18.12.2014

Zeichnen üben

Ich komme zu wenig oder gar nichts. Hatte ich noch vorletzte Woche Zeit genug, um intensiver in meinem Gramsci herumzustöbern, liegen dessen Bücher jetzt relativ ungenutzt neben meinem Schreibtisch. Hauptsächlich bin ich gerade mit den Terminen für die Zeugnisse zugange. Hier möchte ich nichts falsch machen und trage mir jeden wichtigen Termin in drei verschiedene Kalender ein. 

Auf Zetteln zeichnen

Ich hatte in meinem letzten Beitrag vorgeschlagen, Zettel vom Notizblock für Zeichenübungen zu nutzen. Das halte ich auch zur Zeit ganz gut durch. Für Übungen sind Wiederholungen wichtig. Dazu lege ich mir die bereits angefertigten Skizzen und Übungen vor mich, leere Notizzettel daneben, und dann fertige ich den Zettel einfach noch mal an.
Auf dreien dieser Zettel habe ich zum Beispiel die Grundformen skizziert, die Martin Haussmann als Grundvokabular für seine visuellen Notizen nimmt. Diese drei Zettel habe ich mittlerweile mehrmals wiederholt, wobei ich einzelne grundlegende Figuren, wie zum Beispiel die gepunktete Linie oder die Gedankenblase noch einmal auf Extra-Zetteln geübt habe. Diese beiden Formen gelingen mir nur sehr mäßig, während ich mittlerweile Glühbirnen, Wecker und Totenköpfe recht zuverlässig und einander sehr ähnlich zeichne.
Trotzdem werde ich meinen wachsenden Zettelhaufen als Übungsform beibehalten. Es geht eben nicht darum, etwas ganz präzise abzuzeichnen, sondern bei der raschen Skizze ein Selbstverständnis zu erreichen. 

Abzeichnen

Ich zeichne relativ viel ab. Zum einen sind das die von Haussmann vorgeschlagenen visuellen Grundformen, Quader, Dreiecke und Kreise in verschiedenen Größen, typische Symbole wie das Pluszeichen oder Buchstaben; dazu entwerfe ich aber auch immer wieder Kombinationen, etwa Sprechblasen, auf deren Rand verschiedene Symbole sitzen, so dass ich später solche Kombinationen, wenn sie angebracht erscheinen, leichter verwenden kann. Dann gibt es einige Kritzeleien, die ich ganz sinnvoll fand, und die ich mittlerweile auch zum dritten Mal „abzeichnen“, wobei ich mir hier einige Freiheiten lassen, also keine exakte Kopie anfertige. Ich nutze Ikone aus dem Internet, sowohl Smileys als auch sehr typisierte Gegenstände. Schließlich kopiere ich Logos von Firmen, zum Teil aber auch besondere Buchstaben. 

Von der Mindmap zum Infogramm

Dazu bin ich bisher nur in einem einzigen Fall gekommen. Aus meiner aktuellen Lektüre habe ich eine Mindmap erstellt und diese dann in zwei Schritten zu einem Infogramm umgestaltet. Dazu eignen sich solche kleinen Zettel hervorragend, weil sie zugleich eine scharfe Auswahl dessen erfordern, was man visualisieren möchte. Und selbst, wenn man einen komplexen Sachverhalt nacheinander auf mehreren Zetteln skizziert, muss man hier immer sehr reduziert vorgehen.
Die Übersetzung in ein Schaubild ist zugleich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Insofern ist diese Technik tatsächlich ein wunderbares Hilfsmittel, um schwierige Textpassagen auszuwählen oder längere Textpassagen zusammenzufassen. 

Farben und Stifttypen

In den letzten zwei Tagen habe ich zwischen Bleistift, Kugelschreiber und Filzstift hin- und hergewechselt. Gestern habe ich dann auch zwei Zeichenflächen mit dem Programm SketchBook und meinem SketchPad vollgezeichnet, allerdings auch mit den einfachsten Figuren, die Haussmann anbietet. Heute dagegen hatte ich gar keine Zeit dazu.
Dafür habe ich mir einen kompletten Satz mit farbigen Finelinern gekauft und einige der Zeichnungen farbig ausgestaltet. Einige ist allerdings recht ungenau: es sind genau drei Zettel entstanden. Den Rest des Abends habe ich mit Vor- und Nachbereitungen verbracht.
Insofern freue ich mich tatsächlich auf die Ferien: die habe ich endlich Zeit, mich intensiver mit solchen wichtigen Techniken auseinanderzusetzen und eventuell sogar einige Produkte anfertigen zu können.
Heute Morgen sind in der Bahn dazu zwei kleine Skizzen, noch ganz unfertig, zum Grammatikunterricht entstanden. Solche Sachen würde ich gerne möglichst intensiv ausarbeiten.

15.12.2014

Denken mit dem Stift

Dies ist eine Seite aus dem Buch UZMO - Denken mit dem Stift von Martin Haussmann.

Nun dürft ihr mich unken hören, dass Menschen, die nur mit dem Stift denken, statt mit dem Gehirn, gar nicht denken, sondern bloß kritzeln. Und tatsächlich sollte man dieses Buch nicht nach seinem Titel beurteilen. Richtig allerdings ist, dass der Autor, hervorragend, wie ich finde, erläutert, wie Visualisierungen beim Denken helfen können, als Übersicht und Struktur, als Medium für semantische Experimente, als Hilfe für das Gedächtnis.

Der Aufbau des Buches I

Das Buch ist hoch strukturiert, dabei aber insgesamt sehr spielerisch. Für ein Buch über Visualisierungen zeigt es erstaunlich viel Text. Das funktioniert allerdings wunderbar, weil es zugleich sehr großzügig gestaltet ist, so dass es sich leicht lesen lässt. Für ein Buch, das vor allem für Coaches, Management-Trainer und sogenannten Experten geschrieben ist, enthält es erstaunlich viele konkrete Informationen und so gut wie gar keine befremdlichen Vokabeln, hinter denen sich entweder gar nichts oder ein längst abgelatschter Stiefel verbergen. Man hat es also mit einem angenehm sachlichen und praktischen Buch zu tun. Ich befürchte, dass die Hälfte dieser sogenannten Experten dieses Buch als zu kompliziert empfinden wird, obwohl es einfach geschrieben ist (aber zu konkret und ohne diese Party-Vokabeln).

Der Aufbau des Buches II

Das Buch ist im Querformat gedruckt, so dass es aufgeschlagen sehr breit auf dem Schreibtisch liegt. Zudem kommen zwei Klappseiten im Einband dazu. Ungeachtet dessen ist es aber ganz handlich.
Es gliedert sich in sechs Kapitel, von denen das erste die Rolle der Visualisierung in der heutigen Welt reflektiert. Die beiden nächsten Kapitel stellen zum einen die Grundelemente der Visualisierung vor und dann die Verbindung von Inhalt und Darstellung. Die anderen drei Kapiteln zeigen den Einsatz beim Präsentieren, Dokumentieren und Erkunden.
Zudem gibt es einen ausführlichen Anhang, der schöne Tricks für das Präsentieren verrät.

Beispiel I: Zeichnen Sie live

Das ist so klar wie Kloßbrühe. In der Lehrerausbildung ist dieses Prinzip seit über 100 Jahren bekannt. Seit Mitte der sechziger Jahre nennt man Tafelbilder, die man während des Unterrichts erstellt, genetische Tafelbilder. Wem die Erklärung in den Pädagogikbüchern dazu zu mager sind, findet hier ein hervorragendes Buch, um sich mit der Gestaltung von Tafelbilder auseinanderzusetzen.
Die Empfehlung ist aber auch deshalb sinnvoll, weil in den letzten Jahren PowerPoint geradezu unmäßig verwendet wurde. Zudem ist PowerPoint relativ unflexibel, wenn man während des Unterrichts auf die Äußerungen von Schülern und Studenten eingehen möchte. Es ist vor allem peinlich, wenn ein Dozent während des Unterrichts die PowerPoint-Präsentation ändern möchte und mit dem Programm nur mäßig umgehen kann. Das habe ich einmal erlebt.
Eine Tafel, farbige Stifte und ein Wischtuch, sowie eine mäßige Fähigkeit zum Zeichnen tun hier alle mal besser ihr Werk.

Beispiel II: der Spaghettitopf

So nennt der Autor Schaubilder, auf denen alles durcheinander läuft, als habe man einen Topf voller Spaghetti vor sich. Solche Schaubilder sind wohl das, was eine PowerPoint-Präsentation so ärgerlich machen.
Da ich selbst zu solchen Skizzen neige, wenn ich mir versuche, eine schwierige Textstelle auseinanderzupflücken, fand ich gerade diesen Abschnitt besonders anregend. Ein ganz wichtiger Aspekt, der mir gestern geholfen hat, war die Verbildlichung bestimmter Ideen. Schon allein dies bringt eine gewisse Übersicht selbst in ein sehr chaotisches Cluster. Der Autor bezeichnet dies als visuelle Anker.
Das ist allerdings nur einer von zahlreichen Tipps dazu.

Beispiel III: Infogramme

Gleich im Anschluss daran zeigt der Autor, wie man Infogramme entwickelt. An einem kurzen Textausschnitt demonstriert er, wie man über acht sehr praktische Schritte zu einem Infogramm kommt. Das ist übrigens eine Technik, die ich gerne meinen Schülern beibringen würde. Zum Teil wird diese schon intuitiv beherrscht. Etwas mehr Systematik wäre allerdings hilfreich. Mal sehen, wie ich diese in den Unterricht einbringen kann.

Visuelle Vokabeln

Ein großer Pluspunkt ist die (allerdings eigentlich sehr bekannte) Idee, seine Zeichnungen aus Grundelementen zusammenzusetzen. Dies erklärt der Autor schön, allerdings auch etwas knapp, da gerade das Zeichnen von Piktogrammen vielen Menschen Mühe bereitet. 

Schwachstellen

Ich möchte dieses Buch nicht über den grünen Daumen loben (oder heißt es: den grünen Klee?). Mit Sicherheit wird sich der eine oder andere an diesem Buch auch frustrieren. Der Autor ist professioneller Grafiker mit einer großen Erfahrung, wie man Informationen visuell präsentiert. Das ist seinem Buch hervorragend anzumerken. Das macht es so angenehm zu lesen. Es ist aber keine Zeichenschule und wer sich noch so gar nicht in den Bereich des Zeichnens eingearbeitet hat, wird gerade zu Beginn einen steinigen Pfad vor sich finden, bei dem dieses Buch wenig Übergänge schafft.
Gerade Anfänger oder Menschen, die lange aus der Übung sind, werden zu Beginn an ihren Grundelementen, ihren Kästen und Kreisen, Pfeilen und Linien verzweifeln.
Hier hilft nur eins: üben, üben, üben.
Und hier begeht der Autor dann auch den Fehler, mit seinen gekonnten Grafiken, dem übersichtlichen Bildaufbau, den kleinen Details, der Farbgebung und den Schattierungen ein Niveau anzubieten, das für den normalen Menschen erst nach längerer Zeit und fleißigem Training erreichbar ist. Man sollte sich daran nicht messen und sich zunächst an die einfachen Grafiken halten, die der Autor eben auch anbietet. Später kann man dann zu komplizierteren und detailfreudigeren Figuren übergehen.

Fazit

Sieht man von einigen Stolpersteinen ab, ist dieses Buch wunderbar geeignet, um sich mit der Technik der Infografik auseinanderzusetzen. Es ist sinnvoll, dass man bereits etwas Erfahrung mit Bunt- und Filzstiften gesammelt hat und sei es nur mit kleinen Kritzeleien. Aber selbst solche „unnützen“ Kritzeleien ermöglichen ein brauchbares Selbstverständnis im Umgang mit Stiften. Und mehr ist eigentlich wirklich nicht nötig.
Sinnvoll für das Buch ist auch, wenn man sich einen Block mit Notizzettel besorgt, auf dem man immer wieder die grafischen Elemente üben kann. Ein solcher Block ist nicht teuer und sofern man nicht jeden Tag 50-80 Zettel bekritzelt, hält er auch einige Zeit vor.

14.12.2014

Was ich so treibe

Eins kann ich euch sagen: Klassenleiter zu sein ist ganz schön anstrengend. Allerdings macht es auch Spaß und ich bin hochmotiviert.

Texte schreiben

Meine Schüler schreiben wöchentlich Texte und sind zum Glück dazu gerne bereit. Viele Texte sind auch wirklich gut, manche sogar so hervorragend, wie man sie von Erwachsenen nicht zu lesen bekommt. Einen Nachteil hat das ganze allerdings schon: ich sitze jedes Wochenende mit 72 Texten am Schreibtisch. Allerdings korrigiere ich diese nicht im üblichen Sinne, sondern schreibe individuelle Empfehlungen und Ermutigungen. Ganz so einfach ist das nicht, da ich die Schüler noch nicht gut kenne.

Klassenbibliothek

Mittlerweile habe ich die Klassenbibliothek um einige meiner Bücher aufgestockt. Die Schüler lesen begeistert. Ich bin ganz fasziniert davon, dass keiner der Schüler Artemis Fowl kennt. Auch die Spiderwick-Saga ist noch nicht bekannt. Diese werden auch fleißig gelesen.
Ich hatte mir Oskar und Rico von Andreas Steinhöfel gekauft. Diese Bücher kenne ich noch nicht. Ich habe noch nicht einmal angefangen zu lesen, da ich mir zuerst zahlreiche Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen habe und mir dann auch ein Wettbewerb von der Buchserie Das magische Baumhaus in die Quere gekommen ist. Davon musste ich dann auch erst mal einige Bände lesen.

Visuell präsentieren

Lange ist es her, dass ich mit meinen Zeichenstiften gearbeitet habe. Da aber gleich mehrere Schüler von Comics ziemlich begeistert sind und auch einige echte Künstler darunter zu finden sind, habe ich mir jetzt einige Bücher zum Comiczeichnen gekauft. Eines der Bücher, dass ich noch mal ausführlicher vorstellen werde, behandelt das visuelle Präsentieren. Einen Teil des Wochenendes habe ich also damit verbracht, diese Bücher auszuprobieren. Bei einem Buch musste ich allerdings auch Zensur betreiben: gleich am Anfang befindet sich ein nicht jugendfreies, sexistisches Bild. Dieses habe ich mit einem Edding eingeschwärzt.
Jedenfalls habe ich an die 100 Schmierzettel mit Übungen vollgekritzelt. Das wird mir dann hoffentlich auch bei meinen Tafelzeichnungen zugute kommen.

Willensbildung und Sinnlichkeit

Das ist ein altes Thema von mir. Ich finde es faszinierend, wie sehr manche Menschen auf ihre Sinnlichkeit angewiesen sind und wie wenig sie darüber berichten können; es ist, als würden sie nicht in ihren eigenen Körpern wohnen. Zum Teil fällt das auch bei den Kindern auf. Die Welt und die Gedanken sind dort noch sehr ungeschieden.
Komischerweise habe ich gerade einen Text in Arbeit, der sich mit diesem Problemkreis beschäftigt. Es ist allerdings etwas hochgestochen zu sagen, ich hätte ihn in Arbeit. Dieses Wochenende habe ich ihn noch nicht zur Hand genommen und heute Abend werde ich es auch nicht mehr tun. Es handelt sich um Max Raphael, einem der wichtigsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts. In seinem Buch Von Monet zu Picasso stellt er den Willen an den Ursprung des Gestaltungsvermögens und damit vor jegliche Sinnlichkeit. Der Ansatz ist reizvoll, alleine deswegen, weil dies dem interesselosen Anschauen des Immanuel Kant widerspricht.
Aber der Ansatz hat etwas für sich, welche die Möglichkeit aufscheint, dass der Mensch eben kein sinnliches Wesen ist, dem der Wille und alle anderen, sogenannten höheren Bewusstseinsformen aus der Sinnlichkeit erwachsen. Es ist zwar richtig, dass jeglichem Inhalt der Gedanken zunächst ein sinnliches Moment zu Grunde liegt. Doch aus irgendeinem Grund ist diese Sinnlichkeit zugleich ziemlich abstrakt und bleibt abstrakt, wenn sie nicht methodisch und systematisch aufbereitet wird.
(Dazu allerdings später mehr. Ich habe Raphael zwar an diesem Wochenende nicht gelesen, aber in meinen Notizen oftmals erwähnt. Und diese müsste ich nun selbst systematisieren und in eine Ordnung bringen. Probeweise ist dies auch schon geschehen, indem ich einige meiner Gedanken „visualisiert“ habe, also dazu Notizen in grafischer Form erstellt habe.)

08.12.2014

Unendlich (zur Lyrik Rose Ausländers)

Jetzt, einige Tage später, erhalte ich einige Pakete, Lyrik von Rose Ausländer der Inhalt. Auf den ersten Blick erscheinen ihre Gedichte sanft. Sie sind es nicht. Zahlreiche Gedichte gruppieren sich um das Thema der Vertreibung und der Auswanderung. Ausländer, die vor dem Nazi-Regime floh, eignet sich dieses Thema als ein existenzielles an. Der Mensch, so scheint sie manchmal zu sagen, ist nichts, wenn er nicht hinausgeht, wenn er nicht aus sich selbst auswandert.
Trotz liegt in ihren Gedichten, aber auch Trost. Es gibt wiederkehrende Motive: das Ineinander von Himmel und Erde, Tag und Nacht; die Ausreise und die Isolation; die Worte, die man birgt und die man sich geborgt hat.
Keines ihrer Gedichte ist vollständig, keines in sich geschlossen. Manche ihrer Gedichte sind Befehle, Aufforderungen, mutig zu sein, sich dem Unbekannten zu stellen.
Unendlich
Vergiss
Deine Grenzen

Wandere aus

Das Niemandsland
Unendlich
nimmt dich auf

(aus: Ausländer, Rose: Hinter allen Worten. Frankfurt am Main 1992, S. 125)

30.11.2014

Die drei ??? und der tanzende Teufel

Heute habe ich an eher langweiligen Sachen herum gearbeitet, zum Beispiel an der Benotung von Texten. Dazu gibt es ja äußerst verschiedene Meinungen, hier eine eigene Position zu beziehen. Das ist wohl der Vorteil und zugleich der Nachteil von der pädagogischen Literatur. Sie ist so unglaublich praktisch. Sie besteht teilweise nur aus Handlungsvorschlägen. Aber gerade dann wird es schwierig, diese Handlungsvorschläge zu diskutieren. Sie werden eben nur vorgeschlagen und nicht begründet.

Metonymie, Rätsel und die Kriegsstrategien

Mein Schreibgeschäft ist geschlossen, seit dem Frühjahr, seit ich wieder angefangen habe, in der Schule zu arbeiten. Ich kann also getrost einige meiner Geschäftsgeheimnisse ausplaudern. Wenn sie nicht sowieso schon die Runde gemacht haben. Ich habe meinen Kunden ja kein Schweigegelübde auferlegt.
In den Jahren 2006-2008 habe ich mich intensiv mit dem Kriminalroman auseinandergesetzt. Eine meiner Arbeiten, die daraus entstanden ist, war die linguistische, bzw. rhetorische Darstellung von Listen und Finten. Ein maßgeblicher Bezugspunkt waren die Strategeme von Sunzi. 

Das Zeichen

Die Metonymie beruht auf dem Zeichen, bzw. der gängigen Ansicht von Zeichen. Ein Zeichen besteht aus drei Elementen, dem Signifikant, dem Signifikat und der Relation zwischen diesen beiden. Der Signifikant ist das, was materiell wahrnehmbar ist, also zum Beispiel das geschriebene oder gesprochene Wort. Üblicherweise definiert man dann das Signifikat als die Vorstellung, die sich ein Sprachbenutzer zu einem bestimmten Wort macht, zum Beispiel bei dem Wort Hund und der Vorstellung, die der Sprecher von einem Hund hat.
Typischerweise aber muss auch die Vorstellung eines Hundes zunächst erworben werden. Wenn ich von einer Drachenfrucht spreche und noch niemand eine Drachenfrucht gesehen hat, dann kann sich auch niemand eine Vorstellung davon machen. Oder jeder macht sich eine beliebige und damit willkürlich verschiedene. Bei Hunden stellt sich auch jeder Mensch etwas anderes vor, aber doch innerhalb eines gewissen Rahmens.
Wesentlich dabei ist allerdings, dass das Zeichen nicht notwendigerweise eine Vorstellung als Signifikat besitzt. Genauso gut kann ein Signifikant auch auf ein materielles Signifikat verweisen. 

Spur und Index

Diese Möglichkeit, dass sowohl der Signifikant als auch das Signifikat materiell sind, wird mit dem Zeichentyp Indice bezeichnet. Diese wiederum gliedert sich auf in die Typen Spur, Index und Symptom. Die Spur ist ein materieller Signifikant, der auf eine in der Vergangenheit liegende „Nachbarschaft“ verweist und damit auf ein Geschehen, das aktuell nicht mehr vorliegt. Jemand ist zum Beispiel durch das Fenster in ein Haus eingebrochen, doch diesen Einbruch selbst, die Handlung als solche, sieht man nicht mehr. Zu sehen ist das zerschlagene Fenster. Das Signifikat ist materiell, aber verschwunden.
Ein Index wiederum verweist auf eine Nachbarschaft, deren Signifikat verborgen ist. So steigt über dem Wald ein dichter Rauch auf, der die Forstleute alarmiert, da ein Waldbrand zu vermuten ist. Das Feuer selbst sehen die Forstleute nicht. Doch durch den Rauch können sie darauf schließen. Diese Nachbarschaft ist aktuell, aber der Wahrnehmung entzogen. 

Metonymie

Eine Metonymie beruht auf solchen materiellen Nachbarschaften. Allerdings wird hier der Signifikant „manipuliert“. Schreibt ein Dichter zum Beispiel den Satz „Der Wind pfeift um die Dächer.“, so kann der Leser daraus schließen, dass der Wind nicht nur um die Dächer pfeift, sondern auch um das ganze Haus. Auf der Ebene des Signifikanten wird also das Haus durch das Dach ersetzt. Als Signifikat gemeint ist allerdings das ganze Haus.
Nun gibt es verschiedene Verhältnisse zwischen dem eigentlichen Signifikanten und dem dargestellten. Das Verhältnis zwischen Dach und Haus ist der eines Teils zum Ganzen. Wenn ich mir noch ein Glas genehmige, dann natürlich nicht das Glas selbst, sondern den Inhalt davon. Hier ist das Verhältnis das von Inhalt und Hülle. Und wenn ich Goethe lese, dann natürlich nicht den Menschen, sondern (einen Teil) seines Werkes; das Verhältnis ist Verursacher/Werk. 

Rätsel

Rätsel, zum Beispiel im Kriminalroman, basieren nun darauf, dass eine Metonymie entweder nicht vollständig vorliegt oder auf eine falsche Art und Weise. Bei einer unvollständigen Metonymie sieht man den Signifikant, kann aber das Signifikat nicht einsetzen. Typisch dafür sind die Spuren an einem Tatort. Man weiß, dass ein Mord begangen worden ist: die Leiche liegt sichtbar da. Aber ein Teil der Spuren lässt sich nicht sofort einer Handlung zuordnen. Der Verursacher bleibt im Dunkeln oder es gibt zum Beispiel keine Erklärung, was eine bestimmte Spur verursacht haben könnte. Mit einer solchen unvollständigen Metonymie entsteht ein Rätsel, das dann im Laufe des Kriminalromans gelöst werden muss.
Eine falsch verwendete Metonymie nutzt den metonymischen Charakter unserer Welt aus. Das häufigste Beispiel dafür, und ich werde gleich darauf ausführlicher zurückkommen, ist die „falsche Verwendung“ von Inhalt und Hülle. Man sieht die Hülle und schließt auf den Inhalt, doch der Inhalt ist ausgetauscht worden, ergänzt, vermindert, oder was auch immer. Jedenfalls ist der gewünschte Inhalt nicht mehr vorhanden oder war es noch nie. Und genau darauf, dass eine solche Metonymie im Hintergrund den Austausch des Signifikats ermöglicht, beruhen sämtliche Kriminalromane, aber auch die Kriegsstrategien des Sunzi. 

Strategeme

All dies kann nun in Bezug auf die Strategeme angewendet werden. Strategeme sind meist Bündel von Metonymien, die verrätselt worden sind. Machen wir uns das an zwei der 36 Strategeme klar.
Das am häufigsten genannte Strategem heißt „den Kaiser täuschen und das Meer überqueren“. Es beruht darauf, dass der Kaiser unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen auf ein Schiff gelockt wird, das ihn dann über das Meer entführt. Das Schiff, auf dem, laut der zitierten Anekdote, ein Siegesfest stattfinden sollte, wurde heimlich von den Feinden platziert. Indem der Kaiser nun an dieser Siegesfeier teilnimmt, liefert er sich der Falle aus. Es ist klar, wie diese Verrätselung bewerkstelligt wird. Der Kaiser glaubt, dass die Einladung tatsächlich auf eine Siegesfeier hinweist. Im Hintergrund aber ist diese Siegesfeier längst ersetzt worden. Man lockt also jemanden unter der Vortäuschung falscher Tatsachen in eine für ihn missliche Situation.
Auch das Strategem „mit dem Messer eines anderen töten“ ist rasch erklärt. Typischerweise gehört dieses Messer (oder was auch immer der Schriftsteller dann verwendet) einer bestimmten Person. Doch gerade diese Personen benutzt das Messer nicht, um ein Verbrechen zu begehen. Jemand anderes hat sich heimlich dessen bemächtigt und führt nun eine verräterische oder unerlaubte Aktion aus. Das Messer ist der Signifikant und der Besitzer das Signifikat. Doch natürlich ist das Signifikat austauschbar.
Auf diese Weise lassen sich sämtliche Kriegsstrategeme erklären. Und sie lassen sich alle darüber vereinfachen, dass man sie auf unvollständige oder falsche Metonymien, also auf Rätsel, zurückführt. 

Die drei ??? und der tanzende Teufel

Interessant wird die ganze Sache mit den Metonymien dann, wenn man diese dazu benutzt, einen Plot zu konstruieren, also zum Beispiel einen Kriminalroman. Dass meine Wahl hier auf einen Kinderkrimi fällt, ist dem Umstand geschuldet, dass diese auf der Ebene der Darstellung recht schnörkellos vorgehen. Damit ist es einfach, eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten aufzuzeigen. Was die Komplexität dieser Krimis angeht, so sind sie den Erwachsenenkrimis nicht unterlegen. Im Gegenteil kann man gerade die alten Folgen der Serie der drei ??? als besonders raffiniert bezeichnen. Große Kriminalromane wie Mord im Orientexpress von Agatha Christie, Die Stimme der Violine von Andrea Camilleri oder Brixton Hill von Zoe Beck sind von gleicher Komplexität, zumindest, was den Plot betrifft. Sie sind natürlich psychologisch komplexer. Doch das ist eine Sache, die uns hier nicht interessieren muss. 

Der Inhalt

Das Buch vom tanzenden Teufel erzählt einen Diebstahl, der zu einigen Verwicklungen führt. Der tanzende Teufel selbst ist eine Figur aus dem zwölften Jahrhundert, die einen mongolischen Schamanen darstellt. Sie ist aus Bronze und klein genug, um in einen kleinen Koffer zu passen. Passend zu diesem Figürchen gibt es ein lebensgroßes Kostüm derselben Machart.
Die Figur gehört einem amerikanischen Kunstsammler. Da sie aber eigentlich eine Kriegsbeute darstellt, soll sie der chinesischen Regierung übergeben werden. Diese Übergabe wird von dem Kunstsammler umstandslos akzeptiert. Nicht einverstanden damit ist allerdings der Sohn des Kunstsammler. Er beschließt, die echte Figur durch eine falsche auszutauschen und beauftragt einen Kunstfälscher mit der Anfertigung eines Duplikats.
Auf dem Weg zum Übergabeort verunglückt der Fälscher mit seinem Auto und verliert den schwarzen Koffer mit der Kopie. Da er vermutet, dass jemand aus der Nähe des Unfallortes sich des Koffers bemächtigt hat, beginnt er sämtliche Koffer ähnlichen Aussehens zu stehlen. In diesem Moment beginnt der Roman. Die drei jungen Detektive werden damit beauftragt, den Diebstahl einer Puppe aufzuklären, die sich in einem schwarzen Koffer befunden hat. Beauftragt werden sie von der sechsjährigen Besitzerin der Puppe. 

Die Vorgeschichte

Gerade Krimis brauchen eine solche Vorgeschichte. Denn jeder Krimi beginnt in dem Moment, in dem die Vorgeschichte als Spur ein Verbrechen hinterlässt, einen Diebstahl, einen Mord, oder was auch immer. So ist die erste Metonymie notwendig an das Genre gebunden.
In diesem Fall ist die Spur etwas komplizierter. Der Dieb stiehlt etwas, was er gar nicht stehlen will, nämlich Koffer mit dem falschen Inhalt. Er sucht allerdings einen Koffer mit dem richtigen Inhalt, nämlich der von ihm angefertigten Kopie. Wir werden sehen, dass der Weg von dem Diebstahl des Koffers bis zu der Rekonstruktion des eigentlichen Tathergang ein recht weiter ist, der auf diese Art und Weise selten bei Krimis zu finden ist.
Für uns ist zunächst interessant, dass das Verbrechen auf ein Rätsel hinweist. Es gibt einen Signifikanten, aber noch kein Signifikat. 

Koffer und Kopie

Aus meiner kurzen Nacherzählung der Geschichte lassen sich zwei wichtige Metonymien herausfiltern, die den ganzen Krimi strukturieren. Die erste Metonymie ist die von Original und Fälschung. Hier wird die äußere Gestalt als Signifikant genommen, während das Alter als Signifikat dient. Diese Metonymie ist deshalb besonders "trickreich", weil sich der Autor darauf berufen kann, dass der Unterschied nur durch einen Spezialisten erkannt wird. Es reicht also nicht aus, wenn ein unbedarfter Mensch diese Figur sieht, um die Täuschung aufzulösen. Insofern ist der Autor legitimiert, relativ offen mit der Verwechslung zu spielen.
Die zweite Metonymie ist üblicher für Krimis: der schwarze Koffer ist der Signifikant für einen unbekannten Inhalt, das Signifikat.
Für den Plot selbst ist weiterhin wichtig, dass der Koffer die Kopie der Figur enthält, also nicht, wie die drei ??? zuerst annehmen, das Original.

Der erste Diebstahl

Bevor allerdings all diese komplexen Verwicklungen enthüllt werden, muss die Geschichte mit einem ersten Rätsel beginnen. Ein sechsjähriges Mädchen beauftragt die drei Detektive mit der Suche nach ihrer Puppe. Diese habe sich in einem schwarzen Koffer befunden, den ihr Vater ihr als Bett für die Puppe gebaut habe. (Man merkt an diesem Beispiel schon, dass der Krimi gelegentlich nicht sonderlich auf die Logik achtet. Denn der Dieb sucht ja nicht den Koffer, sondern den Inhalt. Nun war aber der Koffer wohl geöffnet, als er gestohlen wurde, die Puppe also sichtbar. Sie hätte damit für den Dieb nutzlos sein müssen.)
Von der Mutter des Mädchens erfahren die drei Jungen, dass die Polizei in den letzten zwei Tagen mehrere solcher Diebstähle angezeigt bekommen habe. Es seien aber ganz unterschiedliche Dinge gestohlen worden, eine Puppe, eine Bohrmaschine, ein Mikroskop, usw. Nichts weist auf eine Gemeinsamkeit hin.

Die signifikante Serie

Es ist aber klar, dass es auch keine Gemeinsamkeit geben kann. Der Dieb sucht zwar das Signifikat, hält sich aber an den Signifikanten, also den Koffer. Erst hinterher stellt er fest, dass auch dieser Koffer der falsche ist und stiehlt deshalb weiter.
Es gibt immer wieder solche Serien in Krimis. In dem Film Jack Reacher bringt ein Scharfschütze mehrere Personen direkt hintereinander um. Die Polizei steht vor einem Rätsel, denn die Personen haben nichts miteinander gemein. Erst hinterher stellt sich heraus, dass der Scharfschütze nur eine Person umbringen wollte. Um sein Motiv zu verbergen, hat er gleichzeitig einige andere Personen erschossen. Sein gemeintes Ziel wird dadurch in der Serie aus Todesfällen verborgen. 
Joan Rowling nutzt diese Technik ebenfalls. In Der Gefangene von Askaban gleicht die Tiergestalt des Zauberers Sirius Black dem Todesomen des schwarzen Hundes. Sirius Black wird durch eine Verwechslung als böser Zauberer dargestellt. Zusammen mit der Ähnlichkeit mit dem Todesomen und einigen anderen Verwechslungen gelingt es Rowling bis fast zum Schluss die Täuschung vor dem Leser aufrecht zu erhalten. Sie versteckt das Gute zwischen bösen und schlechten Zeichen. Sie kann sie aufgrund der Ähnlichkeit der Signifikanten verstecken.

Die undeutliche Gestalt

Gleich am Ende des ersten Kapitels wird ein weiterer Koffer gestohlen. Dies passiert vor den Augen der drei ???.
Dieses kurze Ereignis ist auf doppelte Weise bedeutsam. Der gestohlene Koffer gehört dem Vater von Peter, einem der drei Junior-Detektive. Dadurch wird der Fall zu einer persönlichen Angelegenheit. Persönliche Betroffenheit ist immer ein wichtiger Aspekt, um eine Geschichte spannend und plausibel zu machen.
Zum anderen wird der Dieb eingeführt. Allerdings wird er in einer Weise beschrieben, die eindeutig etwas Fantastisches konnotiert:
Die drei ??? sausten um das Haus herum und sahen gerade noch eine seltsame Gestalt mit großen schwarzen Flügeln über den Zaun hinten fliegen und verschwinden!
S. 11
Die großen schwarzen Flügel sind wohl Frackschösse. Doch so richtig aufgelöst wird diese Beschreibung nicht. Jedenfalls haben wir jetzt ein äußerst reduziertes Bild von dem Dieb. Nur: dieses Bild ist so unklar, dass die betreffende Person jederman sein könnte. Hier wird ein Austausch des Inhalts (also der Person) durch die vage Beschreibung möglich.

Der tanzende Teufel

Schließlich taucht in der Geschichte noch ein tanzender Teufel in Lebensgröße auf. Dieser tanzende Teufel ist ein maskierter Mensch, der Sohn des Statuen-Besitzers, der durch sein Auftauchen die ganze Geschichte noch rätselhafter machen möchte. Die Maske ist eine besondere Form der Metonymie: natürlich verbirgt sie ihren Inhalt. Zugleich verweist sie aber auch auf einen ganz anderen Inhalt, nämlich auf ihre Herkunft als mongolische Schamanenmaske. Sie verbirgt, sie täuscht aber zugleich durch eine Ähnlichkeit eine Verbindung vor.
Wir finden denselben Trick in der Natur als Mimikry vor. Indem sich die Orchidee als Hummel "verkleidet", bringt sie diese dazu, ihren Pollen weiterzutragen.
Die Metonymie ist insofern komplizierter, als der Signifikant nicht nur ein einfaches Merkmal oder ein einfacher Gegenstand ist, sondern etwas, was die Linguisten einen Text nennen, eine durchstrukturierte Ansammlung von Zeichen. Das Kostüm eines Schamanen besteht aus einer Mischung sehr verschiedener Zeichen, die zusammen etwas bedeuten sollen. So wird diesem Kostüm ein Wolfskopf und Yakhörner angedichtet (ungeachtet dessen, was mongolische Schamanen tatsächlich trugen: die Kleidung ist vermutlich der Fantasie des Schriftstellers entsprungen). Es gleicht der gestohlenen Figur. Einmal wird dies auch ganz deutlich benannt (S. 52).

Der Text als Täuschung

Wohlgemerkt: der Text oder die Textur, in diesem Fall das Schamanenkostüm, ist noch nicht die Metonymie. Aber sie ist ein komplexer Signifikant, der metonymisch benutzt werden kann. Ein anderes Beispiel für solche komplexen Signifikanten als Metonymien sind die Geschichten von Spionen, Doppelspionen und Schläfern. Diese bauen ein Leben oder auch nur eine Fassade auf, die den eigentlichen Inhalt verbirgt. Jedermann hält den Bäcker von nebenan für einen unbescholtenen Bürger, der jeden Tag seinem "Broterwerb" nachgeht, und ist umso überraschter, als diese Fassade einen Riss bekommt. Warum, so könnte sich der Protagonist fragen, sollte sich der Bäcker, der doch von Berufs wegen selbst backt, seine Brötchen heimlich liefern lassen? Ist er vielleicht gar kein Bäcker? Aber was ist er dann?

Fallen

Damit können wir zu den Kriegsstrategemen zurückkehren. Manche dieser Strategeme kombinieren mehrere Metonymien miteinander. Andere wiederum benutzen einen Text als Signifikanten. Betrachten wir das erste Beispiel, "den Kaiser täuschen und das Meer überqueren": es gibt nur eine Metonymie, aber einen ganzen Text, die Ankündigung einer Siegesfeier auf einem luxuriösen Schiff. Man darf sich nun ausschmücken, wie diese bevorstehende Feier ausgesehen haben mag. Aber sie wird sicherlich aus mehr als ein paar Zeichen bestanden haben.
Auch in Die drei ??? und der tanzende Teufel finden wir diese Strategie.
Justus hat das Rätsel des schwarzen Koffers gelöst. Er weiß nun, dass der Dieb die schwarzen Koffer stiehlt, aber nur einen ganz bestimmten Inhalt sucht. Also nutzt er seinerseits die Möglichkeit der Metonymie, um dem Unbekannten eine Falle zu stellen. Das Signifikat besteht darin, den Dieb in der Garage einzusperren. Der (komplexe) Signifikant wird durch den Fund eines schwarzen Koffers durch die drei Detektive, ihrer offensichtlichen Freude über den Inhalt, dem Wegschließen in der Garage und dem Weggehen gebildet. Damit verleiten sie den Dieb zu einem Diebstahl. Genau wie beim chinesischen Kriegsstrategem wird der Getäuschte mit einem Versprechen in eine unangenehme Situation gelockt.

Vier, drei, fünf

Wir hatten bereits angemerkt, dass sich der Sohn des Besitzers zum Schluss als Drahtzieher entpuppen wird. Er ist es auch, der sich das Schamanenkostüm anlegt und als tanzender Teufel auftritt. Später wird noch eine andere Figur aus dem Hintergrund auftauchen. In schlechten Kriminalromanen wäre dies eine Hauptfigur. Hier ist es allerdings ein Handlanger und damit ist das späte Auftauchen gerechtfertigt. Es ist kein Deus ex Machina.
Der Sohn verdoppelt sich also durch die Verkleidung und kann so zwei Gruppen voneinander trennen. Als Sohn und junger Mann nimmt er an den Recherchen der drei Detektive teil, als Dieb nutzt er sein Wissen aus, um zum Ziel zu gelangen. Die andere Gruppe, die ihm bei dem Diebstahl hilft, besteht aus dem Butler Quail und dem dubiosen Kunsthändler Wilkes. Zwischendurch taucht noch ein Hehler namens Hummer auf. Der Butler hilft dem Sohn allerdings nicht direkt. Er verhält sich nur loyal. Dabei versucht er das Schlimmste zu verhindern. Und der Hehler weiß nichts von seinem Glück. Er kommt durch Zufall an die Figur und verliert sie, ohne zu wissen, welchen Schatz er in den Händen gehalten hat. Der Butler wiederum weiß von dem Kunsthändler nichts. Dadurch entsteht eine weitere Verdoppelung des Sohnes.
Zusammen mit dem Künstler, der die Fälschung anfertigt, dem Butler Quail, dem Kunsthändler und dem Hehler bilden sich verschiedene Gruppierungen von je drei, vier oder fünf Personen. Diese Konstellationen sind mehr zufällig. Sie scheinen mir jedenfalls nicht geplant. Sie tauchen je nach dem Stand des Rätsels auf und verschwinden wieder. Durch die zwei Identitäten, die sich der Sohn zugelegt hat, einmal als tanzender Teufel und einmal als Drahtzieher eines Diebstahls, kann der Autor die Geschichte so verwickelt aufbauen, wie sie der Leser dann vorgesetzt bekommt. 

Die Unterbrechung

Kehren wir zurück zu der Szene, in der der Fälscher in die Falle gehen soll. Die Jungen warten in ihrem Versteck. Der Mann taucht auf und, wie erwartet, macht sich an der Garage zu schaffen. In diesem Moment wird allerdings die Täuschung unterbrochen. Zum ersten Mal taucht der tanzende Teufel auf und erschreckt die drei Detektive, so dass der Fälscher mit dem Koffer entkommen kann.
Es ist übrigens unklar, woher der Sohn des Kunstsammlers weiß, dass die drei Detektive seinem Komplizen eine Falle stellen. Jedenfalls vereitelt er diese.
Im Laufe des Romans tauchen weitere solcher Unterbrechungen auf. Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung. Ganz offensichtlich wird hier der Zufall in die Geschichte eingebaut. Bzw. ist Zufall das falsche Wort, denn der Autor hat natürlich die Geschichte so geplant. Sie verweist aber auf ein grundlegenderes Phänomen des Krimis. Jeder Krimi, zumindest jeder gut konstruierte, baut die Kerngeschichte auf einer logischen Abfolge auf (dies hatte ich in einem anderen Artikel schon einmal ausführlicher geschildert). An den Rändern dieser logischen Abfolge jedoch tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf und eigentlich kann man jeden Krimi daraufhin abklopfen, was in ihm nicht stimmt.
Nun könnte man sagen: o. k., es gibt eben Krimischriftsteller, die können keinen logischen Plot durchkonstruieren. Wenn es so einfach wäre! Das 20. Jahrhundert hat in großen philosophischen Schriften gezeigt, dass die Rationalität von irrationalen Elementen durchzogen und zusammengehalten wird. Wollte man dies in einem kernigen Schlagwort zusammenfassen, dann könnte man sagen: Die Rationalität des Menschen ist eine Täuschung.
Genau diese begrenzte Rationalität finden sich im Mikrokosmos des Krimis. Die Kinderkrimis um die drei ??? sind von fantastischen Elementen durchzogen, die sich nur mühsam rational auflösen lassen; teilweise sind sie an den Haaren herbeigezogen (man denke etwa an den lachenden Schatten oder an die Geschichte von der singenden Schlange). Auch der rationale Kern des Krimis ist zwar durchgehend vorhanden, wird aber rasch durch unlogische und widersprüchliche Figuren begrenzt. Den erwachsenen Leser wird das nicht mehr befriedigen. Trotzdem möchte ich noch einmal darauf beharren, dass sich gerade deshalb diese Serie so vortrefflich für die Analyse anbietet. 

Der Weg der Figur

Es gäbe eine ganze Menge weiterer Sachen zu der Geschichte zu sagen. Ich möchte hier aber den Artikel auf eine letzte Bemerkung abkürzen.
Die Figur, so wissen wir, ist bei dem Autounfall des Fälschers verloren gegangen. Der Koffer wurde von einem Jungen mitgenommen, dessen Spur die drei Detektive verfolgen. Schließlich stöbern sie ihn in seinem Versteck auf. Dort befindet sich zwar der Koffer, aber nicht mehr die Figur. Von dem Jungen erfahren sie allerdings, dass das Versteck gelegentlich von einem Obdachlosen für die Übernachtung benutzt wird. Und sie vermuten, dass dieser Mann die Figur hat mitgehen lassen. Hier beginnt eine Nebenhandlung, die den Weg der Figur verfolgt. Nachdem die drei ??? einen Informanten auftreiben konnten, der den Aufenthaltsort des Obdachlosen kennt, teilt dieser ihnen mit, dass er die Figur an den Hehler Hummer weiterverkauft hat. Diesen Hehler suchen sie nun auf, geraten in eine Falle und verlieren die Figur wieder. Natürlich hat der Sohn, unter Mithilfe des dubiosen Kunsthändlers, mittlerweile die Figur wieder in seinen Besitz gebracht. Dabei handelt es sich, wohl gemerkt, immer noch um die Kopie, nicht um das Original.
Auch diese Umwege sind typisch. Sie basieren nur noch zum Teil auf der Metonymie. Stattdessen gerät das eigentliche Objekt „ins Gleiten“, d.h. es wechselt mehrfach seinen Besitzer. Üblicherweise ist die Jagd nach dem Objekt nicht notwendig für die Haupthandlung. Es streckt diese aber und behält, zumindest beim ersten Lesen, seine Spannung. Da eine solche Jagd sehr handlungsorientiert geschildert werden kann, fällt dem Leser kaum auf, dass hier der Roman hätte gekürzt werden können.
Gut konstruierte Romane nutzen allerdings solche Umwege dazu, um die zentrale Geschichte verwickelter zu gestalten. Irgendein Element aus der Nebenhandlung gibt der Haupthandlung eine überraschende Wendung. Joan Rowling führt dies z. B. sehr gekonnt an der Geschichte von Norbert, dem Drachenbaby in Harry Potter und der Stein der Weisen vor. Gleich mehrmals verändert sich die Haupthandlung durch dieses eigentlich unbedeutende Ereignis. Der Autor von Die drei ??? und der tanzende Teufel nutzt diese Möglichkeit dagegen nur in einem sehr geringen Maße. Anders kann man es von einem Jugendkrimi mit knapp 130 Seiten auch kaum erwarten. 

Zusammenfassung

Halten wir noch einmal fest, worauf sich die Konstruktion eines Krimis stützen muss: für den Plot nutzt sie den Zeichentyp der Indices und hier insbesondere die Spur und den Index. Diese beiden Zeichentypen nutzt sie metonymisch und, insofern sie das Signifikat austauscht, als Rätsel.
Der Signifikant kann einfach oder komplex sein. Komplexe Signifikanten eignen sich für Fallen, an die Mimikry angelehnte Täuschungen und für bestimmte Kriegsstrategeme.
Die Kriegsstrategeme wiederum bestehen entweder aus einfachen oder kombinierten Metonymien.
Der zentrale Plot eines Krimis ist streng logisch aufgebaut. Seine „Ränder“ dagegen werden willkürlich gesetzt. Jugendkrimis handhaben diese Regelung weitaus großzügiger als viele Krimis für Erwachsene (ich rede hier wohl gemerkt von echten Krimis; neuerdings wird dieses Genre relativ wahllos auf Erzählungen draufgeklebt, die er als Thriller oder sogar als Fantasy zu bezeichnen sind).
Ich habe dazu auch eine ganze Menge Übungen. Übungen werde ich hier allerdings keine anfügen. Wer wissen will, wie man sich Übungen selbst konstruiert, dem sei auf Wikipedia der Artikel über die Bloomsche Lernziel-Taxonomie empfohlen. Alternativ dazu kann man auch einen bekannten dazu interviewen, der Lehrer ist. Die Lernziel-Taxonomien gehört zur Grundausstattung eines jeden Pädagogen. Sie sollte auswendig gekonnt und im Schlaf hin und her gebetet werden können.

29.11.2014

Ein bisschen Tod, ein bisschen Universum

Jetzt konnte ich nicht einschlafen. Ein paar Mal habe ich mich herumgewälzt, dann wanderten meine Gedanken zu meinem gestrigen Tag zurück. Mittags bin ich nach Hause gekommen, habe mich an meinen Computer gesetzt und begonnen, zunächst Max Raphael weiter zu kommentieren. Dann bin ich zur Post gefahren und habe mir ein Buchpaket abgeholt (Edward deBono: Der kluge Kopf). Zwischendurch war der Postbote da und hat mir die Bücher von Matthias Pöhm in die Hand gedrückt. Später bin ich in meine Buchhandlung gegangen, um mir die Gefängnishefte von Antonio Gramsci zu besorgen. Diese hatte ich am Tag zuvor bestellt. Auch gekauft: Rico und Oskar (Andreas Steinhöfel).

Kitschgeschichte

Ich weiß nicht, was Pöhm sich gedacht hat, als er dieses Buch (Sie wollen keinen Erfolg, Sie wollen glücklich sein) verfasst hat. Vermutlich hat er gar nichts gedacht. Bei Gramsci finde ich das Wort Kitschgeschichte, mit dem gewisse italienische Schriftsteller die italienische Geschichte verklären. Und ähnlich ist es wohl mit Matthias Pöhm, wenn er von seinem spirituellen Wandel erzählt. Gramsci vergleicht diese Darstellung der nationalen Geschichte mit den grellen Bildchen christlicher Matronen. Und bei Pöhm ist das genauso, nur dass es nicht um eine nationale Geschichte, sondern eine individuelle geht.

Konkret und Abstrakt im Übersprung

Es lohnt sich, an dieser Stelle eine Passage von Gramsci ausführlicher zu zitieren, weil das, was dieser von der Geschichte Italiens schreibt, genauso auf Pöhm zutrifft. Frappierend ist vor allen Dingen, dass Pöhm den Übergang vom Konkreten zum Abstrakten so sprunghaft vollzieht, dass er kaum nachzuvollziehen ist. Gramsci schreibt also:
1. Man setzt voraus, dass das Gewünschte immer existiert hat und wegen des Dazwischentretens äußerer Mächte oder weil die inneren Tugenden »eingeschlafen« waren sich nicht offen durchzusetzen und zu zeigen vermag; 2. das führte zur populären Kitschgeschichte: Italien wird wirklich als etwas Abstraktes und Konkretes (zu Konkretes) zugleich gedacht, wie die schöne Matrone der populären Kitschbildchen, welche die Psychologie gewisser Volksschichten mehr beeinflussen, als man denkt, positiv wie negativ (aber immer auf rationale Weise), wie die Mutter, deren »Söhne« die Italiener sind. Mit einem Übergang, der brüsk und irrational erscheint, aber zweifellos wirksam ist, verwandelt sich die Biografie der »Mutter« in die kollektive Biografie der »guten Söhne«, die den missratenen, vom Weg abgekommenen Söhnen entgegengesetzt werden usw.
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, 19. Heft, S. 2000

Endlosschleifen und Unglück

Was aber bietet Pöhm uns an?
Ein bisschen Tod, ein bisschen Universum, ein wenig Auflösung ins Nirwana (das er die dritte Realität nennt; nicht zu verwechseln mit der dritten Welt eines Karl Poppers), ein wenig Lästerei über Etikettierungen und wie weltlich diese seien. Der Tod jedenfalls arbeitet mit, wenn Pöhm seine Bücher schreibt:
Dann besorgte ich mir einen Walkman und besprach eine Kassette mit der immer selben Botschaft: »Dieses Buch verkauft sich so und so viel mal, dieses Buch verkauft sich so und so viel mal, dieses Buch verkauft sich so und so viel mal …« Der Walkman war an meinem Gürtel befestigt, und während des Schreibens hatte ich immer einen Knopf im Ohr. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat hörte ich diese Botschaft.
S. 17
Was die Etikettierung angeht, die zu vermeiden ist, weiß Pöhm folgendes:
Es ist nicht richtig, dass irgendjemand in Ihrer Umgebung glücklich wäre. Ihr Nachbar ist nicht glücklich, der erfolgreiche Unternehmer ist nicht glücklich, der anerkannte Künstler ist nicht glücklich, der gläubige Christ ist nicht glücklich, der berühmte Popstar ist nicht glücklich — alle, denen Sie in der Fußgängerzone begegnen, sind nicht glücklich.
S. 9

Der Päderast im Universum

Schließlich aber unterstützt uns auch das Universum. Es unterstützt uns, so Pöhm, in jedem Ziel. Folglich schreibt er:
Das Universum unterstützt den Kinderschänder, der ein neues Opfer zum Vergewaltigen sucht.
S. 41
Das also ist der besagte Glücksdurchbruch. Lass dich von deinem Universum unterstützen und du wirst das tiefe Glück empfinden. Folgerichtig schreibt er weiter unten, dass man die Gefühle des Universums nicht verletzen könne. Was ist dagegen schon ein vergewaltigtes Kind?

Fatalismus und Prädetermination

Es ist ein überflüssiges, es ist ein gefährliches Buch. Nein, gefährlich wäre übertrieben. Ein gefährliches Buch wiese über den hübschen Kitsch im Bücherschrank hinaus. Selbst das aber schafft Pöhm nicht. Wenn es nach ihm ginge, dann würde sich der Leser aus der Welt entfernen und alles so sein lassen, wie es ist, jedenfalls aus seiner Perspektive. Doch genau das ist Gesellschaft nicht. Die Auffassung Pöhms ist fatalistisch und im Hintergrund winkt bereits die Prädeterminationslehre, die sagt: Beschwere dich nicht! Gott hat dich genau an den Platz gestellt, an dem er dich haben wollte. Und wenn du elendiglich unter einer Brücke krepierst, während nebenan im teuren Restaurant das Menü so viel kostet, wie du im Jahr zusammen betteln kannst, dann ist das eben Schicksal.

Belanglos

Pöhm wohnt in Wolkenkuckucksheimen. Seine Rhetorik-Bücher, die sich unverständlicherweise so gut verkaufen, sind ein alberner Abklatsch wirklich guter Lehrwerke, wie etwa dem Ueding. Mit diesem Buch hat er die ohnehin zweifelhaften esoterischen Theorien intellektuell dermaßen unterboten, dass man sich an das sinnlose Brabbeln eines durch Isolationshaft in den Wahnsinn Getriebenen erinnert fühlt. Nicht einmal seine Rhetorik auseinanderzupflücken macht Spaß: auch hier stolpert der Text so konturenlos und schlampig daher, mit solch banalen Metaphern, mit solch belanglosen Anekdoten, dass es für jemanden, der dies schon 100 mal gemacht hat, wenig reizvoll ist.
Irgendjemand schreibt auf Amazon, man müsse für die Gedanken dieses Buches offen sein. Was mich angeht, bin ich sowas von verschlossen. Und fühle mich - ja, glücklich dabei.

28.11.2014

Glück, der Durchbruch ist geschafft

Sollte man Matthias Pöhm, den gefeierten Rhetorik-Trainer (vor allem von sich selbst gefeiert), als ein Kleidungsstück darstellen, nähme er notwendigerweise die Gestalt einer Kittelschürze an. Es wäre nicht irgendeine Kittelschürze, sondern eine solche mit Stiefmütterchen bedruckten, unpassend zu einem mopsblauen Hintergrund. Matthias Pöhm ist die Erma Bombeck der Trainer-Literatur. Wenn meine Welt voller Phrasen wäre, was machte ich mit den Trainern? 

Hegemoniale Mopsigkeit

Möpse, dies hatten auf unterschiedliche Art und Weise Loriot und Russ Meyer erkannt, sind die quasi natürliche Bedingung des Erfolgs, Verzeihung!, des Glücksdurchbruchs. So jedenfalls könnte man Pöhms letztes Werk lesen, ein Doppelband, dessen sinnvollste Erkenntnis bisher war, dass der zweite zum ersten Band gehört und der erste Band zuerst gelesen werden sollte. Der erste Band bietet eine wertvolle Aussicht auf das sich ausdünnende Haar des erfolgreichsten Rhetorik-Trainers Europas. (Der zweite Band zeigt Blümchen.)
Möpse sucht man bildlich vergebens. Sie haben sich in und zwischen die Zeilen verkrochen. Die von Loriot wie die von Meyer. Was mich in gewisser Weise an den Begriff der hegemonialen Männlichkeit erinnert, wieso, weiß ich allerdings nicht. Es ist über das Glück, zwei Bücher geschenkt zu bekommen, in die Tiefen des nebligen Berliner Novemberwetters verschwunden. 

Pöhms polnische Post

Nie hätte ich damit gerechnet. Nie hätte ich geglaubt, was ich jetzt greifbar vor mir liegen habe. Ich besitze zwei weitere Bücher von Matthias Pöhm. Wieso? Wieso, lieber Gott, tust du mir das an? Mein Leben war bisher halbwegs angenehm sinnentleert verlaufen. Ich wusste nichts mit mir anzufangen, habe meinen Körper eine Zeit lang auf die Couch eines Psychoanalytikers gelegt und mich heimlich über ihn lustig gemacht, bin genauso neurotisch aufgestanden und dann gleich in die nächste Kneipe, um mit irgendwelchen Jungs ein Bier zu trinken und Frauen doof zu finden. Es hätte ewig so weitergehen können.
Da erreichte mich vor einigen Tagen eine Mail. Man habe erfahren, dass ich auf meinem Blog Matthias Pöhm erwähnt habe. Erwähnt! Dies mache mich zum idealen Rezensenten. — So schnell geht das. 

Ein erster glücklicher Gedanke durchzieht mich

Nach dieser ersten Mail habe ich lange mit mir gehadert, ob ich tatsächlich auf das Angebot eingehen sollte. Die Post kam aus Polen. Das Deutsch war schauderhaft. Ganz ganz unglückselige Gedanken durchzogen mich. Ich stellte mir vor, dass ich, wenn ich dieses Buch bestelle, gleich auch einige Eheverträge mit russischen und afrikanischen Frauen unterschreiben würde, oder zumindest ein langjähriges Abonnement des Sterns, inklusive der Videos von Joerges, aufgedrückt bekäme. All das ließ mich zurückschrecken. Andererseits: wann habe ich schon jemals einem Buch widerstehen können, diesem leisen Knistern der Seiten, diesen flackernden Buchstaben, wenn man es durchblättert, diesem Geruch nach Leim, in dessen Grundfarbe sich ein Hauch von Maschinenöl mischt?
Und was soll ich sagen? Bisher ist alles glücklich verlaufen. Seit drei Tagen liegt die Benachrichtigung von DHL auf meinem Schreibtisch. Heute habe ich, dank eines flexiblen Ferientages, endlich die Post abholen können.

Bombeck

War dies schon der glückliche Gedanke? Keineswegs! Der glückliche Gedanke entstand, als ich die ersten Zeilen las, zwischen einem zweiseitigen Inhaltsverzeichnis und der drängenden Frage: Warum sind wir auf dieser Welt? Ich hätte mich nun gerne hingesetzt und Herrn Pöhm eine ausführliche Antwort geschrieben, doch er weilt derzeit auf einem Seminar, auf dem er Managern beizubringen versucht, das Glück durchzubrechen. Wir müssen uns also mit Hausfrauen begnügen. Und die gibt es bei Pöhm haufenweise, zum Beispiel hier:
Einer jungen Mutter kommt beim Wäsche Aufhängen in der Waschküche plötzlich der Gedanke:
„Ich habe doch alle Erwartungen erfüllt, die man an mich hatte. Wo ist das versprochene Glück?“
Aber wer hat dir denn das Glück versprochen? wollte ich da rufen. Ich unterließ es. Das Papier und der Kopf von Herrn Pöhm trennten uns. Ich werde niemals zu dieser jungen Mutter kommen und sie beglücken.

Anonyme ältere Herren

Mir ist noch nie das Glück versprochen worden. Darin unterscheide ich mich wohl von jungen Müttern. Zumindest aber löst dies ein Rätsel, das mir die Welt lange Zeit aufgegeben hat: man sieht in Berlin des Öfteren adrett gekleidete ältere Herren herumlaufen, deren Namen man nicht erfährt. Es sind wohl jene Herren, die im Auftrag des Glücksversprechens unterwegs sind, und die, ich verstehe das sehr gut, ihre Versprechen am liebsten bei jungen Müttern loswerden. Ob sie etwas mit Ursula von der Leyen zu tun haben, konnte ich allerdings bisher nicht in Erfahrung bringen. Es ist zu vermuten. Schließlich muss unsere Weramtsbevollmächtigte ihre Attraktivitätsinitiative unter feministisch unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen ausstreuen.

Neue und alte Volkskrankheiten

ADHS, lange Zeit der unwillige Helfer zappelnder Kinder in der Pädagogik, ist mittlerweile dermaßen im bürokratischen Filz korsettiert worden, dass man eine relativ präzise Diagnose der Bewegungsunfähigkeit stellen kann. Dass es immer noch ADHS gibt, ist wahrscheinlich dieser institutionellen Ironie zu verdanken, die einen zumindest leicht schmunzeln lässt. Die neue Kinderkrankheit Nummer eins dagegen ist das Asberger-Syndrom, eine Spielart des Autismus. Sobald ein Jugendlicher mehr als 10 Minuten auf seinem Handy herumtippt, kann ein Psychiater oder Neurologe treffsicher diese Diagnose stellen.
Früher war dies alles ganz anders und sowieso viel besser.
Doch darum soll es hier gar nicht gehen. Die neue Volkskrankheit Nummer eins ist die Depression. Gelegentlich wird sie vom Herzinfarkt und der Fettleibigkeit überholt. Gegen die Fettleibigkeit nun tritt Matthias Pöhm an. Und zeigt hervorragend, wie dies geht: Statt Depression (mein Leben macht keinen Sinn!) die Logorrhoe.

Der Durchbruch

Ja, ihr habt richtig gelesen. Bei einem Durchbruch kann so einiges fließen, je nachdem, ob der Damm oder der Darm gemeint ist. Und beim Glücksdurchbruch sind es wohl die Worte, die ungehemmt in das Tal der Ahnungslosen fließen. Es ist ja auch alles egal, solange das Leben Sinn macht. Und wenn das Leben erst Sinn macht, dann müssen es die Worte nicht mehr tun. Sagt und handelt danach: der Matthias Pöhm, Europas teuerster Rhetorik-Trainer.
Jedenfalls bin ich jetzt, nachdem ich das erste Buch durchgelesen habe, so von der Notwendigkeit befreit, dieses Buch weiterzulesen, dass der Rest meines Lebens geradezu überquillt an Sinnhaftigkeit. Ganz in der Tradition der neueren Postmoderne theatralisiert Pöhm die Wege der Erkenntnis.

Das materialisierte Leid

Pöhm redet also von dem Leiden des modernen Menschen. Er hat die Rede darüber geradezu entdeckt, ihr Bahn gebrochen und zum Durchbruch verholfen. Der moderne Mensch ist unglücklich. Er leidet. Pöhm schreibt:
Das Leid, das ich meine, ist diese ständige subtile Unzufriedenheit mit dem, was ist, dieser ständige rastlose Begleiter unter der Oberfläche, das nie zur Ruhe kommende, unter der Oberfläche köchelnde Unbehagen.
Ja, möchte ich an dieser Stelle rufen: Herr Pöhm, Sie haben so recht. Seit ich Ihr Buch in den Händen halte, spüre ich es deutlich, dieses Unbehagen, das wohl nichts anderes ist als das Unbehagen in der Kultur, wortgewandt in Worte gefasst, wie Freud selbst es nicht vermocht hatte.

23.11.2014

Kleine Faszinationen und gewollte Dialektik

Ich komme nicht zum Schreiben, oder vielmehr: Alles, was ich schreibe, ist mit einem so persönlichen Ton versehen, dass ich es so nicht veröffentlichen mag. Das ist die eine Seite meines Schaffens, die eine Veröffentlichung nicht erlaubt. Und der persönliche Ton betrifft weniger die Rücksicht auf mich selbst als die Rücksicht auf meine Schüler, die gerade sehr viel Platz in meinem Denken einnehmen. Einen sehr schönen, sehr produktiven Platz übrigens.
Die andere Seite, die mir die Veröffentlichung versagt, ist meine sehr sprunghafte Arbeitsweise. Innerlich, von mir aus gesehen, erscheint sie mir sehr kohärent; und trotzdem dürfte sie nach außen hin verwirrend sein. Mir stürzt gerade alles durcheinander. Einige Kommentare, die ich vor fast zwei Jahren zu Max Raphael gemacht habe und die den ästhetischen Dialog mit dem Material (in diesem Fall der Bildkomposition einiger Impressionisten, zum Beispiel Cezanne) betreffen, dazu meine Notizen zu Hannah Arendt und darüber wiederum zu Christa Wolf, was, immer über die Umwege zu Erlebnissen in meiner Klasse, zu einem fruchtbaren Austausch über die Notwendigkeit einer Ästhetik und der politischen Freiheit geführt hat.
Und ihr merkt schon, dass alleine diese kryptischen Anmerkungen ein wenig von dem Tohuwabohu widerspiegeln, mit dem meine Kommentare durcheinander gehen. 

Ästhetische Hohlformen

Vielleicht aber doch einige konkretere Anmerkungen, auf welchen Leitlinien mein Denken sich gerade bewegt; es ist auch nichts wirklich Neues, vielmehr ein Aufleben einer Beschäftigung, der ich vor allem zum Beginn meiner Beschäftigung mit Michel Foucault nachgegangen bin, der Frage nach der Ästhetik der Existenz.
Der Gedanke ist also folgender: wenn man von Kant ausgeht, dann objektiviert sich die subjektive Form in der Wahrnehmung und erscheint so, als wäre sie Natur und nicht die Gestaltungskraft eines Menschen. Wir sitzen also der Spontanität unseres Schöpfertums auf und verfallen diesem, ohne es willentlich nutzen zu können. Jeder Mensch ist ein Künstler, sagt man so leicht hin, aber ein Künstler, der um sich nicht weiß und auch nicht um die Unwahrheit, die einem solchen Künstlertum innewohnt. Denn ein solcher Künstler sieht immer nur diejenige Seite des Objekts, die er sich selbst zurecht gebogen hat, nie aber das Objekt selbst. Und da er dem Objekt kein Eigenleben zugestehen kann, verliert er die Fähigkeit, dieses von sich selbst zu trennen. Genauso, wie er seiner Gestaltungskraft verfallen ist, ist er dem Material verfallen, das er gestaltet.
Darum kann sich ein Mensch nicht einfach so von seinem Schöpfertum trennen. Wenn er nicht auf diese Art und Weise gestaltet, wenn er sich von seiner momentanen Gestaltungsweise lossagt, erlangt er nicht ein objektives Stadium, sondern nur ein anderes subjektives. Und auch von diesen mag er sich lossagen, verlässt es aber wiederum nur für eine andere Gestaltungsweise, und so weiter.
In diesem Prozess ist das einzelne Stadium notwendig, aber nicht ausschlaggebend. Erst in seiner Gesamtheit, wenn jede Möglichkeit der Gestaltung eines Objekts durchmessen worden ist, wenn es an einem Objekt nichts mehr zu entdecken gibt, was die Geschichte nicht bereits erprobt hat, dann liegt dieses Objekt gleichsam in einer Art ästhetischer Hohlform vor, deren Wände durch die je einzelnen Gestaltungen geschaffen wurden. 

Objektivieren und subjektivieren

Unschwer lässt sich hier eine Parallele zu den historischen Koordinaten finden, die Christa Wolf beschwört. Während aber die historischen Koordinaten die objektive Form des Subjekts betreffen, enthüllen die Gestaltungsweisen die jeweils subjektive Form des Objekts. Damit verknüpfen sich diese beiden Positionen innig.
Gerade weil der Mensch seine Objekte ›automatisch‹ erkennt, misshandelt er diese. In der Kunst, in der ästhetischen Freiheit der Gestaltung, erprobt er andere Möglichkeiten des Erkennens und damit andere Möglichkeiten, der Welt Bedeutung zu verleihen. Gerade durch dieses ›subjektive Spiel‹ objektiviert er [also der Mensch] die sachlichen Zusammenhänge. Der Künstler erprobt im Dialog (oder: der Dialektik) die Reichweite dieser subjektiven Formen und die Grenzen, an denen diese subjektiven Formen in einen Unsinn übergehen.
Auf diese Pendelbewegung setzt sich eine zweite dialektische Bewegung auf: diese resultiert aus dem unterschiedlichen Empfinden einer solchen Grenze zwischen Sinn und Unsinn der jeder Mensch hier wahrscheinlich eine andere Art des Erlebens hat, entsteht ein Widerspruch der Erkenntnismöglichkeiten, der dann durch Argumentation ausgehandelt und vermittelt wird. Der Subjektivismus wird also gerade dadurch überwunden, dass die Kunst die subjektive Produktion in den Vordergrund stellt, ihr ›egomanische Wesen‹ betont, aber gerade in dem Moment betont, da es Bewegung ist und damit bereits ein Verlassen eines stabilen Zustandes. Dem Dogmatismus des spontan erkennenden Subjekts wird die Dialektik des experimentierenden Subjekts entgegengestellt: wobei das experimentierende Subjekt sich diese Dialektik selbst erschafft. 

Dialektik und Experiment

Erst das Experiment erschafft solche Zustände des Oszillierens. Die Dialektik ist kein Schicksal, dem der Mensch unterworfen ist, sondern ein produktiver und gewollter Zustand. 

Historischen Koordinaten und Machtschwellen

Die historischen Koordinaten, in die sich ein Subjekt eingebunden sieht, erarbeiten diese Vielstimmigkeit seines Zustandes und damit die Möglichkeiten dialektischer Prozesse. Gehen wir davon aus, dass diese historischen Koordinaten nie ohne Widersprüche und Spannungen existieren, dann ist die autobiografische Arbeit für die Teilnahme an der Gesellschaft eine notwendige (Mit-) Bedingung.
Ins Praktische gewendet: die Koordinaten, die zum Beispiel Christa Wolf in Kassandra analysiert, verorten das Subjekt nicht in einem leiblichen Raum, sondern in einem symbolischen, der vom leiblichen Raum Besitz ergreift und diesen in ein Gefüge aus Differenzen der Macht einspannt.
Nicht der Raum als solcher, sondern die Interpretation dieses Raumes, die Schwellen der Bedeutung, sind der Ort, wo die Koordinaten des Subjekts zu suchen sind. Deshalb lassen sich diese Schwellen auch nicht wegerklären: es gibt keinen machtfreien Raum. Es gibt nur soziale Räume, in denen eine automatisierte Macht in einer ausgehandelte Macht übergeht, in der das Politische seinen Naturzustand verlässt und zu einem Vertrag zwischen Menschen wird.

16.11.2014

Sonntagsarbeit

Rein äußerlich betrachtet war mein Sonntag unbewegt. Ich habe am Schreibtisch gesessen. Allerdings habe ich sehr viel getan. Unter anderem habe ich etwa 70 Texte korrigiert, bzw. durchgesehen. Es hat etwas länger gedauert, als ich eingeplant hatte. Zwischendurch musste ich immer wieder auf meine Fachliteratur zurückgreifen, um mich bei bestimmten Entscheidungen zu versichern.

In Berlin ist es kalt geworden. Und da ich in den letzten Wochen mit Sicherheit wieder ein paar Kilo abgenommen habe, bin ich ziemlich durchgefröstelt.

Nico verdanke ich (mal wieder) wunderbare Literatur. Rose Ausländer. Er hat einige Gedichte in seiner Klasse besprochen. Und mir Lust gemacht, etwas ähnliches mit meiner Klasse zu machen.
(Ich selbst habe in den letzten Wochen immer mal wieder, aber äußerst lustlos, in die Gedichte von Stefan George hineingeschaut. Das ist ein Autor, der mir wenig zu sagen weiß.)

Unter der Woche bin ich fleißig gewesen, wenn ich gerade mal nichts für die Schule zu tun hatte und noch nicht schlafen konnte. Ich habe zahlreiche Notizen in meinen Zettelkasten übertragen. Vor über zwei Jahren habe ich mir das Werk von Max Raphael zugelegt und dann zu seinem Buch Von Monet zu Picasso zu arbeiten begonnen. Das ist dann eingeschlafen. Zurückgeblieben sind an die 80 Kommentare. Diese wollte ich nun ebenfalls in meinen Zettelkasten übertragen. Und hier hat mir Christa Wolf einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Notizen passen in gewisser Weise ganz wunderbar zu Kassandra und zu der Poetik-Vorlesung zu der Erzählung.
So sehr ich Kassandra liebe, der Sprache wegen, so verschlossen ist mir diese Erzählung bisher geblieben. In den letzten Wochen jedoch konnte ich tatsächlich intensiver mit ihrem Text arbeiten, was sich zunächst dem Buch von Sigrid Weigel über Walter Benjamin verdanke; jetzt kommt Max Raphael dazu. Und ich werde mich doch noch einmal intensiver mit der marxistischen Literaturtheorie auseinandersetzen müssen.

Jedenfalls habe ich gestern über eine Stunde fleißig weiter kommentiert, was sich damals zu Raphael geschrieben habe, immer mit Bezug auf Kassandra und, das ist mein eigentliches Lieblingsbuch von Christa Wolf, Leibhaftig.

Herumgebastelt habe ich auch an meinem Dokumentationssystem für die Schule. Es ist gar nicht so einfach, sich ein solches System zu entwerfen, in dem sowohl der einzelne Schüler gut beachtet wird, als auch ein Gesamtüberblick erhalten bleibt. Darüber werde ich mir noch viele Gedanken machen müssen.

14.11.2014

Historische Koordinate: ein ästhetischer Begriff in Christa Wolfs Kassandra

Nur sehr gelegentlich komme ich zur Zeit zum Lesen, jedenfalls zum Lesen querbeet. Sehr langsam schreitet zum Beispiel die Interpretation von Kassandra voran. 
Von letztem Wochenende ist folgende Notiz (diese hat mich die Woche über beschäftigt):

Als ein zentraler Begriff könnte man „Koordinate“ bezeichnen, als ein zentraler Begriff in der Ästhetik von Christa Wolf. Er taucht bei Bachtin auf (Chronotopos) und bei Lotman (Die Innenwelt des Denkens), aber auch bei Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung). Und das ist noch längst nicht alles.
Doch der Begriff der Koordinate ist bei Christa Wolf doppeldeutig. Auf der einen Seite geht es um die raum-zeitliche Koordinate, auf die Bachtin am Ende seines Buches ›Chronotopos‹ zurückkommt, und dort spricht er von einer Verzerrung; auf der anderen Seite geht es um diese Verzerrung selbst, die bei Lotman wohl durch das Wort Topologie ersetzt wird.
Dieser Doppeldeutigkeit müsste man also nachgehen, auch in der Ästhetik von Christa Wolf. Sie schreibt also:
„Wenn der erste Blick auf die minoischen Malereien — auf ihre Rekonstruktionen — ein freudiger Schrecken, merkwürdig genug: ein Wiedererkennungsschrecken ist: die Gefilde der Glücklichen, es gibt sie, man wusste es ja — so werden sie durch eine nähere Kenntnis der Verhältnisse, die sie hervorbrachten — anscheinend für eine gewisse historische Periode in einer produktiven Balance gehalten, aber doch nicht, wie man zuerst unvernünftig zu hoffen wagte, doch nicht eine Insel der Seligen außerhalb der Koordinaten ihrer Zeit — nicht entzaubert.“ (Voraussetzung einer Erzählung: Kassandra, 78 f.)

09.11.2014

Analyse von Lernstoff

Heute morgen habe ich mir ein Upgrade von einem Programm (Magix) geleistet, um meinen Computer aufzuräumen. Bisher hatte ich meine alte Version, die noch nicht für Windows 8 ausgelegt war, weiter verwendet. In den letzten Wochen ist mein PC deutlich verzögert gestartet. Jetzt legt mir das Upgrade gerade meinen Computer lahm: es gibt zu viel aufzuräumen.

Schule: Analyse des Lernstoffs

Für die Schule stöbere ich gerade in meinen Grammatik-Büchern herum. Eine für mich wichtige Arbeitstechnik ist die Analyse des Lernstoffes mit den Instrumenten Peter von Polenz'. Dieser klassifiziert in seinem Buch Deutsche Satzsemantik die semantischen Rollen von Satzteilen und die semantischen Klassen von Verknüpfungen.
Polenz bietet damit ein wesentlich präziseres Modell an als Fillmore. Fillmore wiederum findet sich als Bezugstheoretiker bei Hans Aebli, wenn es um die Analyse von Handlungsfolgen geht. Diese sind auf doppelte Weise für den Unterricht nützlich: (1) können Handlungen, die die Schüler lernen sollen (Aebli beschreibt zum Beispiel die Herstellung von Hartkäse), in einzelne Schritte aufgegliedert werden; (2) ist Unterricht selbst eine Handlungsabfolge, die so analysiert und damit differenzierter durchdacht werden kann.

Aebli und die semantischen Netze

Hans Aebli ist ein Schweizer Psychologe, der den Lehrstuhl für Lernpsychologie in Bern inne hatte. Er gilt als einer der bedeutendsten Schüler Jean Piagets.
Seine Handlungstheorie hat er in Denken: Das Ordnen des Tuns I dargestellt. Ein zentraler Punkt dafür sind semantische Netze, die darstellende und eingreifende Assimilationsschemata verknüpfen und so handlungsleitend wirken. Die semantischen Netze sind, wie die darstellenden und eingreifenden Assimilationsschemata, symbolische Repräsentationen von Vorgängen und Objekten in der Welt.

Schemata

Das war jetzt nun ein bisschen arg viel Fachvokabular auf einmal. Bleiben wir zunächst bei den Schemata als solche. 
Als Schema gilt eine zusammengefasste Vielheit, die eine Handlung strukturiert und wiederholbar macht. So kann man sich zum Beispiel ein Schema aus Mund und Daumen vorstellen, einem unangenehmen Gefühl und die Erwartung einer Befriedigung, die durch das Daumenlutschen erzeugt wird. Indem das Kind nun diesem Schema folgt, handelt es und erreicht dann, nachdem es den Daumen in den Mund gesteckt hat, entweder eine Erfüllung oder eine Versagung.

Darstellend

Schemata kann man, in diesem Sinne, als Kleinstbausteine unseres Denkens bezeichnen. Sie bilden sich aus den ersten, sehr undifferenzierten Erfahrungen. Im Laufe des Säuglingsalters bilden sich nun zahlreiche solcher Schemata, die sowohl die Handlung als auch die Wahrnehmung betreffen.
Schemata bezüglich der Wahrnehmung nennt Aebli darstellende Assimilationsschemata. Der Zusatz Assimilation bedeutet, dass die von außen kommenden Reize in ein solches Schema integriert werden, wenn es nur hinreichend passt.
So lernen Neugeborene relativ rasch, Gesichter zu erkennen. Sie reagieren dann eine Zeit lang auf jedes Gesicht durch Signale. Dabei wird aber zwischen verschiedenen Gesichtern nicht unterschieden. Diese werden als etwas anderes als andere Objekte in der Umwelt erkannt, aber nicht als in sich unterschieden. Relativ kurz darauf kann der Säugling dann aber Gesichter differenzieren, Mama, Papa, Geschwister unterscheiden und dann immer individueller reagieren.
Die Unterscheidung der Gesichter läuft über Schemata. Zunächst scheint es ein einziges solches Gesichtsschema zu geben, mit dem passende Signale aus der Umwelt erfasst werden. Passend bedeutet, dass diese noch recht unterschiedlich sein können; sie werden an das bisher entwickelte Schema des Gesichts angepasst. Deshalb nennt sich diese Art von Schema auch darstellendes Assimilationsschema.

Eingreifend

Eingreifende Assimilationsschemata entwickeln sich in derselben Form. Sie dienen aber nicht der Wahrnehmung/Interpretation der Umwelt, sondern ihrer Veränderung. Sie greifen in die Umwelt ein.

Semantische Netze

Sobald genügend Assimilationsschemata vorliegen, können diese miteinander kombiniert werden. Daraus entwickeln sich dann feste Kombinationen von Schemata, sog. semantische Netze. Semantische Netze selbst können dann so automatisiert ablaufen, dass sie zu Schemata gerinnen und in noch komplexere semantische Netze eingebunden werden können.

Analyse von Lernstoff

Damit sind wir im Prinzip bei einer einfachen Analyse des Lernstoffs angelangt: zunächst muss ich mir den Stoff fachlich darstellen; dann schaue ich, welche Elemente darstellende, welche eingreifende Assimilationsschemata sind.
Für die Pflege eines Meerschweinchens muss das Kind wissen, was ein Meerschweinchen ist, d.h. es muss das entsprechende Schema aufgebaut haben, um dieses Tier von anderen Tieren zu unterscheiden. Um es aber zu pflegen, gehört zum Beispiel das Schema dazu, dem Tier Futter in seine Schale zu geben. Das ist ein eingreifendes Schema.
Jedes eingreifende Schema stützt sich auf ein oder mehrere darstellende Schemata. Eine Handlung braucht, so sagt man, ein Handlungssignal.

Handlung und Konstellation

An dieser Stelle kommen nun "grammatische" Theorien ins Spiel. Eine Handlung koordiniert entlang der Körpergrenze eine innerlich/äußerliche Bewegung. Um Text in meinen Computer einzutippen, muss ich meine Finger bewegen und die Tasten der Tastatur drücken. Um einen komplexeren Text einzutippen muss ich noch gelegentlich einen Blick auf meinen Fahrplan werfen, den ich mir für die Gliederung meines Textes entworfen habe.
Die Koordination von Körper und Umwelt wird in der kognitiven Psychologie durch Sätze dargestellt, in deren Mittelpunkt eine Bewegung, also ein "aktives" Verb steht. 
Entlang solcher "aktiver" Verben kann nun der Lernstoff entschlüsselt werden.

Didaktisierung

Wenn man nun einen Lernstoff entschlüsselt, dann sind zunächst die Handlungen herauszuarbeiten, die zu einer gewünschten Tätigkeit mit einem gewünschten Ziel führen. Die Kinder bilden etwa Plusquamperfekt-Formen aus Sätzen, die im Präsens stehen (man muss dort einberechnen, dass dieses Ziel ein künstliches, schulisches ist). Die Handlung besteht darin, die Verbformen des Satzes zu ersetzen, indem die Verbform im Präsens erkannt und ins Plusquamperfekt abgeändert wird.
Das ist aber nur das einfache Handlungsschema, das die Kinder später verinnerlicht haben sollen. Auf dem Weg dorthin sind methodische Umwege nötig, die die Kinder zur Wahrnehmung der Verbformen eines Satzes befähigen, die verschiedenen Tempi eines Verbes verknüpfen und eventuell auch noch die Kinder (ausgiebig für diese trockene Übung) motivieren.
Die einfache Handlungsabfolge kann also so nicht stehen bleiben: sie muss didaktisiert werden.

So, mein Computer signalisiert mir gerade, dass ich jetzt weiterarbeiten darf: alles weitere folgt später. Ich muss auch noch ein wenig Unterricht vorbereiten.

03.11.2014

Gauck

Ich wollte schreiben, ich habe geschrieben, und es dann doch nicht veröffentlicht. Zu Gauck. Jetzt aber doch. Wenn auch nicht alles, was zu sagen wäre.
Also: Gauck. Sein Buch Freiheit. Sein Thema; meines auch. Und halten wir uns mal ganz zurück, was der gute Herr Gauck sonst noch ist, gewesen ist, seine Rolle in der DDR und sein Aufstieg als politische Person im vereinigten Deutschland. Das Buch jedenfalls ist komplexer, als manche Menschen dies hinstellen und die Argumentation, wenn auch nicht unumstößlich, so doch nicht durch ein Schulterzucken abzutun. Ich arbeite daran. Und nicht erst seit kurzer Zeit.

Eingriffe und Aktualität

Seine aktuelle Äußerung ist, zugegebenermaßen, zu einem unglücklichen Zeitpunkt gefallen. Die Linken haben die Aussicht, den Ministerpräsidenten eines Landes zu stellen. Gespräche über eine Koalition sind im Gange. Das ist Parteipolitik. Hier hat sich der Bundespräsident herauszuhalten.
Was er allerdings geäußert hat, ist trotzdem immer noch zwiespältig zu werten. Es ist natürlich eine Albernheit, aus dem aktuellen Zustand der Linken auf eine Tradierung der SED zu schließen. Aber viele Menschen machen es eben, und der Einwand, den Gauck hier bringt, sein Verständnis für die Befürchtungen, ist nur der eine Teil seiner Argumentation. Der andere Teil ist eben jenes Trotzdem, jenes: trotzdem sind die Linken demokratisch gewählt worden und wenn man Schwierigkeiten haben darf, mit den Linken, dann wohl eher mit einem Teil dieser Partei.
Der andere Aspekt dieser Argumentation, den ich für schwierig erachte: wenn ich von meinem Politikverständnis, von meinem Bild der aktuellen politischen Lage in Deutschland ausgehe, dann habe ich immer mit einem Teil einer Partei große Probleme. Was bedingt, dass ich mit einem anderen Teil der Parteien keine großen Probleme habe. Gut, für einige Splitterparteien am rechten oder linken Rand gilt das natürlich nicht. Die NPD ist für mich keine Diskussion wert. Auch nicht in Teilen.

Erweiterte Tautologie

Die Extrapolation, die sich hier Gauck leistet, jene Emphase, die die Linken in den Vordergrund rückt, ist überhaupt nicht sachlich gebunden. Ihr Gehalt ist rein emotional. All dies läuft auf eine erweiterte Tautologie hinaus.
Eine Tautologie ist eine Äußerung, die in Worten zu viel sagt, was an Merkmalen vorhanden ist. Der „weiße Schimmel“ ist deshalb eine Tautologie, weil ein Schimmel per Definition weiß ist, wie ein Rappen schwarz und ein Fuchs braun. Als Argumentation existiert die Tautologie durch ein „Es ist so, wie es ist!“, durch ein Auslöschen der Argumentation. Argumentieren heißt: begründen. Begründen heißt, dass man die Argumentation an das sinnliche Objekt oder die konkretisierte Ideen zurückbindet. All dies leistet eine tautologische Argumentation nicht.
Die erweiterte Tautologie besteht aus einer Scheinargumentation. Das Definierte besitzt zwar eine Definition, doch ist diese Definition entweder mangelhaft oder sogar genauso erläuterungsbedürftig wie das Definierte selbst. Es läuft auf den alten Witz hinaus: »Was hast du da?« - »Ein Glom.« - »Und was ist ein Glom?« - »Dasselbe wie ein Bröm.« - »Aber was ist denn ein Bröm?« - »Nun, das ist doch ganz einfach. Es ist ein Glom.«
Die Kritik an den Linken läuft auf einen ähnlichen Zirkel hinaus. Weil die Linken die Nachfolgepartei der SED ist, ist die SED natürlich die „Vorfolge“-Partei der Linken. Dann wird das Staatsverständnis der SED herbeizitiert und nahtlos auf die Linken übertragen. Man mag die Art und Weise, wie die Linken die aktuelle Debatte beeinflussen, für unglücklich oder falsch halten. Es sind jedenfalls nicht dieselben Debatten, die damals in der DDR geführt worden sind. Ob sich aus einzelnen Themenkomplexen, etwa der Beteiligung Deutschlands an bewaffneten Einsätzen im Ausland, der Finanzpolitik der Europäischen Union, der Gestaltung des Schulwesens, usw. ein zusammenfassend gleiches Bild ergibt, das die SED von sich gegeben hat, möchte ich bezweifeln.

Filz und Zensur

Keineswegs möchte ich damit die Kritik an den Linken unterbinden, wie ich keine Kritik an irgendeiner Partei unterbinden möchte. Aber es gibt schon bestimmte Formen der Kritik, die einen mehr an eine Denkfaulheit erinnern, als an ein gewissenhaftes Verständnis des demokratischen Streits.
Politik muss sich an ihrer Aktualität messen und kritisieren lassen. Fraglich ist sowieso, ob man eine Partei aus einem ganz anderen Staatsgebilde importieren kann. Fraglich ist also, ob die Linken, selbst wenn sie es wollten, der SED nachgefolgt sind. Politik existiert eben nicht in einem luftleeren Raum; sie kann sich höchstens Treibhäuser schaffen, in denen sie seltsame Blüten treibt. Das passiert immer dann, wenn eine Regierung sich über ihre Grenzen hinaus institutionalisiert, wie dies bei despotischen Parteien der Fall ist. Der Stalinismus wäre genauso wenig möglich gewesen wie das Militärregime in Chile, wenn nicht maßgebliche Funktionen des öffentlichen Lebens gleichgeschaltet worden wären, durch Filz und Zensur.
Von Filz und Zensur kann beim derzeitigen Zustand der Linken aber keine Rede sein. Da fallen mir doch ganz anderen Parteien ein.
Schließlich aber muss eine Diskussion, die sich solch grobe Fehler auf der formalen Ebene vorwerfen lassen muss, als zensierend gewertet werden. Das gute Argument kann nicht durch die schlechte Anspielung ersetzt werden, und schon gar nicht durch die grob unsinnige Behauptung. Dies allerdings ist nicht mehr gegen die aktuelle Äußerung Gaucks gerichtet, sondern eher gegen gewisse Menschen auf Facebook.

Wiederholte Müdigkeit

Für mich wird es immer schwieriger, am politischen Leben teilzunehmen. Ich merke, dass ich mittlerweile eine gewisse Unerträglichkeit gegenüber diesem tagtäglichen Gezänk entwickle. Vor einigen Stunden bin ich auf einen alten Artikel gestoßen, einen, den ich mitten in der Auseinandersetzung zur guten Argumentation geschrieben habe: Verlust der Argumentation.
An meinen Worten hat sich nichts geändert. Und ich könnte hier zahlreiche weitere meiner Artikel benennen, die alle die formelle Seite der Argumentation in den Vordergrund rücken. Von der inhaltlichen Seite sind wir damit noch weit entfernt. Die formelle Seite, so sollte man meinen, ist zwar wichtig, aber nur das Gerüst, damit eine Argumentation nicht in den Zustand des Geplärres regrediert. Doch sie ist nicht der politische Inhalt. Nicht das, um was es wirklich geht. Es befriedigt mich nicht mehr, immer wieder darauf zu pochen. Es gibt diese zahllosen, wundervollen Bücher zur guten Argumentation. Und das eine oder andere, darum darf man doch bitten, sollten auch diejenigen Menschen gründlich durchgearbeitet haben, die sich in politischen Diskussionen profilieren wollen.

Und wo wir gerade von der Müdigkeit sprechen: ich kann nicht schlafen. Ich bin völlig aufgedreht, vermutlich nur innerlich, aber viel zu sehr, um mich ins Bett legen zu können. Das habe ich jetzt vier Stunden lang vergeblich versucht. Und es dann aufgegeben. In einer Stunde, um fünf Uhr, muss sich sowieso aus den Federn.

02.11.2014

Schnelle Hunde, noch schnellere Vietnamesen — und Kassandrarufe

Mein Frühstück habe ich kurzerhand meinen Mittagessen verbunden, heute zumindest, und bin zu dem Vietnamesen in der Torstraße gegangen, wenn dort, wo die Torstraße durch den Rosenthaler Platz unterbrochen wird.
Gegessen habe ich Vit Chien, Ente in scharfer Sauce; wobei mir der Name des Gerichtes zu vielfältigen Assoziationen Anlass gegeben hat. In China essen sie Hunde und das ziemlich schnell. Meine Vietnamesen allerdings waren überraschend flott: kaum hatte ich mich gesetzt, hatte ich das Gericht bereits vor mir stehen.

Christa Wolf liegt vor mir, schon seit gestern Abend. Nachdem ich in den letzten Tagen wirklich geschafft habe, meine sämtlichen Notizen zum Homo Faber in den Zettelkasten zu übertragen, dazu auch alle meine Notizen zu den Tagebüchern von Max Frisch, einige umfangreichere Kommentare zu Aufsätzen von Christa Wolf, und einen teilweise sehr innigen Dialog aus einer Lektüre des Homo Faber und Leibhaftig (Christa Wolf), habe ich dann begonnen, meine Notizen zu Kassandra durchzusehen und diese zu ergänzen.

Eigentlich hatte ich nur die Sachen, die ich zu Susanne Gerdoms Buch Last Days on Earth notiert hatte, in eine Form bringen wollen, dass sich mit ihnen systematischer arbeiten kann. Und das ist natürlich immer mein Zettelkasten gewesen, der mir das ermöglicht hat. Dann aber hat mich diese unglaubliche Menge an Fragmenten, Ideen und halb ausgeführten Kommentaren, die ich ja immer auf OneNote abspeichere, so erschlagen, dass ich mir einfach jeden Tag zwei Stunden Zeit genommen habe, um sie mit Stichwörtern und Querverweisen zu versehen.

Jedenfalls liegt nun Kassandra wieder auf meinem Schreibtisch. Wunderbare Satzgefüge, dicht gewebt in Wiederholungen, die das Thema langsam verschieben, zum Beispiel hier:
Und ich, hörte ich mich zu Aineias sagen, ich habe es von Anfang an gewusst. Die Stimme, die das sagte, war mir fremd, und natürlich weiß ich heute, weiß ich seit langem, es war kein Zufall, dass diese fremde Stimme, die mir oft schon in der Kehle gesteckt hatte, in seiner Gegenwart zum ersten Mal aus mir sprach. Willentlich ließ ich sie frei, damit sie mich nicht zerrisse; was dann kam, hatte ich nicht in der Hand. Ich hab es gewusst, ich hab es gewusst, immer mit dieser fremden hohen wimmernden Stimme, bei der ich mich in Sicherheit bringen musste, mich an Aineias anklammern, der erschrocken war, aber standhielt. Standhielt, ach Aineias. Schlotternd, gliederschüttelnd hing ich an ihm, jeder meiner Finger tat, was er wollte, klammerte sich in seine Kleider, riss an ihnen; mein Mund, außer dass er den Schrei hervorstieß, erzeugte diese Art von Schaum, der sich auf Lippen und Kinn absetzte, und meine Beine, die ich so wenig in der Gewalt hatte wie irgend ein andres Glied, zuckten und tanzten in einer anrüchigen unpassenden Lust, die ich gar nicht empfand, unbeherrscht waren sie, war alles an mir, unbeherrscht war ich. Vier Männer konnten mich kaum halten.
(53)

Vorläufiges Denken

Immer wieder treffe ich auf Menschen, denen ich mich sehr verbunden fühle. Und diesmal ist es Gramsci. Gramsci ist mir bereits einige Male über den Weg gelaufen, ohne dass ich mich näher mit ihm beschäftigt habe. Neulich bekam ich dann ›Antonio Gramsci zur Einführung‹ von Thomas Barfuß und Peter Jehle zugesteckt. Heute habe ich zu lesen begonnen.

Die beiden Autoren schreiben:
Gramsci hat 33 Hand beschriebene Schulhefte hinterlassen (darunter vier, die ausschließlich Übersetzungen enthalten), ein immer wieder neuansetzendes gedankliches Experimentieren, begriffliches Zuspitzen, Kritisieren. Die Vorläufigkeit des so entstehenden Geflecht von Materialien und Reflexionen wird vom Autor nicht verspielt.
(16)

Ich finde mich selbst in diesem Zitat wieder. Ich möchte nun nicht behaupten, dass meine Methoden dieselben sind wie die von Antonio Gramsci, obwohl wir beide wohl einen starken Hang zur Philologie haben (obwohl ich nicht verstehe, wie man diesen Drang nicht haben kann: ist doch das gründliche und systematische Lesen das Fundament jeder Auseinandersetzung mit Texten).
Und zum anderen lässt sich der Sinn eines Textes nicht erschließen, wenn man nicht auch Interpretationen versucht, in der das Verhältnis zwischen Original und Interpretation bereits zum Zerreißen gespannt ist. Es gibt einfach Interpretationen, die ausprobiert werden müssen, einfach um zu sehen, dass sie nicht funktionieren. Damit ist die Interpretation zwar falsch, aber eine wichtige Erkenntnis über den Text gewonnen.

30.10.2014

Dialoge schreiben

Nur mal so als Zwischenruf:
Neben vielen anderen Fragen zu Dialogen ist wohl eine der häufigsten, wie man Dialoge schreiben lernt. 

Nun, die Frage ist ziemlich einfach zu beantworten: indem man sich Dialoge anderer Schriftsteller gründlich anschaut. Möglichst sollte man auch viel dazu schreiben, weil die hand(werk)liche Tätigkeit die Arbeit intensiviert (ich schreibe eigentlich alles auf, jeden kleinen Gedankenschnipsel, eine Angewohnheit, die ich mir von Julia Cameron , Der Weg des Künstlers übernommen habe).

Viel dazu schreiben heißt: vieles kommentieren. Ganz sinnvoll ist es, sich vorher ein kleines Begriffsgebäude erarbeitet zu haben. Bei Texten ist es natürlich sinnvoll, vor allem auf grammatische Ausdrücke zurückzugreifen. Bei Dialogen nutze ich dann noch ein sehr einfaches Vokabular aus der Dialoglinguistik (einfach heißt, dass ich viele speziellere Begriffe weglasse).

Und gelegentlich sollte man dann auch Dialoge schreiben, bzw. nachschreiben.
Aber das versteht sich ja fast von selbst.