05.02.2016

Muster in der Geometrie

Die Programmiersprachen habe ich erst mal beiseite geschoben. Vorgestern hatte ich noch einige ganz gute Einfälle und einige schöne Sachen ausprobiert. So langsam nähere ich mich doch einem guten Verständnis der unterschiedlichen Programmiersprachen. Trotzdem bleibt Java für mich weiterhin die attraktivste Sprache, weil ich sie für mein Wunschprogramm am tauglichsten halte. Aber das ist eine andere Sache.

Übersetzen

Programmieren hängt für mich seit langer Zeit mit der Kognitionspsychologie zusammen. Neuerdings finde ich Wechselwirkungen zur Geometrie. Ein Teil meiner Kommentare, die ich in den letzten Tagen verfasst habe, haben die Strukturen der Programmiersprachen in die Sprache der Geometrie übersetzt und umgekehrt. Solche Übersetzungsprozesse sind wichtig, weil sie neue Felder an bereits Bekanntes anschließen. Tatsächlich verdanke ich einige wichtige Fortschritte meiner Beschäftigung mit der Geometrie. Und man unke jetzt bitte nicht, Geometrie für die zweite Klasse sei doch einfach. Inhaltlich, von den rein mathematischen Aspekten, ist sie das natürlich. Aber das ist natürlich nur die Oberfläche. Wie in jeder Disziplin müssen auch hier die Kinder sich die Strukturen nach und nach aneignen.

Muster

Ein hartnäckiges Problem dabei ist, und wird es wohl auch noch einige Zeit bleiben, dass der Begriff der Struktur, bzw. des Musters, vieldeutig ist. Dies fällt mir insbesondere in der Mathematikdidaktik auf. Diese nutzt offensichtlich zwei komplett verschiedene Begriffe, nämlich einmal als die Muster, die auf dem Papier zu finden sind, und einmal als die Muster, die im Kopf eines Kindes entstehen.
Muster auf dem Papier entstehen durch Wiederholungen. Wir können mit ihnen umgehen, indem wir Gleichheiten oder hinreichend große Ähnlichkeiten entdecken. Muster im Kopf dagegen scheinen vor allem Kräfte (oder wie auch immer man das nennen möchte) zu kanalisieren. Sie entstehen nicht durch Wiederholung, sondern durch Begrenzung (vgl. dazu Luhmann, Niklas: Soziale Systeme 1988, S. 73).
Doch wenn man sich meine Argumentation genauer ansieht, merkt man, wie ungenau sie ist. Auch ein Muster in der Umwelt muss wahrgenommen werden. Es existiert nicht unabhängig von einer Beobachtung durch ein lebendes System. Gehen wir davon aus, dass lebende Systeme sich generell durch Musterbildung an sich selbst binden, dann sind beide Arten von Mustern Phänomene lebender Systeme.
Bei den Mustern, die durch Wiederholung beschrieben werden, handelt es sich offensichtlich um Rekonstruktionen von Sinnesreizen und ihre Projektion. Die Muster, die unser Denken ausmachen, und durch die unser Denken sich an sich selbst bindet, liegen gleichsam auf der Rückseite dieser Projektionen. Insofern scheinen die beiden Arten ineinander zugreifen: das einschränkende Muster ermöglicht das wiederholende Muster, während sich über das wiederholende Muster das einschränkende Muster beobachten lässt.

Tiefengrammatik

Dies erinnert an die Tiefengrammatik bei Wittgenstein. Diese ist ein recht seltsames Phänomen. Auf der einen Seite scheint sie im Gebrauch der Sprache auf, ist also an die Handlungen gebunden, auf der anderen Seite verbirgt sie sich aber in den Strukturen, die gerade diese bestimmten Gebrauchsweisen ermöglichen, die den jeweiligen Wörtern zukommt, während sie alle anderen Gebrauchsweisen ausschließt. Wie ich zum Beispiel „Haare tanzt Berge zurück.“ in einer Situation verwenden kann, in der ich Beispiele für sinnlose Sätze gebe; derselbe Satz lässt sich aber keineswegs im Mathematikunterricht oder an der Supermarktkasse verwenden, jedenfalls nicht mit beliebigen Folgen. Offensichtlich werden Aussagen in bestimmten Situationen in bestimmte Richtungen dirigiert, ohne die Folgen vollständig festzulegen.

Die Kunst der Geometriedidaktik

Offensichtlich besteht das große Problem der Geometriedidaktik darin, auf die Wiederholungsmuster zu zeigen, aber die Einschränkungsmuster beizubringen. Der notwendige Zwischenschritt scheint durch Handlungsanweisungen gebildet zu werden. Indem man den Kindern den Umgang mit bestimmten Formen auf eine bestimmte Weise beibringt, bilden sich innere Repräsentationen der Gegenstände aus. Doch ganz so einfach ist es doch nicht. So ist es unmöglich, zwei kompakte Körper ineinander zu stecken. Ich kann mir das zwar in Gedanken vorstellen; aber in der Wirklichkeit, ob ich diese nun direkt wahrnehme, oder sie nur in meinem Kopf rekonstruiere, gelingt mir das nicht.
Auf irgend eine Weise geht also doch eine Realität dort draußen. Wenn sie sich schon nicht in ihrer positiven Art offenbart, so doch in ihrer Widerständigkeit. So wenig ich ein Marmeladenglas durch die geschlossene Kühlschranktür in den Kühlschrank befördern kann, so wenig räumt sich mein Bücherregal während meiner Abwesenheit von selber auf. Das Material besitzt Eigenschaften. Vielleicht lassen sich diese Eigenschaften nur durch ihren Widerstand gegen meine Handlungen rekonstruieren und werden in ihrer Objektivität nur projeziert.
Ich frage mich zur Zeit, ob dies für den Unterricht eine wesentliche Rolle spielen muss. – Aber so weit ist meine Arbeit noch nicht gediehen.

02.02.2016

Feinstoffliche Grenzen

Ich gestehe.
Was? – Ich habe zahlreiche Bücher von Sloterdijk gelesen; ich mag seine Bücher, ich mag die Art, wie er schreibt, ich mag, was er schreibt. Gerade habe ich mir sein Buch Eurotaoismus zugelegt. Hineingeschaut habe ich noch nicht. Die Geometrie, bzw. die Mathematikdidaktik, ihr wisst schon, ihr kennt meine Klagen.

Flüchtlingspolitik

Nun meldet sich Peter Sloterdijk zur Flüchtlingspolitik zu Wort, behauptet einen Souveränitätsverzicht und konstatiert eine Überrollung Deutschlands. Man habe, so lese ich, das „Lob der Grenze“ nicht gelernt, in Deutschland. Und man glaube, in Deutschland, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“.
Ich kann mich nicht zu den größeren politischen Implikationen Sloterdijks äußern. Gerade weil ich Sloterdijk mag, gerade weil ich aber auch seine Äußerungen für „schwierig“ halte, spüre ich meine geradezu katastrophale Unbelesenheit, was politische Denker betrifft. Und was das Wort „schwierig“ angeht, so ist dies natürlich nur ein Hilfsmittel, um mich aus der Affäre zu ziehen. Flüchtling, der ich bin. Flüchtling im Lande der rhetorischen Analyse, weil ich in der politischen Philosophie nicht oder zu wenig beheimatet bin.

Grenzen

Seltsamerweise hat mir meine Ex-Frau eine Erfahrung ermöglicht, die, wie viele der Erfahrungen, die sie mir ermöglicht hat, unangenehm ist, die für mich aber sehr fruchtbar war. Damals, als sie noch meinte, kommunistisch zu sein (aber der Übergang zum paranoiden und faschistischen Denken war ihr längst gelungen), besuchten wir die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Frankfurt. Und dort hielt ein Irgendwer eine Vorlesung über ein Irgendwas, in der er scharf die nationalen Grenzen Deutschlands angriff.
In der darauf folgenden Diskussion warf ich ihm vor, dass er die Grenzen zu materialistisch denken würde. Die Grenzen des Nationalstaates sind eben nicht durch ein Territorium, einen konkreten Boden, definiert. In der anschließenden Beschäftigung mit dem, was Grenzen überhaupt sein können, konnte ich zumindest formulieren, dass die Grenzen des Nationalstaates auf der einen Seite natürlich materialisiert worden sind, aber dies nur zu einem kleinen, geradezu lächerlich geringfügigen Detail. Der größere Teil eines Nationalstaates schafft sich seine Grenzen über Gesetze, Zugänglichkeit, Mitwirkungen.
So gesehen sind Grenzen nicht materiell verfügbar, sondern über Kommunikation geschaffen. Selbst semantische Oppositionen (zum Beispiel Mann/Frau oder Deutscher/Ausländer) sind noch zu grob gedacht: dahinter stehen immer Strukturen, die sich aus Operationen bilden und eigendynamisch entscheiden, was dazu gehört und was nicht. Anscheinend halten es solche Strukturen aber nicht aus, feinstofflich zu sein. Sie imaginieren sich eine Materialität. Und so scheint es das Schicksal von Sloterdijk zu sein, dass er seine eigenen wortgewaltigen Analysen der politischen Metaphorik nicht aushält und in die groben Gefilde eines vulgären Marxismus zurückfällt.
Grenzen, um nicht einfach nur bei einer Polemik stehenzubleiben, sind immer Grenzen von irgendwem. Sie werden besetzt und besessen, nicht aufgrund einer physikalischen Eigenschaft, sondern aufgrund einer konstruierten Bedeutung. So, wie Sloterdijk sich im Moment äußert, referiert er aber auf materialisierte Grenzen, die a priori bestehen. Und genau so funktionieren die Grenzen des Nationalstaates eben nicht. Sie sind feinstofflich, operationalisiert. Sloterdijk müsste dies eigentlich wissen.

Materialismus

Was hatte man Niklas Luhmann nicht alles vorzuwerfen! Neoliberal sei er, unpolitisch. Doch einmal mehr bewundere ich ihn dafür, dass er es geschafft hat, die Gesellschaft auf Ereignisse zurückzuführen, sie an ihre eigenen Ereignisse zu binden, nicht an ihre Materialität. So spielt der Nationalstaat bei Niklas Luhmann lediglich eine Rolle, solange er eine Idee ist. Er ist ein kommunikatives Ereignis, keine materielle Tatsache. Sloterdijk, der Luhmann scharf angegriffen hat (und zu Recht), scheint dies vergessen zu haben. Seine jüngsten Aussagen spielen einem Materialismus, der so selbst nicht von Karl Marx vertreten wurde, in die Hände. Dies beginnt mit der Aufforderung, ein Staatsoberhaupt (Angela Merkel) solle die Souveränität eines Staates garantieren. Und endet längst nicht damit, es gäbe so etwas wie ein „deutsches Bewusstsein“, welches von „Flüchtlingen“ überrollt werden könne.

01.02.2016

Unity und C#

Eigentlich ...
Also, eigentlich wollte ich ... und das kennt ihr ja von mir, mein persönlicher running gag. Eigentlich wollte ich noch ein paar Notizen zur Geometrie einspeichern und weiter durchkommentieren. Eine Kollegin hatte mir noch Fördermaterial für Mathematik in der 2. Klasse auf den Schreibtisch gestellt.
Aber natürlich habe ich mich dann, sobald ich zuhause war, erstmal ans Stöbern gesetzt, mich über die AfD dermaßen geärgert (Schießbefehl! aber das wurde ja schon lang und breit besprochen), und einiges anderes mehr. Irgendwelche dämlichen Posts auf facebook, die nur glauben, sie seien cool, in Wirklichkeit aber ziemlich beleidigend sind; oftmals gegen Claudia Roth: wobei ich nicht weiß, wie man sich auf einen solchen Hass auf eine einzelne Frau eineichen kann, noch dazu auf einen solch argumentationslosen Hass.

Aber es gibt auch diese ganz andere Seite von mir: den (laienhaften) Programmierer. Zunächst habe ich ein wenig mit Python herumgespielt. Die Sprache ist einfach. Dann habe ich mich an Unity erinnert, mit dem ich schon mal vor ein paar Jahren herumgespielt hatte. Das habe ich mir jetzt wieder installiert und einen Kurs dazu gekauft. Sprache in Unity ist C#, was ich mal ähnlich gelernt habe, als C++ von Borland, damals 1990, während meiner Lehrzeit. Lange ist es her.
Der Kurs findet sich auf Udemy und führt in die Spieleprogrammierung mit Unity ein. Der Sprecher ist angenehm, die Inhalte gut dargestellt. Gerade schaue ich mir die ganzen Befehle von C# an, was langweilig ist, denn das kenne ich schon.

24.01.2016

Indirektes Sprechen. Vielstimmigkeit bei Nietzsche

Dann bin ich doch noch bei der Philosophie hängen geblieben. Geärgert habe ich mich. Von Werner Stegmaier lese ich Friedrich Nietzsche zur Einführung. Dieser schreibt dort: „»jede Macht«, so Nietzsche in JGB 22, zieht »in jedem Augenblick ihre letzte Konsequenz«“ (127).
Betrachtet man aber jene Stelle bei Nietzsche, so ist dies einer jener Aphorismen, die Zweifel säen, ohne etwas Positives dagegenzusetzen. Sicherlich macht Nietzsche sich hier über die Physiker lustig und ihre moralische Auslegung der Naturgesetze. Den Physikern hält er dann eine unübliche Ansicht entgegen, aus der jenes Zitat oben stammt: doch nicht er lässt sich sprechen, sondern „jemand“ spricht.
Den Naturgesetzen der einen Interpretation hält er eine Vielfalt von Mächten entgegen, die sofort ihre letzte Konsequenz ziehen und damit dann als Regel aus der Welt verschwinden. Doch den ganzen Aphorismus schließt Nietzsche mit den Worten ab:
Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist – und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? – nun, um so besser. –
Am Ende steht der Zweifel, die Offenheit für eine dritte und vierte Interpretation.
Gleich zu Beginn des Aphorismus redet Nietzsche von schlechten Interpretations-Künsten. Wohl darf man den Text in die eine oder andere Richtung beugen, nachdem man ihn gründlich gelesen hat; aber ihn ganz herauszureißen aus dem Zusammenhang, dies erinnert doch sehr an einen Aphorismus von Nietzsche, den Stegmaier selbst zitiert:
Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: Sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze. (MA II, VM 137)
Das ist so schade: bei Nietzsche sprechen so viele Stimmen, so viele zärtliche und so viele gewalttätige, so viele dreiste und so viele vorsichtige, und über große Teile hinweg vermittelt dies Stegmaier auch in seinem Buch. Aber letzten Endes konnte er sich doch hier und da nicht über eine oberflächliche Geste hinwegsetzen und musste sie ausführen. Der einzige Trost ist, dass diese Stelle, die er mit groben Fingern und schweren Füßen auslegt, längst nicht so tauglich für die Massenmedien und den allgemeinen Pöbel ist wie jenes: Gehst du zum Weibe, vergiss nicht die Peitsche.

Lebenszeichen oder was?

Zwei Wochen lang hatte ich jetzt fast jeden Nachmittag Elterngespräche. Ich war (und bin) verschnupft, teilweise waren meine Stirnhöhlen dicht. Unangenehm. Ich arbeite weiter an der Mathematikdidaktik, allerdings auch viel an der Methodik. Das ist eine wunderbare Beschäftigung; gelegentlich ist es anstrengend, da ich ins Assoziieren komme. Dann entstehen viele Kommentare drumherum, mal zum kreativen Schreiben, mal zur rhetorischen Analyse, mal zu dem einen oder anderen Philosophen (viel Wittgenstein, viel Nietzsche).
Zum Lesen komme ich eigentlich gar nicht (sieht man von den Grundschulwerken für Mathematik ab). Neben meinem Schreibtisch liegt Königin im Exil, eine von George R. R. Martin und Gardner Dozois herausgegebene Anthologie von „Kurzromanen“ (es handelt sich aber eigentlich um Erzählungen). Zwei Erzählungen habe ich gelesen (die ersten beiden), beide waren in Ordnung; mitgerissen haben sie mich nicht.
Gestern Abend ein wenig Java programmiert. Es bleibt beim Niveau eines interessierten Laien; ansonsten müsste ich wohl mehr programmieren, mehr ausprobieren. Immerhin habe ich es geschafft, einen Kreis in einem Fenster zu bewegen. Das ist so eine Art Vorübung gewesen. Da ich mit meinem Texteditor zur Zeit nicht weiterkommen, da ich mich mit einfacheren Sachen herumschlagen sollte, habe ich jetzt vor, ein paar Sachen mit Grafik zu programmieren und mir mit dem Prinzip des OOP sicherer zu werden. Vielleicht werde ich dafür Zeit finden.

17.01.2016

Kritik und Norm

Wenn man die Politik oder die Teilhabe am Politischen in verschiedene Tätigkeiten einzuteilen sucht, dann steht die Kritik als ein relativ eigenständiges Gebiet da. Um dies deutlich zu machen, werde ich zunächst in aller Knappheit zwei normative Felder des Politischen umreißen: die Vertragslehre und die Tugendlehre.

Vertragslehre

Ein praktisches Gebiet der Politik ist zum Beispiel die Vertragslehre; der Staat hat etwa die Sicherheit von Verträgen zwischen Menschen zu fördern und sie bei Streitigkeiten in einen geregelten, nicht-gewaltsamen Prozess zu überführen: dazu dienen Gerichte (obwohl Niklas Luhmann schreibt, dass der Weg zu einem Gerichtsprozess auch durch Entmutigungsschwellen gebremst wird). Es gibt auch einen Vertrag zwischen dem Staat und seinem Bürger, der nicht ausgesucht oder gar abgelehnt werden kann. Schließlich existiert mit den Menschenrechten eine Art Nachfolger des Gottesrechtes: dieses band den einzelnen Menschen zunächst und vorrangig an Gott. Es wurde durch das Naturrecht, dann durch die Menschenrechte abgelöst.

Pflichten

Mit der Vertragslehre geht eine Fremdverpflichtung einher, der eine Selbstverpflichtung gegenüber steht. Der Mensch ist in dem Maße an fremde Pflichten gebunden, wie diese zugleich eine gewisse, gleichmäßig verteilte Freiheit gewährleistet. Freiheit drückt sich in einer Selbstverpflichtung aus, die auf eine bestimmte Form, sein Leben zu leben, zielt; man hofft dabei dann auf etwas Bildung und einen vernünftigen Gebrauch, zum Beispiel die Akzeptanz anderer Lebensformen, selbst wenn man sein eigenes Leben streng christlich leben möchte. Kant nennt dies (in etwa) sittliche Autonomie.
Freiheit besteht dann nicht direkt in einer Beliebigkeit, sondern darin, sich auf bestimmte Tugenden oder Ideen festzulegen und diese vorbildlich zu leben. Bei Aristoteles wurde dies noch durch die Ethik und deren Praxis, der Tugendlehre, abgedeckt, während in der Neuzeit Tugenden vor allem als Ideen begriffen wurden, denen sich ein Mensch verschreibt.
Aber genauso wie der Staat gegenüber seinen Bürgern zuverlässig zu sein hat, genauso, wie die Bürger, in Form des Gehorsams, dem Staat gegenüber zuverlässig sein müssen, so regeln die Tugenden die Zuverlässigkeit im zwischenmenschlichen Verkehr.

Kritik

Grenze zwischen Fremd- und Selbstverpflichtung

Die Grenzen zwischen der Fremd- und Selbstverpflichtung sind offen und strittig. Die Möglichkeit, eine Tugend zu leben, deckt sich nicht mit den Grenzen der Freiheit. Die Freiheit kann in ihren Grenzen nicht ausgenutzt werden: man kann nicht alle Instrumente spielen, nicht alle Bücher lesen, nicht alle Berufe ergreifen; man legt sich fest. Oftmals ist sie aber auch nicht vom Staat beschränkt, sondern von den ökonomischen Mitteln: mehr als eine Bildungsreise im Jahr gibt das Portemonnaie nicht her. Doch das fällt natürlich nicht in den Bereich der Tugenden. Man kann auch mit einem schmalen Geldbeutel Gebildetheit als Idee weitestmöglich verwirklichen.

Adressaten der Kritik

Kritik nimmt in dieser Konstellation einen merkwürdigen Status an: sie bezieht sich auf die Grenzen der Freiheit, denn mal erscheinen diese zu weit, mal zu eng; und sie bezieht sich auf die Verwirklichung dieser Freiheit, denn mal gebraucht ein Mensch diese Freiheit zu viel, mal zu wenig (aber es ist natürlich noch komplizierter: denn der Mensch kann sich gegenüber dem Staat und/oder gegenüber seinen Mitmenschen so positionieren, dass man es kritisieren muss).
Man kann dies ganz gut an der Debatte um die Flüchtlinge sehen: es gibt eventuell gute Gründe, gegen die relativ offene Einreise von Flüchtlingen zu sein; dies besagt aber noch nicht, dass man gegen den einzelnen Flüchtling etwas austragen darf, was man dem Staat anlastet. Mit anderen Worten ist die Kritik an Regierungsentscheidungen noch kein Rassismus; er wird es aber, wenn sie auf die flüchtenden Menschen verschoben und an diesen ausgetragen wird. 
Kritik richtet sich demnach nicht nach dem Thema, sondern nach den tatsächlichen oder möglichen Verträgen.

Mit oder gegen die Norm?

Verträge bilden mehr oder weniger andauernde Normen. Ein Kassenbon etwa ist der Vertrag zwischen Geschäft und Kunden, dass die Ware mit der Bezahlung dem Kunden gehört, das Geld dem Geschäft. Die Norm, die hinter diesem Vertrag steht, dürfte recht schnell vergessen sein. Im Grundgesetz etwa steht der Satz: "Eine Zensur findet nicht statt." Wohl aber kann sich eine Rechtsperson entscheiden, ein Buch wie Die große Verschwulung zu ignorieren und sogar aus einem puren Vorurteil zu ignorieren ("Ich lese keine Bücher von Möchtegern-Deutschen!", oder "Wir verkaufen keine Bücher von Menschen, die für Asylanten Gaskammern zurückwünschen."). Diese Norm jedenfalls ist auf Dauer gestellt; weder darf heute noch morgen zensiert werden.
Kritik positioniert sich gegenüber solchen Normen in mehrfachem Sinne: einmal ist der Sachbereich zu ausgedehnt oder zu wenig ausgedehnt (die bürgerliche Ehe muss auch für Homosexuelle gelten; Asylanten dürfen keinesfalls arbeiten); ein anderes Mal ist die Dauer zu lang oder zu kurz (Sexualstraftäter müssen lebenslang eingesperrt bleiben, das Kündigungsrecht von Nutzungsverträgen und Abonnements muss innerhalb von zwei Wochen möglich sein).
Kritik wird nicht von einer Norm bestimmt, sondern von dem Verhältnis zwischen Vertretern unterschiedlicher Normen. Häufig scheint es so, als würde der Kritiker eine absolute Wahrheit oder eine Art Naturgesetz vertreten. In Wirklichkeit behandelt er eine relativ schwierig zu bestimmende Beziehung zwischen sich und einem Vertreter einer anderen Art von Norm. Dies macht Kritik so schwierig zu fassen: sie betrachtet ein Verhältnis zweier Normen normativ. Ich bin mir bei diesem Argumentationsschritt zwar nicht sonderlich sicher, aber man könnte hier eine Vermischung logischer Ebenen befürchten.

Hetero- und Homonormativität

Wie befremdlich und wie verdrehend eine solche Kritik dann werden kann, kann man an dem Artikel sehen, mit dem David Berger Pirinçci verteidigt. Zwar kritisiert er die Homonormativität zurecht; mein schwuler Nachbar war vor drei Jahren mal so richtig genervt, als bei den deutschen Teenie-Mädchen Teen Wolf (die Serie) zu einem absoluten Hit wurde und jedes dritte Mädchen plötzlich einen gut aussehenden schwulen Freund haben musste. Aber stattdessen den Homosexuellen eine Heteronormativität zu unterstellen, ist auch nicht besser.
Ein anderer Aspekt betrifft die Sichtbarkeit von Homosexuellen. Dass diese in der Stadt sichtbar sein dürfen, heißt noch nicht, dass sie auf jegliche Art und Weise sichtbar sein dürfen. Die Sichtbarkeit von Intimität ist normiert. Sie wird bei Frauen und Männern unterschiedlich behandelt; schon das ist fragwürdig. Allerdings ist das Zeigen von Zuneigung zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit oftmals großzügiger behandelt als zwischen zwei Männern. Ob umgekehrt auf einem öffentlichen Umzug wie dem CSD jegliche Art sexueller Praxis gezeigt werden muss, finde ich strittig. Ich halte es jedenfalls nicht für wünschenswert, wenn eine Tanztruppe erigierte Penisse durch die Gegend schwenkt, auch wenn diese nur aus Schaumstoff sind.
Natürlich muss man sich über die Normen der Sichtbarkeit unterhalten. Die Grenzen zwischen einer öffentlichen Akzeptanz und einer privaten Intimität sind aber sinnvoll. Ich muss mir nicht alles ansehen; manches kann ich auch akzeptieren, weil es irgendwo anders existiert.
Die beiden Beispiele zeigen aber, wie schwierig es ist, einer Normativität auszuweichen; es ist auch fraglich, ob dies überhaupt wünschenswert ist. Aber gerade das zweite Beispiel zeigt, dass die Normativität zwar restriktiv ist, aber dies weitestgehend für eine Allgemeinheit. Sexuelle Handlungen, die medial verbreitet werden, gelten immer noch als Pornographie und sind damit von einer frei verfügbaren Veröffentlichung ausgeschlossen.

Differenzierungen

Zugleich kann man an diesem Beispiel auch zeigen, dass die Kritik nicht dem ganzen Menschen gilt, sondern nur bestimmten Verhältnissen; so, wie es verschiedene Verträge zwischen denselben Menschen geben kann. Das Einverständnis, miteinander Sex zu haben, ist etwas anderes, als die Beobachtung sexueller Handlungen aufgedrückt zu bekommen. Und genau so, wie es mich nichts angeht, wie zwei andere Menschen miteinander Sex haben (obwohl es hier Ausnahmen gibt, im Falle von möglichen Straftaten), scheint umgekehrt diese unsichtbar bleiben zu müssen, damit sie mich nichts angeht.
Davon unberührt sind andere mögliche Verhältnisse und Verlässlichkeiten, die zwischen homosexuellen und heterosexuellen Menschen möglich sind; sollten diese kritisierenswert sein, müssten sie auf andere Art und Weise kritisiert werden als das Öffentlichmachen sexueller Orientierung.

Fazit

Auf eigenartige Weise stellt sich die Kritik quer zu Verpflichtungen, seien es Fremd-, seien es Selbstverpflichtungen. In gewisser Weise sind Pflichten absolut; sie relativieren sich durch die zeitliche Begrenzung. Die Kritik setzt solche Pflichten (oder Normen) in Beziehung.
Unklar ist mir, auf welche Art Kritik in solche Beziehungen eingreift. Kritik muss sich selbst auf bestimmte Normen verlassen. So jedenfalls habe ich es in der Vergangenheit gemacht: entweder habe ich mich bei den impliziten Normen der rhetorischen Analyse (oder einer anderen wissenschaftlichen Praxis) bedient oder bei den expliziten Normen der Menschenrechte. So scheint hinter jeder Kritik eine andere Norm zu stecken, so dass auch die Kritik selbst darauf beruht, eine Verpflichtung einzugehen.

Die Verteidigung Akif Pirinçcis

David Berger, Journalist und bekennender Homosexueller, verteidigt Pirinçcis Buch Die große Verschwulung. Seine Thesen allerdings sind fragwürdig, gelegentlich steil. Also noch einmal: Was ist Radikalisierung? Was ist eine Kultur? Was ist Political correctness? Und natürlich: Warum David Berger keine Kritik an Pirinçcis Kritikern übt, aber mit ebensolchen Suggestionen arbeitet wie Pirinçci selbst.

Radikalisierung

Als Radikalisierung lassen sich gesellschaftliche Bewegungen bezeichnen, die von einer argumentativen Vermittlung der Phänomene absehen und stattdessen mit Suggestion arbeiten. Zu ihren wesentlichen rhetorischen Mechanismen gehören abwertende und aufwertende Übertreibungen, also das Pejorativ und der Euphemismus.
Die Suggestion besteht auch darin, Fakten zu erfinden, die sich so nicht nachprüfen lassen.
Schließlich findet man sie auch in impliziten, nicht offen gelegten Tautologien.

Kultur

Kulturen lassen sich durch fraglos gewordene Regeln des Schlussfolgerns definieren: was fraglos geworden ist, gilt als verlässlich; was verlässlich ist, gilt als natürlich. Natürlich an dieser Verlässlichkeit ist vor allem, dass die Verlässlichkeit angenehm ist. Insofern sind nicht die Inhalte einer Kultur natürlich, sondern die emotionalen Wirkungen.
Was man derzeit beobachten kann, ist eine Abwehr von Gegenmeinungen, die die Verlässlichkeit der eigenen Kultur anheizt und gegen Einflüsse von außen immunisiert. Biologisch entspräche dem, dass es Tiere gäbe, die unabhängig von einem bestimmten Milieu existieren könnten.
An diesem Begriff der Kultur darf vor allem mitverstanden werden, dass sie sich nicht mit einem Nationalstaat in Deckung bringen lässt: es gibt keine deutsche Kultur. Bestimmte Denkweisen, bestimmte Feste (wie zum Beispiel der Karneval oder auch die Kirmes) sind in unterschiedlichen Regionen Deutschlands ganz anders besetzt; es gibt eine gewisse Homogenität durch leichtgängige Urteile, die aber in anderen Ländern ebenso existieren, also eigentlich übernational sind. Leider gehört die Fremdenfeindlichkeit auch mit dazu. Menschen mit höherer Schulbildung sind wiederum durch diese (und durch das Elternhaus) auf eine bestimmte Art und Weise geprägt, die eine andere Form einer transnationalen Selbstverständlichkeit mit sich bringt, also wiederum eine recht eigene Kultur. Kultur ist demnach nichts, was national wäre; und natürlich gibt es verschiedene Schichten der Kultur. In kleineren Dörfern, in denen jeder jeden kennt, entwickelt sich ein eigenes Gedächtnis, an dem die Dorfbewohner teilhaben, und damit natürlich eine gewisse eigene Kultur.
Bevor man also vollmundig von einer bestimmten Kultur spricht, sollte man genauer hinschauen, was dort jenseits der Bezeichnung existiert.

Political correctness

Dieser Begriff ist deshalb so unschön, weil er wenig besagt: das Politische ist seit jeher ein schwierig zu definierender Begriff. Dadurch wird auch die Korrektheit selbst völlig unklar; der Begriff insgesamt bleibt suggestiv, er definiert nichts und kann deshalb auch nicht in Argumentationen verwendet werden.
So ist es auch kein Wunder, dass sich unterschiedliche Lager gegenseitig eine Überanpassung und eine tragende Rolle bei dem Erhalt etablierter Machtformen zusprechen.
Political correctness ist zu einer kompletten Worthülse geworden (wenn sie es nicht sowieso schon immer gewesen ist). Der Vorwurf dient nur noch der Abgrenzung; der Informationsgehalt geht gegen null. Vor allem aber muss das Thema, sobald dieser Vorwurf im Raum steht, nicht mehr ernsthaft diskutiert werden, oft mit dem damit einhergehenden Vorwurf, man könne mit dieser oder jener Partei die politischen Themen gar nicht diskutieren.

Fast argumentationslos

Berger schreibt:
Die schwule Realität, für die solche Magazine [Schwulenmagazine] eben nicht repräsentativ sprechen, sieht aber ganz anders aus: 98 % der Schwulen sind gerne Männer – gerade auch deshalb, weil sie Männer lieben. Ihre Devise ist: „Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein!“
Abgesehen davon, dass unklar ist, woher Berger diese Prozentzahl nimmt, scheint sie mir auch deshalb komplett falsch zu sein, weil es in Berlin zahlreiche Orte gibt, die für ein rein schwules Publikum gedacht sind. Im Gegensatz zu heterosexuellen Männern werden hier ganz offensichtlich sexuelle Möglichkeiten mit bedacht. Die homosexuelle Kultur grenzt sich deutlich von der heterosexuellen ab. Berger verlässt sich bei seiner Argumentation auf den ebenso unklaren Begriff „Mann“. Eine solche Gleichheit gibt es aber weder unter heterosexuellen Männern, noch, so möchte ich behaupten, unter Homosexuellen. Hier wird von Berger zu deutlich die biologische Existenz mit einem kulturell geprägten Selbstbewusstsein vermischt.
Weiter unten kommt er dann sogar zu der schrägen These, dass in der „Genderideologie“ das Vorurteil stecke, Schwule seien „eigentlich gar keine richtigen Männer“. Das Bild vom „richtigen Mann“ jedoch ist nur ein kulturelles Stützkorsett: dem richtigen Mann (etwa einem David Beckham oder einem Jason Statham) entsprechen wohl die wenigsten Männer. Dieses Argument bleibt also tendenziös und auf geradezu lächerliche Art und Weise naiv.

Zuordnung der Geschlechter

Pirinçci kritisiert die künstliche Zuordnung der Geschlechter; Berger folgt dem und bringt das Wort „homonormativ“, um diese eingeschränkte Sichtweise auf das, was ein Homosexueller angeblich sei, zu kritisieren. Ich nenne so etwas RTL-Schwule, weil es mir passiert ist, dass ich die Schwulen in meiner Umgebung häufig gar nicht als Schwule erkannt habe, während sie sich bei RTL immer sofort „erkennen“ lassen; ich hatte aber auch schon mal den umgekehrten Fall, dass ich von jemandem gedacht habe, dass er eindeutig schwul sei: in Wirklichkeit war er verheiratet und hatte zwei Kinder.
Natürlich halten wir uns an einem Bild von bestimmten Menschen fest. Und hin und wieder müssen wir sehr deutlich umlernen. Das macht Mühe. Ich kann bestimmte Bevölkerungsgruppen durchaus verstehen, dass sie es leid sind, in ein bestimmtes Bild gepresst zu werden; ich kann verstehen, dass Frauen, die in klassischen Männerberufen arbeiten, nicht ertragen wollen, als randständige Personen behandelt zu werden (angeblich passiert so etwas Frauen, die Maschinenbau studieren, immer noch), oder sogar nur als Person mit einer bestimmten Sexualität wahrgenommen werden.
Soweit, so richtig. Dann aber schreibt Pirinçci (und Berger zitiert dies, trottelig, wie er eben ist):
„Nicht Angela Merkel ist zum Mann mutiert, sondern die Männer um sie herum und zu ihren Füßen sind zu verängstigten Eunuchen und Hofschranzen geworden.“
Ich hatte schon öfter darauf hingewiesen, dass all diese Artikel, die sich in einem solchen groben, zum Teil beleidigenden Tonfall äußern, immer ihr eigenes Feindbild herstellen, und meist mit den Mitteln, die sie ihren Gegnern vorwerfen. Auch hier bestätigt sich diese Wahrnehmung: Pirinçci schafft es, innerhalb von Sekunden der halben Bundesregierung und dem Mitarbeiterstab ein neues kulturelles Geschlecht zu verpassen. Soviel also zu der Behauptung, man könne sein Geschlecht nicht mal eben rasch wechseln. Man braucht bloß einen idiotischen Deutsch-Türken und einen verkrachten, schwulen Ex-Theologen.

Parallelwelt

Ganz besonders hübsch finde ich immer wieder das Wort Parallelwelt, als ob es eine Welt gäbe, die man direkt und realistisch beobachten könne. Der Vorwurf der Parallelwelt gilt als ganz schweres Kaliber und als besonders intelligibel. Ist er leider nicht. Der ist sowas von bescheuert. Im Prinzip lässt sich dieser Vorwurf folgend übersetzen: Ich kann nicht so denken wie die dort!
Muss ja auch niemand. Ich kann bestimmte Sachen auch nicht nachvollziehen. Mir ist es schleierhaft, wie sich ein Matussek oder ein Pirinçci oder eben jetzt ein Berger auf diese Art und Weise äußern kann, ohne sich in Grund und Boden zu schämen für seine Ungebildetheit. Ich fände es ja schön, wenn ein Pirinçci oder ein Berger in einer Parallelwelt leben würde. Dann müsste ich mich nicht um die kümmern und mich auch nicht über ihre Äußerungen aufregen. Sie leben aber leider mitten unter uns.

Agonistik

Vor 50 Jahren lautete das Schlagwort „für eine streitbare Demokratie“. Carlo Schmid brachte das Grundanliegen folgendermaßen auf den Punkt:
Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selbst die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. (…) Man muss auch den Mut zu Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.
Dem kann ich mich nur anschließen. Darauf basiert aber auch die Überzeugung, dass eine Demokratie davon lebt, sich zu streiten. Und bleiben wir beim Gender-Mainstreaming: so fand ich es radikal falsch, dass sich bestimmte Politiker darüber geäußert haben, man müsse die Sexualität auch von Homosexuellen schon im Kindergarten thematisieren. Und als gäbe es dazu nichts Strittiges zu sagen. Die Art und Weise, wie dann der Gegenwind politischer Meinungen aufgestürmt ist, war allerdings nicht besser; im Gegenteil: allerlei Gossenkinder sind hier ans Licht gespült worden, Menschen, denen man einen grundlegenden politischen Analphabetismus vorwerfen muss.
Der Streit ist richtig. Diesen Streit vorzuentscheiden, indem man die Themen in den Kindergarten oder in die Grundschule hineinträgt, allerdings falsch.
War die politische Streitbarkeit während der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eher das Thema konservativer Denker wie Karl Löwenstein und Karl Mannheim, so entdeckt heute der Neomarxismus über den Umweg eines Antonio Gramsci und dem von ihm ausgearbeiteten Begriff der Hegemonie den Streit als Kernbestand des Politischen (zum Beispiel Chantal Mouffe: Agonistik. Frankfurt am Main 2014).
Dies scheint beiden Lagern nicht mehr klar zu sein: man kann durch das Gender-Mainstreaming nicht zu einer prästabilierten Harmonie unterschiedlicher sexueller Orientierungen gelangen; aber im Gegenzug so beleidigt und auch so unkultiviert zu reagieren, wie man dies in der Junge Freiheit doch regelmäßig zu lesen bekommt, das kann es doch auch nicht sein. Trotzig-schmollende Heteronormativität oder sogar kruder sozialdarwinistischer Familialismus sind keine adäquaten Antworten.

Kaufe ich mir das Buch oder kaufe ich es nicht?

Ich wollte mir das Buch von Pirinçci zulegen, einfach, um nicht nur auf das Internet angewiesen zu sein. Dann wollte ich es mir wieder nicht kaufen, weil ich sowieso viel zu lesen habe. Jetzt hat mich David Berger fast wieder dazu bekommen, es mir doch noch zu bestellen. Ich lasse es sein. Vielleicht ließe sich an dem ein oder anderen Abschnitt eine schöne rhetorische Analyse anbieten; für mein derzeitiges Interesse an der Politik (auch wenn dieses Buch dazu gehört) ist es irrelevant. Weiterhin bin ich der Meinung, dass ich erst mal grundsätzlichere Dinge zu klären habe.
Suggestion ist für mich deshalb eine so kritisierenswerte Strategie, weil sie sich ihre Selbstverständlichkeit durch Grobheiten und Ausschlüsse erzeugt: wie oft habe ich schon gehört, dieses oder jenes wisse man doch (ich müsse doch wissen, was deutsch sei, ich müsse doch wissen, wie man sich als Mann fühle); als ob die Teilhabe an Kultur schon zu einem gemeinsamen Wesen führe. In dieser Form trägt Kultur etwas höchst Unintelligibles in sich. Und das ist etwas, was mir unbehaglich wird. Es ist, um hier selbst ins Grobe zu reden, nicht meine Kultur.

11.01.2016

Großmogule der politischen Korrektheit

Ach Martenstein!
Hatte ich dir nicht neulich empfohlen, die Finger von politischen Themen zu lassen? Es wäre wohl besser gewesen, du hättest meinen Rat befolgt. Aber offensichtlich kann Martenstein nicht von seinen Feindbildern lassen, den radikalen Feministinnen, den politisch Korrekten und dem Islam.

Was der radikale Feminismus „sagt“

In seinem Kommentar zu Köln schreibt Martenstein dem „radikalen Feminismus“ Worte in den Mund, die man so vom radikalen Feminismus nicht hören wird. Die Taten in Köln seien nicht ganz so schlimm, weil es doch auch unter deutschen Männern Sexismus gäbe.
Aber genau hier verwechselt Martenstein die Relativierung mit der Relationierung: Niemand behauptet, dass ein Verbrechen dadurch minder schwer werde, wenn andere ein ähnliches Verbrechen begingen. So als wäre ein Bankraub schwerer zu strafen als drei (sofern sie von verschiedenen Tätern durchgeführt werden). Hinterfragt werden soll, so hatte ich das verstanden, der eindeutige Zusammenhang zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und dieser Art von Verbrechen. Nicht das Verbrechen, sondern die Erklärung wird in vielen Kommentaren hinterfragt.

Der Islam als Ideologie

Abgesehen davon, dass es frech ist, gerade dem Feminismus in den Mund zu legen, er würde sexuelle Gewalt relativieren, behauptet Martenstein auch noch, der Islam sei eine Ideologie. Nun ist das Wort „Ideologie“ ein durchaus sehr bunter Begriff: damit ist noch nichts gesagt.
Nehmen wir dieses Wort in seiner ganz alten Bedeutung, dann bezeichnet die Ideologie die Lehre von einer Idee, wobei die Idee immer ein Begriff ist, der sich nicht durch Abstraktion von Merkmalen definieren, sondern nur durch Beispiele illustrieren lässt. Gerechtigkeit ist zum Beispiel eine Idee. Man findet diese nicht in anschaulichen Merkmalen in der Welt vor; man kann aber Beispiele dafür geben, wie etwas gerecht oder ungerecht verlaufen ist. Zahlreiche Kriminalromane kann man so als Illustration der Idee der Gerechtigkeit lesen: am Ende wird der Schaden in einer gewissen Weise wieder gutgemacht, der Verbrecher seiner Taten überführt und bestraft.
In einer moderneren Form bezeichnet die Ideologie Lebensweisen, die sich nach einer bestimmten Idee ausrichten, zum Beispiel der ökologischen Nachhaltigkeit oder dem Hedonismus oder der christlichen Nächstenliebe. Die Idee selbst dient dann als Anker für die Reflexion auf das eigene Leben: der ideologische Mensch fragt sich, ob seine Handlungen der ökologischen Nachhaltigkeit oder der christlichen Nächstenliebe dienlich sind.

Religion: die Möglichkeit, sich zu ideologisieren

Keinesfalls ist dann der Islam eine Ideologie; als Religion liefert er Möglichkeiten, sich zu ideologisieren. Und natürlich gibt es im Islam auch die Möglichkeit, sich an einer offensiven und invasiven Idee der religiösen Praxis auszurichten: dort, wo man den „Heiligen Krieg“ als Kernpunkt des Islams betrachtet.
Das Christentum hat sich in Bezug auf die Bibel ähnlich verhalten, auch wenn diese Zeiten lange vorbei sind: die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, all das stimmt nicht mehr mit dem überein, was Christen aus der Bibel als religiösen „Kernpunkt“ herauslesen. Mag die Bibel auch ein fester Bestandteil unserer Kultur sein: Ihre Auslegung hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt.
Es ist also schierer Unsinn, den Islam so pauschal als Ursache für die Vergewaltigungen und die sexuellen Übergriffe in Köln verantwortlich zu machen. Sicherlich bringen bestimmte Bevölkerungsgruppen muslimischen Glaubens auch eine zutiefst machohafte Kultur mit, eine, die man in Deutschland nicht mehr dulden kann.
Der einzige Schluss, den man daraus ziehen kann, ist, dass man den Islam differenzierter betrachten muss, dass man auch die Menschen muslimischen Glaubens differenzierter betrachten muss: das besagt aber nicht, dass man den Menschen, die sich bei der Begründung ihrer verbrecherischen Handlungen auf den Koran beziehen, ein anderes Urteil zukommen lassen darf als denen, die sich nicht auf den Koran beziehen. Aber offensichtlich haben die Straftäter in Köln das auch gar nicht gemacht, sie haben sich nicht durch religiöse Äußerungen einen besseren Status herbeigeredet. Und insofern verstehe ich auch die ganze Argumentation von Martenstein nicht: er vergreift sich nur an einer der grundlegenden Bedingungen der Demokratie: der Religionsfreiheit. Ob die Straftäter Muslime sind oder nicht, darf nicht interessieren. Man muss ihnen zumuten, ohne ihre Religion und nur aufgrund ihres politischen Status gerichtet zu werden. Macht denn das deutsche Rechtssystem etwas anderes?

Religionsfreiheit

Nein, ich halte nichts davon, über mögliche Auswirkungen des Islams zu spekulieren. Das westliche Rechtssystem kann Straftaten auch ohne Bezug auf die Religion verfolgen und verurteilen. Das sollte es auch tun, ohne Frage.
Martenstein schafft sich damit sein Feindbild selbst; er betrachtet die Situation undifferenziert. Und wieder einmal kann man feststellen, dass eine unsaubere Argumentation vor allem dazu führt, dass bestimmte Aussagen auf den Autor zurückfallen: Martenstein sind „seine eigenen Feindbilder das Wichtigste auf der Welt“. Er ist seine eigene Ideologie. Besonders freundlich, besonders intelligibel ist diese allerdings nicht.

30.12.2015

Eitelkeit (oder auch Arroganz)

Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit: er wird versucht sein, sie noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit beiden Händen zu fassen meint. Das Problem ist für ihn, sich Wesen vorzustellen, die eine gute Meinung über sich zu erwecken suchen, welche sie selbst von sich nicht haben – und also auch nicht „verdienen“ –, und die doch hintendrein an diese gute Meinung selber glauben. Das erscheint ihm zur Hälfte so geschmacklos und unehrerbietig vor sich selbst, zur anderen Hälfte so barock-unvernünftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme fassen möchte und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet, anzweifelt.
Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse, S. 212 (KSA V)
Dies habe ich schon lange nicht mehr gelesen; mich erinnert das gerade sehr an meine Ex-Frau, wie sie vor mir herum getänzelt ist, nachdem sie ihr Diplom in Kriminologie erworben hatte, und meinte, sie hätte es geschafft. Im Nachhinein kann ich darüber nur lächeln. Damals fand ich es ziemlich beleidigend: für meine Hilfe habe ich kein einziges Dankeschön bekommen, und was habe ich geholfen! Der theoretische Kernbau der Arbeit, die systemtheoretische Betrachtung, stammt gänzlich von mir; und was ich am Rest der Arbeit herumgeflickt habe! Ich weiß nicht, wie viele Zitate ich nicht wiedergefunden habe, die sie in den Fußnoten aufgeführt hat. Da ist ihr ganz grundlegend etwas durcheinander gelaufen. Einige wenige habe ich dann noch gefunden, die meisten habe ich ersetzt (ich habe damals noch nicht meinen elektronischen Zettelkasten geführt, der mir dabei wahrscheinlich wesentlich bessere Dienste geleistet hätte).

Nietzsche und die Frauen

Dazu ist ja nun vielerlei geschrieben worden. Seltsam dabei ist, dass Nietzsche mit einigen führenden Frauenrechtlerinnen (insbesondere Malwida von Meisenbug) befreundet war. 1874 stimmte Nietzsche als Einziger für die Zulassung der Frauen zum Doktorat (eine Tatsache, die meiner Ex-Frau auch heute wohl wenig nützen würde: Trotz eines zweijährigen Stipendiums und eines Fahrplans, den ich ihr 2006 auszuarbeiten geholfen habe, um nicht zu sagen abgenommen habe, ist sie weiterhin nur „wissenschaftliche Mitarbeiterin“).
Dann gibt es da noch diesen Spruch: „Du gehst zum Weibe? Vergiss nicht die Peitsche!“ – Die Frage, die eigentlich nicht gestellt wird, ist, wer die Peitsche dann benutzt. Zumindest gibt es hier eine schöne Fotografie, die Friedrich Nietzsche und Paul Rée einen Leiterwagen ziehend zeigt; auf dem Leiterwagen kniet Lou von Salomé, mit einer Peitsche in der Hand; allerdings ist die Peitsche mit Flieder geschmückt.

Der „Sklave“ im Blute des Eitlen

Es ist „der Sklave“ im Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit des Sklaven – und wie viel „Sklave“ ist zum Beispiel jetzt noch im Weibe rückständig [und man höre hier bitte das Wort Rückstand im Zusammenhang mit dem Wort Atavismus]! –, welcher zu guten Meinungen über sich zu verführen sucht; es ist ebenfalls der Sklave, der vor diesen Meinungen nachher sofort selbst niederfällt, wie als ob er sie nicht hervorgerufen hätte. – Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein Atavismus.
Ebd., S. 214

21.12.2015

Probleme mit Unterschieden

Ach, was muss man oft von bösen Buben hören oder lesen. Zum Beispiel von Jan Fleischhauer. Dieser unterstellt den Menschen in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern einen spezifischen Rechtspopulismus. Und gibt daraufhin recht befremdliche Thesen von sich.

Vera Lengsfeld

Nun hat auf diesen Artikel Vera Lengsfeld bereits geantwortet. Vera Lengsfeld ist ja bekannt dafür, dass sie von einigen unliebsamen Phänomenen verfolgt wurde (und eventuell noch wird). Mathematik gehört allerdings nicht dazu; zu abenteuerlich ist die Rechnung, mit der sie beweist, dass vier Fünftel aller Ostdeutschen nicht fremdenfeindlich seien. In diese abenteuerliche Rechnung schleicht sich dann auch noch die Schlussfolgerung ein, dass diejenigen, die überhaupt nicht wählen gehen, auch keine Fremdenfeinde seien. Klar, wir wissen ungefähr, wie dies gemeint ist; und auch wenn die Argumentation nicht stimmt, ist zumindest ein Teil ihres Anliegens ehrenwert: so einfach sollte es sich Jan Fleischhauer mit den "Ostdeutschen", ob rechtspopulistisch oder nicht, nicht machen; in seiner eigenen Argumentation liegt dazu zu vieles im Argen.
Lengsfeld überrascht uns dann noch mit dem Bekenntnis, dass sie 2009 aus Spaß für den Bundestag kandidiert habe. Eine solche Verzweiflung habe ich in meinem Leben noch nicht verspürt. Vielleicht kommt das ja noch.

Seltsame Worte

Wiedervereinigung

Zu einem der ganz seltsamen Worte gehört bei mir die Wiedervereinigung. Was mich an diesem Wort überrascht, ist sein Rückbezug, sein geschichtlicher, als würde man zu etwas zurückkehren oder wiederholen. Tatsächlich hat sich all das, was man irgendwie noch mit dem Deutschen verbinden könnte, in den letzten 40 Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Wiedervereinigung so deutlich verändert, dass eine solche Rückbezüglichkeit mehr als fragwürdig sein darf. Man steigt doch niemals in den gleichen Fluss, vor allem, wenn diesem bereits 40 Jahre Wasser hinuntergeflossen sind.

Radikalisieren

Radikalisierung ist ein anderer, komischer Begriff. Was genau mit ihm gemeint ist, lässt sich eigentlich nicht definieren. Nehmen wir ihn chemisch, dann bedeutet er, dass etwas einseitig aufgeladen sei. Übertragen wir dies in den politischen Bereich, dann könnte man ihn damit übersetzen, dass jemand eine einseitige Meinung habe. Ich halte dies, neuerdings, alleine schon deshalb für eine fragwürdige Ansicht, weil gerade radikale Denker eine Vielstimmigkeit in sich hüten, die nicht als einseitig, sondern als unsystematisch gewertet werden muss. Einseitig ist sie nur deshalb, weil solche Sprecher dann meist auf die einseitige Richtigkeit beharren.
Folgen mag ich dem aber deshalb nicht, weil es bestimmte Sachen gibt, die nicht aushandelbar sind, auch nicht in der Politik. Tatsachen sind nicht aushandelbar, auch nicht die Gebiete eines hervorragend plausibilisierten Wissens. 

Evolution und Stalinismus

Evolution zum Beispiel ist nicht aushandelbar, nicht als wissenschaftliche Disziplin. Ökologie allerdings auch nicht (die die Biologisten, insbesondere die Männlichkeits-Theoretiker aber auch gelegentlich wissenschaftlich orientierte Christen gerne vergessen). Nicht aushandelbar ist auch der unübersehbare Bruch zwischen den Schriften von Karl Marx und dem Terror des Stalinismus. Dass ich beide für falsch halte, macht sie noch nicht gleich. Ich halte sie aus sehr unterschiedlichen Gründen für falsch; und zumindest bei Karl Marx finden sich Erkenntnisse, die, umformuliert, auch von Nicht-Marxisten hervorgebracht werden.
Ob der Stalinismus schlimmer sei als der Nationalsozialismus? Ich mag, was das angeht, meinen Ekel vor dem einen und meinen Ekel vor dem anderen eigentlich nicht vergleichen müssen. Es gibt doch zu viele Möglichkeiten, alternativ zu beidem zu leben, und dass die einen Opfer mehr geschützt werden müssten als die anderen, halte ich schlichtweg für zynisch. Manchmal braucht man keine Tatsachen. Dort, wo eine Schmerzgrenze zu deutlich überschritten ist.

Die politische Mitte

Der Gesellschaft würde die politische Mitte verloren gehen. Mitte ist in diesem Fall natürlich nur eine Metapher. Gelegentlich habe ich mal angefragt, was denn unmetaphorisch damit zu verstehen sei. Die Antwort ist äußerst verschieden ausgefallen. Man könnte das Ganze dann dahingehend zusammenfassen, dass Mitte eben irgendwo sei, vornehmlich dort, wo der Befragte selber stehe. Das ist dann wohl auch eine radikale Ansicht, nämlich radikal blöde.

Kulturell oder sozial

Vollends gestolpert ich dann aber über folgenden Satz von Fleischhauer:
Das zentrale Versprechen ist Homogenität, das ist das Wort, um das ja alles kreist. Die einen versprechen soziale Homogenität, die anderen kulturelle. Gegen zu viel Ungleichheit sind beide.
Abgesehen davon, dass ich nicht verstanden habe, wie sich das Soziale von dem Kulturellen abgrenzen ließe, ist es doch offensichtlich absurd, eine Radikalisierung der Gesellschaft zu beklagen, und gleichzeitig diejenigen zu tadeln, die gegen zu viel Ungleichheit seien. Fragt sich dann nur noch, ob Fleischhauer ein verkappter AfDler oder ein verkappter Linker ist. Wenn er dann weiter unten auch noch von der „Abwesenheit jedes christlichen Bewusstseins“ in Ostdeutschland (außerhalb des Kirchenmilieus) redet, wird mir vollends schlecht. Fleischhauer zeigt, aber das ist ja nichts Neues, auf andere, und scheint dabei doch nur sich selbst zu meinen:
Die größten Kritiker der Elche
sind leider meistens selber welche.

Hoho, Christentum

Schließlich: hat das Christentum nicht doch auch irgendwie seine vereinheitlichenden Werte und Vorstellungen? Ist es nicht in gewisser Weise auch homogen? Vielleicht. Eventuell würde ein Matthias Matussek hier Beifall klatschen; ein Kirchenhistoriker würde mindestens ein saures Gesicht ziehen. So stelle ich mir das jedenfalls vor.
Im letzten Teil des Artikels stört mich allerdings vorzugsweise, dass die Weltoffenheit an den (christlichen) Glauben zurückgebunden wird, und die „Heilung des spezifisch ostdeutschen Populismus“ an die „Remissionierung des deutschen Ostens“ (die ersten Worte in Gänsefüßchen zeigen eine Paraphrasierung, die zweiten ein direktes Zitat an). Letztlich scheint er dann aber wieder alles zurückzunehmen, bezeichnet auch viele Muslime als weltoffen und demokratisch, und dann könnte man ja vielleicht mit Fleischhauer doch noch für eine Islamisierung Deutschlands sein.
Weder das eine noch das andere würde mich begeistern. Beeindruckender fände ich allerdings, wenn unsere Leitkolumnisten gelegentlich etwas mehr darüber nachdenken würden, was sie dort so an buntem Flickenteppich zusammenschreiben.
Womit ich dann Jan Fleischhauer ganz offiziell der Kategorie ›böse Buben‹ überantworte.

Kurze und lange Sätze mit Stephan Waldscheidt

Gelegentlich liebe ich ihn, gelegentlich finde ich für ihn nur Verachtung. Stephan Waldscheidt, Autor und Textcoach. Gerade lese ich von ihm einen Text über Sätze.
He missed the point, möchte ich behaupten. Und wenn man den Nährwert seines Textes ansieht, dann geht dieser gegen null. Gut seien kurze Sätze, wobei man längere Sätze nicht unbedingt verachten müsse.

Syntax und Satzsemantik

Äußere und innere Struktur

Richtiger ist das so: die Schulgrammatik, bzw. die formale Grammatik, stellt die äußere Struktur der Sprache dar, in Form von Regeln und Ausnahmen. Für den Satz gibt es hier die Teildisziplin der Syntax. Diese äußere Struktur hängt mit einer inneren Struktur zusammen. Die innere Struktur wird von der Semantik beschrieben, im Falle des Satzes von der Satzsemantik. Semantik, so lässt sich das in Kurzform sagen, ist die Lehre von der Bedeutung. Sätze haben eine äußere, grammatische Struktur, und eine innere, semantische.
Nun liest niemand einen Satz, weil er eine so schöne äußere Struktur hat. Sätze sind dadurch attraktiv, dass sie eine Bedeutung transportieren. Transportieren darf hier nicht allzu wörtlich genommen werden, denn wenn man tiefer in das Gebiet der Semantik eindringt, dann stellt sich der Sachverhalt als wesentlich komplexer dar: ein Satz ist kein Paket, dessen Hülle durch die Grammatik und dessen Inhalt durch die Semantik bestimmt wird.

Innere Logik

Solange wir zu einem Satz eine innere Logik aufbauen können, solange sind wir mit dem Satz einverstanden. Schwierig wird es erst, wenn wir nicht mehr zu einem guten Zusammenhang finden. Dann mag der Satz zwar grammatisch korrekt erscheinen, aber inhaltlich unklar.
Was aber ist eine solche innere Logik? Dies ist nicht mehr ganz so einfach zu beantworten; bleiben wir bei den Schriftstellern, also jenem Metier, auf die Stephan Waldscheidt mit seinem Artikel abzielt, können wir tatsächlich auf eine langgepflegte Tradition zurückblicken. Die innere Logik stolpert nicht, wenn der Schriftsteller uns mit den vier typischen Formen des semantischen Gedächtnisses beliefert. Dies sind: die Proposition, das Bild, die Handlungsfolge und das Begriffsnetz (ich wähle hier noch ein möglichst einfaches Vokabular).

Das semantische Gedächtnis

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Erinnerung von Bedeutungen. Wissenschaftlich gesehen ist es ein Konstrukt, dessen Vorhandensein nie wirklich bewiesen werden konnte. Da es aber so gut für Erklärungen taugte und auch in der Praxis hervorragend genutzt werden konnte (zum Beispiel in der Pädagogik), gehört es heute zu den Feld-, Wald- und Wiesenmodellen der Psychologie.

Die Proposition

Die Proposition ist ein gedachter Satz, genauer: das mentale Abbild eines Satzes. Im Mittelpunkt steht ein Verb, wobei aktive Verben für das Erinnern besonders günstig sind; dazu gesellen sich so genannte Aktanten, die in etwa mit den Satzteilen deckungsgleich sind. Aus der Psychologie wissen wir auch, dass ein Mensch ungefähr vier Elemente gleichzeitig überblickt, woraus man folgern kann, dass ein Satz vorzugsweise aus vier Satzteilen oder weniger bestehen sollte.

Das Bild

Als Komplex, komplexive Vernetzung, Image und noch unter einigen anderen Bezeichnungen findet man eine Art von Bild als Gedächtnistyp. Bilder kann man sich zunächst eben tatsächlich wie Bilder vorstellen. Sie bestehen aus einer Anordnung von verschiedenen, meist visuellen Elementen: Hier stehe ich, mit meinem Gewehr in der Hand, und überblicke die sanft gewellten Hügel bis hin zu der Triceratops-Herde jenseits des Flusses, dessen silbernes Band das dichte Grün der Wiesen zerschneidet.
Obwohl dieser letzte Satz deutlich über das Richtmaß für die Länge eines Satzes hinausgeht, macht dieser Satz doch keine Mühe, da das Bild konkret und vorstellbar bleibt.
Offensichtlich schafft es dieser Gedächtnistyp, eine größere Anzahl von Elementen zu vereinen und dadurch auch längere Sätze zu ermöglichen.

Die Handlungsfolge

Diese findet man auch unter der Bezeichnung Skript, was eine bessere Alternative ist. Denn nicht immer geht es beim Skript um Handlungen, manchmal lediglich auch um Ereignisse. Die Elemente in einem Skript werden nicht räumlich, sondern zeitlich geordnet. James Bond lehnt sich an die Theke, bestellt sich einen Martini mit Olive, und kehrt, während er die attraktive Blondine beobachtet, die ihm gleich nach seinem Eintritt ins Casino aufgefallen ist, an den Roulette-Tisch zurück.
Hier kann man tatsächlich behaupten, dass ein geradliniger Satz eine geradlinige Handlung beschreibt. Versucht dieser, Parallelhandlungen einzubeziehen, wird er kompliziert. Dies wird euch aufgefallen sein, als ich die Parallelhandlung Blondine-beobachten eingeführt habe. Ist eine Handlung allerdings geradlinig, kann der Satz durchaus länger werden, ohne an leichtgängigem Verständnis zu verlieren.

Das Begriffsnetz

Begriffsnetze sind vielleicht am problematischsten zu erklären. Wir brauchen Begriffe, um unsere Umwelt zu erfassen. Einfach gesagt kombinieren Begriffe Wahrnehmungen und mögliche Handlungen. Um zum Beispiel einen Teller als Begriff zu besitzen, muss ich wissen, wie ein Teller aussieht, und was ich mit ihm tun kann. Demnach kombinieren Begriffe Bilder und Handlungsfolgen und unterscheiden sich damit kaum von diesen Gedächtnistypen. Deutlicher werden Begriffsnetze dann, wenn sie sich vom Alltag entfernen, zum Beispiel in einer wissenschaftlichen Disziplin mit ihren Fachbegriffen. Begriffsnetze hängen damit eng mit der Spezialisierung zusammen.
Deutlich wird dies auch darin, dass ein Sachverständiger in seiner Disziplin längere Sätze leichter lesen kann, als ein Laie.

Was heißt das für die Praxis?

Zunächst ist ein Schriftsteller damit gut beraten, einfach zu schreiben. Die Sätze sollten mäßig lang sein, die Sprache bildhaft, die Bilder geordnet, die Handlungen nachvollziehbar und nicht zu ungewöhnlich; Fachbegriffe in eigenen (erzählenden) Texten sollten besonders kritisch beäugt werden.
Das sind allerdings noch die relativ groben, die bereits gut bekannten Tipps.
Schaut man sich große Schriftsteller genauer an, dann verflechten die Sätze sich untereinander und bilden größere Einheiten. Das sind die sogenannten Textmuster, die in erzählenden Texten dann natürlich Erzählmuster heißen. Und hier sind eine ganze Menge Möglichkeiten gegeben, um auch längere Sätze vorzubereiten und nachzubearbeiten.

Verknotungen

Betrachten wir folgenden Satz aus Kai Meyers Roman Die Wellenläufer:
Die beiden Boote des Spaniers befanden sich an den Seiten des Rumpfes; eines war von einer Kugel der Maddy gestreift worden, ein Teil der Aufhängung war zerfetzt, und nun schaukelte das kleine Boot bei jeder Erschütterung gegen den mächtigen Rumpf und erzeugte dunkle, hohle Laute. (S. 8)
Dieser Satz ist relativ lang. Bis Meyer ihn allerdings schreibt, hat er bereits die Umgebung umfassender geschildert. Dies alles ist in relativ kurzen Sätzen geschehen. Der zitierte Satz ist der bis dahin längste. Auffällig an dem Beginn dieses Romans ist dann auch, dass die Sätze nach und nach länger werden, dass sich, nach einigen recht kurzen Sätzen, immer längere einschleichen. Allerdings überwiegen die einfachen Sätze. Die längeren Sätze haben dabei auch die Aufgabe, die kürzeren gelegentlich zusammenzufassen und dadurch Ereignisse zu verknoten.

Informationswert

Vergleicht man aber, wie neu die Informationen sind, die der oben zitierte Satz liefert, dann kann man sagen, dass der Leser wenig Neues erfährt. Bekanntes wird lediglich in etwas anderen Worten ausgedrückt. Dagegen ist der Zusammenhang der einzelnen Satzteile, bzw. des dahinter stehenden Bildes, neu. Die kurzen Sätze führen neue Elemente ein, die langen Sätze neue Konstellationen; beides in Bezug auf den Leser gesehen: denn es geht hier nicht darum, dass der Leser sich etwas noch nicht denken könne, sondern dass er diese Situation noch nicht wissen kann. Eine Erzählung mag etwas ganz gewöhnliches schildern, etwas, was jeder Mensch jeden Tag erlebt; und trotzdem darf der Autor nicht über solche Situationen hinwegspringen, weil der Leser noch nicht wissen kann, ob seine Alltagserfahrung auch in diesem Roman gilt.
Daraus kann man einen Schreibtipp erstellen:
  • Schildere neue Elemente (eine Seeschlacht, einen Klassenraum, das Schmieden eines Schwerts) in kurzen Sätzen, den Zusammenhang dagegen in längeren; die Länge sollte allerdings dem Zusammenhang angemessen bleiben.


Zusammenfassung: Tipps für Autoren

  • Schreibe kurze Sätze! (Achte auf die 4-Elemente-Regel der Aufmerksamkeit.)
  • Ganz konkrete Bilder erlauben dir das Schreiben längerer Sätze.
  • Gut vorbereitete Elemente (Gegenstände, Ereignisse, Personen, Handlungen) ermöglichen nicht nur längere Sätze (mit diesen Elementen), sondern erfordern sie sogar, um all diese Elemente in einen Zusammenhang zu bringen. – Allerdings ist gerade der letzte Tipp nicht einfach nur den Sätzen aufzubürden, sondern insgesamt den Wörtern, Sätzen und Textmustern. Die Wörter müssen zu der Gesamtbedeutung passen, die Sätze müssen sich in die Logik des größeren Zusammenhangs einpassen, und die Textmuster müssen diesem größeren Zusammenhang einen Rahmen geben.

Solche Tipps sind übrigens nicht beim ersten Schreiben nützlich. Sie dienen eher dazu, die eigenen Texte daraufhin zu überprüfen. Texte sind relativ komplizierte Sachen. Wollte man alle Regeln gleich richtig anwenden, müsste man viel zu viel gleichzeitig beachten. Auch Schriftsteller können eben nicht mehr als vier konkrete Elemente gleichzeitig überdenken. Deshalb plant man, schreibt drauflos und überarbeitet später.

20.12.2015

Naturalisierte Körper

Ich blättere zwischendurch in meinen Notizen zu Judith Butler. Was mir an ihren Texten auffällt, mag ein reines Übersetzungsproblem sein: Butler spricht vom Körper, meint aber, wenn man die philosophische Tradition in Deutschland berücksichtigt, den Leib.

Bilder seiner selbst

Spätestens seit Kant weiß man vom konstruktivistischen Unterbau unseres Welterlebens. Hier wird dann auch die Trennung zwischen Körper und Leib wichtig: der Leib ist die Rekonstruktion des Körpers, der Körper das nicht mehr zu erreichende Reale.
Diese Ansicht kann heute neurophysiologisch bestätigt werden: das Nervensystem innerviert zwar den ganzen Körper, aber durchaus sehr unterschiedlich. Sämtliche Muskeln sind doppelt mit Nerven durchzogen, einmal mit steuernden Nerven und einmal mit sensiblen Nerven, die den Stellungssinn des Körpers ausmachen. Natürlich ist auch die Haut mit Nervenzellen versehen, wobei es hier sensible Zonen (Lippen, Fingerspitzen, …) und weniger sensible Zonen (Rücken) gibt. Dritter im Bunde ist der Gleichgewichtssinn, der sich im Bereich des inneren Ohrs befindet.
Die daraus entstehenden Reize werden als Nervenimpulse an das Gehirn übertragen und dort vom Gehirn zu einem Körperbild rekonstruiert.

Zeit und Handlungsfähigkeit

Ein wesentliches Problem, sowohl der Philosophie wie auch der Neurophysiologie, ist die Rekonstruktion von Zeit. Damit ist auch die Körperzeit gemeint: welche Abfolgen man zum Beispiel braucht, um einen Weihnachtsstern zu basteln, ein Buch zu lesen, ein Buch zu lesen, um seinem Lehrer zu gefallen, ein Buch zu lesen, um danach selbst eins zu schreiben, ein Computerspiel zu spielen, ein Essen zu kochen, usw.
Im Gegensatz zu den einfachen Sinnesdaten sind die zeitlichen Abfolgen sehr viel stärker von den kulturellen Bedingungen geprägt. Und zwischen Menschen werden sie von Anfang an eine zentrale Stellung einnehmen: dazu gehört die Verlässlichkeit, wie die Bedürfnisse eines Neugeborenen befriedigt werden, der Blickkontakt, der Austausch des Lächelns zwischen Bezugsperson und Kind, schließlich all die dialogischen Gesten, die Ersatzleistungen, die von den kompetenteren Personen für das Kleinkind geleistet werden, dem Heranbringen der Kuscheldecke, dem Streicheln des Bauchs, …

Kultur

Die Kultur schreibt sich als Verzeitlichung sinnlicher Daten in den Aufbau des Bewusstseins ein. Zunächst. Denn von Anfang an gibt es auch ein biologisch angelegtes System, welches die Sinnesdaten sozial gewichtet: dies ist das System der geteilten Aufmerksamkeit. Säuglinge zeigen relativ schnell für das Aufmerksamkeit, wofür die Bezugsperson aufmerksam ist. Sie sind offensichtlich in der Lage, den Blick anderer Menschen zu erfassen und diesem zu folgen. Auch dies ist eine Art und Weise, wie sich die Kultur in die biologischen Grundlagen einschleicht und den kleinen Menschen von Anfang an prägt.
Eine dritte, recht grundlegende Prägung wird durch die ersten Symbolisierungen erreicht. Eine Symbolisierung erlaubt Menschen etwas zu bezeichnen, was abwesend ist, aber als vorhanden gedacht werden kann. Diese ersten Symbole scheinen Ordner zu bilden, die den Rest der Sprache um sich herum versammeln und strukturieren. Viel wichtiger aber ist, dass diese Symbole eine andere Form des Miteinander-Handelns erlauben, also eine neue Qualität in den sozialen Beziehungen. Vor allen Dingen sind Dialoge explizit sozial, da sie von etwas handeln, was materiell nicht da ist; zugleich aber sind sie durch die körperliche Präsenz des Gegenübers materiell.

Gewohnheiten

Alles, was man häufig tut, wird gedanklich abgekürzt. Das Gehirn ist ein ökonomisches Organ: wenn es Energie sparen kann, dann spart es diese ein. Wiederholungen werden nach und nach zu Handlungsautomatismen verknappt, die nicht mehr explizit gedanklich begleitet werden müssen. Mir passiert dies zum Beispiel bei bestimmten Telefonnummern: ich kann diese nicht mehr explizit abrufen, aber sobald ich ein Tastentelefon vor mir habe, kann ich sie fehlerlos eintippen.
Vieles, was wir zunächst in der Sozialisation mühsam erlernt haben, wird später zu einer Gewohnheit, von der wird gelegentlich noch nicht einmal mehr wissen, dass es eine Gewohnheit von uns ist, so selbstverständlich gebrauchen wir diese und so selbstverständlich verlassen wir uns auf sie. Ein anderes Beispiel für einen solchen Automatismus ist die Orientierung im Zahlenraum. Kinder müssen sich diesen erst mühsam erarbeiten, mit zahlreichen Fehlern und Verkennungen darin, während die Erwachsenen ihn ohne Nachdenken für komplexere Rechnungen nutzen.

Leibliche Gewohnheiten

So ist der Leib vor allem ein Abbild von Gewohnheiten. Irgendwann haben wir Laufen gelernt, aber wir wissen nicht mehr wie. Wir haben Schreiben gelernt, aber wir denken nicht darüber nach, wenn wir schreiben. Wir ziehen uns an, aber schalten unser Gehirn dabei nur ein, wenn etwas schief läuft. Kleine Kinder dagegen experimentieren mit ihren Socken und Unterhosen herum, sie kommentieren alles, was sie tun, sie zeigen stolz, was sie erreicht haben.
Über all solche Sachen, über familiäre Rituale, individuell gesetzte Ziele (die fixen Ideen kleiner Kinder: das Krokodil im Schrank, das nur nachts herauskommt und das gezähmt werden muss), konstruieren wir unseren Leib zugleich als „fungierende Ontologie“ (Peter Fuchs) und als ausführende Maschine. Wir besetzen den Körper mit Grenzen und unser motorisches System mit Wirkweisen.

Schwierigkeiten mit dem gender

Es ist klar, worauf meine Ausführungen hinlaufen: das biologische Geschlecht insistiert natürlich im Leib. Zugleich aber wird der Körper in seiner Materialität im Gehirn rekonstruiert und dort über Sprache symbolisierbar. Der Leib, so, wie wir unseren Körper denken, ist ein Gemisch aus unterschiedlichen Quellen, aus Sinnesdaten und aus bestimmten äußerlichen Einflüssen. Dass diese äußerlichen Einflüsse, wie zum Beispiel bei der geteilten Aufmerksamkeit, offensichtlich biologisch angelegt sind, heißt nicht, dass sie vom Inhalt her biologisch sind. Hier kann uns Kant helfen: bei ihm werden die Sinnesdaten von der Empfindung geliefert, aber geformt durch die spontane Arbeit der Vernunft. Ersetzen wir das kantsche Vokabular durch ein neurophysiologisches, dann liefert die Aufmerksamkeit eine biologische Form, die mit einem kulturellen Inhalt gefüllt wird.
Häufiger aber ist es umgekehrt: die Sinnesdaten werden von kulturellen Praktiken in eine Form gegossen; sie werden durch gemeinsam und schließlich alleine ausgeübte Handlungen funktionalisiert und in größere (bedingt kulturelle) Zusammenhänge eingebunden.
Damit ist auch das Problem aufgezeigt, welches eine Trennung von biologischem und kulturellem Geschlecht verursacht. Tatsächlich sind diese streng ineinander verwoben.

Heteronormativität

Unter dem Begriff der Heteronormativität werden kulturelle Phänomene verstanden, die keinen eindeutigen Ursprung haben und nicht aus einer Ursache heraus entstehen. Dieser Begriff wird zwar häufig mit dem dekonstruktivistischen Feminismus verbunden, stammt von seinen Gedanken her allerdings aus der Evolutionstheorie Darwins. Hier ist sie allerdings weniger mit der Gesetzmäßigkeit der Evolution im Großen verbunden, als mit der Ökologie: demnach besiedeln Arten bestimmte Milieus und bilden darin Populationen. Diese Population ist an ihr Milieu in einer gewissen Art und Weise angepasst. Nun dringt von außen in dieses Milieu ein Ereignis ein, welches die Population unter Druck setzt und eine stärkere Selektion bewirkt (oder umgekehrt schwächen sich die selektierenden Faktoren ab). Dadurch verändert sich die Population, allerdings nicht aus sich selbst heraus, sondern durch zufällige, ungeplante (nicht-biologische) Ereignisse. So ist ein grundlegender Zug der Evolution, dass sie aus verschiedenen Ursprüngen heraus betrachtet werden muss; sie ist heteronormativ.

Kulturelle Evolution

Auch die kulturelle Evolution muss aus diesem Blickwinkel betrachtet werden: so hat der zunehmende Handel im frühen Mittelalter zu einem stärkeren Austausch zwischen breiteren Bevölkerungsschichten geführt und damit einen Druck auf die Entwicklung von komplexeren Verständigungsmöglichkeiten auf der Basis einer gemeinsamen Sprache ausgeübt. Zugleich hat der Handel Materialien zugänglich gemacht, die vorher häufig nur vom nahe liegenden Kloster oder dem entsprechenden Landesherren zur Verfügung gestellt werden konnten. Damit hat sich nach und nach eine erste „bürgerliche“ Schicht verselbstständigt, die wiederum zu einer allmählichen Ablösung von der lateinischen Sprache geführt hat, zu ersten altdeutschen Dichtungen, zu fahrenden Sängern und hier wieder zu einer neuen Art der Beziehung zwischen Mann und Frau, der höfischen Minne.
An diesem Beispiel, welches ich hier allerdings sehr verkürzt wiedergebe, mag man ermessen, wie bedingungsreich und in wie vielen Wechselwirkungen sich eine Kultur verändert.

Frauenleiber

Die Wechselwirkungen zwischen der Rekonstruktion des eigenen Körpers und der umgebenden Kultur unterliegen historischen Wandlungen. Man kann zwar mit Sicherheit annehmen, dass die Sinneszellen noch genauso funktionieren wie vor 100.000 Jahren, aber die weitere Einbindung, zum Beispiel in Handlungsabfolgen, in der gemeinsamen Gewichtung von Wesentlichem und in der Art und Weise, wie diese dann symbolisiert werden, hat sich in den letzten 2000 Jahren vielfach und zum Teil gravierend verändert. Der Körper der Frau (aber natürlich auch der Körper des Mannes) ist dabei zugleich durch seine insistierenden biologischen Grundlagen und die durch die kulturelle Evolution bewirkten Muster geprägt. Die Leiblichkeit ist insofern heteronormativ.
In den letzten Jahrhunderten hat sich zunehmend der Glaube herausgebildet, dass Frauen dem natürlichen Prinzip näher stünden, dass sie „biologischer“ seien, während Männer das kulturelle Prinzip vertreten: Sie seien „geistvoller“, „intelligenter“, vornehmlich zur Politik, Kunst und Philosophie befähigt. Die neurophysiologische Forschung erschüttert noch einmal diesen Glauben, vielleicht ein letztes Mal im europäischen Denken.
In diesem Sinne verstehe ich auch Judith Butler: Sie erschüttert die Trennung von Natur und Kultur und damit eine alte Begründung für die Trennung und Binarisierung von biologischem und sozialem Geschlecht, die zugleich auch vorzugsweise den beiden biologischen Geschlechtern zugesprochen wird: so sei die Frau das biologisch biologische Geschlecht, während der Mann das sozial-kulturelle biologische Geschlecht sei.

Handlungsfähigkeit

Abgesehen davon, dass die Grenze zwischen sex und gender nicht eindeutig gezogen werden kann, muss sich der Leib der Formung durch die Kultur unterwerfen, da nur so gemeinsames Handeln möglich ist. Wollte man die beiden Formen, den biologischen Körper und den kulturellen Leib (um es hier mal etwas neutraler zu formulieren), radikal voneinander trennen, würde man dem Menschen seine Handlungsfähigkeit nehmen. Er müsste dann auf der einen Seite reine Sinnlichkeit bleiben, und auf der anderen Seite eine reine Form der Handlung ohne Konkretion. Dass ein solches Wesen nur schwerlich gedacht werden kann, zeigt, wie fraglos wir uns als sinnliche und handelnde Subjekte verstehen.
Das Dilemma der Subjektivierung (der Unterwerfung unter kulturelle Formen) besteht also darin, dass ein Mensch nur handlungsfähig werden kann, insofern er sich unterwirft. Die Disziplinierung ist zugleich eine Ermöglichung und Ermächtigung. Erst durch diese ursprüngliche Entmächtigung erlangt das Subjekt die Macht, in seine Umwelt handelnd und steuernd einzugreifen.
Dies schreibt aber auch Judith Butler selbst. Die Entunterwerfung kann deshalb nicht in der Art geschehen, dass man die Kultur komplett von sich abstreift. Vielmehr muss die Kultur nach und nach verschoben werden, wenn man hier andere Formen der Unterwerfung etablieren möchte, eventuell, und darauf scheint es hinauszulaufen, mehr Wahlmöglichkeiten in der Subjektivierung.

Gender und Leib

Ein schwerwiegenderes Problem ist die Abgrenzung von gender und Leib. Beides sind Rekonstruktionen, und indem man den Leib als die Gesamtheit der körperlichen Rekonstruktion versteht, darf man hier zunächst, vielleicht etwas naiv, annehmen, dass der Leib, bzw. das Körperbild, den umfassenderen Zusammenhang bildet. Aber auch dann dürfte es schwierig sein, hier eine Grenze zwischen dem nicht-geschlechtlichen (gleichwohl konstruierten) Leib und dem geschlechtlichen Leib zu ziehen.
Hier sehe ich tatsächlich eine Theorielücke bei Butler: diese Grenze wird bei ihr nicht erörtert. Dabei wäre gerade dies ebenfalls spannend, da sich hier Strategien der Sexualisierung und Entsexualisierung auffinden lassen könnten.

Körper und Leib

Weil sich das Nervensystem ökonomisch vom restlichen Körper abgekoppelt hat (eine Bedingung dafür, dass es funktioniert), aber strukturell darauf bezogen bleibt, mischen sich in der Rekonstruktion des Leibs verschiedene Funktionen: der Körper insistiert durch seine Sinnlichkeit, das Gehirn reduziert und automatisiert aufgrund ökonomischer Bedingungen, und schließlich rhythmisiert die Kultur die Verarbeitung von Sinnesdaten (vermutlich zunächst in Bezug auf die grundlegende Bedürfnisbefriedigung).
Da wir unser Weltbild in unserem Gehirn konstruieren, bleibt der direkte Zugang zu unserem Körper versperrt. Insofern ist ein direkter Durchgriff auf die biologischen Funktionen nicht möglich; hier muss es eine soziale Vermittlung geben. Dies meint Butler damit (wenn auch durch andere Argumente gestützt), dass das biologische Geschlecht schon immer kultiviert sei (the sex is already gendered).

Volker Beck und die Machwerke

Volker Beck bezweifelt, ob Hitlers Mein Kampf im Unterricht eingesetzt werden solle. Was in der Schule gelehrt werde, stellt sich bei ihm folgendermaßen dar:
„Im heutigen Kontext von Hass und Hetze durch AfD, Pegida und Co. halte ich es für notwendig, dass Lehrkräfte auch im Umgang mit den Machwerken von Pirinçci, Sarrazin und Elsässer geschult werden …“ (So Volker Beck gegenüber dem Handelsblatt.)

Argumentationslehre in der Schule

Die Boolesche Logik

Argumentationslehre ist die Praxis der Logik, also die angewendete Logik. Kant bezeichnet dies auch als Dialektik. Obwohl sich die Logik zunächst als einfach darstellt, sind moderne Logiken durchaus vielfältig und zum Teil recht kompliziert. Wie ich aus einigen unangenehmen Diskussionen erfahren musste, glauben manche Leute, die Logik bestände vor allem aus der Booleschen Logik. Diese ist aber nur ein Teil der Logik, vom Umfang und den Anforderungen her sogar eine der unwichtigsten, wenn auch nicht von der kulturellen Wirkung, da diese einen großen Teil der Elektronik prägt. Und die Elektronik wiederum ist für unser tägliches Leben enorm wichtig geworden.
Man wird aber mit der Booleschen Logik keinesfalls ideologische Gedankengänge kritisieren können. Diese ist eine extrem reduktive Logik; eine kritische Logik allerdings muss die Strategien der Reduktion mitbedenken. Genau dies gelingt der Booleschen Logik nicht.

Argumentieren lernen

Neben den verschiedenen Logiken, die uns die Philosophie anbietet, John Dewey, William van Orman Quine, George Spencer Brown, geht es bei den politischen Argumentationen nicht nur um Argumente, Schlüsse und Schlussfolgerungen, sondern auch um rhetorische Komponenten, um den Gebrauch von Metaphern in Argumentationsketten, um die Parallelisierung, die Extrapolation, die Amplifikation, schließlich auch um intentionale Argumentationen; und in dieser Form wird die Argumentationslehre recht kompliziert und voraussetzungsreich. Ich bezweifle, dass man dies mehr als ansatzweise in der Schule lehren kann.

Fachübergreifend Voraussetzungen schaffen

Allerdings kann man in allen Fächern Voraussetzungen schaffen, um den erwachsenen Menschen eine solche kritische Teilnahme an sozialen/politischen Prozessen zu ermöglichen. Dazu gehört ganz unbedingt die Mathematik. Man mag die mathematischen Formeln für wenig bedeutend auf dem Gebiet der politischen Diskussion halten. 
Doch das ist ein Irrtum. Zum einen lehrt die Mathematik modellhaft die kritische Überprüfung von Beweisen. Zum anderen übt sie in das Modellieren ein; und gerade weil die Mathematik so reduktionistisch in Bezug auf die anschauliche Umwelt ist, ermöglicht sie besonders gut einen kritischen Blick darauf, was Formeln anrichten und leisten. Denn so sehr sie auch die Wirklichkeit reduzieren, so sehr verdeutlichen sie die Strukturen und Muster, die man in der Wirklichkeit finden kann.
Dann gehören auch alle Tatsachenwissenschaft dazu, sprich die Naturwissenschaften. Derzeit wünschte ich mir eine präzisere Kenntnis der Biologie, insbesondere des Verhältnisses von Evolution, Ökologie und Genetik. Und in Bezug auf die Humanbiologie auch die Auswertung von Ergebnissen der Neurowissenschaften. Denn hier wird nicht nur gelegentlich, sondern regelmäßig ganz schön viel Humbug erzählt.
Und bevor wir zu den eigentlichen Sozialwissenschaften kommen, gehört das Fach Deutsch erwähnt, dass natürlich auch die Bedingungen von Interpretationen und die Voraussetzungen, zum Beispiel die grundlegende Semiologie (in gewisser Weise die Argumentationslehre dann auch Teil der Semiologie), zu lehren hat.

Machwerke

Die postmoderne Beliebigkeit des Pejorativs

Natürlich hat Volker Beck recht, wenn er die Werke von Pirinçci, Sarrazin und Elsässer als „pseudowissenschaftliche Beschimpfungsarien“ bezeichnet. Damit hat er allerdings keineswegs den Kern getroffen. Es braucht keine wissenschaftliche Fundierung, um miteinander leben zu können, auf welche Weise auch immer. Die Menschen haben sich auch zu Zeiten fortgepflanzt, als sie noch keine Ahnung von der menschlichen Anatomie hatten. Und was sie alles sonst noch mit ihrem Körper getrieben haben: wer weiß? 
Wissenschaftlichkeit ist, ob es geklagt sei, ob es egal ist, nicht das Maß des Zusammenseins. Und insofern ist die Beurteilung jener Werke als „Machwerke“ wenig ergiebig, ein Pejorativ, welches sich hier wie dort beliebig anwenden lässt, in postmoderner Beliebigkeit.

Pirinçcis Pluralität

Und wohl gemerkt, dies müsste ich tatsächlich vorführen: zumindest die Rede Pirinçcis, die ich als KZ-Rede bezeichne, erfreut sich einer ausgesprochenen Vielstimmigkeit. Sie ist uneinheitlich, holpert, insgesamt schwierig zu analysieren; und was für Pirinçci gilt, das gilt auch für andere Vertreter dieser sich als einheitlich und konform und durchdacht haltenden Autoren. 
Es ist doch ein seltsames Phänomen, dass sich in die Texte immer und immer wieder ein vielstimmiger und heterogener Ursprung (ein Oxymoron, ich weiß) einschreibt, also eine zerfaserte, bunte, zum Teil bizarre und exotische Ursprünglichkeit. Doch was ist daraus zu schließen?

Die Wahrheit

Zunächst lehne ich den Begriff des „Machwerks“ als zu undifferenziert ab. Diese summarische Geste, mit der missliebigen Büchern begegnet wird, wiederholt nur die ebenso summarischen Strategien dieser Autoren. Wie nannte das mal jemand so geschickt: Kommunikation im Unverstand. So wie es ja sehr bequem ist, wenn man sich nur noch in seiner eigenen Logikblase bewegt, nur noch die Autoren zitiert, die einem sowieso schon Recht geben, und sich keineswegs die Mühe macht, sämtliche Argumente in ihrer Gewichtung neu und erneut zu beurteilen.
Ich lasse mich hier von den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan leiten, der einmal gesagt hat:
Ich sage immer die Wahrheit, nur nie die ganze Wahrheit, denn die ganze Wahrheit zu sagen unmöglich.
Es gelte also, den Rest an Wahrheit, der selbst in den krudesten Aussagen noch vorhanden sein könnte, nachzugehen und hervorzuheben. Diese Differenzierung zur Vielstimmigkeit, diese genaue, penible Interpretation, könnte man tatsächlich als eine Art subversiver Wertschätzung auffassen. Die Wertschätzung wäre so, dass sie zugleich das Objekt der Wertschätzung verunsichert, fragmentiert, aufbricht.

Was wahr ist

Wahr ist wohl die Unruhe, die durch Krisen ausgelöst wird: die Bankenkrise, die Anektion der Krim und die militanten Auseinandersetzungen in der Ukraine und in Syrien (aber auch sonst wo in der Welt, auch wenn uns dies nicht in dem Maße zu betreffen scheint), die sogenannte Flüchtlingskrise, wir hatten in den letzten Jahren viel zu verarbeiten. Eine Unruhe, die ich ebenfalls teile, ist die Angst vor der Altersarmut. Ich verstehe, dass viele deutsche Bürger darüber verunsichert sind. Und die Unruhe, keine Wohnung zu finden, oder in ein ungünstiges Stadtviertel ziehen zu müssen, auch die verstehe ich durchaus. 
Unter all den Worten, unter den Missklängen und schrillen Tönen findet man doch immer wieder auch berechtigte Regungen. Fraglich ist nur, ob sie in solche Argumentationen und Reden gegossen werden müssen, ob also solche Schlussfolgerungen notwendig sind. Hier wünschte ich mir eine deutlichere Präsenz etablierter Politiker, die solchen Befürchtungen und Ängsten begründend und nicht nur behauptend entgegen treten. Hier wünschte ich mir auch mehr Mikroanalysen von engagierten Journalisten und Bloggern.

Volker Beck

Abgesehen davon, dass die Schule vermutlich nicht die Zeit haben wird, um sich in umfassenderem Maße um eine gute Analyse solcher Texte zu kümmern, abgesehen davon, dass die Schule zunächst die Grundlagen legen muss, wozu auch eine gute Trennung von naturwissenschaftlichen, geisteswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Argumentationsweisen gehört, stellt sich mir noch die Frage, ob man nicht eher an positiven Beispielen orientieren sollte, an Nathan der Weise, an der Iphigenie auf Tauris, an der Vermessung der Welt (und vielen anderen Werken mehr). 
So leid es mir tut: ich glaube, dass eine solch kritische Arbeit in der Schule nur vorbereitet werden kann. Und was die Schulung der Lehrkräfte angeht, um die es Beck ja eigentlich geht: sofern sich ein Lehrer für seine Fächer und seine Schüler engagiert, hat er genug zu tun. 
Sollte jemand die Feinheiten der Argumentation und der Rhetorik aus einem grundlegenden Bedürfnis heraus weiter verfolgen, wäre ich der letzte, der ihn davon abhalten würde. Ansonsten finde ich aber, dass die Kollegen (meine Kollegen), insofern sie engagiert sind, dann auch gelegentlich noch mal das Recht auf Privatsphäre, Familie und Freizeit haben.
In gewisser Weise verstehe ich, was Volker Beck meint, in gewisser Weise aber mag ich es auch wieder nicht: gelegentlich ist er mir zu blauäugig, zu wenig vorbildlich. Wer gute Analysen einfordert, sollte hin und wieder zeigen, dass er diese ebenfalls beherrscht und auch nachvollziehen kann. Mit anderen Worten: Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ein intelligentes Buch mit einer intelligenten Analyse, Autor: Volker Beck.