01.01.2017

Farbwörter

Woher weiß ich denn, dass eine Farbe in einem Farbwort „enthalten“ ist? Denn das Wort ist ja nicht in dieser Weise farbig, und die Farbe des Wortes spielt für das Farbwort keine Rolle.
Man könnte auch so fragen: warum ist das Farbwort ›rot‹ schwarz?
Und genauso verhält es sich mit den Hauptwörtern: warum sieht das Wort ›Hund‹ nicht wie ein Hund aus und warum bellt es nicht?
(Sprache repräsentiert nichts, aber sie regt uns an, uns eine Ähnlichkeit zu machen, eine Vorstellung von etwas. Je weniger ein Wort mit einer Vorstellung durch Ähnlichkeit verbunden ist, und dies gilt für die meisten Wörter, umso mehr müssen wir uns auf konventionelle, durch Gewohnheit erworbene Vorstellungen verlassen.)

19.12.2016

Gauland in der Prinzessinenwelt

Es gibt wunderbare Bücher, die einen ganz gefangen nehmen; und derzeit lese ich ein solches. Dann aber schaut man sich die Nachrichten an, und es bleibt doch einige Ernüchterung zurück, manchmal mehr, manchmal weniger. Heute war es wieder einmal mehr.
Grund dafür sind Aussagen von Alexander Gauland, dem stellvertretenden AfD-Vorsitzenden. Abgesehen davon, dass er Unsicherheiten so interpretiert, dass sie klar werden, vergleicht er auch auf eine Weise, die vollkommen hinkt.

Angela Merkel und die wachsende Aggressivität

Woher die zunehmende Aggressivität kommt, sollte eigentlich hinreichend unklar sein. Man könnte hier von einer „Multi-Problem-Konstellation“ sprechen (obwohl ich dieses Wort überhaupt nicht mag: aber ich habe es in einem Zusammenhang kennengelernt, indem es als Ausrede dafür benutzt wurde, dass man eh nichts ändern kann).
Gauland allerdings weiß, dass Angela Merkel daran schuld ist. Entweder ist diese Aussage doof oder heuchlerisch: selbst wenn Gauland nicht dumme Sprüche gerissen hätte (Boateng!), so hört man es doch allenthalben und immer wieder aus seiner Partei; und ansonsten empfehle ich Gauland einfach mal einen Blick auf Facebook und wer da so alles für die AfD ist. Dass sich Rassisten und Faschisten in ihren Begründungen bei der AfD reichlich bedienen, dürfte dann augenfällig sein.
Aber natürlich kann man der AfD auch nicht alleine die Schuld geben. Multi, d. h. eben viel, und hier gibt es viele Probleme, die zusammenwirken. Zum Teil können es auch alte Traditionen sein; ich habe mich einmal Zuge meiner Auseinandersetzung mit Christa Wolf auch mit Tagung des Zentralkomitees der DDR 1965 beschäftigt, die für die Künstler der DDR einschneidend und zum Teil schwer beschränkend war. Diskussionen um dieses Ereignis herum erinnern mich immer wieder an Diskussionen mit AfD-Mitgliedern und an Aussagen von AfD-Politikern. Und es mag sein, dass die AfD hier die Stasi mehr beerbt hat, als man es den Linken jemals vorwerfen kann. Dass sich solche Diskussionsregeln nach evolutionären Regeln verfestigen, also in gewisser Weise auch etwas Zufälliges darstellen, erschwert eine Verantwortungsübernahme. Häufig sind die Betreffenden selbst besonders blind dafür.

Eine politisch-„philosophische“ Diskussion

Dann kommt Gauland noch mit einem Vergleich. Zunächst sagt er sehr richtig, dass „Karl Marx nicht verantwortlich ist für die Verbrechen Stalins“. Das liegt unter anderem daran, dass wesentliche Unterdrückungsinstrumentarien, wie sie zu Zeiten des Stalinismus angewandt wurden (Gulag, Schauprozess, staatliche Zensur) von Marx nicht propagiert wurden. Das liegt aber auch daran, dass Marx 1883 gestorben ist, also etwa 35 Jahre bevor die ersten Pflänzchen stalinistischen Terrors ihre Blüten trieben (das Veröffentlichungsverbot für Bachtin wurde, wenn ich mich recht entsinne, 1928 ausgesprochen).
Rein sachlich lässt sich damit ein Vergleich zu Aussagen der AfD zur Flüchtlingssituation nicht in solcher Stärke ziehen. (Ich drücke das deshalb so vorsichtig aus, weil man natürlich immer alles mit allem vergleichen kann, und weil jeder Vergleich erlaubt ist: nur manchmal fällt das Ergebnis eines Vergleichs deutlich auf die Seite des ›nicht gleich‹. Ich mag also den Satz ›Das kann man doch nicht vergleichen‹ nicht, besonders dann nicht, wenn ein Vergleich naheliegt.)
Ich wiederhole: die Schriften von Karl Marx entstanden in großer zeitlicher Distanz zum Stalinismus, zudem gab es gravierende inhaltliche Differenzen. Erinnern wir uns daran, dass Teile des politisch-ökonomischen Manuskripts in der UdSSR zensiert waren; erinnern wir uns auch daran, dass Rosa Luxemburg die Art und Weise, wie Lenin die kommunistische Revolution in einen Staat fortsetzen wollte, heftig kritisiert hat -, dass also Karl Marx keineswegs den Stalinismus determiniert hat.
Die Aussagen der AfD sind dagegen als gleichzeitig zu der Hetze gegen Asylanten zu werten. Zudem wird aus den Reihen der AfD zum Teil Verständnis für diese Hetze aufgebracht, zum Teil wird sie stillschweigend geduldet, zum Teil mit Argumenten beliefert. Das ist umso bitterer, als viele dieser Hetzereien auf dem untersten intellektuellen Niveau stattfinden, einem Niveau also, welches von Seiten eines Sarrazin gerade auch arabischen Flüchtlingen unterstellt wird (also das Niveau, nicht die Hetzereien selbst). Hat sich jemals ein AfD-Mitglied abfällig über Brandstiftung bei Asylantenheimen oder Gewalt gegen Ausländer geäußert?

Die Spaltung der Gesellschaft

Oder nehmen wir die Proteste gegen das gender Mainstreaming. Wie bereitwillig sind diese aufgenommen worden, wie bereitwillig werden diese jetzt als unwissenschaftlich dargestellt, wie sehr werden auch gewisse Plärrer (z.B. der Pirinçci) nicht in ihre Schranken gewiesen. Die Schärfe des Problems wird erst klar, wenn man sich mit der gender-Theorie etwas gründlicher auseinandersetzt. Tatsächlich ist der Begriff als solcher nicht nur wissenschaftlich, sondern sogar biologisch plausibel (dass diese Plausibilität ausreichen muss, liegt daran, dass sich Gehirne in vivo nur bedingt untersuchen lassen und es damit keine ausreichenden empirischen Daten zu konstruktiven Leistungen einzelner Gehirne gibt: allerdings betrifft diese Einschränkung alle psychologischen Begriffe, z.B. auch die Intelligenz – ein Höcke will aber nicht, zumindest nicht auf dem Papier, die Intelligenz abschaffen).
Zur Kritik, also auch zur Kritik der gender-Theorie, gehört, die Reichweite eines Begriffs zu diskutieren; unkritisch ist dagegen, diesen aufgrund von Mythen oder mythischen Behauptung abzulehnen, oder ihn - das ist das Gegenteil - unkontrolliert und für alles tauglich durchzuwinken. Man kann die deutsche Debatte um das gender Mainstreaming nun keineswegs zum Bravourstück erklären, wohl auf beiden Seiten nicht. Dass durch einige schrille Töne auf der einen Seite und noch krudere Missdeutungen auf der anderen ein Begriff unwissenschaftlich sei, ist lästig. Wird dies zur Parteienpolitik erhoben, so wie die AfD dies tut, wird der Gedanke der Aufklärung vollends aufgegeben.
Es ist also augenfällig, dass die AfD etwas zu häufig auf „die da“ und „wir hier“ Bezug nimmt, mithin also ein ausgeprägtes Freund/Feind-Denken pflegt. Und dies ist wohl die Grundlage für jegliche Spaltung.
Niemand sollte an dieser Stelle denken, dass ich mit der Bundesregierung glücklich bin. Kritik ist notwendig. Es gibt aber Kritik, die alles verschlimmert; das ist z.B. eine Kritik, an deren Horizont die Vernichtung von Menschen ahnbar wird, die angeblich an allem schuld sind.

Ein Stinktier auf dem Weg nach Disney World

Eine Sache, so muss ich ja gestehen, hat mir auch großes Vergnügen bereitet, wenn auch ein sehr zynisches: Gauland erdreistet sich doch tatsächlich, die Diskussion um die Flüchtlingsströme und die Flüchtlingskrise als philosophisch zu bezeichnen. Ich muss nun stark annehmen, dass er damit auch seine eigene Partei meint. Eine solche Einordnung ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Was da aus den Reihen der AfD kommt, lässt sich nun mal nicht veredeln. Das lässt sich auch nicht mit Adorno veredeln, den Gauland ebenfalls herbeizitiert. In der Philosophie wird argumentiert, aber auch provoziert. Dass Philosophie keine Wirkung habe, wäre wohl auch eine Absage an die Philosophie: sie würde zu einer „schönen Kunst“. Adorno jedenfalls hat sich nie positiv über die Studentenproteste geäußert; einmal soll er sogar die Polizei gerufen haben, als Studenten seinen Hörsaal besetzten, um eine aktuelle Diskussion zu erzwingen. Wirkung allerdings wollte Adorno schon haben; hier und da in seinem Werk äußert er sich auch dazu, welche Wirkung er sich wünscht. Wenn aber ein Werk eine Wirkung auslösen sollte, die dem Verfasser des Werkes widerspricht, so muss dieser sich äußern, sofern er es noch kann. Marx konnte nicht dem Stalinismus widersprechen; Luther aber konnte den Fehldeutungen seiner Schriften widersprechen, und hat es getan, Adorno ebenso. Die AfD könnte es (ob das, was sie von sich gibt, nun philosophisch ist oder nicht), aber sie tut es nicht. Von Gauland kommen keine mahnenden Worte, dass diejenigen, die die Gewalt ausüben, sich vielleicht um ein besseres Benehmen bemühen; im Gegenteil: Merkel trage die alleinige Schuld, als ob sie jetzt persönlich Ausländer verprügeln und Asylantenheime anstecken würde.
Gaulands Argumentation hinkt also vorne und hinten. Sie entlastet die Gewalttäter, sie konstruiert ein Feindbild, das sich auf Merkel zusammendampft, und sowieso scheint dieser „gute Mensch“ ein recht schlichtes Gemüt zu haben. Es wird wohl, zumindest in der Fantasie Gaulands, ein happy-end in Pastellfarben geben. In Amerika nennt man so etwas disneyfication.

15.12.2016

Regeln für einen Ritter

Man kann Tugendlehren sehr tiefgründig gestalten, aber man kann sie auch sehr einfach halten. Wo diese tiefgründig durchdacht werden, ziehen sie meist anthropologische Grundlagen hinzu; aus der Lehre, was der Mensch sei, wird die Lehre abgeleitet, wie der Mensch sich um sich selbst zu sorgen habe, um ein gutes oder aufrichtiges oder reiches oder glückliches Leben zu führen. Andere, einfachere, empfehlen bestimmte Verhaltensweisen.
Es gibt dazu zahllose Bücher, mal solche, die esoterisch das Glück in den Sternen suchen, mal solche, die als Ziel den inneren, aber vor allem den äußeren Reichtum proklamieren. Es gibt, um es deutlich zu sagen, zu viele von ihnen, und zu viel Bedeutungsnebel und Wortdunst in ihnen.

Rules for a Knight

Neulich habe ich ein schönes, kleines Buch gefunden, geschrieben von Ethan Hawke, der nicht nur als Schauspieler in einigen guten Filmen mitgespielt hat, sondern auch bereits zwei Romane veröffentlicht hat, die beide zumindest für renommierte Preise nominiert waren.
Dieses Buch hat es mir gleich angetan, denn das Thema trifft sich mit meinen aktuellen Arbeiten sehr gut: es ist eine Tugendlehre, eingebunden in eine Rahmenhandlung und illustriert durch Erklärungen und kurze Anekdoten.
Dann aber konnte ich das Buch doch nicht sofort lesen, denn etwa eine halbe Stunde, nachdem ich dieses Buch gekauft hatte, habe ich es verschenkt. Zu der Buchhandlung bin ich dann erst wieder am Montag gekommen, und tatsächlich hatten sie das Buch noch in der englischen Originalfassung vorrätig; allerdings liegt auch eine deutsche Übersetzung vor.

Ein letzter Brief

In der Rahmenhandlung schreibt Sir Thomas Lemuel Hawke seinen Kindern einen Brief; er schreibt diesen Brief am Vorabend einer Schlacht, in Erwartung seines Todes auf dem Schlachtfeld. Die Kinder sind noch jung, und so ist der Brief nicht nur als Zeichen der Dankbarkeit und der Liebe geschrieben, sondern auch als eine Lehre für das spätere Leben. Der Verfasser berichtet, wie sein eigener Großvater, ein Ritter, ihn als Pagen akzeptierte, und welche Lehren sein Großvater ihm in den folgenden Jahren mit auf den Weg gab.
Es sind zwanzig Tugenden, bzw. zwanzig Blickwinkel auf das eigene Leben (also: zwanzig Sorg-Falten), die in kurzen Kapiteln dargestellt werden. Zunächst gibt es eine Einleitung, die entweder eine Definition enthält, oder den Vorteil dieser Tugend herausstreicht, oder den Nachteil, wenn man dieser Tugend nicht folgt. Dem folgt jeweils eine Anekdote, in die Maximen (also Handlungsempfehlungen) eingeflochten sind; zum größeren Teil sind diese Anekdoten vor allem erzählend, zum Teil aber auch durch philosophische Betrachtungen eingeleitet oder beendet.

Vergebung / Forgiveness

In dieser Anekdote zeigt der Autor, dass Vergebung nicht nur anderen Menschen gilt, sondern indem wir ihnen vergeben, vergeben wir auch uns selbst. Der bemerkenswerteste Satz in diesem Kapitel allerdings betrifft das Streben nach Perfektion, also nach einer perfekt erfüllten Tugend, und der Art und Weise, wie wir (oder der Ritter) diese Tugend im Moment erfüllen können (nämlich nicht ganz so perfekt). Der Autor schreibt:
To head north, a knight may use the North Star to guide him, but he will not arrive at the North Star. A knight's duty is only to proceed in that direction.
In der Anekdote erzählt der Ritter, wie seine Frau einen jungen, verwöhnten Knappen aus einer unangenehmen Lage befreit hat, aber keine Dankbarkeit erfuhr. Noch Stunden danach ärgert sich der Ritter über das Verhalten des Jungen, woraufhin seine Frau ihm erklärt, dass sie dem jungen Burschen bestmöglich geholfen hat, um sich jegliches weitere Nachdenken oder Sorgen zu ersparen. Sie hat nur die Bürde für die Zeit getragen, in der sie geholfen hat, während er den Knappen auf dem ganzen Heimweg „mitgenommen“ habe. Einem Menschen sein Missverhalten zu vergeben und ihm trotzdem Hilfe anzubieten, befreit uns von jeglicher weiteren Sorge um ihn.

Disziplin / Discipline

Disziplin, so der Autor, schaffe eine Struktur und Ordnung, innerhalb der Freiheit möglich sei:
Oddly, with discipline, structure, and order, you will find there is freedom. Inside this kind of freedom, anything is possible.
Disziplin sei vor allem die Verantwortlichkeit für sich selbst; und verantwortlich sei man, wenn man sich dafür entscheidet, immer das Beste zu geben. Das Beste heißt hier allerdings nicht, sich zu verausgaben, sondern streng nach seinen Tugenden zu leben. Die aus der Anekdote gewonnene Schlussfolgerung ist zunächst überraschend, dann aber sehr plausibel: wer nach seinem eigenen Kompass lebt, bricht mit den Manipulationen durch Schuld und Angst.
A healthy conscience should be used like an internal compass: it is yours, not an instrument for others to play.

Schluss

Das Buch kommt ohne großen Anspruch daher: es möchte Wege aufzeigen, und das gelingt ihm hervorragend. Die Anekdoten sind schön erzählt; die Lehren sind warmherzig. Immer wieder betont der Verfasser, dass die Tugenden (oder Regeln) für beide Geschlechter gleichermaßen gelten, dass Fürsorge keine weibliche Eigenschaft sei, genauso wenig wie Mut eine männliche; und im eigentlichen Sinne sind es auch gar keine Eigenschaften, sondern Richtlinien, die man verfolgen soll, und durch die man zum Ritter, bzw. zur Ritterin wird.
Wer nicht einigermaßen gut Englisch kann, sollte zur deutschen Fassung greifen; die Sprache ist reich und durch relativ viele ungewöhnliche, zum Teil altertümliche Wörter geprägt. Sie sind treffend gewählt, und dadurch wird der Satzbau und die Darstellung kurz und präzise, doch wer hier für jeden zweiten Satz zum Wörterbuch greifen muss, wird wenig Vergnügen am Inhalt finden.
Ein Kapitel, muss ich gestehen, hat mich besonders begeistert: Aufrichtigkeit / Honesty. Darin findet sich der wunderbare Satz
The facts are always friendly.
Dass dies nicht nur ein Spruch ist, sondern durch den gesamten Text eine zutiefst humane Leuchtkraft erhält, darf jeder selbst lesen.

Das ist ein Wort zur richtigen Zeit!

Das Problem von Kriminellen mit migrantischem Hintergrund wird von Christian Pfeiffer deutlich benannt:
Gewalt sei nicht kulturell zu bestimmen, sondern vor allem eine soziale Frage. Als Risikofaktoren nennt Pfeiffer Arbeitslosigkeit und mangelnde soziale Integration. „Wenn diese Faktoren bei Deutschen zutreffen, steigt auch bei ihnen das Kriminalitätsrisiko.“
Auch beim Anzeigeverhalten gebe es bei deutschen und migrantischen Kriminellen eine Diskrepanz, die die Kriminalstatistik verfälsche:
„Die Anzeigebereitschaft ist viel größer, je fremder der Täter ist.“ Der ausländische Mann, der eine Frau hinter die Büsche ziehe und vergewaltige, habe eine hohe Anzeigequote. Der vertraute Arbeitskollege, der Chef oder auch der Partner, der das Gleiche tue, werde dagegen deutlich seltener angezeigt.
Nachzulesen ist das Ganze hier: "Es ist in der Kriminalstatistik Vorsicht geboten"
Das ist ein Beobachtung, die ich seit Jahren immer wieder auf meinem Blog zum Besten gebe; sofern ich im Wedding, im 'arabischen' Viertel einkaufen gehe, erlebe ich sehr fleißige, freundliche und bescheidene Menschen. Wenn ich dann die - durchaus nicht repräsentativen - Deutschen in diesen seltsamen Internet-Foren und auf Youtube ansehe, erlebe ich das Gegenteil: denkfaul, missgünstig, anmaßend.
Glücklicherweise gibt es eine einfache Möglichkeit, sich diesen hassgeschwollenen, kulturlosen Menschen zu entziehen: weghören, wegsehen.

13.12.2016

Der versteinerte Zeuge


Neben vielen anderen Sachen lese ich seit dem Sommer immer und immer wieder einen Artikel von Donald P. Spence, Das Leben rekonstruieren. Darin wird die Entstehung einer Erzählweise behandelt, die auf eine „faschistische Geisteshaltung“ schließen lässt. Nun hat mich dieser Artikel zu allerlei fruchtbaren Betrachtungen angeregt, aber er hat mich auch zugleich sehr verstört, um nicht zu sagen abgrundtief geärgert.

Die (quasi-)„faschistische“ Erzählung

Zunächst sieht Spence einige typische Merkmale in dieser Art der Erzählung: Sie besteht aus einer Stimme und einer These; Erzähler und Opfer sind deckungsgleich oder zumindest stark solidarisch; die wichtigen Schlussfolgerungen der Erzählung sind nicht diskutierbar, entweder, weil nur der Erzähler Zeuge dieser Ereignisse war, oder weil sich aufgrund der schweren moralischen Verletzung eine andere Interpretation verbietet. Dazu führt Spence zwei inhaltlich sehr verschiedene Erzählungen an.

UFO-Entführungen und sexueller Missbrauch

Die eine Erzählung thematisiert die Entführung durch Außerirdische; die andere den sexuellen Missbrauch. In beiden Fällen versucht sich der Erzähler Gehör zu verschaffen; mehr aber noch wird ein uneindeutiges Selbstbild durch eine solche Erzählung eindeutig und stabil:
Auch sein sich ständig änderndes Selbstbild macht dem modernen Menschen zu schaffen. … Er möchte beständig werden, sich zurücklehnen mit einem »Selbst« und einem »Ich«.
(S. 206)
Und dies erreicht er durch eine eindimensionale, unerbittliche Erzählweise:
Ein eindimensionaler, zielstrebiger Erzählfaden eliminiert nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern auch den beunruhigenden Druck durch andere Stimmen. … Wenn viele Stimmen den Frieden stören, besteht eine Lösung darin, die Sprecher zum Schweigen zu bringen; eine andere ist der Rückzug in eine ein-stimmige Welt …
(S. 204f.)
All das ist interessant; nur hat die Sache einen kleinen Haken: UFO-Entführungen sind immer erfunden, der sexuelle Missbrauch dagegen kann real stattgefunden haben; dies erwägt Spence nicht einmal in einem Nebensatz. So ist schon an der Oberfläche das eigentliche Problem solcher Erzählungen nicht gelöst: ihr Wahrheitsgehalt. Nimmt man hinzu, dass eine UFO-Entführung eine Art Ersatzgeschichte für ein mögliches, tatsächliches Schreckenserlebnis sein könnte, so ist mit einer schlichten Zurückweisung solcher Geschichten weder dem Erzählenden noch der Gesellschaft geholfen.

Rot-grün-versiffte gender-Faschisten

So las ich es neulich, ich glaube auf Facebook. Und wenn man dies recht übersetzt, so soll dieses pejorative Konglomerat wohl heißen: ich bin von grünen Männchen entführt worden, die haben mit mir komische Sexualität gemacht, jetzt muss ich schreien. Genau aus diesem Grund kann ich Spence viel abgewinnen. Denn sieht man von dem Patzer ab, dass sexueller Missbrauch tatsächlich stattfindet (auch wenn die Erzählung davon noch keine Garantie für die Wahrheit ist), so trifft dieser Artikel sehr wohl auf die Äußerungsformen einer gewissen Bevölkerungsgruppe zu, die man als rechtspopulistisch, mithin als primitiv und paranoid bezeichnen kann: Hier wird die Eindeutigkeit nicht durch die Einsamkeit des Zeugens etabliert (nur ich habe das so erlebt, nur ich bin von Außerirdischen entführt worden, deshalb darf mir auch keiner widersprechen), sondern durch eine sehr scharfe Auswahl, was als Wahrheit und was als Lüge gilt. So wird seit Jahren von dieser Bevölkerungsgruppe der sexuelle Missbrauch mit der Herkunft aus gewissen Ländern verknüpft, ungeachtet der Tatsache, dass 1.) die Fälle sexuellen Missbrauchs sehr viel höher sein müssten, wenn dies zu dem Wesen oder zu der Kultur in diesen Ländern gehören würde; und dass 2.) die meisten Statistiken auf eine besonders hohe Anzahl sexueller Missbrauchs-Fälle innerhalb der Familien (auch der deutschen) hinweist. Nur kommt niemand auf die Idee, deshalb die Familien abzuschaffen. Was diese ganzen Plärrer angeht, so darf man sich fragen, was übrig bleibt, wenn sie ihre Ziele denn durchgesetzt haben: denn bei all dem Negativen scheint nichts Positives durch. In gewisser Weise macht dies auch den letzten Zug solcher faschistischen Erzählungen aus: das Opfer versteinert in seiner Rolle als Opfer; und so sehr es gegen die Zustände hetzt, kann es deren Änderung doch nicht wollen, da damit die erarbeitete Identität wieder fraglich würde.
  • Spence, Donald P.: Das Leben rekonstruieren. Geschichten eines unzuverlässigen Erzählers. in: Straub, Jürgen (Hrsg.): Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Frankfurt am Main 1998, S. 203-225

10.12.2016

Weihnachten ist für alle

So las ich heute während meines Lidl-Besuchs. Wahrer wäre es ohne das 'für'.

Exklusion

Weihnachten ist, wenn man es im christlichen Sinne sieht, tatsächlich für alle. Der Sohn Gottes sei geboren worden, um den Menschen Vorbild und Hoffnung zu geben. Was soll dann diese Aussage über einer Reihe von Luxusartikeln? - Nein, diese Frage ist unpräzise, denn was diese Aussage und dieses Plakat sollen, ist offensichtlich. Vielmehr muss man fragen, welche Ideen mit dieser Werbung mittransportiert werden.
Zunächst macht es einen Unterschied, ob man die weihnachtlichen Gaben als materiell oder ideell betrachtet. Vom christlichen Idealismus aus gesehen ist die Geburt Christi eine Botschaft, die allen Menschen gilt, ob sie sie hören wollen oder nicht; die Gnade wird allen Menschen zuteil, ob sie darum wissen oder nicht. Es ist eine inklusive Botschaft. Die Sprache der Werbung dagegen sagt: die einen kaufen diese Güter (und können sie kaufen), die anderen nicht. Wer sie nicht kaufen kann, so impliziert der Spruch an dieser Stelle, für den ist Weihnachten nicht. Es ist eine exklusive Botschaft; schlimmer noch ist es eine moderne Form des Ablasshandels. Wie Luther schrieb:
Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.
(27. These)

Tugend und Status

Mich interessiert weniger, ob die christlichen Werte noch zeitgemäß sind (Werte sind nie 'zeitgemäß', doch das ist eine andere Geschichte), als der Unterschied zwischen Tugend und Status. Die Tugend ist, in einem moderneren Sinne, die Verwirklichung einer Idee, bzw. die Haltung, die zur Verwirklichung einer Idee führt. Sie war bei Aristoteles noch stark auf die Erscheinung in der Gemeinschaft ausgelegt, so dass man dem Spruch 'Tue Gutes und rede darüber' einen anderen Wert beimessen muss, solange er die griechische Polis betrifft; in einer Gesellschaft, in der massive Ungleichheiten den Menschen sehr unterschiedliche Möglichkeiten und Positionen zuweisen, muss er - der Spruch - sauer werden. Denn was der eine an geringfügig Gutem tut, kann unendlich viel mehr an Selbstbewusstsein und Disziplin bedeuten, denn was der andere mit großzügiger Hand doch ohne Not verteilt.
So bestimmt einmal die Tugend den Status (unter Gleichen), und einmal der Status die Tugend (in einem scharfen ökonomischen Gefälle).

Sichtbarkeit I

In gewisser Weise stellt der Status die Sichtbarkeit des Tugendhaften auf den Kopf. Wer einen Status hat (also 'prominent' ist), ist in gewisser Weise schon sichtbar; tugendhaftes Handeln führt unter solchen Bedingungen zu einer weiteren, erhöhten Sichtbarkeit. Die Tugend, also die Haltung, die zum Handeln führt, ist eine per se unsichtbare Sache. Wenn in der protestantischen Tradition ein Misstrauen gegen die Oberfläche der Zeichen (den Signifikanten) herrscht, dann auch aus dem Grunde, dass diese trügerisch sind; so Luther in seinen Thesen:
Unchristliches predigen diejenigen, die lehren, dass bei denen, die Seelen loskaufen oder Beichtbriefe erwerben wollen, keine Reue erforderlich sei.
(35. These)
Man könnte auch, in einer etwas weiter gefassten Auslegung, sagen, dass die 'wahre' Sichtbarkeit der Tugend eine asketische Sichtbarkeit ist, eine der Zuverlässigkeit und Disziplin:
Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen", wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.
(1. These)

Sichtbarkeit II

Nun predige ich nicht Buße, jedenfalls nicht als alleinige Möglichkeit; die Askese - abgeleitet vom gr. askein, üben - ist immer ein offenes Projekt; Sichtbarkeit ist dabei mindestens zweifach zu bewerten. Geht man noch einmal auf den Begriff der Tugend zurück, so ist diese zugleich fest als auch erhöhend: sie ist zuverlässig und vorbildlich.
Nun kreuzen sich in diesem Verhältnis viele Sichtbarkeiten; darunter lässt sich aber eine wesentliche Differenz finden, die alle Überlegungen zur Sichtbarkeit der Tugend komplex macht. Einmal ist eine Tugend nur für sich: als Praxis einer Ethik finden sich darin alle Handlungen, die sich um sich selbst sorgen; aber die Tugend wird beständig von der politischen Praxis, insbesondere der Mikropolitik, berührt. So sehr sie für sich ist, schreibt sie sich in den Körper ein und wird damit für andere sicht- und interpretierbar. So wohnt der Tugend, kraft ihrer Sichtbarkeit, der Zwiespalt von Zweck und Ziel inne, und damit der Streit, ob eine Tugend besser werde, wenn sie sich sichtbar oder unsichtbar macht.

Weihnacht

Man sollte meinen, dass Weihnachten ein leises, unsichtbares Fest ist; man sollte meinen, dass man des 'letzten großen Europäers', wie Nietzsche Jesus einmal nannte, gedenke, seiner Tugend, seiner Zuverlässigkeit, seiner Größe (und wenn es nur eine Geschichte wäre, so wäre sie es doch wert, gedacht zu werden).
Wie seit langem bleiben für mich Fragen zur Tugend offen; nicht ohne Grund habe ich eine gängige philosophische Formulierung vermieden: die Tugend-für-sich und die Tugend-für-andere. Es wäre leicht gewesen, diese hier herbei zu zitieren. Doch hatte ich neulich zur Kritik bei Nietzsche geäußert, dass dieser die Kritik in gewisser Weise anti-evolutionär auffasst und damit a-historisch (nicht aber anti-historisch). Die Tugend scheint mir einen ähnlichen Rang zu haben: sie als dialektisch aufzufassen verfehlt eine umfassende Betrachtung.
Zwar haben die christlichen Tugenden hier nur Beispielcharakter (es gibt, wie gesagt, auch andere Tugenden), doch ist Weihnachten als Modeerscheinung ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie eine Tugendlehre durch ihre von Fremdem ausgehöhlte Sichtbarkeit jegliche Haltung und damit alle Eigenschaften verliert, die eine Tugend ausmachen. Es ist reiner Glanz:
Ach, die Sterne / Sind am schönsten in Paris, / Wenn sie dort, des Winterabends, / In dem Straßenkot sich spiegeln.

02.12.2016

Sprechhandlungen

Von Polenz führt eine ganz andere Art der Satz-/Textanalyse in seinem Buch Deutsche Satzsemantik ein. Diese scheint gegenüber den Analysen des Aussagegehalts (zu denen die semantischen Rollen gehören) übergeordnet zu sein, zumindest, wenn man die Sprechhandlung als auf mehreren Ebenen möglich sieht.
Im Folgenden werde ich (zwei) andere Sichtweisen auf den Handlungsgehalt von Texten vorschlagen, die beide auch als Lesemodelle verstanden werden können. Beide verschieben den Schwerpunkt, den von Polenz setzt, ohne ihn aufzugeben.

Sprechakte

Die Sprechakttheorie bezieht sich auf Sätze, die etwas tun. Die ersten Vertreter haben diese Handlungen noch sehr dicht an den echten Handlungen gesucht, bzw. dann vor allem in solchen Handlungen, die nur durch Sprache möglich sind.
Man kann etwa eine Missbilligung mimisch ausdrücken, also ohne Sprache, aber auch in Worten fassen. Dagegen sind die Taufe, der Vertrag oder das Versprechen auf Sprache angewiesen.
Jedenfalls unterscheidet die Sprechakttheorie zwischen dem Sprechen als Handlung, der Handlung als Inhalt des Gesprochenen und der Wirkung (Re-Aktion) auf das Gesprochene.

Die (un)gesehene Handlung

Die Differenz im Sprechakt

Aus der Systemtheorie kommt der Gedanke, dass nicht die Handlung das Primat des Sozialen ist, sondern die Kommunikation, bzw. dann noch der darunter liegende Sinn, den sich soziale und psychische Systeme teilen. Diese Frage müssen wir nicht weiter erörtern. Wichtig daran ist, dass die Zustände des Sinns nicht durch Identitäten, sondern durch Differenzen geregelt sind; so dass jede Identität nur eine Seite einer Differenz ist, aber nicht diese Differenz selbst.
Demnach sind aber auch Sprechakte nicht einfach nur Identitäten, die durch Differenzen verbunden sind, sondern die Identitäten werden erst durch die Differenz geschaffen, also immer nachträglich und immer abhängig von der anderen Seite der Differenz. Dies würde erklären, warum die Sprechakttheorie so große Probleme hat, die Wirkungen eines Sprechakts zu beschreiben, bzw. überhaupt klären zu können, wie viele Arten und Weisen des Sprechakts es überhaupt gibt.

Der Sprechakt im Lichte des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus behauptet, dass selbst die Wahrnehmung einer Aktivität ist, und wenn schon nicht eine Aktivität des Bewusstseins, so doch eine Aktivität des Gehirns oder des Vorbewussten. Betrachtet man nun die sogenannten Repräsentativa, die Sprechakte darstellen, die etwas darstellen, sei es eine Wahrnehmung, eine Information oder eine andere kognitive Leistung, so muss man zugleich deren Hergestelltsein zugestehen. Eine Information wird demnach nicht repräsentiert, sondern konstruiert; zugleich wird der Sprechakt, der diese Information konstruiert, ebenfalls geschaffen — und so ist gerade der repräsentierende Sprechakt auf doppelte Weise keine Repräsentation.

Leben in verschiedenen Welten

Noch fragwürdiger wird die Unterscheidung, wenn man sich Erzählungen ansieht, in denen Geheimnisse oder Rätsel eine wichtige Rolle spielen, oder die ironisch sind, also etwas sagen und zugleich nicht sagen.
Ein gutes Beispiel dafür liefert der Beginn von Harry Potter. Wir erinnern uns: der Roman beginnt in der Nacht, in der der böse Zauberer Voldemort die Eltern von Harry Potter ermordete, aber den kleinen Jungen, eben Harry, nicht nur nicht umbringen konnte, sondern bei dem Versuch seine ganze Macht einbüßen musste. Die Geschichte selbst beginnt nun nicht mit diesem Ereignis, sondern den Geschehnissen im Haus von Harrys Tante und deren Ehemann, den Dursleys.
Vom erzählerischen Aspekt ist die Zweiteilung der Welten in eine Menschenwelt und eine Zaubererwelt wichtig, denn hierdurch wird das erste Rätsel gebildet: die Zaubererwelt schickt Signale in die Menschenwelt, die die Menschen aber nicht interpretieren können. Nun befinden sich die Dursleys dummerweise gegenüber vielen anderen Menschen in einem Vorteil, denn natürlich wissen beide, dass es Zauberer gibt. Allerdings versuchen sie, deren Existenz so gut es geht zu leugnen.
Der Leser selbst ist ebenfalls im Bilde: auch wenn die Zaubererwelt im Buch selbst bis zu dieser Stelle nicht benannt wird, wird er wohl mindestens den Klappentext gelesen haben, oder durch Hörensagen ein wenig vom Inhalt des Buches wissen.

Narrative und diskursive Ebene

Jedenfalls wird diese blinde und selbstverliebte Idylle, in die sich die Dursleys eingeigelt haben, zunächst von einem Satz durchbrochen, der keine Rolle für die Geschichte selbst spielt, aber umso mehr für die Art und Weise, wie der Leser die Geschichte wahrnimmt:
None of them noticed a large tawny owl flutter past the window.
Dieser Satz funktioniert nur, indem er zugleich etwas präsentiert und nicht präsentiert. Auf der einen Seite berichtet der Erzähler von einer Eule und davon, dass niemand diese Eule gesehen hat, und auf der anderen Seite hat diese Eule tatsächlich niemand gesehen, zumindest niemand in der Geschichte.
Was lehrt uns dieses Beispiel?
Nun, zunächst, dass derselbe Satz zur selben Zeit zwei sehr verschiedenen Ebenen zwei sehr unterschiedliche Wirkungen besitzt. In der Literaturwissenschaft wird diese Differenz durch die Trennung von narrativer und diskursiver Ebene ausgedrückt: die narrative Ebene betrifft alles, was in der Geschichte „real“ vorkommt, also Zauberer, mystische Länder, Weltraumstationen und das unsägliche Grauen, welches hinter den Grenzen von Raum und Zeit lauert; die diskursive Ebene betrifft die Kommunikation vom Autor zum Leser.
Im weiteren Sinne erfahren wir aber, dass ein solcher Satz vom Kontext abhängig ist, aber auch davon, wie wir diesen Satz in seinem Kontext interpretieren.

Die Ironie

Tatsächlich stützen sich viele erzählerische Techniken auf der Trennung von zwei oder mehr verschiedenen Deutungsrahmen. Sehr deutlich wird dies in der Ironie, wie sie sich im ersten Satz von Harry Potter and the Philosopher's Stone finden lässt:
Mr and Mrs Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Zunächst wird die Sichtweise der Dursleys geschildert – „wir sind völlig normal“ –, dann aber bricht der Kommentar des Autors in diesen Deutungsrahmen ein: „na vielen Dank aber auch“, ein deutliches Signal, dass diese Sichtweise keine endgültige ist. Damit wird die Sprechhandlung, sich selbst als normal zu bezeichnen, zu einem unfreiwilligen Eingeständnis, alles andere als normal zu sein.
Die Ironie funktioniert hier nicht auf der narrativen Ebene, zumindest zunächst noch nicht, sondern rein in der Kommunikation zwischen Autor und Leser. Aber der Satz, so wie er dasteht, macht noch mehr: er erzählt nicht nur von der Selbstblindheit der Dursleys, er ironisiert diese nicht nur für den Leser, sondern er weist auf einen Konflikt hin, der später in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen wird. Mit diesem Satz darf der Leser erwarten, dass der Deutungsrahmen, den der Autor ihm nahegelegt hat, in die Welt selbst hineinwandern wird. Und tatsächlich wird wenige Seiten später die Zaubererwelt massiv in das Leben der Dursleys einbrechen; überall die Romane von Harry Potter hinweg werden wir dadurch Zeuge, wie diese ach so normale Familie versucht, diese Normalität aufrechtzuerhalten.

Sprechhandlungen

Zu dieser langen Rede gibt es einen kurzen Sinn. Eine Handlung ist etwas anderes je nach der Handlungsfolge, in die sie eingebunden ist. Ein Mensch, der einem anderen Menschen dem Skalpell die Bauchdecke aufschneidet, ist entweder ein Chirurg oder ein Massenmörder, und je nachdem sieht die Handlungskette um diese Handlung herum anders aus, wird der Beobachter einen anderen Deutungsrahmen benutzen, und die Mitteilung der Handlung eine andere Wirkung erzielen.
Bedenkt man dann noch, dass man eine solche Mitteilung auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen betrachten kann, als Linguist, als Narratologe, oder vielleicht als christlicher Moralist, der die chirurgische Praxis in Ordnung findet, aber nicht Erzählungen, in denen Massenmörder auftauchen (weil diese Teufelswerk seien und die Menschen vom Lesen der Bibel abhielten). Und je nachdem wird die Handlung anders eingeschätzt.
So kann man schließen:
In einem Satz/Text überkreuzen sich so viele Handlungen, wie es Deutungsrahmen dessen Handlungsgehalts gibt.

Der operative Urgrund des Sprechens

Was ist eine Operation?

Als Operation kann man jede geistige Bewegung betrachten, die etwas in etwas anderes wandelt. Wie wir eben gesehen haben, können diese die Bewegung selbst betreffen oder den Rahmen, in dem ein solches Etwas wahrgenommen wird: Ich kann mir zu einem Pferd einen Cowboy oder eine Kuh denken (ich assoziiere also); oder ich kann ein Pferd als schön oder als nützlich empfinden, also in je verschiedenen Rahmen. Bei genauerem Hinsehen wird zwar auffallen, dass der Unterschied zwischen Assoziation und Rahmung gering oder sogar hinfällig ist, aber für die Darstellung kann uns hier diese Zweiteilung genügen.
Fasst man diese Schilderung zusammen, so ist die Operation eine wandelnde geistige Bewegung oder, da Wandel und Bewegung das gleiche bezeichnen, einfach eine geistige Bewegung.

Lernen

Wir werden nicht mit allen Operationen geboren, die wir im Laufe unseres Lebens erlernen; vieles eignen wir uns an, wenn auch nicht bewusst. Operationen können bewusst reflektiert werden; da sie aber am Bewusstsein mitwirken, können sie nicht zugleich, sondern nur nachträglich Inhalt des Bewusstseins sein. Operationen entwickeln sich eher hinterrücks als bewusst. Trotzdem gibt es eine Vermutung, die man für sehr wahrscheinlich halten kann, wie einige davon entstehen: durch zahlreiches Üben wird bewusstes, inhaltliches Wissen in reflektierbares, operatives Wissen umgewandelt; anders gesagt wird interpretiertes Wissen zu interpretierendem (einen Satz, den meine Leser kennen).
Übendes Lernen ist zwar mühsam, und der Gewinn daran nicht sofort einsichtig, aber die Möglichkeit, dadurch reicher und vielfältiger die Welt zu erfahren, ist recht gut zu belegen.

Sprechen

Auch Sprechen, bzw. Schreiben, beruht auf Operationen. Je nachdem, von welchem Aspekt aus ich dieses betrachte, gehören dazu das Auswählen (von Wörtern und Satzstrukturen, von Handlunsgabsichten, etc.), das Aufmerken (auf sinnliche, geistige, soziale Phänomene), das Zusammenbringen (wie dies im Satz, Text oder Handlungszusammenhang) geschieht.
Fasst man Operationen weiterhin als geistige Handlungen auf, so verfeinert diese auch sein mögen, wird die Sprechhandlung von mehreren geistigen Handlungen unterlegt, von denen einige kognitiv sind (ein bestimmtes Satzmuster erstellen, etc.), andere motivational (jemanden etwas glauben machen wollen, etc.).
Wenn wir dies auf einen Satz oder Text anwenden, können wir uns fragen, was der Autor oder Sprecher wie ordnet, welche Probleme er explizit aufwirft, welche implizit mitschwingen, und welche Probleme der Autor nicht erfasst, aber beim Betrachten des Textes doch eine Rolle spielen. Und wir können nach den Absichten des Autors fragen; wozu er den anderen überreden will, was er von sich selbst preisgeben möchte, und so weiter und so fort. Schließlich können wir dies nicht nur mit einem gesamten Text machen, sondern mit ausgesuchten Teilen, also zum Beispiel allen Stellen, in denen eine bestimmte Figur oder ein bestimmter Ort auftauchen.
Texte sind demnach aus hunderten, tausenden Operationen aufgebaut. In diesen finden wir eine andere Möglichkeit, einen Text Wort für Wort und Satz für Satz zu untersuchen.

Erster Schluss

Von Polenz meint mit dem Handlungsgehalt von Sätzen etwas anderes als ich; meine Auffassung erweitert seine. Meine Auffassung ist aber gerechtfertigt, da auch ein so umfangreicher Text wie der erste Band von Harry Potter oder die Phänomenologie des Geistes als Handlungen verstanden werden müssen; und da der Leser an solchen Texten eine Vielzahl von Handlungen vollziehen und hineininterpretieren kann.
Denn ein anderer Nachteil der Sprechakttheorie ist, dass die dort untersuchten Handlungen ihre Wirkung nur kurzfristig, meist noch in der gleichen Situation vollziehen. während Texte - wie etwa die Bibel - über Jahrhunderte hinweg Menschen in ihren Handlungen beeindrucken und beeinflussen (auch wenn dies wieder mit durch die aktuelle Kultur geprägt ist, wie solche Handlungen identifiziert und verstanden werden).

Zweiter Schluss: wie und was ich aktuell lese

Zur Zeit lese ich, Satz für Satz, zwei Texte, einmal Die Farbe aus dem All von H. P. Lovecraft, und einmal die Vorrede zur Phänomenologie des Geistes von Hegel. Beide Texte sind in Bezug auf semantische Rollen schwierig, weil darin zahlreiche Wörter auf zusammenfassende oder stark abstrahierende Weise gebraucht werden. Wenn man dagegen die Handlungen ausdeutet, kann man recht dicht an der Oberfläche bleiben. In dem Satz
Dass das Vorgestellte Eigentum des reinen Selbstbewusstseins wird, diese Erhebung zur Allgemeinheit überhaupt ist nur die eine Seite, noch nicht die vollendete Bildung.
Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 1986, S. 36
findet man - unter anderem - ein genaueres Bestimmen, bzw.: Hegel bestimmt hier genauer das Vorgestellte als Eigentum des Selbstbewusstseins, und ein Aufteilen, bzw.: Hegel teilt die Bildung des Selbstbewusstseins in zwei Seiten auf (von denen er die eine vorher, die andere hinterher erklärt).

Lesemodelle, semantische Rollen und Ideologie

Lesenlernen ist ein Prozess, der kein Ende findet. Zwar glaubt man allgemein, dass mit dem mechanischen Lesen der größte Teil dieses Prozesses bewältigt sei; doch das mechanische Lesen betrifft nur die äußere, materielle Form, und wer auf dieser Ebene stehen bleibt, transformiert Geschriebenes nur in Gesprochenes, nicht in Anschauliches und Zweckmäßiges und gehört damit zu den funktionellen Analphabeten. Der funktionelle Analphabet spricht das geschriebene Wort aber versteht nicht den Sinn. - Und genau hier greifen alle anderen Lesemodelle ein, die eben nicht auf wenige grundlegende Elemente zu reduzieren sind, sondern die ganze Vielfalt der Kultur mit sich bringen.
Man kann die Semantik in gewisser Weise als eine Lehre solcher Lesarten bezeichnen. Ursprünglich ist die Semantik die Lehre von der Bedeutung. Wenn man aber, wie dies die Entwicklungspsychologie nahelegt, den Sprachgebrauch grundständig als operativ und damit als pragmatisch ansieht, ist sie eine vom Nützlichen, Schönen, Zweckmäßigen, Spannenden, Lehrreichen der Texte. Zu dieser Lehre gehört, wie der Name schon sagt, die Satzsemantik, und zu dieser wieder die der semantischen Rollen.
Diese werde ich im Folgenden in Teilen vorstellen. Damit kehre ich auch zu einem Artikel zurück, den ich in den ersten Wochen meines Blogger-Daseins geschrieben habe: Begriffsbildungen bei Aebli.

Vorteil von Lesemodellen

Implizite Propositionen

Man kann bei der Bedeutung zunächst davon ausgehen, dass diese aus und mit Handlungen entsteht. Eine Handlung nutzt immer bestimmte Gegenstände und Phänomene aus der Umwelt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten konstelliert die Handlung Gegenstände und Phänomene zielorientiert. Aus dieser Konstellation heraus entstehen die ersten Sätze. In der Kognitionspsychologie nennt man Sätze Propositionen.
Werden solche Propositionen aufgeschrieben und in einen größeren Zusammenhang gebracht, entsteht ein Text. Jeder Satz in einem Text ist eine Proposition, und da diese Proposition offensichtlich ist, kann man diese auch explizite Proposition nennen.
Nun besteht eine solche explizite Proposition allerdings aus Elementen, die man auch in ganz anderen Konstellationen verwenden könnte. Man kann z.B. ein Ei in eine Pfanne schlagen, aber man kann es auch ausblasen und dann anmalen. Das Verb ›ausblasen‹ lässt sich wiederum in einem anderen Kontext verwenden, z.B. bei Kerzen. Darüber bilden sich unterhalb der expliziten Propositionen Netzwerke, die nicht ausgesprochen sind, aber ausgesprochen werden können. Solche Möglichkeiten heißen implizite Propositionen.
Implizite Propositionen in explizite umzuwandeln gehört zur Tätigkeit des Interpreten und macht einen wichtigen Teil der Interpretation aus.

Lesemodelle

Wie man sich sicherlich vorstellen kann, kann man mit einiger Erfindungsgabe selbst in kürzesten Texten eine relativ große Zahl solcher impliziter Propositionen finden. Man könnte man sich damit begnügen, solche impliziten Propositionen einfach aufzuzählen, doch dies würde nur zu einer recht chaotischen Situation führen, abgesehen von dem Nutzen einer solchen Tätigkeit.
Hier greifen Lesemodelle: diese schränken die Zahl der Propositionen ein und sorgen für ein mehr oder weniger geordnetes Verhältnis dieser Propositionen zueinander. Sie machen systematisches Lesen möglich. Mit dem systematischen Lesen erkauft man sich Blindheit gegenüber allen anderen möglichen Lesarten. Allerdings ist das unsystematische Lesen meist spontan und weder der Reflexion noch der Mitteilbarkeit zugänglich: es bleibt dann – zumindest methodisch – ein „asoziales“ Ereignis. Zudem ist die Blindheit, die man sich mit einem bestimmten Lesemodell aneignet, nur eine zeitweilige; man kann dieses durch ein anderes ersetzen und damit neue Sichtweisen mit anderen Blindheiten gewinnen.

Wissenschaftlichkeit

In diesem Licht wird jede Eindeutigkeit des Sinns fraglich. Nur ein schlechter Leser versteht einen Text auf eindeutige Weise; das wissenschaftliche Lesen dagegen ist von Unsicherheiten durchzogen, zumindest von der Unsicherheit der Vollständigkeit, wenn auch nicht unbedingt von der Unsicherheit des Lesemodells.
Es ist wohl eines der ungünstigsten Zeichen unserer Zeit, dass dieses eindeutige Lesen im Internet - und nicht nur dort! - so massenhaft und scheinbar erfolgreich vorgeführt wird. Es ist aber ein Lesen, welches die eigene Methode nicht angeben kann und für die eigenen Voraussetzungen unempfindlich bleibt. Deshalb besteht wohl aus historischen Gründen in der Wissenschaft die Gepflogenheit, sich sowohl um die Inhalte wie um die Methoden zu kümmern. Den Wissenschaftler bringt es sogar in höchste Verlegenheit, eine bestimmte Lesart zu kritisieren, ohne sie komplett abzuweisen. Der dogmatische Leser argumentiert mit der Sicherheit des Inhalts, der wissenschaftliche Leser dagegen mit der Sicherheit der Methode. Gerade deshalb scheinen dogmatische Leser wissenschaftliche Leser nicht verstehen zu können, denn der wissenschaftliche Leser hat wohl die Inhalte erfahren, aber der dogmatische Leser nicht die Methoden.

Sprachkraft und harmonische Anregung

Tatsächlich ist dieser Gedanke nicht neu, und dass er wie neu erscheint, ist wohl dem Niedergang von Reflexion und Kritik in der vulgären Psychologie geschuldet. Humboldt schrieb vor über zweihundert Jahren:
Mit dem Verstehen verhält es sich nicht anders. Es kann in der Seele nichts, als durch eigene Tätigkeit vorhanden sein, und Verstehen und Sprechen sind nur verschiedenartige Wirkungen der nämlichen Sprachkraft. Die gemeinsame Rede ist nie mit dem Übergeben eines Stoffes vergleichbar. In dem Verstehenden, wie im Sprechenden, muss derselbe aus der eignen, innren Kraft entwickelt werden; und was der erstere empfängt, ist nur die harmonisch stimmende Anregung.
Wilhelm von Humboldt, zitiert bei von Polenz: Deutsche Satzsemantik. Berlin 1988, S. 23 (die Anpassung der Rechtschreibung stammt von mir)
Die Sprachkraft ist darin zuallererst nicht ein Vermögen des Sprechens und Verstehens als eines, das die Seele erweitert. Die moderne Psychologie hat eine andere Theorie, wie sich die Seele erweitert, und spricht hier von Kompetenzaufbau. Danach wird explizites Wissen (Sachwissen) durch Gewohnheit und Automatisierung zu implizitem Wissen. Dieses implizite Wissen wird beim Erwerb von neuem, explizitem Wissen verwendet. Man kann auch sagen, dass interpretiertes Wissen durch Gewohnheitsbildung zu interpretierendem Wissen wird.

Lesen/Denken, schnell und langsam

Methodisches Lesen ist zunächst ein langsames Lesen. Wer Satz für Satz, Muster für Muster liest, mag penetrant wirken; und es wundert nicht, wenn der dogmatische Leser dies als weltfremd bezeichnet, da sich ein Text ja auch so verstehen lässt, beim ersten Anblick.
Erinnern wir uns aber daran, wie wir selbst lesen gelernt haben: dies war zunächst mühsam; auch Kindern muss man das Satzverständnis nach und nach beibringen, selbst wenn es sich hier um explizite Propositionen handelt und die Kinder in ihrem Leben bereits tausende Male solche Sätze geäußert haben.
Lesenlernen ist allgemeiner einfach nur Gewohnheitsbildung. Wenn man sich neue Muster aneignet, fängt man in gewisser Weise wie ein Leseanfänger an; und tatsächlich lernt man ja auf eine gewisse Art und Weise eine neue Art des Lesens. Der Leseanfänger lernt eine bestimmte Art, Buchstaben zu Wörtern zusammenzubinden, und wenn er dies lange genug geübt hat, fällt ihm das leicht und bereitet ihm darüber hinaus Vergnügen. Dann wiederholt sich das Ganze auf der Satzebene, schließlich bei zunächst kurzen, dann immer längeren Texten. Schließlich sollten Schule und Elternhaus auch verschiedene Formen des systematischen Lesens vermitteln, also eines Lesens anhand von Modellen. Und auf jeder Stufe wird das Lesen neu entdeckt und erweitert, das bisherige Lesen aber als eingeschränkt empfunden und kritisiert.

Grenzen der Methode

Ich arbeite mit dem Modell der semantischen Rollen nun schon seit über 20 Jahren. Bisher habe ich allerdings noch nie so ausführlich die Vorteile und Probleme dieses Modells diskutiert. Vermutlich deshalb habe ich nur sporadisch darauf zurückgegriffen, und vor allem dann, wenn es von der Lektüre nahegelegt wurde, also dann, wenn es sich sowieso um kognitive Psychologie handelte.
Der Nachteil dabei ist klar: solange man ein Modell nur in dem Kontext anwendet, in dem es gebräuchlich ist, kann man dessen Grenzen nur vage erfahren. Für die Reflexion und die Kritik sind Grenzerfahrungen aber wichtig. Es ist also immer sinnvoll, die Reichweite eines Modells auszutesten, indem man es vielfältig anwendet, wie auch Feyerabend dies schrieb:
… dass alle Methodologien, auch die offenkundigsten, ihre Grenzen haben. Das zeigt man am besten durch Aufweisung der Grenzen und selbst der Irrationalität von Regeln.
Feyerabend, Paul: Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften. Braunschweig 1978, S. 343
In diesem Sinne war auch Feyerabends »anything goes« gemeint: nicht als prinzipielle Beliebigkeit der Methoden, sondern noch einmal, ganz unvoreingenommen, alle Methoden auf den sinnvollen Bereich und ihre Grenzen auszutesten, und sich nicht von vornherein durch fachwissenschaftliche oder allgemeingesellschaftliche Dogmen einzuschränken.
Jedenfalls hat sich bei mir in den letzten Tagen das Lesenlernen (mal wieder) gewandelt. Es ist noch zu früh, dies aus einer subjektiven Sicht zu berichten; objektiv profilieren sich die Texte, die ich lese, stärker nach ihrem „weltlichen“ Gehalt, nicht nach ihrem semiotischen oder rhetorischen, wie dies bisher meist der Fall war. Dies zu erklären gehört aber an das Ende der Diskussion.
Wer sich jetzt noch auf das Folgende einlassen möchte, muss mit zwei „Gefahren“ rechnen: die eine betrifft den Beginn der Arbeit, hier braucht man ein gewisses Durchhaltevermögen, bis sich erste Gewohnheiten eingeschliffen haben; die zweite betrifft das Ende, wenn die Gewohnheiten so automatisiert worden sind, dass man sich blindlings auf sie verlässt. Mühe bereitet es also, seinen bisherigen Dogmen zu entkommen, und Mühe bereitet es, nicht in neue zu verfallen.
Zwar vergnügt man sich damit nur im Stillen, doch erfährt man bekannte Texte noch einmal und trotzdem ganz anders, also auf wundervolle Weise.

Semantische Rollen

Fillmore

Die Theorie semantischer Rollen geht auf Charles Fillmore zurück. Dieser hatte zunächst nur eine genauere Beschreibung der Fälle (Kasus) im Satz vorgeschlagen, also eine Verfeinerung der grammatischen Theorie. Die grammatische Theorie ist jedoch eng mit der Semantik verbunden; von Humboldt hatte den Nutzen der Grammatik damit bestimmt, dass sich Vorstellungen genauer ausdrücken lassen, wenn diese durch analoge Verhältnisse in der Sprache ausgedrückt werden. Das sprachliche Ideal wäre, dass die grammatischen Verhältnisse die weltlichen Verhältnisse exakt abbilden und die Sprache damit weder illusionär noch verfälschend noch vereinfachend ist.
Was die verschiedenen Kasi angeht, so ist (im Deutschen) zum Beispiel der Dativ längst nicht mehr der ›Kasus des Gebens‹, der Nominativ nicht der ›Kasus des Nennens‹ oder der Genitiv der ›Kasus des Erzeugens‹. Der Genitiv hat sich schon seit langer Zeit in einen genitivus obiectivus und einen genitivus subiectivus (und weiteren mehr) gespalten, sodass damit zwei semantische Rollen für dasselbe grammatische Phänomen existierten.
Zunächst hatte Fillmore also eine genauere Kasustheorie im Sinn. Die dabei geschaffenen Rollen nannte er Tiefenkasus, später Kasusrollen. Wie wir sehen werden, sind diese Rollen allerdings grundsätzlich etwas anderes als der Kasus, auch wenn sich die beiden verschiedenen Bezeichnungen auf denselben Ort im Satz beziehen. Dadurch hat sich die Bezeichnung semantische Rolle oder einfach nur Rolle eingebürgert. Mit einer gewissen Berechtigung bezeichnet Hans Aebli diese auch als Entsprechung zur menschlichen Handlung (Aebli 1993, S. 62 f.).

Der einfache Satz

Von Polenz zählt nun in seinem Buch Deutsche Satzsemantik eine Reihe von semantischen Rollen auf. Am besten lässt sich dies jedoch erklären, wenn man ein Beispiel nimmt, welches unkompliziert verdeutlicht, wie man solche semantischen Rollen identifiziert und verwenden kann.
Im Winter sind die Rehe aus dem Wald in den Garten gekommen, und im Sommer sind die Kinder aus dem Herrenhaus über die Wiesen gelaufen, soweit sie nur konnten.
Kaschnitz, Marie Luise: Der alte Garten. Frankfurt am Main 1999, S. 9
Wenn wir diesen Satz umwandeln, ist es üblich, die entsprechenden Satzteile zu unterstreichen und die semantischen Rollen in Form von Abkürzungen der Unterstreichung beizufügen. Das lässt sich hier, am Computer, nicht machen; deshalb werde ich die Bezeichnung in Klammern hinter dem dafür wichtigsten Wort, meist ein Substantiv, einfügen.
Im Winter (TE) sind die Rehe (AG) aus dem Wald (OR) in den Garten (DIR) gekommen, und im Sommer (TE) sind die Kinder (AG) aus dem Herrenhaus (OR) über die Wiesen (LOC) gelaufen, soweit (DIR) sie nur konnten.
Insgesamt habe ich neun semantische Rollen in dem Satz identifiziert. Diese gehören fünf verschiedenen Typen an:
AG:
Eine der wichtigsten Rollen ist der Agens, also der Handelnde. Hier sind dies die Rehe und die Kinder; der Agens ist an ein aktives Verb gebunden, aber nicht an die Position des Subjekts im Satz und auch nicht an den Kasus des Nominativs.
TE:
Der Temporativ bezeichnet einen Zeitraum oder einen Zeitpunkt. Diese Verschmelzung von Zeitpunkt und Zeitraum ist philosophisch nicht zu rechtfertigen. Auch in der Alltagssprache unterscheidet man zwischen Ereignis und Dauer, aber nur fallweise und dann, wenn es notwendig erscheint. Zunächst soll uns hier eine undifferenzierte alltagssprachliche Auffassung genügen.
OR:
Der Origativ ist die erste von drei Raumbestimmungen. Mit ihr wird das Woher bezeichnet, also der räumliche Ursprung einer Handlung oder eines Vorgangs.
DIR:
Dem entspricht der Direktiv, also das Wohin einer Handlung oder eines Vorgangs.
LOC:
Schließlich wird mit dem Locativ ein Ort, bzw. Raum benannt. Bei diesem Satz ist der Raum ein Durchgangsort. Gelegentlich ist es wichtig, solche Durchgangsorte von Orten des Verweilens zu unterscheiden. Die Erkenntnis aus diesem Beispiel ist zunächst bescheiden. Sie formt ein Textmuster, welches man als ›belebte Landschaft‹ bezeichnen könnte. Zumindest eine Erkenntnis, und nicht die unwichtigste, lässt sich aber daraus ziehen (zumindest, wenn man dies an einer größeren Menge von Beispielen ausprobiert hat): Textmuster werden nicht durch eine Art von Grenze konstituiert, sondern durch eine relative Häufigkeit bestimmter semantischer Rollen.
Eine zweite Sache muss man hier anmerken: die semantische Analyse, die von Polenz vorschlägt, ist wesentlich komplexer. Zu den semantischen Rollen gehört mindestens noch die Funktion des Verbs im Satz, die sogenannte Prädikatsklasse. Diese lasse ich zunächst noch implizit mitlaufen und erläutere sie zu einem späteren Zeitpunkt.

Die Verschränkung der semantischen Rollen

Betrachten wir ein zweites Beispiel, und eines, in dem die Verhältnisse etwas verwickelter werden. Zugleich werde ich hier in einem wichtigen Punkt von der Theorie von Polenz' abweichen.
Das Zitat sollte bekannt sein:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Ich werde nur den zweiten Satz formal untersuchen:
Sie (BEN) zu achten und zu schützen ist Verpflichtung (?) aller staatlichen Gewalt (AG/PAT).
Das Pronomen ›Sie‹ zu Beginn des Satzes verweist auf die würde; die semantische Rolle wird als Benefaktiv, als Nutznießer, bezeichnet, als Abkürzung: BEN. AG ist der Agens, Handelnde, und PAT der Patiens, der Betroffene.
Zunächst sollte rein optisch auffallen, dass ich eine semantische Rolle nicht benannt habe, eine andere doppelt.
Das Wort ›Verpflichtung‹ korrespondiert mit dem Wort ›Gewalt‹. Die Gewalt ermächtigt zur Handlung, und insofern ist die staatliche Gewalt ein Agens (AG), ein Handelnder; zugleich erfährt sie aber auch die Verpflichtung und muss auf diese Rücksicht nehmen, ist also ein Patiens (PAT), ein Betroffener. In gewisser Weise sind Verpflichtung und Gewalt gegenläufig; und man könnte in metaphorischen Sinne sagen, dass sie dort, wo sie sich treffen, eine Grenze bilden.
Das Problem ist allerdings, schon semantisch, etwas komplizierter. Denn im Prinzip werden hier zwei Arten von Grenzen behandelt, nämlich einmal die, in der der Staat eingreifen muss, weil die Würde des Menschen von anderen bedroht ist: dann ist die staatliche Gewalt aufgefordert, von der Gewalt Gebrauch zu machen. Und auf der anderen Seite darf der Staat nicht die Grenze überschreiten, in der er selbst die Würde des Menschen bedrohen oder verletzen könnte. Diese Grenze wird durch Unterlassung von Handlungen gewahrt.
Hier zeigt sich, dass die Theorie semantischer Rollen einige Erweiterungen erfordert.

Syntaktische Einebnung

Werden Handlungen zusammengeschoben und verdichtet, wie wir dies hier in den Wörtern Verpflichtung und Gewalt finden, kann man von einem Handlungsschwund sprechen. Dass dieser Handlungsschwund massiv ist, kann man durch einen Vergleich feststellen. Entfalte ich nämlich das Wort Verpflichtung zu einer Handlung, komme ich zu folgendem Satz:
Die staatliche Gewalt verpflichtet sich zum Schutz und zur Achtung der menschlichen Würde.
Dies ist aber ein ganz anderer Satz als folgender:
Peter verpflichtet sich seine Mutter zu besuchen.
Im ersten Satz wird ein Handlungsrahmen gesetzt, im zweiten Satz dagegen eine (relativ) konkrete Handlung benannt. Grund dafür ist, dass bestimmte Handlungen auf das Wohlwollen oder die Mitwirkung anderer Menschen angewiesen sind; ein einzelner Satz ist nicht in der Lage, diese Kooperation auszudrücken, und zudem muss sich ein Staat mit demokratischer Grundverfassung auf eine gewisse Offenheit einlassen, kann also gar nicht spezifisch werden.
In diesem Sinne werden Handlungen, aber auch Subjekte syntaktisch verdichtet. Man spricht auch von syntaktische Einebnung: in ihr findet man zugleich einen Subjektschwund und einen Handlungsschwund.

Subjektivierung

Die Kombination von Handelndem und Betroffenem findet sich in politischen Texten relativ häufig. Sie entspricht in etwa gewissen modernen Theorien des politischen Subjekts, in denen das Subjekt erst dadurch entsteht, dass es sich (in gewisser Weise) dem herrschenden Diskurs unterwirft. Politisches Subjekt und politisches Objekt sind untrennbar miteinander verschränkt: es erleidet seine Handlungsfähigkeit – und dies ist in seiner ganzen Paradoxie zu lesen. Insofern ist das politische Subjekt, indem sich Agens und Patiens vermengen, ein Oxymoron, ein scharfer Widerspruch.

Semantische Rollen und implizite Propositionen

Kehren wir zu den impliziten Propositionen zurück, dann stecken in einem Satz und zwischen Sätzen eine beliebige Menge weiterer Sätze, die expliziert werden können. Damit bestehen neben der manifesten semantischen Rolle auch latente semantische Rollen. Ebenso verschränken sich verschiedene semantische Rollen in zweideutigen, verdichteten oder komplexen Kontexten.
Zwar geht eine solche Behandlung weit über den isolierten Satz hinaus, doch von Polenz weist genau darauf gleich im ersten Satz des Buches hin:
Die Beispieltexte gehören an den Anfang dieses Buches; seine Leser und Benutzer sollten sich mit dem Inhalt und dem Situationskontext der Texte vertraut machen, bevor sie mit der Lektüre dieser Einführung in die Satzsemantik beginnen. Die in diesem Buch herangezogenen und erklärten Beispielsätze sind meist nur mit dieser Kontextkenntnis richtig zu verstehen.
von Polenz, Peter: Deutsche Satzsemantik. Berlin 1988, S. 9

Politische Pläne und politische Handlungen

Ein Satz aus Politische Emotionen

Eine weitere typische Vermischung zweier semantischer Rollen zeigt jene Passage aus Martha Nussbaums Politische Emotionen, die ich neulich zitiert habe und der ich bereits eine längere, aber anders geprägte Analyse gewidmet habe. Der von mir ausgewählte zentrale Satz lautet:
Fürsprecher der Armen, die sich an dem Plan zunehmend störten, dachten gemeinsam darüber nach, wie die Ausstellung Vorstellungen von Chancengleichheit und Opfern miteinbeziehen könne.
Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Berlin 2016, S. 311
Mit semantischen Rollen versehen sieht der Satz so aus:
Fürsprecher (AG) der Armen (CAG/BEN), die (AG/EXP) sich an dem Plan (CAU/IN) zunehmend störten, dachten gemeinsam (AG/COM) darüber (AOB) nach, wie die Ausstellung (AOB) Vorstellungen (ADD/PAR) von Chancengleichheit (PER) und Opfern (PER) miteinbeziehen könne.
Die semantischen Rollen, die ich oben noch nicht erklärt habe, sind:
CAG:
Der Contraagens bezeichnet die Person, auf die eine Handlung hin gerichtet ist. Typisch taucht diese Rolle beim Schenken auf; man schenkt jemandem etwas, das Schenken ist auf einen Contraagens gerichtet. Auch der Fürsprecher richtet seine Handlungen auf jemanden aus. In unserem Fall sind das die Armen, die zugleich Nutznießer sein sollen; deshalb steht hier auch noch der Benefaktiv.
EXP:
Der Experiens oder Erfahrende ist jemand, der einen bestimmten psychischen Zustand an sich erfährt, sei es eine Emotion, sei es ein neuer Gedanke oder eine wiederkehrende Vorstellung.
CAU:
Mit dem Causativ wird ein Ereignis oder Phänomen bezeichnet, das etwas bewirkt, also eine Ursache.
IN:
Als Instrument gelten Gegenstände, Situationen oder Personen, die zum Erreichen eines Ziels genutzt werden.
COM:
Der Comitativ oder Begleitende führt mit dem Agens zusammen eine Handlung aus.
AOB:
Das affizierte Objekt ist von einer Handlung, einem Vorgang oder Geschehen betroffen.
ADD:
Mit dem Additiv werden alle Gegenstände oder Lebewesen bezeichnet, die zu etwas hinzugefügt werden dann im Besitz oder der Verfügungsgewalt eines Menschen oder zum Teil eines Gegenstandes werden. Der Additiv spielt bei allen Vorgängen, bei denen sich etwas verändert oder entwickelt, eine wichtige Rolle, so z.B. in: Der Käse setzte Schimmel an. Schimmel ist hier ein Additiv. Es findet sich aber auch in folgenden Sätzen: Sie bekam große Augen. Er bekam eine Glatze.
PAR:
Der Partitiv ist ein Teil von etwas. Gelegentlich überschneidet sich diese Rolle mit dem Additiv oder ist die Folge von dem Additiv. Die Grenze zwischen Partitiv und Additiv ist oft kulturabhängig. So wird Kleidung in unserer Kultur als Teil einer Person betrachtet; bestimmte schamanistische Völker sehen eine psychische Störung nicht als Teil der Person an, sondern als eine Form der Besessenheit, usw.
PER:
Schließlich schlägt von Polenz außerhalb der offiziellen Liste ein Perspektiv als semantische Rolle vor. Damit kann man alle Rollen im Satz bezeichnen, die etwas perspektivieren oder auf eine Idee hin relativieren, die etwas unter einem bestimmten Aspekt betrachten oder eine bestimmte besondere Betrachtungsweise thematisieren. Gerade in der politischen Philosophie scheint diese semantische Rolle von besonderer Wichtigkeit zu sein, da in dieser oftmals verschiedene Betrachtungsweisen verschiedener Gruppen oder Personen gegeneinander abgewogen werden. Wo die Erzählung davon berichtet, dass ein Mensch verletzt wird, spricht die politische Philosophie von der Vernetzbarkeit des Menschen, und wo die Erzählung die Liebe an einem konkreten Beispiel schildert, wird sie in der politischen Philosophie zu einer Perspektive des politischen Handelns.

Handelnder und Behandelter

Regelmäßig finden sich in erzählenden und politischen Texten Überschneidungen von Rollen, zum Teil auch Unsicherheiten oder bewusste Vermischungen. So ist der Benefaktiv oftmals gleichzeitig ein Contraagens. Das liegt in der Natur der Sache: wer das Ziel einer Handlung ist, zieht aus dieser meist einen Nutzen oder einen Schaden. Allerdings ist das nicht immer so. Gelegentlich ist eine Handlung so gewöhnlich, dass sie als neutral eingestuft werden kann. Dies ist z.B. in dem Satz ›Sie schickte ihm eine Mail.‹ der Fall. Und ebenso kann der Nutznießer vom Ziel der Handlung unterschieden sein, wie dies z.B. in dem Sprichwort ›Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte‹ ausgedrückt wird.
Eine andere, sehr typische Konstellation ist die von Handelndem und Erfahrendem. Zahlreiche Erzählungen bauen auf Figuren, die zugleich handeln und erleben; dort findet man dann einen raschen Wechsel von AG und EXP an derselben Person und immer wieder auch ihre Vermischung zu AG/EXP in einem Satzteil und als Bestandteil eines Satzes.
Bei unserem Beispiel ist nicht deutlich, ob dieses ›sich stören‹ als aktive Handlung oder als Erfahrung zu verstehen ist. Deshalb ist hier die Zusammenstellung der beiden semantischen Rollen auch nicht eine Vermischung, sondern ein Zeichen semantischer Vagheit.
Schließlich habe ich eine dritte Überschneidung in dem Satz bezeichnet, die von AG/COM. Auch dies ist in politischen Gruppen immer eine Sache der Einschätzung: wird eine solche Gruppe streng geführt und auf eine bestimmte Meinung verpflichtet, hat man es im Prinzip mit einer einzigen politischen Person zu tun und damit nur mit einem einzigen Handelnden. Gibt es ein solches vereinheitlichendes Prinzip nicht, begleiten sich die Personen gegenseitig und bilden nur zeitweise ein Kollektivindividuum.

Aktion und Reaktion

Eine weitere typische Verschränkung ist die von Causativ und Instrument, wie hier der Plan für die Weltausstellung. Für diejenigen, die für die Weltausstellung verantwortlich sind, ist der Plan ein Instrument; für die Fürsprecher der Armen ist sie eine Ursache, die sie zum Handeln und zu eigenen Forderungen bewegt. Dass sich diese beiden Rollen verschränken, ist natürlich. Diese Verschränkung findet sich regelmäßig dann wieder, wenn zwei Gruppen oder Personen aufeinander reagieren.

Ideologische Bestimmungen

Gerade in politischen Texten fällt auf, dass die Verwendung bestimmter Personen, Gegenstände oder Ideen in Form spezifischer semantischer Rollen oder Konstellationen von Rollen geschieht und dadurch ein bestimmter Eindruck erzielt wird. In der Passage von Martha Nussbaum ist bemerkenswert, dass die Armen nie in der Rolle des Agens auftauchen. Immer werden sie von jemandem repräsentiert, so auch in diesem Satz. Doch auch die wesentlichen Nutznießer der Weltausstellung handeln nicht, sie sind sogar, mehr noch als die Armen, durch zahlreiche Passivierungen verschwunden.
Im Allgemeinen sollte man vorsichtig sein, die semantische Rolle Benefaktor als rein positiv oder rein negativ zu sehen. In dem Fall, den Martha Nussbaum schildert, wird zwar behauptet, dass die Armen die Nutznießer seien (und das nicht nur in diesem Satz), aber zugleich werden sie mit ihrem persönlichen Willen und der Chance der Willensbildung ausgeschlossen; sie sind immer nur das Ziel politischer Handlungen, nie deren Träger. Wenn Martha Nussbaum schreibt:
Wie es oft bei patriotischen Gefühlen der Fall ist, erwies sich das Gelöbnis bald als eine Formel sowohl der Inklusion als auch der Exklusion.
Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Berlin 2016, S. 312
so zeigt sie doch nicht, dass diese Spaltung von Anfang an vorhanden ist. Denn nicht die Armen sind daran interessiert, dass in der Weltausstellung allgemeine Werte der Chancengleichheit dargestellt werden. Offensichtlich genügt ihnen auch, dass es außerhalb der Weltausstellung einen Jahrmarkt gibt, auf dem auch sie sich vergnügen können.
Ich hatte bisher gezeigt, wie man Sätze analysiert; und wer mit der semantischen Analyse beginnt, sollte auch zunächst die Sätze vollständig betrachten. Man kann aber auch bestimmte Gegenstände oder Personen über eine längere Textpassage hinweg betrachten, ohne jeden einzelnen Satz vollständig zu bestimmen. Meist reicht das, um von einem ersten Augenschein zu einer genaueren Darstellung zu kommen.

Schluss

Die semantische Analyse kann nicht alleine auf die semantischen Rollen beschränkt werden; dieser Artikel ist als Einführung gedacht, eine Einführung in die Methode, und ich hoffe, ich konnte zeigen, dass diese Methode einen gewissen Nutzen hat. Ein weiterführender Beweis der Fruchtbarkeit steht allerdings noch aus. Dieser soll in weiteren Artikeln gezeigt werden.
Wir werden den Bereich in mehrere Richtungen ausdehnen. Zum einen habe ich nur einige Ausschnitte aus dem Modell semantischer Rollen vorgestellt, und hier muss ich natürlich den Rest noch nachliefern. Dann müssen wir diese auf weitere Textsorten anwenden. Schließlich sind weitere Versatzstücke wie die semantischen Prädikatsklassen, der Prädikatsrahmen, der Handlungsgehalt von Sätzen und die semantischen Klassen mit zu betrachten.
All dies muss aber in dem noch weiteren Rahmen des präzisen Lesens verortet werden. Lesen heißt dann, die Konfigurationen des Sinns zu erfassen und zu bedenken; dies darf man auch Kritik nennen.

25.11.2016

Postfaktisch

Jens Berger macht sich über den Begriff ›postfaktisch‹ Gedanken; zurecht kritisiert er, dass dieser als Kampfbegriff gebraucht wird, zudem noch von jenen, für die Fakten (auch) nichts gelten.
Nun macht man sich, wenn man dem täglichen Schlachtenlärm lauscht, so seine Gedanken. Meine sind, seit zwei Wochen, der Meinungsfreiheit zugewandt. Ich folge Kant durch seine Werke hindurch, wie sich dort Fakten und Meinungen zueinander stellen.

Tatsachen

Begriffe sind keine Tatsachen. Tatsächlich gibt es bei Kant zwei sehr verschiedene Arten von Begriffen, einmal die Verstandesbegriffe und einmal die Vernunftsbegriffe. Eine Tatsache ist formal durch eine konkrete Zeit und einen konkreten Raum bestimmt, inhaltlich ist sie sinnlich, bzw. anschaulich. Sie ist mit Sinnen wahrnehmbar und verweist auf eine sinnliche Wahrnehmung, wenn diese mitgeteilt wird; zugleich liegt in ihrer formellen Definition, dass ein Fundort und eine Fundzeit angegeben werden muss. Sofern eine Tatsache oder eine Folge von Tatsachen auch nicht-sinnliche Bestandteile enthalten, müssen diese geschieden werden.

Verstandesbegriffe

Tatsachen sind aus einer Mehrzahl sinnlicher Einzeldaten zusammengesetzt. Von diesen Merkmalen kann man so abstrahieren, dass etwas Allgemeines entsteht, was auf eine Vielzahl von Tatsachen zutrifft. So lassen sich bei allen weiblichen Säugetieren Milchdrüsen finden; weiterhin lässt sich gesetzmäßig beobachten, dass diese zur Nährung der Jungen bezweckt sind, so dass sich, egal ob es sich um einen Elefanten, eine Maus oder eine Ginsterkatze handelt, das Wort Säugetier rechtfertigt. Ein solches von Besonderheiten bereinigtes Wort heißt Verstandesbegriff, der Prozess zu diesem ist die Abstraktion: diese scheidet das Allgemeine vom Besonderen.

Vernunftsbegriffe

Werden dagegen ideale Verhältnisse vorgestellt, die (zumeist) konkrete Phänomene zueinander in ein Verhältnis bringen, handelt es sich um einen Vernunftsbegriff oder Idee. Die Idee stellt so eine Struktur dar, die verwirklicht werden muss. Man kann also sagen, dass die Wirklichkeit die Idee illustriert.
Nehmen wir zum Beispiel die Idee vom Pädagogen als Gärtner; dort sät der Lehrer in die leeren Felder die passenden Samen, umsorgt und umhegt sie und lässt den einzelnen Pflanzen ihrer Art nach das Benötigte zukommen; zu gegebener Zeit werden die Früchte reif und dienen der Gemeinschaft als Nahrung.
Diese Idee wird in der Wirklichkeit unterschiedlich gut verwirklicht. Betrachtet man den Gedanken genau, so beginnt sie mit einer tabula rasa (den leeren Beeten); dies kann aber mit der Evolutionstheorie widerlegt werden. Ebenso widerlegt die Entwicklungspsychologie, dass im ausgestreuten Samen (dem vermittelten kulturellen Gut) schon die Frucht angelegt sei (der gelebten Kultur).
Ohne hier weiter Einzelheiten aufzuzählen lässt sich sagen, dass eine Idee gelegentlich recht wirklichkeitsfremd sein kann und dass das Scheitern einer Idee nicht daran liegen muss, dass man bei der Verwirklichung schlampig gewesen ist.
Trotzdem muss man eben an dem Realitätsgehalt festhalten, denn der Pädagoge gibt etwas in die Klasse hinein und beim einzelnen Schüler entwickelt sich etwas.

Kontrafaktisch also

Eher selten geschieht, dass in der Politik Fakten zur Sprache kommen. Oft sind es Statistiken, die als Beweis herhalten müssen. Günstigstenfalls sind diese reine Abstraktionen, so dass sich aus der Datenerhebung ein Verstandesbegriff ergibt. Oftmals liegt aber schon der Datenerhebung einer Statistik eine Reihe von Vernunftsbegriffen zugrunde, weshalb diese dann auch keine Allgemeinheit, sondern "nur" eine Verhältnisgleichheit/-verschiedenheit ausdrücken.
Auch der Bezug auf Meinungen ist nur bedingt faktisch; dies ist wohl in der Politik eine der häufigsten Bezugnahmen auf die Wirklichkeit - und natürlich eine grundsätzlich notwendige. Aber das eine Meinung faktisch geäußert wurde, macht ihren Inhalt nicht faktisch.
Eine der großen Herausforderungen politischer Kritik war und wird wohl immer bleiben, den Anspruch der Wirklichkeit gegen den Anspruch auf ein Zusammenleben geltend zu machen. Und umgekehrt.
Derzeit herrscht aber eine solche Verwirrung der Begriffe und der Zuordnungen, ebenso wie der Umgang mit diesen in ein babylonisches Durcheinander sich aufgelöst hat, dass eine gute Beschäftigung mit der grundlegenden Logik sehr hilfreich wäre. Und insofern könnte man dem Postfaktischen das Postkonzeptionelle (concept = Begriff) beiseite stellen.

11.11.2016

Ein Mann, der in keinster Weise auffällig war

So, müsste man sagen, fangen gute Kurzgeschichten an:
Between the silver ribbon of morning and the green glittering ribbon of sea, the boat touched Harwich and let loose a swarm of folk like flies, among whom the man we must follow was by no means conspicuous - nor wished to be.
Chesterton, Gilbert Keith: The blue cross

The blue cross

Der Satz ist nicht so einfach, wie man schon beim ersten Lesen erfasst.
1. Als erstes fällt auf, dass das Band zuerst mit einer Tageszeit zusammenhängt, dann mit einem räumlichen Phänomen. Beide sind aber räumlich und beide dürften in etwa denselben Ort bezeichnen, nämlich den Übergang vom Meer zum Himmel. Bedenkt man, dass Erzählen bedeutet, einem Geschehen Raum und Zeit zu geben, dabei aber den Horizont - die weitergehende Bedeutung - mitzuschreiben, zeigt dieser erste Satz bereits die wesentlichen Elemente der Erzählung an.
2. the boat touched - to touch wird hier als Verbalmetapher gebraucht.
3. to let lose - Das aktive Verb verweist auf eine Person, und, da es sich um einen unbelebten Gegenstand handelt, um eine Personifikation.
4. like flies - Dies ist ein (wenn auch recht gewöhnlicher) Vergleich.
5. we must follow - Hier wird die Erzählsituation direkt angesprochen. Allerdings bleibt die Notwendigkeit ein Rätsel: es ist nicht klar, warum wir diesem Mann folgen müssen.
6. was by no means conspicuous - nor wished to be - Tatsächlich wird der Erzählzwang und die Willkür des Erzählers in dicht gedrängter Weise ironisiert. Wendet sich 5. an den Leser in direkter Art und Weise, zeigt 6. dies auf indirekte Art und Weise: indem der Autor sich als allwissend gibt (er sieht den Protagonisten von außen und von innen), zeigt er dem Leser, dass er auch verborgende Hinweise aufdecken kann. Der verborgende Hinweis führt zusammen mit 5. den Protagonisten als ungewöhnlich ein, auch wenn zunächst das Gegenteil behauptet wird. Doch erstens wäre eine Kurzgeschichte ohne einen ungewöhnlichen Protagonisten (oder zumindest einem Protagonisten, der Ungewöhnliches erlebt hat) nicht erzählenswert, und zweitens ist in Geschichten die exponierte Verneinung meist ein Zeichen dafür, dass das Gegenteil gilt.
Und tatsächlich: der erste Absatz führt einen Mann ein, der zunächst durch Gegensätze gekennzeichnet ist: the holiday gaiety of his clothes / the official gravity of his face; lean face / seriousness of an idler. Schließlich werden drei verborgende Details angesprochen: a loaded revolver, a police card, one of the most powerful intellects in Europe.
Am Ende des Absatzes kennen wir dann auch die Absicht, mit der der Protagonist nach London gekommen ist: to make the greatest arrest of the century.

Die rhetorische Schicht

Wenn man die Aktantenrollen in Sätzen analysiert, ist eine der größeren Probleme, den Text von seinen rhetorischen Besonderheiten zu isolieren, einmal, um zu einer "eigentlichen" Satzbedeutung zu kommen, einmal, um das Verhältnis zwischen rhetorischen Figuren und semantischen Rollen deutlich erfassbar machen zu können.
Würde man zum Beispiel was by no means conspicuous - nor wished to be wörtlich lesen, dann würde dieser Satz auf nichts vorausdeuten, was dann in der Geschichte passiert. Doch wir begreifen die Behauptung der Gewöhnlichkeit als ironisches Signal und damit als uneigentlich.
Der Anfang der Geschichte Chestertons ist zwar nicht hochpoetisch, aber doch raffiniert und zeigt eine wundervolle Weise, wie man mit wenigen, unaufgeregten Sätzen zugleich die Exposition bestreitet und Spannung aufbaut. - Ein Computerprogramm weiß von solchen Zwischentönen wenig (und ich befürchte sogar: gar nichts); genau das aber ist mein Problem: schon in recht einfachen und für die Menge geschriebenen Erzählungen (zu denen man Chesterton durchaus zählen kann) greift die rhetorische Schicht in alles Ebenen des Erzählens ein und verkompliziert diese. Das ist gut für den Leser, doch schlecht für den Programmierer.

10.11.2016

Archetypen

Auf dem Weg zu einer Analyse der semantischen Bedeutung von Texten ist die Analyse von kontextuellen Figuren zugleich eine der wichtigsten als auch eine der schwierigsten. Wie ich im letzten Artikel geschrieben habe, ist die Satzbedeutung natürlich grundlegend, und hier existiert (neben einigen anderen) mit der Analyse der semantischen Rollen von Satzteilen ein wunderbares, und recht einfaches Schema.

Sinnmuster jenseits des Satzes

Sobald man aber über den Satz hinaus geht, sieht man sich mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Das eine oder andere Mal habe ich das schon angedeutet. So wird jeder erzählende Text von bestimmten Konventionen gestaltet; einige dieser Konventionen betreffen in sich abgegrenzte, aufeinanderfolgende Textmuster, so z.B. die Beschreibung, die Schilderung und der Dialog, auch wenn diese drei Textmuster in ihrer Reinform nicht existieren und fließende Übergänge und vermischte Typen nicht nur zulassen, sondern sogar fördern. Gleichzeitig wird ein erzählender Text aber auch von anderen Konventionen konstituiert: diese betreffen die Personen, die Orte, die Art und Weise der Handlung, oder sie betreffen z.B. die Wortwahl (ein amerikanischer hard-boiled nutzt andere Worte als ein französischer gentleman crime).
Nun ließe sich das hinnehmen, wenn sich diese Konventionen nach Schichten aufteilen ließen, wie dies für eine Menge rhetorischer Figuren möglich ist (dort gibt es rhetorische Figuren, die die phonologische Ebene betreffen, andere, die die syntaktische Ebene gestalten, und wieder andere, die auf der intertextuellen Ebene zu finden sind, und so weiter). Aber so einfach lässt sich die Erzählung nicht formalisieren.

Archetypen

Meine ersten Gehversuche

Ein Problem, was mich in den letzten Tagen beschäftigt hat, ist das des Archetyps. Das Interesse daran ist recht alt. Es fällt mit meinen ersten Gehversuchen als bewusst schreibender Mensch zusammen, dürfte also zwanzig Jahre her sein. Damals war es Carl Gustav Jung, den ich gelesen habe. Obwohl ich seine Bücher sehr mochte (und immer noch mag, wie ich gerade festgestellt habe), fand ich die Idee der Archetypen recht seltsam. Allerdings, so muss ich jetzt feststellen, ist meine Vorstellung davon sehr stark durch die esoterische Aneignung geprägt worden, die Jugendliche so an sich haben, wenn sie intellektualisieren.

Das Mandala als Struktur

Carl Gustav Jung geht davon aus, dass eine gewisse Menge an Archetypen gibt, die sozusagen Schablonen für unsere Vorstellungsstrukturen bilden. Es sind in gewisser Weise Muster, in die sich die konkreten Vorstellungen dann einfügen; ein typisches Beispiel dafür ist das Mandala, welches sich von einem Zentrum zu einem Rand fortentwickelt, und dabei den Übergang zwischen entgegengesetzten Wertungen gestalten: so steht im Mittelpunkt des Mandalas, in seinem Zentrum, z.B. häufig ein Garten oder ein Paradies, am Rand die Wildnis oder die Hölle; und damit wird der Übergang von Kultur und Natur, von Zähmung und Wildheit, von Gut und Böse zwar nicht erklärt, aber doch darstellbar.

Astronautenhelme

Meine Zweifel an diesen angeborenen Bildern wurden mir zum ersten Mal besonders durch Erich von Däniken bewusst; und dann noch durch eine etwas verrückte Religionslehrerin, die an meinem Gymnasium unterrichtete. Erich von Däniken hatte irgendwann, Ende der achtziger Jahre, noch einen seiner legendären Auftritte, in denen er anhand einer Figurine, deren Kopf in gewisser Weise einem Motorradhelm glich, „bewies“, dass dies eigentlich ein Astronautenhelm es sei, und damit die Landung außerirdischer Intelligenz auf der prähistorischen Ebene plausibilisieren wollte. Ich erinnere mich dann noch undeutlich daran, dass irgend ein Ethnologe die eigentliche Bedeutung dieser Figurine erklärte: dass dies eigentlich ein Penis sei, und dass das Männchen, welches einen Motorradhelm trage, ein Symbol für die Kraft sei, die dem Penis zugesprochen werde. Der Motorradhelm sei eigentlich die Eichel, und dass diese mit einem Fenster versehen sei, durch die man ein Gesicht sehen könne, sei der Rücksicht auf Darstellbarkeit geschuldet.

Fliegende Geschlechtsorgane

Die etwas verrückte Religionslehrerin könnte man heute vielleicht als ein Urbild für all die Personen darstellen, die vor den Anti-Genderisten als Beweis herhalten müssen, dass die gender-Theorie unwissenschaftlich sei. Diese Frau geriet während des Unterrichts des Öfteren in Rage und verglich unter anderem Straßenlaternen und Verkehrspoller mit Penissen und als Beweis für die Vorherrschaft einer völlig auf den Schwanz fixierten männlichen Kultur. Einmal hat sie eine Schülerin (jawohl!) aus dem Unterricht geschmissen; in einer ihrer Tiraden kritisierte sie scharf, dass Raketen penisförmlich seien, worauf die Schülerin sie unterbrach und meinte, etwas Vulvaförmiges sei nicht stromlinienförmig genug, um abheben zu können. Offenbar kannten aber beide, sowohl Lehrerin als auch Schülerin, nicht den Film Alien und das obszöne, von Giger gestaltete Raumschiff, dessen Form an gespreizte Beine und dessen Eingänge an Vulven erinnern.

Strukturen der Welterfahrung

Jedenfalls waren das zwei Anekdoten, die mich immer wieder gedanklich beschäftigt haben. Und auch wenn ich Carl Gustav Jung danach kaum noch gelesen habe, haben mich die Archetypen nicht losgelassen. Tatsächlich habe ich dann irgendwann meine eigene Idee aufgeschrieben, warum das Mandala einen so zentralen Bestandteil unserer Erfahrung darstellt; das ist im Grunde ganz naheliegend: das Mandala spiegelt die körperliche Erfahrung von nah und fern wieder, und der Archetypus ist vielleicht nicht in dem Sinne angeboren, dass er sich irgendwo in unser Unbewusstes oder unser Stammhirn eingeschrieben hätte, sondern dadurch, dass wir alle körperliche Wesen sind, denen sich die Umwelt durch Nähe und Ferne strukturiert. So drängt sich die Struktur des Mandalas eventuell durch unsere Erfahrung der Welt auf, und dadurch, dass wir körperlich in ihr existieren.
Auch andere Archetypen lassen sich auf Erfahrungen zurückführen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens (zumeist der ersten drei Jahre) machen muss, und die keineswegs genetisch vererbt sein müssten.
In der Praxis dürfte dieser feine Unterschied allerdings kaum eine Rolle spielen.

Archetypen und Textstrukturen

Nun dürfte klar sein, warum ich Archetypen interessieren: Sie sind eine andere Form, Strukturen im Text aufzufinden; und ginge man von dem Wort selbst aus, dann müssten sich diese in einer wichtigen Art und Weise in die Textgestalt einmischen. Archetyp, bzw. Archetypus, meint Urbild.
Allerdings gibt es gewichtige Gründe, warum solche Urbilder keineswegs vererbt werden, auch nicht auf dem Weg der Ontogenese, d. h. als natürliche und notwendige Struktur individueller Erfahrung. So scheint die Struktur des Mandalas im Bewusstsein der Großstadtmenschen nicht mehr vorhanden zu sein: es ist wohl eher die Erfahrung agrarischer Zivilisationen, bei denen die Bedeutung von Nähe und Ferne noch eine wichtige Rolle spielt.
Dementsprechend nennt Roland Barthes solche „Patterns“
Wiederholungen und keine Fundierungen; Zitat und keine Ausdrücke; Stereotypen und keine Archetypen.
Barthes, Roland: Der Stil und sein Bild. in ders.: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2005, S. 145
Das wiederum verweist auf ein Problem, dass für meine Analysen tiefsitzender ist: solche Patterns sind in Bewegung; sie sind historisch; sie mögen für weite Teile der Bevölkerung ein Raster dafür bieten, in welcher Weise sich die Ideen ihrer Texte bewegen, aber sie scheitern dort, wo die Texte individuell werden, wo sie ungekonnt geschrieben worden sind, wo sie pathologischen Idiosynkrasien gehorchen.

Agamben und das Paradigma

Am Hof des Despoten

Eine der interessantesten Variationen des Themas Stereotyp/Archetyp habe ich allerdings bei Agamben gefunden (bzw. ich habe mich an meine Lektüre aus dem September erinnert): Agamben zitierte Goethe; dieser, also Goethe, kritisiert zunächst den Aufbau von Systemen aus zu wenig Daten:
Man wird bemerken können, dass ein guter Kopf nur desto mehr Kunst anwendet, je weniger Data vor ihm liegen; dass er, gleichsam seine Herrschaft zu zeigen, selbst aus den vorliegenden Datis nur wenige Günstlinge herauswählt, die ihm schmeicheln, dass er die übrigen so zu ordnen weiß, dass sie ihm nicht geradezu widersprechen, und dass er die feindseligen zuletzt so zu verwickeln, zu umspielen und beiseitezubringen weiß, dass wirklich nunmehr das Ganze nicht mehr einer frei wirkenden Republik, sondern einem despotischen Hofe ähnlich wird.
Goethe, Johann Wolfgang von: Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt. in GW XIII, München 1998, S. 16

Allseitigkeit

Agamben interessiert allerdings an diesen kurzen Aufsatz von Goethe etwas anderes. Goethe argumentiert nämlich weiter, dass Phänomene nicht isoliert existieren, und dass, wer ein Phänomen untersucht, dessen Nachbarschaften zu betrachten habe:
Dagegen werden wir finden, dass diejenigen am meisten geleistet haben, welche nicht ablassen alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.
Ebenda, S. 17
Schließlich führt dies Goethe zu einem Satz, der paradigmatisch für das ganze reifere Werk (also abgesehen der Jugendschriften) stehen könnte:
Da alles in der Natur, besonders aber die gemeinern Kräfte und Elemente in einer ewigen Wirkung und Gegenwirkung sind, so kann man von einem jeden Phänomene sagen, dass es mit unzähligen andern in Verbindung stehe, wie wir von einem freischwebenden leuchtenden Punkte sagen, dass er seine Strahlen auf allen Seiten aussendet.
Ebenda, S. 17 f.

Phänomen und Analogie

Daraus folgert Agamben, dass das Urphänomen, wie Goethe es nennt, der Ort sei,
an dem die Analogie in perfektem Gleichgewicht lebt, jenseits der Opposition zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen.
Agamben, Giorgio: Signatura rerum. Frankfurt am Main 2009, S. 36
So gibt es auch kein besonderes Element oder Phänomen in einem Paradigma, welches dieses Paradigma besonders gut erfüllt. Das Paradigma drückt sich durch ein paradigmatisches Ensemble aus und das paradigmatische Ensemble ist dem Paradigma immanent.
Im Bereich des Paradigmas gibt es keinen Ursprung und keine Arche. Jedes Phänomen ist Ursprung, jedes Bild archaisch.
Ebenda, S. 37

Familienähnlichkeit

Wittgenstein scheint etwas ähnliches zu meinen, wenn er von Familienähnlichkeit spricht. Tatsächlich ist dieser Begriff erst durch die Rezeption Wittgensteins zu einem Leitbegriff seines philosophischen Denkens geworden. Die Argumentation Wittgensteins verläuft in dem Abschnitt, in dem er den Begriff der Familienähnlichkeit einführt, ähnlich der Argumentation Goethes: auch Wittgenstein warnt davor, den Begriff über die Anschauung zu setzen. Und so lautet ein zweites, berühmtes Zitat aus jenem Abschnitt: Denk nicht, sondern schau!
Wittgenstein schreibt also:
Sag nicht: »Es muss ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ›Spiele‹« – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau!
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. in ders.: GW I, § 66/S. 277
Er fährt im folgenden Abschnitt (§ 67) fort:
Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort »Familienähnlichkeiten«; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Mitgliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. – Und ich werde sagen: die ›Spiele‹ bilden eine Familie.

Politisches Schlusswort

Man sieht immer häufiger die politischen Diskussionen von Begriffen beherrscht, denen jeglicher sinnlicher Gehalt fehlt. Man bekommt den Eindruck, als würden diese Menschen, die so argumentieren, den Dingen durch die Benennung ein Wesen zuschreiben können, das jenseits der Beschreibung und der Erfahrung liegt: rechts und links, konservativ, deutsch, völkisch – all das sind Begriffe, die sich im wissenschaftlichen Sinne gar nicht mehr als Begriffe bezeichnen lassen; Roland Barthes hat sie Mana-Wörter genannt und zu Recht mit dem Mythos verbunden (in: Mythen des Alltags).
Seltsamerweise ist genau dies ein Phänomen, das sich vor allem in der „konservativen“ und „rechtspopulistischen“ Sprechweise wiederfinden lässt. Neuerdings wird Sahra Wagenknecht gerne als Befürwortern der AfD und Vertreterin von AfD-nahen Gedanken beschrieben; betrachtet man allerdings die Begriffsbildung (und im Zuge dessen auch die Argumentationsweise), findet man einen eklatanten Unterschied: Wagenknecht vermeidet solche Mana-Wörter; stattdessen beschreibt sie (oft) konkrete Wechselwirkungen.
Der politischen Rede fehlt die Anschaulichkeit; Anschaulichkeit wird gerne verwechselt mit Schlichtheit; aber genau das Gegenteil kann der Fall sein, nämlich genau dann, wenn man, wie Wittgenstein (und Agamben und Goethe) von einer ganz anderen Logik ausgeht, einer Logik der Phänomene, nicht der pseudo-apriorischen Begriffe.

Persönliches Schlusswort

Und ich? Ich bin weiterhin auf der Suche nach Algorithmen, die die Aktantenrollen eines Satzes über den Satz hinaus fruchtbar machen; und eigentlich suche ich diese schon gar nicht mehr, denn ich befürchte, dass ich noch viele Jahre Programmiererfahrung sammeln muss, bevor ich das umsetzen kann, was ich zur Zeit mehr durch Intuition als durch Handwerk erfasse.