23.03.2015

Emulationslernen

Zimpels Buch Einander helfen hat mich, nachdem ich es jahrelang nicht mehr beachtet habe, auf das so genannte Emulationslernen gestoßen. Dies ist dem Imitationslernen insofern gegensätzlich, als hier nicht die Handlungen anderer Menschen imitiert werden, sondern die gleichen Leistungen angestrebt werden. Bei der Imitation wird ein Mensch nachgeahmt, bei der Emulation versucht ein Mensch ein gleiches Produkt herzustellen.
Beispielhaft ist das Zeichnen von Mangas, welches meine Schüler sehr gerne machen. Hier wird nicht die Tätigkeit des Zeichnens übernommen, sondern das Anfertigen eines bestimmten Bildes. Ich ermutige meine Schüler dazu, dasselbe Bild mehrfach zu zeichnen. Ich weise sie auf bestimmte Aspekte hin und zergliedere so ein Bild mehr und mehr in Teilziele. Dies scheint mir eine hauptsächliche Leistung des Emulationslernens zu sein: anhand einer Ganzheit schafft sich der Lernende nach und nach Teilschritte, durch die er sich die Aufgabe erleichtert.
Einen ähnlichen Effekt, so scheint es mir, haben meine Wochenfragen; diese sind teilweise „zu schwer“ (im neueren pädagogischen Jargon heißt dies: überkomplex). Die Schüler arbeiten sich nach und nach an die Verfertigung solcher Texte heran. Texte haben oftmals auch gar keine andere Möglichkeit, als sich in ihrer gesamten Komplexität darzustellen. Schon einfache Sätze können, will man sie analysieren, so vielschichtig sein, dass eine Reduktion auf Ausgangsabstraktionen fachlich kaum zu rechtfertigen ist.
So haben letzte Woche einige meiner Schüler, zum zweiten Mal, zu einem satirischen Bild geschrieben. Dazu habe ich dann individuelle Antworten verfasst, die zum größten Teil auf die rhetorischen Mittel abzielen, insbesondere der Frequenz (also der Häufung eines bestimmten stilistischen Mittels). Individuell sind die Antworten übrigens auch deshalb, weil jeder Schüler eine andere Art der Problemlösung gezeigt hat, so dass man vielleicht zu einem einheitlichen Ziel kommen könnte (was sich bei so komplexen Phänomenen wie der Satire allerdings bezweifle), jeder Schüler aber einen individuellen Ausgangspunkt und dadurch auch einen individuellen Lernweg besitzt.

22.03.2015

Verkleinerung und Elitismus

Da meine Schüler gerade gerne über Satire und Parodien arbeiten, lese ich mir meine ganzen alten Notizen zum Thema Humor durch. Gerade habe ich eine hübsche Stelle aus Schopenhauers Hauptwerk gefunden. 

Vom Eise befreit

Doch zuvor mag ich von einer Veranstaltung berichten, die heute in Wandlitz stattgefunden hat, einem Lesewettbewerb, bei dem die Schüler auch klassische Gedichte vorgelesen haben. Dort wurde unter anderem der sogenannten Osterspaziergang von Goethe zum Besten gegeben. Abgesehen davon, dass ich dieses Gedicht aus persönlichen Gründen nicht leiden kann, wird häufig angegeben, es sei ein einzelnes Gedicht, das für sich alleine stünde. Das stimmt natürlich nicht. Es ist dem Faust I entnommen. Und dort heißt es auch nicht Osterspaziergang.
Jedenfalls musste ich mir dann heute folgende Version davon anhören:
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
von Johann Wolfgang von Goethe
durch des Frühlings holden, belebenden Blick …
Donnerwetter! Was der alte Goethe so alles konnte.

Verkleinerung/Vergrößerung

Im Vorwort von Die Welt als Wille und Vorstellung nutzt Schopenhauer eine Strategie, die zunächst als eine Selbst-Verkleinerung daherkommt, bis sie an einem bestimmten Grad kippt und wie eine Vergrößerung aussieht. Genauer beschreibt er die Wirkung seiner Werke als geringfügig und gibt sich demütig und bescheiden, um darauf hin seine Wirkung als unzeitgemäß, fortschrittlich und nur für wenige, äußerst fortgeschrittene Denker verständlich darzustellen. Er nutzt also die Verkleinerung, um sich zugleich als Avantgarde und Elite zu behaupten:
„Da ich gegen solche Vorwürfe nicht das mindeste vorzubringen habe, hoffe ich nur auf einigen Dank bei diesen Lesern dafür, dass ich sie beizeiten gewarnt habe, damit sie keine Stunde verlieren mit einem Buche, dessen Durchlesung ohne Erfüllung der gemachten Forderungen nicht fruchten könnte und daher ganz zu unterlassen ist, zumal da auch sonst gar vieles zu wetten, dass es ihnen nicht zusagen kann, dass es vielmehr immer nur [eine Sache weniger] sein wird und daher gelassen und bescheiden auf die wenigen warten muss, deren ungewöhnliche Denkungsart es genießbar fände.“
Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 12

Verkehrung ins Gegenteil

In der Psychoanalyse werden verschiedene Abwehrmechanismen benannt, mit denen sich das Ich vor den Forderungen des Es schützt. Dazu gehört die Verkehrung ins Gegenteil. Sie ist als argumentative Strategie sehr interessant. Ein klassisches Beispiel dafür ist: ich liebe sie nicht, ich hasse sie!
Schopenhauer bietet nun eine ganz andere Art der Verkehrung ins Gegenteil, die eine bestimmte gesellschaftliche Struktur aufnimmt und diese dann komplett umdeutet. So wird aus der Verkleinerung ein Avantgardismus.

Gegen Hegel

Viel wichtiger daran ist allerdings, dass es bei diesem Umkippen nicht zu einer dialektischen Bewegung kommt. All dies führt gerade nicht zu einer Synthese, sondern zu einer Selbstbehauptung. Untersucht man solche Formen der Selbstbehauptung genauer, stellt man des Öfteren fest, dass hier mehrere Bewegungen zugleich vollzogen werden, dass es sich also nicht um einen einzigen Prozess handelt, sondern um Konstellationen von Prozessen, die zum Teil tatsächlich eine klassische hegelianische Gangart zeigen; zusammen allerdings lassen sie sich nicht mehr auf den einfachen Nenner von These-Antithese-Synthese bringen: gerade hier zeigt sich, dass eine Idee eine Einheit bildet, die in der Welt von vielfältigen Handlungen getragen wird (womit die idealistische Argumentation von der pragmatischen Argumentation ausgehöhlt wird). Gerade heute habe ich in einem Buch zur Integrationspädagogik eine solch bizarre, weil dogmatische Anwendung der hegelianischen Dialektik gefunden, dass es ein leichtes war, diese zu zerstören.
Leider habe ich bisher noch nicht die Zeit gefunden, diese Passage umfassend zu kritisieren und diese Kritik auszuformulieren. Sie ist in André Zimpels Buch Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur auf Seite 34 zu finden.

16.03.2015

Homo Faber

Ich vergaß: in der letzten Woche habe ich drei E-Mails zu Fragen zur Interpretation von Homo Faber (Max Frisch) erhalten. Offensichtlich ist dies wieder einmal Schullektüre in einigen Klassen. Es sind die üblichen Verunsicherungen angesichts der sogenannten Lektürehilfen. Diese Lektürehilfen sind zumindest bei einigen Schülern deutlich kontraproduktiv, vor allem bei all jenen Schülern, die sich eigene Gedanken machen.

Instruktiv dazu ist immer noch mein Artikel Faber und das Fleisch.

Wochenende

Vom Freitag auf den Samstag habe ich lange geschlafen. Mittwoch und Donnerstag bin ich bis weit nach 19:00 Uhr in der Schule gewesen, und das, obwohl ich um 6:30 Uhr morgens bereits dort ankomme. Am Freitagnachmittag bin ich dann ins Bett gesunken und am folgenden Tag erst um 12:00 Uhr aufgestanden. 

Die neuen Lehrpläne

Den Nachmittag über habe ich mich mit den kommenden Lehrplänen beschäftigt. Es ist zwar außerordentlich zu begrüßen, dass bestimmte Lerninhalte nicht mehr auf bestimmte Klassen festgelegt werden, weil sich die Schüler je nach Art deutlich unterscheiden. Trotzdem bedauere ich das Verschwinden der alten Form der Lehrpläne, weil ich mich daran relativ gut abarbeiten konnte: Sie waren eben sehr spezifisch und auch relativ dogmatisch, so dass man ziemlich genau wusste, was man zu tun hatte. 

Tagesfragen

Am Samstagabend habe ich auch begonnen, die Tagesfragen zu bearbeiten. Da ich vorletzte Woche krank war, habe ich die Hefte nicht mit nach Hause genommen und musste diesmal zwei Tagesfragen durchsehen. Da ich pro Tagesfrage für die gesamte Klassenstufe einen Tag brauche, war ich schon reichlich spät dran. Ich habe auch nur zwei Drittel der Hefte bis heute Abend geschafft. 

Problemlösen

Nun habe ich aber nicht nur an den Tagesfragen gesessen: ich hatte letzte Woche eine Aufgabe gestellt, deren Beantwortung durch die Schüler ich sehr interessant fand. Für meine starken Schüler stelle ich so genannte „überkomplexe“ Aufgaben. Ich schaue mir dann an, wie sie mit diesen Schwierigkeiten umgehen. Auf diese Weise erfahre ich mehr darüber, wie meine Schüler mit Problemstellungen umgehen. Ich gebe dann, wo möglich, Tipps und Tricks, um mit komplexen Anforderungen umzugehen. Das ist nicht immer ganz einfach, da es gerade im Bereich des analogischen Denkens eine unendliche Menge an Möglichkeiten gibt. Nicht umsonst gehört gerade diese Art der Problemlösung zu einer der Kernpunkte der Innovation. 

Die Schüler und die Rhetorik

Eine meiner Aufgaben für die letzte Woche war das Erklären eines satirischen Beitrages. Diese Aufgabe haben sich nur wenige Schüler herausgegriffen. Die wenigen Schüler allerdings haben diese meist ganz hervorragend gelöst. Nach drei Monaten in der Klasse bedienen sich manche der Schüler bereits deutlich eines literaturwissenschaftlichen Vokabulars. Besonders gefreut hat mich, dass die Schüler zum Teil nicht nur rhetorische Figuren identifizieren konnten, sondern auch über deren Funktion reflektiert haben. Dies gehört wohl zu einer der größten Herausforderungen, die man Menschen bei der Interpretation von Texten zumuten kann. Und dass hier bereits Kinder aus der vierten Klasse solche Fähigkeiten zeigen konnten, beweist, dass wir unseren Literaturunterricht nicht mehr in der Art und Weise gestalten dürfen, wie uns dies die klassische Schulbildung vorgegeben hat. 

Satire

Jedenfalls habe ich zwischendurch auch zur Satire gearbeitet. Natürlich weiß ich „irgendwie“, welche Elemente eine Satire beinhalten muss. Aber sich Gedanken darüber zu machen, wie man dies Grundschülern beibringt, das ist schon eine ganz andere Herausforderung man muss sich hier deutlich um eine einfache und klare Vermittlung bemühen. Und durch diese Bemühung habe ich jetzt das Gefühl, wesentlich besser die Operationsweisen der Satire und der Parodie zu verstehen. 

Zeit für Kinder

Wenn ich morgens in die Schule komme, habe ich ungefähr eine halbe Stunde Zeit, meine Sachen zu ordnen. Dann erscheinen die ersten Schüler und erzählen meist von ihren Erlebnissen und Erfahrungen vom Vortag oder stellen Fragen zu irgendwelchen Aufgaben. So geht das, bis ich die Schule verlassen, oft auch noch im Bus, den ich gemeinsam mit meinen Schülern nehme.
Trotzdem ist mir die Arbeit zu Hause auch sehr wichtig. Nach und nach entdecke ich eine ganz andere Seite des Kindseins. Und dazu brauche ich die Abendstunden, um darüber zu reflektieren und mir Gedanken zu machen. Dies ist keine direkte Arbeit mit den Kindern, aber doch absolut notwendig, um so nach und nach aus den Erlebnissen Erfahrungen zu machen.
Gerade dieses Wochenende habe ich mich auch noch mal mit der Beurteilung der Tagesfragen intensiver beschäftigt. Ich muss gestehen, dass ich auf meine Vorgängerin, die mich hier eine ganze Liste an Bewertungskriterien gegeben hat ein wenig eifersüchtig bin. Sie schien dies bei ihrer Arbeit alles wie selbstverständlich im Kopf zu haben und hatte darauf immer gute bis hervorragende Reaktionen, die allesamt durchdacht schienen. Wenn ich dagegen meinen Umgang ansehen, so bin ich zwar nicht schlecht, aber diese umfängliche Reflexion fehlt mir eindeutig. Hier werde ich noch viel Arbeit zu leisten haben.

08.03.2015

Montessori und die Technologie

Erik Brynjolfsson, Wirtschaftsprofessor am MIT, erklärt in einem Interview:
Die Frage ist nicht, was Technologie mit uns anstellt – sondern was wir mit Technologie anstellen wollen. Einer der wichtigsten Aspekte scheint mir die Neuerfindung des Bildungssystems zu sein. Es muss darauf ausgelegt werden, Kreativität und Sozialkompetenz zu fördern. Es ist bestimmt kein Zufall, dass Microsoft-Gründer Bill Gates, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin alle eine Montessori-Schule besucht haben.
Maschinen sind sehr gut in strukturierter Problemlösung – man muss ihnen nur die richtigen Schritte beibringen. Bei unstrukturierten Problemen haben sie allerdings Mühe. Pablo Picasso sagte: «Computer sind nutzlos. Sie können nur Antworten geben.» Und er hatte recht. Natürlich sind Antworten nützlich, aber heute ist es wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen. Die Montessori-Methode ermutigt die Kinder, spielerisch zu erkunden, was wichtig ist und was nicht – auf eine Art, wie es Maschinen nicht können. Solche kreativen Problemlöser brauchen wir künftig.
Und er fügt hinzu:
Im 20. Jahrhundert haben wir uns den Vorsprung erkauft, indem wir mehr in Bildung investiert ­haben. Aber das reicht nicht mehr. Wir werden auch in diesem Jahrhundert mehr investieren müssen. Wichtiger ist aber, das System zu reformieren. Solange wir das nicht fertigbringen, ist ­jeder zusätzliche Dollar umsonst.
Ingeborg Waldschmidt schreibt in ihrer Monographie zu Maria Montessori:
Die den deutschen Montessori-Einrichtungen gemachten Auflagen und die bestehenden gesetzlichen Regelungen führen häufig zu halbherzigen Kompromisslösungen. International sieht es mit den Realisierungschancen der Montessori-Pädagogik größtenteils besser aus.
Waldschmidt, Ingeborg: Maria Montessori. Leben und Werk. S. 92 

Und was sonst noch so passiert: queere Muslime, Frauenquote, Staatspropaganda

Das eine und das andere: Leser meines Blogs wissen, dass ich der "homosexuellen Bewegung" mit einer gewissen Zwiespältigkeit gegenüber stehe: gut finde ich, dass sowohl die Eintönigkeit des feindlichen Islams durch eine Ausstellung aufgebrochen wird, die Homosexuelle in der islamischen Kultur zeigt: Queere Muslime. Völlig entnervt war ich allerdings wieder einmal darüber, was einem auf der Seite als "Hauptthemen" und "Hauptinteressen" angeboten werden. Man fühlt sich zum Zuschauer von Interessen gemacht, die so eindeutig eben nicht in die Öffentlichkeit gehören.

Keinesfalls ist die Frauenquote ein Erfolg. Hier wird an elitärster Stelle zugetüncht, was in der breiten Bevölkerung noch allzusehr im Argen liegt. Im Argen liegt zum Beispiel, dass der deutsche Gebrauch des Wortes gender immer noch für Frauen, Homosexuelle, etc. in Beschlag genommen wird, nicht aber für Männer. (Über die herrschenden Frauenbilder müssen wir uns schon gar keine Sorgen machen: die werden von einer stelzbeinigen Heidi Klum und einem krittelnden Guido Maria Kretschmer bedient.)
Es gibt keine hegemoniale Männlichkeit. Dies war, ist und bleibt ein Mythos einer gewissen feministischen Strömung. Immer hat es zwar vorherrschende Männerbilder gegeben, aber diese passten und passen zu den meisten Männern eben nicht. Und wie die einzelnen Männer den Umgang zu den ihnen bekannten Frauen gestalten, lässt sich wohl kaum mit einem einzelnen Begriff belegen. Wir finden darin den Mythos der Einheit, basierend auf dem Prinzip der Extrapolation, also eben all jene Mechanismen, die der Feminismus (durchaus sehr großartig) in der Kultur mit Blick auf die Frau analysiert hat.
Vor allem machen es sich manche Frauen auch bequem, wenn sie statt Kritik am realen Mann zu üben, immer wieder auf dem gleichen, zum Teil längst nicht mehr stimmigen Männerbild herumhauen. Das hat dann nichts mehr mit Analyse zu tun, sondern nur noch mit ideologischer Bequemlichkeit.

Und da wir gerade bei Staatspropaganda sind.
Weitet man die Hegemonie aus, dann entsteht gelegentlich Staatspropaganda. Putin ist so ein Fall. Auf einer Pressekonferenz erklärte er kurzerhand, der Westen habe Schuld an der Wirtschaftskrise. Und auch wenn man nun eigentlich Marx nicht loben sollte (obwohl seine Leistungen historisch zu würdigen sind: sein Radikalismus hat viele altehrwürdige, aber eben doch falsche Glaubenssätze weggefegt), ein wenig mehr marxistische Eingabe dürfte man dann dem russischen Staatsüberhaupt doch wünschen.
Zur Ideologie schreibt Hannah Arendt:
Die Ideologie, die die Tatsachen in ihrer faktischen Widersprüchlichkeit der fiktiven Widerspruchslosigkeit opfert, bietet sich als Weltersatz an. Ihre große Anziehungskraft insbesondere auf moderne Menschen liegt in ihrer Loslösung von Wirklichkeit und Erfahrung begründet. Denn je weniger Menschen »in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein können, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder einen Narrenhölle abkommandieren zu lassen, in der alles gekannt, erklärt und von übermenschlichen Gesetzen im vorhinein bestimmt ist.
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 723 f.
 Mit anderen Worten: Putin leidet am Prinzessinnen-Syndrom und ein ganzes Volk mit ihm.

Dialektik und Hegemonie (Jahrestage: Politik erzählen)

Dialektik ist nicht, wie vor einigen Jahren mal jemand dreist mir gegenüber behauptet hat, eine Erfindung der Marxisten und deshalb eines aufgeklärten Menschen nicht wert. Klassischerweise aber ist die Dialektik die Methodenlehre, die Analytik die Elementenlehre; und die Analytik geht der Dialektik voraus.

Hegemonie und Vernunft

Mit dem Begriff der Hegemonie, der, wenn ich mich recht erinnere, von Lenin eingeführt wurde, wurde dem klassischen Marxismus und seiner Überwindung der Klassenspaltung durch die Vorherrschaft des Proletariats eine empfindliche Wunde geschlagen. Zunächst bedeutet Hegemonie, dass sich Subkulturen bilden, die aus sich selbst heraus eine Dynamik erschaffen, die mit der Arbeiterklasse kaum noch etwas zu tun haben muss. Zum anderen aber hat Gramsci deutlich gezeigt, dass hegemoniale Strukturen zwar in sich selbst den Anschein einer Vernunft erschaffen, dieser aber eben auf typischen Mechanismen hegemonialer Strukturen beruht, die etwas voraussetzen, was sie nicht mehr hinterfragen können und eben dies dann ihre Vernunft nennen.

Politische Akteure

Hegemonien bilden in sich eine Struktur aus, in der politische Akteure agieren. Folgt man Gramsci, dann besteht das Wesen der politischen Meinung darin, gesellschaftliche Zustände zu ordnen. Der Zirkelschluss muss hier deutlich gemacht werden: politische Akteure ordnen die Verhältnisse zwischen politischen Akteuren durch die politische Praxis. Dies ist der schwankende Boden, auf dem die politische Praxis stattfindet. Das Teil (der Einzelne politischer Akteur) versucht sich als Ganzes (die politische Gemeinschaft).

Politische Akteure erzählen

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, viel kürzer. Lange habe ich nicht mehr in Johnsons Jahrestage geblickt. Gerade aber der heutige Tag, der 9. März, der mit dem 9. März 1968 korrespondiert, enthält eine lange Passage, die deutlich macht, wie man politische Akteure in ein Verhältnis setzt, Wirkungen und Meinungen schildert und so aus isolierten Phänomenen einen politischen Zusammenhang schafft.
Johnson listet auf, indem er die Politik nicht bei der großen Politik stehen lässt, sondern alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, wie sie bereits bei Platon und Aristoteles geschildert werden, eng nebeneinander stellt. Er zitiert, und gestaltet nur durch die Verdichtung der Phänomene des (politischen) Willens (und des sinnlichen Lebens, das daraus entsteht) in langen, mäandernden Satzkonstruktionen.

Schutz, Streit, Schutz

Der Slum ist ein Gefängnis, in das die Gesellschaft jene deportiert, die sie selbst verstümmelt hat. Das sind Wohnungen, in denen die Wanzen und Schaben nicht mit der geduldigsten Anstrengung im Zaum gehalten werden können, in denen es beim Kühlschrank nicht auf die Kühlung der Nahrungsmittel ankommt, sondern auf die Funktion des Tresors, den das Ungeziefer nicht knacken kann. Wenn ganze Familien, ohne das Geld für Erholung oder Fluchtversuche, in einem einzigen Zimmer wohnen müssen, werden die Kinder Zeugen unausbleiblicher Streitszenen, kommen müde und verstört in die Schulen, mit unvollständigen Hausaufgaben; ihre Leistungen müssen hinter den Anforderungen des Lehrplans zurückbleiben, sie verlassen die Schulen so früh als möglich, sie »fallen heraus« und beginnen in niederen Berufen zu arbeiten, die mit der technischen Entwicklung aussterben werden, und sind ausgebildet für die Armut. Wenn auf der Oberen Westseite zwei Drittel der Neger einzelne Männer sind, so weil eine vom Ernährer verlassene Familie damit den Anspruch auf Fürsorge-Unterstützung erwirkt; die Wissenschaft hat bereitwillig den »Faktor der Einraumbelegung« erfunden. Die Neger in den Slums fühlen sich vernachlässigt von der Polizei, ihre Straßen werden spärlicher patrouilliert, Einbrüche bei ihnen rufen eher Langeweile hervor, bei einer Schlägerei wird der Dunkelhäutige bevorzugender festgenommen als der Hellfarbige; dennoch wünschen die Neger schlicht mehr Polizei, zuverlässigeren Schutz (wo die Weißen sich leisten können, eine zivile Aufsichtsbehörde für die Ordnungskräfte zu fordern).
Johnson, Uwe: Jahrestage II, 845

Gerettet alle. Nur Einer fehlt!

Wenn man von der Resignifikation spricht, ist es nicht schwer, zum Bild der Argonauten zu kommen, die, verflucht, auf ewig auf dem Meer aushalten müssen und kein Ufer gewinnen können. Dies, so Roland Barthes, sei ein passendes Bild für die Theorie; denn wie die Argonauten müsse der Theoretiker auf das rettende Ufer verzichten. Er sei stattdessen gezwungen, sein Schiff aus dem Treibgut, das ihm das Spiel der Wellen zukommen lässt, immer wieder neu zu konstruieren und umzubauen (vgl. dazu Ette, Ottmar: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, S. 214 f.). 

Das Schauspiel der Kultur

Womit wir bei Hans Blumenberg wären, dem Schiffbruch mit Zuschauer. Dieser zitiert Jakob Burkhardt:
Könnten wir völlig auf unsere Individualität verzichten und die Geschichte der kommenden Zeit etwa mit ebenso viel Ruhe und Unruhe betrachten, die wir das Schauspiel der Natur, zum Beispiel eines Seesturms vom festen Lande aus mit ansehen, so würden wir vielleicht eins der größten Kapitel aus der Geschichte des Geistes bewusst miterleben.

Konkretes und abstraktes Leben

Diese Spaltung ist bekannt. Es ist die des Menschen, der sein Leben in concreto und in abstracto lebt, wie es Schopenhauer am Ende seines ersten Buches von Die Welt als Wille und Vorstellung und im Übergang zu dem zweiten Buch schildert. Nicht ohne Ironie ist genau diese Stelle der Abschluss von jenem ersten Buch, welches mit Der Welt als Vorstellung erste Betrachtung: Die Vorstellung, unterworfen dem Satze vom Grunde: Das Objekt der Erfahrung und der Wissenschaft betitelt ist, während das zweite Buch Der Welt als Wille erste Betrachtung: Die Objektivation des Willens benannt wurde.
Schopenhauer schreibt dort:
Die allseitige Übersicht des Lebens im Ganzen, welche der Mensch durch die Vernunft vor dem Tiere voraus hat, ist auch zu vergleichen mit einem geometrischen, farblosen, abstrakten, verkleinerten Grundriss seines Lebensweges. Er verhält sich damit zum Tiere wie der Schiffer, welcher mittelst Seekarte, Kompass und Quadrant seine Fahrt und jedesmalige Stelle auf dem Meer genau weiß, zum unkundigen Schiffsvolk, das nur die Wellen und den Himmel sieht. Daher ist es betrachtungswert, ja wunderbar, wie der Mensch neben seinem Leben in concreto immer noch ein zweites in abstracto führt. Im ersten ist er allen Stürmen der Wirklichkeit und dem Einfluss der Gegenwart preisgegeben, muss streben, leiden, sterben wie das Tier. Sein Leben in abstracto aber, wie es vor seinem vernünftigen Besinnen steht, ist die stille Abspiegelung der ersten und der Welt, worin er lebt, ist jener eben erwähnte verkleinerte Grundriss. Hier im Gebiet der ruhigen Überlegung erscheint ihm kalt, farblos und für den Augenblick fremd, was ihn dort ganz besitzt und heftig bewegt: Hier ist er bloßer Zuschauer und Beobachter.
Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung I, 138 f.

Entnaturalisierte Schifffahrt

Doch diese Spaltung in Naturmensch und Kulturmensch ist bereits zur Zeit Schopenhauers auf dem absteigenden Ast. Als Kulturmenschen haben wir das Land längst verlassen. Burckhardt schreibt:
Wir möchten gerne die Welle kennen, auf welcher wir im Ozean treiben, allein wir sind diese Welle selbst.
Dementsprechend spricht Blumenberg von einer völligen Entnaturalisierung in der Beseitigung des Dualismus von Mensch und Realität. Wir Menschen haben uns die Natur als eine symbolische geschaffen, von Anfang an, noch als wir ganz den naturhaften Gewalten ausgesetzt waren und sie als Götter und Dämonen beschrieben haben.

Vom Tod des bürgerlichen Helden

Schließlich aber wird die Ballade John Maynard dem sonst so ironischen und jeder Idolisierung fremden Theodor Fontane eine Aussage über jenes Heldentum entlocken, mit dem die bürgerliche Zeit von jeher ihren Opfern gegenübergestanden hat. Man selbst ist den Wellen entkommen und steht jetzt, mit dem unverstandenen Verlust, an der Küste. Man feiert und betrauert den Toten. Man bringt ihm einen Marmorstein an.
Doch die ganze Ironie an der Geschichte ist, dass es jenen John Maynard nie gegeben hat. Aus einer Zeitungsnotiz entstanden, gab es frühzeitig ein Gedicht, das diesen Vorfall zu vereindeutigen und zu heroisieren wusste. Darüber ist es zu Fontane kommen, der daraus seine Ballade schuf. Und wenn heute in Buffalo tatsächlich eine solche Plakette in der Hafenmauer existiert, dann nur deshalb, weil so viele Deutsche nach diesem Marmorstein gesucht haben. Die Stadt Buffalo sah sich gedrängt, für ihre deutschen Touristen eine solche anzubringen. 

Schaulaufen

Fontane würde vielleicht, wenn er heute noch einmal die Möglichkeit hätte, auf seine Ballade zurückzuschauen, nicht nur eine Ironie in der ganzen Geschichte finden. Wir beobachten heute in zahlreichen Fernsehsendungen das Scheitern des bricoleurs, jenes Bastlers, der mit dem zu arbeiten hat, was er naturhaft vorfindet; nur ist das Naturhafte heute längst durch gewitzte Fernsehmacher manipuliert. Sowohl das Dschungelcamp als auch DSDS inszenieren die Schifffahrt wie das Scheitern. Die Wellen machen sie selbst, im Studio.
Und so werden wir die Geister, die wir einst, vor tausenden von Jahren, aus Unverstand gerufen haben, mit aller Vernunft nicht wieder los. Es sind eben all jene Geister, die wir durch den Rahmen des Theaters erzeugen, dadurch, dass wir Zuschauer bleiben wollen, aber doch selbst auf dem Schiffe stehen, das wohin auch immer weitersegelt.

07.03.2015

Spontanität

Die Verpflichtung, seine Spontanität regulieren zu können, ist mit einer doppelten Schwierigkeit belastet.
Zum einen muss die Spontanität erkannt werden. Es muss also ein Wertesystem etabliert sein, dass zwischen Spontanität und Ritualisierung unterscheiden kann.
Zum anderen muss es Programme geben, die diese Spontanität aufgreifen, auch wenn sie nicht vorhergesehen und völlig fremdartig ist.

Dies schrieb ich vor einigen Monaten, ich glaube im Oktober.
Damals habe ich einige Abschnitte aus Stefan Riegers Die Individualität der Medien kommentiert. Die kommentierte Passage ist die gleiche, die ich neulich unter dem Titel Selbstregulation schon einmal, wenn auch mit einer anderen Einbindung bedacht habe.

Man muss die Tragweite des oben geäußerten Gedanken verstehen. Spontanität wird vielleicht spontan erzeugt, aber nicht notwendigerweise als solche wahrgenommen. Man kann auch Rituale spontan wiederholen. Oder eine Spontanität so verstehen, dass sie in der Wahrnehmung keine Spontanität mehr ist. 
Wie dem auch sei: "hinter" der Spontanität oder quer zum Handeln liegt ein Interpretationsraster, das überhaupt erst das Sprechen von Spontanität in konkreten Kontexten möglich macht.
Damit ist aber zum Beispiel die Spontanität der Vernunft, wie Kant sie behauptet hat, fragwürdig geworden; ebenso sind die spontanen Ausdrücke von Kreativität nicht mehr naiv hinnehmbar. 

Will man die Unterscheidung Spontanität und Ritualisierung noch anders fassen, zum Beispiel in den Begriffen der Systemtheorie, dann kann man hier die grundlegende Unterscheidung stabil/instabil annehmen, die im Systemgedächtnis als Vergangenheit und Zukunft konstruiert wird. Was vergangen ist, ist stabil; was zukünftig ist, ist instabil. Damit kann die Spontanität zu den zukünftigen, also den instabilen Ereignissen gerechnet werden, während die Ritualisierung zu den vergangenen, also stabilen Ereignissen gehört.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Man kann mit der Spontanität von Menschen rechnen. Ihre Spontanität ist ritualisiert. Es gibt ritualisierte Spontanitätshemmer und ebenso gibt es ritualisierte Zeiten der Spontanität (Six thinking hats von Edward deBono, Morgenseiten von Julia Cameron). Wie vieles, so entpuppt sich auch hier die Zeitlichkeit eines ideellen Begriffs als komplex und heterogen.

Was mich allerdings am meisten daran interessiert, ist, wie solche Zeitlichkeiten über Normen und Werte reguliert werden.
Judith Butler hat angenommen, dass sich Subjektivationen durch wiederholte Anrufungen ereignen. Allerdings sehe ich hier das Problem, dass diese Ereignisse, diese Sprechakte, diese Performanzen keinen Halt finden, wenn sie sich nicht zugleich ein Gegengewicht erzeugen. Dieses Gegengewicht wird, wie Jürgen Markowitz das so schön ausgedrückt hat, in die Abwesenheit deponiert. In dieser Abwesenheit wird von dem Gegengewicht erwartet, dass es gleich bleibt.
Nicht bei Butler, aber bei der Deutschen feministischen Diskussion ist mir dies aufgefallen: es gibt zwei Arten, Identitäten zu bilden. Und man könnte diese beiden Arten durch ihren Bezug zur Macht unterscheiden: bei der einen Identität wird das Subjekt durch beständige Machtmechanismen erzeugt, bei der anderen wird die Identität durch eine Wegnahme von Machtverhältnissen geschaffen. Das Befremdliche an der feministischen Diskussion ist zum Beispiel, dass den Kindern keinerlei Macht zugesprochen wird und dass sie nur über die Mutter vermittelt als Subjekte auftauchen. Versucht man diese dann allerdings als politische Akteure ins Spiel zurückzuholen, gilt man häufig als „Erpresser“ oder etwas ähnliches.
Natürlich gilt das nicht für jede Diskussion. Natürlich gibt es auch ganz andere Ansichten vom Kind. Trotzdem wirkt das Kind häufig wie eine Legitimation und als nichts anderes. Dass dies die „feministische“ Seite ist, die man durchaus anprangern kann, bedeutet allerdings nicht, dass die Gegenseite, zum Beispiel die der „missachteten Väter“ richtig ist. Komplexe Systeme funktionieren nicht nach einem solchen einfachen Entweder-Oder.
In einer solch komplexen Situation könnte es hilfreich sein, sich auf die Rhythmen der Aktualisierung zu stützen und auf den Begriff des Zeichengefüges, so wie E. ihn für den Bereich der Jugendkriminalität versuchsweise fruchtbar gemacht hat (versuchsweise, weil die Literatur für einen solchen theoretischen Vorstoß nicht vorbereitet war und deshalb die Arbeit ein ganzes Stück weit spekulativ bleiben musste).
Wir hätten dann eine wesentlich schwierigere Situation zu beachten, als Judith Butler sie schildert. Es gäbe dann keine Effekte der Subjektivation ohne Effekte der Entsubjektivierung, keine Anrufung ohne eine Abberufung. Butler hat dies auch mehrfach angedeutet, etwa, wenn sie die Resignifikation als eine zentrale Strategie vorstellt  (die Resignifikation wird, soweit ich das sehe, bei Butler nie genau definiert: sie bildet eine Lesart, die der dominierenden Lesart insofern widerständig ist, als sie die Quelle und deren Kommentar, also die Signifikation, in die Situation einer noch genaueren, erweiterten Lesart bringt; ebenso ist die Entnaturalisierung des biologischen Geschlechts bei Butler keineswegs anti-patriarchal oder subversiv, siehe Körper von Gewicht, S. 177 ff., insbesondere aber S. 183).

05.03.2015

statt Lesen

Irgendwie hat mich die Grippe jetzt voll im Griff. Zwei Tage habe ich Gliederschmerzen gehabt, dann letzte Nacht hohes Fieber, dafür bin ich heute bis auf eine bleierne Müdigkeit symptomfrei.

Was ich gerade nicht so toll finde in meinem Leben: ich habe mir in den letzten Wochen zahlreiche Bücher gekauft, viele antiquarisch. Ich komme nicht dazu, sie zu lesen.
Immerhin: Bücher zu besitzen ist großartig.

01.03.2015

Sehen: Extrapolation, Unterbrechung, Gruppe

Geht man nicht von einer positivistischen Wahrnehmung aus, also von einem Eindruck der Wirklichkeit in der Wahrnehmung, versucht man also den radikalen Konstruktivismus ernst zu nehmen, dann muss man von einer Form ausgehen, die den Wahrnehmungen zu eigen ist, die nicht in einem Jenseits liegt, sondern auf derselben Ebene, mithin in anderen Wahrnehmungen. Insofern brauchen wir keine Abbildlehre, sondern eine Grammatik des Sehens. 

Der Formalismus

Im Moment lese ich von Sylvia Sasse das Buch Michail Bachtin zur Einführung. Der Formalismus begründete sich darin, dass die Form in der Komposition des Kunstwerks verwirklicht werden könnte. Es gebe also die Möglichkeit, die Form, die eine typische Leistung der Vernunft ist (im Sinne Kants), im Material zu veräußern. Dieser Idee widerspricht Bachtin. Er wirft den Formalisten ein verkürztes Verständnis der Form vor. Zunächst, so Bachtin, gibt es zwar eine Korrespondenz zwischen der äußeren Gestalt und der inneren Form, aber keine Gleichheit. Vielmehr entsteht die Form aus der Komposition des Kunstwerkes, seinem Inhalt und seinem Material und bildet damit eine Art Atmosphäre, die durch die „tätige Wahrnehmung“ am Kunstwerk entsteht. 

Verfremdung

Schon bei den Formalisten spielt die Verfremdung eine wichtige Rolle. Sie unterscheiden zunächst das Wiedererkennen und das Sehen. Das Wiedererkennen geschieht automatisch, gleichsam am Bewusstsein vorbei; demgegenüber ist das Sehen durch verschiedene Formen der Verfremdung und damit Aneignung des geschauten Objekts hindurchgegangen.
Der wesentliche Gedanke dabei ist, dass nur durch die Verfremdung selbst eine Aneignung des Objekts möglich ist. Das Objekt muss behandelt, verändert, umgestaltet, transformiert werden. Dieser Gedanke ist untypisch, weil wir die Aneignung mit der bewusstlosen, automatisierten Beherrschung gleichsetzen und diesen Gedanken in der „Eigentlichkeit“ des Objekts verankern, also in einer Art Wesen und Wesentlichkeit. Sowohl die Formalisten als auch Bachtin, eigentlich aber schon Kant, drehen diesen Gedanken komplett um. 

Mannigfaltigkeit

Geht man davon aus, dass die Wahrnehmung nicht abbildet, sondern in einer Grammatik geregelt ist, dann drückt sich diese Grammatik in Form von „Sätzen“ aus. Dies sind Konstellationen oder Konfigurationen, die einen geregelten Zusammenhang bilden. Gelegentlich findet man dafür den Begriff der Mannigfaltigkeit (zum Beispiel bei Kant und Wittgenstein).
Eine Möglichkeit, eine solche automatisierte Grammatik zu verfremden, ist die Extrapolation. 

Extrapolation

Ich hatte die Extrapolation in den letzten Jahren immer wieder als ein Beispiel für schlechte Argumentation vorgeführt. Sie löst ein Element aus einer Gruppe heraus und behauptet, dass dieses Element die Gruppe als Ganzes charakterisiere. Sowohl bei Ludwig Wittgenstein als auch bei Gilles Deleuze wird dagegen die Gleichwertigkeit der Elemente als ein Zusammenwirken behauptet. Die einzelnen Elemente haben nicht unbedingt die gleiche Funktion; aber keines von ihnen ist der Abbildung der gesamten Gruppe fähig, sowie ein Verb oder ein anderes Wort nie den gesamten Satz abbilden kann. Ein Satz funktioniert nur als gesamter.
Unter diesem Aspekt der Abbildung ist die Extrapolation tatsächlich eine falsche Operationsweise. Nimmt man allerdings die Extrapolation als Möglichkeit der Verfremdung, dann dient sie dazu, durch die unterschiedlichen Abweichungen über die „ursprüngliche“ Gruppe aufzuklären.
Indem ich also einen Satz immer wieder abwandle, indem ich ihn mit ähnlichen, aber doch anderen Sätzen einkreise, kann ich Rückschlüsse auf die Form des Satzes ziehen.
Diese Art und Weise, die Extrapolation zu gebrauchen, führt zu Regeln, nicht zu Bildern. (Das Bild des Satzes wird bei Wittgenstein als ein positivistisches Überbleibsel kritisiert. Man glaubt, so Wittgenstein, zwar nicht mehr an die Wirklichkeit, aber doch an die Wahrheit der Sätze. Dann aber würden die Sätze ohne das Wirken der Vernunft zustande kommen, was, folgt man der konstruktivistischen These, eine Absurdität ist.) 

Unterbrechung

Eine andere Form der Verfremdung ist die Unterbrechung. Eine Reihe oder Abfolge wird in ihrem Automatismus aufgehalten. Auch hier spielt die Extrapolation eine wichtige Rolle.
Als ich neulich über die Ambivalenz der Metakognition geschrieben habe, beruhte das auf demselben Gedanken wie die Ambivalenz der Extrapolation. Die Metakognition bildet den Lernprozess nicht ab, sondern reguliert ihn auf eine bestimmte Art und Weise, indem sie ihn in eine Form presst, die ihm bis dahin nicht eigen war. 

Normativ/kognitiv

Bei Niklas Luhmann findet sich die Unterscheidung normativ/kognitiv. Normative Prozesse ordnen ein Stück Welt entlang einer Norm. Falls es sie rein gäbe, dann in der Form, dass sie nicht an Erkenntnis interessiert sind. Dem stehen die kognitiven Prozesse gegenüber, die reines Erkennen wären, wenn es rein kognitive Prozesse gäbe. Meist sind es jedoch Mischformen.
Diese Mischformen drücken sich in der Ambivalenz der Metakognition genauso aus wie in der Ambivalenz der Extrapolation. Und genauso ist die Verfremdung zugleich eine Aneignung, weil sie ein Objekt projeziert, aber die Struktur, in die dieses Objekt eingebunden ist, meint. 

Parodieren

Das klassische Genre der Verfremdung ist die Parodie. Man kann die ganze Literaturgeschichte als eine Kette von Parodien lesen. Ich nehme an, dass dies in der Malerei und der Komposition ebenso möglich ist. Eine Parodie muss nichts Heiteres haben. Sie besteht aus einer Vorlage, die in gewisser Weise manipuliert und dadurch transformiert wird.
In der Kette dieser Transformationen wird das „Original“ in seiner Wertigkeit erkannt. Indem es durch die Parodie nicht mehr so funktioniert, wie es früher funktioniert hat, erkennt man die Regeln, nach denen es funktioniert hat und damit die Regeln, die eine Kultur zu einer gewissen Zeit ausmachen könnten. 

Zurück zum Subjekt

Auch das Subjekt erkennt sich selbst, so lese ich in Bachtin, in dieser Kette seiner Transformationen. Es ist zwar nicht außerhalb seiner selbst, aber darauf angewiesen, sich nach außen zu betätigen und darüber auf sich selbst zurückzuschließen. Bachtin nennt dies Außerhalbbefindlichkeit.
Was der Mensch wahrnimmt, wenn er in der Tätigkeit ein Objekt bearbeitet, sind die Bedingungen der Möglichkeit, ein solches Objekt zu erkennen. In der Tätigkeit und den Regeln der Tätigkeit liegt die Grammatik der Wahrnehmung.
Insofern ist Welterkenntnis zugleich Selbsterkenntnis. Und insofern brauchen wir auch keine erkenntnistheoretischen Zweifel. Wir müssen einfach nur die Strukturen unserer Welt und unsere Tätigkeit in ihr untersuchen, um uns selbst zu erkennen. Wir brauchen nicht den Verdacht, dass wir etwas nicht sehen würden, nicht erkennen könnten. Alles liegt offen vor uns da, wir als uns selbst, weil diese Welt unsere eigene ist.

23.02.2015

Intellektuelle Immunsysteme

Der Begriff der Hegemonie ist auch insofern faszinierend, als er verschiedene andere Begriffe aufnimmt und auf eigene Art und Weise transformiert. So korrespondiert er mit dem Begriff der Idiosphäre (R. Barthes), der sozialen Gruppe, der Subkultur, der Partei, und anderen mehr.

Immunsysteme

Niklas Luhmann postuliert Immunsysteme, die sich als Subsysteme von funktionalen Systemen herausbilden. In Interaktionen ist dies zum Beispiel die Höflichkeit. Die Höflichkeit codiert Themen und Meinungen als erwünscht oder unerwünscht und stabilisiert so die laufenden Interaktionen gegen zu viele Störungen. Innerhalb verschiedener Gruppierungen kann ein Mensch so an verschiedenen Immunsystemen teilhaben. Er kann an den Verdrängungsmechanismen seiner Familie partizipieren, aber ebenso an den Verschweigemechanismen einer Partei, deren Mitglied er ist. Dabei spielen unterschiedliche Strategien der Immunisierung eine Rolle.

Figur-Grund-Unterscheidungen der Meinung

Immunisierungen haben einen produktiven Effekt. Sie erzeugen eine Menge von üblichen Meinungen, vor denen die anderen Meinungen, also jene, die ausgeschlossen sind, wie eine Art Rauschen auftreten. Man kann hier also von einer Figur-Grund-Unterscheidung sprechen. Die Figur ist in sich selbst geordnet und relativ stabil, während der Grund unruhig bleiben darf.
An den Rändern, so kann man annehmen, entstehen ständig stabilisierende und destabilisierende Effekte. Stabilisierungen werden in die die Gruppe konstituierenden Meinungen integriert.

Strategien

Es gibt zahlreiche Strategien, wie solche „Meinungsmengen“ einheitlich gehalten werden.
Eine der wichtigsten dürfte die Manipulation von Merkmalen sein. So findet man bei sämtlichen Sexismen und Rassismen die Vertauschung von akzidentiellen und substantiellen Merkmalen. Aus einem akzidentiellen Merkmal wird ein substantielles, indem man dieses verallgemeinert. So wird aus der Erfahrung mit einem Türken auf den türkischen Charakter geschlossen. Diese Strategie hatte ich des Öfteren unter dem Begriff der Extrapolation untersucht.
Eine weitere Strategie besteht in der Verwechslung von Form und Daten. Dies trifft man häufig bei der Interpretation von Statistiken an. Ein Datum ist zum Beispiel eine konkrete Aussage einer ganz konkreten Person. Nehmen wir an, dass eine junge Frau beklagt, dass sie größere Probleme hat, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen, als dies bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist. Dann ist diese Aussage ein Datum. Untersucht man nun eine Gesamtheit an Aussagen und formt daraus eine statistische Verteilung, dann ist diese Verteilung nicht objektiv, sondern entlang einer mehr oder weniger gut beherrschten Funktion geordnet. Diese Funktion ist ein Zusatz zu den Daten, der einen Funktionswechsel ermöglicht. Damit entkoppelt eine Statistik ein Datum von dem ursprünglichen funktionellen Zusammenhang.

Enthymeme

Ich definiere ein Enthymem als eine Schlussfolgerung, bei der die Regel der Ableitung nicht genannt werden muss, weil sie als bekannt vorausgesetzt wird, bzw. weil die Schlussfolgerung selbst ein gewohnheitsmäßiges Muster bildet.
In formalen und von menschlichen Meinungen unabhängigen Sachzusammenhängen wie der Mathematik oder der Physik sind solche Enthymeme recht unproblematisch. Sobald es aber um Meinungen geht, die das menschliche Zusammenleben betreffen, findet man so viele Möglichkeiten, Ableitungsregeln zu bilden, das wohl keine von ihnen einen weitreichenden Geltungsanspruch stellen darf. Zudem sind die Schlussfolgerungen im sozialen Bereich durch „intentionale Effekte“ durchlöchert. Intentionen drehen die Zeitlichkeit um: jemand handelt, nicht, weil vorher etwas passiert ist, sondern damit hinterher etwas passiert. Dadurch, dass man handelt, ist aber noch längst nicht gewährleistet, dass das Erwünschte auch tatsächlich eintritt.
Dann gaukelt das Enthymem aber eine Sicherheit vor, die die Realität nicht zu bieten hat.
Insofern sich aber viele Menschen auf eine solche gleiche Art und Weise des Schlussfolgerns stützen, kann es hier tatsächlich zu Realitätseffekten kommen.

Die Hegemonie

Eine Hegemonie kann sowohl von ihrem „Zentrum“ als auch von ihren „Rändern“ aus betrachtet werden. Im Zentrum einer Hegemonie stehen wohl völlig unhinterfragte Enthymeme, wie dies zum Beispiel in der Adelsklasse des 17. Jahrhunderts in Bezug auf die eigene Stellung typisch war: diese galt als gottgegeben und damit als unangreifbar.
Eine solche Überzeugung ist allerdings nur der ideologische Kern. Dieser entspricht nur mehr oder weniger der Praxis. Und insofern ist die Praxis kein reiner Vollzug der Enthymeme.
An den Rändern der Hegemonie entsteht ein lebhafter Austausch, der auch aus Strategien des Ausschließens und Vereinnahmens besteht. Diese stabilisieren dann eine Gruppe von den Rändern her.

Der berufsmäßige Intellektuelle

Wenn jemand sich um Meinungen sorgt, dann der Berufsstand der professionellen Intellektuellen. Ihnen obliegt es, eine Hegemonie mit Enthymemen und Semantiken des Vereinnahmens und Ausschließens zu versorgen. Dazu schreibt Gramsci:
Ein sehr verbreiteter Fehler besteht darin zu glauben, dass jede soziale Schicht ihr Bewusstsein und ihre Kultur auf dieselbe Weise, mit denselben Methoden, d.h. mit den Methoden der berufsmäßigen Intellektuellen, ausarbeitet. Auch der Intellektuelle ist ein »Professioneller«, der seine spezialisierten »Maschinen« und seine »Lehrjahre« hat, der sein eigenes Taylorsystem hat. Es ist illusorisch, allen diese »erworbene« und nicht angeborene Fähigkeit zuzuschreiben. Es ist illusorisch, zu denken, dass eine in geeigneter Weise verbreitete »klare Idee« in unterschiedliches Bewusstsein mit denselben »organisatorischen« Effekten allgemein verbreiteter Klarheit eingeht. Das ist ein »aufklärerischer« Irrtum. Die Fähigkeit des berufsmäßigen Intellektuellen, Induktion und Deduktion geschickt miteinander zu kombinieren, zu verallgemeinern, abzuleiten, ein Unterscheidungskriterium aus einer Sphäre in die andere zu übertragen und es den neuen Bedingungen anzupassen usw., ist eine »Spezialität«, ist keine Gegebenheit des »Alltagsverstandes«.
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte I, 93 f.

Common sense

Im Gegensatz zu Gramsci, der das Wirken eines Intellektuellen am Werk sieht, postuliert Clifford Geertz ein kulturelles System von Meinungen, ohne damit schon Effekte des Gruppierens und der Bildung von Subsystemen anzudeuten. Trotzdem gibt es bei ihm nicht notwendigerweise intellektuelle Protagonisten. Das mag an einer Blindheit liegen, kann aber auch den Gruppen geschuldet sein, die Ethnologen typischerweise untersuchen. Oftmals sind es bereits lang etablierte Gruppen, deren Phase der intellektuellen Konstitution relativ abgeschlossen ist. Wie Machiavelli angelegentlich der Machtübernahme der Medicis zu sagen wusste, bedarf es zu Beginn einer Staatsgründung besonderer Anstrengungen, insbesondere auch der Lüge und der Manipulation. Später dürfe sich der Fürst einer gewissen Ehrlichkeit bedienen, ja, sie sei sogar notwendig, um dem Volk Vertrauen einzuflößen.
Man kann also bei der Entstehung von Hegemonien typischerweise zwei Phasen annehmen: in der ersten Phase kann man relativ gut einen dominierenden Intellektuellen identifizieren, während in der zweiten Phase diese Funktion mehr und mehr vom Common sense übernommen wird. 

Schluss

In den letzten Tagen habe ich dazu weiterführende Überlegungen begonnen aufzuzeichnen. Wenn man Klassenleiter einer Schülergruppe ist, hat man sehr unterschiedliche Funktionen zu vereinen. So muss man innerhalb der Klasse einen Führungsanspruch etablieren und durchsetzen, mithin also eine Hegemonie aufbauen, die den Schüler entlang der Anforderungen der Gesellschaft an die Schule führt. Andererseits hat man es mit Kollegen zu tun, und hier ist es eher eine Idee, wie diese jeweils besondere Schule gestaltet werden sollte. Schließlich spielen die Eltern eine wichtige Rolle, die wiederum andere Absichten und Ziele ins Spiel bringen.
Was ich gerade ganz wunderbar finde, ist, wie sich entlang solcher unterschiedlichen Ansprüche an die Führung ein sehr lebendiger Prozess entwickelt, der zugleich eine enorme Differenzierung erreicht. Im Moment hat sich mein Blick von den Schülern als „solipsistisch“ lernenden Wesen auf Prozesse der Interaktion und Veränderungen der Interaktion als Lernprozesse verschoben.

22.02.2015

19:00 Uhr — Tagesfragen

Jetzt ist mein Sonntag vorbei. Nach einem mäßigen Frühstück habe ich den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen und lediglich eine Kanne Kaffee und einen halben Liter Joghurt zu mir genommen. Grund dafür habe ich genug: immer mehr meiner Schüler schreiben recht ausführlich zu den Tagesfragen einige sind mittlerweile über eine Schwelle hinweg, so dass ihre Texte sehr viel reifer sind, aber einfach zu korrigieren. Arbeitsreich ist nur dieses Zwischenstadium, wenn ein Text auf eine andere Form der darstellungshindrängt, diese aber noch nicht gut erreicht hat. Dann muss ich selbst genauer überlegen.
Diese Woche ist meine elfte Woche, in der die Schüler mir Tagesfragen schreiben. Die Entwicklung verläuft sehr unterschiedlich. Bei einigen Schülern sind die ersten Entwicklungssprünge abgeschlossen und man merkt bei ihnen, dass jetzt ein weiterer vorbereitet wird. Ein Schüler ist dabei, der jede Woche meine Anmerkungen so perfekt integriert hat, dass er in der nächsten Woche einen wesentlich reiferen Text abliefert. Dieser Junge ist in der fünften Klasse. Wenn er so weiter macht, werde ich gegen Ende des Jahres ernsthafte Schwierigkeiten haben, ihm noch etwas beizubringen.
Andere Kinder entwickeln sich in andere Richtungen. Ich bin immer wieder überrascht. Ein Mädchen, das wir bisher immer ganz hervorragende wissenschaftliche Texte abgeliefert hat, schrieb diesmal recht essayistisch und persönlich. Ein anderer Schüler hat fast so etwas wie eine Glosse geschrieben; dieser hatte vorher sehr schöne, meist auf die Technik bezogene Texte abgeliefert.

All das mag ich.
Zwischendurch musste ich dann auch mal zwei Stunden in den Discorsi von Machiavelli lesen. Auch das war den Tagesfragen geschuldet. Ich hatte letzte Woche als eine der „schwierigen“ Aufgaben einen Text zu dem Attentat auf die jüdische Nationalmannschaft während der Olympiade 1972 eingereicht. Dazu hatte ein Schüler geschrieben. Die Ansätze waren ganz hervorragend. Nun hat sich der junge Mann gewünscht, mehr zum Thema Diktatur und Demokratisierung zu erfahren. Das dürfte für mich tatsächlich eine schwierige Aufgabe werden. In der Erkenntnistheorie und der Literaturwissenschaft kenne ich mich mittlerweile so gut aus, dass mir eine didaktische Reduktion für Schüler der fünften Klasse noch gelingen könnte; was die politischen Theorien angeht, habe ich wesentlich mehr Zweifel. Aber das muss sich dann sowieso meinen Schülern immer wieder sagen: ich bin nicht in der Lage, jedes Thema gleich gut zu bedienen.
(Zum Beispiel fällt mir das Thema Fußball schwer; und noch rätselhafter sind mir Pferde und Kaninchen.)

Glanz und Elend der Kriminologie

Vor vier Jahren habe ich für einige Zeit einen Kunden gehabt, der über verschiedene Probleme der Etikettierung gearbeitet hat, unter anderem der Etikettierung kriminellen Verhaltens. Daraus hat sich eine Korrespondenz entwickelt, die mal mehr, mal weniger intensiv war. Sehr rasch haben wir uns nicht nur über kriminelles Verhalten unterhalten, sondern über erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Es ging zum Beispiel um Fragen, wie kriminelles Verhalten überhaupt wahrgenommen werden kann, bzw. welche Bedingungen herrschen müssen, damit Menschen Kriminalität wahrnehmen "können".

Kulturkonflikte

Da gab es dann dieses Buch, von einem gewissen Bernd Dollinger, Jugendkriminalität und Kulturkonflikt. Es ist ein typisches Buch eines Sozialpädagogen. Eigentlich kann man dies schon am Titel ablesen. Kultur ist ein äußerst beliebter Begriff, wenn man so gut wie gar nichts zu sagen hat. Und leider leistet dieses Buch auch nicht sonderlich viel. Es bietet einige gute Zusammenfassungen von bestimmten Theorien; insgesamt aber macht es wenig mehr, als zu sagen, dass Kriminalität problematisch sei und dass die kritische Kriminologie für diesen Zustand Sorge trägt, aber ihn nicht unbedingt beenden möchte (oder beenden kann).
Faszinierend an dem Buch ist schon, was ich meinen Diplomanden nie habe durchgehen lassen, nämlich Begriffe, die im Titel stehen, nicht hinreichend zu klären. So kümmert sich Dollinger zwar um den Begriff der Kultur, aber nicht mit einem Satz um den Begriff des Konfliktes. Schon das dürfte misstrauisch stimmen. Zentrale politische Theorien des 20. Jahrhunderts stellen gerade diesen Begriff in den Mittelpunkt ihres Werkes. Die Theoretiker einer liberalen Gesellschaftsordnung, Hannah Arendt zum Beispiel, aber auch Dolf Sternberger und Ralf Dahrendorf, mittlerweile aber auch Neomarxisten wie Chantal Mouffe (Stichwort: Agonistik), weisen den Konflikten eine zentrale Stellung im demokratischen Prozess zu.

Die Analyse

Ein anderes Problem solcher Bücher ist der Begriff der Analyse. Analysen basieren oft auf dem Mythos, dass sie etwas entdecken, was in dem Untersuchungsgegenstand drinnen steckt, und dass sie gegenüber dem Untersuchungsgegenstand eine große Aktivität entfalten, aber der Welt als solcher nichts hinzufügen. Bei vielen Analysen sieht es so aus, als wäre die Bedeutung unter der Oberfläche verborgen und müsse nur hervorgeholt werden.
Wird die Kriminalität untersucht, geht man immer davon aus, dass es verborgene Mechanismen gäbe, die für die Zuweisung kriminellen Verhaltens zuständig wären. In Wahrheit muss man sich nur die Oberfläche ansehen; man muss feststellen, wie die Wörter gebraucht werden. Und es reicht vollkommen aus, diesen Gebrauch zu beschreiben.
Dies ist die zentrale These Wittgensteins: die Bedeutung der Wörter besteht in ihrem Gebrauch. Er beschreibt dies eigentlich schon im ersten Paragraphen der Philosophischen Untersuchungen.

Wesen

Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.
PU § 371.
Dies ist einer der berühmten Sätze Wittgensteins. Ähnlich wie Nietzsche uns auf die Zwänge der Sprache hingewiesen hat, zeigt Wittgenstein, dass die Verknüpfungen und Regelmäßigkeiten in den Sprachspielen sich nicht auf ein Wesen, ein Dasein stützen. Was immer dieses Wesen auch ist: es ist nicht vorgängig. Statt von einem Wesen zu sprechen, nennt Wittgenstein dies gelegentlich Bedeutungskörper (vgl. PU § 559; PG S. 54).
Untersucht man nun den Begriff "kriminell", dann zeigt sich rasch, dass damit sehr unterschiedliches gemeint ist. Unterhalb der Möglichkeit, dieses Wort beständig wiederholen zu können, zeigt sich ein jeweils anderer Gebrauch.
Man möchte sagen, diese beiden Arten des Gebrauchs geben nicht eine Bedeutung; die Personalunion durch das gleiche Wort sei ein unwesentlicher Zufall.
PU § 561
Statt also von einem einheitlichen Wesen der Kriminalität, bzw. des kriminellen Verhaltens auszugehen, wäre es wichtiger, die verschiedenen Weisen des Gebrauchs zu untersuchen, bzw. so etwas wie eine Landkarte des Benutzens zu erstellen.
(Wenn man sich die verschiedenen Bedeutungsweisen nicht vor Augen führt, wird aus der Sprache ein Labyrinth:
Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.
PU § 203)

Sorgerechtsstreit

Man denke sich also die vielfältigen Gebrauchsweisen des Kindes, gerade wenn ein Konflikt vorliegt, der heuristische Prozesse hervorruft. Vieles erscheint dann, wenn es um so wichtiges wie die Liebe zum Kind geht, als grob gestrickt, falsch, schief ins Leben eingebaut. Vor allem aber scheint sich, beim Streite der Eltern, der ganze Gehalt auf einige, wenige Differenzen zusammenzuziehen.
Untersucht man aber die Sprache genauer, zum Beispiel bei Sorgerechtsstreitigkeiten, dann stellt man vor allem ein Zusammenschrumpfen und Vermischen der Bedeutungskörper fest: es gibt keinen deutlichen Gebrauch mehr, weder von Familie, noch von Liebe zum Kind, noch von der Sorge ums Kind. Rhetorisch gesehen kann man dann die Mechanismen der contaminatio identifizieren. Diese sind, wie ich bereits einige Male dargelegt habe, sowohl für die kriminalistischen als auch für die humorvollen Erzählungen kennzeichnend.
Wer sich also an die Untersuchung macht, wie die Sprache in Sorgerechtsstreitigkeiten funktioniert, tut zunächst gut daran, die Phänomene der Sprache in Konflikten zu untersuchen, bevor er (oder sie) auf solche Vereinfachungen wie geschlechterspezifisches Sprechen kommt.
Natürlich gibt es geschlechterspezifische Aspekte im Sorgerechtsstreit. Aber diese fußen, so scheint mir, nicht auf der Leitdifferenz Mann/Frau, sondern der von Ritual/Konflikt. Insofern ein nicht-konflikthafter Zustand zwar feinere, weitreichendere Regeln verwirklicht, scheint er intelligibler. Nichts lässt aber darauf schließen, dass er gerechter, weniger "patriarchal" (oder weniger "prinzesschenhaft") sei. Nehmen wir also an, dass die Sprachspiele sich weniger oder anders geregelt abwechseln, wenn wir es mit einem Konflikt zu tun haben, nehmen wir weiterhin an, dass die Bedeutungskörper sich stärker mischen und primitiver ausfallen, dann sind zunächst diese Mechanismen genauer zu untersuchen.
Wir müssen dann auch davon ausgehen, dass die diskursiven Bedingungen, die das Verhältnis der Geschlechter regelt, im Nicht-Konflikt und im Konflikt ganz andere sind, und insofern diese die körperlichen Verhältnisse der Partizipanten regeln, wechseln die Eltern im Sorgerechtstreit ihr (kulturelles) Geschlecht.

Nachtrag

Ich muss mich jetzt dringend an meine Wochenfragen machen. Ich habe am Donnerstag mit der Durchsicht begonnen, bin aber gleich an der ersten Antwort hängen geblieben, weil der Schüler nicht nur eine tolle Analyse hingelegt hat (mit dem Problem, dass sie unsystematisch verläuft, was in der 5. Klasse verzeihlich ist), und dann auch noch ein sehr kompaktes Gedicht geschrieben hat, was mich zu einigem Nachdenken veranlasst hat.
Ich habe heute morgen noch in einem Aufsatz von Clifford Geertz gestöbert, der uns, Emilio und mir, letztes Jahr über den Weg gelaufen ist, den wir aber (ich hatte dann kaum noch Zeit) nicht weiter zerpflückt haben. Er - der Aufsatz - erschien uns deshalb wichtig, weil er einige Kategorien des common sense, des Alltagswitzes (wie es bei Schopenhauer heißt) formuliert: naturalness, practicalness, thinness (oder: literallyness), immethodicalness, accessibleness. Der Aufsatz: Common Sense as a Cultural System findet sich in Geertz Buch Local Knowledge. (Und auch dies ist, um meine Kritik von oben wieder aufzunehmen, ein Problem Dollingers: viele der Missstände, die er in seinem Buch anspricht, sind bereits vielfältig diskutiert worden. In der deutschen Kriminologie gibt es einen seltsamen Hang, sich gegenseitig zu zitieren und so eine geistige Inzucht zu erzeugen, statt in verwandte Felder auszuweichen, um dort zu schauen, wie es noch gemacht werden kann. Die Anthropologie, bzw. Ethnologie ist mit Sicherheit ein fruchtbares Feld, ähnlich wie die Literaturwissenschaften.)

19.02.2015

Aufmerksamkeit

Seit zwei Wochen bin ich im Besitz einiger Montessori-Bücher. Nicht Montessori selbst, aber in irgendeiner Art und Weise doch ihre Begriffe, haben mich damals zu einer Arbeit veranlasst, mit der ich nie fertig geworden bin. Damals? Während meines Studiums. Jedenfalls habe ich einige Zeit daran geforscht und gearbeitet, unter anderem mit dem großartigen Buch von Jürgen Markowitz »Verhalten im Systemkontext«, habe sie dann aber, wie einige meiner begonnenen Arbeiten, beiseite gelegt. Mittlerweile ist dieses Thema zurückgekehrt.

Zwischenglieder

Ich weiß noch, dass ich gerade nach Tübingen umgezogen war, und ich mit einem Buch von Sartre irgendwo am Rande zu den Feldern saß. Ich hatte damals schon einige Jahre Tagebuch geführt. An diesem Nachmittag wurde mir deutlich, dass die Gegenstände und Phänomene nicht dadurch interessant sind, dass sie bestimmte Eigenschaften in sich tragen, sondern dadurch, dass man sie sich interessant macht. Es war, glaube ich, das erste Mal, dass mir die Idee der Operationalisierung ganz konkret bewusst geworden ist.
Wittgenstein schreibt:
Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verständnis, welches eben darin besteht, dass wir die ›Zusammenhänge sehen‹. Daher die Wichtigkeit des Findens und des Erfindens von Zwischengliedern.
PU § 122

Gewertete Information

Psychologisch gesehen sitzt die Aufmerksamkeit genau an der Schnittstelle von Emotion und Kognition. An dieser Schnittstelle werden die Weichen für die Motivationsprozesse gestellt. Kognitiv gesehen vermittelt die Aufmerksamkeit zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis, motivational zwischen Bedürfnis und kulturellen Angeboten des Befriedigens. Ankommende Informationen durch die Wahrnehmung werden mit bereits erfahrenen Informationen verknüpft. Diese Verknüpfung verbindet sich mit emotionalen Zuständen. Die ausgewählten Motive müssen natürlich kognitiv sein, da sie zunächst durch die Wahrnehmung geliefert werden und erst durch die Verarbeitung gewertet werden.
Dieses Schema ist natürlich sehr schlicht. Es soll zunächst nur dabei helfen, sämtliche Aspekte des menschlichen Handelns auf Seiten der Psychologie im Auge zu behalten.

Problemlösen

Wenn man sich die Mechanismen des Problemlösens ansieht, dann handelt es sich eigentlich nicht darum, wirklich Probleme zu lösen, sondern Folgen zu entwickeln, unter denen ein Mensch handlungsfähig bleibt. Typisch ist dies bei der Mittel-Ziel-Analyse. Der Weg zum Ziel wird eingeteilt in unterschiedliche Handlungsschritte. Dabei werden nach und nach die einzelnen Handlungen und Zwischenergebnisse ineinander verschränkt, so dass sich ein einheitlicher Weg ergibt.
Bei der Analogiebildung ist dies nicht ganz so ersichtlich. Das liegt unter anderem auch daran, dass es sehr verschiedene Arten und Weisen der Analogiebildung gibt, so unter anderem Analogien, die rein im symbolischen Medium gezogen werden, während andere wieder die Medien wechseln.

Kontinuitäten

Doch gehupft wie gesprungen: erstellt werden Kontinuitäten, zwischen der Ausgangssituation und der Endsituation vermitteln, wobei die Endsituation nicht nur eine gewünschte Situation darstellt, sondern den ganzen Suchprozess strukturiert.
Problematisch dabei ist, dass die Aufmerksamkeit sowohl die Verknüpfungen erstellt, die zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis für einen weiteren Handlungsprozess notwendig sind, als sie sich auch auf diese Verknüpfungen stützen muss, um zur Handlungsfähigkeit zu kommen. Sie erzeugt somit ihre eigene strukturelle Determiniertheit durch die Muster, die sie zur Verarbeitung emotionaler Wertungen zu Aufmerksamkeiten zur Verfügung stellt.

17.02.2015

Sprachspiel und Sprechakt

Ich solle doch zumindest schöne Zitate raussuchen, wenn ich schon nicht zum Schreiben komme. Nun, vor einigen Jahren habe ich mich mit dem Thema Wut/Zorn beschäftigt. Hintergrund war die Lektüre mehrerer Bücher zur Emotionspsychologie. Ich wollte dieses Thema dann, zumindest für mich, anhand von kulturellen Texten auch semantisch untersuchen. Vor allem Goethe hatte es mir damals wieder angetan. Dazu habe ich jetzt, mit einiger weiterer Lektüre, noch einmal meinen Zettelkasten durchforscht. 

Weinen und Gebrüll

Das Weinen im Gefängnis: die anderen merken, ob das Weinen »mechanisch« ist oder »angstvoll«. Unterschiedliche Reaktionen, wenn jemand »Ich will sterben« schreit. Wut und Verachtung oder einfaches Gebrüll. Man fühlt, dass alle voller Angst sind, wenn das Weinen ehrlich ist. Weinen der Jüngsten. Der Gedanke des Todes stellt sich zum erstenmal ein (man wird mit einem Schlag alt).
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte I, S. 140
Diese Passage ist aus einer Notiz zu den Gefängniseindrücke von Jacques Rivière. Sie ist insgesamt sehr spannend (und bedrückend).

Wahrheitsbedingungen

Wäre ich ein Sprechakttheoretiker, dann müsste ich zunächst von der einzelnen Aussage ausgehen, die als zentrales Element der verbalen Handlung untersucht werden muss. Doch die Passage von Gramsci zeigt, dass eine Aussage wie »Ich will sterben« weder einen Wahrheitsgehalt besitzt, noch eine einfache, performative Aussage darstellt. Noch schwieriger stellt es sich dar, wenn man das Weinen, welches ja offensichtlich von den anderen Gefängnisinsassen verstanden wird, als Aussage zu untersuchen versucht.

Konstellationen

Je undeutlicher eine Aussage ist, umso schwieriger wird es, alleine aus der Struktur dieser Aussage den Handlungsgehalt herauszuarbeiten. Dann aber kommen die Sprachkonstellationen ins Spiel. Solche Konstellationen nicht alleine durch weitere Handlungen strukturiert, sondern durch zentrale Differenzen, die die Reaktionsweisen zwar nicht vollständig determinieren, aber zumindest vorgeben. Statt von einer Determination kann man von Gewohnheiten sprechen. Und so scheint es dann auch hier zu sein: Das Weinen wird je nach Einschätzung des Weinens (und wer dies äußert) anders behandelt.
Wesentlich ist also nicht der Sprechakt, sondern wie dieser in einem Sprachspiel konfiguriert ist. Wittgenstein hat für die Regeln dieser Konfiguration den Begriff der Tiefengrammatik geprägt. Er ist weniger an den oberflächlichen grammatischen Regeln orientiert, als an zentralen Differenzen und Wegen der Transformation.

Regeln befolgen

An solchen Sprachspielen und Transformationen kann man dann übliche und unübliche Wege verfolgen, die mal den gewöhnlichen Einteilungen gehorchen, mal widerständige und entgegengesetzte Wege gehen.
Um mit solchen Gewohnheiten bewusster umgehen zu können, ist eine Analyse notwendig. Klassischerweise wurden solche Analysen als Mittel zum Ziel der Vernunft ausgegeben. Irgendwann, so wurde implizit angenommen, habe man die Zwänge der Sprache hinter sich gelassen und sei in eine freie Ordnung eingetreten. Eine solche Annahme geht aber davon aus, dass sich eine wie auch immer geartete Realität erreichen ließe. Dem muss man, eigentlich schon seit Immanuel Kant, deutlich widersprechen.

Resignifikation

Wenn es aber nur eine illusionäre Orientierung in der Sprache gibt, dann kann es auch keinen festen Bezugspunkt für die Interpretation geben. Judith Butler führt dies angesichts der feministischen Interpretation der Pornographie vor. Problematisch ist nicht nur die Pornographie selbst, sondern auch deren Interpretation. Eine Analyse bedeutet immer den Ausschluss bestimmter Aspekte und damit eine Zurichtung des Untersuchungsgegenstandes, so dass die Ergebnisse von der Untersuchung, nicht von dem Untersuchten vorstrukturiert werden.
Die Resignifikation versucht dieser Misere dadurch zu entkommen, dass sie die vielfältige Lektüre zum Prinzip erklärt. Nur dadurch können die Begrenzungen von Interpretationen erfahren und deutlich gemacht werden. 

Relation und Wesen

Sowohl Judith Butler als auch Wittgenstein gehen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, von einer strukturellen Latenz aus. So schreibt Wittgenstein:
Die Grammatik ist keiner Wirklichkeit Rechenschaft schuldig. Die grammatischen Regeln bestimmen erst die Bedeutung (konstituieren sie) und sind darum keiner Bedeutung verantwortlich und insofern willkürlich.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Grammatik, S. 184)
Nietzsche äußert sich ähnlich:
Die Forderung einer adäquaten Ausdrucksweise ist unsinnig: es liegt im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße Relation auszudrücken … Der Begriff „Wahrheit“ ist widersinnig … das ganze Reich von „wahr“ „falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“ … Unsinn: es gibt kein „Wesen an sich“, die Relationen konstituieren erst Wesen, so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann …
Nietzsche, Friedrich: Nachgelassen Fragmente 1887-1889, S. 303

Referenz

Wenn man von der Sprechakttheorie ausgeht, dann ist diese einer Referenz auf eine Intentionalität verhaftet. Die Untersuchungen Wittgensteins dagegen beziehen sich auf die Strukturen der Oberfläche, also gerade nicht auf etwas Innerpsychisches. Gelegentlich hat Wittgenstein deshalb das Wesen durch den Begriff des Bedeutungskörpers ersetzt. Die Bedeutung wird durch den Gebrauch bestimmt und statt den Regeln der Grammatik zu folgen und einer wie auch immer gearteten Absicht, gilt es deshalb, die Regeln des Gebrauchs genauer zu betrachten.
Wenn also Gramsci über das Weinen schreibt, dann geht es vor allem auch darum, wie eine Institution bestimmte Äußerungen benutzt und dadurch auf bestimmte Arten und Weisen Subjekte erzeugt.

15.02.2015

Tagesfragen

Und mal abgesehen davon, dass meine Kinder (also meine Schüler eigentlich) sich fragen, warum die Tagesfrage Tagesfrage heißt und nicht Wochenfrage, hat mir hier meine Kollegin ein zwar arbeitsintensives, aber ganz hervorragendes Instrument überlassen, mit dem sich Kinder individuell fördern lassen. 

Meine Sonntagstätigkeit

Sicherlich: ich war heute, wie jeden Sonntag, anderthalb Stunden draußen. Es war noch recht kalt, aber durch den Sonnenschein haben sich zahlreiche Menschen im Mauerpark und auf dem Flohmarkt direkt daneben eingefunden. Ich war außerdem bei meinem Lieblings-Vietnamesen essen; mittlerweile bekomme ich mein Hühnchen in Kokosmilch immer schön scharf, so wie ich es brauche, wenn ich bereits einige Stunden über den Texten meiner Schüler gebrütet habe.
Und genau das mache ich derzeit jeden Sonntag. Für 72 Schüler schaue ich 72 Texte durch, benote sie, und, was wesentlich wichtiger ist, schreibe den Schülern einen Kommentar dazu, meinen wöchentlichen Brief. 

Die Themen

Die Themen sind mittlerweile weit gefasst. Einige Schüler haben ein Gedicht von Rose Ausländer interpretiert (jawohl!). Es handelt sich um das Gedicht Der Waldberg, das ich vor einigen Tagen selbst mit einer Interpretation hier in diesen Blog gestellt habe. Es ist sehr faszinierend, wie unterschiedlich die Kinder dieses Gedicht behandelt haben und in wie viele verschiedene Richtungen ihre Deutungen streben. Dabei entstehen ganz neue Arten und Weisen, das Gedicht zu betrachten; jede ist für sich gut. Natürlich sind diese Interpretationen nicht auf universitärem Niveau, aber doch so, dass man bei dem einen oder anderen eher auf einen guten Schüler der neunten Klasse schließen würde.
Die meisten Schüler haben allerdings einen Brief geschrieben an eine Person, die etwas Wichtiges in ihrem Leben verändern soll. Auch dabei sind schöne Texte entstanden.
Andere wiederum haben sich Gedanken dazu gemacht, warum wir Menschen sinnliche und gedachte Unterschiede brauchen. Das war ein sehr philosophisches Thema, zu dem einige ganz faszinierende Deutungen entstanden sind. Ich wünschte, ich könnte sie hier veröffentlichen, so gut sind sie geworden. 

Rechtschreibung

Meine Vorgängerin hat mir diese Wochenfrage überlassen mit den Worten, dass diese Übung sowohl für die Rechtschreibung als auch für die individuelle Ausdrucksfähigkeit wichtig sei. Weil hier einige Schüler dabei waren, die sich hervorragend ausgedrückt haben, habe ich mir gedacht, dass ich für diese Schüler Zusatzaufgaben gebe, die etwas schwieriger sind. Da beißen sich die Schüler gerade auch durch. Am Anfang waren die Antworten noch so lala; mittlerweile aber sind einige ganz tolle Texte entstanden.
Jedenfalls ist diese Kombination des wöchentlichen Schreibens, der individuellen, verbalen Rückmeldung und schließlich das Instrument der Übungswörter (das erkläre ich gleich) für die schwächeren Schüler eine tolle Sache. Einige von ihnen haben mittlerweile ganz wunderbare Fortschritte in der Rechtschreibung gemacht, auch die Kinder, bei denen eine Lese-Schreibschwäche vorliegt.
Für die Übungswörter schreibe ich alle falsch geschriebenen Wörter in grün hinter den Text: die Schüler schreiben diese Wörter dann zweimal ab. 

Freiarbeit

Für diese Technik ist es wichtig, dass die Schüler genügend Zeit haben, die Texte zu schreiben. Sie brauchen also die Möglichkeit, frei zu arbeiten in offenen Lernzeiten. Solche Möglichkeiten bieten Regelschulen im allgemeinen nicht. 

Noch anderes, was zu tun ist

Ich sollte langsam machen. Es gibt ja auch noch andere Dinge in meinem Leben, die ich gerade stark vernachlässige. Und immer wieder entdecke ich neue Sachen, die zu tun sind. So will ich mich eigentlich seit Wochen wieder intensiver mit dem Zeichnen beschäftigen. Für meinen Schreibtisch habe ich mir auch eine Schneidemappe besorgt. So gut das Montessori-Material auch ist: das eine oder andere muss dann doch noch einmal für die Schüler hergestellt werden.
Ich habe mir zahlreiche Bücher gekauft. So richtig zum Lesen bin ich noch nicht gekommen. Und so wie ich das sehe, wird das auch in der nächsten Zeit nichts. Meine Winterferien sind sang- und klanglos in der Arbeit verpufft.

09.02.2015

Selbstregulation

Mit einiger Faszination folge ich seit einigen Jahren dem Begriff der Metakognition. Als erstes finde ich sehr spannend, dass dieser Begriff, der doch so wichtigtuerisch klingt, von der Coaching-Literatur bisher noch nicht entdeckt worden ist. Gut, es sei ihnen verziehen. Sie haben ja auch 40 Jahre gebraucht, bevor sie das allgemeine Prinzip der bloomschen Lernzieltaxonomie entdeckt haben. Zweitens aber finde ich interessant, dass in der psychologischen Literatur die Zwiespältigkeit der Metakognition nicht gesehen wird. Sie ist dort oftmals reine Anpassung an die Leistungsmotivation. Selbst solche esoterischen Begriffe wie der der Kreativität sollen samt ihren Inhalten in den Dienst genommen und für den Arbeitsprozess verpflichtet werden.

Verpflichtung zum Selbstverhältnis

Mit einiger Ironie schreibt Stefan Rieger in Die Individualität der Medien:
In all den genannten Fällen werden Selbstverhältnisse über die bloße philosophische Beschreibung hinaus greifbar, liegen sie doch dort als programmatische Forderung, als pädagogische Konsequenz und damit in unterschiedlichen Formen der Operationalisierbarkeit vor. Der Verpflichtung auf selbstgenerative Prinzipien der Kreativität, der Spontanität und des Selbstbezugs folgt die Verpflichtung, diese Prinzipien ihrerseits selbstgenerativ regulieren, eindämmen und kontrollieren zu können. Unter welchem Titel man das selbstgenerative Prinzip auch immer fassen will: Menschen, Systeme oder Bewusstseine laufen als Konsequenz dieser Verpflichtung in einem strengen Sinne als kybernetische Apparate ab. Sie prozessieren in autopoetischer Rückkopplung, gelöst von fixen Außenreferenzen und nach Maßgabe einer gesteigerten, weil verzeitlichten Komplexität.
218 f.

Von der Passivität zur Aktivität

Faszinierend ist an dem Begriff der Selbstregulation wie an dem Begriff der Metakognition, dass diese historisch zunächst als passive „Systeme“ auftauchen, die einen Menschen davon in Kenntnis setzen, was mit ihm passiert. Es geht also mehr darum, etwas zu registrieren, und weniger darum, es zu regulieren.
Allerdings ist diese Betrachtung heute fast verschwunden. Waren die Tagebücher der Romantik noch Forschungsberichte ins Reich der Empfindungen, so änderte sich das mit der ersten universitären Psychologie dramatisch. Jetzt galt es Techniken zu erforschen und erfinden, die der Steuerung der Seele galten. Daraus entwickelte sich das komplexe Konstrukt der Metakognition.

Metakognition

Wie die Metakommunikation ist auch die Metakognition zunächst etwas, was sich von dem beherrschten Gebiet nicht unterscheidet. Die Metakognition ist zuerst Kognition. Zugleich ist die Kognition aber nicht nur das Medium, in dem die Metakognition beheimatet ist, sondern auch der Inhalt, das, worauf die Kognition sich bezieht. Sie bildet damit eine Art verrückter Schleife oder einen unendlichen Regress: denn von der Metakognition kann wieder ein Abbild gemacht werden und davon wieder eines und noch eines und noch eins, bis in die Unendlichkeit.
Vor allem aber ist die Metakognition eine vereinfachende Abbildung. Für Reflexionssysteme, die als Teil eines Gesamtsystems gebildet werden, ist es typisch, die Regulation durch Simplifizierung zu erreichen. Nur so ist es dem System möglich, Komplexität in den Griff zu bekommen. Sie wird dadurch beachtet, dass sie in ein zeitliches Nacheinander gebracht wird.
Und nichts anderes liefern diese metakognitiven Techniken: Sie bieten Verfahrensweisen an, wie mit der Komplexität des eigenen Denkens umgegangen werden kann. Es wird gesammelt, geordnet, gewichtet und in Abfolgen gebracht. Instruktiv dazu sind die Techniken der Verhaltenstherapie. 

Der Wahnsinn der Materialisierung

Vor allem aber wird das Denken materialisiert. Es wird aufgezeichnet, geschrieben, gezeichnet. Und wenn dies vor 50 Jahren unter der Herrschaft der Psychoanalyse als unbewusste Regung verstanden wurde, so können wir dies heute als einen strukturellen Effekt ansehen, weil jede Vereinfachung eines Systems dem System Elemente hinzufügt und es dadurch komplexer machen, was neue und andere Vereinfachungen auf den Plan ruft.
Hinter diesem strategischen System tauchen allerdings zwei Aspekte auf, die nicht so einfach zu nehmen sind. Zum einen die Metakognition noch wesentlich besser als die Kognition selbst dazu angelegt, dass Denken von der Umwelt abzukoppeln und in eine leerlaufende Schleife einzubinden. Es versagt sich, wird es intensiv betrieben, den Rhythmen der Umwelt. Schon Immanuel Kant hat darauf hingewiesen, dass die Beobachtung seiner selbst „leichtlich zu Schwärmerei und Wahnsinn führt“ (GW XII, 414). Und Rieger schreibt zum „Spielen mit kontrollierter Sinnesaffizierung“, dass diesem „die Gefahr seiner Übertretung bis hin zum Wahnsinn“ (219) zugesprochen wurde. Gemeint ist hier das Merken und das Lesen, also zwei kulturelle Leistungen, die eng mit dem Gedächtnis zusammenhängen. 

Intelligenz und Paranoia

Der andere Weg, der Metakognition in ihrem unendlichen Abtrift Einhalt zu gebieten, ist die Rückkehr zu äußeren Werten und Bindungen an die äußere Welt. Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass sich besonders intelligente Menschen gerne an religiöse Systeme fesseln; und diese werden zum Teil sehr dogmatisch betrieben. Was manchmal für Außenstehende unverständlich ist, nämlich, wie sich ein intelligenter Mensch zu solch paranoiden Gedanken hinreißen lassen kann, wird aus dem Wirken der Metakognition sehr verständlich. Der Gefahr einer unendlichen Bewegung wird ein „unendlicher“ äußerer Feind entgegengesetzt. Dieser äußere Feind ist damit keine Projektion eines innerlich Verdrängten, sondern ein Instrument, dem Aufbau von Komplexität im Bewusstsein entgegenzuwirken.
Demnach wäre die Paranoia gerade nicht als eine Form der Selbstentfremdung zu werten, sondern als ein (gleichsam missglückter) Versuch, gegen diese Selbstentfremdung ein wirkungsvolles Mittel zu finden. 

Metakognitive Strategien

Die Metakognition ist also kein Heilmittel gegen die Unvernunft. Im Gegenteil erscheint sie häufig, als würde sie die Unvernunft befördern. Dies geschieht immer dann, wenn man die Metakognition als eine höhere Leistung darstellt. In Wirklichkeit ist sie ein relativ schlichtes Phänomen. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie eben eine seltsame Schleife in das Denken einbaut, wodurch sie nicht nur vereinfacht, sondern auch verkompliziert. Ihr Vorteil ist also, so möchte man sagen, dass sie gerade eine niedere Denkleistungen ist.

08.02.2015

Die Form des Körpers

Man kann seinen persönlichen Rhythmus nicht einfach ablegen wie ein unmodern gewordenes Kleid und durch einen neuen ersetzen. Der Bewegungsrhythmus ist Teil der Persönlichkeit, einer ihrer Charakterzüge, fast wie die Form des Körpers, und der Zwang, sich einem fremden Rhythmus anpassen zu müssen, ist sehr einschneidend.
Montessori, Maria: Kinder sind anders. München 1996, S. 96
Da ist er wieder, der Rhythmus. Ein erstes Mal hat mich dieser Rhythmus beschäftigt, als ich 1994 an einer Interpretation der Mergelgrube von Annette von Droste-Hülshoff saß. Damals war es nur ein Umweg über ein Buch, das später für mich sehr bedeutsam werden sollte, Hand und Wort von André Leroi-Gourhan.
Leroi-Gourhan beschreibt darin unter anderem, wie sich das Gedächtnis in dem Moment von seiner Umwelt befreit, indem es ein Ausdrucksmittel für Abwesendes zu gebrauchen lernt, also die Sprache, und zur gleichen Zeit die Hand das Werkzeug „entdeckt“. In diesem Moment lösen sich zwei wichtige Aspekte des biologischen Lebens vom direkten Kontakt mit der Umwelt. Und umgekehrt werden neue Rhythmen möglich.
So hat die fortschreitende Entwicklung von Werkzeugen zeitig einen Spezialisten erfordert, der für die Herstellung, Reparatur und Erfindung von Werkzeugen vornehmlich zuständig war und sich damit von den ursprünglichen Sammel- und Jagdrhythmen unterscheiden musste. Zuvor hatte schon die Hand ihre Fähigkeit bewiesen, in vielfältigen Rhythmen die Umwelt zu manipulieren.
Schließlich ermöglichen die Symbole eine vollständige Entkoppelung von den natürlichen Rhythmen und die Möglichkeit, sich seine Umwelt und Gesellschaften auf komplett anderer Basis zu entwickeln: damit ist die kulturelle Evolution geboren:
Die fortschreitende Intellektualisierung der Empfindungen führt beim Menschen zur reflektierten Wahrnehmung und Produktion von Rhythmen und Werten, führt zu Codes, deren Symbole eine ethnische Bedeutung tragen, wie es bei der Musik, der Poesie oder den sozialen Beziehungen der Fall ist.
Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Frankfurt am Main 1995, S. 338
So sehr Montessori also recht hat, wenn sie die Rhythmisierung des Körpers als einen Kerngedanken für ihre Anthropologie formuliert, so sehr bleibt sie doch hinter der Tatsache zurück, dass diese Rhythmen selbst eine Veränderung durchmachen, und dass das Kind mit der Entdeckung neuer Techniken, neuer Werkzeuge und der Entwicklung der Sprache seinen persönlichen Rhythmus ständig variiert.
Von hier aus müsste man zum Beispiel die Ideen einbinden, die Michail Bachtin und Jurij Lotman entwickelt haben. Lotman sieht zum Beispiel in den am Material ausgeführten Rhythmen dem entscheidenden Motor für die Selbstveränderung. Diese Selbstveränderung wird zugleich durch künstliche Rhythmen im Material getragen, wie dies zum Beispiel Gedichten augenfällig ist, aber auch in den Rhythmen von Erzählungen (wenn dort auch auf andere Art und Weise).

Der Waldberg (aus Rose Ausländer: Denn wo ist Heimat?)

Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz/Österreich-Ungarn, hat in den Jahren 1927-1957 etwa 400 Gedichte geschrieben, von denen der Herausgeber der Gesamtausgabe, Helmut Braun, über 100 ausgewählt hat, um sie in diesem zweiten Band der Gesamtausgabe unter dem Titel Denn wo ist Heimat? zu veröffentlichen. Genauere Datierungen habe ich nicht erforscht.

Zeitgeschehen

1918 zerfiel die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie. Wien, Prag, Budapest und einige andere Städte dürften zu den kulturellen Hochburgen dieser Zeit zu rechnen sein. Die Psychoanalyse, die Wiener Secession, der Wiener Kreis, die Zwölftonmusik; all dies wurde mit Österreich-Ungarn verbunden. Der Geburtsort von Rose Ausländer allerdings lag ganz am Rande der Monarchie, in der heutigen Ukraine.
Mit dem Zerfall der Doppelmonarchie wurde Czernowitz rumänisch. Rose Ausländer hielt sich von 1921-1931 in den USA auf. Danach kehrte sie nach Czernowitz zurück. 1940 wurde dieses von den Russen besetzt; 1941 eroberten die deutschen Streitkräfte die Stadt. Die dort lebenden Juden wurden in ein Getto gesperrt; Zwangsarbeit und Deportation waren die Folge. Rose Ausländer überlebte das Getto. 1944 befreien russische Truppen das Gebiet. Seit 1946 lebte Rose Ausländer in New York. Erst 1965 siedelte sie, bis zu ihrem Tod 1988, nach Düsseldorf über.

Die Gedichte Rose Ausländers

Es ist vielleicht für mich zu früh, etwas über die Gedichte in ihrer Gesamtheit zu sagen. Zwar besitze ich mittlerweile bis auf drei Bände alle Werke, doch von einer intensiveren Beschäftigung kann bisher kaum die Rede sein. Zudem ist es recht schwierig, an Sekundärliteratur heranzukommen, vor allem an Sekundärliteratur aus der neueren Zeit. Offensichtlich gehört diese Dichterin zu den mittlerweile vergessenen Kulturschaffenden.
Auffällig an ihren Gedichten ist jedoch, dass diese von Beginn an eine große Offenheit vermitteln. Wesentlich zu diesem Eindruck tragen fünf poetische Strategien bei:

Sinnlichkeit und kühne Metaphorisierung

Ausländers Gedichte sind voller einfacher Gegenstände: Schmetterling, Baum, Blume, Klang, Duft, …; selten benutzt sie ausgesuchte, ungewöhnliche Wörter. Selten ist der Baum ein Flieder oder die Blume eine Margerite. Wie ein Kind, welches seine ersten Bezeichnungen ausprobiert, tastet sie sich durch die Welt. Und trotzdem, durch das reine Nebeneinander, verdichten sich ihre Verse zu teilweise kühnen Metaphorisierungen. Völlig verschiedene Bereiche verschränken sich, ohne dass diese Verschränkung in einen geordneten, vernünftigen Zustand gebracht wird:
Asche aus Abend und Aas.
Denn wo ist Heimat?, S. 80

Syntaktisch-semantische Zweideutigkeit

Schon in ihren ersten Gedichten finden sich syntaktische „Fehler“, die die Bedeutung der Verse öffnet und vielfältige Anschlüsse (Interpretationen) ermöglicht:
Ruft eine Baumseele grünes Ermahnen,
duftet der Honig der Dolden herein,
läutet ein Lerchenlied sternisches Ahnen,
quillt aus dem Sonnenberg süßester Wein.
Denn wo ist Heimat?, S. 45
Ganz unvermutet endet der Satz. Er bleibt (zunächst) eine Aneinanderreihung sinnlich-metaphorischer Wendungen. Später wird Ausländer ihre Gedichte fast völlig ohne Satzzeichen verfassen, in freien Versen und Strophen. Die einzelnen Verse erscheinen wie Zwischenglieder zwischen den anderen Versen und damit die Gedichte wie kontinuierliche Verschiebungen der bisherigen Betrachtungsweise.

Vertauschen von Relationen und Abhängigkeiten

Beständig spielen die Gedichte mit den Abhängigkeiten und vertauschen sie.
Und die Bäume, sinds seine Glieder
oder meine verzweigten Lieder,
die Silben aus Blättern geschürzt?
Denn wo ist Heimat?, S. 47
Auf diese Weise setzt Ausländer Herrschaftsverhältnisse aufs Spiel, erschüttert und hinterfragt sie. Vor allem ist dies die Herrschaft des vernunftsbegabten Subjekts. Dieses löst sich in seiner Hingabe an die Sinnlichkeit der Welt ebenso auf, wie in seiner gemeinsamen Erschaffung in der Sprache. Die Sprache geht in gewisser Weise dem Subjekt voraus. Indem es sich der Sprache hingibt, erschafft es sich erst.

Anthropomorphisierung

Der Dialog muss keiner zwischen Menschen sein. Alles ist zur Sprache fähig, und insofern scheint den Dingen die Möglichkeit wie ein Mensch zu erscheinen substantiell eingeschrieben. Damit treten sie aber aus dem rein sinnlichen Bereich heraus. Sie werden zu Freunden und Verbündeten, Führern und Feinden. Die ganze Welt ist politisch, weil sich in allen Zusammenhängen Verhältnisse des Willens widerspiegeln.

Selbstthematisierung

Schließlich spielen die Selbstthematisierungen eine wichtige Rolle. Immer wieder erinnert das lyrische Ich daran, dass es diese Gedichte schreibt, mit den Möglichkeiten, die eine Dichterin zur Verfügung hat: den Silben, den Versen, den Liedern.
Durch die Selbstthematisierung erinnert das lyrische Ich an eine Art Zentrum des Sprechens, wobei dieses Zentrum gelegentlich eine aktive Passivität (vgl. S. 45) bleibt, in der verschiedene Sphären verbunden und die Übergänge zwischen diesen Sphären gefiltert werden.

Der Waldberg

Diese Skizzen zur Poetik Rose Ausländers sind mit einiger Vorsicht zu genießen Sie beruhen auf einer recht schmalen Auswahl genauer analysierter Gedichte. Im folgenden sollen sie uns aber als Leitlinien für die Analyse des Gedichtes Der Waldberg dienen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um einen prägnanten Berg, den die Lyrikerin mehrfach beschreibt; siehe zum Beispiel das Gedicht Der Bergwald (S. 47).

Das Gedicht

Der Waldberg
Den zerschnittnen Leib aus Serpentinen
gibt er allen, allen will er dienen.

Aus dem Moosfleisch drängen Pilz und Blume,
seiner liebsten Jahreszeit zum Ruhme.

Wenn die Sonnensilben ihn beschwören,
opfert er sein bestes Blut den Beeren.

Den verstrickten Wurzeln seiner Bäume
überträgt er seine Gipfelträume.

Seinem Haupt erlaubt er nur ein Denken:
licht zu sein und sich dem Licht zu schenken.
Denn wo ist Heimat?, S. 24

Dienen

Auffallend ist die Isotopie zum Wort ›dienen‹:
+ dienen
+ zum Ruhme
+ (Blut) opfern
+ sich schenken (dem Licht)
Obwohl sich diese Zeichen der Hingabe in jeder Zeile des Gedichtes finden, bleibt sie in gewisser Weise zweideutig. Sie ist eine Aufopferung, aber eine recht herrschaftliche. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, dieses Opfer zurückzuweisen.

Personifikation des Herrschers

Vor allem durch die aktiven Verben gefördert findet sich eine Personifikation eines Herrschers, dem Waldberg (so möchte man meinen), der zugleich Staatsleib und Monarch ist; rhetorisch gesehen wirken zwei Paradoxien:
1) Der Waldberg ist so etwas wie der erste Diener des Staates, also durch (Selbst-)Unterwerfung erhöht (was die räumlichen Metaphoriken es, die vor allem eine hierarchische ist, fragwürdig macht, bzw. in eine Schwebe bringt).
2) Der Waldberg ist zugleich Teil als auch Ganzes.

Hierarchische Gliederung

In gewisser Weise findet sich eine Hierarchie in dem Gedicht, die in drei Glieder aufgeteilt ist. Bezeichnet man die Mitte mit dem Leib, dann wird die darunterliegende Stufe durch die Wurzeln, die darüber liegende durch das Haupt, bzw. die Sonne und dem Licht gebildet.
So spielt das Gedicht auf zwei Topoi der politischen Theorie an: einmal auf den Staat als Körper, wie er von Thomas Hobbes beschrieben wird; einmal auf die Selbstdarstellung Friedrich II. als aufgeklärter Monarch.

Gipfelträume

Im Gedicht finden sich drei Katachresen: Moosfleisch, Sonnensilben und Gipfelträume. Die Katachrese ist ein Kompositum, dessen einer Teil metaphorisch gemeint ist.
Das Wort Gipfelträume nimmt in dem gesamten Gedicht eine schwierige Stellung ein. Welche Rolle es in der „Hierarchie“ des Waldbergs spielt, ist keineswegs klar. Zunächst verweist das Wort übertragen auf eine Delegation, auf die Zuweisung einer Aufgabe, wie sie typisch ist in Herrschaftsverhältnissen. Doch geraten hier, zusammen mit der Aufopferung und Dienerschaft des Monarchen, sowie mit der Bedeutung der Wurzeln für das Ökosystem Wald, die einfachen Verhältnisse durcheinander: Sie bleiben in der Schwebe, unentschieden.

Moosfleisch

Die Verleiblichung des Berges taucht häufiger als Thema in den Gedichten Ausländers auf. Offensichtlich handelt es sich um ein Ausflugsziel Ausländers, denn neben dem Thema des natürlichen Staatswesens ist die Wanderschaft, die zugleich eine Verschmelzung bedeutet, ein anderes Thema in ihren Gedichten. So taucht das Wort Moosfleisch auch in Was dem Berg gehört (Die Musik ist zerbrochen, S. 35) auf. Menschlicher Leib und Natur verschränken sich ineinander. Dabei vermischen sich aber weniger die Materien als die Funktionen. Nicht in ihrem Dasein, sondern in ihrem Füreinandersein werden sie zu Vorbildern und Lehrmeistern.

Sonnensilben

Oftmals finden sich bei Rose Ausländer Hinweise auf poetische Elemente oder poetische Verfahren. Die Selbstthematisierung falls ein wiederkehrender Topos ihrer Gedichte. In diesem Fall ist aber nur die Katachrese Sonnensilben eine Verbindung zu der Tätigkeit der Dichterin. Unklar ist allerdings, ob die Sonne zu dem Gipfel des Berges dazu gehört, oder diesen übersteigt. Von den politischen Träumen der vergangenen Jahrhunderte abgeleitet wäre beides möglich: der Monarch als Sonne und der Monarch, der der Sonne am nächsten, aber dieser doch untergeordnet ist.

Inversion

Jeder Satz ist durch eine Inversion gebildet. Subjekt steht in einer „nachrangigen“ Stellung in Strophe 1 und 4 beginnt der Satz mit einem Akkusativobjekt, in Strophe 5 mit einem Dativobjekt. Strophe 3 stellt einen Nebensatz voran, der die Bedingungen für den Haupt formuliert. Und in Strophe 2 wird das Satzsubjekt exemplarisch durch Pilz und Blume benannt, aber ebenfalls in einer Satzinversion, die eine adverbiale Ortsbestimmung (allerdings eine metaphorisierte) voranstellt. In einer Beifügung bezieht sich das Possesivpronomen offensichtlich auf ein Subjekt außerhalb der Strophe.
Der ganze Satzbau drängt also darauf hin, das Subjekt in eine nachrangige Stellung zu versetzen, ohne es als Satzsubjekt (im grammatikalischen Sinne) aufzugeben. Es bleibt weiter das Zentrum der Aktivität, doch die Betonung der Aktivität betrifft das Ziel, im Satz also Akkusativ- und Dativobjekte.
Auch dadurch geraten die Sätze in ihrer Bedeutung in eine Schwebe.

Licht

1) Zunächst ist die Verbindung von Haupt, denken und Licht eine recht eingängige: Sie bezieht sich auf die Aufklärung, auf die Überlegenheit der Aufklärung, auf ihr Licht-sein und damit auf ein rationalistisches Prinzip.
2) Durch mehrere Strategien wird dieses Bild der Überlegenheit allerdings erschüttert. Zunächst ist dort das reflexive Verb „sich schenken“ zu nennen. Das Denken opfert sich, indem es so wird, wie das, dem es sich hingibt: licht. Allerdings ist in der ersten Nennung das Licht eine Eigenschaft, während beim zweiten Mal Licht sowohl als Denotat gelesen werden kann, dem sich der personifizierte Herrscher gegenüber als metaphorisch verhält, als auch als Metapher für die Aufklärung und damit als „natürliche“ Verbindung zum aufgeklärten Herrscher.
3) Damit sind wir bei der zweiten Erschütterung des rationalistischen Prinzips. Die Doppeldeutigkeit des Lichts selbst ist es, die die Trennung von Natur und Kultur, Vernunft und Dasein in Frage stellt.
4) Der erste Vers der 5. Strophe wiederholt die Paradoxie des Herrschers als Teil und als Ganzes, diesmal allerdings auf den „eigentlichen“ Sitz der Herrschaft bezogen, das Haupt. Der Herrscher steht hier außerhalb, erweist einem Teil seiner Herrschaft, seinem Haupt, eine bestimmte Aufgabe zu, indem er seinen Bereich begrenzt, ihm nur bestimmte Sachen erlaubt. Zugleich aber, so sollte man meinen, ist er gleichbedeutend mit dem Haupt selbst. Dann aber würde es sich um eine Selbstdisziplin handeln, um eine vernunftgemäße Beschränkung der Herrschaft und eine andere Formulierung für „erster Diener des Staates“.

Zwischenreiche

Die Räume, in denen sich der dichterische Geist bewegt, sind Zwischenräume. Sie leben von der Spannung, zugleich Teil als auch Ganzes zu sein; Teil, denn ihr Dasein ist flüchtig und ihre Sinnlichkeit vergänglich, Ganzes, weil nur sie eine Fülle anbieten, in der der Mensch sich sprechend verorten kann. So wird der erste Diener des Staates zu einer Chiffre für die Dichterin, die zugleich herrscht und dient, Chronistin ihrer eigenen Herrschaft ist und ihre eigenen Taten treulich nachzeichnet und damit zugleich vollbringt: 
Der Kampf ist endlos 
Keiner siegt
Die Musik ist zerbrochen, S. 90