25.10.2014

Langeweile - Oberflächlichkeit (Cioran)

Cioran schreibt in einer gewissen Art äußerst penetrant. Ich habe sein Schreiben als schwarz bezeichnet. In gewisser Weise beschwört er die metaphysischen Begriffe, um sie umso besser als hohl und nichtig darstellen zu können.

Langeweile

Todestrieb

In meinen ersten Notizen zu ihm findet sich der Tod als eine Art Sphäre (einem Planeten gleich), auf dem die Gedanken aufruhen und sich zugleich abstoßen. Der Todestrieb ist kein energetisches Prinzip (wie im spekulativen Modell des späten Freuds), sondern ein Pol, der das Leben umso stärker begleitet, je mehr es sich davon abstößt. Die Gedanken sindder Sprung wider die Schwerkraft des Sterbens.

Gedanken.Tod

Wie bei Nietzsche finden sich verschiedene Formen der Langeweile im Werk Ciorans. Sie ist immer eine Position zum Tode und zugleich eine Form des Denkens. Da die Gedanken sich vom Tode abstoßen, aber sich nur abstoßen können, insofern sie den Tod akzeptieren, entstehen vielfältige Formen der Langeweile, zum Teil ganz unterschiedliche, die wenig miteinander zu tun haben: denn der Ausdruck der Langweile und ihr Entstehen sind durch ihre Spaltung in sich zerrissen. Genauer scheint die Langeweile selbst nicht existent zu sein, und wenn sie es doch ist, dann, weil sie von außen als Langeweile usurpiert wird. 

Schein und Einsamkeit

Man muss dies verstehen: nicht der Mensch langweilt sich, sondern er wird als gelangweilter erzeugt. Er ist nichts, bis er als Mensch erscheint. Dann aber ist er nur Schein, und als solcher kann er, sogar sich selbst, als gelangweilter erscheinen. Dies ist die zweite Ebene, die sich dem Tod entgegensetzt, und sich nur deshalb dem Tod entgegensetzen kann, weil sie genau so Nichts ist. Sie trägt eine ganz andere Zwiespältigkeit in sich: indem der Mensch auf ihr für andere Menschen ist und zugleich ganz und gar verschwindet. Deshalb kann bei Cioran auch nur der einsame Mensch auf die wirkliche Menschlichkeit hoffen. Deshalb sind die einsamen Gedanken die einzigen, die sich dem Tode flüchtig widersetzen können.

Sprechen lassen

Die Langeweile wird nur von Menschen erfahren, die keinen tieferen inneren Inhalt aufweisen und sich ausschließlich durch äußere Reizmittel lebendig erhalten können.

Alle Taugenichtse suchen die Mannigfaltigkeit der Außenwelt, denn Oberflächlichkeit ist nichts anderes als Selbstverwirklichung vermittels Gegenständen. Der oberflächliche Mensch hat ein einziges Problem: die Rettung durch Objekte. Deshalb hascht er in der Außenwelt nach allem, was diese ihm darbieten kann, um sich selbst mit äußeren Werten und Dingen aufzufüllen.

[Durch] Langeweile [...] manifestiert das Tier [...] den ersten Grad von Menschlichkeit.
Cioran, Emil: Das Buch der Täuschungen. in ders.: Werke, hier S. 184 f.

22.10.2014

Eine „neue“ Schreibtechnik

Gestern habe ich an der nächsten Folge zu meiner Serie Dialoge schreiben herum gearbeitet, mal wieder. Unter anderem habe ich (mal wieder) Harry Potter aus dem Schrank geholt; und Karl May liegt (mal wieder) ebenfalls auf meinem Bücherstapel.
Aber irgendwie will das Ganze nicht so richtig. Zur Zeit schreibe ich, in einer Mischung aus Kommentar und Zitat aus meinem Zettelkasten, immer wieder längere Fragmente. Gestern sind es doch immerhin 21 Stück geworden. Kommentare sind wunderbar. Aber sie können auch nerven, weil die längeren Argumentationen fehlen. Die probiere ich zurzeit aus. Man könnte diese Textform als kurze Essais bezeichnen, bzw. als Blog-Einträge, nur, dass ich sie nicht veröffentliche.
Da ich hier allerdings von Thema zu Thema springe, und auch das eine oder andere nur so ausdrücke, dass ich es verstehe, handelt es sich um Rohmaterial. Eigentlich ist dagegen auch nichts zu sagen, denn ich habe meinen Blog immer mehr als eine Anregung verstanden, als eine Plattform, um fertige Ergebnisse zu veröffentlichen. Aber ich kann nicht 20 Einträge am Tag veröffentlichen. Das schadet den Besucherzahlen eines einzelnen Eintrags.

Apropos Besucherzahlen. Die bewegen sich heute wieder im normalen Bereich. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich gestern über 9000 Besucher, davon 7000 aus den USA. Derzeit sieht es so aus, als würde sich der Besucherstand auf die üblichen 1000-2000 Treffer normalisieren.

Und ich mache mich jetzt, zum vierten Mal, an eine Neufassung der nächsten Folge von Dialoge schreiben. Dummerweise wird es nicht um Dialoge selbst gehen, sondern um das, was ich mit der Unterscheidung von Körperräumen und Seelenwelten angedeutet habe. Dazu gab es ziemlich viele Fragen. Und die müssen natürlich beantwortet werden.

21.10.2014

Erstaunlich, die Amerikaner - Besucherzahlen

Ich hatte ja schon alle möglichen Besucher auf meinem Blog und auch Besucher aus aller Welt. Vor etwa drei Jahren hatte ich anderthalb Monate lang eine Kundin aus Australien, die über Christa Wolf gearbeitet hat und die, obwohl sie hervorragend Deutsch sprach, einige Verständnisfragen hatte. Ein Student aus Peru, der gerade Max Frisch gelesen hat, und der mir erzählte, dass die Peruaner Max Frisch lieben würden. Ich habe dergleichen sonst noch nicht erfahren. Er jedenfalls war sehr begeistert und schien ihn auswendig zu kennen.
In den letzten Monaten habe ich zunehmend mehr Besucher aus den USA. Früher waren es sehr wenige, und ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat, aber es war irgendwann in den letzten zwei Jahren, dass ich immer mehr Besucher aus den Vereinigten Staaten angezeigt bekommen habe. In den letzten Wochen bewegte sich diese Zahl zwischen einem Viertel und der Hälfte der deutschen Besucher. 
Heute ist es, sehr erstaunlich, ganz anders: ich habe doppelt so viele Aufrufe aus den USA. Fast 5000 sind es, bei bisher 7000 Besuchern. Ganze 140 aus Frankreich und immerhin doch 60 aus der Russischen Föderation (früher hatte ich viele Besucher aus der Ukraine, derzeit finden sich nur noch ganz selten Gäste von dort ein). Indien ist mit 17, Thailand mit 14 Aufrufen vertreten.
Ich weiß nicht ganz genau, warum gerade an diesem Tag die Besucherzahlen so hochgeschnellt sind. Weder gibt es einen bevorzugten Link, der auf meinen Blog verweist, noch gibt es wirklich ein bevorzugtes Stichwort. Lacan und Cioran sind recht häufig vertreten, aber mit weit unter 100 Suchen in den Suchmaschinen. Auch einzelne Seiten werden nicht besonders präferiert: immer ist es der gesamte Blog.

Nachtrag:
Ich habe jetzt mal Google Analytics zurate gezogen. Dabei habe ich erfahren, dass die mir keine Ergebnisse liefern können, da mein Code auf meiner Website (als meinem Blog) veraltet ist.

20.10.2014

Emil Cioran

Cioran ist ein seltsamer Mensch. Seine Gedanken sind ganz schwarz, ganz hoffnungslos. In gewisser Weise thematisiert er die dunklen Seiten unserer Existenz mit verzweifelnd verbalen Ausfällen. Und es gibt zwar Bezugspunkte in seinem Werk, aber nichts davon scheint positiv zu sein, weder Gott noch das Leben noch die Kunst.
Er schreibt:
Das Leben ist so zart und unheimlich wie der Selbstmord eines Schmetterlings.
in: Gedankendämmerung. in Cioran, Emil: Werke. Frankfurt am Main 2008, 407-606, hier: 436

Lacans vier Diskurse

O. k., ich gebe es zu. Mein letzter Artikel war etwas kurz. Zu kurz, um in ein so komplexes Thema wie den Herrensignifikanten einzuführen (und vor allem: diese Bezeichnung verständlich zu machen). Ich hätte mir mehr Zeit lassen sollen. Das werde ich jetzt nachholen. Ich befürchte, dass dieser Artikel viel zu lang ist, und immer noch zu wenig sagt, um einfach verständlich zu sein. Aber fragt nach. Was jetzt noch nicht klar ist, kann ich in folgenden Artikeln ausführlicher beschreiben.
Worum ging es? Um den Herrensignifikanten und dessen Stellung im Diskurs. Den Herrensignifikanten wollte ich erklären. Die Stellung im Diskurs, so hatte ich geschrieben, wurde nicht bedacht und deshalb habe ich die Erläuterung dazu beigefügt. Das ganze ist recht knapp geschrieben. Und natürlich (ich liebe euch) kamen dann Fragen.

Die strukturale Psychoanalyse

Das Modell ist der strukturale Psychoanalyse Jacques Lacans entnommen. Lacan spielte eine entscheidende Rolle in der Bewegung, die man gemeinhin Strukturalismus nennt. Mir ist bis heute nicht sonderlich klar, ob er nun tatsächlich zu dieser Bewegung gehört oder sich nur fruchtbar mit ihr auseinandergesetzt hat. Zudem sind mir die Abgrenzungen zu anderen Schulen auch nicht sonderlich sicher.
Zum Strukturalismus werden Intellektuelle wie Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Michel Foucault, Louis Althusser oder eben Jacques Lacan gezählt. In den Umkreis gehören dann noch Jacques Derrida, Julia Kristeva, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard und einige andere mehr. Teilweise sind die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Denkern aber so, dass es etwas naiv erscheint, diese zu einer bestimmten Strömung zusammenzufassen.
Jedenfalls war die Psychoanalyse Lacans sehr einflussreich. Als ich mit dem Studium begann, wurde diese in den Seminaren eifrig rezipiert. Und selbstverständlich habe ich mich daran beteiligt. Ich darf an dieser Stelle gestehen, dass ich auch 20 Jahre später immer noch Aufklärungsbedarf habe und keineswegs behaupten möchte, dass ich alles verstanden hätte.

Ein Kommunikationsmodell?

Das, was ich hier vorstellen möchte, könnte man im weitesten Sinne als Modell der Kommunikation bezeichnen. Wir werden aber gleich sehen, dass diese Bezeichnung missverständlich sein könnte. Denn was Lacan hier entworfen hat, ist keineswegs psychologisch zu sehen und auch nicht triebtheoretisch, wie man dies in der Psychoanalyse vermuten könnte, sondern ließe sich am besten als Strukturen des Dialogs bezeichnen, zumindest als Elemente solcher Dialogstrukturen. Damit spielen sie natürlich für die Kommunikation eine wichtige Rolle. (Es wäre hier interessant, die vier Diskurse von Jacques Lacan mit dem Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun zu vergleichen. Das allerdings würde die Fähigkeiten meines blogs komplett überfordern.)

Die Struktur des Diskurses

Das Modell des Diskurses

Schauen wir uns zunächst die grundlegende Struktur eines Diskurses an.
Der Einfachheit halber habe ich dem Modell einen Sender und einen Empfänger hinzugefügt. Diese stehen allerdings in Gänsefüsschen, sind also nur als Hilfsmittel zum Verständnis gemeint. Tatsächlich handelt es sich beim Empfänger um einen Empfänger, den sich der Sender vorstellt, nicht um den realen Empfänger.

Die Spaltung des Sprechers und Empfängers

Wir können zunächst davon ausgehen, dass der Sender eine Aussage macht, und dass der Empfänger (so ist jedenfalls der Wunsch des Senders) diese Aussage empfängt und versteht. Insofern unterscheidet sich das Modell noch nicht von dem Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver. Der eine spricht, und da Sprechen eine Handlung ist, ist er ein Handelnder. Nun spricht er zu dem anderen, denn sonst hätte Sprechen keinen Sinn.
Was Lacan allerdings zusätzlich einführt, ist die Spaltung des Sprechens in eine materielle und in eine ideelle Seite, in einen Signifikanten und ein Signifikat. Gesprochen wird der Signifikant, während das Signifikat verborgen bleibt. Der andere empfängt nun den Signifikant, aber nicht das Signifikat des Sprechers. Er muss sich dieses Signifikat (aufgrund seines Vorwissens) selbst produzieren.

Die Wahrheit

Hier nun findet sich eine Eigentümlichkeit des lacanschen Modells, die man für „zu hoch gegriffen“ halten könnte. Dass der Sprecher handelt und daher als Agens bezeichnet werden kann, kann man noch nachvollziehen. Auch, dass der andere schlicht als anderer bezeichnet wird, ist verständlich. Und dass der andere sich seine Vorstellung selbst machen muss, kann auch den Begriff der Produktion legitimieren.
Wie aber kommt Lacan nun dazu, die Vorstellung des Sprechers als Wahrheit zu bezeichnen? Man könnte dies als eine unerhörte Aufwertung ansehen. Tatsächlich funktioniert aber auch das Gegenteil, nämlich als eine Abwertung der Wahrheit. Sie ist nur eine Vorstellung, aber eine Vorstellung, auf die sich der Sprecher verlässt und die er als Wahrheit ansieht, um überhaupt sprechen zu können.

Zusammenfassung

Agens ist zunächst der, der spricht (wir werden dies gleich noch ein wenig verschieben müssen). Der andere empfängt das Wort. Produktion bezeichnet die Vorstellung, die sich der andere aufgrund des empfangenen Wortes macht. Die Wahrheit ist die Vorstellung, die dem Sprecher ermöglicht zu sprechen (und die, um es noch einmal zu sagen, nicht die gleiche Vorstellung ist, die die Produktion bezeichnet).

Der Relativismus der Strukturen

Unzugänglichkeit der Realität

Bisher haben wir Sender und Empfänger so behandelt, als seien dies reale Menschen, die einander Nachrichten zukommen lassen. Dies ist aber zu dinglich, zu substanzhaft gedacht. Wir müssen relativieren. Natürlich gibt es einen realen Menschen, der spricht, und ebenso einen realen Menschen, der hört. Doch die Lacansche Psychoanalyse basiert darauf, dass die Realität nicht direkt zugänglich ist. Die Menschen schaffen sich ihre „Realität“ über die symbolischen Ordnungen, und diese symbolischen Ordnungen wiederum werden vermittelt über den Dialog, also über den Austausch von Zeichen. So gesehen aber existiert der andere Mensch in dieser symbolischen Ordnung nicht als Realität, sondern nur als eine besondere Form des Symbolischen. Jeglicher Versuch, dieses Symbolische zu leugnen, würde die Möglichkeit, an einer Gemeinschaft teilzuhaben, zunichte machen. Der Mensch, so könnte man sagen, ist dazu verdammt, an einer Ordnung teilzunehmen, die nicht real ist.

Die symbolische Position

Aus diesem Grund ist der Agens nicht der reale Mensch, der spricht, sondern eine symbolische Position, von der aus eine Nachricht gesendet wird. Aus schierer Bequemlichkeit und weil es so gut funktioniert, verwechseln wir die Position des Sprechers mit dem Körper des Menschen. Doch der selbe Körper kann (denken wir zum Beispiel an Schauspieler) in einem sozialen Gefüge unterschiedliche Positionen innehaben. Oder denken wir an den erfolgreichen Mann, der in seiner Firma als Tyrann gilt, zu Hause aber ein liebevoller Vater ist.
Wenn wir uns also um die verschiedenen Formen der Diskurse kümmern, kommt es nicht darauf an, welches Wesen ein Sprecher hat, sondern, welchen Platz er in einer Kommunikation einnimmt. Die vier Positionen des Diskurses entstehen gleichzeitig und in Relation zueinander als Struktur der symbolischen Ordnung, nicht als Realität.
Ich gebe zu, dass das recht kompliziert klingt. Es wird aber gleich deutlicher, wenn wir uns konkreter um die vier verschiedenen Diskurse, die Lacan postuliert, kümmern.

Die vier Terme

Sprechen

Wann beginnt man zu sprechen, wann hört man auf?
Sicherlich: ich treffe einen Menschen und, da ich etwas von ihm will, fange ich ein Gespräch mit ihm an. Wir können also den Beginn des Gesprächs genau datieren. Doch wann beginne ich überhaupt zu sprechen? Wann fängt mein Sprechen als Sprechen-können an?
Zwar kann uns die Entwicldungspsychologie sehr viel darüber sagen, wann Kinder mit dem Sprechen beginnen, in welchen Stufen sie darin reifer und komplexer werden und wie sich dadurch ihre Teilnahme an der Gemeinschaft verändert. Doch all dies meint Lacan nicht, wenn er diese Frage stellt.
Einen Dialog kann ich nur beginnen, wenn ich vorher schon gesprochen habe. Ich brauche dieses Gesprochen-haben, um erneut sprechen zu können. Dabei ist es egal, wie ich die Sprache erlernt habe. Wichtig ist, welchen Platz ich meinem Sprechen einräume, welche Position ich mir für es imaginiere.
In dem Modell oben haben wir eine grundlegende Ordnung gefunden. Doch diese Ordnung bezeichnet noch nicht die imaginäre Position. Für diese brauchen wir eine zweite Gliederung, die wir über die erste legen und die sich zu dieser variabel verhält.
Diese zweite Gliederung besteht aus den vier Elementen: der Herrensignifikant (im Schaubild als S1 bezeichnet), dem Wissen (S2), dem Objekt oder Mehrgenuss (a) und dem Subjekt (durchgestrichenes S).

Das Schaubild

Wir sehen hier das gleiche Modell wie oben, nur um die vier Terme erweitert. Um die vier verschiedenen Diskurse abzubilden, habe ich sie farblich unterschiedlich unterlegt. Blau bezeichnet die Positionen der Terme im Herrendiskurs, orange im hysterischen Diskurs, gelb im Diskurs der Universität und grün im Diskurs der Psychoanalyse.
Bevor wir uns allerdings die Diskurse näher anschauen, müssen wir erst mal klären, was die Terme bedeuten.

Der Herrensignifikant

Der Herrensignifikant ist die Position, von der aus die machtvolle oder grauenhafte Realität in das Sprechen eindringt. Es ist der Ort, von dem aus das Sprechen neu beginnt. Dies allerdings kann sehr unterschiedlich aussehen. Es kann sich zum Beispiel als der Akt eines reinen Willens äußern, der auf alles, was vorher geschehen ist, keine Rücksicht nehmen muss. Er kann als Neuheit oder Bruch auftauchen, als Sensation oder Katastrophe.
In diesem Sinne durchbricht der Herrensignifikant das Gewebe des Sprechens und konstituiert es neu. Und in diesem Sinne ist der Herrensignifikant auch unverständlich, denn er nimmt keine Rücksicht auf das, was vorher gesprochen wurde. Er hat etwas von einer magischen oder hypnotischen Macht.
Die Kurzform des Herrensignifikanten ist die Tautologie, jenes „Ich will, weil ich es so will“. Insofern wird der Herrensignifikant vom Befehlshaber oder Tyrann gesprochen, von jemandem, an dessen überlegene Position man sich gewöhnt hat, die man anerkennt oder vor der man sich fürchtet.

Das Wissen

Im Gegensatz dazu ist das Wissen untereinander vernetzt und steht in Relation zueinander. Es gibt hier kein erstes und vorgängiges Wissen. Ohne den Herrensignifikanten wäre es ungeordnet. Beliebige Aussagen könnten nebeneinanderstehen und ebenso beliebige Handlungen.
Betrachten wir ein Gespräch, dann ist dieses nach Themen geordnet. Manchmal werden diese Themen von jemandem vorgegeben, manchmal entstehen diese und je nachdem kann man den Herrensignifikanten, dem, der dieses Feld strukturiert, an einem einzelnen Subjekt festmachen oder an einem diffusen „Subjekt“ im Hintergrund.

Das Objekt a

Dieses Objekt ist das Reale, das ich mir imaginiere. Dies ist natürlich ein Widerspruch, ein Paradox. Damit ist es, logisch gesehen, dem Herrensignifikant komplett entgegengesetzt, da dieser auf einer Tautologie beruht. Die Tautologie spricht: x = x. Das Paradox dagegen sagt: x ≠ x.
Doch wiederum ist das nicht ganz so einfach. Denn nur von außen sieht das Objekt a wie ein Paradox aus. Im Diskurs ist es gerade eine Realität, bzw. wird wie eine Realität behandelt.

Das Subjekt

Normalerweise bezeichnen wir mit dem Subjekt einen handelnden Menschen. Bei Lacan ist diese Position allerdings nicht fassbar. Weder hat ein Mensch von sich selbst noch von einem anderen Menschen ein umfassendes Bild. Deshalb ist das Kürzel für das Subjekt auch das durchgestrichene S, eine Position, von der aus das Sprechen möglich ist, die aber nicht das Sprechen ist. Nur unter bestimmten Umständen fällt das Subjekt mit dem Herrensignifikanten zusammen. In gewissem Sinne ist dieses Subjekt das, was etwas begehrt, was etwas will, und damit eine Position, der etwas fehlt. In diesem Sinne ist es ein Mangel.

Zusammenfassung

Auf den symbolischen Positionen lassen sich vier Terme nieder. Dies sind der Herrensignifikant, der das Sprechen ordnet, das Wissen, das untereinander vernetzt ist, das Objekt, das ein Stück imaginierte Realität darstellt und das Subjekt, der eine Position des Begehrens und des Mangels bezeichnet.
Das alles klingt nun wiederum recht kompliziert, noch komplizierter, als unser erstes, grundlegendes Modell schon war. Es wird jedoch deutlicher, wenn man sich die vier Diskurse ansieht.

Die vier Diskurse

Der Diskurs der Universität

Beim letzten Mal hatte ich mit dem Herrendiskurs angefangen. Tatsächlich lässt sich hier keiner der Diskurse bevorzugen und man kann ebenso gut mit einem anderen Diskurs beginnen.
Der universitäre Diskurs (gelb) spricht zu den Phänomenen, die er untersucht. Der Empfänger, so könnte man sagen, will besprochen werden, empfängt die Aussagen des Senders und begehrt erkannt zu sein.
Deshalb sieht Lacan das Wissen, also die ungeordneten Aussagen, auf der Position des Agens. Und das ist natürlich richtig: der Wissenschaftler trifft Aussagen und diese Aussagen beziehen sich nicht auf andere Menschen, sondern auf eine "Realität". Die Feinheit ist, dass Lacan diese Realität an die Position des anderen setzt, es sich aber um eine imaginierte Realität handelt.
Damit ist auch klar, warum diese Modelle nicht wirklich Modelle der Kommunikation sind, sondern eher Raster, die die Grundlage für die Ordnung eines Sprechens bieten. Man könnte deshalb auch sagen, dass der „Wissenschaftler“ sich vorstellt, dass das Objekt erkannt sein möchte, obwohl er dadurch, dass er es sich so vorstellt, als solches erst erschafft. Mit anderen Worten: der Wissenschaftler stellt das Objekt seines Unwissens her.
Auch die Position des Herrensignifikanten in der Vorstellung des Sprechers ist damit deutlich. Der Wissenschaftler nimmt eine Position ein, in der er sich ein Stück Realität vorstellt, um dieses dann zu untersuchen. Er bildet zum Beispiel Hypothesen, warum ein bestimmtes Ökosystem so funktioniert, wie es funktioniert. Und anhand dieser Hypothesen strukturiert er seine weiteren Forschungen und seine Aussagen. Die Hypothese ist also, insoweit sie strukturierend ist, ein wundervolles Beispiel für einen Herrensignifikanten.

Der Herrendiskurs

Im Herrendiskurs (blau) behauptet der Sprecher die Realität seiner Aussagen. Es ist ein Sprechen, das Tatsachen setzt, egal, wie begründet diese sind. Es legt Tatsachen fest, beendet und beginnt soziale Prozesse und strukturiert diese.
Während der Diskurs der Universität den Herrensignifikanten auf dem Platz der Wahrheit sieht, von dem aus die Aussagen im Agens strukturiert werden, sodass die Ordnung und die Aussagen im Sender zusammenfallen, steht der Herrensignifikant im Herrendiskurs auf dem Platz des Agens, strukturiert aber die Aussagen des anderen.
Im Herrendiskurs ist die imaginierte Realität das, was hergestellt werden muss. Sie ist zum Beispiel die Vorstellung des anderen, wie ein Sachverhalt verlaufen ist. Und insofern der Herrensignifikant dies zu ordnen sucht, ist hier auch der Platz für die Manipulation, die Täuschung, dem Zwang und dem Befehl zu suchen. Der Sender möchte, dass der Empfänger eine gewisse Vorstellung von der Realität hat und diese Realität, die Realität des Herren, anerkennt.
Es ist übrigens eine Feinheit, dass mit dem Wort Herr keineswegs ein bestimmtes Geschlecht gemeint ist. Gerade im Moment kann man häufiger wütende Attacken auf den Feminismus lesen, die dem Feminismus vorwerfen, genau eine solche manipulative Einstellung zur Wirklichkeit zu besitzen. Tatsächlich kann dieser Vorwurf nicht vollständig abgewiesen werden. Denn "der" Feminismus kann, wie alle Symbole, natürlich auf verschiedenen Plätzen dieses Modells gefunden werden. Dazu gehört auch, dass der Feminismus ein Herrensignifikant sein kann, der im Diskurs auf dem Platz des Agens sitzt. (Doch dies ist keineswegs die einzige Möglichkeit, sich um den Feminismus zu kümmern.)

Die imaginierte Realität

Auch hier müssen wir darauf zurückkommen, dass das, was wir hier als Vorstellung des Empfängers bezeichnen, keineswegs die „wirkliche“ Vorstellung eines „wirklichen“ Empfängers ist. Im Herrendiskurs sitzt das Objekt, der Mehrgenuss, als das, was von den Aussagen (S2) verborgen wird, sodass der Sender sich nie sicher sein kann, ob er das erreicht, was er erreichen möchte. Er kann beständig unterstellen, dass der Empfänger zwar seine Aussagen so ordnet, wie der Sender das möchte, aber heimlich ganz andere Vorstellungen im Kopf hat.
Insofern ist der Sender im schlimmsten Falle paranoid, riecht überall Verschwörungen und gleitet so nach und nach in die Position des hysterischen Diskurses. Stalin war ein solcher Mensch, ein Machtmensch, der sich darauf verlassen hat, zunächst, dass er seine Vorstellungen durchsetzen kann und diese von den anderen anerkannt werden. Doch recht früh haben sich hier Probleme ergeben. Sein System wollte nicht so, wie er es gerne gehabt hätte. In den dreißiger Jahren hat Stalin deshalb ein Kontroll- und Überwachungssystem aufgebaut, dass alle Dissidenten in Angst und Schrecken versetzt hat, dass die Konzentrationslager in Sibirien gefüllt und die unliebsamen Schriften verboten hat (bis hin zu dem völlig irrwitzigen Verbot des Dostojewskij-Buches von Bachtin).

Konflikte, zum Beispiel: Eifersucht

Zumindest aber können wir jetzt feststellen, dass eine Diskursform nicht konfliktlos beantwortet werden muss. Um hier ein persönliches Beispiel zu geben: meine Exfrau ist unglaublich eifersüchtig gewesen; sie war eifersüchtig auf jeden Freund und auf jede Freundin, eifersüchtig darauf, dass ich Bücher „einfach so“ lesen konnte, eifersüchtig auf meine „reiche“ Familie (unbesehen von der Tatsache, dass ich selbst nicht reich bin). Die Eifersucht schwankt zwischen dem hysterischen und dem Herrendiskurs hin und her. Mal unterstellt sie dem anderen, eine Wahrheit und eine Ordnung zu verbergen, über die die Eifersucht keine Macht hat, die aber die Eifersucht genießt: so, wie meine Exfrau mir ständig unterstellt hat, ich wolle sie eifersüchtig machen. Dann wiederum versucht sie, den anderen zum Sprechen zu bringen, sich auf bestimmte Aussagen festzulegen, die die Eifersucht vorgegeben hat.
Wie ihr vielleicht vermuten könnt, konnte ich weder die eine noch die andere Form des Diskurses adäquat beantworten. Ich kann mit der Eifersucht nichts anfangen. Das ist ein Gefühl, für das ich wohl vollständig "blind" bin. Aber zumindest fand ich sie „interessant“. Und ihr dürft jetzt vermuten, und zwar richtig vermuten, dass dies nicht zu mehr Verständnis geführt hat. Es ist wohl nie günstig, eine Mischung aus Dogmatismus und Hysterie mit der Idee zu beantworten, dass erforschenswert wäre, was dort genau dahintersteckt.

Der Diskurs der Hysterie

Im letzten Artikel hatte ich den hysterischen Diskurs (orange) mit der Aussage zusammengefasst: Sag, dass es wahr ist, gestehe endlich!
Nun könnte man dies leicht mit dem Herrendiskurs verwechseln. Denn zunächst hört sich das ganze so an, als würde der Hysteriker Befehle erteilen. Und rein linguistisch gesehen macht er das eventuell auch. Ein Befehl ist jedoch noch nicht die Ordnung des Diskurses. Vielmehr verlässt sich der hysterische Diskurs darauf, dass der Sender (der Hysteriker) eine Vorstellung besitzt, die für den Empfänger attraktiv ist und von der er glaubt, dass der andere danach seine Wünsche ausrichtet, seine ganze Welt. Der Hysteriker imaginiert sich zum Beispiel eine heimliche, uneingestandene Verehrung. Und der Hysteriker ist insofern außer sich, als er die Ordnung des gesamten Diskurses beim anderen sucht, nicht bei sich selbst.
Will man den Herrendiskurs und den Diskurs der Hysterie in seinen extremen Fällen unterscheiden, dann ist der Despotismus des Herrendiskurses aktiv, eine Form der Durchsetzung, die den anderen so herstellen möchte, wie sich dies der Sprecher vorstellt, während der Despotismus des hysterischen Diskurses als reaktiv empfunden wird, der den anderen zwingen möchte, sein wahrhaftes Inneres zu zeigen, um seine Ordnung zu empfangen.
Der Hysteriker jedenfalls ging davon aus, dass er selbst etwas besitzt, was der andere genießen kann, dass er einen Wert aufbewahrt, der für den anderen attraktiv ist.

Der Diskurs der Psychoanalyse

Dies ist vielleicht der seltsamste Diskurs, den Lacan präsentiert (grün). Die imaginierte Realität ist, dass der Sender spricht, wenn er spricht, während der Empfänger im Sprechen als Subjekt erscheint, und zwar als ein Subjekt, dem es fortlaufend mangelt und der deshalb ständig weiter sprechen muss. Der lacanianische Psychoanalytiker stellt sich also vor, dass sein Klient zu ihm gekommen ist, um ihn sprechen zu hören. Doch der Psychoanalytiker weiß auch, dass er nur Wissen besitzt, aber keinen Herrensignifikanten. Dieser Herrensignifikant ist das, was der psychoanalytische Diskurs erst herstellen muss. So ist die Rede, die auf der Couch des Psychoanalytikers stattfindet, ungeordnet und mangelhaft, weil der Psychoanalytiker zwar etwas weiß, aber in der falschen Ordnung und womöglich genauso ungeordnet wie die Rede seines Klienten.
Indem der Psychoanalytiker sich also verweigert, dem Klienten einen Herrensignifikanten vorzusetzen, indem er sich also dem Herrendiskurs verweigert, weswegen der Klient zu ihm gekommen ist, veranlasst er den Klienten, sich ganz den Impulsen seiner Vorstellung zu überlassen, etwas, was Freud als freie Assoziation bezeichnet hat.
Der Psychoanalytiker weiß also, dass sein Wissen die Wahrheit ist, dass er aber die Ordnung dieser Wahrheit aus der Produktion des anderen empfängt, weshalb sich der psychoanalytische Diskurs an der „mangelhaften“ Rede des Klienten anschmiegt, um genau jene innere Ordnung erscheinen zu lassen, die der Psychoanalytiker nicht besitzt und die der Klient nicht kennt.

Die Ordnung ist der Mangel

Der psychoanalytische Diskurs ist ein Diskurs, der ständig scheitert. Denn natürlich kann sich auch der lacanianische Psychoanalytiker nicht vollständig dem Sprechen verweigern. An den Rändern seines Schweigens entsteht der Glaube, dass der Psychoanalytiker die Wahrheit in sich verbirgt. Gestehe, wird hier der Klient auf die eine oder andere Weise rufen, gestehe, dass du die Wahrheit besitzt, gestehe, dass du, der Psychoanalytiker, etwas haben willst, was ich in mir verberge. Der Klient wird also den Diskurs der Psychoanalyse durch seine Hysterie beantworten und er wird seinen Herrensignifikanten mit dem Mehrgenuss verwechseln. Und er hat nicht ganz unrecht, denn, so weit ich Lacan verstanden habe, will der Psychoanalytiker, dass der Klient von sich aus spricht, von seiner Ordnung aus. Nur ist eben das, wo die Psychoanalyse hin will, die Ordnung des Symbolischen und nicht eine imaginierte Realität.

Sprechen ohne Ende

Vielleicht mag der eine oder andere, der in der lacanianische Psychoanalyse wirklich bewandert ist, mir unter die Arme greifen. Mir jedenfalls geht es jetzt, am Ende dieses Artikels, so, dass sich mir wieder tausend Fragen gestellt haben, die ich gerne beantwortet haben würde.
Ein wenig ist das auch mein Fehler, vieles auch den Umständen meines Lebens geschuldet. In den letzten zehn Jahren habe ich mich viel mit Theorien beschäftigt und beschäftigen müssen. In den seltensten Fällen allerdings gab es Berührungspunkte zu Jacques Lacan und diese waren äußerst flüchtig.
An der Universität, ich sagte es bereits, habe ich meine Auseinandersetzung mit Lacan als sehr laienhaft empfunden. Und von dort her kam der Wunsch, mich mit ihr auf jeden Fall noch einmal intensiver auseinanderzusetzen. Das dürfte mir insofern auch nicht schwer fallen, als ich doch einige der Vorlesungen und die Schriften besitze, dazu zahlreiche Sekundärliteratur.

19.10.2014

Xavier Naidoo und der Herrensignifikant

Was denn, bitte schön, ein Herrensignifikant sei, wurde gestern gefragt, auf Facebook. Ursache dieser Frage war ein Posting von Zoe Beck, ein Artikel aus der ZEIT zu den jüngsten Ergüssen von Xavier Naidoo. 

Xavier Naidoo

Ich gebe zu, dass ich Naidoo noch nie habe leiden können. Mir läuft schon ein Schauder über den Rücken, wenn ich seine nölige Stimme höre. Damals, als er seine ersten Erfolge feierte, mit einem Lied, das ich hervorragend verdrängt habe, bin ich auf einiges Unverständnis gestoßen. Ich hatte aber schon immer das Gefühl, dass hinter dieser blauäugigen Glückseligkeit ein sehr schwaches Denken, ein konfliktloses und nicht-dialogisches Denken steckt. 

Dinghafte Systeme

Heute könnte man dies leicht als Anbiederung verstehen. Es gibt weiterhin keine Tiefe, keine Schärfe. Naidoo spricht von dem System, in vollster Überzeugung, dass es dieses System als eine Art Objekt gibt, ein widerwärtiges und ekelhaftes System, eine Art Monster aus einem Horrorfilm, ein Parasit, der sich, ähnlich wie in Alien, im Körper des Menschen einnistet, und aus diesem hervorbricht und ihn tötet. Es war schon immer das Zeichen politischer Paranoiker, an ein solches dinghaftes System zu glauben. Dass diese politische Meinung gefährlich ist, hängt nicht von Inhalten ab. Es spielte keine Rolle, ob man sich auf die deutschen Wurzeln oder den weltweiten Sozialismus bezieht. Es ist eine Struktur, die solche Wörter in den Abgrund reißt. Und deshalb ist die Systemkritik selbstverständlich auch keine Systemkritik, sondern reiner Wahn. 

Nils Markwardt

Dementsprechend schreibt Markwardt in der Zeit:
Was heute Systemkritik heißt, ist oft kaum mehr als eine organisierte Deckverweigerung.
Er zählt auf: Reichsbürger, Montagsdemonstranten, NPD und eben Xavier Naidoo. Ich könnte hier noch einige ganz andere Beispiele geben. Denn der nur scheinhaften Systemkritik stehen natürlich all diejenigen gegenüber, die jegliche Systemkritik im Keim ersticken wollen.
Markwardt zitiert dann den Philosophen Slavoj Zizek und folgert, dass es kaum eine bessere Möglichkeit gäbe, den Begriff der Systemkritik nachhaltig zu diskreditieren, als mit solchen Menschen wie Xavier Naidoo. Wollte man die Kritik am System unterbinden, müsse man sich solche Menschen wie Naidoo ausdenken (falls es sie noch nicht gäbe). 

Der Platz des Herrensignifikants

Hier fällt auch der Begriff des Herrensignifikants. Der Autor führt ihn leider nicht aus und so bleibt er missverständlich, auch wenn er ihn der Hysterie zugeordnet. Die Montagsdemonstrationen seien „das exakte Gegenteil von Systemkritik. Was dort geboten wird, ist vielmehr hysterisches Desinteresse am Realen, eine organisierte Verweigerung des Denkens.“
Markwardt unterschlägt hier, was notwendig zur Bestimmung des Herrensignifikants dazu gehört, nämlich die Art des Diskurses, und damit den Platz des Herrensignifikanten. Laut Lacan gibt es vier Arten von Diskursen, den Diskurs des Herrn, den Diskurs der Hysterie, den Diskurs der Universität und den Diskurs der Psychoanalyse. Richtig ist allerdings, dass Naidoo den Herrensignifikant im Diskurs der Hysterie gebraucht. 

Das Zeichen

Der Signifikant ist Teil eines Zeichens und bezeichnet zunächst die materielle Seite des Zeichens, also das geschriebene oder gesprochene Wort. Die andere Seite des Zeichens ist die Vorstellung, die wir uns bezüglich des Signifikants machen; diese nennt sich Signifikat. Nun ist es nicht ganz so einfach mit dieser Einteilung. Doch das soll uns an dieser Stelle nicht interessieren.
Der Signifikant ist, und hier steckt das Problem, immer nur Teil eines Zeichens. Das Signifikat ist, sofern ich nicht selber das Zeichen produziere, mir entzogen. Wenn also jemand ein Wort äußert, sagen wir zum Beispiel das Wort „Baum“, dann kann ich mir zu diesem Wort meine eigene Vorstellung machen. Die Vorstellung, die der andere zu diesem Wort hat, bleibt mir allerdings entzogen. (Dazu ausführlicher: Zeichen und Witze)

Der Herrensignifikant

So gesehen gäbe es in der Sprache ein ewiges Gleiten. Nichts böte dem Sprechen Halt. Nun gibt es in der Sprachphilosophie zahlreiche Bezeichnungen dafür, dass wir uns beim Sprechen auf scheinbare Realitäten stützen. Dies wird mal als Gewissheit, mal als Präsupposition, mal als geheimen Glaubensüberzeugung, und ähnlichem mehr bezeichnet.
Bei Lacan trägt dies nun den Namen Herrensignifikant. Der Herrensignifikant ist der Ort, von dem aus unser Sprechen real wird und nicht einfach nur leeres Gefasel ist. Es ist natürlich klar, dass dieser Ort imaginär ist. Es gibt nicht diesen privilegierten Platz, von dem aus die Wahrheit und die Realität zusammenfallen. Trotzdem muss sich ein Diskurs strukturieren. Der Herrensignifikant ist ein Teil dieser Struktur. Man kann ihn nicht entkommen, in keiner der vier Diskursarten. 

Der Diskurs

Ich folge der Darstellung Peter Widmers, der zunächst den Diskurs des Herren darstellt. Das liegt daran, dass dieser am einfachsten zu begreifen ist, weil er eine narzisstische Position darstellt, die wir in der Entwicklung unseres Denkens alle durchlaufen haben.
Ein Diskurs ist, laut Lacan, aus vier Elementen aufgebaut. Es gibt einen Handelnden, einen anderen (vereinfacht ausgedrückt: einen anderen Menschen), ein Produkt und die Wahrheit. Der Handelnde ist an die Wahrheit gekoppelt, bzw., genauer gesagt, bilden das Subjekt der Handlung und die Wahrheit ein Zeichen; diese wiederum verweisen auf ein anderes Zeichen, dass aus einem anderen und der Produktion besteht.
Wir können uns das ganz plastisch vorstellen: ich sage etwas, weil ich etwas weiß; damit wende ich mich an einen anderen, bei dem nun dieses Wissen auch erzeugt wird. Das, was ich weiß, ist die Wahrheit (das Wissen nimmt genau diesen Platz ein, dass es die Wahrheit ist). Und indem ich mein Wissen ausspreche, weiß es auch der andere und ist nun ebenfalls im Besitz meiner Wahrheit.
Das allerdings ist ein Phantasma. Denn wenn ich meine Vorstellung ausspreche, kann ich diese nur als Worte aussprechen. Und selbstverständlich macht der andere sich seine Vorstellungen. Aber er macht sie nur in seinem Kopf und kann sie mir nicht direkt präsentieren. Und insofern meine ich nur die Wahrheit auszusprechen und verlasse mich nur darauf, dass der andere nun die Wahrheit kennt. 

Der Diskurs des Herren

Dies ist dann auch ungefähr der Diskurs des Herrn. Der Herr ist davon überzeugt, dass er die Wahrheit kennt. Aber diese Wahrheit nützt ihm nichts, wenn er sie nicht mitteilen kann. Er ist also wesentlich davon abhängig, dass auch andere Menschen diese Wahrheit anerkennen. So ist der Diskurs des Herren davon geprägt, die Wahrheit zu sagen und durchzusetzen.
Allerdings treibt das den Herren in eine unmögliche Position. Erstens weiß er nicht, welche Vorstellungen sich der andere von dieser Wahrheit macht. Und zweitens ist er darauf angewiesen, dass der andere seine Position als Herren anerkennt. Denn grundsätzlich ist die Struktur zwischen dem Sprechenden und dem anderen dialogisch und nicht vom Wissen und der Wahrheit geprägt. Erst wenn der Sprechende zugleich der Meistersignifikant ist und die Wahrheit besitzt, erhält der Dialog die Struktur eines Herrendiskurses. 

Der hysterische Diskurs

Im hysterischen Diskurs, jenem, den Naidoo pflegt, verschieben sich die Positionen von Wissen, Subjekt und Meistersignifikant. Der Sprechende spricht nun nicht mehr als Besitzer des Wissens. Er spricht als Subjekt, das begehrt werden möchte, als ein Subjekt, das einen „Mehrgenuss“ in sich birgt. Und er spricht einen anderen an, der den Meistersignifikanten darstellt und das Wissen herstellt.
Diese Struktur ist etwas komplizierter. Der hysterische Mensch, so glaubt er jedenfalls, besitzt etwas, was dem anderen einen Genuss verschafft. Aber dieser andere ist mehr mit dem Realen verwoben als er - der Hysteriker - selbst. Und so muss der Hysteriker den anderen dazu bringen, sein Wissen preiszugeben, damit dieses „Ding“ des Mehrgenusses real wird. Sag, dass es wahr ist, gestehe endlich!, so spricht der Hysteriker den "Besitzer" der "Realen" an. 

Systemkritik als Hysterie

Will man diesen Ausführungen Glauben schenken, dann beschwört der hysterische Systemkritiker den machtvollen anderen als den Besitzer des Wissens. Zugleich aber verspricht er diesem anderen die Wahrheit, die nicht in einem Wissen, sondern in einem Genuss besteht.
Die Gefahr einer solchen Systemkritik ist allerdings, dass der Hysteriker von vornherein das Wissen des anderen anerkennt, um seinen eigenen Genuss einbringen zu können. Er ist dem Herrendiskurs nicht entgegengesetzt, sondern kooperiert mit diesem. Und genau das meint dann auch der Autor des Artikels, Nils Markwardt, im Anschluss an Slavoj Zizek, dass es den „Agenten des Systems“ nur recht sein, dass solche Menschen wie Naidoo existieren. Denn vom Agenten des Systems (falls es diese überhaupt gibt) aus gesehen ist die Anerkennung des Herrensignifikanten notwendig. Und hier ist es dann egal, ob der Hysteriker gehorcht, oder diesem eine endlose Flut von Klagen und von Missgunst zukommen lässt. Das sind nur inhaltliche, aber keine strukturellen Erschütterungen.

Literatur
Widmer, Peter: Subversion des Begehrens. Wien 1997

Schizoanalyse und Rhizom

Nebenbei habe ich ein kleines Büchlein entdeckt, das ich begonnen haben, durchzukommentieren. Es heißt Die Schizoanalyse von Félix Guattari und Gilles Deleuze; Autor ist Arnim Thakkar-Scholz. Ich habe etwa ein Drittel geschafft. Gestern. Wenn der Rest der Schrift genauso intensiv geschrieben ist, dann ist es tatsächlich ein hervorragendes Büchlein. In den großen Monographien zu Gilles Deleuze vermisse ich immer die Bezüge zu der Logik. Zu rasch greifen mir die Autoren auf eine Gesellschaftskritik über, die sie angeblich in den Werken von Deleuze finden. Doch wie immer kann man Methode und Ergebnis nicht trennen und wenn die Methode außen vor gelassen wird, sind die Ergebnisse wenig verständlich. Der Versuch, Deleuze in die Reihe marxistischer Denker einzuordnen, ist auf einer solchen Fehlleistung begründet. Sicherlich ist er ein radikaler Denker, insofern man radikal nicht in die Nähe von einem Linksradikalismus rückt.
Thakkar-Scholz nun schafft es, diese methodischen Bezüge deutlicher herauszuarbeiten. Es war ein Zufallsfund, der mir dieses Buch auf meinen Schreibtisch gespült hat, Treibholz eines Bibliotheksbesuchs. Womit dann aber auch die Werke von Deleuze selbst wieder auf meine Liste gelandet sind. Ich habe diesen fantastischen Denker seit Jahren nicht mehr gelesen.

Mittlere Katastrophen

Biografien reihen kleine, mittlere und große Katastrophen aneinander. Das ist allgemein bekannt. Die kleinen Katastrophen nennt man Anekdoten, die mittleren Alltagssorgen. Es ist dann wohl ein Zeichen der Individualität, dass die eigenen Alltagssorgen von anderen Menschen nicht nachempfunden werden können. Zum Beispiel: Ich!
Nun habe ich den ganzen Tag etwas nachgeholt, was ich in den letzten Monaten sträflich vernachlässigt habe. Ich habe mal wieder meine ganzen Notizen vorgenommen und diese in meinen Zettelkasten übertragen. Doch natürlich sind dies nicht die ganzen Notizen gewesen, sondern lediglich ein kleiner Teil. 300 habe ich heute geschafft. Zum Teil musste ich diese aber ergänzen, weil mir einfach noch bestimmte Aspekte aufgefallen sind.
Unter den Notizen, die in meinem Zettelkasten gewandert sind, gehören einige zu Nietzsche. Diese sind schon relativ alt. Während meiner Auseinandersetzung mit dem Homo Faber (Max Frisch) habe ich nach weiblichen Sagengestalten gesucht und bin unter anderem über die Sphinx, ihre Schwestern, Helena, Lorelei, und einige andere zu Nietzsche und diversen anderen Autoren gekommen. Hauptsächlich aber war es Nietzsche. Alte Notizen zu Homo Faber habe ich ergänzt. Dann wollte ich mal etwas zu Max Raphael und Kant schreiben, was daran gescheitert ist, dass ich meine Notizen zu Kant immer noch nicht in meinen Zettelkasten eingearbeitet habe. Schließlich habe ich mich, und da bin ich gerade dabei, mit einer Biografie zu Christa Wolf ausführlich beschäftigt. Das werde ich wohl morgen (eigentlich heute, denn es ist bereits 5:00 Uhr) weiterführen.

Eine meiner wichtigsten Beschäftigungen in den letzten Monaten waren meine Aufzeichnungen über „meine“ Schüler. Diese werden natürlich nicht direkt auf meinen Blog veröffentlicht. Wenn, dann nur über Themen. Da bin ich mittlerweile auch ziemlich empfindlich, denn wenn ich von meiner Exfrau eine Sache gelernt haben, dann die, dass das Geschwätz hinter dem Rücken eines anderen Menschen ziemlich widerlich ist, sei es positiv, sei es negativ. Und dasselbe gilt natürlich auch für die Schüler, die ein Recht darauf haben, dass ich mich mit ihnen auseinandersetzen und nicht mit irgendjemandem, den sie gar nicht kennen.

Wie ich also diese Notizen einbringen werden, weiß ich noch nicht. Für mich sind es sehr wichtige Aufzeichnungen, vielleicht die wichtigsten, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.

17.10.2014

Dialoge schreiben: Motive und Konflikte im Dialog

In dem letzten Artikel über das Schreiben von Dialogen sind wir zwei "Umwege" gegangen: einmal habe ich sehr grob die Textmuster in drei "Familien" eingeteilt: die Beschreibung, die Schilderung und den Dialog. Diese Trennung werden wir in diesem Artikel noch einmal genauer betrachten. Sie ist einfach, geradezu banal. Wir kennen diese seit früher Kindheit und nutzen sie selbstverständlich. Allerdings hilft es, sich diese noch einmal ganz genau ins Bewusstsein zu führen.
Dann hatte ich einen anderen Aspekt eingeführt, der sich auf meinen vor Jahren "erfundenen" Begriff der Verortung (zuerst hieß der Trivialisieren) stützt und diesen weiterführt. Ich meine das Zusammenspiel von Körperräumen und Seelenwelten. Das Zusammenspiel zwischen Beschreibung/Schilderung und Körperraum/Seelenwelt hatte ich allerdings noch nicht beschrieben. Dies hole ich jetzt nach. Zudem werden wir einen Schritt weiter gehen und die Seelenwelten im Dialog betrachten, also, schlichter gesagt, wie sich Motive im Dialog ausdrücken.

Dialoge und Wünsche

In dem Artikel über den Spannungsaufbau hatte ich eine Formel für die Motivation gegeben. Und immer wieder bin ich, nicht nur in dieser Serie, darauf eingegangen, dass Figuren wirklich etwas wollen müssen, damit man als Autor konkrete, zusammenhängende Handlungen beschreiben kann.
Doch es ist natürlich klar, dass solche konkreten Handlungen nicht nur ein Motiv brauchen, sondern auch Räume, in denen diese Handlungen ausgeführt werden. Dies hatte ich dann in der letzten Folge mit den Begriffen Körperräume und Seelenwelten beschrieben. Hier sind zwei wichtige Fragen gestellt worden, die ich, um die ganze Sache zu präzisieren, noch einmal beantworten möchte:

1) Kann man denn den Körperraum und die Seelenwelt voneinander trennen? - Nein! Das kann man nicht. Handlungen, darum geht es uns ja in Erzählungen, verbinden den Körperraum und die Seelenwelt miteinander. Eine Handlung braucht immer ein konkretes Material. Aber eine Handlung kommt nicht zustande, wenn es keine Welt gibt, in der ein Mensch etwas will. Eine andere Frage ist, ob man die Seelenwelt immer beschreiben muss. In der Ich-Erzählsituation kommt man natürlich nicht darum herum, weil der Erzähler zugleich eine Figur ist, meist der Protagonist der Geschichte. Für die personale Erzählsituation muss das aber nicht gelten. Man muss diese Seelenwelt nicht beschreiben. Trotzdem sollte man sie als Autor im Kopf haben, weil selbst eine Figur, die man nur äußerlich beschreibt und deren Innenleben nie direkt angesprochen wird, durch ein solches Innenleben mehr Kohärenz, mehr Glaubwürdigkeit bekommt.

2) Müssen die Figuren immer ein starkes Bedürfnis haben? - Nun kommt es darauf an, was man unter einem starken Bedürfnis versteht. Ein starkes Bedürfnis ist ein Bedürfnis, das hartnäckig existiert und meist nicht durch gewöhnliche Handlungen befriedigt werden kann. Das allerdings ist auch wieder von der Geschichte abhängig. Normalerweise rechnen wir den Hunger nicht zu einem solchen starken Bedürfnis. Nehmen wir aber an, der Held lebt in einer Dystopie, in der ein Großteil der Erdoberfläche in eine Wüste verwandelt worden ist, dann ist das Auffinden von Nahrung tatsächlich ein großes Problem und die Befriedigung des Hungers ein großes Bedürfnis.
Hier stellt sich dann tatsächlich wieder einmal das Problem, inwiefern der Autor die Bedürfnisse seiner Protagonisten plausibel machen kann. Und dann muss man ganz anders formulieren: ein starkes Bedürfnis ist ein Bedürfnis, dessen Stärke, bzw. Wichtigkeit, vom Autor plausibel gemacht werden kann. Es kommt also gar nicht darauf an, ob dieses Bedürfnis für uns wichtig ist, sondern ob wir nachvollziehen können, dass dieses Bedürfnis für den Protagonisten eine besonders wichtige Rolle spielt.

Der physikalische Raum

Kehren wir zunächst zu unseren beiden Textmustern zurück, die außerhalb des Dialogs bestehen.
Beschreibungen sind statisch. Ihnen fehlt die Zeit. Damit fehlt ihnen aber auch eine Figur, die in dieser Welt handelt. Eine solche Figur besteht zunächst aus einem Körper, der den Raum in irgendeiner Weise zu Handlungen nutzt.
Um Handlungen zu beschreiben, brauchen wir also die Zeit. Und das allgemeine Textmuster, in dem zeitliche Vorgänge geschildert werden, ist die Schilderung. Schilderungen müssen nicht Menschen betreffen. Man kann die Geburt des Universums schildern, die Vorgänge bei einem Experiment oder das Wachstum einer Feuerbohne. In einer Erzählung allerdings haben wir es meist mit Schilderungen zu tun, die einen Menschen oder ein menschenähnliches Wesen betreffen.
Zunächst braucht eine Schilderung einen physikalischen Raum. Und dann braucht sie einen Körper, der irgendetwas in diesem Raum macht. 

Der emotionale Raum

Wie ich bereits oben geschrieben habe kommen solche Handlungen nur dann zu einem sinnvollen Ganzen, wenn sie von einem Bedürfnis motiviert und durch ein Motiv geordnet werden. Die Heldin hat zum Beispiel Sehnsucht nach ihrer Mutter und dadurch werden ihre Handlungen, die Suche nach der Mutter und die Reise zu ihr, durch ein Motiv strukturiert.
Nun ist die Frage, wie solche Motive ausgewählt werden. Dies geschieht durch Emotionen. Das, was wir mit positiven Emotionen besetzt haben, wollen wir; und das, was wir mit negativen Emotionen besetzt haben, möchten wir vermeiden. Ich mag nun diese Attribute positiv/negativ nicht sonderlich, da auch die negativen Emotionen eine wichtige Rolle in unserem Leben spielen. Deshalb nenne ich die einen Emotionen gerne Hin-zu-Emotionen, die anderen Weg-von-Emotionen.
Wie auch immer aber man das psychologisch fassen möchte: Neben dem physikalischen Raum existiert für uns ein emotionaler Raum, der sich ganz anders als der physikalische Raum strukturiert. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Seelenwelt.

Die Verhandlung von Wünschen

Nun gibt es noch eine andere Möglichkeit, als dass sich nur der physikalische mit dem emotionalen Raum berührt. Genauso gut können zwei Seelenwelten aufeinandertreffen, sprich, zwei Menschen. Dann entsteht ein Dialog. Ein Dialog muss übrigens nicht verbal sein. Dialoge entstehen dann, wenn man die Reaktionen eines anderen Menschen berücksichtigt.
In den Dialogen, zumindest bei Stephen King ist das so, werden eigentlich immer Wünsche verhandelt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil dies nur ein anderer Ausdruck für Motive ist. Und da wir uns viele Wünsche nicht ohne das Zutun anderer erfüllen können (damit ich ins Kino gehen kann, muss erst mal jemand dieses Kino bauen), werden solche Wünsche vor allem in Dialogen verhandelt. Das ist übrigens nicht nur in Erzählungen so. Der russische Psychologe Lew Wygotski hat einmal geschrieben: »Ursprünglich war jede höhere [psychische] Funktion von [.] zwei Menschen geteilt, sie war ein gemeinsamer psychologischer Prozess.«

Wünsche, aber indirekt

Vielleicht habt ihr jetzt zu suchen begonnen, ob sich das tatsächlich so von den Romanen von Stephen King (und vielen anderen auch) behaupten lässt. Ganz so einfach allerdings ist es nicht. Oftmals sagen die Figuren im Dialog nicht direkt, was sie wollen, sondern sie drücken es indirekt aus.
Direkt werden solche Wünsche ausgedrückt, wenn es sich um Befehle oder Pflichten handelt. Und natürlich gehört das Wünschen auch mit dazu. Ein Beispiel (und ich greife hier einfach mal auf einen anderen Roman von Stephen King zurück):
Wolf funkelte ihn wieder an und blickte dann sehnsüchtig zum Himmel empor. »Dauert nicht mehr lange, Jacky. Du bist die Herde. Ich muss dich einsperren.«
Straub/King: Der Talisman, 306
Wolf, der Jack auf seiner Reise begleitet, ist ein Werwolf. Die beiden Jungen erörtern hier, wie sie die Phase des Vollmondes und damit die Zeit, in der Wolf sich in ein wildes Tier verwandelt, so gestalten, dass Jack nicht getötet wird. Wolf sieht keine andere Möglichkeit, als Jack einzusperren. Deshalb finden wir hier zwei Handlungsmotive. Das eine Motiv ist, Jack einzusperren, das andere, Jack zu schützen. Beide Motive hängen eng miteinander zusammen. Schließlich taucht noch ein drittes Motiv auf, was sich sehr indirekt in den Dialog einflicht: Wolf möchte Jack auch nicht als Freund verlieren. Und deshalb möchte er ihm seine Motive plausibel machen.
Der ganze Dialog (von 303-309) entwickelt sich entlang des Problems, dass Wolf sich während der Mondphase verändert.
Es ist wichtig, sich genau das klarzumachen, weil genau hier eine Möglichkeit liegt, Konflikte über Dialoge zu gestalten. Zunächst möchte Jack sich Wolf nicht nähern, dann möchte er ihn in den Schuppen einsperren, aber Wolf will nicht; schließlich schlägt Wolf vor, Jack einzusperren, worauf sich beide dann einigen. Das ist natürlich nur ein Teil von dem, was der Dialog sagt. Aber es ist der wesentliche Teil für die Beziehung der beiden Jungs. Damit ist das Problem gelöst. Es gibt eine Art Kompromiss, mit dem beide leben können.

Was macht das Gedächtnis?

Das ist eine seltsame Frage. Zumindest in diesem Kontext ist sie seltsam. Was haben Wünsche in Romandialogen mit dem Gedächtnis zu tun?
Es gibt zwei Arten von Wünschen, einmal den Wunsch, dass alles bleibt, wie es ist; und einmal den Wunsch, dass sich etwas verändert. Es ist klar, dass man den Wunsch, dass alles bleibt, wie es ist, nicht wirklich äußert, es sei denn der erwünschte Zustand wird bedroht.
Wir finden hier eine grundlegende Funktion des Gedächtnisses wieder. Das Gedächtnis ist ja eine seltsame Sache. Viele Menschen reden darüber, als könnten wir tatsächlich so etwas wie eine Vergangenheit in unserem Gedächtnis aufbewahren. Rein physikalisch gesehen ist das natürlich unsinnig, denn es gibt zwar möglicherweise eine Biegung in der Zeit, aber die dürfte in unserem Gehirn so gering ausfallen, dass sie schon die Erinnerung an die vorhergehende Sekunde nicht mehr rechtfertigt. Physikalisch gesehen müssen wir also davon ausgehen, dass unser Gehirn in der Gegenwart operiert und nur in der Gegenwart. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft darin. Dann ist aber die Frage, warum wir uns auf Vergangenheit und Zukunft beziehen können und diese sogar einigermaßen verlässlich ist.
Das sind zwei unterschiedliche Fragen. Ich möchte nur die erste beantworten. Der Philosoph und Neurophysiologe Heinz von Förster hat Mitte des letzten Jahrhunderts dieselbe Frage gestellt und ist zu einer sehr erstaunlichen Antwort gekommen. Unser Gehirn konstruiert bestimmte Tatsachen als verlässlich und markiert diese als Vergangenheit, andere wiederum als variabel und "unzuverlässig" und markiert diese als Zukunft. Damit ist die Zeit, an die wir uns erinnern und die wir planen, nur abgeleitet. Unser Gehirn erzeugt sich also aus seiner Aktualität heraus eine abgeschlossene und eine offene Zeit.
Es ist aber auch klar, dass man sich nicht etwas wünschen wird, womit man schon zufrieden ist. Doch abgeleitet davon gibt es eben auch Wünsche, die angesichts einer möglichen Veränderung den Ist-Zustand bevorzugen, also eine Stabilität wünschen, oder die einen Soll-Zustand begrüßen, also eine Veränderung möchten.

Verlässlichkeit und Verbesserung

Diese beiden Pole finden wir im Dialog. Es ist eigentlich ganz simpel, aber wenn man versucht, sich Dialoge einzuteilen oder sogar die eigenen Dialoge zu überarbeiten, dann ist diese schlichte Einteilung unglaublich nützlich. Man kann sich dann immer bei seinen Figuren fragen, ob diese mehr auf eine Verlässlichkeit oder auf eine Verbesserung aus sind.
Wenn wir allerdings etwas genauer hinschauen, dann finden wir diese beiden Pole gleichzeitig vor. Nehmen wir noch einmal ein Beispiel aus dem Talisman von Stephen King und Peter Straub: Jack kommt mit Wolf in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, welches von einem Referend Sunlight Gardener geleitet wird. Das Heim wird für die beiden Jungen zu einer Falle. Schließlich wird Wolf eingesperrt, verwandelt sich in der Zelle in seine Wolfsgestalt und bricht aus. Jack, der gerade von Gardener gefoltert wurde und noch am Stuhl gefesselt ist, sieht, wie Gardener flieht, während zwei der älteren Jungs, die bei der Folterung mitgeholfen haben, bei Jack Wache halten.
»Er hat nicht die Absicht, euch mitzunehmen, wisst ihr das?« sagte Jack plötzlich. Der Klang seiner Stimme überraschte ihn ein wenig. Sie war gleichmäßig und furchtlos.
»Halt's Maul, Rotzgesicht«, fuhr Singer ihn an.
»Haltet lieber nicht den Atem an, bis ihr ihn auf die Hupe drücken hört«, sagte Jack. »Ihr könntet hübsch blau anlaufen.«
»Wenn er den Mund noch mal aufmacht, Andy, dann bricht ihm die Nase«, sagte Sonny.
»Das ist gut«, sagte Jack. »Brich mir die Nase, Andy. Erschieß mich, Sonny. Die Bullen kommen. Gardener ist abgehauen, und sie finden euch drei neben einer Leiche in einer Zwangsjacke.« Er hielt inne und verbesserte sich dann: »Einer Leiche in einer Zwangsjacke mit gebrochener Nase.«
»Schlag ihn, Andy«, sagte Sonny.
Andy Warwick ballte die Faust, zog sie zurück - und zögerte dann. Unsicherheit flackerte in seinen Augen.
»Los, Andy«, sagte er. »Schlag mich. Ich halte bestimmt still. Ein prächtiges Ziel.«
Straub/King: Der Talisman, 408 f.
Diese Passage ist deshalb so wunderbar, weil sie zeigt, wie sich für einen der Jungen, für Andy, eine Gewissheit in eine Unsicherheit verwandelt und wie die Zukunft gerade dadurch entsteht, weil Jack ihm die Konsequenzen der Situation klarmacht. Besonders wichtig aber ist, dass Jack einen Wunsch äußert, den er vernünftigerweise nicht haben kann: er befiehlt Sonny, ihn zu erschießen. Doch das ist natürlich ironisch, weil Jack sofort die Konsequenzen dieser Handlung erzählt.
Jack, der kurz zuvor einfach noch um seinen Stolz gekämpft hat, findet hier eine Möglichkeit des Angriffs. Er stellt fest, dass Gardener nicht mehr zurückkommt, dass die Polizei in wenigen Minuten da sein wird, und das seine Peiniger nicht werden fliehen können. Diese haben die Situation noch nicht begriffen. Das nutzt Jack aus. Sein Wunsch ist also auf der einen Seite die Demütigung der Jungen, auf der anderen Seite aber, sie möglichst von weiteren Folterungen abzuhalten. Die Jungen wollen verschwinden und warten auf das Signal von Gardener. Sie sind der festen Überzeugung, dass Gardener sie mitnehmen wird. Dieses Wissen (ein Versprechen von Gardener) wird nun unsicher.

Verlässlichkeit/Verbesserung

An dieser Szene können wir besonders gut wahrnehmen, dass Handlungen beides brauchen. Weil Jack weiß, dass die Polizei kommen wird, kann er seine Beziehung zu seinen Peinigern neugestalten. Und weil die Fluchtmöglichkeit der Jugendlichen unsicher wird, werden sie versuchen, sich neue Sicherheiten zu schaffen.
Ich hatte oben geschrieben, dass in Dialogen immer Wünsche verhandelt werden. Man kann allerdings auch sagen, dass in Dialogen immer Sicherheiten und Offenheiten, Vergangenheiten und Zukünfte abgesprochen oder durchgesetzt werden. Und es ist klar, dass es immer zugleich Sachen geben muss, auf die wir uns verlassen können, und Sachen, die noch gestaltbar, noch veränderlich sind, weil zu jeder Zukunft eine Vergangenheit gehört und zu jeder Vergangenheit eine Zukunft, egal, ob diese nun "real" oder "konstruiert" sind. 

Der Dialog für den Schriftsteller

Spätestens an dieser Stelle werdet ihr vielleicht mit einigem Gruseln fragen, wie man um Gotteswillen all dies im Kopf behalten und verwirklichen soll, wenn man einen Dialog schreibt.
Nun, das müsst ihr eigentlich gar nicht. Schreibt eure Dialoge zunächst so, wie sie euch einfallen.
Erst bei der Überarbeitung solltet ihr darauf achten, was ihr wirklich geschrieben habt. D.h., wir sollten noch einmal überprüfen, welche Wünsche, welche Verlässlichkeit und welche Verbesserungen eure Figuren wirklich in den Dialog einbringen. Es ist doch relativ häufig so, dass gerade junge Schriftsteller klagen, ihre Dialoge wirkten hölzern oder würden ihnen mitsamt den Figuren "abhauen", also irgendwo landen, wo man mit ihnen gar nicht hin will.
In den letzten Jahren sind für mich die Modelle aus der Motivationspsychologie zunehmend wichtiger geworden für die Planung von Spannung- und Abenteuerromanen. Normalerweise benutze ich dazu das Rubikonmodell. Für die Dialoge hat sich dieses Modell allerdings als recht unbrauchbar erwiesen. Dagegen ist dieses Modell, was ich gerade vorgestellt habe, recht verlässlich. Zugegeben: die Gewohnheit, einen angenehmen Ist-Zustand als Wunsch zu bezeichnen, ist recht konstruiert. Gerade in Geschichten aber ist genau das auch wieder sehr nützlich, wenn man sich dann darüber Gedanken macht, ob man einen Ist-Zustand tatsächlich so belassen will, oder ob man ihn durch irgendein Ereignis unsicher werden lässt. Tatsächlich ist es manchmal äußerst nützlich, wenn man sich genauer aufschreibt, in welcher Ausgangssituation sich der Protagonist befindet und welche Möglichkeiten es gibt, diese Ausgangssituation so zu erschüttern, dass der Protagonist zum Handeln getrieben wird.

Ein Sündenbock

Um dieses Modell zu begreifen, ist es zunächst gut, wenn man sich bereits geschriebene Dialoge ansieht. Ich darf gestehen, dass ich zwar mit meinem Modell sehr zufrieden bin, durchaus aber noch sehr unzufrieden mit der Darstellung. Der eine oder andere mag diese als schwerfällig, vielleicht sogar als unverständlich ansehen. Das kann ich durchaus nachvollziehen. So wie ich selbst im Unterricht merke, wann ich eine Sache gut und wann nicht so gut erklärt habe, eine Kompetenz, die man sich durch langjährige Lehrtätigkeit antrainiert. Ich werde diesen Mangel durch mehr Beispiele zu kompensieren versuchen (und freue mich natürlich, wenn ihr diese Darstellungen trotzdem als nützlich empfindet).
Kehren wir noch einmal zu dem Roman Es von Stephen King zurück. In diesem Roman sind die sieben Hauptfiguren sieben Kinder, die zusammen den "Klub der Verlierer" bilden. Sie wachsen in einer kleinen Stadt auf. Während eines Sommers lernen sie sich näher kennen und werden durch die Ereignisse in der Stadt zusammen geschweißt. Jedes dieser Kinder hat eine Art Makel; einer stottert, einer ist fett, einer Jude und einer Neger, einer hat Asthma und einer den unwiderstehlichen Drang, sämtlichen Menschen vor den Kopf zu stoßen. Das siebte Kind ist ein Mädchen, das weder die Möglichkeit hat, sich als "echtes" Mädchen anzuziehen, noch verspürt es den Wunsch, das zu tun. Ihr Fehler ist es, sich eher wie ein Junge zu verhalten, aber ein Mädchen zu sein. Und jedes dieser Kinder vereint ein Konflikt mit einer Bande von jugendlichen Rowdys, die von einem sadistischen Jungen namens Henry Bowers angeführt wird.
Die Voraussetzungen für die folgende Szene sind nun diese: Ben hat Henry in der Schule nicht abschreiben lassen, weshalb Henry wahrscheinlich das Jahresziel verpasst und dann in die Sommerschule muss. Damit hat er den Ärger von Henry auf sich gezogen und damit den Ärger der ganzen Bande. In diesem Dialog hat die Bande Ben gestellt.

Der Dialog (gekürzt)

Vor ihm standen Henry Bowers, Belch Huggins und Victor Criss.
»Hallo, Titte«, sagte Henry.
»Was willst du von mir?« fragte Ben und versuchte, mutig zu klingen.
»Ich will dich verprügeln«, erwiderte Henry bedächtig. Er wirkte ganz nüchtern, ganz ruhig und gelassen. Aber seine schwarzen Augen funkelten wild. »Muss dir ein bisschen was beibringen, Fettkloß. Du bist doch gut in der Schule? Du lernst doch gern, nicht wahr?«
Er streckte die Hand nach Ben aus. Ben wich ein Stück zur Seite.
»Packt ihn, Jungs!« rief Henry.
Belch und Victor traten in Aktion. [...]
»Hört sich an wie ein Schwein, was?« sagte Victor lachend. Er drehte Ben das Handgelenk um. »Hört sich an wie ein Schwein.«
»Und ob!« kicherte Belch und packte Bens anderen Arm.
[...]
Henry Bowers zog mit einem Ruck Bens weiten Sweater hoch und entblößte damit Bens Bauch, der weit über seinen Gürtel hinabhing.
»Schaut euch nur mal diesen Wanst an!« sagte Henry erstaunt und angewidert. »Mein Gott!«
Victor und Belch lachten. [...]
»Du solltest mich lieber in Ruhe lassen«, sagte er [Ben]. »Es wäre besser für dich.«
»Was passiert denn sonst?« fragte Henry in einem Ton, als wäre er daran wirklich interessiert. »Häh?«
Es, 203 f.
In der Situation wird eigentlich wenig ausgehandelt. Ben ist den drei Jungen hoffnungslos unterlegen. Henry, Belch und Victor können sich hier aufeinander verlassen. Ihre Redeanteile zeigen vor allem, dass sie zusammengehören. Doch genauso verlässlich ist der Dialog zwischen Ben und den Jungen: auch hier sind die Rollen klar verteilt.
Ben versucht Zeit zu schinden. Einmal bringt er eine unbekannte Macht ins Spiel, indem er droht. Denn gäbe es eine solche Macht wirklich, dann könnte der Dialog eventuell wieder zu einem Kampf um die Verbesserung der Situation führen.

Nebenkonflikte

In einem größeren Zusammenhang wird der Konflikt zwischen den Rowdys und den "Verlierern" als eine Sackgasse dargestellt. Stephen King beschreibt mehrfach die Konfrontation als eine, die sich nur durch Flucht, bzw. Unterwerfung lösen lässt.
Es ist einer der zahlreichen Konflikte, die King in dem Buch aufbaut. Hier zeigt sich noch einmal sehr deutlich, dass man nie einen Hauptkonflikt alleine in ein Buch einbauen sollte. Nebenkonflikte sorgen für Abwechslung. Zudem können sie Begegnungen und Entdeckungen motivieren, oder sogar den Hauptkonflikt schlimmer machen.
In diesem Fall bildet die Gruppe der Rowdys ein starkes Motiv für die Kinder, sich zu verbünden und ihre Kraft zu erproben. In dem Roman gibt es dann ein Kapitel, in dem die sieben Kinder über die Rowdys einen Sieg erringen. Dies ist das 13. Kapitel des Buches, das mit Die apokalyptische Steinschlacht betitelt ist.
Konflikte insgesamt sind wichtig, weil man so Dialoge einbauen kann, in denen tatsächlich etwas ausgehandelt wird. Wenn man sich nämlich Romane von "schwachen" Autoren ansieht, der findet man hier häufig nicht dieses Hin und Her von Argumenten, Ausweichmanövern und Drohungen. Das muss natürlich nicht jeder Dialog haben, aber auf Dauer wirken allzu friedliche Dialoge langweilig und schal.

Dialoge als drittes Textmuster

Wir sind ein wenig vom ursprünglichen Thema abgekommen und haben uns bereits mit einigen Bedingungen des Inhalts beschäftigt. Das lässt sich nicht vermeiden. Die Markierung des Sprechers ist ein formales Element des Dialogs, aber kann, wie wir im letzten Artikel gesehen haben, zugleich ein inhaltliches Element sein; und ebenso können Dialoge formal und inhaltlich beschrieben werden. Das sieht man schön an dem Konflikt oben: formal gesehen reden Jungen miteinander; inhaltlich besteht aber zwischen diesen eine riesige Kluft.
Das macht auch die Herausforderung für eine Beschreibung eines Textes aus. Wenn nämlich Beschreibungen, Schilderungen von Handlungen/Vorgängen und Dialoge formal getrennt werden können, inhaltlich aber zusammenhängen, muss man bei einer genaueren Darstellung beides in Beziehung setzen.

Das werde ich in den nächsten Beiträgen noch etwas genauer tun. Zunächst aber werde ich noch einmal auf die Verlässlichkeit und die Verbesserung als die zwei Pole des Dialogs eingehen. Diese hängen unmittelbar mit dem Spannungsaufbau zusammen.

15.10.2014

Literaturkritik

Die literarische Kritik ist ein Widersinn: nicht um den anderen, sondern um sich selbst zu verstehen, soll man lesen.
Cioran, Emil: Der zersplitterte Fluch. in: ders.: Werke. Frankfurt am Main 2008, hier: S. 1919
Sich in sich selbst bewegen.

12.10.2014

Warum Schreiben mehr als nur ein Hobby sein sollte

Eigentlich hatte ich es schon immer gewusst. Menschen, die schreiben, sind glücklicher und gesünder. Gerade finde ich einen Artikel (und erstaunlicherweise sogar einen gut belegten Artikel), der einige wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammenträgt. Da die Autorin vorsichtig interpretiert (sie ersetzt zum Beispiel Häufigkeiten nicht durch Kausalitäten, was die Autoren des Spiegels gerne machen, wenn sie wissenschaftliche Untersuchungen darstellen), verweise ich gerne auf diesen Artikel: Science shows something surprising about people who love to write.

Nun können nicht alle so gut Englisch, dass sie diesen Artikel ohne Mühe verstehen können. Deshalb gibt es hier, von mir, eine deutsche Übersetzung:

Die Wissenschaft entdeckt einige überraschende Tatsachen über Menschen, die das Schreiben lieben

Die Vorteile des Schreibens gehen weit über den Aufbau des Wortschatzes hinaus
Egal welche Qualität eure Prosa hat, die Tätigkeit des Schreibens führt zu starken physiologischen und psychischen Gesundheitsvorteilen, wie zum Beispiel langfristige Verbesserung der Stimmung, der Resistenz gegen Stress und depressive Symptome. In einer Studie von 2005 über die emotionalen und physiologischen Auswirkungen des expressiven Schreibens auf die Gesundheit fanden die Forscher heraus, dass bereits drei- bis fünfmaliges expressives Schreiben von je 15-20 Minuten während eines viermonatigen Kurses ausreichten, um deutliche Unterschiede zu zeigen. [Die Autorin berichtet allerdings nicht, auf was sich diese Unterschiede bezogen. Ich kenne nun diese Studie und trage ein wichtiges Ergebnis nach: es ging dabei um Menschen mit ausgeprägten Prüfungsängsten. Das expressive Schreiben half dabei, diese Prüfungsängste wesentlich zu verringern. Es gab noch einige andere wichtige Effekte, die von den Forschern damit in Zusammenhang gebracht wurden, wie zum Beispiel die Reduktion von Kopfschmerzen, eine geringere Anfälligkeit für Virenerkrankungen, so zum Beispiel Grippe, usw.]
durch das Schreiben über dramatische, stressige oder emotional belastende Ereignisse zeigten die Teilnehmer eine deutliche Resistenz gegen Krankheiten und eine geringere Beeinflussung durch Belastungen [trauma, was auch Verletzung oder Schock heißen könnte]. Die Teilnehmer verbrachten weniger Zeit im Krankenhaus, zeigten einen niedrigeren Blutdruck und bessere Leberwerte als die Kontrollgruppe.
Zudem kann vermutet werden, dass das Schreiben auch bei der Heilung physischer Wunden hilft. 2013 beobachteten neuseeländische Forscher die Wundheilung nach Biopsien [Gewebeentnahme, um zum Beispiel auf einen möglichen Krebs zu untersuchen]. Diese Untersuchung wurde mit 49 gesunden Erwachsenen vorgenommen. Diese haben zwei Wochen vor der Biopsie drei Tage hintereinander jeweils 20 Minuten über ihre Gedanken und Gefühle geschrieben. Elf Tage später war bei 76 % eine vollständige Heilung zu beobachten. Die Kontrollgruppe dagegen zeigte eine vollständige Heilung bei nur 15 % der Teilnehmer.
Aber selbst die Menschen, die an speziellen Krankheiten leiden, können ihre Gesundheit durch das Schreiben verbessern. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Asthma weniger Asthmaanfälle erleiden als diejenigen, die nicht schreiben; schreibende AIDS-Patienten zeigen eine höhere Anzahl an T-Zellen. Krebspatienten zeigten eine optimistischere Perspektive und konnten ihr Leben besser genießen.
Aber warum ist das Schreiben nun so wichtig?
James W. Pennebaker leitet seit vielen Jahren die Forschung zum „heilenden Schreiben“ an der Universität von Texas in Austin. „Wenn man den Menschen die Gelegenheit gibt, über ihre emotionalen Schwankungen [upheavals] zu schreiben, verbessert sich häufig ihre Gesundheit. Sie gehen weniger zum Arzt. Ihre Immunfunktion verändert sich.“
Warum? Pennebaker glaubt, dass die Tätigkeit des expressiven Schreibens den Menschen erlaubt, einen Schritt zurückzutreten und ihr Leben (neu) zu bewerten. Statt über ein Ereignis zu brüten konzentrieren sie sich darauf, vorwärts zu gehen. Dadurch sinkt ihr Stresslevel und korrespondierend dazu wird ihre Gesundheit verstärkt.
Ihr braucht also keine ernsthaften Romanschriftsteller zu sein und auch nicht ständig schriftlich zu reflektieren, um die Vorteile des expressiven Schreibens zu genießen. Auch das Bloggen oder Tagebuchschreiben reicht für Resultate aus. Eine Studie zeigt sogar, dass das Bloggen die Ausschüttung von Dopamin fördert, ähnlich dem Effekt beim Jogging oder beim Musik hören.

11.10.2014

Dialoge schreiben: Körperräume und Seelenwelten

Dialoge und andere Textmuster in einer Erzählung

In den letzten beiden Artikeln hatte ich zunächst formale Elemente des Dialogs erörtert. So besteht ein Dialog aus verschiedenen Redeanteilen (siehe Dialoge schreiben I). Das ist der rein strukturelle Aufbau. Diese Redeanteile werden markiert, also bestimmten Personen zugeordnet, und dies gehört in den Bereich der Leserorientierung. Schließlich werden die Redeanteile aber auch noch qualifiziert, was zum einen für die Figuren Charakterisierung eine Rolle spielt, zum anderen aber auch für den Spannungsaufbau (siehe Dialoge schreiben II).
Bevor wir uns vor allem mit der Charakterisierung und den Spannungsaufbau intensiver beschäftigen, müssen wir noch einige grundsätzliche Fragen klären. Ich weiß, dass ich dies schon öfter in meinem Blog getan habe, und insofern werde ich hier auch einigen Lesern nichts Neues erzählen. Trotzdem ist dies zur Einschätzung für die folgenden Teile nützlich.

Zeit und Raum

In der Grundschule und in den weiterführenden Schulen werden in der Schreibdidaktik verschiedene Textmuster vermittelt. Diese bauen allerdings auf einer großen Opposition auf. In der Grundschule lernt man zum Beispiel das Schreiben von Erlebniserzählungen, Fantasiegeschichten, Bildbeschreibungen, Inhaltsangaben, usw.
Ganz grundsätzlich kann man diese in Texte einteilen, die einen Zustand in den Mittelpunkt stellen, und in Texte, die eine Abfolge, eine Veränderung in den Vordergrund rücken. Ganz abstrakt gesehen kommen die einen Texte ohne einen zeitlichen Bezug aus, und die anderen Texte ohne einen räumlichen Bezug.
In gewissem Sinne finden wir Schriftsteller darin auch die Unterscheidung von Setting und Plot wieder.
Nun ist das allerdings eine sehr abstrakte Unterscheidung. Jede Abfolge findet in einem Raum stand, und in jedem Raum kann man Bewegungen finden.

Zeit und Raum in der Erzählung

So gesehen sind Erzählungen Mischformen, die sich mal mehr auf die eine und mal mehr auf die andere Seite neigen. In jedem Roman gibt es Beschreibungen, die fast ohne zeitlichen Bezug auskommen. Aber es gibt häufig auch sehr handlungsreiche Passagen, die vor allem auf eine zeitliche Abfolge Wert legen.

Räume bei Stephen King

Stephen King beschreibt äußerst selten Räume, ohne eine Handlung mitlaufen zu lassen. Ich hatte dies schon einmal anhand des Thrillers Lost World (Michael Crichton) ausführlicher geschildert. Ich spreche in diesem Fall von einer Verortung, bzw. einer Verortung des Individuums. Stephen King benutzt sehr häufig dieselbe Technik, wohl auch, um allzu statische Passagen zu vermeiden:
Sie legten die blutigen Putzlappen in eine Tragetasche, nahmen etwas Waschpulver mit und begaben sich in die Kleen-Kloze-Wäscherei an der Ecke Main und Cony Street. Zwei Blöcke weiter konnten sie den Kanal in der heißen Nachmittagssonne leuchtend blau funkeln sehen.
Bis auf eine Frau in weißer Schwesterntracht, die ihre Sachen gerade trocknete, war die Wäscherei leer. Die Frau warf den Kindern einen argwöhnischen Blick zu und schaute dann wieder in ihr Taschentuch …
Es, 421
In dieser kurzen Passage liefert King kurze Schlaglichter auf die Umgebung. Und obwohl sich wenig ändert, sind die Figuren ständig am Handeln.

Verortung

Machen wir die Probe aufs Exempel. Lest zunächst den folgenden Abschnitt:
Das Buch war in helles Leder gehüllt. Der goldene Rand der Seiten glänzte im Licht. Ein Lederriemen mit einer Schnalle verschloss das Buch. Sobald man es aufschlug, zeigten sich verschlungene, kunstvoll gemalte Buchstaben, die in Kästen zwischen Blumenornamenten die Erlösung der Welt ankündigten.
Das ist nicht die schlechteste Beschreibung, denn in gewisser Weise enthält auch sie noch aktive Verben, aber in keinem Satz wird auf eine konkrete Person oder gar eine Figur des Romans Bezug genommen. Natürlich habe ich hier dieses Beispiel konstruiert, aber man findet ähnliche Beispiele häufig. Generell ist dagegen gar nichts zu sagen, aber wenn es um präzise Wirkungen geht, ist es doch hilfreich, sich Alternativen zu überlegen, die eine andere Wirkung erzeugen. Hier ist nun eine solche Alternative:
Jenny strich über das weiche Leder, das das Buch einhüllte. Sie öffnete die Schnalle und zog das Lederband heraus, das die Buchdeckel geschlossen hielt. Ein Gefühl unbändiger Freude überflutete sie. Gleich würde sie das Geheimnis lüften, das sie so lange gequält hatte; gleich würde sie erfahren, wer Adrian wirklich war. Doch dann zögerte sie. Sie wollte nicht den goldenen Rand des Buchschnitts verletzen.
Wir können hier abbrechen, denn der Unterschied wird wohl deutlich sein. Das erste Beispiel ist eine statische Beschreibung, die einen Gegenstand in den Mittelpunkt stellt. Das zweite Beispiel positioniert eine Figur in der Welt. Der Gegenstand wird nebenbei beschrieben. Zugleich wird ein Charakter dargestellt. Das Ganze wird über Handlungen ineinander verzahnt. (Übrigens ist das zweite Beispiel auch nicht sonderlich gut: es enthält zu viele Relativsätze und wirkt dadurch monoton.)

Körperräume

Prinzipiell gibt es zwei Formen der Verortung, auch wenn sich diese wiederum ineinander vermischen. Die eine Verortung betrifft den Körper im Raum. Eine Figur befindet sich an einer bestimmten Stelle im Raum. Sie nimmt diesen Raum sinnlich wahr:
Er fuhr mit dem Rad die Witcham Street entlang und bog dann nach Nordwesten ab. Die Christian Day School, die normalerweise nur Neibolt-Schule genannt wurde, stand hier draußen, an der Ecke Neibolt Street und Route 2. Es war ein etwas schäbiges, aber sauberes Fachwerkhaus mit einem großen Kreuz auf dem Dach, und über der Eingangstür stand in vergoldeten Lettern: Lasset die Kinder zu mir kommen. Manchmal hörte Eddie samstags, dass dort Harmonium gespielt und dazu gesungen wurde — flotte Gospelmusik, von der Eddie kaum glauben konnte, dass es sich dabei um religiöse Lieder handelte. Manchmal stellte er dann sein Rad auf der anderen Straßenseite ab, setzte sich unter einen Baum und tat so, als lese er dort, während er in Wirklichkeit dieser Musik lauschte.
Es, 312
Zu Beginn dieser Passage ist Eddie ein Körper, der in einem Raum handelt und einen Raum wahrnimmt. Nach dem Geviertstrich gleitet der Text aber in eine andere Verortung über.

Seelenwelten

Während der Körper in einem Raum handelt, und in diesem Raum immer nur so handeln kann, wie es der Raum zulässt, verortet sich zugleich die Seele in der Welt über die Aufmerksamkeiten und Aufforderungen. Die Welt ist der Ort, in der die Seele etwas will. Es ist kein physikalischer, sondern ein emotionaler Raum. Und natürlich überlagern sich die beiden Räume, auch in der Erzählung:
Dann verschwand der Zug außer Sichtweite. Eddie beugte sich über die Kiste. Er hatte Angst, ihr zu nahe zu kommen. Dort drin war etwas Lebendiges, etwas Schlüpfriges, Kriechendes. Bring sie heim zu deiner Mutter, hatte der Eisenbahner gerufen. Eddie klaute ein Stück Schnur aus einem der leeren Lagerhäuser und band die Kiste auf seinem Gepäckträger fest. Seine Mutter öffnete sie vorsichtig und stieß einen Schrei aus — nicht vor Angst, sondern vor Freude. Vier Hummer lagen in der Kiste, große Zweipfünder mit zusammengebundenen Scheren. Sie kochte sie zum Abendessen und ärgerte sich, dass Eddie nichts davon essen wollte.
Es, 313
Seelenwelten sind Orte der Wünsche und Aufforderungen, Befehle und Pflichten, Freuden und Ängsten. Sie verschränken sich mit den Körperräumen.

Begegnungen mit fremden Wünschen

Wir können jetzt ungefähr bestimmen, wozu Dialoge ganz abstrakt notwendig sind. In einem Dialog begegnet eine Figur einem fremden Wunsch, einem fremden Bedürfnis. Das ist zwar nicht immer so, aber in sehr vielen Fällen. In längeren Dialogen kann man dies aber tatsächlich als eiserne Regel festhalten. Wenn in einem Dialog nicht zwei unterschiedliche Wünsche aufeinandertreffen, werden diese rasch Hölzer. Und nur bei kurzen Dialogen kann man auch ganz andere Funktionen finden, wie zum Beispiel die Information des Lesers oder als reine Charakterisierung einer Figur.
Doch das werden wir uns alles später noch einmal genauer ansehen: in den folgenden Artikeln zum Dialog schreiben.

Zum nächsten Artikel: Motive und Konflikte im Dialog.

09.10.2014

Lesen, lesen, lesen

Hauptsächlich liegen Wittgensteins Werke auf meinem Schreibtisch. Dazu die Einführung von Richard Raatzsch, die im Junius-Verlag erschienen ist. Außerdem liegt ein Sammelband mit Aufsätzen dabei: Der Konflikt der Lebensformen in Wittgensteins Philosophie der Sprache. Alle Aufsätze, die ich bisher aus diesem Buch gelesen habe, hatten das Problem, dass sie den Konflikt zu soziologisch betrachten. Philosophie ist keine Soziologie. Philosophie müsste die Bedingungen klären, unter denen Konflikte in der Kultur auftauchen können. Genau das macht Wittgenstein meiner Ansicht nach auch. Mit Bedingungen sind hier allerdings nicht die sozialen Bedingungen gemeint, sondern die allgemeinen Bedingungen des Denkens und Wollens (zum Beispiel), die "notwendig" zu Konflikten führen.

Botho Strauß liegt daneben, und, in letzter Zeit mal wieder, Stephen King. Von Strauß Das Partikular, von King Es. Der Zauberberg von Thomas Mann.

Lange Zeit eines meiner Lieblingsbücher des Unterrichtens: Frontalunterricht - neu entdeckt. Von Herbert Gudjons. Nach und nach baue ich es um, ähnlich, wie ich die vier Werke von Hans Aebli am Umbauen bin, beides übrigens seit Jahren.

Seit Wochen habe ich keine Zettel mehr in meinen Zettelkasten eingearbeitet. Ich habe keine Zeit. Und wenn ich mal Zeit habe, lese und kommentiere ich viel lieber. Oder schreibe lange Artikel über Wittgenstein und Stephen King.


Nachtrag zu Dragon NaturallySpeaking 13

Vor anderthalb Monaten hatte ich einen Bericht zu zur neuen Version von Dragon NaturallySpeaking geschrieben. Mein erster Eindruck ist äußerst positiv ausgefallen. Jetzt schreibe ich seit sechs Wochen mit dem neuen Programm.
Meine Begeisterung ist ungebremst.

Anpassung an das Sprachverhalten

Dragon hat in der letzten Version eine gute Anpassung gehabt. Wenn man längere Zeit an einem Text gearbeitet hat, dementsprechend sehr viele ähnliche Vokabeln benutzt hat, wurden diese rascher erkannt. Es wurde zum Teil auch grammatisch differenziert, so dass halbwegs verschluckte Endbuchstaben von Flexionen trotzdem richtig gesetzt wurden.
Die ganze Sache hatte aber auch einen Haken. Wenn man, durch entsprechende Arbeiten und entsprechende Bücher je eigene Vokabeln nutzte, gab es beim Wechsel eine unsichere Phase. Dann schien Dragon "verwirrt". Wenn man also etwa von einer Arbeit zur Motivationspsychologie zu einer technischen Beschreibung kam, musste man am Anfang relativ viel korrigieren.
Auch jetzt gibt es noch diese Unsicherheiten. Doch die Phase ist viel kürzer und wenn man sofort eingreift, indem man korrigiert, spürt man sie kaum noch.
Der Trick ist also, entweder nicht zu weit auseinander liegende Bedeutungsfelder zu diktieren oder sich zu Beginn eines Wechsels stärker auf die Korrektur zu konzentrieren. Hat man eine längere Arbeit vor sich, sind kaum noch Fehler zu finden.

Korrekturvorschläge

Wenn man ein Wort korrigiert, schlägt Dragon selbst Alternativen vor, die man zum Korrigieren benutzen kann. In der letzten Version konnte sich Dragon manchmal an einer Falschschreibung festbeißen. So habe ich damals dem Programm nicht beibringen können, "Deleuze" statt "Deleuzes" zu schreiben. Die neue Version schafft dies locker.

Worttraining

Im Gegensatz zu Version 12, und vor allem zu Version 11, kann man ohne Umstände neue Wörter eintrainieren. Die letzte Version habe ich mit einer Liste trainiert, die ich von der 11. Version übernommen hatte, so dass ich eine ganze Menge Vokabeln zur Verfügung stehen hatte. Diese Vokabeln habe ich der Reihe nach eingearbeitet. Durchschnittlich habe ich etwa 200 Wörter am Tag geschafft. Mit der neuen Version sind es etwa 1000.
Auch die Geschwindigkeit, mit der die neuen Wörter eingearbeitet werden, ist höher. Ab einer gewissen Anzahl neuer Vokabeln ist auch die neue Version langsam, wenn auch nicht so sehr wie die alte. Es sind gefühlte 10-20% Zeitersparnis.

Zusammenarbeit mit anderen Programmen

Mit Winword und OpenOffice-Word läuft die Übertragung perfekt. Nicht wirklich toll dagegen ist Papyrus. Bei der Übertragung werden mehr Fehler gemacht. Falls man an eine andere Stelle springen möchte, um Wörter einzufügen oder zu korrieren, dann muss man oft den Cursor zu Hilfe nehmen.
Unproblematisch dagegen ist yWriter, weshalb ich zumindest bei meinen längeren wissenschaftlicher Schriften darauf zurückgreife.

06.10.2014

Dialoge schreiben, technische Anmerkungen II

Dialoge zu schreiben ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Schriftstellers. Kleine Dialoge, die mehr Dialogfetzen sind, wie auch lange, die eine entscheidende Wendung in der Geschichte markieren.
Es gibt vielfältige Dialoge mit sehr unterschiedlichen Aufgaben. Leider werden diese häufig nicht genutzt, weil die Funktionen eines Dialogs nicht systematisch ausgearbeitet werden.
Systematisch — ich hatte schon im letzten Artikel zu den schriftstellerischen Techniken etwas geschrieben, weil dies häufig ein Aufreger ist. Natürlich wird kein Mensch alle schriftstellerischen Techniken so darstellen können, dass sie die Möglichkeiten eines Schriftstellers, seinen Roman zu schreiben, abdecken. Stattdessen aber nur Allgemeinplätze zu verbreiten ist auch nicht sonderlich sinnvoll.

Qualifizierungen im Dialog

Starke und schwache Qualifizierung

Ich hatte mich beim letzten Artikel vor einer präzisen Definition der Qualifizierung gedrückt. Tatsächlich hat eine solche Qualifizierung zwei Seiten. Zum einen betrifft sie die Atmosphäre eines Redeanteils, zum anderen den Charakter einer Figur. Und hier gibt es wiederum sehr starke Ausdrücke, die eine starke Qualifizierung bewirken, aber auch ganz schwache. Beides hat Vor- und Nachteile.

Übersicht

Zunächst schauen wir uns aber die Möglichkeiten an, wie man einen Redeanteil außerhalb des Redeanteils qualifizieren kann. Außerhalb meint hier die Zusätze jenseits der Gänsefüßchen. Hier gibt es folgende Möglichkeiten:
  • durch ein spezifisches Verb (gelegentlich auch durch metaphorische Verben),
  • durch Adverbien,
  • durch adverbiale Bestimmungen,
  • durch Nebensätze und längere Einschübe.

Qualifizierende Verben

Es gibt eine ganze Menge an Möglichkeiten, Wörter wie sagen, meinen oder rufen zu ersetzen. Dazu gehören kichern, krächzen, brüllen, flüstern, murmeln, usw. Ich habe mir dazu eine Liste angelegt. Die könnte ich hier natürlich abdrucken. Für euch aber wird es besser sein, wenn ihr euch selbst diese Wörter aus Büchern heraussucht. Zugegeben ist das keine besonders amüsante Arbeit, aber so bekommt ihr gleich den Kontext mit, in dem diese Wörter benutzt werden.

Abwechslung und Charakterisierung

Dazu möchte ich eine Warnung loswerden. Es gibt immer noch Menschen, die aus der Schule die Aufforderung mitbringen, Wortwiederholungen zu vermeiden. Und es gibt leider immer noch Lehrer, die Wortwiederholungen stur als Fehler anstreichen.
Dann passieren aber leider folgende Gespräche, wie hier mit einer Kundin: Ich frage die Kundin, warum der Protagonist gerade noch brüllt und jetzt schon grinst. Die Kundin antwortet, dass sie doch nicht immer das gleiche Wort verwenden kann. Ich frage sie, was das für die Charakterisierung dieses Menschen heißt. Nun, daran hatte die Kundin noch gar nicht gedacht.
Achtet also bitte bei euren Dialogen darauf, in welcher Stimmung eure Protagonisten sein sollen. Wenn jemand wütend ist, wird er wohl kaum lächeln, flüstern oder murmeln. Jedenfalls nicht ohne guten Grund. Den sollte man aber dem Leser auch deutlich machen.

Adverbien

Eine andere Möglichkeit sind Adverbien, die ein Verb präzisieren. Stephen King benutzt sie gelegentlich und teilweise auch direkt hintereinander für dasselbe Verb:
»Oh! Echt? Das würdest du tun?«
»Klar«, sagte Richie verwirrt. »Warum nicht?«
»Okay?« sagte Ben glücklich. »Okay, das wäre toll! …«
King, Stephen: Es, 353
Es ist übrigens auffällig, dass Stephen King besonders viele Adverbien benutzt, die Gefühle oder emotionale Zustände ausdrücken, also zum Beispiel: verwirrt, glücklich, kläglich, bestürzt, kichernd, schaudernd, usw.

Adverbiale Bestimmungen

Von hier aus bewegt sich der Dialog in anderen Textmustern zurück. Es gibt Einschübe, kleine zwischen Erzählungen, Zusammenfassungen von längeren Handlungen und dergleichen mehr.
Adverbiale Bestimmungen präzisieren nicht nur den Redeanteil, sondern können auch andere Umstände verdeutlichen. Der Redeanteil selbst kann auf folgende Weise genauer bestimmt werden:
»Ich wollte doch nur … ich hatte keine Ahnung, dass …« flüsterte sie mit wachsender Angst und verstummte schließlich.
Eine Möglichkeit, weitere Umstände einzubauen, kann man an folgendem Beispiel sehen:
»Kommst du nun runter oder nicht?« rief er von unten herauf. Seine Stimme klang von dem Echo in der Höhle dumpf und verwaschen.

Nebensätze und weiteres

Hier sind kaum noch exemplarische Regeln möglich. Trotzdem ist es ganz sinnvoll, sich solche Beispiele auch zu sammeln, weil dadurch die Ausdrucksbreite angeregt wird. Hier einige Beispiele aus Stephen Kings Roman:
»Chanel Nummer Fünf«, sagte sie, sich die Hand vor den Mund haltend.
»Genau«, stimmte Richie zu, obwohl er keine Ahnung hatte, was Chanel Nummer Fünf war.

»Oh, bitte, peitschen Sie mich nicht aus, Herrin«, kreischte Richie mit seiner Negerstimme, rollte wild die Augen und faltete die Hände.

»Wow!« sagte Ben schließlich und stieß den Atem in einem abgerissenen, pfeifenden Seufzer aus.

Charakterisierung

Außerhalb des Dialogs

Stephen King zeichnet seine Figuren sehr umfassend. Er nutzt dazu fast sämtliche Mittel, die einem Schriftsteller zur Verfügung stehen, den inneren Monolog genauso wie die erklärende Geschichte. Immer wieder findet sich bei ihm eine Abweichung von der Hauptgeschichte, die nur erklären soll, warum eine bestimmte Figur diesen oder jenen Charakterzug trägt, diese oder jene Befürchtung hegt.

Innerhalb des Dialogs

Will man einen bestimmten Charakter im Dialog schildern, sollte man natürlich auch auf die Konsistenz achten. Ein schüchternes Mädchen wird nicht brüllen und ein Macho wird nicht jammern. Allzu vorsichtig solltet ihr aber auch nicht sein. Viele junge Schriftsteller haben Angst vor Dialogen und vermeiden diese, obwohl sie sich damit eines der wichtigsten Mittel berauben, ihre Geschichten lebendig und abwechslungsreich zu halten. Kein Dialog kann ganz präzise auf eine Figur passen und immer wieder müsst ihr auf schwächere Ausdrücke zurückgreifen, weil ihr für die passenden Worte den Dialog zerreißen müsstet. Hier müsst ihr einfach abschätzen, was euch wichtiger ist: durchgängiger Dialog oder präziser Ausdruck? hohe Geschwindigkeit der Handlung oder feinfühlige Charakterisierung?

Alle Möglichkeiten der Charakterisierung nutzen

Abwechslung ist wichtig, aber Abwechslung um jeden Preis verwirrt den Leser. Schauen wir uns einfach noch eine letzte Stelle an, wieder aus Stephen Kings Buch Es, um zu zeigen, wie er der Beziehung zwischen den fünf Kindern eine sehr eigene Atmosphäre gibt:
Eddie tat das einzige, was ihm einfiel. Er beugte sich vor, legte einen Arm um Stans schlaffe Schultern, schob ihm seinem Aspirator in den Mund und drückte auf die Flasche.
Stan hustete und würgte. Er richtete sich auf, seine Augen nahmen wieder einen normalen Ausdruck an, er hielt sich die Hand vor den Mund. Schließlich keuchte er nur noch etwas und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
»Was war das?« brachte er mühsam hervor.
»Meine Asthmamedizin«, sagte er die entschuldigend.
»Mein Gott, die schmeckt ja wie Hundescheiße.«
Sie lachten alle darüber, aber es war ein nervöses Lachen. Sie schauten Stan besorgt an. Langsam kam wieder etwas Farbe in seine Wangen.
»Sie schmeckt wirklich ziemlich scheußlich«, stimmte Eddie mit einigem Stolz zu.
»Ja, aber ist sie auch koscher?« fragte Stan, und wieder lachten sie, obwohl keiner von ihnen — einschließlich Stan [der Jude ist] — genau wusste, was ›koscher‹ bedeutete. (S. 424 f.)
Eddie wird hier zum Beispiel durch eine liebevolle Handlung, die er ausführt, charakterisiert, dann aber auch dadurch, dass er im Beisein seiner Freunde einen Stolz zeigen kann, den er sonst, vor allem gegenüber seiner Mutter und anderen Kindern aus der Schule, nicht zu haben scheint.
Stephen King fasst die Reaktionen zusammen („aber es war ein nervöses Lachen“) und mischt sich im letzten Satz sehr deutlich als auktorialer Erzähler ein, indem er etwas weiß, was er aus der Perspektive einer der Figuren gar nicht wissen kann. Normalerweise schreibt King in der Ich-Erzählsituation. Hier aber kann er gut wechseln, weil die Hintergrundinformation tatsächlich keiner der Figuren verfügbar ist und weil die Szene insgesamt bereits mit einiger Distanz geschrieben ist, so dass der Ich-Erzähler nicht deutlich an eine Figur gebunden ist.

Damit lassen wir den technischen Teil des Dialogs hinter uns. Schon die Charakterisierung ist deutlich dem Inhalt zuzurechnen. Wir haben auf der einen Seite Werkzeuge, aber auf der anderen Seite brauchen wir eben auch Anhaltspunkte, wie wir diese Werkzeuge sinnvoll einsetzen.

Siebter Teil: Dialoge - Körperräume und Seelenwelten