiert damit die Aktualität, die unmittelbare Gegebenheit.
Und noch anders gesagt interessieren ihn weniger die tatsächlichen Ereignisse, als die Sprache, in der sie dargestellt werden, und in der sie hier und jetzt aufzufinden sind. Insofern ist die Geschichte ein Vorrat an rhetorischen Codes, der interessant vor allem dadurch ist, dass er abweicht.

Provozieren

Nietzsche will, so könnte man das sagen, nicht Geschichte schreiben, sondern Geschichte erzeugen, oder, noch präziser, Geschichte provozieren. Und insofern sind seine Texte auch nicht auf den Anschein der Objektivität gemünzt, sondern direkt auf den (möglichen) Leser hin. Es sind Zwiesprachen mit dem Leser. Oft genug wendet sich Nietzsche dann auch direkt an den Leser, bezieht ihn mit ein, greift seinen Fragen vorweg, macht sich über ihn lustig oder schmeichelt ihm. Der Leser wird dazu gedrängt, sich zu positionieren:
Wir wähnen, allmählich stelle sich die Wahrheit fest – aber nur der Mensch in seiner Relation zu anderen Kräften stellt sich fest.
N 1880-1882, 6 [437]

Exzentrische Zentren

Die Texte Nietzsches sind nicht nur auf die Leser hingeschrieben, sondern zugleich exzentrisch. Nietzsche selbst benutzt das Wort „Satellit“. Der gute, der achtsame Leser bewegt sich in den Fragmenten Nietzsches wie in einer Sternenwolke: das eine ist immer näher, das andere ferner. Diese Exzentrik allerdings ist dem Menschen als eine Notwendigkeit eingeschrieben:
Wir können nur intellektuelle Vorgänge begreifen: also an der Materie das, was sichtbar hörbar fühlbar wird – werden kann! d.h. wir begreifen unsere Veränderungen im Sehen, Hören, Fühlen, welche dabei entstehen. Wofür wir keine Sinne haben, das existiert für uns nicht – aber deshalb braucht die Welt nicht zu Ende zu sein.
N 1880-1882, 11 [75]
Anders als bei Hegel kehrt das Bewusstsein aber nicht zu sich selbst zurück, es wird kein Selbstbewusstsein. Dazwischen steht der stets unbewusste, interpretierende Leib:
das was wirklich vor sich geht bei der Wirksamkeit unserer menschlichen Affekte sind jene physiologischen Bewegungen, und die Affekte … sind nur intellektuelle Ausdeutungen, dort wo der Intellekt gar nichts weiß, aber doch alles zu wissen meint.
N 1880-1882, 11 [128]
Schließlich aber sind die Affekte Ausdruck eines leiblichen Du musst!:
Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht dann Leib und dann Selbst im Leibe: die Terra incognita. Wozu hast du diese Gedanken und diese Gefühle? Dein Selbst im Leibe will etwas damit.
N 1882-1884, 5 [31]
Gegenüber den dramatischen Argumentationen verortet sich der Leser mit seinen Gefühlen und entdeckt daran, was sein „Selbst im Leibe“ will.

Perspektive und Verortung

Gegenüber seiner frühen Überzeugung, dass die Perspektive eines Menschen direkt zu erreichen sei, wird der späte Nietzsche vorsichtiger. Metaphern wie das Kraftzentrum verweisen zwar auf die Perspektive, benennen sie aber nicht mehr direkt. Während die späten Schriften im Ton immer schärfer werden, findet man zugleich in der Theorie des philosophischen Schreibens einen Rückzug.
In diesem Sinne schreibt Werner Stegmaier, dass der Perspektivismus „nur eine Hypothese und als Hypothese keine positive Behauptung, sondern nur eine negative Einräumung sei“ (Friedrich Nietzsche zur Einführung. Hamburg 2011). Die Perspektive zu finden, den Ort zu finden, von dem aus man spricht und schreibt, bleibt den Menschen selbst überlassen, am Leitfaden der Affekte, die ihnen kommen.

Die Begriffe aufbrechen

Für Nietzsche ist der Intellekt blind. Begriffe sind nichts als Ausdeutungen von Gefühlen, Gefühle wiederum sind Ausdeutungen des Leibwillens. Um zu einer gewissen Wahrheit zu kommen gilt es, diese Dramaturgie des Willens zu rekonstruieren, bzw. sie zuallererst bewusst zu machen. Wenn Nietzsche also Begriffe kritisiert, dann nicht, um sie durch bessere Begriffe zu ersetzen, sondern um die physiologischen Bedingungen dieser Begriffe zu erforschen.
Hier kommt er dann auf die historischen Werkzeuge zurück: die Bewegungen der Begriffe, bzw. die Bewegungen der Personen, die sich dieser Begriffe bemächtigt haben, wird nachgezeichnet, um dahinter die leiblichen Voraussetzungen zu erschließen. Jedoch dreht Nietzsche die Interpretation noch ein Stück weiter.

Die Fliege die nicht durch das Glas kann

Dieser Aphorismus (?) steht inmitten einer Kette von Aphorismen, die sich um die Sinnesorgane als Spiegel, schließlich auch des Bewusstseins als Spiegel drehen. Die Feinheit, die man hier zu lesen hat, ist, dass diese Spiegel nichts Äußerliches wiedergeben, sondern nach innen gerichtet sind:
Aber alle unsere Relationen, mögen sie noch so exakt sein, sind Beschreibung des Menschen, nicht der Welt: es sind die Gesetze dieser höchsten Optik, von der uns keine Möglichkeit weiterführt. Nicht Schein, nicht Täuschung, sondern eine Chiffreschrift, in der eine unbekannte Sache sich ausdrückt, – für uns ganz deutlich, für uns gemacht, unsere menschliche Stellung zu den Dingen. Damit sind uns die Dinge verborgen.
N 1880-1882, 6 [429]
Und gleich danach:
Unser Denken ist wirklich nichts als ein sehr verfeinertes zusammen geflochtenes Spiel des Sehens Hörens Fühlens, die logischen Formen sind physiologische Gesetze der Sinneswahrnehmungen. Unsere Sinne sind entwickelte Empfindungscentra mit starken Resonanzen und Spiegeln.
N 1880-1882, 6 [433]
Unschwer begreift sich nun der fragmentierte Satz von der Fliege als eine Allegorie des menschlichen Bewusstseins.

Genealogie

Die Genealogie kann hier als Ahnenforschung der intellektuellen Ausdeutungen gelesen werden, wobei mit Ahnen nicht die älteren, vorgängigen Begriffe gemeint sind, obwohl man aus der Ableitung der Begriffe, aus ihrem Wandel und ihrer Historie die Ahnen herauslesen kann: gemeint sind die physio-psychologische Ereignisse, die den Begriffen zustoßen und deren Wandel verursachen. Verständlicher wird diese Art des Ahnentums, wenn man statt ihnen mit Deleuze von Ereignis-Eltern spricht. Diese Ereignisse geschehen auf einer anderen Ebene: wir erleiden sie. Sie erschaffen uns. Aus dem selben Grund sind die Objekte an der Oberfläche füreinander nur augenscheinlich nach der Form Ursache/Wirkung geordnet; ihre eigentliche Ordnung ist die der Quasi-Kausalitäten (vgl. Systemische Kriminologie?).
Bei Nietzsche ist die Genealogie also die Erforschung der physiologischen Ursache intellektueller Ausdeutungen. Jenes physiologische Spiel erscheint dann als Kampf, als Agonistik, in der sich die einen Bedürfnisse der anderen Bedürfnisse bemächtigen, dann als eine Affektenlehre, insofern die Affekte noch zu den intellektuellen Ausdeutungen gehören, die durch lange Übung zur Gewohnheit geworden sind. Und erst dann ist es eine Lehre der Bedürfnisse, die sich die Zufälle der Umwelt zu Nutze macht, um sich daran auszuprobieren und daran zu wachsen oder zu schrumpfen (Nietzsche spricht auch von einer Diätetik der Seele).
Insofern ist eine Genealogie auch ein Experimentierkasten des Anderswerdens.

Rückkehr zur Semiologie

Vergleichen wir dies nun mit der Metasemiose Umberto Ecos, dann finden wir deutliche Verschiebungen, obwohl ein zentraler Sachverhalt bei beiden gleicht. Wo wir in der Semiologie von einer unendlichen Semiose und einem ewigen Gleiten des Sinns sprechen, der auf der vielfältigen Vernetzbarkeit der Zeichen beruht, wird bei Nietzsche dieser ewige Prozess durch eine beständige Aktualisierung und Reaktualisierung erzeugt: die Genealogie setzt sich fort und wandelt sich, weil die Menschen, ihre Perspektiven und ihre Welten beständig im Werden sind. Gemeinsam ist beiden Prozessen die unendliche Ausdehnung, die Tätigkeit, der experimentelle Charakter der Tätigkeit und schließlich die Zeichenhaftigkeit der Welt.
Ecos wissenschaftliche Schriften sind nicht polemisch, obwohl er zur Polemik und zur Parodie neigt (zum Beispiel Platon im Striptease-Lokal). Und in gewisser Weise hat Eco auch seinen Zarathustra geschrieben, wenn auch auf unterschiedliche Romane verteilt; die Lehren eines William von Baskerville, eines Roberto de la Grive, eines Baudolino oder eines Yambo, all dies sind Variationen eines Semiologen oder eines zur Semiologie neigenden Menschen, also eine Selbst-Neuerfindung Ecos als Nicht-Eco.
Kritik ist sowohl bei Nietzsche als auch bei Eco nicht aus der Geschichte direkt ableitbar. Sie muss aus den Zeichengefügen erschlossen werden. Während bei Eco allerdings die Geschichte dadurch vervielfältigt wird, als sich Zeichengefüge unterschiedlicher Art mit unterschiedlicher Geschwindigkeit wandeln, so dass sehr altes „Gedankengut“ neben sehr neuem stehen kann, wird die Geschichte bei Nietzsche durch die Faszination, die vergangene Ereignisse aktualisiert, aufgebrochen: sie ist nicht an einer Chronologie interessiert, sondern an den „richtigen“ Affekten.

Eco, der Amateur als Schriftsteller

Nun ist er tot, Umberto Eco, und beinah möchte ich sagen damit auch eine der letzten Lichtgestalten meiner Studienzeit. Was ich über Semiotik weiß, das habe ich vor allem bei Umberto Eco und Roland Barthes erfahren; alles, was dazu kam, war Beiwerk. Nun, nicht ganz: William van Orman Quine wäre der dritte. Doch dessen Theorie ist eine andere.

Seitdem

Im Tagesspiegel wird der Tod Umberto Ecos beklagt. Ganz auf der Höhe ist der Artikel allerdings nicht. So wird dort behauptet, Eco habe mit Der Name der Rose Weltruhm erlangt, was noch stimmt. Seitdem, so der Artikel weiter, mache er sich auch als Philosoph und Sprachwissenschaftler einen Namen. Und das wiederum stimmt nicht. Denn viele wichtige Werke, allen voran seine Einführung in die Semiotik (ES), sind wesentlich früher erschienen.

Ideologie

Denotation und Konnotation

Mir sind die Romane Ecos nicht so wichtig. Für mich war vor allem die Auseinandersetzung mit seiner Theorie der Ideologie prägend.
Wie jede sprachliche Schöpfung beruht die Ideologie auf Konnotationen. Eine Konnotation, dies bezeichnete Roland Barthes mal als „systematisch ausgearbeitetes Geräusch“, was, wenn man dies genau bedenkt, ein Oxymoron ist, ein scharfer Widerspruch, bzw. eine Unvereinbarkeit der Bedeutungen. Tatsächlich ist eine Konnotation mehr als eine Assoziation. Die reine Assoziation ist flüchtig. Aber sie ist weniger als eine Denotation, eine „Wörterbuch-Bedeutung“. Zwischen Assoziation, Konnotation und Denotation bestehen fließende Übergänge. Denotationen werden durch Machtverhältnisse erzeugt: man findet diese Stabilität nicht in der reinen Tätigkeit des Bezeichnens.

Metasemiose

Wir neigen dazu, bestimmte Eigenschaften eines Phänomens zu stabilisieren, andere nicht. Solche Stabilisierungen werden von einer Kultur gefördert oder behindert. Wir neigen weiterhin dazu, stabile Eigenschaften für ein wesentliches Phänomen zu halten, instabile dagegen den Umständen zuzurechnen. Die Metasemiose (oder Resignifikation, wie dies bei Judith Butler heißt) löst diese Stabilitäten auf, ohne sie ganz in die Flüchtigkeit der Assoziation zurückzustoßen. Die Metasemiose ist demnach zugleich die Metamethode der Ideologiekritik.

Fixierte Konnotationen

Eine ideologische Botschaft sei eine „Formel mit fixierter Konnotation“ (ES, 173). Mit anderen Worten: eine Botschaft ist genau dann ideologisch, wenn ein möglicher konnotativer Subcode sich „notwendig“ macht, indem er alle anderen konnotativen Subcodes verdrängt oder zensiert. Der Subcode übernimmt dann auch nach und nach die übergeordnete Kodierung.

Homo Faber

Geben wir ein altbekanntes Beispiel zum besten: im Roman Homo Faber begegnet Walter Faber den Frauen auf eine zum Teil kurzsichtige, zum Teil befremdliche Art und Weise. Diese Kodierung wird zum ersten Mal von Hanna Landsberg auf die Differenz Mann/Frau hin interpretiert.
Die Interpreten des Romans haben diese Darstellung aufgegriffen und nie hinterfragt. Tatsächlich kann man aber die Rolle von Hanna keineswegs so verklären, wie dies getan wird. So wird Walter Faber immer wieder die Schuld am Tod seiner Tochter zugesprochen; zudem wird ihm ein Inzest vorgeworfen. Doch aus genau denselben Gründen könnte man auch Hanna für die Schuldige halten, hat diese doch Walter die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter verschwiegen und so das Missverständnis erst möglich gemacht.
Dadurch aber wird die Behauptung, dass Walter Faber frauenfeindlich sei, zu einer ideologischen Botschaft. Natürlich ist sie nicht gänzlich abzulehnen. Sie erreicht ihre Eindeutigkeit aber erst dadurch, dass wesentliche Aspekte des Romans nicht in die Interpretation mit hineinfließen. Aus der konnotativen Deutung wird eine denotative, aus der Resignifikation eine Ideologie, der Subcode des ewigen Missverständnisses zwischen Mann und Frau bestimmt schließlich die ganze Sichtweise und verdrängt andere Subcodes.

Die ästhetische Botschaft

Es hilft an dieser Stelle nicht, den Dogmatismus der Ideologie durch einen Avantgardismus zu ersetzen; führt dieser doch nur die Bildung von Deutungseliten fort. Die feministische Interpretation, die zum Erscheinen des Romans von Walter Jens in der FAZ geäußert wurde, war damals wie heute eine Fehllektüre. Sie kann allerdings nur schwerlich durch eine antifeministische Interpretation ersetzt werden. Das Problem an der ganzen Sache ist nicht das bessere Ergebnis, sondern das Ende einer Tätigkeit, die eigentlich nie beendet werden kann. In Das offene Kunstwerk spricht Umberto Eco von einer unendlichen Semiose, einem ewigen Weitergleiten des Sinns.
An anderer Stelle wird Eco in Bezug auf die Botschaft und den interpretierenden Codes deutlicher:
Das Verständnis der ästhetischen Botschaft basiert auch auf einer Dialektik zwischen Akzentuierung und Ablehnung der Codes und Lexika des Senders auf der einen Seite und Einführung und Zurückweisung von persönlichen Codes und Lexika auf der anderen Seite. Es ist eine Dialektik zwischen interpretatorischer Treue und interpretatorischer Freiheit: Einerseits versucht der Empfänger, die Aufforderung der Ambiguität der Botschaft aufzunehmen und die unsichere Form mit den eigenen Codes zu füllen; andererseits wird er von den Kontextbeziehungen dazu gebracht, die Botschaft so zu sehen, wie sie gebaut ist, in einem Akt der Treue gegenüber dem Autor und der Zeit, in der die Botschaft hervorgebracht worden ist.
(ES, 165)

Romane schreiben als Amateur

Ebenso deutlich wird Roland Barthes in seiner Vorlesung Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen:
Ich versetze mich in die Lage desjenigen, der etwas macht, nicht mehr desjenigen, der über etwas spricht: Ich untersuche kein Produkt, ich nehme eine Produktion auf mich; ich hebe den Diskurs über den Diskurs auf; die Welt kommt nicht mehr in Gestalt eines Objekts auf mich zu, sondern in der eines Schreibens, d.h. einer Praxis: ich gehe zu einer anderen Art des Wissens über (dem des ›Amateur‹, des ›Liebhabers‹), und gerade darin bin ich methodisch. »Als ob«: ist diese Formel nicht der eigentliche Ausdruck einer wissenschaftlichen Vorgehensweise, die in der Mathematik zu sehen ist? Ich stelle eine Hypothese auf und forsche, ich entdecke den Reichtum des sich aus ihr Ergebenden; ich postuliere einen zu schreibenden Roman und kann dergestalt hoffen, mehr über den Roman zu erfahren, als wenn ich ihn als ein bereits von anderen gemachtes Objekt betrachtete.
(Das Rauschen der Sprache, 320)

Praxis/Kritik

Wenn die Interpretation allerdings nicht beendet werden kann, lässt sich ihr „Wesen“ nicht in einem Ziel, in einem fertigen Produkt angeben. Sie ist eine Praxis ohne Abschluss, oder vielmehr ist sie eine Praxis, die nur gewaltsam unterbrochen werden kann, durch eine Art Tod. Allegorisch gewendet gleicht das Interpretieren dem Atmen.
Auch die Kritik „leidet“ an ihrer Erstarrung. Auch ihr kann eine Unendlichkeit, eine ewige Bewegung zugesprochen werden.
Hier verschmelzen die Metasemiose (bzw. Resignifikation) und die Kritik als semiologische Praxis. Dies werde ich im folgenden Artikel genauer beschreiben.

Weiter: Methoden der kritischen Genealogie

14.02.2016

Mrs. Todds Abkürzung - eine Erzählung von Stephen King

Neulich hatte ich mir ein Buch gekauft, über dessen Untertitel ich mich einigermaßen geärgert habe: Königin im Exil von George Martin und Gardner Dozois. Im Untertitel werden Kurzromane angekündigt. In Wirklichkeit handelt es sich um Erzählungen, allerhöchstens Novellen. Auch wenn der Seitenumfang kein wirkliches Kriterium ist, denn hier muss man tatsächlich auf den Inhalt achten (manchmal sind Prosatexte des gleichen Umfangs Novellen, manchmal Romane), sind die Geschichten in dem Band zu kurz. Lohnenswert ist diese Sammlung trotz allem, weil sie so viele verschiedene ErzählerInnen vereint.

Mrs. Todds Abkürzung

Die Erzählung von Stephen King ist eine klassische Erzählung aus dem Sammelband Blut. Sie behandelt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben weniger Personen, hat weitgehend ein einzelnes Thema, welches eine bestimmte Idee illustriert, und ist durch eine einzige Steigerung und einen einzelnen Höhepunkt (ohne Zwischenhöhepunkte, wie diese in Shining, Christine oder Das Bild zu finden sind) strukturiert. Sie ist keine short story, weil sie das Thema in gewisser Weise „sättigt“. Eine short story findet sich in dem Sammelband Blut im Text Hier seyen Tiger. Diese kleine Geschichte enthält eine Momentaufnahme und lässt den weiteren Verlauf offen. Nicht der Höhepunkt, sondern das bemerkenswerte Ereignis ist Inhalt einer short story. In Mrs. Todds Abkürzung ist die bemerkenswerte Stelle mit dem bemerkenswerten Ereignis nicht das Ende der Geschichte, und tatsächlich gibt es zwei bemerkenswerte Stellen (was die Handlung angeht): einmal auf S. 327: dort fahren Mrs. Todd und Homer durch einen befremdlichen Wald; und einmal ab S. 335: dort findet Homer auf dem Auto von Mrs. Todd seltsame Pflanzen und Tiere. Doch die Geschichte hat noch zwei andere bemerkenswerte Stellen. Der eine besteht aus der Passage, in der der zusammenfassende Satz der Geschichte besprochen wird (S. 333): Es gibt Löcher in der Mitte von Dingen. Und der andere Höhepunkt beschließt die Geschichte, nämlich dass Homer mit Mrs. Todd endgültig mitfährt und das banale Leben verlässt.

Die Rahmenerzählung

King benutzt in dieser Erzählung eine andere erzählerische Besonderheit: die Rahmenhandlung und den Erzähler als Zeugen. Der Erzähler macht in dieser Erzählung nichts; er ist nicht der Mittelpunkt, ja noch nicht einmal wirklich notwendig, und hätte leicht durch irgend eine andere Person ersetzt werden können. Dieser Erzähler bekommt eine Geschichte erzählt, die sich bis in die Gegenwart hinein erstreckt. In weiten Teilen gibt er das, was er erzählt bekommen hat, wieder. Dadurch bekommt die Geschichte einen „authentischen“ Charakter.
Formal spricht man hier auch von einer Rahmenerzählung, die die eigentliche Erzählung umschließt. Diese Struktur finden wir zum Beispiel auch bei Der Schimmelreiter oder Doktor Faustus. Sie korrespondiert relativ eng mit dem formalen Aufbau des Märchens, in dem die Rahmenerzählung zu einer Floskel („Es war einmal vor langer Zeit …“, „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“) erstarrt ist.

Maskerade und Besessenheit

Inhaltlich wird die Hauptfigur in einem Zwischenzustand von Maskerade und Besessenheit dargestellt. Mrs. Todd liebt es, schnell zu fahren, und sie ist ständig auf der Suche nach Abkürzungen, nach schnelleren Wegen. Nach und nach findet sie immer kürzere Wege, bis hin zu dem fantastischen Ereignis, dass sie eine Strecke fahren kann, die kürzer als die Luftlinie auf der Karte ist. Auf diesen Wegen durchquert sie nicht mehr die realen Orte, sondern ebenso fantastische und mystische Gebiete mit fantastischen Figuren (die lebenden Bäume, die riesige Kröte).
Die Erzählung bietet uns auch eine ganz konkrete Deutung an: Mrs. Todd ist eine motorisierte Diana, eine Göttin der Jagd, ein unabhängiges, wildes Wesen. In dieses verwandelt sie sich, sobald sie ihre Abkürzungen durch die Welt erreicht.
Die Erzählung lässt allerdings offen, ob die Protagonistin ihr wahres Wesen entdeckt oder nach und nach von ihrem Hobby besessen wird.

Die implizite Philosophie

Alles in dieser Geschichte dreht sich um Wege. Gleich zu Beginn lässt King seinen Erzähler sagen:
Sommergäste wie die Todds sind für die ständigen Einwohner kleiner Städte in Maine längst nicht so interessant, wie sie sich selbst einbilden. (306)
Nach einem illustrierenden Einschub fügt er hinzu:
Es ist einfach so, dass sie [die Sommergäste] auf anderen Rennbahnen unterwegs sind als wir [die Einheimischen]. (306)
Aber Mrs. Todd eben noch auf ganz anderen Wegen unterwegs, sogar auf anderen Wegen als denen der Sommergäste. Dies wird dann zusammengefasst durch den Spruch:
Löcher in der Mitte von Dingen. (333)
Die wesentlichen Dinge allerdings werden angedeutet. So wird Mrs. Todd immer jünger, schließlich auch Homer Buckland, der doch zunächst wesentlich älter, mehr als Großvater, denn als Vater erscheint. Ein unterschwelliges Thema ist also der Mythos vom Jungbrunnen und vom ewigen Leben.
Erzählungen führen philosophische Gedanken nicht zu Ende; sie geben ihnen eher neue Nahrung (wenn überhaupt). Trotzdem könnte man die Philosophie dieser Geschichte in einem (komplizierteren) Satz zusammenfassen: Wer in seinem Begehren nicht nachgibt, bleibt ewig jung, weil er die Brüche in den „Dingen“ entdeckt. (Diese Zusammenfassung ist auf der einen Seite Jaques Lacan und seinem Aufsatz Kant avec Sade, auf der anderen Seite Gilles Deleuze und seinem Die Dinge, die Wörter aufbrechen geschuldet.)

Schluss

Neben der Kritik an aktuellen Bezeichnungen des Genres schildere ich eine "vergessene" Erzähltechniken, die der Rahmenerzählung. Der Erzähler erlebt nur das Erzählen der Geschichte, nicht aber die Geschichte selbst. Dadurch kann sich der Erzähler relativ frei in seiner Geschichte bewegen und eigene Gedanken in Form von Reflexionen einschieben.
Ein Reiz der Erzählung besteht in ihrer "unvollkommenen" Philosophie: die Reflexionen des Erzählers lassen sich durch den Leser mühelos weiterführen. Damit gerät der Leser in eine noch überlegenere Position, als er sie sowieso schon durch die Handlungslosigkeit des Erzählers besitzt. Die Unbedeutendheit des Erzählers korrespondiert mit dem natürlichen Narzissmus des Lesers.

05.02.2016

Muster in der Geometrie

Die Programmiersprachen habe ich erst mal beiseite geschoben. Vorgestern hatte ich noch einige ganz gute Einfälle und einige schöne Sachen ausprobiert. So langsam nähere ich mich doch einem guten Verständnis der unterschiedlichen Programmiersprachen. Trotzdem bleibt Java für mich weiterhin die attraktivste Sprache, weil ich sie für mein Wunschprogramm am tauglichsten halte. Aber das ist eine andere Sache.

Übersetzen

Programmieren hängt für mich seit langer Zeit mit der Kognitionspsychologie zusammen. Neuerdings finde ich Wechselwirkungen zur Geometrie. Ein Teil meiner Kommentare, die ich in den letzten Tagen verfasst habe, haben die Strukturen der Programmiersprachen in die Sprache der Geometrie übersetzt und umgekehrt. Solche Übersetzungsprozesse sind wichtig, weil sie neue Felder an bereits Bekanntes anschließen. Tatsächlich verdanke ich einige wichtige Fortschritte meiner Beschäftigung mit der Geometrie. Und man unke jetzt bitte nicht, Geometrie für die zweite Klasse sei doch einfach. Inhaltlich, von den rein mathematischen Aspekten, ist sie das natürlich. Aber das ist natürlich nur die Oberfläche. Wie in jeder Disziplin müssen auch hier die Kinder sich die Strukturen nach und nach aneignen.

Muster

Ein hartnäckiges Problem dabei ist, und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben, dass der Begriff der Struktur, bzw. des Musters, vieldeutig ist. Dies fällt mir insbesondere in der Mathematikdidaktik auf. Diese nutzt offensichtlich zwei komplett verschiedene Begriffe, nämlich einmal als die Muster, die auf dem Papier zu finden sind, und einmal als die Muster, die im Kopf eines Kindes entstehen.
Muster auf dem Papier entstehen durch Wiederholungen. Wir können mit ihnen umgehen, indem wir Gleichheiten oder hinreichend große Ähnlichkeiten entdecken. Muster im Kopf dagegen scheinen vor allem Kräfte (oder wie auch immer man das nennen möchte) zu kanalisieren. Sie entstehen nicht durch Wiederholung, sondern durch Begrenzung (vgl. dazu Luhmann, Niklas: Soziale Systeme 1988, S. 73).
Doch wenn man sich meine Argumentation genauer ansieht, merkt man, wie ungenau sie ist. Auch ein Muster in der Umwelt muss wahrgenommen werden. Es existiert nicht unabhängig von einer Beobachtung durch ein lebendes System. Gehen wir davon aus, dass lebende Systeme sich generell durch Musterbildung an sich selbst binden, dann sind beide Arten von Mustern Phänomene lebender Systeme.
Bei den Mustern, die durch Wiederholung beschrieben werden, handelt es sich offensichtlich um Rekonstruktionen von Sinnesreizen und ihre Projektion. Die Muster, die unser Denken ausmachen, und durch die unser Denken sich an sich selbst bindet, liegen gleichsam auf der Rückseite dieser Projektionen. Insofern scheinen die beiden Arten ineinander zugreifen: das einschränkende Muster ermöglicht das wiederholende Muster, während sich über das wiederholende Muster das einschränkende Muster beobachten lässt.

Tiefengrammatik

Dies erinnert an die Tiefengrammatik bei Wittgenstein. Diese ist ein recht seltsames Phänomen. Auf der einen Seite scheint sie im Gebrauch der Sprache auf, ist also an die Handlungen gebunden, auf der anderen Seite verbirgt sie sich aber in den Strukturen, die gerade diese bestimmten Gebrauchsweisen ermöglichen, die den jeweiligen Wörtern zukommt, während sie alle anderen Gebrauchsweisen ausschließt. Wie ich zum Beispiel „Haare tanzt Berge zurück.“ in einer Situation verwenden kann, in der ich Beispiele für sinnlose Sätze gebe; derselbe Satz lässt sich aber keineswegs im Mathematikunterricht oder an der Supermarktkasse verwenden, jedenfalls nicht mit beliebigen Folgen. Offensichtlich werden Aussagen in bestimmten Situationen in bestimmte Richtungen dirigiert, ohne die Folgen vollständig festzulegen.

Die Kunst der Geometriedidaktik

Offensichtlich besteht das große Problem der Geometriedidaktik darin, auf die Wiederholungsmuster zu zeigen, aber die Einschränkungsmuster beizubringen. Der notwendige Zwischenschritt scheint durch Handlungsanweisungen gebildet zu werden. Indem man den Kindern den Umgang mit bestimmten Formen auf eine bestimmte Weise beibringt, bilden sich innere Repräsentationen der Gegenstände aus. Doch ganz so einfach ist es doch nicht. So ist es unmöglich, zwei kompakte Körper ineinander zu stecken. Ich kann mir das zwar in Gedanken vorstellen; aber in der Wirklichkeit, ob ich diese nun direkt wahrnehme, oder sie nur in meinem Kopf rekonstruiere, gelingt mir das nicht.
Auf irgend eine Weise geht also doch eine Realität dort draußen. Wenn sie sich schon nicht in ihrer positiven Art offenbart, so doch in ihrer Widerständigkeit. So wenig ich ein Marmeladenglas durch die geschlossene Kühlschranktür in den Kühlschrank befördern kann, so wenig räumt sich mein Bücherregal während meiner Abwesenheit von selber auf. Das Material besitzt Eigenschaften. Vielleicht lassen sich diese Eigenschaften nur durch ihren Widerstand gegen meine Handlungen rekonstruieren und werden in ihrer Objektivität nur projeziert.
Ich frage mich zur Zeit, ob dies für den Unterricht eine wesentliche Rolle spielen muss. – Aber so weit ist meine Arbeit noch nicht gediehen.

02.02.2016

Feinstoffliche Grenzen

Ich gestehe.
Was? – Ich habe zahlreiche Bücher von Sloterdijk gelesen; ich mag seine Bücher, ich mag die Art, wie er schreibt, ich mag, was er schreibt. Gerade habe ich mir sein Buch Eurotaoismus zugelegt. Hineingeschaut habe ich noch nicht. Die Geometrie, bzw. die Mathematikdidaktik, ihr wisst schon, ihr kennt meine Klagen.

Flüchtlingspolitik

Nun meldet sich Peter Sloterdijk zur Flüchtlingspolitik zu Wort, behauptet einen Souveränitätsverzicht und konstatiert eine Überrollung Deutschlands. Man habe, so lese ich, das „Lob der Grenze“ nicht gelernt, in Deutschland. Und man glaube, in Deutschland, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“.
Ich kann mich nicht zu den größeren politischen Implikationen Sloterdijks äußern. Gerade weil ich Sloterdijk mag, gerade weil ich aber auch seine Äußerungen für „schwierig“ halte, spüre ich meine geradezu katastrophale Unbelesenheit, was politische Denker betrifft. Und was das Wort „schwierig“ angeht, so ist dies natürlich nur ein Hilfsmittel, um mich aus der Affäre zu ziehen. Flüchtling, der ich bin. Flüchtling im Lande der rhetorischen Analyse, weil ich in der politischen Philosophie nicht oder zu wenig beheimatet bin.

Grenzen

Seltsamerweise hat mir meine Ex-Frau eine Erfahrung ermöglicht, die, wie viele der Erfahrungen, die sie mir ermöglicht hat, unangenehm ist, die für mich aber sehr fruchtbar war. Damals, als sie noch meinte, kommunistisch zu sein (aber der Übergang zum paranoiden und faschistischen Denken war ihr längst gelungen), besuchten wir die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Frankfurt. Und dort hielt ein Irgendwer eine Vorlesung über ein Irgendwas, in der er scharf die nationalen Grenzen Deutschlands angriff.
In der darauf folgenden Diskussion warf ich ihm vor, dass er die Grenzen zu materialistisch denken würde. Die Grenzen des Nationalstaates sind eben nicht durch ein Territorium, einen konkreten Boden, definiert. In der anschließenden Beschäftigung mit dem, was Grenzen überhaupt sein können, konnte ich zumindest formulieren, dass die Grenzen des Nationalstaates auf der einen Seite natürlich materialisiert worden sind, aber dies nur zu einem kleinen, geradezu lächerlich geringfügigen Detail. Der größere Teil eines Nationalstaates schafft sich seine Grenzen über Gesetze, Zugänglichkeit, Mitwirkungen.
So gesehen sind Grenzen nicht materiell verfügbar, sondern über Kommunikation geschaffen. Selbst semantische Oppositionen (zum Beispiel Mann/Frau oder Deutscher/Ausländer) sind noch zu grob gedacht: dahinter stehen immer Strukturen, die sich aus Operationen bilden und eigendynamisch entscheiden, was dazu gehört und was nicht. Anscheinend halten es solche Strukturen aber nicht aus, feinstofflich zu sein. Sie imaginieren sich eine Materialität. Und so scheint es das Schicksal von Sloterdijk zu sein, dass er seine eigenen wortgewaltigen Analysen der politischen Metaphorik nicht aushält und in die groben Gefilde eines vulgären Marxismus zurückfällt.
Grenzen, um nicht einfach nur bei einer Polemik stehenzubleiben, sind immer Grenzen von irgendwem. Sie werden besetzt und besessen, nicht aufgrund einer physikalischen Eigenschaft, sondern aufgrund einer konstruierten Bedeutung. So, wie Sloterdijk sich im Moment äußert, referiert er aber auf materialisierte Grenzen, die a priori bestehen. Und genau so funktionieren die Grenzen des Nationalstaates eben nicht. Sie sind feinstofflich, operationalisiert. Sloterdijk müsste dies eigentlich wissen.

Materialismus

Was hatte man Niklas Luhmann nicht alles vorzuwerfen! Neoliberal sei er, unpolitisch. Doch einmal mehr bewundere ich ihn dafür, dass er es geschafft hat, die Gesellschaft auf Ereignisse zurückzuführen, sie an ihre eigenen Ereignisse zu binden, nicht an ihre Materialität. So spielt der Nationalstaat bei Niklas Luhmann lediglich eine Rolle, solange er eine Idee ist. Er ist ein kommunikatives Ereignis, keine materielle Tatsache. Sloterdijk, der Luhmann scharf angegriffen hat (und zu Recht), scheint dies vergessen zu haben. Seine jüngsten Aussagen spielen einem Materialismus, der so selbst nicht von Karl Marx vertreten wurde, in die Hände. Dies beginnt mit der Aufforderung, ein Staatsoberhaupt (Angela Merkel) solle die Souveränität eines Staates garantieren. Und endet längst nicht damit, es gäbe so etwas wie ein „deutsches Bewusstsein“, welches von „Flüchtlingen“ überrollt werden könne.

01.02.2016

Unity und C#

Eigentlich ...
Also, eigentlich wollte ich ... und das kennt ihr ja von mir, mein persönlicher running gag. Eigentlich wollte ich noch ein paar Notizen zur Geometrie einspeichern und weiter durchkommentieren. Eine Kollegin hatte mir noch Fördermaterial für Mathematik in der 2. Klasse auf den Schreibtisch gestellt.
Aber natürlich habe ich mich dann, sobald ich zuhause war, erstmal ans Stöbern gesetzt, mich über die AfD dermaßen geärgert (Schießbefehl! aber das wurde ja schon lang und breit besprochen), und einiges anderes mehr. Irgendwelche dämlichen Posts auf facebook, die nur glauben, sie seien cool, in Wirklichkeit aber ziemlich beleidigend sind; oftmals gegen Claudia Roth: wobei ich nicht weiß, wie man sich auf einen solchen Hass auf eine einzelne Frau eineichen kann, noch dazu auf einen solch argumentationslosen Hass.

Aber es gibt auch diese ganz andere Seite von mir: den (laienhaften) Programmierer. Zunächst habe ich ein wenig mit Python herumgespielt. Die Sprache ist einfach. Dann habe ich mich an Unity erinnert, mit dem ich schon mal vor ein paar Jahren herumgespielt hatte. Das habe ich mir jetzt wieder installiert und einen Kurs dazu gekauft. Sprache in Unity ist C#, was ich mal ähnlich gelernt habe, als C++ von Borland, damals 1990, während meiner Lehrzeit. Lange ist es her.
Der Kurs findet sich auf Udemy und führt in die Spieleprogrammierung mit Unity ein. Der Sprecher ist angenehm, die Inhalte gut dargestellt. Gerade schaue ich mir die ganzen Befehle von C# an, was langweilig ist, denn das kenne ich schon.

24.01.2016

Indirektes Sprechen. Vielstimmigkeit bei Nietzsche

Dann bin ich doch noch bei der Philosophie hängen geblieben. Geärgert habe ich mich. Von Werner Stegmaier lese ich Friedrich Nietzsche zur Einführung. Dieser schreibt dort: „»jede Macht«, so Nietzsche in JGB 22, zieht »in jedem Augenblick ihre letzte Konsequenz«“ (127).
Betrachtet man aber jene Stelle bei Nietzsche, so ist dies einer jener Aphorismen, die Zweifel säen, ohne etwas Positives dagegenzusetzen. Sicherlich macht Nietzsche sich hier über die Physiker lustig und ihre moralische Auslegung der Naturgesetze. Den Physikern hält er dann eine unübliche Ansicht entgegen, aus der jenes Zitat oben stammt: doch nicht er lässt sich sprechen, sondern „jemand“ spricht.
Den Naturgesetzen der einen Interpretation hält er eine Vielfalt von Mächten entgegen, die sofort ihre letzte Konsequenz ziehen und damit dann als Regel aus der Welt verschwinden. Doch den ganzen Aphorismus schließt Nietzsche mit den Worten ab:
Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist – und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? – nun, um so besser. –
Am Ende steht der Zweifel, die Offenheit für eine dritte und vierte Interpretation.
Gleich zu Beginn des Aphorismus redet Nietzsche von schlechten Interpretations-Künsten. Wohl darf man den Text in die eine oder andere Richtung beugen, nachdem man ihn gründlich gelesen hat; aber ihn ganz herauszureißen aus dem Zusammenhang, dies erinnert doch sehr an einen Aphorismus von Nietzsche, den Stegmaier selbst zitiert:
Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: Sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze. (MA II, VM 137)
Das ist so schade: bei Nietzsche sprechen so viele Stimmen, so viele zärtliche und so viele gewalttätige, so viele dreiste und so viele vorsichtige, und über große Teile hinweg vermittelt dies Stegmaier auch in seinem Buch. Aber letzten Endes konnte er sich doch hier und da nicht über eine oberflächliche Geste hinwegsetzen und musste sie ausführen. Der einzige Trost ist, dass diese Stelle, die er mit groben Fingern und schweren Füßen auslegt, längst nicht so tauglich für die Massenmedien und den allgemeinen Pöbel ist wie jenes: Gehst du zum Weibe, vergiss nicht die Peitsche.

Lebenszeichen oder was?

Zwei Wochen lang hatte ich jetzt fast jeden Nachmittag Elterngespräche. Ich war (und bin) verschnupft, teilweise waren meine Stirnhöhlen dicht. Unangenehm. Ich arbeite weiter an der Mathematikdidaktik, allerdings auch viel an der Methodik. Das ist eine wunderbare Beschäftigung; gelegentlich ist es anstrengend, da ich ins Assoziieren komme. Dann entstehen viele Kommentare drumherum, mal zum kreativen Schreiben, mal zur rhetorischen Analyse, mal zu dem einen oder anderen Philosophen (viel Wittgenstein, viel Nietzsche).
Zum Lesen komme ich eigentlich gar nicht (sieht man von den Grundschulwerken für Mathematik ab). Neben meinem Schreibtisch liegt Königin im Exil, eine von George R. R. Martin und Gardner Dozois herausgegebene Anthologie von „Kurzromanen“ (es handelt sich aber eigentlich um Erzählungen). Zwei Erzählungen habe ich gelesen (die ersten beiden), beide waren in Ordnung; mitgerissen haben sie mich nicht.
Gestern Abend ein wenig Java programmiert. Es bleibt beim Niveau eines interessierten Laien; ansonsten müsste ich wohl mehr programmieren, mehr ausprobieren. Immerhin habe ich es geschafft, einen Kreis in einem Fenster zu bewegen. Das ist so eine Art Vorübung gewesen. Da ich mit meinem Texteditor zur Zeit nicht weiterkommen, da ich mich mit einfacheren Sachen herumschlagen sollte, habe ich jetzt vor, ein paar Sachen mit Grafik zu programmieren und mir mit dem Prinzip des OOP sicherer zu werden. Vielleicht werde ich dafür Zeit finden.

17.01.2016

Kritik und Norm

Wenn man die Politik oder die Teilhabe am Politischen in verschiedene Tätigkeiten einzuteilen sucht, dann steht die Kritik als ein relativ eigenständiges Gebiet da. Um dies deutlich zu machen, werde ich zunächst in aller Knappheit zwei normative Felder des Politischen umreißen: die Vertragslehre und die Tugendlehre.

Vertragslehre

Ein praktisches Gebiet der Politik ist zum Beispiel die Vertragslehre; der Staat hat etwa die Sicherheit von Verträgen zwischen Menschen zu fördern und sie bei Streitigkeiten in einen geregelten, nicht-gewaltsamen Prozess zu überführen: dazu dienen Gerichte (obwohl Niklas Luhmann schreibt, dass der Weg zu einem Gerichtsprozess auch durch Entmutigungsschwellen gebremst wird). Es gibt auch einen Vertrag zwischen dem Staat und seinem Bürger, der nicht ausgesucht oder gar abgelehnt werden kann. Schließlich existiert mit den Menschenrechten eine Art Nachfolger des Gottesrechtes: dieses band den einzelnen Menschen zunächst und vorrangig an Gott. Es wurde durch das Naturrecht, dann durch die Menschenrechte abgelöst.

Pflichten

Mit der Vertragslehre geht eine Fremdverpflichtung einher, der eine Selbstverpflichtung gegenüber steht. Der Mensch ist in dem Maße an fremde Pflichten gebunden, wie diese zugleich eine gewisse, gleichmäßig verteilte Freiheit gewährleistet. Freiheit drückt sich in einer Selbstverpflichtung aus, die auf eine bestimmte Form, sein Leben zu leben, zielt; man hofft dabei dann auf etwas Bildung und einen vernünftigen Gebrauch, zum Beispiel die Akzeptanz anderer Lebensformen, selbst wenn man sein eigenes Leben streng christlich leben möchte. Kant nennt dies (in etwa) sittliche Autonomie.
Freiheit besteht dann nicht direkt in einer Beliebigkeit, sondern darin, sich auf bestimmte Tugenden oder Ideen festzulegen und diese vorbildlich zu leben. Bei Aristoteles wurde dies noch durch die Ethik und deren Praxis, der Tugendlehre, abgedeckt, während in der Neuzeit Tugenden vor allem als Ideen begriffen wurden, denen sich ein Mensch verschreibt.
Aber genauso wie der Staat gegenüber seinen Bürgern zuverlässig zu sein hat, genauso, wie die Bürger, in Form des Gehorsams, dem Staat gegenüber zuverlässig sein müssen, so regeln die Tugenden die Zuverlässigkeit im zwischenmenschlichen Verkehr.

Kritik

Grenze zwischen Fremd- und Selbstverpflichtung

Die Grenzen zwischen der Fremd- und Selbstverpflichtung sind offen und strittig. Die Möglichkeit, eine Tugend zu leben, deckt sich nicht mit den Grenzen der Freiheit. Die Freiheit kann in ihren Grenzen nicht ausgenutzt werden: man kann nicht alle Instrumente spielen, nicht alle Bücher lesen, nicht alle Berufe ergreifen; man legt sich fest. Oftmals ist sie aber auch nicht vom Staat beschränkt, sondern von den ökonomischen Mitteln: mehr als eine Bildungsreise im Jahr gibt das Portemonnaie nicht her. Doch das fällt natürlich nicht in den Bereich der Tugenden. Man kann auch mit einem schmalen Geldbeutel Gebildetheit als Idee weitestmöglich verwirklichen.

Adressaten der Kritik

Kritik nimmt in dieser Konstellation einen merkwürdigen Status an: sie bezieht sich auf die Grenzen der Freiheit, denn mal erscheinen diese zu weit, mal zu eng; und sie bezieht sich auf die Verwirklichung dieser Freiheit, denn mal gebraucht ein Mensch diese Freiheit zu viel, mal zu wenig (aber es ist natürlich noch komplizierter: denn der Mensch kann sich gegenüber dem Staat und/oder gegenüber seinen Mitmenschen so positionieren, dass man es kritisieren muss).
Man kann dies ganz gut an der Debatte um die Flüchtlinge sehen: es gibt eventuell gute Gründe, gegen die relativ offene Einreise von Flüchtlingen zu sein; dies besagt aber noch nicht, dass man gegen den einzelnen Flüchtling etwas austragen darf, was man dem Staat anlastet. Mit anderen Worten ist die Kritik an Regierungsentscheidungen noch kein Rassismus; er wird es aber, wenn sie auf die flüchtenden Menschen verschoben und an diesen ausgetragen wird. 
Kritik richtet sich demnach nicht nach dem Thema, sondern nach den tatsächlichen oder möglichen Verträgen.

Mit oder gegen die Norm?

Verträge bilden mehr oder weniger andauernde Normen. Ein Kassenbon etwa ist der Vertrag zwischen Geschäft und Kunden, dass die Ware mit der Bezahlung dem Kunden gehört, das Geld dem Geschäft. Die Norm, die hinter diesem Vertrag steht, dürfte recht schnell vergessen sein. Im Grundgesetz etwa steht der Satz: "Eine Zensur findet nicht statt." Wohl aber kann sich eine Rechtsperson entscheiden, ein Buch wie Die große Verschwulung zu ignorieren und sogar aus einem puren Vorurteil zu ignorieren ("Ich lese keine Bücher von Möchtegern-Deutschen!", oder "Wir verkaufen keine Bücher von Menschen, die für Asylanten Gaskammern zurückwünschen."). Diese Norm jedenfalls ist auf Dauer gestellt; weder darf heute noch morgen zensiert werden.
Kritik positioniert sich gegenüber solchen Normen in mehrfachem Sinne: einmal ist der Sachbereich zu ausgedehnt oder zu wenig ausgedehnt (die bürgerliche Ehe muss auch für Homosexuelle gelten; Asylanten dürfen keinesfalls arbeiten); ein anderes Mal ist die Dauer zu lang oder zu kurz (Sexualstraftäter müssen lebenslang eingesperrt bleiben, das Kündigungsrecht von Nutzungsverträgen und Abonnements muss innerhalb von zwei Wochen möglich sein).
Kritik wird nicht von einer Norm bestimmt, sondern von dem Verhältnis zwischen Vertretern unterschiedlicher Normen. Häufig scheint es so, als würde der Kritiker eine absolute Wahrheit oder eine Art Naturgesetz vertreten. In Wirklichkeit behandelt er eine relativ schwierig zu bestimmende Beziehung zwischen sich und einem Vertreter einer anderen Art von Norm. Dies macht Kritik so schwierig zu fassen: sie betrachtet ein Verhältnis zweier Normen normativ. Ich bin mir bei diesem Argumentationsschritt zwar nicht sonderlich sicher, aber man könnte hier eine Vermischung logischer Ebenen befürchten.

Hetero- und Homonormativität

Wie befremdlich und wie verdrehend eine solche Kritik dann werden kann, kann man an dem Artikel sehen, mit dem David Berger Pirinçci verteidigt. Zwar kritisiert er die Homonormativität zurecht; mein schwuler Nachbar war vor drei Jahren mal so richtig genervt, als bei den deutschen Teenie-Mädchen Teen Wolf (die Serie) zu einem absoluten Hit wurde und jedes dritte Mädchen plötzlich einen gut aussehenden schwulen Freund haben musste. Aber stattdessen den Homosexuellen eine Heteronormativität zu unterstellen, ist auch nicht besser.
Ein anderer Aspekt betrifft die Sichtbarkeit von Homosexuellen. Dass diese in der Stadt sichtbar sein dürfen, heißt noch nicht, dass sie auf jegliche Art und Weise sichtbar sein dürfen. Die Sichtbarkeit von Intimität ist normiert. Sie wird bei Frauen und Männern unterschiedlich behandelt; schon das ist fragwürdig. Allerdings ist das Zeigen von Zuneigung zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit oftmals großzügiger behandelt als zwischen zwei Männern. Ob umgekehrt auf einem öffentlichen Umzug wie dem CSD jegliche Art sexueller Praxis gezeigt werden muss, finde ich strittig. Ich halte es jedenfalls nicht für wünschenswert, wenn eine Tanztruppe erigierte Penisse durch die Gegend schwenkt, auch wenn diese nur aus Schaumstoff sind.
Natürlich muss man sich über die Normen der Sichtbarkeit unterhalten. Die Grenzen zwischen einer öffentlichen Akzeptanz und einer privaten Intimität sind aber sinnvoll. Ich muss mir nicht alles ansehen; manches kann ich auch akzeptieren, weil es irgendwo anders existiert.
Die beiden Beispiele zeigen aber, wie schwierig es ist, einer Normativität auszuweichen; es ist auch fraglich, ob dies überhaupt wünschenswert ist. Aber gerade das zweite Beispiel zeigt, dass die Normativität zwar restriktiv ist, aber dies weitestgehend für eine Allgemeinheit. Sexuelle Handlungen, die medial verbreitet werden, gelten immer noch als Pornographie und sind damit von einer frei verfügbaren Veröffentlichung ausgeschlossen.

Differenzierungen

Zugleich kann man an diesem Beispiel auch zeigen, dass die Kritik nicht dem ganzen Menschen gilt, sondern nur bestimmten Verhältnissen; so, wie es verschiedene Verträge zwischen denselben Menschen geben kann. Das Einverständnis, miteinander Sex zu haben, ist etwas anderes, als die Beobachtung sexueller Handlungen aufgedrückt zu bekommen. Und genau so, wie es mich nichts angeht, wie zwei andere Menschen miteinander Sex haben (obwohl es hier Ausnahmen gibt, im Falle von möglichen Straftaten), scheint umgekehrt diese unsichtbar bleiben zu müssen, damit sie mich nichts angeht.
Davon unberührt sind andere mögliche Verhältnisse und Verlässlichkeiten, die zwischen homosexuellen und heterosexuellen Menschen möglich sind; sollten diese kritisierenswert sein, müssten sie auf andere Art und Weise kritisiert werden als das Öffentlichmachen sexueller Orientierung.

Fazit

Auf eigenartige Weise stellt sich die Kritik quer zu Verpflichtungen, seien es Fremd-, seien es Selbstverpflichtungen. In gewisser Weise sind Pflichten absolut; sie relativieren sich durch die zeitliche Begrenzung. Die Kritik setzt solche Pflichten (oder Normen) in Beziehung.
Unklar ist mir, auf welche Art Kritik in solche Beziehungen eingreift. Kritik muss sich selbst auf bestimmte Normen verlassen. So jedenfalls habe ich es in der Vergangenheit gemacht: entweder habe ich mich bei den impliziten Normen der rhetorischen Analyse (oder einer anderen wissenschaftlichen Praxis) bedient oder bei den expliziten Normen der Menschenrechte. So scheint hinter jeder Kritik eine andere Norm zu stecken, so dass auch die Kritik selbst darauf beruht, eine Verpflichtung einzugehen.