29.06.2015

Schon wieder Göttingen

Ich soll ja nicht über meine Schüler schreiben. Aber mancher Schreibfehler ist einfach zu niedlich:
Aphrodite war eine der Göttingen, die den Trojanischen Krieg ausgelöst hat.
Das andere Göttingen findet ihr hier: Bad Nauheim.

28.06.2015

Verspäteter Schreibtipp

Es sollen ja, meinte ein Freund vorhin zu mir, keine sprachlichen Kunstwerke werden, als ich ihm mein Leid wegen der Zeugnisse klagte: ich bin mittlerweile beim dritten oder vierten Durchlesen und Überarbeiten.

Insgesamt bin ich ganz schön urlaubsreif.
Heute Nachmittag, als ich die warme Luft auf meinem Balkon genoss, erwischte ich mich dabei, wie ich mehrere Seiten aus Skulduggery Pleasant gelesen habe, ohne zu wissen, was ich überhaupt gelesen habe. Ich habe stattdessen über meine Schüler nachgedacht und den Text als Hintergrundrauschen genutzt.
Nicht ganz so gut.

Spannungsaufbau

Das ist eine schicke Geschichte: man schreibt etwas nicht ganz so Angenehmes (zum Beispiel Zeugnisse) und denkt an ganz andere Sachen (zum Beispiel Spannungsaufbau).

Hintergrund

Alte Blogeinträge

Vor vier Wochen habe ich endlich begonnen, was ich vor anderthalb Jahren schon einmal vorhatte: ich wollte meine ganzen Blogeinträge in meinen Zettelkasten eintragen. Oftmals habe ich doch wieder neu geschrieben, was ich schon einmal formuliert hatte, teilweise meine Blogeinträge auch verändert und erweitert, und gelegentlich, so merke ich, finden sich dabei ganz glückliche Formulierungen. Jedenfalls bin ich mittlerweile Winter 2007 angekommen.
Dies war die Zeit, in der ich mich sehr viel mit Spannungsaufbau beschäftigt habe; später habe ich dieses Thema beiseite gelegt, weil eine linguistische Beschreibung immer wieder an die Grenzen stößt, dass jeder Mensch Spannung ganz anders empfindet und so eine linguistische in eine psychologische Beschreibung übergehen. Mich selber als Protagonisten der Spannungsliteratur zu nehmen ist allerdings etwas gewagt, da ich doch einen recht kühlen Blick auf Unterhaltungsliteratur gewonnen habe.
(Trotzdem werde ich weiter unten einige Sachen dazu schreiben.)

City of Bones

Vor etwa zwei Monaten habe ich auf einem Wühltisch die Trilogie Chroniken der Unterwelt gefunden und gekauft. In den letzten Tagen habe ich es geschafft, die ersten 90 Seiten zu lesen. Die Spannung ist mäßig. Dabei ist die Geschichte eigentlich gut. Was mich an dem Roman stört, sind die vielen statischen Sätze, vor allem all die Beschreibungen, die einem Raum, einer Person oder einem Gegenstand einfach nur Eigenschaften zuschreiben.
Aktive Verben, darum geht es. Aber nicht nur: es geht auch darum, die Beschreibungen durch Verbalmetaphern zu dramatisieren (siehe dazu Metaphorik: Strategien der Verbildlichung).

Skulduggery Pleasant

Diese Bücher sind gerade bei uns in der Schule der Hit (neben Gregs Tagebuch und Warrior Cats). Das erste Buch habe ich mittlerweile ebenfalls bis auf Seite 90 gelesen. Dazu sind auch zahlreiche Notizen entstanden, wohl in der ersten Ferienwoche mal systematisieren und dann veröffentlichen werde. Was mich an diesem Buch stört, sind die zahlreichen Wortwiederholungen; nun sind Wortwiederholungen nicht an sich schlecht, wie dies häufig behauptet wird: gelegentlich sind sie sogar notwendig, um bestimmte Effekte zu erzeugen. Sie betonen bestimmte Zusammenhänge, rhythmisieren den Text, verlangsamen den Lesefluss und gehen gelegentlich mit dem Wechsel in eine auktoriale Erzählerperspektive einher, erzeugen also zugleich eine Distanz auf der Erzählebene und der Sprachebene (da die Wiederholung die Sprache, bzw. den Akt des Erzählens in den Vordergrund rückt).
Nun weiß ich nicht, ob dieses Buch einfach nur schlampig übersetzt worden ist, oder ob schon im Original mit den Wörtern zu einfallslos umgegangen worden ist. Für eine Analyse ist das allerdings nicht wichtig. Sie soll nur zeigen, was gut und was nicht so gut funktioniert, also Material dafür bieten, über das eigene Schreiben nachzudenken.

Empathie-Forschung

Überhaupt ist im Moment bei mir vieles im Fluss. Die Empathie-Forschung, die durch die Entdeckung der Spiegelneuronen in den Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten gerückt ist, bewegt auch im Bereich der Narration und der narrativen Kompetenz eine ganze Menge. So sieht zum Beispiel Fritz Breithaupt die Empathie als eine Kompetenz an, die drei Personen (und nicht, wie man annehmen sollte, zwei) miteinander verbindet, wobei zwischen zwei Personen eine empathische Situation entsteht, während die dritte Person ausgewiesen wird: dazu gehört auch, zwischen zwei Personen, der einen Person, für die man empathisch ist, und der anderen Person, die man zurückweist, eine Art Konflikt herrscht. Die Lösung des Konflikts und der Beweis der Empathie wird dann über Mikroerzählungen geregelt.
Empathie ist, so könnte man sagen, eine Mischung aus Nachahmung, Problemlösen und symbolischer Repräsentation. Streng genommen ist Empathie damit eine völlig fiktive Angelegenheit. Pragmatisch gesehen sinniert sie aber trotzdem, obwohl sie unwahrscheinlich, ja sogar eigentlich unmöglich ist.
Auch dies müsste ich ausführlicher darstellen: das ist nicht nur für die Autoren interessant, sondern überhaupt für die ganze Gestaltung des Zusammenlebens.
Die Narration als Effekt grundlegender (also biologischer) Bedingungen des Menschseins ist die eine Sache. Eine ganz andere Herangehensweise bietet Tomasello in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Dort bietet der Autor im fünften Kapitel (Sprachkonstruktionen und die Kognition von Ereignissen) eine schön lesbare, ganz wissenschaftliche Begründung dafür, warum wir Leser aktive Verben so gerne mögen.

Spannungsaufbau

Metonymien

Was Metonymien sind, habe ich mehrfach in meinem Blog erklärt. Wenn man zahlreiche Metonymien benutzt, entstehen Umschreibungen. Etwas wird nicht direkt benannt, sondern die Benennung dem Leser überlassen.
Man könnte also zum Beispiel einen Gegenstand, nehmen wir einen Blumenstrauß, durch seine Farben, durch die Formen, die einzelnen darin befindlichen Blumen, usw., umschreiben. Dies ist tatsächlich eine schöne Möglichkeit, um einen Gegenstand (meist einen zentralen, zum Beispiel in einem Konflikt wichtige Rolle spielt) in den Mittelpunkt zu rücken.

Off

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, Metonymien einzusetzen. Und die ist zunächst nicht ganz so einsichtig. Man kann nämlich jede Beschreibung, jede Szene, jede Handlung ebenfalls als Metonymie verstehen. Jede gute, sinnliche Erzählung versteht den zentralen Konflikt als eine Komposition aus zahlreichen einzelnen Szenen. Diese Szenen sind gleichsam Metonymien des Konfliktes. Und ebenso werden die Charaktere einer Erzählung nicht direkt, also psychologisch beschrieben, sondern metonymisch durch ihre Handlungen und den Gegenständen, mit denen sie sich umgeben.
Dies nenne ich, angelehnt an einen Ausdruck aus der Kinotheorie, das Off. Das Off ist gerade nicht alles andere, was außerhalb eines Bildes liegt, sondern etwas Bestimmtes, was jederzeit in den Blick (der Kamera) rücken könnte, aber in den konkreten Bildern (noch) ausgespart wird.

Sinnliches Erzählen

Und hierin liegt ein weiterer Vorteil des sinnlichen Erzählens, oder, wie dies gerne auch genannt wird, im Show, don't tell! Indem sich die Szene auf konkrete Handlungen und konkrete Gegenstände konzentriert, hält sie den eigentlichen Konflikt, das große Ganze im Off, gleichsam am Rande der Aufmerksamkeit.
Die Kunst besteht nun darin, trotzdem solche Konflikte oder Bedrohungen zu schreiben, da sie ja nicht irgendwo anders, sondern jenseits des Randes der aktuellen Szene, aber eben doch dicht dabei, stattfinden müssen.

Zentrale Konflikte

Skulduggery Pleasant ebenso wie City of Bones schaffen gerade dies nicht. Teilweise verliert sich der Konflikt. Cassandra Clare bietet zu viele gleichberechtigte, aber ungelöste Konflikte an, so dass man extrem aufmerksam sein muss, welcher Konflikt nun angesprochen wird. Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts zu sagen; man braucht aber erfahrene und gute Leser, oder solche, die generell gerne dieses Genre lesen und so schlampig sind, dass ihnen eine leicht verworrene Erzählweise nichts ausmacht.
Derek Landy wiederum kann den zentralen Konflikt ebenfalls nicht deutlich herausarbeiten. Ganz anders als Rowling, bei der nach dem ersten Kapitel von Harry Potter der zentrale Konflikt benannt ist (Harry-Voldemort), ebenso wie ein zweiter wichtiger Konflikt (Harry-Dursleys), ist bei Skulduggery Pleasant auch nach 90 Seiten noch nicht deutlich, welcher zentrale Konflikt diesen Roman strukturieren wird. Nun ist die Geschichte schlicht genug, durch ihre skurrilen Einfälle und so insgesamt ganz angenehm zu lesen, wodurch die Leselust nicht sonderlich leidet. Aber hat man das Buch erst mal aus der Hand gelegt, fühlt man sich keineswegs dazu gedrängt, es weiterzulesen.

Erste Zusammenfassung

Für einen Spannungsaufbau ist es also wichtig, dass es einen zentralen Konflikt gibt, der gleich zu Beginn fest im Bewusstsein des Lesers verankert wird. Trotzdem darf dieser Konflikt nicht direkt benannt werden (und man lese dazu noch mal das erste Kapitel aus Harry Potter und der Stein der Weisen), sondern muss stark verdeutlicht werden, zum Beispiel, weil der Protagonist durch denselben Konflikt einen schweren Verlust (zum Beispiel die Eltern) erlitten hat.
Der Konflikt muss also im Off „anwesend“ sein; und für den Spannungsaufbau ist es günstig, wenn dies von Anfang an geschieht, zum Beispiel durch die Technik der dramatischen Ironie (vergleiche dazu: Simon Beckett: Leichenblässe. Perspektivwechsel). Durch diese kann man den Konflikt, in dem der Protagonist geraten wird, erzählen, dem Leser also einen Informationsvorsprung bieten, und trotzdem den Protagonisten zunächst von diesem Konflikt fernhalten.

Attributionen

Wenn man sich mit guten Erzählsätzen befasst, landet man ganz schnell bei Problemen der Grammatik und der Logik.
Kurz gefasst bieten gute Erzählsätze vor allem (aber nicht nur) akzidentelle Merkmale. Dazu muss man wissen, dass jeder Satz als eine Zuweisung von Merkmalen gelesen werden kann. Wissenschaftliche Sätze werden meist mit substantiellen Merkmalen und der Copula ›sein‹ gebildet: „Ein Wolf ist ein vierbeiniges Raubtier aus der Gattung der Hundeartigen, usw.“.
Erzählende Sätze dagegen kann man oftmals als veränderliche Kompositionen betrachten, wobei veränderlich heißt, dass man aus dem Satz schließen kann, dass es jetzt so ist, aber in Zukunft nicht so bleiben muss. Typischerweise gehören dazu auch solche Sätze: „Sie trug einen grünen Hut.“ Der grüne Hut gehört jetzt, aber nicht immer zu dieser Person. Er ist ein Merkmal der Umstände halber, also ein akzidentelles. Der Umstände halber betreten die Protagonisten bestimmte Räume, fahren bestimmte Autos, essen bestimmte Lebensmittel, und was auch immer. Der Umstände halber heißt also nicht, dass die Erzählung unkonkret werden müsste. Sie zeigt nur Satz für Satz, dass der Protagonist bestimmte Sachen dauerhaft bevorzugt und andere Sachen gerne rasch ändern möchte. Die bevorzugten Sachen können verloren gehen, und die ungewünschten Sachen können abgeschafft werden. Und dies kann natürlich nur möglich sein, wenn die Merkmale nicht zum Wesen einer Person, eines Gegenstandes oder eines Raumes gehören.

Aktive Verben

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Protagonist (manchmal auch mehrere). Eine der wichtigsten akzidentellen Merkmale eines Protagonisten sind seine Handlungen. Was auch immer der Protagonist und macht, es bleibt flüchtig, weil er später etwas anderes zu tun hat und weil er vorher etwas anderes getan hat. Trotzdem charakterisiert jede Handlung den Protagonisten und auch seinen Umgang mit dem Konflikt. Und vermutlich ist deshalb das aktive Verb, welches solche Handlungen ausdrückt, auch ein so starkes Mittel, um eine Geschichte spannend zu machen.

Nebenfiguren und Verbalmetaphern

Viele Erzählungen leiden daran, dass es nur einen zentralen Konflikt gibt und nur zwei Personen, die diesen austragen. Insbesondere bei unerfahrenen und schlechten Schriftstellern (wie zum Beispiel bei der frühen Nora Roberts oder dem späten Konsalik) gibt es so wenig Nebenfiguren, dass die Handlung automatisch auf den großen Konflikt zugespitzt werden muss. Das führt den Autoren allerdings vor ein riesiges Problem: die Figuren müssen handeln, ohne irgendetwas zu tun (zumindest, wenn das Buch 250 Seiten und mehr lang werden muss). Und sofern man nicht völlig einen an der Klatsche hat, wird man sich bei solchen Büchern doch eher veralbert fühlen.
Nun hatte ich zu den Nebenfiguren auch schon mehrfach etwas gesagt, was sich hier nicht wiederholen muss. Ganz interessant allerdings ist, dass in Erzählungen ein Phänomen auftaucht, welches durch metaphorisch genutzte Verben erzeugt wird. Viele metaphorisch genutzte Verben übertragen eine Handlung auf ein unbelebtes Ding, wurde ich dieses Ding selbst wie ein Akteur, die eine handelnde Person genutzt wird.
Ein Beispiel dafür ist:
Die Sonnenstrahlen durchfluteten das klare Wasser und färbten es azurblau.
Dieser Satz klingt beweglicher, aktiver, als folgender:
Das Wasser war azurblau.
Im ersten Satz werden die Sonnenstrahlen aktiv behandelt.
Dieser Effekt mag im Einzelnen minimal erscheinen. Im Ganzen aber dramatisiert er die Erzählung. Wer das nicht glaubt, der nehme sich wiederum eine Stelle aus den Harry Potter-Büchern oder von Stephen King vor, und ersetze alle Verbalmetaphern und damit alle erzählenden Sätze durch wissenschaftliche Sätze. Der Effekt wird rasch deutlich: das Erzählte wirkt hölzern und unlebendig.

Identifikation

Folgt man den jüngeren wissenschaftlichen Ergebnissen, dann besteht ein wichtiger Bestandteil des empathischen Verhaltens darin, dass Menschen die Möglichkeit sehen, genauso zu handeln wie ihr Gegenüber. Das bedeutet nicht, dass sie so handeln müssen, nur, dass sie sich vorstellen können, dasselbe zu tun. Dabei scheint es auch nicht ganz so genau zugehen zu müssen, ob dies physikalisch möglich ist. Wichtiger scheint dabei zu sein, dass eine Aktivität als Aktivität wahrgenommen oder nahegelegt wird.
Identifikationen sind also über nachvollziehbare Aktivitäten zu erreichen.
Verbalmetaphern scheinen hier, so seltsam dies klingen mag, solche Identifikationen zu stützen. Und natürlich wird man, wenn man gefragt wird, nie sagen, dass man sich mit einer Landschaft oder einem Gegenstand identifiziert (außer vielleicht in ganz seltenen Fällen). Und trotzdem ermöglicht die Sprache, dass wir auch Unbelebtes personifizieren, und dass wir darüber die Möglichkeit minimaler Identifikationen bieten.

Zusammenfassung

Genauso wie ich betont auch mein Kollege Johannes Flörsch in seinem Blog wortport.de die Wichtigkeit aktiver Verben. Und natürlich sind wir nicht die ersten. Diese Empfehlung lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zu Lessing zurückverfolgen. Im Gegensatz zu Johannes, der sich auf sein gutes Gespür verlässt, mag ich es gerne gründlicher, wissenschaftlicher, anthropologischer. Gelegentlich macht dies meinen Blog mühsam zu lesen; obwohl ich gerade hier, in diesem Artikel, recht oberflächlich argumentiert habe, betrachtet man die eigentliche wissenschaftliche Literatur. Trotzdem sollte deutlich geworden sein, dass das aktive Verb nicht nur einem Zeitgeist angehört, der alles besonders dramatisch und handlungsorientiert haben möchte, sondern zu einer Grundausstattung des Menschen gehört, die wirksam ist, bevor er überhaupt sprechen kann. Und das es bis in die feineren und komplexeren Techniken von Schriftstellern hineinwirkt.
Wer das ganze besser ausgearbeitet haben möchte, muss wohl bis zu den Sommerferien warten, wo ich hoffentlich mehr Zeit finden werde, um dazu zu schreiben.
Oder er greife selbst zu folgenden Büchern:

09.06.2015

Was der Zettelkasten noch erzählt

Angeblich hat Niklas Luhmann seine Bücher gar nicht selbst geschrieben, sondern sein Zettelkasten. Er habe diesen nur hinreichend gefüttert, so dass dieser so komplex geworden ist, dass er scheinbar einen eigenen Geist entwickelt habe.
So weit bin ich mit meinem Zettelkasten noch nicht. Trotzdem kann er einiges über mich erzählen. 

Literatur

Das Buch, welches ich am häufigsten zitiert und kommentiert habe, ist Soziale Systeme von Niklas Luhmann. Das ist insofern verwunderlich, als ich seit über fünf Jahren nicht mehr hineingeschaut habe. Freilich bleibt Luhmann für mich ein wichtiger Horizont.
Ein zweites Buch, welches ich mit zahllosen Kommentaren bedacht habe, ist die Einführung in Wittgenstein von Joachim Schulte. Diese habe ich bis in den letzten Herbst hinein gelesen, wobei ich ungefähr Anfang des Jahres begonnen habe. Dass dieses doch sehr schmale Werk für mich so wichtig geworden ist, lag wohl an meinen Lebensumständen: über längere Zeit kriselte es schon in meiner Gedankenwelt. Schuld daran hatte wohl vor allem Immanuel Kant und meine recht umfangreiche Kommentierung der Kritik der Urteilskraft. Insbesondere hat mich dort die Trennung von Begriffen und Ideen, bzw. Verstandesbegriffen und Vernunftbegriffen, recht ratlos zurückgelassen. Seitdem habe ich, vor allem auch bei Hannah Arendt, dieser Trennung zu folgen versucht.
Erst das dritte Buch bezieht sich dann vor allem auf meinen Beruf: es ist das Lehrwerk Psychologie von Gerrig und Zimbardo. Danach folgt eine Einführung in das Werk von Hannah Arendt, geschrieben von Thomas Wild. Dieses Buch habe ich eigentlich nicht ausführlich kommentiert; aber zahlreiche Passagen, die ich bei Hannah Arendt selbst dann durchgearbeitet habe, sind hier versammelt. Hätte ich diese getrennt, wäre Zahl der Kommentare wesentlich geringer gewesen.
Erst auf der neunten Stelle kommt ein fiktives Werk: Homo Faber von Max Frisch. Knapp dahinter folgt dann Harry Potter und der Stein der Weisen. Und noch etwas weiter unten Es von Stephen King.

Verfälschend allerdings ist, dass ich zahlreiche Werke noch gar nicht in meinem Zettelkasten habe, sondern noch auf OneNote. Vieles von Kant gehört dazu, aber auch Kassandra von Christa Wolf, Haruki Murakami, Annette von Droste Hülshoff und Ernest Hemingway.
Fasst man die dicht beieinander liegenden Gedichte von Goethe, Brecht und Ausländer zusammen, ergeben diese mit Sicherheit auch eine recht ordentliche Summe.

Andererseits gibt es auch Werke, die ich bisher noch kaum mit schriftlichen Anmerkungen versehen habe. So finden sich gleich zu Beginn zahlreiche Aufsätze von Adorno, Barthes und Benjamin, aber auch zum Beispiel Sartre und die Philosophische Grammatik von Ludwig Wittgenstein. Letzteres wundert mich tatsächlich, da ich dieses Buch recht ausführlich gelesen habe; allerdings habe ich mir nicht so viele Notizen dazu gemacht, und, wie ich gerade feststelle, stehen diese Notizen weitestgehend auch noch OneNote selbst.

Schlagwörter

Fast alle häufig benutzten Wörter für die Verschlagwortung entstammen der Literaturwissenschaft, der Rhetorik oder dem Bereich des kreativen Schreibens. Die ersten zehn lauten:
Metapher, narratives Rätsel, Konnotation, Kreativität, Begriffsbildung, Aufmerksamkeit, Metakognition, Sprachspiel, semantische Opposition, Wortgebrauch.
Das erste Wort, welches deutlich nicht mit Sprach- oder Literaturwissenschaft zusammenhängt, ist das Wort Winnenden. Doch auch das scheint nur so, denn damals habe ich zahlreiche Artikel, die sich zu diesem Ereignis geäußert haben, zudem auch viele Leserbriefe und Internetforen, durchgearbeitet. Es ist also nicht verwunderlich, dass dieses Wort eine so prominente Stelle bekommt; und da ich hier tatsächlich die ganze Rhetorik aufgerollt habe, ist es dann doch kein aus einem ganz anderen Bereich stammendes Wort. Schätzungsweise ist tatsächlich das allererste Wort, welches wirklich nicht mehr auf ein sprachliches Phänomen hinweist, das Wort ADHS.

Jedenfalls habe ich jetzt vor, zumindest all die Bücher, die ich selbst besitze und die bisher nur mit einem Stichwort bedacht worden sind, „anzureichern“: ich werde sie weiter kommentieren und dann in den Zettelkasten übertragen, so dass hier auf den unteren Rängen nur die Bücher übrig bleiben, für meine Kunden gelesen habe, mir selbst aber wenig bedeutet haben.

Swen - ein Held der operativen Logik (die natürlich sinnlos ist)

Ich liebe mich selbst, und das durchaus unpathetisch. Wie es sich für einen vernünftigen Menschen gehört. Grippe, Rückenschmerzen und zum Teil bohrende Kopfschmerzen (aber warum eigentlich? gerade im Moment klärt sich für mich so vieles: gelegentlich habe ich einen Hang zum Psychosomatischen, aber das kann es diesmal doch wohl nicht sein); diese elendigliche Dreifaltigkeit hat mich heute ans Bett gefesselt. Mein Arzt dagegen war zufrieden mit meinem Gesundheitszustand und hat mir gleich noch eine Tetanus-Impfung angedeihen lassen.
Die nette Krankenschwester, mit der ich sonst gerne herumflachse, hat mir jedenfalls gut getan. Danach bin ich recht fröhlich nach Hause marschiert.

Gehirngerechtes Lernen

Und weil ich am Donnerstag eine Fortbildung im gehirngerechten Lernen habe; und weil ich dieses Wort so scheußlich finde, weil es daher stolziert wie ein Mister Oberwichtig, wollte ich natürlich vorbereitet sein. Gelegentlich bringe ich Dozenten zum Weinen.
Gegen diese Vokabel, also gegen das gehirngerechte Lernen, habe ich nichts anderes einzuwenden, als dass diese völlig aufgebläht und damit natürlich ideologisch und deshalb falsch ist. Die Methoden jedoch sind teilweise hervorragend. Warum? Weil sie dem „Original“ das tun, was ich Transmedialisieren nenne: Sie übersetzen den Inhalt in ein anderes Medium. Damit erzeugen sie Abweichungen. Sinn, so werde ich nicht müde Niklas Luhmann zu zitieren, entsteht durch Abweichung. Sinn ist ein Differenzbegriff (so sagt der postmoderne Logiker).
In der Theorie also hapert es, in der Praxis keineswegs.

Mein Ruf

Widerspenstig sei ich, irgendwie aber auch genial. Um einen ehemaligen Kollegen zu zitieren. 2007 habe ich es mir geleistet, mich auf einem Trainertreffen blicken zu lassen. Change Management war der Titel (oder so ähnlich; man verdrängt ja so einiges in seinem Leben). Damals habe ich mich unter anderem mit Edward deBono intensiver beschäftigt. Dieser hat nette, kleine Methoden geschaffen, die es durchaus in sich haben. Es sind, so interpretiere ich das, verkürzte Modelle, die ohne jegliches wissenschaftliches Brimborium auskommen, die also „sinnlos“ operativ arbeiten.
Am bekanntesten ist das PMI: nachdem man ein Kapitel gelesen hat, eine Vorlesung angehört hat, eine Unterrichtsstunde absolviert hat, legt man sich eine Tabelle an, in der die Wörter ›plus‹, ›minus‹ und ›interessant‹ stehen. Dann trägt man in diese Tabelle alles ein, was einem zu dieser Stunde einfällt, jeweils in die Spalte, die einem am Sinnvollsten erscheint. Macht man dies öfter, übernimmt man dieses Muster in sein Denken und vollzieht es automatisch. Tatsächlich stellen wir beständig solche kleinen Denkmuster in unserem Leben selbst her. Es spricht also nichts dagegen, wenn wir dies methodisch und bewusst übernehmen.
Auf dem besagten Treffen jedenfalls habe ich mir den Spaß gemacht, innerhalb einer Dreiviertelstunde etwa 60 solcher Methoden, die ich mir selbst ausgedacht hatte, zu präsentieren. Selbstverständlich hat das die Zuhörer erschlagen. Das war ja auch meine Absicht. Aus (wahrscheinlich völlig) irrationalen Gründen machen mich Trainer aggressiv. 

SWEN

Dies ist eine der Methoden. S steht für Situation, W für Werte, E für Emotionen und N für Normen. Diese Methode dient dazu, die positivierenden und ausschließenden Mechanismen in einer bestimmten Situation zu verdeutlichen. Dabei habe ich recht präzise Begriffe zu Werten und Normen. Ein Wert versprachlicht ein bestimmtes Verhalten als positiv, besonders förderlich, besonders wertvoll. Eine Norm dagegen setzt eine Grenze, deren Übertretung besonders beachtet wird, vor allem im Hinblick auf das förderliche Verhalten. Emotionen schließlich strukturieren Entscheidungen. In gewisser Weise vermitteln sie also zwischen Werten und Normen.
Damit ist dieses kleine Instrument für tagtägliche Erlebnisse im Berufs- und Familienleben nützlich.
Ich habe den Abend damit verbracht, das letzte halbe Jahr, gelegentlich aber auch ältere Erfahrungen, zu reflektieren.
Diese Methode hat mir erste Stichworte und Einteilungen geliefert, um von dort aus zu schreiben.

Erfahrungswissenschaft

Gerhard Roth beklagt in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit, dass das gehirngerechte Lernen eine Modevokabel sei. Dem stimme ich zunächst zu. Weiterhin beobachtet er richtig, dass in der Coaching-Literatur so voneinander abgeschrieben wird, dass die wirklichen neurophysiologischen Forschungen aus dem Blick geraten. Allerdings weist dies darauf hin, dass der Anspruch der Coaching-Literatur in einem ganz anderen Bereich liegt. Roth beklagt die zirkuläre Argumentation; dies weist aber darauf hin, dass das Coaching auf der Suche nach einer operativen Geschlossenheit ist, nicht nach einer wissenschaftlich relevanten Darstellung. Operative Geschlossenheit kann äußerst sinnvoll sein. Solange sich ein solches System noch nicht etabliert hat, sucht es sich häufig Dogmen aus, um darüber eine Einheit zu erzeugen, die es selbst noch nicht hat.
Solche Fixpunkte mag man als Dogmatismus tatsächlich beklagen. Sie dienen aber auch als Ausgangspunkte für weiteres Denken; da jegliches Denken sich auf solche Ausgangspunkte stützt, sind sie nur dann schlecht, wenn hier ein gewisser Dogmatismus ins Spiel kommt. Der Weg jedenfalls führt über die Erfahrung. Und wie Immanuel Kant sehr richtig gesagt hat, ist Erfahrung immer Erfahrung mit Begriffen. Die Neurophysiologie, so schlecht sie rezipiert sein mag, liefert genau solche Begriffe.
Und das scheint der Grund zu sein, warum die aktuelle Coaching-Literatur sich so sehr auf das Gehirn stürzt. Nicht das Gehirn ist ihr wichtig, sondern die Erfahrung. Aber um solche Erfahrungen machen zu können, braucht es ein „dogmatisches“ Ausgangssystem, will (freundlicher gesprochen) sagen: eine Art geistige Heimat, ein geistiges Elternhaus.
DeBonos Methoden, ebenso wie meine, verdecken nicht die Absurdität solcher Werkzeuge, sondern betonen gerade das Sinnvolle an ihnen. Deshalb habe ich mir zum Beispiel überhaupt keine Gedanken gemacht, ob meine Werkzeuge nützlich sind; sie sind es, weil sie abweichen oder Abweichungen produzieren. Mehr braucht es nicht!

Nachtrag

Ich liebe also mich selbst, weil es so absurd ist, sich selbst zu lieben. Unter allen Zirkelschlüssen ist dies der Unsinnigste. Wer Ohren hat, der höre!

07.06.2015

Das wird ein arbeitsreicher Sommer!

Meine Klagen darüber, dass ich nicht zum Schreiben komme, müsst ihr nicht allzu ernst nehmen. Auch wenn mein Blog dieses Jahr wohl mit recht wenigen Artikeln auskommen muss: ich schreibe ziemlich viel, wobei das meiste für meinen Zettelkasten ist.
Drei Gründe habe ich, warum ich so wenig veröffentliche: es unterliegt dem Datenschutz (ich schreibe viel über meine Schüler), es ist zu persönlich (nach vielen Jahren eines stark an die Darstellung von Theorien und Modellen gebundenen Schreibens kehre ich zum Tagebuchschreiben zurück), es ist zu unfertig. Zu unfertig? Ich habe nichts dagegen, Fragmente zu veröffentlichen. Derzeit allerdings probiere ich so viel aus, denke ich in so viele verschiedene Richtungen, dass ich tatsächlich kaum zu „guten“ Argumentationslinien komme. 

Mein Zettelkasten

Ja, ich weiß: jener ominöse Zettelkasten. Auf dem Weg zur Klärung bestimmter Probleme, zum Beispiel dem Stundenbeginn, oder der Art und Weise der Benotung, arbeite ich mit dem, was ich in meinem Zettelkasten bereits niedergelegt habe. Ich kommentiere dazu alle Zettel, die ich zu einem bestimmten Thema finde, durch. Oftmals entstehen dazu mehrere Anmerkungen. Diese werde ich dann später als Folgezettel in den Zettelkasten einbringen.
Habe ich zum Beispiel einen Zettel zum Thema Symbole, und haben meine Schüler eine der beiden Wochenfragen zu Marc Chagall genommen, beides Aufgaben, bei denen die Symbole eine wichtige Rolle spielen, dann entstehen zu jedem Schüler Anmerkungen, meist nur eine, gelegentlich aber auch mehrere. Gerade zu diesem Thema habe ich sogar recht umfangreich geschrieben. Alle Schüler, die diese Aufgabe genommen haben, sind Schüler der vierten und fünften Klasse. Die meisten schreiben allerdings über die Anforderungen ihres Jahrgangs hinaus. Trotzdem habe ich den Begriff des Symbols nie eingeführt. Einige der Schüler kennen ihn allerdings aus dem Religionsunterricht.
Für mich stellt sich hier also die Frage, woher die teilweise sehr präzisen Aussagen kommen und wie ich mit diesen umzugehen habe. 

Ergänzen

Gelegentlich versuche ich die losen Fäden in meinem Zettelkasten zu ergänzen. Zu vielen Texten Adornos, vor allem zu denen, die ich vor etwa vier Jahren gekauft habe (damals hatte ich eine längere Phase, in der ich wieder Adorno viel gelesen habe), existieren nur ganz wenige, manchmal nur ein einziger Eintrag. Diese Texte habe ich begonnen vollständiger durchzukommentieren. Weit bin ich noch nicht gediehen: gerade mal einen Aufsatz, und noch nicht mal einen langen, habe ich zur Hälfte fertig.
Spannend ist zumindest, dass sich von hier aus im Zettelkasten von Daniel Lüdecke Querverweise über die Stichwörter ergeben. Zu diesen gelangt man, wenn man ganz rechts im Zettelkasten auf den Reiter ›Verweise‹ klickt. Von dort aus kann man dann die korrespondierenden Zettel anwählen.
Ein solches Adorno-Zitat hat bei mir zum Beispiel die Schlagwörter ›Aufmerksamkeit‹, ›Denken, divergentes‹, ›Empfindung‹, ›Empfindungsvermögen‹, und einige andere mehr. Bei den Verweisen ich dann Zettel, die ebenfalls dieses Schlagwort beinhalten, so unter anderem meine zahlreichen Notizen zu dem Empfindungsvermögen bei Immanuel Kant, aber auch alle meine Kommentare zum divergenten Denken (also vieles zur Kreativität, zur Intention oder zu der von Edward deBono sogenannten Technik des lateralen Denkens) oder, was in diesem Fall sogar wirklich spannend ist, alle meine Anmerkungen zum Gebrauch des Rätsels im Krimi.
Wenn man also einen spannenden Zettel findet, dann kann man diesen sofort mit weiteren Gedanken anreichern, indem man über die Liste der Verweise korrespondierende Stellen aufsucht. Manche ergänzen, manche widersprechen.
Auch hier habe ich gerade erst begonnen, meine derzeitige Arbeit genauer zu betrachten. Meine Ziele sind eigentlich recht einfach: mir meine Arbeit gedanklich so aufzubereiten, dass ich sie leicht überschauen kann. Derzeit vieles noch aufschreiben und durchplanen, was sich eigentlich ohne großen Aufwand tun ließe. Vermutlich stelle ich mir hier mit meinem Zwang zur Perfektion selbst ein Bein; auf der anderen Seite habe ich überhaupt kein Problem damit, mit dieser hohen Erwartungen zu setzen: zwar bin ich immer etwas langsam, aber dann auch umso besser. 

Gruppendynamik

Meine Klasse ist ein ganz schön wilder Haufen, mit vielen Individualisten. Das ist eine ziemliche Herausforderung, vor allem, wenn man diese als arbeitsfähige Gruppe braucht. Derzeit lese ich tatsächlich ein Buch wieder ganz gründlich. Dies ist ›Dynamik in Gruppen‹ von Eberhard Stahl, ein Buch, das ich vor über zehn Jahren schon einmal sehr genau durchgearbeitet habe.
Ich finde es äußerst anregend. Um Ideen zu produzieren, der sehr dicht an die Praxis gehalten sind, ist es hervorragend. 

Weitere Sachen

Eine andere Sache habe ich in diesem Sommer allerdings auch noch vor: angeregt durch einige Schüler habe ich mich zunächst mit der Programmiersprache Scratch beschäftigt. Für jemanden, der bereits mit Turbo-Pascal und Java gearbeitet hat, zehn Minuten zu verstehen. Sie ist tatsächlich für die Grundschule gut geeignet, auch, weil sie mit grafischen Blöcken arbeitet, die fast unmittelbar einsichtig sind. Die meisten meiner programmierenden Schüler sind aber mittlerweile bei Python oder Java Skript. Python hat es mir tatsächlich angetan, eine zwar recht reduzierte, aber doch schon sehr leistungsstarke Sprache ist. Ich habe ohne großen Aufwand einige Programme schreiben können, zum Schluss auch solche, die die Ein- und Ausgabe über ein Fenster geregelt haben, mit komplexeren grafischen Elementen und einer kleinen, selbst programmierten Bibliothek.
Mit Java hatte ich irgendwann hinreichend viele Probleme. Das Programm ist einfach zu mächtig, um sich nicht zu verlieren: ich habe einfach keinen roten Faden mehr gefunden, an dem ich mich entlanghangeln konnte, trotz einiger Erster Erfolge. Komplett gescheitert bin ich an einem einfachen Texteditor. So werde ich zunächst mit Python programmieren: besonders wichtig dabei ist die Entwicklung von Algorithmen. Hier sehe ich derzeit mein größtes Problem.
Jedenfalls habe ich Lust, nachdem ich innerhalb einer halben Stunde ein laufendes Sprite, eine kleine Datenbank und eine Internet-Abfrage programmiert habe, es jetzt noch einmal mit einem Zettelkasten für mich selbst zu versuchen. Der soll es mir dann irgendwann ermöglichen, mich wieder ganz auf Java einzulassen. Meine Kritik an dem Zettelkasten von Daniel Lüdecke betrifft einige, wenige Punkte: insbesondere möchte ich eine bessere Kompatibilität mit dem Spracherkennungsprogramm erreichen. Dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man mit einfachen Methoden die Eingabe von Schlagwörtern erleichtern kann: dies hatte ich sogar schon einmal in Java ausprobiert. Schließlich fände ich es ganz sinnvoll, wenn man mehrere Zettel, bzw. mehrere Fenster gleichzeitig öffnen könnte: auch das habe ich schon einmal in Java erstellt. Schließlich ist der Zettelkasten von Lüdecke nur auf eine bestimmte Art und Weise des wissenschaftlichen Arbeitens ausgelegt. Die Schreibtisch-Funktion ist großartig, aber keinesfalls für Essais oder gar fiktionales Schreiben gedacht. Da beides bei mir ineinander übergeht, muss ich mir wohl mein eigenes Schreibprogramm erstellen.

Und all die pädagogischen Themen

Was ich mir hier mittlerweile alles für Themen aufgeschrieben habe, reicht wohl für ein halbes Leben. Ich werde mir viele Gedanken zur Klassenlektüre machen müssen: vor allem die Differenzierung des sinnentnehmenden Lesens wird ein Schwerpunktthema sein. Dann muss ich mich noch einmal an die Begriffsbildung machen, die ich zwar von der Theorie her gut beherrsche, die ich aber bei einer so breit gefächerten Schülerschaft dringend neu überdenken muss: nicht der einzelne Schüler ist dabei so wichtig, sondern die gesamte Organisation. Eine andere zentrale Sache ist die Vermittlung von Argumentationstechniken. Dazu gibt es zwar einiges in den Büchern der Mittelstufe; aber wenn ich zum Beispiel an den Schüler denke, der bereits so hervorragend Symbole in seine Argumentation eingebunden hat, taugen selbst Bücher der Oberstufe nicht. Offensichtlich spart man die Techniken, die es in der Literaturwissenschaft gibt, in der Schule aus. Aber sie so zu vermitteln, wie dies zum Beispiel Lotman macht, kann natürlich auch nicht funktionieren. Also werde ich mir hier gründliche Gedanken zu didaktischen Reduktion machen müssen. Und das sind nur einige der Beispiele, die auf meiner Aufgabenliste stehen.
Wie gesagt: das wird ein arbeitsreicher Sommer!

17.05.2015

Narrative Intelligenz

Der Mensch, bzw. sein Selbst, so wusste mein guter Peter Fuchs zu sagen, konstituiert sich im Medium der Erzählungen. Ich wiederum bin den Zeichen, Metonymien und Rätseln gefolgt, dann der Argumentation, insbesondere den Enthymemen, die sich auf unvollständige und nicht überprüfbare Voraussetzungen stützen. Schließlich ist im letzten Jahr der Begriff der Hegemonie für mich wichtig geworden und, dank E., ein zweites Mal die Semiosphäre. 
Überblickt man diese Kette von Begriffen, dann bilden die kleinen, alltäglichen Erzählungen jenes unsichere Bündel von geteiltem Weltbewusstsein, in dem wir uns bewegen. Sie sind offen für Verdrehungen und Verstellungen, ja können gar nicht anders, da sie zugleich Abkürzungen durch eine von Sinnesreizen so reiche Welt bieten. In den Erzählungen bilden sich auch all die primitiven Begriffe, die wir zur Meisterung unseres alltäglichen Lebens brauchen; sie machen uns handlungsfähig. 

Narrative Intelligence Hypothesis

Die Evolution des Abwesenden

Fritz Breithaupt schreibt dazu:
Kerstin Dautenhahn hat unter dem Stichwort der »Narrative Intelligence Hypothesis« vorgeschlagen, die Fähigkeit zur Narration als entscheidende Errungenschaft anzusehen, die evolutionär mit der rapiden Steigerung sozialer Komplexität einherging ...
(123)
Diese These ist schon deshalb gut nachvollziehbar, weil die Fähigkeit, Zeichen nach Regeln zu verketten, bedeutet, Abwesendes aneinanderzufügen, also nicht die tatsächliche Handlung auszuführen, sondern "nur" eine symbolische. Dadurch besteht aber auch die Möglichkeit, eigentlich Unvereinbares nebeneinander bestehen zu lassen. Unsere Fähigkeit, uns neue Welten ausdenken zu können, ist wohl unbestritten, auch wenn dies erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts systematisch geschieht, nachdem das 18. Jahrhundert all die großen Spukgestalten der Menschheit als literarischen topos entdeckt hat.

Gedankenfügung, Weltkodierung

Narration mache die natürlichste und erfolgreichste Art und Weise der Gedankenfügung aus. Kleinkinder besitzen die Fähigkeit zur Narration vielleicht von Geburt an.
(123)
so Breithaupt weiter.
Auch dies ist leicht einzusehen, kann doch jeder Satz sowohl räumliche wie zeitliche Elemente zusammenfügen und wieder auseinandernehmen. Jedes Subjekt in einem Satz verweist bereits auf ein Bündel an Erfahrungen, die wir mit dieser Person oder diesem Gegenstand gemacht haben.
Sätze fügen die Welt zu Zeichen zusammen und ordnen, ja erschaffen die Welt zugleich damit in ihrer spezifischen Ordnung. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir uns die Welt aus einem reinen Nichts erschaffen, aber zumindest ist unsere Weltordnung Basis unserer Handlungsfähigkeit und über unsere Handlungsfähigkeit regeln wir die weitere Ordnung der Welt und unsere eigene Stellung in ihr. Insofern gilt die These des Konstruktivismus trotzdem: wir erschaffen uns unsere eigene Welt, allerdings mit sorgfältiger Beachtung dessen, wo sich ein Signal abschwächt oder in die Höhe schießt, ohne dass wir uns darauf einen Reim machen können. Was geschieht, ohne dass wir es erklären können, muss anderswo verursacht worden sein, also in der Welt.

Satzfügung

Unsere Fähigkeit zu sprechen hat uns auch die Möglichkeit gegeben, Welten miteinander zu teilen. Dabei sind die Zeichen nicht ausschlaggebend, zunächst nicht. Wichtig ist die Analogie zwischen Handlung und Sprache. Ein Wort wie »Elefant« sagt einem Säugling nichts. Dieser kann aber über Verweisen und dazugehörige Laute die Sprache entdecken. Ein »ee« kann dann als Ausdruck für eine leere Trinktasse ebenso dienen wie als Ausdruck, dass der Papa hinter einer Tür verschwunden ist.
Später werden Wörter als inhaltlich aufgefüllt vorausgesetzt. Hinter einer geordneten Lautfolge steht eine geordnete Vorstellung, mithin ein Begriff. So einfach ist dies allerdings nicht; denn häufig gehen wir mit halben, nicht wissenschaftlich geordneten Begriffen um. Sie sind, wenn man hier ein Bild von Kant nehmen möchte, noch nicht durch die öffentliche Diskussion hindurch gegangen. 
Um uns des aktuellen Gebrauchs von solchen vagen Begriffen zu versichern, sind Sätze notwendig, die den Kontext festlegen. Dabei kann man natürlich auch den anderen Wörtern eine solche Unklarheit vorwerfen. Aber anscheinend schaffen wir es, aus diesen verschiedenen Unklarheiten ein solches Wechselspiel herzustellen, dass schließlich eine Klarheit entsteht. Wechselseitige Limitation von Möglichkeiten, so nennt dies Luhmann.

Grammatik

Deshalb wird auch die Grammatik so wichtig. Die Grammatik hat, zugegebenermaßen, einen Zwangscharakter. Die Schüler mögen sie nicht. Es sind Regeln, deren Bedeutung man nicht einsehen mag. Einzusehen aber ist, dass Grammatik eben tatsächlich keine Bedeutung hat, außer eben die Bedeutung einzuschränken und nicht mehr jede Vorstellung zuzulassen, sondern nur noch gewisse. Der »Hund in der Badewanne« besitzt eine genaue Kraft der Evokation, lässt aber noch offen, ob dies mit oder ohne Schaumbad, tot oder lebendig, einen halben Tag oder nur zehn Minuten zu sein hat.
Anders gesagt dient Grammatik der Verfugung von Wörtern zu Sätzen und von Sätzen zu Textmustern und damit einer Temporalisierung des Abwesenden und Vorgestellten. Wer die Grammatik einer Sprache beherrscht, nimmt an ihrer Konstruktion von Welten teil.

Textmuster

Dass es Textmuster gibt, ist für manche Menschen immer noch überraschend, obwohl Literaturwissenschaft und Linguistik seit vielen Jahren damit umgehen. Schwieriger ist anzugeben, wie sich die Grundelemente von Textmustern zusammensetzen. Hier erscheint die Lage ähnlich kompliziert wie die der Rhetorik. In der Rhetorik finden sich zahlreiche Ebenen, auf denen rhetorische Figuren platziert werden können, von der lautlichen Ebene (wie zum Beispiel bei der Alliteration) bis hin zur intertextuellen Ebene (so bei der Parodie oder der Allusion).
Textmuster können nur dann Textmuster sein, wenn sie explizit oder implizit auf Regeln aufbauen. Hier genügt zum Beispiel nicht, dass die Schule zwischen einer Beschreibung und einer Schilderung oder zwischen einer Erzählung und einer Anekdote differenziert. Eine Erzählung von Franz Kafka beginnt ganz anders als eine von Thomas Mann. Ein Arthur Schnitzler ist kein Bertolt Brecht. Und auch die Erzählungen alltäglicher Leute lassen sich nicht einfach unter einen solch diffusen Begriff vereinen.
Worin besteht also die Einheit eines Textes? Der stärkste Kandidat dafür ist die Wiederholung, sei es durch die direkte Wiederholung (so hat jede Erzählung bestimmte Figuren, die immer wieder benannt werden), die verweisende (zum Beispiel durch Pronomen) oder die auf Attributionen beruhende (Mensch und Elefant gehören zu den Säugetieren; Pflug und Schwein gehören zum Bauernhof). Eine eigentliche Einheit des Textes gibt es nicht; doch der Text suggeriert bestimmte Einheiten und der lesende Mensch greift diese dankbar auf.
Dass dann die Wiederholung Regeln suggeriert, darf als Allgemeinplatz angefügt werden.

Narrative Intelligenz

Breithaupt zitiert dann Dautenhahn direkt:
»Narration könnte das ›natürliche‹ Format der Kodierung und Übertragung von sozial bedeutungsvoller Informationen sein (zum Beispiel von Gefühlen und Absichten und Gruppenmitgliedern)«.
(123)
Doch tatsächlich müsste man die Narration nicht als ein besonderes Vermögen beschreiben, sondern eher als ein Unvermögen, ein Wiederholungszwang, der sich einer gewissen Abwechslung und Austauschbarkeit erfreut; so dass man einen berühmten Buchtitel folgendermaßen abändern könnte: Die Geburt der Narration aus dem Geiste der Wiederholung.
Mit anderen Worten ist Narration das, was entsteht, wenn Menschen nach der Wiederholbarkeit von Ereignissen suchen und dabei neue Erlebnisse haben. Dann entsteht ein eigentümliches Gemisch aus Wiederholbarkeit und Neuheit. Und sofern wir dies dann symbolisieren, entsteht eine Erzählung.

Durchdachte Limitationen

Offensichtlich hat sich im siebten Jahrhundert vor Christus, mit den Vorsokratikern, eine kulturelle Wende angebahnt, deren Ende heute weniger denn je abzusehen ist. Dort ungefähr kann man den Übergang vom Mythos zur Philosophie bestimmen. Viel wichtiger jedoch ist, dass sich damit der Mensch von den Automatismen der mythischen Textmuster nach und nach befreit und sich durchdachte Begrenzungen einfallen lässt. So wird das Schreiben seit jeher reflektiert; und da jegliches Schreiben bedeutet, sich auf bestimmte Textmuster einzulassen, ist es immer Begrenzung und Selbstbegrenzung, niemals aber frei. Es gibt immer Vorschriften, wie man zu schreiben habe. Und insofern ist zum Beispiel die Wut, die manche Schriftsteller auf solche spezifischen Schreibaufgaben pflegen, keineswegs nachvollziehbar. Werden solche Schreibaufgaben nicht gemacht, geraten die Autoren in Gefahr, auf die unbewussten Muster zurückzugreifen und damit das Übliche zu schreiben, weil sich dieses Übliche aufdrängt.

Rhetorik

Emphase und Satzgefüge

Betrachtet man die Rhetorik, dann scheint diese durch Auffälligkeiten zu wirken. Der eine Autor betont den Wortbeginn und lässt Gott, Gold, Gondel im gleichen Gedicht auftauchen. Der andere Autor bedient sich gleichermaßen bei der griechischen Mythologie wie der aktuellen Politik, so dass sich Putin und Ares ebenso verschränken, wie Merkel und Hestia. Wer dies lesen kann, fühlt sich in eine gewisse Richtung gedrängt, und versucht, das einmal erkannte Prinzip auf den ganzen Text anzuwenden.
Dementsprechend scheint die Satzgrammatik wie ein Angelpunkt für verschiedene Ansätze zu sein, die auf ganz anderen Ebenen Wiederholungen herzustellen versuchen. Rhetorische Figuren bauen solche Emphasen jenseits der Satzgefüge auf und beharren damit auf einer individuelleren Weltkonstruktion.

idioms and phrases

Besonders bekommt man die Individualität rhetorischer Konstruktionen dann zu spüren, wenn man sich Idiome anderer Sprachen ansieht. "Cheese it!" ist eine umgangssprachliche Metapher, die mit "Mach die Fliege!" übersetzt wird. Beide Idiome dürften schwer zu übersetzen sein. Idiomen sind oftmals Wortschöpfungen, die zu Allgemeinplätzen geworden sind. Häufig sind diese unmittelbar eingängig, auch wenn man nicht aus der entsprechenden Kultur stammt; "it's raining cats and dogs" ist so einprägsam als Übertreibung, wie im Deutschen "es regnet Wasserfälle".
Trotzdem sind viele dieser Idiome für den Fremdsprachler neu und aufregend: "a fly in the ointment" für "ein Haar in der Suppe", oder "faire une frommage de qch." für "viel Lärm um etw. machen". Was in den Sprachen selbst als rhetorische Figur verblasst ist, ist in anderen Sprachen so neu, dass es unverständlich sein kann.

Zu viel Bewegung

Die Jugendsprache zeichnet sich gerne dadurch aus, dass sie sich mit neuen Wortschöpfungen oder dysgrammatischen Konstruktionen den Anschein von Neuheit gibt. Kommt in eine Sprache zu viel Bewegung, treten zu viele Missverständnisse zwischen den Sprechern auf: es entstehen Subkulturen. Dies ist kaum zu vermeiden, da die Basis des Sprechens immer noch auf den direkten Verweis gestützt ist. Um handeln zu können, muss man notfalls eben doch selbst zugreifen. Zugreifen kann nur, wer dicht daneben lebt, der Nachbar, der Kumpel. Subkulturen bilden sich ortsnah (obwohl sich dies in den Zeiten des Internets ändert: siehe die ganzen Diskussionsforen).
Trotzdem können sowohl die Jugendsprache, die Dichtung und die Sprache der Irren so befreiend sein wie Fremdsprachen. Plötzlich erscheint die Möglichkeit, die Welt auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen. Plötzlich bewegt sich der Alltag, eingefahrene Ordnungen geraten durcheinander und neue Ordnungen erscheinen am Horizont. Manches, was uns die verschiedenen Sprachgemeinschaften vorgelebt haben, ist in die Alltagssprache hineingewandert und dem allgemeinen Gebrauch zugänglich. So verschwinden Subkulturen dann auch wieder.

Glaubensüberzeugungen

Doch genauso hartnäckig werden bestimmte Verbindungen übersehen, bzw. bestimmte Abkürzungen, die eine Sprache genommen hat, weitergetragen. Es ist kaum auszurotten, dass Frauen emotionaler und damit empathischer seien; der Feminismus, der einst angetreten ist, um den Frauen Zugang zur Wissenschaft zu erleichtern, ist mittlerweile bei der Erkenntnis angekommen, dass Frauen mehr erkennen könnten, weil in unserer heutigen Gesellschaft vieles auf solchen emotionalen und sozialen Fähigkeiten aufbaue.
Was damit nicht verändert worden ist, ist der Glaube an ein privilegiertes Wissen. Und seltsamerweise wird damit die Naturwissenschaft, die einst für die Frauen zugänglich gemacht werden sollte, häufig unattraktiv. Diese bleiben wiederum Domänen der Männer, wenn sie auch jetzt in ganz andere Glaubensüberzeugungen eingepackt wird. Frauen sind weiterhin emotionaler, Männer verstehen weiterhin mehr von Technik; und genauso bleiben die Toiletten geschlechtsspezifisch getrennt.
Ein anderes Beispiel findet man in der Debatte der Inklusion. Behinderte Kinder müssen weiterhin besonders behandelt werden, auch wenn dies von der Annahme ausgeht, dass die einen Menschen wegen ihrer Behinderung weniger lernen können, andere Menschen dagegen lediglich Zeit und Interesse brauchen, um alles tun und lassen zu können. Ob diese Einteilung sinnvoll ist, wird zwar häufig debattiert. Im alltäglichen Gespräch bietet unsere Kultur allerdings so viele passende Wörter und semantische Oppositionen an, dass man fast automatisch wieder bei einem Diskurs der Normalität und Normalisierung landet.
Auch Inklusionsschulen legitimieren sich dadurch, dass sie bestimmte Menschen inkludieren, nämlich solche, die man vorher als Behinderte erkannt hat.

Hegemoniale Effekte

Institutionen

An Institutionen kann man wohl am besten sehen, wie sich bestimmte zentrale Funktionen und gesonderte Begrifflichkeiten in Subkulturen transformieren. Wenn die Schulbehörde durch ihre Amtsverordnungen und den Rahmenlehrplan ein Bündel von Begriffen schafft, heißt dies noch lange nicht, diese Begriffe genau so in einer Schule benutzt werden. Oftmals ist es ja so, dass auch solche Amtssprachen im Zustand der Vorbegriffe hängen bleiben. Sie schaffen sich einen künstlichen, nicht natürlich gewachsenen Alltag. Wie dieser dann individuell aufgefüllt wird, bleibt den Institutionen selbst überlassen. So findet man dann auch recht unterschiedliche Ausprägungen, wie Schulen die Inklusion zu verwirklichen gedenken.
Wichtig dabei ist allerdings, dass die Schulbehörde bestimmte Voraussetzungen schafft, die nicht weiter diskutiert werden können. In der je einzelnen Schule wird dann die konkrete Handhabung darauf abgestimmt; und auch hier bilden sich dann bestimmte Rituale und Praktiken aus, die fortwirken und nicht mehr hinterfragt werden können.

Am Rand des Schweigens

Aristoteles nannte die Abkürzungen von Argumentationen Enthymeme, etwas, was vor einigen Jahren in der Coaching-Szene unter dem Begriff „geheime Glaubensüberzeugungen“ Karriere machte. Solche Enthymeme lagern sich schweigend in eine Kultur ein und begrenzen die Möglichkeiten des Denkbaren.
Hegemonien entstehen dadurch, dass es einen mehr oder weniger personalisierten Führer gibt, der einer Gruppe, einer Gemeinschaft, gelegentlich auch einer ganzen Nation die Marschrichtung vorgibt (eine hübsche Metapher, wunderbar militaristisch). Anscheinend sind aber solche Führer dicht an dem gelagert, was sie auszuschließen gedenken, gleichsam nur durch eine Negation getrennt.

Alltagserzählungen

Alltagserzählungen bieten die Gelegenheit zu berichten, was in einer Gesellschaft funktioniert und was nicht. Sie zerstreuen durch Anekdoten den Blick auf die hegemonialen Effekte.
Zugleich aber offenbaren sie für den kritischen Geist auch wieder die Durchsicht auf diese Mauern des Schweigens. Wenn die Wiederholung, wie ich oben gesagt habe, tatsächlich die Erzählung konstituiert, dann konstituieren die spezifischen Wiederholungen innerhalb einer Kultur die spezifischen Erzählungen. Und da sich die Führung einer Kultur nicht ohne die Übernahme bestimmter Wiederholungen übernehmen lässt, führen sich hier die Führerpersönlichkeiten und die jeweilige Subkultur gegenseitig, oftmals im Unverstand.
Es lohnt sich also, den alltäglichen Textmustern zu lauschen, den Erzählungen von der kranken Mutter, den Bevorzugungen bestimmter Verhaltensweisen von Kindern als Thema zwischen Kollegen, und so weiter. So setzen sich, durch die Wiederholungen, auch die Dinge durch, über die man nicht spricht.

Die kritische Kultur

Besonders einprägsam ist dies beim Gegenbegriff zur automatisierten Wiederholung zu sehen, der Kritik. Schließlich ist die Kritische Schule so unkritisch geworden, dass sie die Kritik der kantschen Kritik an sich selbst wiederholt fand. Jede kritische Schule findet ihre blinden Flecken in den Methoden, die sie wiederholt und die sie verbreitet. Und jede Institutionalisierung der Kritik fördert solche Wiederholungen. Dies konnte man in den letzten 15 Jahren einprägsam bei der Kritischen Kriminologie als auch bei dem kritischen Potenzial des Feminismus sehen. In der Kritischen Kriminologie zitiert man oftmals nur noch sich selbst. Ähnlich, wie in der Coaching-Szene bestimmte Überzeugungen, oftmals auch Fehler, so weitergetragen werden, werden die Mythen der Kriminalisierung ohne Umschweife übernommen (ganz so wild allerdings ist es nicht: tatsächlich finden sich immer noch hervorragende Menschen, die die Struktur der eigenen Theorie reflektieren und ihre Begrenzungen verstehen).

Narrative Intelligenz

Ob es sich bei der narrativen Intelligenz um eine Intelligenz handelt, ist allerdings fraglich. Basiert die Narration tatsächlich auf der Fähigkeit, etwas zu wiederholen und vor allem automatisiert zu wiederholen, und ist Intelligenz vor allem daran zu messen, wie schnell etwas verstanden werden kann, dann ist die narrative Intelligenz die Fähigkeit, sich besonders rasch in eine Gemeinschaft zu integrieren, also auch in eine Gemeinschaft, die ihre blinden Flecken erzeugen muss, die ihre hegemonialen Effekte hat.
Dann aber handelt es sich bei der narrativen Intelligenz tatsächlich um die Fähigkeit, sich durch Wiederholungen zugleich auf die blinden Flecken einzulassen, mithin also eigentlich nicht um das, was wir als Intelligenz verstehen.

Kulturen in Bewegung

Auf dieser Aporie muss man sich dann wohl einlassen: handelt es sich bei der Fähigkeit zur Narration tatsächlich um eine Art Intelligenz, dann ist diese zugleich mit und gegen Kultur gerichtet, als ein stetiges Neu-aushandeln von dem, was verändert wird und was bleibt, wobei andere Kulturen gerade dadurch interessant werden, weil sie auf die Blindheit der eigenen Kultur hinweisen können. Kulturelle Kompetenz ist zugleich interkulturelle Kompetenz.
Kultur sei Mischung, so habe ich es einst in einem Interview gelesen. Mischung, fragte der Interviewende, wovon? Die Antwort war: Von Kultur. (Allerdings muss man hier auf die doppelte Bedeutung des Begriffes der Kultur hinweisen: auf der einen Seite betrifft die Kultur einen Sprachraum, auf der anderen Seite den einer Gemeinschaft. In der Gemeinschaft wird die Kultur im deutschen Sprachraum gerne auch als Subkultur bezeichnet. Und tatsächlich macht dies Sinn, denn in dem zitierten Interview scheint nichts anderes behauptet zu werden, als dass sich Subkulturen beständig mischen und neue Subkulturen bilden.)

12.05.2015

Formen der Aneignung: Band, Pendel, Kreis

In der Auseinandersetzung mit der Lernpsychologie bin ich (wieder einmal) am Systematisieren. Meine Vorliebe für Autoren wie Gaston Bachelard, Roland Barthes oder Hans Blumenberg dagegen führt mich immer wieder zu vergleichbaren Gegenständen, oder wie hier, zu analogen Formen der Mechanik. Auf dem Rückweg von der Arbeit hat mich nämlich folgendes Bild bedrängt. Es bildet zugleich den Ausgangspunkt für den Vergleich von drei sehr ähnlichen Lerntheorien. 

Das Pendel im Sand

Mein Onkel besitzt eine Art Meditationsspiel. Dieses besteht aus einer flachen Schüssel aus Sand, über die ein metallener Bogen gespannt ist. Im Zenit dieses Bogens befindet sich eine Schlaufe, in der ein Pendel hängt. Am unteren Teil des Pendels zieht ein Gewicht, welches nach oben hin kugelförmig, nach unten hin einen Zylinder bildet, und dessen Spitze in den Sand hineinragt. Durch Bewegung des Pendels zeichnet dieses dann regelmäßige Kreise, die zunehmend enger werden und dadurch eine kreisförmige oder elliptische Spirale hinterlassen. 

Piaget: das Band der Assoziation

Betrachtet man die primitive Auffassung, die in vielen Lernpsychologien von der Theorie Piagets gelehrt wird, dann ist die Verknüpfung zwischen dem Ankerpunkt und dem Pendel der Assoziation gleichzusetzen, die das Gehirn zwischen zwei verschiedenen Reizen zieht. Die Reize werden durch Wiederholung verknüpft und die Verknüpfung gefestigt. 

Leroi-Gourhan: das Pendel der Tätigkeit

Vorausgeschickt werden muss, dass die folgenden Passagen sich keineswegs nur auf den französischen Paläontologen Leroi-Gourhan beziehen. Seit ich diesen Mitte der neunziger Jahre kennengelernt habe, habe ich viele weitere Passagen entdeckt, in denen das Lernen als Pendel dargestellt wird. Insofern beansprucht dieser Autor nur eine subjektive Wichtigkeit.
Statt der Assoziation stellt Leroi-Gourhan die Tätigkeit in den Mittelpunkt, die zwischen einem menschlichen Bedürfnis und der kulturellen Umgebung hin- und herläuft. Dabei werden die durchlaufenden Tätigkeiten gefiltert, verkürzt und möglicherweise symbolisiert. Unschwer erkennt man hier die Bewegung der Pendelspitze im Sand in einer immer engeren, aber gleichförmigen Bewegung. Übrig bleibt allerdings der Rhythmus nicht zwischen Handeln und Denken, sondern der zwischen Verinnerlichung (Interiorisation) und Veräußerlichung (Exteriorisation), zwischen sich selbst und die Umwelt verändern.
Unschwer lässt sich auch erkennen, dass diese Art der Betrachtung die Wiederholung, die bei Piaget zu der Verknüpfung zwischen zwei Reizen führt, weiter auflöst und dabei das „kognitive Potenzial“ aus der Innerlichkeit des Menschen herausholt und es gleichsam dicht unter der Oberfläche lokalisiert. 

Schopenhauer: der ethologische Kreis

Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, diesen Austauschprozess als Kreis zu denken. Der Kreis oder Kreislauf, der die Grenze eines Systems überschreitet, um von dort aus wieder zurückzukehren, ist natürlich ein Ideal. Entfaltet man diesen Kreis zeitlich, entsteht eine Sinuskurve, die nichts anderes als ein Rhythmus ist, auf dem sich bestimmte Punkte wiederholen. So schematisiert umfasst der Kreis die beiden anderen Modelle.
Er bildet auf der einen Seite den grenzüberschreitenden Austausch ab, auf der anderen Seite erklärt er, warum bestimmte Phänomene des Lernens dem biologischen Gedächtnis zuzuschlagen sind, andere dem kulturellen Gedächtnis, und warum diese beiden ineinandergreifen, ohne sich ähnlich sein zu müssen. 

Das ist der Daumen

Nehmen wir zur Illustration das viel zitierte Beispiel vom daumenlutschenden Säugling.
Nach Piaget werden die taktilen Empfindungen des Daumens im Mund mit dem Wohlgefühl assoziiert. Folgt man dagegen Leroi-Gourhan, etabliert sich hier vor allem ein Rhythmus auf der Grundlage dieser Assoziation, die nach und nach zu einer Reinigung und/oder Ergänzung dieses rhythmischen Austausches führt. Schließlich wird daraus ein Kreislauf, der über die Haut und die Sinnesorgane hinweg einen Austausch und zugleich eine Ausformung und gegenseitige Ergänzung von biologischem und kulturellem Gedächtnis ermöglicht. Der Daumen ist insofern ein Stück „kulturellen“ Gedächtnisses, als er der psychischen Verarbeitung äußerlich ist, auch wenn er evolutionär dem menschlichen Gehirn vorausgeht. Zugleich zeigt dieses Beispiel, dass der Daumen als äußeres Gedächtnis und das Wohlgefühl als inneres keine Ähnlichkeit miteinander haben, sich aber trotzdem ergänzen. 

Einführung in die Metakognition

Immer wieder bastele ich an dem Begriff der Metakognition herum. Diese scheint die Funktionen des äußeren Gedächtnisses übernehmen zu wollen. Damit einher geht aber auch die Doppeldeutigkeit: auf der einen Seite schafft die Metakognition eine Unabhängigkeit, die zugleich Kontrolle bedeuten kann; auf der anderen Seite aber besteht die Gefahr darin, dass durch sie korrigierende Prozesse des Austausches mit der Umwelt verloren gehen und das System gleichsam ohne äußere Störung in sich leer läuft (schon Kant schrieb, dass das Tagebuchschreiben Grillenfängerei sei und ins Irrenhaus führe).
Insofern ist der Begriff der Metakognition durchaus widersprüchlich. Nimmt man zum Beispiel die ganzen Techniken der Dokumentation und der individuellen Erinnerungshilfen (wie zum Beispiel die Kalender, die fast jeder Mensch mittlerweile auf seinem Computer oder iPhone besitzt), dann ersetzen diese natürlich nicht die kulturelle Umwelt: Gerade diese nutzen sie ja. Doch unter dem Siegel der Privatheit oder des Datenschutzes werden hier kulturelle Prozesse unterbrochen. Das soziale Gedächtnis beruht zwar immer noch auf Artefakten und Symbolen, ist aber zugleich privat geworden, da es nur noch einem einzigen Menschen zugänglich ist.
Wenn die Metakognition allerdings zunächst Unabhängigkeit von bestimmten Kreisläufen zwischen Mensch und Umwelt bedeutet, dann ist die Möglichkeit, diese Unabhängigkeit von Anfang an zu erlangen, zugleich ein qualitativer Einschnitt in die Metakognition, die diese möglicherweise in etwas ganz anderes verwandelt (auch wenn ich nicht weiß, was).

10.05.2015

Cloud und OneNote

Nein, Zeit habe ich immer noch nicht.
Doch zumindest ist jetzt mein neuer Computer da, sprich mein Laptop. Und von dem habe ich am Donnerstag und Freitag ausgiebig profitiert.
Meine Klasse ist ja etwas wilder. Am Freitag habe ich ihnen dann, nachdem sie den Klassenraum aufgeräumt haben, ein kleines Video gezeigt, mein Lieblingsvideo von den Spacefrogs.

Angenehm ist auch, dass ich jetzt einen Internetanschluss habe. Auch wenn der Empfang teilweise aussetzt.

Über meine Cloud kann ich meine ganzen Unterrichtsmaterialien sowohl in der Schule als auch zu Hause bearbeiten. Das war bisher ein größeres Problem. Bisher musste ich immer an den schuleigenen Computer gehen, dessen Textverarbeitungsprogramm mit meinem nicht kompatibel war.
Am besten aber ist, dass ich alle meine Aufzeichnungen auf OneNote jetzt auch in der Schule nutzen kann. So kann ich meine Planungen für den Unterricht direkt eintippen und mit Bildern und Texten versehen. Ob das eine große Arbeitserleichterung wird, weiß ich noch nicht. Zumindest kann ich aber meine freien Zeiten besser nutzen. Hoffe ich.

03.05.2015

Keine Zeit zum Schreiben

Der letzte Monat hat mich in Atem gehalten. Dabei bin ich kaum zu irgendwelchen Sachen gekommen, die nicht mit Schule zu tun haben. 

Stationenarbeit

Nun habe ich in den Osterferien meinen Kreisraum aufgeräumt und es sogar geschafft, eine Seite von seinen Regalen freizuräumen, so dass mein Kreisraum wesentlich geräumiger ist. Sinn und Zweck war auch, diesen für eine differenziertere Stationenarbeit zu nutzen. Das werde ich hoffentlich demnächst auch mal verwirklichen können. Derzeit bin ich mit meiner Differenzierung noch unzufrieden. 

Ein Laptop

Nachdem mein Tablet seinen Leistungen doch etwas mager ist, vor allem kann ich nicht auf die Microsoft-Dateien auf meiner Cloud zurückgreifen, habe ich mir jetzt, nach vielen Jahren mal wieder, ein Laptop gekauft. So werde ich hoffentlich rascher auf mein Unterrichtsmaterial zurückgreifen und gelegentlich auch mal im Zug arbeiten können. 

Vorrat an grundlegenden Bildern

Ich habe in den letzten zwei Monaten, sofern ich Zeit hatte, nach grundlegenden Bildern im Internet gesucht, nachdem ich damit vor Jahren in meiner alten Klasse zahlreiches Unterrichtsmaterial damit gestaltet habe. Diese Aufgabe ist mittlerweile fast erledigt. Und diesmal habe ich sie, durch meine gewachsene Erfahrung mit Bildbearbeitungsprogrammen, auch so gründlich behandelt, dass die Bilder in zahlreichen Größen verwendet werden können.
Besonders für die Übungen zur Kommasetzung werde ich sie gebrauchen können. Als Stützmaterial sind sie auf jeden Fall sinnvoll. Und auch für die Behandlung von LRS hatte ich sie damals umfangreich einsetzen können. 

Lesen

Aber ich darf mich nicht beschweren. Ich konnte auch eine ganze Menge lesen. So habe ich unter anderem Tropen (Rilke) von Paul de Man aus seinem Buch Allegorien des Lesens gelesen, von Jürgen Oelkers Verstehen als Bildungsziel aus dem von Luhmann und Schorr herausgegebenen Sammelband Zwischen Intransparenz und Verstehen, dazu habe ich es immerhin geschafft, das erste Teilkapitel aus dem ersten Kapitel des Buches Kulturen der Empathie durchzukommentieren. Ich bin dort immerhin auf Seite 22. Tatsächlich ist das gar nicht so wenig. Zu den von mir zitierten Passagen kommt in etwa noch die doppelte Menge an weiterführenden Gedanken.
Zudem habe ich nebenher weitere Dateien angelegt, da diese in meiner Kommentierung des Buches keinen Platz mehr gefunden haben, so einiges zu Wittgenstein und Hannah Arendt, Walter Benjamin und Leon Wurmser, Antonio Gramsci und Alfred Lorenzer.
Bedenkt man, dass mich das Thema der Nachahmung/Mimesis schon einmal ausführlich beschäftigt hat, ist meine derzeitige Arbeit sogar ziemlich mager. Schaut man sich allerdings an, was sich sonst noch so gemacht habe in den letzten Wochen, bin ich sogar recht fleißig gewesen. 

Netbeans

Ich habe es sogar geschafft, letzte Woche zwei Stunden Java zu programmieren. Nachdem ich eine dreijährige Pause gemacht habe, dachte ich, es sei vieles verschwunden. Tatsächlich war alles aber sofort wieder da: mittlerweile habe ich einige einfache Programme geschrieben, mit denen ich bestimmte Algorithmen ausprobieren kann.

10.04.2015

Gemeinsame Ziele, die Zone der nächsten Entwicklung und Inklusion

Wenn es mir nicht gut geht, fällt es mir schwer, meine Spekulationen zu veröffentlichen. Geht es mir gut, empfinde ich Spekulationen als hilfreich. Ich hatte mich wohl in den letzten Tagen ein wenig zu sehr in bestimmte, für mich nicht lösbare Probleme vergraben. Heute hat mich, und dafür muss ihr danken, Marlies aus diesem Nicht-Dialog herausgeholt.

Gleichklang im Ego-Tunnel

Evolution und Empathie

In seinem Buch Der Ego-Tunnel schreibt Thomas Metzinger:
Natürlich hat Intersubjektivität nicht nur mit dem Körper und mit Gefühlen zu tun, auch das Denken spielt eine Rolle. Vernunftbasierte Formen der Einfühlung scheinen wieder andere Teile des Gehirns einzubeziehen — insbesondere den ventromedialen präfrontalen Kortex. In jedem Fall hilft uns die Entdeckung der Spiegelneuronen zu verstehen, dass Einfühlung ein ganz natürliches Phänomen ist, das wir im Verlauf der biologischen Evolution Schritt für Schritt erworben haben.
(250)
Wir müssen also verstehen, dass die Empathie keine göttliche Eigenschaft ist und auch keine bedingungslose, sondern dass sie sich im Laufe der Evolution unter bestimmten Bedingungen entwickelt hat und offensichtlich in gewissen Milieus zu selektierenden Vorteilen geführt hat.

Dominanzwechsel, Funktionswechsel

Wenn man heute von der Evolution spricht, greift man zunächst auf die drei Gesetze zurück, die Charles Darwin herausgearbeitet hat: Variation, Selektion und Restabilisierung. Nun ist ein weiteres Geheimnis der Evolution, dass sie nicht auf Merkmale Auswirkungen gehabt hat, sondern auf Funktionen im Organismus. Die Merkmale drücken nur diese Funktionsänderungen aus. Insofern es Merkmale sind, die den Bezug zur Umwelt verändern, verändert sich durch sie natürlich auch die Organismus/Umwelt-Anpassung.
Jedenfalls kann man heute relativ genau bestimmen, ab wann ein Merkmal eine andere Funktion ermöglicht und schließlich ganz in die Erfüllung dieser Funktion hinüber wechselt. Wenn ein Merkmal eine andere, dominante Funktion ermöglicht, aber die alte noch nicht aufgibt, spricht man von einem Dominanzwechsel. Wird die alte Funktion dagegen mehr oder weniger aufgegeben, handelt es sich um einen Funktionswechsel. Ein typisches Beispiel dafür liefert uns Metzinger etwas weiter unten:
Genau wie bei Federn, die sich zuerst »für« die Wärmeisolation entwickelten und später den Vögeln das Fliegen ermöglichten, …
(252)
Ein anderes Beispiel ist der Hals der Giraffe. Hat dieser zunächst die Nahrungsaufnahme von höheren Sträuchern erlaubt, konnte die Giraffe dann mit ihm über weite Strecken hinweg spähen und so mögliche Feinde entdecken. Weder das Federkleid der Vögel noch der Giraffenhals haben die ursprüngliche Funktion aufgegeben. Bei den Vögeln allerdings hat sich ein Dominanzwechsel vollzogen; bei den Giraffen nicht.

Selbstmodell, phänomenales Selbst und verkörperte Simulation

Davon ausgehend lässt sich die folgende Passage aus Der Ego-Tunnel besser verstehen:
Erst entwickelten wir das Selbstmodell, weil wir unsere Sinneswahrnehmungen mit unserem körperlichen Verhalten verbinden mussten. Dann wurde dieses Selbstmodell bewusst, und das phänomenale Selbst wurde in den Ego-Tunnel hineingeboren, was uns erlaubte, eine globale und wesentlich selektivere und flexiblere Form der Kontrolle unseres eigenen Körpers zu erreichen dies war der Schritt von einem verkörperten natürlichen System, dass ein inneres Bild von sich selbst als einer Ganzheit besitzt und benutzt, zu einem System, dass diese Tatsache zusätzlich auch noch bewusst erlebt. Der nächste revolutionäre Schritt war dann das, was Vittorio Gallese, ein Kollege von Rizzolatti in Parma und einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, verkörperte Simulation genannt hat. Damit wir die Gefühle und Ziele anderer Menschen verstehen, benutzen wir unser eigenes Körpermodell im Gehirn, um sie zu simulieren.
(250)
Hören wir uns diese Passage dahingehend an, welche Stationen die Entwicklung der Empathie durchlaufen hat: (1) zunächst die Koordination sensorischer und motorischer Muster; (2) die Bewusstheit dieser Koordination und damit die mögliche Kontrolle und (3) schließlich die Simulation von bestimmten Vorgängen in der Umwelt.

Kontrolle und Zweck

Psychologisch gesehen kann man denselben Prozess mit anderen Begriffen rekonstruieren. Die Bewusstheit des Selbstmodells ermöglicht die kontrollierte Manipulation der Umwelt und damit die Ausbildung von Zielen und Zwecken. Nun scheinen die Menschen nicht direkt die Handlungen zu teilen, sondern vor allem die Ziele, während die Zwecke wohl kognitiv rekonstruiert werden:
Wie aktuelle Daten aus der Neurowissenschaft zeigen, durchbricht dieser Vorgang auch die Grenze zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten. Ein beträchtlicher Teil dieser ständig ablaufenden Spiegelaktivität geschieht außerhalb des Ego-Tunnels, und deshalb haben wir davon auch keinerlei subjektive Wahrnehmung. Zeit zu Zeit jedoch, wenn wir unsere Aufmerksamkeit zielt auf andere Menschen richten oder soziale Situationen analysieren, spielt auch das bewusste Selbstmodell eine Rolle. Insbesondere können wir, wie bereits festgestellt, gleichsam unmittelbar verstehen, dass jemand anders vorhat — es ist fast so, als ob wir es direkt sinnlich wahrnehmen. Oft »wissen wir einfach«, welchen Zweck ein anderer mit seinem Handeln verfolgt und in welchem Gefühlszustand er sich wahrscheinlich befindet. Begreifen auf dieselben internen Ressourcen zurück, die uns unsere eigenen Zielzustände zu Bewusstsein bringen, um automatisch zu entdecken, dass andere ebenfalls Zielgerichtetheit Entitäten sind und nicht bloß sich bewegende Gegenstände in unserer Umwelt. Wir können sie als Egos erleben, weil wir uns selbst als Egos erleben.
(Der Ego-Tunnel, 250 f.)

Zwecke und geteilte Aufmerksamkeit

Betrachten wir noch einmal das Emulationslernen. Säuglinge besitzen noch kein Körperschema, bzw. kein phänomenales Selbst. Sie können noch nicht nachahmen. Die erste Sozialität, die deutlich kognitiv ist, ist die geteilte Aufmerksamkeit; man kann dies häufig in der Interaktion zwischen Elternteil und Kind beobachten: das Kind beschäftigt sich mit etwas und das Elternteil schaut zu, um gegebenenfalls einzugreifen, zum Beispiel wenn der Gegenstand aus den Händen des Säuglings entgleitet. Zugleich bildet sich hier ein gemeinsamer Zweck aus, zwar vom Säugling noch nicht mit dem Erwachsenen geteilt werden kann, den der Erwachsene aber stützend übernimmt: dies ist die intensive Beschäftigung mit einem Gegenstand.
Später „hilft“ das Kleinkind den Erwachsenen bei bestimmten Tätigkeiten. So hat mein Sohn mir gelegentlich beim Ausräumen der Einkaufstüten geholfen. Er hat begriffen, dass viele der Lebensmittel in den Kühlschrank gehören und hat dann ganz selbstverständlich alle Sachen aus dem Rucksack dorthin weggeräumt.

Dialog, Bedeutung und Ziel

Bedeutungskörper

Der Bedeutungskörper eines Wortes, so hatte ich neulich geschrieben, wird durch seine Übersetzungen konstruiert. Wichtig sind also die leichtgängigen und schwierigen Nachbarschaften, zu denen ein Wort verbunden wird. Denkt man sich solche Übersetzungen als Operationen und Operationen als kognitiv abgebildete Handlungen, dann kann man die nämlichen Bedeutungskörper auch für alle Gegenstände in der Welt annehmen, insofern die Gegenstände im Gehirn genauso projeziert werden wie Wörter. Damit ist auch die interpretatorische Leistung von Handlungen bestimmbar: ein Gegenstand wird insofern interpretiert, als er durch eine Handlung in etwas anderes übersetzt werden kann.

Das Areal F5

Im Gehirn findet sich eine Art Äquivalenz zur handelnden Übersetzung. Dies ist das Areal F5, zumindest beim Affen. Deren Funktion beschreibt Rizzolatti Empathie und Spiegelneurone folgendermaßen:
Die Mehrheit ihrer Neurone codiert nicht einzelne Bewegungen, sondern motorische Akte, also Bewegungen, die durch ein bestimmtes Ziel koordiniert sind.
(37)
Hierin kann man die Bevorzugung gemeinsamer Ziele vor der Nachahmung sehen. Ziele entstammen den assoziativen Bereichen des Gehirns, sind also mehr oder weniger umweltabhängig. Sie können auf anderen Wegen als durch die Nachahmung entstehen, zum Beispiel durch Unterricht und durch Weitergabe von Informationen mittels der Sprache.
Die Bewegungen selbst dagegen werden wohl erprobt. Sie lassen sich erst hinreichend durch einen Gesprächspartner erklären, wenn man bereits ein ausgeprägtes phänomenales Selbst erworben hat.

Ziel und Aufmerksamkeit

Gemeinsame Ziele verlangen eine gewisse gemeinsame Aufmerksamkeit und damit eine Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf das Ziel. Betrachten wir uns noch einmal das Beispiel von dem Säugling, der durch das Elternteil bei der Untersuchung von Gegenständen unterstützt wird, so zeigt dieser zunächst eine Aufmerksamkeit, während das Elternteil hat, diese Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.
Das Kind kann dann aber lernen, eine gemeinsame Aufmerksamkeit zu erwarten das Elternteil in dieses Spiel mit einzubeziehen. Dann wird zum Beispiel der Gegenstand mutwillig weggeworfen, zu sehen, ob das Elternteil diesen wie gewohnt zurück gibt. Damit verlagert sich aber auch das Ziel von der Interaktion mit dem Gegenstand zu der Interaktion mit dem Elternteil und damit in Richtung eines „echten“ Dialogs.

Dialog und Bedeutung

Insofern das Kind mit Menschen in seiner Umgebung in einen Dialog tritt und hierbei Gegenstände einbezieht (aber, wie Schopenhauer sagt, ist der Leib zwar ein besonderes Objekt, aber doch nur ein Objekt [siehe Die Welt als Wille und Vorstellung I, 42]), wird die Bedeutung dieser Objekte daran erfahren, welche Handlungen an ihm vorgenommen werden.
Dabei lässt sich der Dialog durchaus wiederum mit den evolutionären Mechanismen betrachten: Kinder variieren ihre Bewegungen anhand eines Objektes, wählen dann bestimmte Handlungen aus und stabilisieren diese durch Wiederholungen. Die Variation dieser Handlungen kann aber auch von außen initiiert werden, zum Beispiel im fördernden Dialog, der dem bisherigen Spiel des Kindes neue Impulse gibt. Impulse sind Variationen, zumindest für das Kind; diese können durch Hinweise und Ermutigungen weiter ausgewählt werden. Schließlich können die möglichen Handlungen übernommen und übertragen werden.
Im Dialog gewöhnen sich Kinder demnach an ähnliche Bedeutungskörper, weil sie die je spezifischen Übersetzungen von Objekten nachbilden oder nachahmen. Damit ließe sich erklären, warum der Dialog und die geteilte Aufmerksamkeit eine so wichtige Rolle im pädagogischen Prozess bilden.

Die Zone der nächsten Entwicklung

Die Zone der nächsten Entwicklung bezeichnet Umgang mit einem Gegenstand, den ein Schüler noch nicht alleine ausführen kann. Es ist zugleich die Zone des Dialogs. Nach Vygotskij wird dieser Dialog nach und nach verinnerlicht, so dass er zu einer Erweiterung der Kompetenzen eines Menschen führen, zu einer Verschiebung der Zone der nächsten Entwicklung und zu einer Veränderung des Dialogs.
Wir können jetzt aber sagen, dass dieser Dialog vermutlich nicht gelingt, wenn es nicht ein gemeinsames Ziel gibt. Und wir können weiterhin sagen, dass für diesen Dialog die geteilte Aufmerksamkeit ebenso eine Voraussetzung ist. Drittens kann man vermuten, dass es dem Erwachsenen, bzw. dem Erfahreneren zukommt, herauszufinden, für welche Aufmerksamkeit ein Kind im Moment zu haben ist und dort die gemeinsame Tätigkeit zu suchen.

Dominanzwechsel

Weiter sollte man in diesem Dialog bisherige Funktion stützen, dabei aber darauf achten, dass eine andere Funktion dadurch nach und nach entstehen kann.
So lernt man mit Kindern zunächst die referentielle Funktion von Wörtern, zum Beispiel dass Nomen auf Gegenstände zeigen (wobei klar ist, dass das Kind später auch lernen muss, dass es Nomen gibt, auf die nicht einfach gezeigt werden kann, weil diese zu abstrakt sind, oder weil diese Ideen bezeichnen), Verben auf Tätigkeiten und Vorgänge (und später auch auf die Abwesenheit von Vorgängen, wie zum Beispiel ruhen oder warten), Adjektive auf Eigenschaften, usw.
Schon vorher sprechen Kinder allerdings in ganzen Sätzen. Darauf aufbauend können dann die Funktionen von Wörtern in Sätzen gelernt werden. Diese sind dann schon wesentlich grammatikalisch. Grammatikalisch darf man hier im weitesten Sinne verstehen als analog zu einer Vorstellung, die ich mir von etwas Komplexen (einem Gefüge, einer Situation, einer Komposition) machen soll.
Sind zunächst die Wörter dazu da, um Sachverhalte zu benennen, können sie jetzt mehr und mehr Vorstellungen erzeugen oder Komplexe abbilden und zusammenfassen. Die ursprüngliche Funktion wird nicht aufgehoben, doch je nach Textmuster überwiegt die eine oder die andere Funktion.

Inklusion

Das Teilen eines gemeinsamen Gegenstandes oder Themas erzeugt Dialoge. Niklas Luhmann schlägt auf der Sachebene der Kommunikation die Differenz von Themen und Beiträgen vor (Soziale Systeme 213). Damit kann man sagen, dass das gemeinsame Thema eine wichtige Voraussetzung für den Dialog und damit für das gemeinsame Lernen ist. Luhmann weist allerdings auch darauf hin, dass Beiträge nicht einfach nur ein Teil eines Themas sind, sondern in wesentlich komplexere Bezüge eingebunden sind. So gibt es bei bestimmten Themen Thematisierungsschwellen, die bestimmte Beiträge als verletzend oder obszön ausschließen. Themen koordinieren also die Beiträge.
Eine der wesentlichen Aufgaben eines Pädagogen die Aufmerksamkeit für solche Thematisierungsschwellen. Es gibt Kinder, die solche Schwellen bewusst missachten, um sich über den Konflikt in den Mittelpunkt zu stellen. Und andere Kinder können zu solchen Themen wenig beitragen, weil es ihre Kenntnisse oder ihre Fähigkeiten übersteigt.
Inklusion bedeutet, Themen zu finden, die für einen Dialog günstig sind. Es gilt allerdings, gemeinsame Bedeutungskörper zu erkunden. Solche Bedeutungskörper wiederum konstruieren sich nur in einer Gemeinschaft. Insofern bestehen Inklusionen nur lokal und nur dort, wo Themen und Beiträge in ein spannungsreiches Spiel gebracht wird.

09.04.2015

Die aktive Interpretation der Welt

Ich bin immer noch von dem Gedanken sehr angetan, dass sensomotorische Muster sehr viel stärker interpretierend sind, als man bisher angenommen hat. Und dass es eine starke Verbindung zwischen motorischen Mustern und der Empathie gibt.
Doch ganz so neu ist diese Idee dann doch nicht. So schreibt Walter Benjamin in seinem frühen Aufsatz Der Moralunterricht:
Nebenbei sei bemerkt: die »spezifische Energie« des moralischen Sinnes, moralisches Einfühlungsvermögen wächst wohl nicht im Aufnehmen der Motivationen, des Stoffes, sondern nur in der Betätigung. Es besteht die Gefahr, dass der Stoff bei weitem die moralische Reizbarkeit übersteige und sie abstumpfe.
(Im übrigen ist dieser kurze, frühe Aufsatz durchaus sehr lesenswert. Er enthält noch weitere Gedanken, die die teilweise ungebremst harten moralischen Forderungen, die man heute lesen kann, in ein ganz anderes Licht rücken.)

Selbstverliebtheit und Empathie

Selbstverliebtheit, so lese ich gerade, breite sich geradezu epidemisch aus. Als Ursache wird angegeben, dass heute ein gesteigerter Erwartungsdruck auf den Kindern laste und dass Eltern gerade ihre eigenen Kinder für etwas ganz Besonderes hielten. (Und man höre hier, dass so etwas ähnliches an Montessori-Schulen propagiert wird, allerdings mit dem feinen, vielleicht entscheidenden Unterschied, dass zugleich der Wert des Zusammenseins betont wird.)

Narzissmus

Der Narzissmus, so der Artikel weiter, zeichne sich durch ›ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit‹, ›Glaube an die eigene Einzigartigkeit‹, ›Anspruchsdenken‹, ›Arroganz‹ oder ›Mangel an Einfühlungsvermögen‹ aus.
Dies allerdings scheint mir selbst eine grandiose Überbewertung zu sein. Grandios und überbewertet deshalb, weil solche Phänomene zu psychisch gedacht werden. So kann man doch heute ältere Menschen belauschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, und die jetzt, am Ende ihres Lebens, kaum mehr als vor sich hin vegetieren können. Haben solche Menschen etwa nicht das Recht auf ein gewisses Anspruchsdenken?
Oder wenn zum Beispiel jemand hochtrabend seine Fähigkeiten anpreist, während man gleichzeitig sieht, dass dieser Mensch gar nicht so toll ist, wie er behauptet, eventuell sogar, dass er durch seine Behauptungen unbedarfte Menschen verwirrt; wenn man einen solchen Menschen zurecht weist, ist das schon Arroganz?

Ein Totschlagargument

So gesehen ist der Vorwurf des Narzissmus' ein Totschlagargument, genauso wie der der Arroganz. Häufig gibt es von einem solchen Argument aus entweder die Unterwerfung, die einer Zustimmung des Argumentes gleichkommt, oder eines Widerspruchs, der aber dazu führen kann, dass der Vorwurf wiederholt wird und der Äußernde sich bestätigt fühlt.

Argumente

Und überhaupt die Argumente: die ganze Debatte um Kompetenzen hat doch dazu geführt, dass man das Maß für ihre soziale Entstehung und die Abhängigkeit solcher Kompetenzen (sie müssen beobachtet werden können) aus den Augen verloren hat. Ein ganz typischer Vorwurf ist zum Beispiel der der Erfahrung, den bestimmte Menschen hätten, weil sie lange in der Praxis gearbeitet haben. Meiner Ansicht nach ist das überhaupt kein Argument. Das Gegenargument lautet dann auch oft: betriebsblind. Unsere Gesellschaft leistet sich so verschiedenartige Argumente. Doch wie immer, wenn man auf diese semantischen Oppositionen trifft, kann man sich darauf verlassen, dass man einen dritten, prozesshaften Weg findet. Mindestens. Denn meist stehen hinter so klar entgegengesetzten Argumenten nicht nur einfache, ideologische Prozesse, sondern komplexe Zusammenhänge, die zahlreiche, teilweise nur kurzfristige Argumentationen zulassen.
So wenig das Wort objektiv noch eine Bedeutung hat, so wenig kann man sich mit dem Begriff der Praxisorientierung schmücken; und mit ein zentrales Problem der gender-Debatte ist nicht nur, dass angeblich die Männer genau wissen, was Frauen sind, sondern dass umgekehrt auch Frauen (zumindest bestimmte) wissen, was Männer sind. Dummheit und Blindheit kann man in diesem Fall wohl beiden Seiten vorwerfen.

Tunnelblick

Gehen wir davon aus, dass Stress einen Tunnelblick verursacht und dass mit dem Tunnelblick andere Menschen nur noch reduziert beobachtet werden, dann können wir von hier aus auf einen stärkeren Hang zur Verallgemeinerung schließen und damit auf einen Anschein einer stärkeren narzisstischen Persönlichkeit.
Mich hat gerade deshalb jener Artikel auch so verwundert, weil die Erforschung der Spiegelneuronen uns einen ganz anderen Menschen zeigt, als psychologische Untersuchung, die im Tagesspiegel zitiert wird. Wie denn nun? will man wissen. Ich habe nun keine schöne Theorie zu bieten, die das Verhältnis zwischen Narzissmus und Empathie ausformuliert, schon gar nicht auf der Basis der Spiegelneuronen. Aber vielleicht die Menschen gar nicht schlecht bestellt. Vielleicht ist es insgesamt nur der Stress, der hier zeitweilig für eine solche Irritation sorgt.

Kryptisch

Höre sich alles sehr spannend an, auch sehr kenntnisreich, aber wenn man es genauer verstehen wolle, sei es doch schon sehr kryptisch. — So äußerte sich gerade eben ein Leser zu meinem Blog. Ich bin überhaupt fasziniert, dass ich immer noch zum Schreiben komme. Tatsächlich sind meine letzten Beiträge etwas eilig zusammengeschrieben worden. Ich komme nur noch wenig dazu, mir Notizen zu machen, wenn ich Bücher lese.
Eines jedoch kann ich gerade sagen: Meine Erfahrungen der vergangenen Jahre verknüpfen sich massiv mit neuen Erfahrungen. Dadurch konzentriere ich mich häufig auf wesentliche Spannungspunkte und logische Strukturen. So ist es kein Wunder, dass ich manche Dinge komprimiert darstelle; und da es eine berufliche Schweigepflicht gibt, kann ich natürlich auch nicht berichten, woher mir mancher Gedanke kommt.

08.04.2015

Devianz

Die Diskussionen, die ich, wenn noch weitestgehend zunächst mit mir selbst, zu den Unterschieden zwischen mathematisch-logischer, narrativer und ethisch-politischer Argumentation geführt habe, hat mich auch immer wieder auf das Thema der Devianz, also des abweichenden Verhaltens, zurückgewiesen. Selbstverständlich gehört der Begriff der Devianz ganz zentral zu meinem Studium mit dazu: in der Sonderpädagogik spricht man sowohl im medizinischen als auch im sozialen Bereich von Devianzen (wenn auch mit ganz unterschiedlichen Vorausbedingungen für den Gebrauch dieses Wortes), gelegentlich auch im psychischen Bereich. 

Antigone

Judith Butler verdeutlicht die moralisch-rechtliche Devianz anhand der Figur der Antigone. Allerdings zeigt sie auch, dass diese Devianz nicht vollständig außerhalb der ethischen und politischen Normen liegt, sondern auf vielfältige Bezüge mit diesen beruht. Es ist, verfolgt man diese Argumentation genauer, nämlich ein Irrtum zu glauben, dass der Widerstand gegen den Staat ein einfacher, leicht zu handhabender Widerstand wäre; tatsächlich bedeutet ein solcher Widerstand, und ich denke, dass das Beispiel zum Beispiel der RAF dies sehr deutlich gemacht hat, dass von den Widerständigen die Bedeutung des Widerstands keineswegs beherrscht wird und er den größeren Diskursen innerhalb einer Gesellschaft automatisch unterworfen bleibt. Die Tragik der RAF, so könnte man sagen, war, dass sie das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie erreichen wollten. Statt den Staat überflüssig zu machen, haben sie seine Notwendigkeit unterstrichen.
Judith Butler schreibt also:
Antigone befindet sich nur teilweise außerhalb des Gesetzes, und so könnte man schließen, dass weder das Gesetz der Verwandtschaft noch das Gesetz des Staates die ihnen unterworfenen Individuen tatsächlich beherrscht. Gilt Antigones Devianz jedoch als Veranschaulichung der Unerbittlichkeit des Gesetzes und als Verdeutlichung der dialektischen Opposition, dann steht ihr Widerstand im Dienst des Gesetzes, dessen Unausweichlichkeit er belegt.

Objektivierende Kognition und subjektivierende Normierung

Hinter dem Problem der Devianz findet sich ein ganz anderes Problem, welches die Argumentationsweisen betrifft. Insofern man versucht, die Devianz wissenschaftlich zu untersuchen und sie objektiv darzustellen, objektiviert man auch die Menschen, die an einem solchen devianten Prozess teilhaben. Damit aber verleugnet man geradezu ihren Status als politische Akteure. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Egal wie berechtigt oder unberechtigt die Forderungen und Bedürfnisse dieser Menschen im Allgemeinen oder im Besonderen sind: als Objekte fallen sie aus der politischen Argumentation heraus und werden lediglich zu Voraussetzungen für solche.
Dreht man allerdings die Argumentation vollständig um und argumentiert politisch, so kann man gar nicht anders als von einer Normierung ausgehen, die den eigenen Standpunkt innerhalb einer Gesellschaft von Bürgern deutlich macht. Indem man das Gegenüber als Subjekt anerkennt, argumentiert man ihm gegenüber auch normativ. Denn, wie Hannah Arendt gezeigt hat, die politische Sphäre geht nicht von objektiven Verhältnissen zwischen Menschen aus, sondern von subjektiven, bzw. intersubjektiven. Es sind Verhältnisse der Macht.
Wenn Butler also von der Unausweichlichkeit spricht, dann lässt sich das auch als die Unausweichlichkeit des anderen Subjekts lesen, ebenso wie der Unausweichlichkeit des normierenden Verhältnisses zwischen den beiden politischen Akteuren, handelte es sich nun um zwei Menschen oder um einen Menschen und einen Staatsapparat.
Und ebenso lässt sich daraus schlussfolgern, dass es eine objektivierende Normierung nicht gibt. Tatsächlich ahnt man, wenn man sich Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ansieht, dass eine objektivierende Normierung ebenso wie eine subjektivierende Kognition den Bereich des Politischen vernichten und eben eine solche totale Herrschaft etablieren. 

Devianz als logische Form

Vielleicht ist das Unangenehme der Devianz nicht so sehr in ihren materiellen Wirkungen zu suchen, als in ihrer logischen Form. Sie scheint die leichtgängigen Logiken, in denen sich eine Kultur definiert und objektiviert, durcheinanderzubringen. Als logische Form bildet sie ein Zwischenreich zwischen Subjekt/Objekt und Kognition/Normierung, so dass sie weder der einen noch der anderen Seite wirklich zugehört und trotzdem an beiden teilhat.