01.03.2015

Sehen: Extrapolation, Unterbrechung, Gruppe

Geht man nicht von einer positivistischen Wahrnehmung aus, also von einem Eindruck der Wirklichkeit in der Wahrnehmung, versucht man also den radikalen Konstruktivismus ernst zu nehmen, dann muss man von einer Form ausgehen, die den Wahrnehmungen zu eigen ist, die nicht in einem Jenseits liegt, sondern auf derselben Ebene, mithin in anderen Wahrnehmungen. Insofern brauchen wir keine Abbildlehre, sondern eine Grammatik des Sehens. 

Der Formalismus

Im Moment lese ich von Sylvia Sasse das Buch Michail Bachtin zur Einführung. Der Formalismus begründete sich darin, dass die Form in der Komposition des Kunstwerks verwirklicht werden könnte. Es gebe also die Möglichkeit, die Form, die eine typische Leistung der Vernunft ist (im Sinne Kants), im Material zu veräußern. Dieser Idee widerspricht Bachtin. Er wirft den Formalisten ein verkürztes Verständnis der Form vor. Zunächst, so Bachtin, gibt es zwar eine Korrespondenz zwischen der äußeren Gestalt und der inneren Form, aber keine Gleichheit. Vielmehr entsteht die Form aus der Komposition des Kunstwerkes, seinem Inhalt und seinem Material und bildet damit eine Art Atmosphäre, die durch die „tätige Wahrnehmung“ am Kunstwerk entsteht. 

Verfremdung

Schon bei den Formalisten spielt die Verfremdung eine wichtige Rolle. Sie unterscheiden zunächst das Wiedererkennen und das Sehen. Das Wiedererkennen geschieht automatisch, gleichsam am Bewusstsein vorbei; demgegenüber ist das Sehen durch verschiedene Formen der Verfremdung und damit Aneignung des geschauten Objekts hindurchgegangen.
Der wesentliche Gedanke dabei ist, dass nur durch die Verfremdung selbst eine Aneignung des Objekts möglich ist. Das Objekt muss behandelt, verändert, umgestaltet, transformiert werden. Dieser Gedanke ist untypisch, weil wir die Aneignung mit der bewusstlosen, automatisierten Beherrschung gleichsetzen und diesen Gedanken in der „Eigentlichkeit“ des Objekts verankern, also in einer Art Wesen und Wesentlichkeit. Sowohl die Formalisten als auch Bachtin, eigentlich aber schon Kant, drehen diesen Gedanken komplett um. 

Mannigfaltigkeit

Geht man davon aus, dass die Wahrnehmung nicht abbildet, sondern in einer Grammatik geregelt ist, dann drückt sich diese Grammatik in Form von „Sätzen“ aus. Dies sind Konstellationen oder Konfigurationen, die einen geregelten Zusammenhang bilden. Gelegentlich findet man dafür den Begriff der Mannigfaltigkeit (zum Beispiel bei Kant und Wittgenstein).
Eine Möglichkeit, eine solche automatisierte Grammatik zu verfremden, ist die Extrapolation. 

Extrapolation

Ich hatte die Extrapolation in den letzten Jahren immer wieder als ein Beispiel für schlechte Argumentation vorgeführt. Sie löst ein Element aus einer Gruppe heraus und behauptet, dass dieses Element die Gruppe als Ganzes charakterisiere. Sowohl bei Ludwig Wittgenstein als auch bei Gilles Deleuze wird dagegen die Gleichwertigkeit der Elemente als ein Zusammenwirken behauptet. Die einzelnen Elemente haben nicht unbedingt die gleiche Funktion; aber keines von ihnen ist der Abbildung der gesamten Gruppe fähig, sowie ein Verb oder ein anderes Wort nie den gesamten Satz abbilden kann. Ein Satz funktioniert nur als gesamter.
Unter diesem Aspekt der Abbildung ist die Extrapolation tatsächlich eine falsche Operationsweise. Nimmt man allerdings die Extrapolation als Möglichkeit der Verfremdung, dann dient sie dazu, durch die unterschiedlichen Abweichungen über die „ursprüngliche“ Gruppe aufzuklären.
Indem ich also einen Satz immer wieder abwandle, indem ich ihn mit ähnlichen, aber doch anderen Sätzen einkreise, kann ich Rückschlüsse auf die Form des Satzes ziehen.
Diese Art und Weise, die Extrapolation zu gebrauchen, führt zu Regeln, nicht zu Bildern. (Das Bild des Satzes wird bei Wittgenstein als ein positivistisches Überbleibsel kritisiert. Man glaubt, so Wittgenstein, zwar nicht mehr an die Wirklichkeit, aber doch an die Wahrheit der Sätze. Dann aber würden die Sätze ohne das Wirken der Vernunft zustande kommen, was, folgt man der konstruktivistischen These, eine Absurdität ist.) 

Unterbrechung

Eine andere Form der Verfremdung ist die Unterbrechung. Eine Reihe oder Abfolge wird in ihrem Automatismus aufgehalten. Auch hier spielt die Extrapolation eine wichtige Rolle.
Als ich neulich über die Ambivalenz der Metakognition geschrieben habe, beruhte das auf demselben Gedanken wie die Ambivalenz der Extrapolation. Die Metakognition bildet den Lernprozess nicht ab, sondern reguliert ihn auf eine bestimmte Art und Weise, indem sie ihn in eine Form presst, die ihm bis dahin nicht eigen war. 

Normativ/kognitiv

Bei Niklas Luhmann findet sich die Unterscheidung normativ/kognitiv. Normative Prozesse ordnen ein Stück Welt entlang einer Norm. Falls es sie rein gäbe, dann in der Form, dass sie nicht an Erkenntnis interessiert sind. Dem stehen die kognitiven Prozesse gegenüber, die reines Erkennen wären, wenn es rein kognitive Prozesse gäbe. Meist sind es jedoch Mischformen.
Diese Mischformen drücken sich in der Ambivalenz der Metakognition genauso aus wie in der Ambivalenz der Extrapolation. Und genauso ist die Verfremdung zugleich eine Aneignung, weil sie ein Objekt projeziert, aber die Struktur, in die dieses Objekt eingebunden ist, meint. 

Parodieren

Das klassische Genre der Verfremdung ist die Parodie. Man kann die ganze Literaturgeschichte als eine Kette von Parodien lesen. Ich nehme an, dass dies in der Malerei und der Komposition ebenso möglich ist. Eine Parodie muss nichts Heiteres haben. Sie besteht aus einer Vorlage, die in gewisser Weise manipuliert und dadurch transformiert wird.
In der Kette dieser Transformationen wird das „Original“ in seiner Wertigkeit erkannt. Indem es durch die Parodie nicht mehr so funktioniert, wie es früher funktioniert hat, erkennt man die Regeln, nach denen es funktioniert hat und damit die Regeln, die eine Kultur zu einer gewissen Zeit ausmachen könnten. 

Zurück zum Subjekt

Auch das Subjekt erkennt sich selbst, so lese ich in Bachtin, in dieser Kette seiner Transformationen. Es ist zwar nicht außerhalb seiner selbst, aber darauf angewiesen, sich nach außen zu betätigen und darüber auf sich selbst zurückzuschließen. Bachtin nennt dies Außerhalbbefindlichkeit.
Was der Mensch wahrnimmt, wenn er in der Tätigkeit ein Objekt bearbeitet, sind die Bedingungen der Möglichkeit, ein solches Objekt zu erkennen. In der Tätigkeit und den Regeln der Tätigkeit liegt die Grammatik der Wahrnehmung.
Insofern ist Welterkenntnis zugleich Selbsterkenntnis. Und insofern brauchen wir auch keine erkenntnistheoretischen Zweifel. Wir müssen einfach nur die Strukturen unserer Welt und unsere Tätigkeit in ihr untersuchen, um uns selbst zu erkennen. Wir brauchen nicht den Verdacht, dass wir etwas nicht sehen würden, nicht erkennen könnten. Alles liegt offen vor uns da, wir als uns selbst, weil diese Welt unsere eigene ist.

23.02.2015

Intellektuelle Immunsysteme

Der Begriff der Hegemonie ist auch insofern faszinierend, als er verschiedene andere Begriffe aufnimmt und auf eigene Art und Weise transformiert. So korrespondiert er mit dem Begriff der Idiosphäre (R. Barthes), der sozialen Gruppe, der Subkultur, der Partei, und anderen mehr.

Immunsysteme

Niklas Luhmann postuliert Immunsysteme, die sich als Subsysteme von funktionalen Systemen herausbilden. In Interaktionen ist dies zum Beispiel die Höflichkeit. Die Höflichkeit codiert Themen und Meinungen als erwünscht oder unerwünscht und stabilisiert so die laufenden Interaktionen gegen zu viele Störungen. Innerhalb verschiedener Gruppierungen kann ein Mensch so an verschiedenen Immunsystemen teilhaben. Er kann an den Verdrängungsmechanismen seiner Familie partizipieren, aber ebenso an den Verschweigemechanismen einer Partei, deren Mitglied er ist. Dabei spielen unterschiedliche Strategien der Immunisierung eine Rolle.

Figur-Grund-Unterscheidungen der Meinung

Immunisierungen haben einen produktiven Effekt. Sie erzeugen eine Menge von üblichen Meinungen, vor denen die anderen Meinungen, also jene, die ausgeschlossen sind, wie eine Art Rauschen auftreten. Man kann hier also von einer Figur-Grund-Unterscheidung sprechen. Die Figur ist in sich selbst geordnet und relativ stabil, während der Grund unruhig bleiben darf.
An den Rändern, so kann man annehmen, entstehen ständig stabilisierende und destabilisierende Effekte. Stabilisierungen werden in die die Gruppe konstituierenden Meinungen integriert.

Strategien

Es gibt zahlreiche Strategien, wie solche „Meinungsmengen“ einheitlich gehalten werden.
Eine der wichtigsten dürfte die Manipulation von Merkmalen sein. So findet man bei sämtlichen Sexismen und Rassismen die Vertauschung von akzidentiellen und substantiellen Merkmalen. Aus einem akzidentiellen Merkmal wird ein substantielles, indem man dieses verallgemeinert. So wird aus der Erfahrung mit einem Türken auf den türkischen Charakter geschlossen. Diese Strategie hatte ich des Öfteren unter dem Begriff der Extrapolation untersucht.
Eine weitere Strategie besteht in der Verwechslung von Form und Daten. Dies trifft man häufig bei der Interpretation von Statistiken an. Ein Datum ist zum Beispiel eine konkrete Aussage einer ganz konkreten Person. Nehmen wir an, dass eine junge Frau beklagt, dass sie größere Probleme hat, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen, als dies bei ihren männlichen Kollegen der Fall ist. Dann ist diese Aussage ein Datum. Untersucht man nun eine Gesamtheit an Aussagen und formt daraus eine statistische Verteilung, dann ist diese Verteilung nicht objektiv, sondern entlang einer mehr oder weniger gut beherrschten Funktion geordnet. Diese Funktion ist ein Zusatz zu den Daten, der einen Funktionswechsel ermöglicht. Damit entkoppelt eine Statistik ein Datum von dem ursprünglichen funktionellen Zusammenhang.

Enthymeme

Ich definiere ein Enthymem als eine Schlussfolgerung, bei der die Regel der Ableitung nicht genannt werden muss, weil sie als bekannt vorausgesetzt wird, bzw. weil die Schlussfolgerung selbst ein gewohnheitsmäßiges Muster bildet.
In formalen und von menschlichen Meinungen unabhängigen Sachzusammenhängen wie der Mathematik oder der Physik sind solche Enthymeme recht unproblematisch. Sobald es aber um Meinungen geht, die das menschliche Zusammenleben betreffen, findet man so viele Möglichkeiten, Ableitungsregeln zu bilden, das wohl keine von ihnen einen weitreichenden Geltungsanspruch stellen darf. Zudem sind die Schlussfolgerungen im sozialen Bereich durch „intentionale Effekte“ durchlöchert. Intentionen drehen die Zeitlichkeit um: jemand handelt, nicht, weil vorher etwas passiert ist, sondern damit hinterher etwas passiert. Dadurch, dass man handelt, ist aber noch längst nicht gewährleistet, dass das Erwünschte auch tatsächlich eintritt.
Dann gaukelt das Enthymem aber eine Sicherheit vor, die die Realität nicht zu bieten hat.
Insofern sich aber viele Menschen auf eine solche gleiche Art und Weise des Schlussfolgerns stützen, kann es hier tatsächlich zu Realitätseffekten kommen.

Die Hegemonie

Eine Hegemonie kann sowohl von ihrem „Zentrum“ als auch von ihren „Rändern“ aus betrachtet werden. Im Zentrum einer Hegemonie stehen wohl völlig unhinterfragte Enthymeme, wie dies zum Beispiel in der Adelsklasse des 17. Jahrhunderts in Bezug auf die eigene Stellung typisch war: diese galt als gottgegeben und damit als unangreifbar.
Eine solche Überzeugung ist allerdings nur der ideologische Kern. Dieser entspricht nur mehr oder weniger der Praxis. Und insofern ist die Praxis kein reiner Vollzug der Enthymeme.
An den Rändern der Hegemonie entsteht ein lebhafter Austausch, der auch aus Strategien des Ausschließens und Vereinnahmens besteht. Diese stabilisieren dann eine Gruppe von den Rändern her.

Der berufsmäßige Intellektuelle

Wenn jemand sich um Meinungen sorgt, dann der Berufsstand der professionellen Intellektuellen. Ihnen obliegt es, eine Hegemonie mit Enthymemen und Semantiken des Vereinnahmens und Ausschließens zu versorgen. Dazu schreibt Gramsci:
Ein sehr verbreiteter Fehler besteht darin zu glauben, dass jede soziale Schicht ihr Bewusstsein und ihre Kultur auf dieselbe Weise, mit denselben Methoden, d.h. mit den Methoden der berufsmäßigen Intellektuellen, ausarbeitet. Auch der Intellektuelle ist ein »Professioneller«, der seine spezialisierten »Maschinen« und seine »Lehrjahre« hat, der sein eigenes Taylorsystem hat. Es ist illusorisch, allen diese »erworbene« und nicht angeborene Fähigkeit zuzuschreiben. Es ist illusorisch, zu denken, dass eine in geeigneter Weise verbreitete »klare Idee« in unterschiedliches Bewusstsein mit denselben »organisatorischen« Effekten allgemein verbreiteter Klarheit eingeht. Das ist ein »aufklärerischer« Irrtum. Die Fähigkeit des berufsmäßigen Intellektuellen, Induktion und Deduktion geschickt miteinander zu kombinieren, zu verallgemeinern, abzuleiten, ein Unterscheidungskriterium aus einer Sphäre in die andere zu übertragen und es den neuen Bedingungen anzupassen usw., ist eine »Spezialität«, ist keine Gegebenheit des »Alltagsverstandes«.
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte I, 93 f.

Common sense

Im Gegensatz zu Gramsci, der das Wirken eines Intellektuellen am Werk sieht, postuliert Clifford Geertz ein kulturelles System von Meinungen, ohne damit schon Effekte des Gruppierens und der Bildung von Subsystemen anzudeuten. Trotzdem gibt es bei ihm nicht notwendigerweise intellektuelle Protagonisten. Das mag an einer Blindheit liegen, kann aber auch den Gruppen geschuldet sein, die Ethnologen typischerweise untersuchen. Oftmals sind es bereits lang etablierte Gruppen, deren Phase der intellektuellen Konstitution relativ abgeschlossen ist. Wie Machiavelli angelegentlich der Machtübernahme der Medicis zu sagen wusste, bedarf es zu Beginn einer Staatsgründung besonderer Anstrengungen, insbesondere auch der Lüge und der Manipulation. Später dürfe sich der Fürst einer gewissen Ehrlichkeit bedienen, ja, sie sei sogar notwendig, um dem Volk Vertrauen einzuflößen.
Man kann also bei der Entstehung von Hegemonien typischerweise zwei Phasen annehmen: in der ersten Phase kann man relativ gut einen dominierenden Intellektuellen identifizieren, während in der zweiten Phase diese Funktion mehr und mehr vom Common sense übernommen wird. 

Schluss

In den letzten Tagen habe ich dazu weiterführende Überlegungen begonnen aufzuzeichnen. Wenn man Klassenleiter einer Schülergruppe ist, hat man sehr unterschiedliche Funktionen zu vereinen. So muss man innerhalb der Klasse einen Führungsanspruch etablieren und durchsetzen, mithin also eine Hegemonie aufbauen, die den Schüler entlang der Anforderungen der Gesellschaft an die Schule führt. Andererseits hat man es mit Kollegen zu tun, und hier ist es eher eine Idee, wie diese jeweils besondere Schule gestaltet werden sollte. Schließlich spielen die Eltern eine wichtige Rolle, die wiederum andere Absichten und Ziele ins Spiel bringen.
Was ich gerade ganz wunderbar finde, ist, wie sich entlang solcher unterschiedlichen Ansprüche an die Führung ein sehr lebendiger Prozess entwickelt, der zugleich eine enorme Differenzierung erreicht. Im Moment hat sich mein Blick von den Schülern als „solipsistisch“ lernenden Wesen auf Prozesse der Interaktion und Veränderungen der Interaktion als Lernprozesse verschoben.

22.02.2015

19:00 Uhr — Tagesfragen

Jetzt ist mein Sonntag vorbei. Nach einem mäßigen Frühstück habe ich den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen und lediglich eine Kanne Kaffee und einen halben Liter Joghurt zu mir genommen. Grund dafür habe ich genug: immer mehr meiner Schüler schreiben recht ausführlich zu den Tagesfragen einige sind mittlerweile über eine Schwelle hinweg, so dass ihre Texte sehr viel reifer sind, aber einfach zu korrigieren. Arbeitsreich ist nur dieses Zwischenstadium, wenn ein Text auf eine andere Form der darstellungshindrängt, diese aber noch nicht gut erreicht hat. Dann muss ich selbst genauer überlegen.
Diese Woche ist meine elfte Woche, in der die Schüler mir Tagesfragen schreiben. Die Entwicklung verläuft sehr unterschiedlich. Bei einigen Schülern sind die ersten Entwicklungssprünge abgeschlossen und man merkt bei ihnen, dass jetzt ein weiterer vorbereitet wird. Ein Schüler ist dabei, der jede Woche meine Anmerkungen so perfekt integriert hat, dass er in der nächsten Woche einen wesentlich reiferen Text abliefert. Dieser Junge ist in der fünften Klasse. Wenn er so weiter macht, werde ich gegen Ende des Jahres ernsthafte Schwierigkeiten haben, ihm noch etwas beizubringen.
Andere Kinder entwickeln sich in andere Richtungen. Ich bin immer wieder überrascht. Ein Mädchen, das wir bisher immer ganz hervorragende wissenschaftliche Texte abgeliefert hat, schrieb diesmal recht essayistisch und persönlich. Ein anderer Schüler hat fast so etwas wie eine Glosse geschrieben; dieser hatte vorher sehr schöne, meist auf die Technik bezogene Texte abgeliefert.

All das mag ich.
Zwischendurch musste ich dann auch mal zwei Stunden in den Discorsi von Machiavelli lesen. Auch das war den Tagesfragen geschuldet. Ich hatte letzte Woche als eine der „schwierigen“ Aufgaben einen Text zu dem Attentat auf die jüdische Nationalmannschaft während der Olympiade 1972 eingereicht. Dazu hatte ein Schüler geschrieben. Die Ansätze waren ganz hervorragend. Nun hat sich der junge Mann gewünscht, mehr zum Thema Diktatur und Demokratisierung zu erfahren. Das dürfte für mich tatsächlich eine schwierige Aufgabe werden. In der Erkenntnistheorie und der Literaturwissenschaft kenne ich mich mittlerweile so gut aus, dass mir eine didaktische Reduktion für Schüler der fünften Klasse noch gelingen könnte; was die politischen Theorien angeht, habe ich wesentlich mehr Zweifel. Aber das muss sich dann sowieso meinen Schülern immer wieder sagen: ich bin nicht in der Lage, jedes Thema gleich gut zu bedienen.
(Zum Beispiel fällt mir das Thema Fußball schwer; und noch rätselhafter sind mir Pferde und Kaninchen.)

Glanz und Elend der Kriminologie

Vor vier Jahren habe ich für einige Zeit einen Kunden gehabt, der über verschiedene Probleme der Etikettierung gearbeitet hat, unter anderem der Etikettierung kriminellen Verhaltens. Daraus hat sich eine Korrespondenz entwickelt, die mal mehr, mal weniger intensiv war. Sehr rasch haben wir uns nicht nur über kriminelles Verhalten unterhalten, sondern über erkenntnistheoretische Voraussetzungen. Es ging zum Beispiel um Fragen, wie kriminelles Verhalten überhaupt wahrgenommen werden kann, bzw. welche Bedingungen herrschen müssen, damit Menschen Kriminalität wahrnehmen "können".

Kulturkonflikte

Da gab es dann dieses Buch, von einem gewissen Bernd Dollinger, Jugendkriminalität und Kulturkonflikt. Es ist ein typisches Buch eines Sozialpädagogen. Eigentlich kann man dies schon am Titel ablesen. Kultur ist ein äußerst beliebter Begriff, wenn man so gut wie gar nichts zu sagen hat. Und leider leistet dieses Buch auch nicht sonderlich viel. Es bietet einige gute Zusammenfassungen von bestimmten Theorien; insgesamt aber macht es wenig mehr, als zu sagen, dass Kriminalität problematisch sei und dass die kritische Kriminologie für diesen Zustand Sorge trägt, aber ihn nicht unbedingt beenden möchte (oder beenden kann).
Faszinierend an dem Buch ist schon, was ich meinen Diplomanden nie habe durchgehen lassen, nämlich Begriffe, die im Titel stehen, nicht hinreichend zu klären. So kümmert sich Dollinger zwar um den Begriff der Kultur, aber nicht mit einem Satz um den Begriff des Konfliktes. Schon das dürfte misstrauisch stimmen. Zentrale politische Theorien des 20. Jahrhunderts stellen gerade diesen Begriff in den Mittelpunkt ihres Werkes. Die Theoretiker einer liberalen Gesellschaftsordnung, Hannah Arendt zum Beispiel, aber auch Dolf Sternberger und Ralf Dahrendorf, mittlerweile aber auch Neomarxisten wie Chantal Mouffe (Stichwort: Agonistik), weisen den Konflikten eine zentrale Stellung im demokratischen Prozess zu.

Die Analyse

Ein anderes Problem solcher Bücher ist der Begriff der Analyse. Analysen basieren oft auf dem Mythos, dass sie etwas entdecken, was in dem Untersuchungsgegenstand drinnen steckt, und dass sie gegenüber dem Untersuchungsgegenstand eine große Aktivität entfalten, aber der Welt als solcher nichts hinzufügen. Bei vielen Analysen sieht es so aus, als wäre die Bedeutung unter der Oberfläche verborgen und müsse nur hervorgeholt werden.
Wird die Kriminalität untersucht, geht man immer davon aus, dass es verborgene Mechanismen gäbe, die für die Zuweisung kriminellen Verhaltens zuständig wären. In Wahrheit muss man sich nur die Oberfläche ansehen; man muss feststellen, wie die Wörter gebraucht werden. Und es reicht vollkommen aus, diesen Gebrauch zu beschreiben.
Dies ist die zentrale These Wittgensteins: die Bedeutung der Wörter besteht in ihrem Gebrauch. Er beschreibt dies eigentlich schon im ersten Paragraphen der Philosophischen Untersuchungen.

Wesen

Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.
PU § 371.
Dies ist einer der berühmten Sätze Wittgensteins. Ähnlich wie Nietzsche uns auf die Zwänge der Sprache hingewiesen hat, zeigt Wittgenstein, dass die Verknüpfungen und Regelmäßigkeiten in den Sprachspielen sich nicht auf ein Wesen, ein Dasein stützen. Was immer dieses Wesen auch ist: es ist nicht vorgängig. Statt von einem Wesen zu sprechen, nennt Wittgenstein dies gelegentlich Bedeutungskörper (vgl. PU § 559; PG S. 54).
Untersucht man nun den Begriff "kriminell", dann zeigt sich rasch, dass damit sehr unterschiedliches gemeint ist. Unterhalb der Möglichkeit, dieses Wort beständig wiederholen zu können, zeigt sich ein jeweils anderer Gebrauch.
Man möchte sagen, diese beiden Arten des Gebrauchs geben nicht eine Bedeutung; die Personalunion durch das gleiche Wort sei ein unwesentlicher Zufall.
PU § 561
Statt also von einem einheitlichen Wesen der Kriminalität, bzw. des kriminellen Verhaltens auszugehen, wäre es wichtiger, die verschiedenen Weisen des Gebrauchs zu untersuchen, bzw. so etwas wie eine Landkarte des Benutzens zu erstellen.
(Wenn man sich die verschiedenen Bedeutungsweisen nicht vor Augen führt, wird aus der Sprache ein Labyrinth:
Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.
PU § 203)

Sorgerechtsstreit

Man denke sich also die vielfältigen Gebrauchsweisen des Kindes, gerade wenn ein Konflikt vorliegt, der heuristische Prozesse hervorruft. Vieles erscheint dann, wenn es um so wichtiges wie die Liebe zum Kind geht, als grob gestrickt, falsch, schief ins Leben eingebaut. Vor allem aber scheint sich, beim Streite der Eltern, der ganze Gehalt auf einige, wenige Differenzen zusammenzuziehen.
Untersucht man aber die Sprache genauer, zum Beispiel bei Sorgerechtsstreitigkeiten, dann stellt man vor allem ein Zusammenschrumpfen und Vermischen der Bedeutungskörper fest: es gibt keinen deutlichen Gebrauch mehr, weder von Familie, noch von Liebe zum Kind, noch von der Sorge ums Kind. Rhetorisch gesehen kann man dann die Mechanismen der contaminatio identifizieren. Diese sind, wie ich bereits einige Male dargelegt habe, sowohl für die kriminalistischen als auch für die humorvollen Erzählungen kennzeichnend.
Wer sich also an die Untersuchung macht, wie die Sprache in Sorgerechtsstreitigkeiten funktioniert, tut zunächst gut daran, die Phänomene der Sprache in Konflikten zu untersuchen, bevor er (oder sie) auf solche Vereinfachungen wie geschlechterspezifisches Sprechen kommt.
Natürlich gibt es geschlechterspezifische Aspekte im Sorgerechtsstreit. Aber diese fußen, so scheint mir, nicht auf der Leitdifferenz Mann/Frau, sondern der von Ritual/Konflikt. Insofern ein nicht-konflikthafter Zustand zwar feinere, weitreichendere Regeln verwirklicht, scheint er intelligibler. Nichts lässt aber darauf schließen, dass er gerechter, weniger "patriarchal" (oder weniger "prinzesschenhaft") sei. Nehmen wir also an, dass die Sprachspiele sich weniger oder anders geregelt abwechseln, wenn wir es mit einem Konflikt zu tun haben, nehmen wir weiterhin an, dass die Bedeutungskörper sich stärker mischen und primitiver ausfallen, dann sind zunächst diese Mechanismen genauer zu untersuchen.
Wir müssen dann auch davon ausgehen, dass die diskursiven Bedingungen, die das Verhältnis der Geschlechter regelt, im Nicht-Konflikt und im Konflikt ganz andere sind, und insofern diese die körperlichen Verhältnisse der Partizipanten regeln, wechseln die Eltern im Sorgerechtstreit ihr (kulturelles) Geschlecht.

Nachtrag

Ich muss mich jetzt dringend an meine Wochenfragen machen. Ich habe am Donnerstag mit der Durchsicht begonnen, bin aber gleich an der ersten Antwort hängen geblieben, weil der Schüler nicht nur eine tolle Analyse hingelegt hat (mit dem Problem, dass sie unsystematisch verläuft, was in der 5. Klasse verzeihlich ist), und dann auch noch ein sehr kompaktes Gedicht geschrieben hat, was mich zu einigem Nachdenken veranlasst hat.
Ich habe heute morgen noch in einem Aufsatz von Clifford Geertz gestöbert, der uns, Emilio und mir, letztes Jahr über den Weg gelaufen ist, den wir aber (ich hatte dann kaum noch Zeit) nicht weiter zerpflückt haben. Er - der Aufsatz - erschien uns deshalb wichtig, weil er einige Kategorien des common sense, des Alltagswitzes (wie es bei Schopenhauer heißt) formuliert: naturalness, practicalness, thinness (oder: literallyness), immethodicalness, accessibleness. Der Aufsatz: Common Sense as a Cultural System findet sich in Geertz Buch Local Knowledge. (Und auch dies ist, um meine Kritik von oben wieder aufzunehmen, ein Problem Dollingers: viele der Missstände, die er in seinem Buch anspricht, sind bereits vielfältig diskutiert worden. In der deutschen Kriminologie gibt es einen seltsamen Hang, sich gegenseitig zu zitieren und so eine geistige Inzucht zu erzeugen, statt in verwandte Felder auszuweichen, um dort zu schauen, wie es noch gemacht werden kann. Die Anthropologie, bzw. Ethnologie ist mit Sicherheit ein fruchtbares Feld, ähnlich wie die Literaturwissenschaften.)

19.02.2015

Aufmerksamkeit

Seit zwei Wochen bin ich im Besitz einiger Montessori-Bücher. Nicht Montessori selbst, aber in irgendeiner Art und Weise doch ihre Begriffe, haben mich damals zu einer Arbeit veranlasst, mit der ich nie fertig geworden bin. Damals? Während meines Studiums. Jedenfalls habe ich einige Zeit daran geforscht und gearbeitet, unter anderem mit dem großartigen Buch von Jürgen Markowitz »Verhalten im Systemkontext«, habe sie dann aber, wie einige meiner begonnenen Arbeiten, beiseite gelegt. Mittlerweile ist dieses Thema zurückgekehrt.

Zwischenglieder

Ich weiß noch, dass ich gerade nach Tübingen umgezogen war, und ich mit einem Buch von Sartre irgendwo am Rande zu den Feldern saß. Ich hatte damals schon einige Jahre Tagebuch geführt. An diesem Nachmittag wurde mir deutlich, dass die Gegenstände und Phänomene nicht dadurch interessant sind, dass sie bestimmte Eigenschaften in sich tragen, sondern dadurch, dass man sie sich interessant macht. Es war, glaube ich, das erste Mal, dass mir die Idee der Operationalisierung ganz konkret bewusst geworden ist.
Wittgenstein schreibt:
Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verständnis, welches eben darin besteht, dass wir die ›Zusammenhänge sehen‹. Daher die Wichtigkeit des Findens und des Erfindens von Zwischengliedern.
PU § 122

Gewertete Information

Psychologisch gesehen sitzt die Aufmerksamkeit genau an der Schnittstelle von Emotion und Kognition. An dieser Schnittstelle werden die Weichen für die Motivationsprozesse gestellt. Kognitiv gesehen vermittelt die Aufmerksamkeit zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis, motivational zwischen Bedürfnis und kulturellen Angeboten des Befriedigens. Ankommende Informationen durch die Wahrnehmung werden mit bereits erfahrenen Informationen verknüpft. Diese Verknüpfung verbindet sich mit emotionalen Zuständen. Die ausgewählten Motive müssen natürlich kognitiv sein, da sie zunächst durch die Wahrnehmung geliefert werden und erst durch die Verarbeitung gewertet werden.
Dieses Schema ist natürlich sehr schlicht. Es soll zunächst nur dabei helfen, sämtliche Aspekte des menschlichen Handelns auf Seiten der Psychologie im Auge zu behalten.

Problemlösen

Wenn man sich die Mechanismen des Problemlösens ansieht, dann handelt es sich eigentlich nicht darum, wirklich Probleme zu lösen, sondern Folgen zu entwickeln, unter denen ein Mensch handlungsfähig bleibt. Typisch ist dies bei der Mittel-Ziel-Analyse. Der Weg zum Ziel wird eingeteilt in unterschiedliche Handlungsschritte. Dabei werden nach und nach die einzelnen Handlungen und Zwischenergebnisse ineinander verschränkt, so dass sich ein einheitlicher Weg ergibt.
Bei der Analogiebildung ist dies nicht ganz so ersichtlich. Das liegt unter anderem auch daran, dass es sehr verschiedene Arten und Weisen der Analogiebildung gibt, so unter anderem Analogien, die rein im symbolischen Medium gezogen werden, während andere wieder die Medien wechseln.

Kontinuitäten

Doch gehupft wie gesprungen: erstellt werden Kontinuitäten, zwischen der Ausgangssituation und der Endsituation vermitteln, wobei die Endsituation nicht nur eine gewünschte Situation darstellt, sondern den ganzen Suchprozess strukturiert.
Problematisch dabei ist, dass die Aufmerksamkeit sowohl die Verknüpfungen erstellt, die zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis für einen weiteren Handlungsprozess notwendig sind, als sie sich auch auf diese Verknüpfungen stützen muss, um zur Handlungsfähigkeit zu kommen. Sie erzeugt somit ihre eigene strukturelle Determiniertheit durch die Muster, die sie zur Verarbeitung emotionaler Wertungen zu Aufmerksamkeiten zur Verfügung stellt.

17.02.2015

Sprachspiel und Sprechakt

Ich solle doch zumindest schöne Zitate raussuchen, wenn ich schon nicht zum Schreiben komme. Nun, vor einigen Jahren habe ich mich mit dem Thema Wut/Zorn beschäftigt. Hintergrund war die Lektüre mehrerer Bücher zur Emotionspsychologie. Ich wollte dieses Thema dann, zumindest für mich, anhand von kulturellen Texten auch semantisch untersuchen. Vor allem Goethe hatte es mir damals wieder angetan. Dazu habe ich jetzt, mit einiger weiterer Lektüre, noch einmal meinen Zettelkasten durchforscht. 

Weinen und Gebrüll

Das Weinen im Gefängnis: die anderen merken, ob das Weinen »mechanisch« ist oder »angstvoll«. Unterschiedliche Reaktionen, wenn jemand »Ich will sterben« schreit. Wut und Verachtung oder einfaches Gebrüll. Man fühlt, dass alle voller Angst sind, wenn das Weinen ehrlich ist. Weinen der Jüngsten. Der Gedanke des Todes stellt sich zum erstenmal ein (man wird mit einem Schlag alt).
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte I, S. 140
Diese Passage ist aus einer Notiz zu den Gefängniseindrücke von Jacques Rivière. Sie ist insgesamt sehr spannend (und bedrückend).

Wahrheitsbedingungen

Wäre ich ein Sprechakttheoretiker, dann müsste ich zunächst von der einzelnen Aussage ausgehen, die als zentrales Element der verbalen Handlung untersucht werden muss. Doch die Passage von Gramsci zeigt, dass eine Aussage wie »Ich will sterben« weder einen Wahrheitsgehalt besitzt, noch eine einfache, performative Aussage darstellt. Noch schwieriger stellt es sich dar, wenn man das Weinen, welches ja offensichtlich von den anderen Gefängnisinsassen verstanden wird, als Aussage zu untersuchen versucht.

Konstellationen

Je undeutlicher eine Aussage ist, umso schwieriger wird es, alleine aus der Struktur dieser Aussage den Handlungsgehalt herauszuarbeiten. Dann aber kommen die Sprachkonstellationen ins Spiel. Solche Konstellationen nicht alleine durch weitere Handlungen strukturiert, sondern durch zentrale Differenzen, die die Reaktionsweisen zwar nicht vollständig determinieren, aber zumindest vorgeben. Statt von einer Determination kann man von Gewohnheiten sprechen. Und so scheint es dann auch hier zu sein: Das Weinen wird je nach Einschätzung des Weinens (und wer dies äußert) anders behandelt.
Wesentlich ist also nicht der Sprechakt, sondern wie dieser in einem Sprachspiel konfiguriert ist. Wittgenstein hat für die Regeln dieser Konfiguration den Begriff der Tiefengrammatik geprägt. Er ist weniger an den oberflächlichen grammatischen Regeln orientiert, als an zentralen Differenzen und Wegen der Transformation.

Regeln befolgen

An solchen Sprachspielen und Transformationen kann man dann übliche und unübliche Wege verfolgen, die mal den gewöhnlichen Einteilungen gehorchen, mal widerständige und entgegengesetzte Wege gehen.
Um mit solchen Gewohnheiten bewusster umgehen zu können, ist eine Analyse notwendig. Klassischerweise wurden solche Analysen als Mittel zum Ziel der Vernunft ausgegeben. Irgendwann, so wurde implizit angenommen, habe man die Zwänge der Sprache hinter sich gelassen und sei in eine freie Ordnung eingetreten. Eine solche Annahme geht aber davon aus, dass sich eine wie auch immer geartete Realität erreichen ließe. Dem muss man, eigentlich schon seit Immanuel Kant, deutlich widersprechen.

Resignifikation

Wenn es aber nur eine illusionäre Orientierung in der Sprache gibt, dann kann es auch keinen festen Bezugspunkt für die Interpretation geben. Judith Butler führt dies angesichts der feministischen Interpretation der Pornographie vor. Problematisch ist nicht nur die Pornographie selbst, sondern auch deren Interpretation. Eine Analyse bedeutet immer den Ausschluss bestimmter Aspekte und damit eine Zurichtung des Untersuchungsgegenstandes, so dass die Ergebnisse von der Untersuchung, nicht von dem Untersuchten vorstrukturiert werden.
Die Resignifikation versucht dieser Misere dadurch zu entkommen, dass sie die vielfältige Lektüre zum Prinzip erklärt. Nur dadurch können die Begrenzungen von Interpretationen erfahren und deutlich gemacht werden. 

Relation und Wesen

Sowohl Judith Butler als auch Wittgenstein gehen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, von einer strukturellen Latenz aus. So schreibt Wittgenstein:
Die Grammatik ist keiner Wirklichkeit Rechenschaft schuldig. Die grammatischen Regeln bestimmen erst die Bedeutung (konstituieren sie) und sind darum keiner Bedeutung verantwortlich und insofern willkürlich.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Grammatik, S. 184)
Nietzsche äußert sich ähnlich:
Die Forderung einer adäquaten Ausdrucksweise ist unsinnig: es liegt im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße Relation auszudrücken … Der Begriff „Wahrheit“ ist widersinnig … das ganze Reich von „wahr“ „falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“ … Unsinn: es gibt kein „Wesen an sich“, die Relationen konstituieren erst Wesen, so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann …
Nietzsche, Friedrich: Nachgelassen Fragmente 1887-1889, S. 303

Referenz

Wenn man von der Sprechakttheorie ausgeht, dann ist diese einer Referenz auf eine Intentionalität verhaftet. Die Untersuchungen Wittgensteins dagegen beziehen sich auf die Strukturen der Oberfläche, also gerade nicht auf etwas Innerpsychisches. Gelegentlich hat Wittgenstein deshalb das Wesen durch den Begriff des Bedeutungskörpers ersetzt. Die Bedeutung wird durch den Gebrauch bestimmt und statt den Regeln der Grammatik zu folgen und einer wie auch immer gearteten Absicht, gilt es deshalb, die Regeln des Gebrauchs genauer zu betrachten.
Wenn also Gramsci über das Weinen schreibt, dann geht es vor allem auch darum, wie eine Institution bestimmte Äußerungen benutzt und dadurch auf bestimmte Arten und Weisen Subjekte erzeugt.

15.02.2015

Tagesfragen

Und mal abgesehen davon, dass meine Kinder (also meine Schüler eigentlich) sich fragen, warum die Tagesfrage Tagesfrage heißt und nicht Wochenfrage, hat mir hier meine Kollegin ein zwar arbeitsintensives, aber ganz hervorragendes Instrument überlassen, mit dem sich Kinder individuell fördern lassen. 

Meine Sonntagstätigkeit

Sicherlich: ich war heute, wie jeden Sonntag, anderthalb Stunden draußen. Es war noch recht kalt, aber durch den Sonnenschein haben sich zahlreiche Menschen im Mauerpark und auf dem Flohmarkt direkt daneben eingefunden. Ich war außerdem bei meinem Lieblings-Vietnamesen essen; mittlerweile bekomme ich mein Hühnchen in Kokosmilch immer schön scharf, so wie ich es brauche, wenn ich bereits einige Stunden über den Texten meiner Schüler gebrütet habe.
Und genau das mache ich derzeit jeden Sonntag. Für 72 Schüler schaue ich 72 Texte durch, benote sie, und, was wesentlich wichtiger ist, schreibe den Schülern einen Kommentar dazu, meinen wöchentlichen Brief. 

Die Themen

Die Themen sind mittlerweile weit gefasst. Einige Schüler haben ein Gedicht von Rose Ausländer interpretiert (jawohl!). Es handelt sich um das Gedicht Der Waldberg, das ich vor einigen Tagen selbst mit einer Interpretation hier in diesen Blog gestellt habe. Es ist sehr faszinierend, wie unterschiedlich die Kinder dieses Gedicht behandelt haben und in wie viele verschiedene Richtungen ihre Deutungen streben. Dabei entstehen ganz neue Arten und Weisen, das Gedicht zu betrachten; jede ist für sich gut. Natürlich sind diese Interpretationen nicht auf universitärem Niveau, aber doch so, dass man bei dem einen oder anderen eher auf einen guten Schüler der neunten Klasse schließen würde.
Die meisten Schüler haben allerdings einen Brief geschrieben an eine Person, die etwas Wichtiges in ihrem Leben verändern soll. Auch dabei sind schöne Texte entstanden.
Andere wiederum haben sich Gedanken dazu gemacht, warum wir Menschen sinnliche und gedachte Unterschiede brauchen. Das war ein sehr philosophisches Thema, zu dem einige ganz faszinierende Deutungen entstanden sind. Ich wünschte, ich könnte sie hier veröffentlichen, so gut sind sie geworden. 

Rechtschreibung

Meine Vorgängerin hat mir diese Wochenfrage überlassen mit den Worten, dass diese Übung sowohl für die Rechtschreibung als auch für die individuelle Ausdrucksfähigkeit wichtig sei. Weil hier einige Schüler dabei waren, die sich hervorragend ausgedrückt haben, habe ich mir gedacht, dass ich für diese Schüler Zusatzaufgaben gebe, die etwas schwieriger sind. Da beißen sich die Schüler gerade auch durch. Am Anfang waren die Antworten noch so lala; mittlerweile aber sind einige ganz tolle Texte entstanden.
Jedenfalls ist diese Kombination des wöchentlichen Schreibens, der individuellen, verbalen Rückmeldung und schließlich das Instrument der Übungswörter (das erkläre ich gleich) für die schwächeren Schüler eine tolle Sache. Einige von ihnen haben mittlerweile ganz wunderbare Fortschritte in der Rechtschreibung gemacht, auch die Kinder, bei denen eine Lese-Schreibschwäche vorliegt.
Für die Übungswörter schreibe ich alle falsch geschriebenen Wörter in grün hinter den Text: die Schüler schreiben diese Wörter dann zweimal ab. 

Freiarbeit

Für diese Technik ist es wichtig, dass die Schüler genügend Zeit haben, die Texte zu schreiben. Sie brauchen also die Möglichkeit, frei zu arbeiten in offenen Lernzeiten. Solche Möglichkeiten bieten Regelschulen im allgemeinen nicht. 

Noch anderes, was zu tun ist

Ich sollte langsam machen. Es gibt ja auch noch andere Dinge in meinem Leben, die ich gerade stark vernachlässige. Und immer wieder entdecke ich neue Sachen, die zu tun sind. So will ich mich eigentlich seit Wochen wieder intensiver mit dem Zeichnen beschäftigen. Für meinen Schreibtisch habe ich mir auch eine Schneidemappe besorgt. So gut das Montessori-Material auch ist: das eine oder andere muss dann doch noch einmal für die Schüler hergestellt werden.
Ich habe mir zahlreiche Bücher gekauft. So richtig zum Lesen bin ich noch nicht gekommen. Und so wie ich das sehe, wird das auch in der nächsten Zeit nichts. Meine Winterferien sind sang- und klanglos in der Arbeit verpufft.

09.02.2015

Selbstregulation

Mit einiger Faszination folge ich seit einigen Jahren dem Begriff der Metakognition. Als erstes finde ich sehr spannend, dass dieser Begriff, der doch so wichtigtuerisch klingt, von der Coaching-Literatur bisher noch nicht entdeckt worden ist. Gut, es sei ihnen verziehen. Sie haben ja auch 40 Jahre gebraucht, bevor sie das allgemeine Prinzip der bloomschen Lernzieltaxonomie entdeckt haben. Zweitens aber finde ich interessant, dass in der psychologischen Literatur die Zwiespältigkeit der Metakognition nicht gesehen wird. Sie ist dort oftmals reine Anpassung an die Leistungsmotivation. Selbst solche esoterischen Begriffe wie der der Kreativität sollen samt ihren Inhalten in den Dienst genommen und für den Arbeitsprozess verpflichtet werden.

Verpflichtung zum Selbstverhältnis

Mit einiger Ironie schreibt Stefan Rieger in Die Individualität der Medien:
In all den genannten Fällen werden Selbstverhältnisse über die bloße philosophische Beschreibung hinaus greifbar, liegen sie doch dort als programmatische Forderung, als pädagogische Konsequenz und damit in unterschiedlichen Formen der Operationalisierbarkeit vor. Der Verpflichtung auf selbstgenerative Prinzipien der Kreativität, der Spontanität und des Selbstbezugs folgt die Verpflichtung, diese Prinzipien ihrerseits selbstgenerativ regulieren, eindämmen und kontrollieren zu können. Unter welchem Titel man das selbstgenerative Prinzip auch immer fassen will: Menschen, Systeme oder Bewusstseine laufen als Konsequenz dieser Verpflichtung in einem strengen Sinne als kybernetische Apparate ab. Sie prozessieren in autopoetischer Rückkopplung, gelöst von fixen Außenreferenzen und nach Maßgabe einer gesteigerten, weil verzeitlichten Komplexität.
218 f.

Von der Passivität zur Aktivität

Faszinierend ist an dem Begriff der Selbstregulation wie an dem Begriff der Metakognition, dass diese historisch zunächst als passive „Systeme“ auftauchen, die einen Menschen davon in Kenntnis setzen, was mit ihm passiert. Es geht also mehr darum, etwas zu registrieren, und weniger darum, es zu regulieren.
Allerdings ist diese Betrachtung heute fast verschwunden. Waren die Tagebücher der Romantik noch Forschungsberichte ins Reich der Empfindungen, so änderte sich das mit der ersten universitären Psychologie dramatisch. Jetzt galt es Techniken zu erforschen und erfinden, die der Steuerung der Seele galten. Daraus entwickelte sich das komplexe Konstrukt der Metakognition.

Metakognition

Wie die Metakommunikation ist auch die Metakognition zunächst etwas, was sich von dem beherrschten Gebiet nicht unterscheidet. Die Metakognition ist zuerst Kognition. Zugleich ist die Kognition aber nicht nur das Medium, in dem die Metakognition beheimatet ist, sondern auch der Inhalt, das, worauf die Kognition sich bezieht. Sie bildet damit eine Art verrückter Schleife oder einen unendlichen Regress: denn von der Metakognition kann wieder ein Abbild gemacht werden und davon wieder eines und noch eines und noch eins, bis in die Unendlichkeit.
Vor allem aber ist die Metakognition eine vereinfachende Abbildung. Für Reflexionssysteme, die als Teil eines Gesamtsystems gebildet werden, ist es typisch, die Regulation durch Simplifizierung zu erreichen. Nur so ist es dem System möglich, Komplexität in den Griff zu bekommen. Sie wird dadurch beachtet, dass sie in ein zeitliches Nacheinander gebracht wird.
Und nichts anderes liefern diese metakognitiven Techniken: Sie bieten Verfahrensweisen an, wie mit der Komplexität des eigenen Denkens umgegangen werden kann. Es wird gesammelt, geordnet, gewichtet und in Abfolgen gebracht. Instruktiv dazu sind die Techniken der Verhaltenstherapie. 

Der Wahnsinn der Materialisierung

Vor allem aber wird das Denken materialisiert. Es wird aufgezeichnet, geschrieben, gezeichnet. Und wenn dies vor 50 Jahren unter der Herrschaft der Psychoanalyse als unbewusste Regung verstanden wurde, so können wir dies heute als einen strukturellen Effekt ansehen, weil jede Vereinfachung eines Systems dem System Elemente hinzufügt und es dadurch komplexer machen, was neue und andere Vereinfachungen auf den Plan ruft.
Hinter diesem strategischen System tauchen allerdings zwei Aspekte auf, die nicht so einfach zu nehmen sind. Zum einen die Metakognition noch wesentlich besser als die Kognition selbst dazu angelegt, dass Denken von der Umwelt abzukoppeln und in eine leerlaufende Schleife einzubinden. Es versagt sich, wird es intensiv betrieben, den Rhythmen der Umwelt. Schon Immanuel Kant hat darauf hingewiesen, dass die Beobachtung seiner selbst „leichtlich zu Schwärmerei und Wahnsinn führt“ (GW XII, 414). Und Rieger schreibt zum „Spielen mit kontrollierter Sinnesaffizierung“, dass diesem „die Gefahr seiner Übertretung bis hin zum Wahnsinn“ (219) zugesprochen wurde. Gemeint ist hier das Merken und das Lesen, also zwei kulturelle Leistungen, die eng mit dem Gedächtnis zusammenhängen. 

Intelligenz und Paranoia

Der andere Weg, der Metakognition in ihrem unendlichen Abtrift Einhalt zu gebieten, ist die Rückkehr zu äußeren Werten und Bindungen an die äußere Welt. Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass sich besonders intelligente Menschen gerne an religiöse Systeme fesseln; und diese werden zum Teil sehr dogmatisch betrieben. Was manchmal für Außenstehende unverständlich ist, nämlich, wie sich ein intelligenter Mensch zu solch paranoiden Gedanken hinreißen lassen kann, wird aus dem Wirken der Metakognition sehr verständlich. Der Gefahr einer unendlichen Bewegung wird ein „unendlicher“ äußerer Feind entgegengesetzt. Dieser äußere Feind ist damit keine Projektion eines innerlich Verdrängten, sondern ein Instrument, dem Aufbau von Komplexität im Bewusstsein entgegenzuwirken.
Demnach wäre die Paranoia gerade nicht als eine Form der Selbstentfremdung zu werten, sondern als ein (gleichsam missglückter) Versuch, gegen diese Selbstentfremdung ein wirkungsvolles Mittel zu finden. 

Metakognitive Strategien

Die Metakognition ist also kein Heilmittel gegen die Unvernunft. Im Gegenteil erscheint sie häufig, als würde sie die Unvernunft befördern. Dies geschieht immer dann, wenn man die Metakognition als eine höhere Leistung darstellt. In Wirklichkeit ist sie ein relativ schlichtes Phänomen. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie eben eine seltsame Schleife in das Denken einbaut, wodurch sie nicht nur vereinfacht, sondern auch verkompliziert. Ihr Vorteil ist also, so möchte man sagen, dass sie gerade eine niedere Denkleistungen ist.

08.02.2015

Die Form des Körpers

Man kann seinen persönlichen Rhythmus nicht einfach ablegen wie ein unmodern gewordenes Kleid und durch einen neuen ersetzen. Der Bewegungsrhythmus ist Teil der Persönlichkeit, einer ihrer Charakterzüge, fast wie die Form des Körpers, und der Zwang, sich einem fremden Rhythmus anpassen zu müssen, ist sehr einschneidend.
Montessori, Maria: Kinder sind anders. München 1996, S. 96
Da ist er wieder, der Rhythmus. Ein erstes Mal hat mich dieser Rhythmus beschäftigt, als ich 1994 an einer Interpretation der Mergelgrube von Annette von Droste-Hülshoff saß. Damals war es nur ein Umweg über ein Buch, das später für mich sehr bedeutsam werden sollte, Hand und Wort von André Leroi-Gourhan.
Leroi-Gourhan beschreibt darin unter anderem, wie sich das Gedächtnis in dem Moment von seiner Umwelt befreit, indem es ein Ausdrucksmittel für Abwesendes zu gebrauchen lernt, also die Sprache, und zur gleichen Zeit die Hand das Werkzeug „entdeckt“. In diesem Moment lösen sich zwei wichtige Aspekte des biologischen Lebens vom direkten Kontakt mit der Umwelt. Und umgekehrt werden neue Rhythmen möglich.
So hat die fortschreitende Entwicklung von Werkzeugen zeitig einen Spezialisten erfordert, der für die Herstellung, Reparatur und Erfindung von Werkzeugen vornehmlich zuständig war und sich damit von den ursprünglichen Sammel- und Jagdrhythmen unterscheiden musste. Zuvor hatte schon die Hand ihre Fähigkeit bewiesen, in vielfältigen Rhythmen die Umwelt zu manipulieren.
Schließlich ermöglichen die Symbole eine vollständige Entkoppelung von den natürlichen Rhythmen und die Möglichkeit, sich seine Umwelt und Gesellschaften auf komplett anderer Basis zu entwickeln: damit ist die kulturelle Evolution geboren:
Die fortschreitende Intellektualisierung der Empfindungen führt beim Menschen zur reflektierten Wahrnehmung und Produktion von Rhythmen und Werten, führt zu Codes, deren Symbole eine ethnische Bedeutung tragen, wie es bei der Musik, der Poesie oder den sozialen Beziehungen der Fall ist.
Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Frankfurt am Main 1995, S. 338
So sehr Montessori also recht hat, wenn sie die Rhythmisierung des Körpers als einen Kerngedanken für ihre Anthropologie formuliert, so sehr bleibt sie doch hinter der Tatsache zurück, dass diese Rhythmen selbst eine Veränderung durchmachen, und dass das Kind mit der Entdeckung neuer Techniken, neuer Werkzeuge und der Entwicklung der Sprache seinen persönlichen Rhythmus ständig variiert.
Von hier aus müsste man zum Beispiel die Ideen einbinden, die Michail Bachtin und Jurij Lotman entwickelt haben. Lotman sieht zum Beispiel in den am Material ausgeführten Rhythmen dem entscheidenden Motor für die Selbstveränderung. Diese Selbstveränderung wird zugleich durch künstliche Rhythmen im Material getragen, wie dies zum Beispiel Gedichten augenfällig ist, aber auch in den Rhythmen von Erzählungen (wenn dort auch auf andere Art und Weise).

Der Waldberg (aus Rose Ausländer: Denn wo ist Heimat?)

Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz/Österreich-Ungarn, hat in den Jahren 1927-1957 etwa 400 Gedichte geschrieben, von denen der Herausgeber der Gesamtausgabe, Helmut Braun, über 100 ausgewählt hat, um sie in diesem zweiten Band der Gesamtausgabe unter dem Titel Denn wo ist Heimat? zu veröffentlichen. Genauere Datierungen habe ich nicht erforscht.

Zeitgeschehen

1918 zerfiel die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie. Wien, Prag, Budapest und einige andere Städte dürften zu den kulturellen Hochburgen dieser Zeit zu rechnen sein. Die Psychoanalyse, die Wiener Secession, der Wiener Kreis, die Zwölftonmusik; all dies wurde mit Österreich-Ungarn verbunden. Der Geburtsort von Rose Ausländer allerdings lag ganz am Rande der Monarchie, in der heutigen Ukraine.
Mit dem Zerfall der Doppelmonarchie wurde Czernowitz rumänisch. Rose Ausländer hielt sich von 1921-1931 in den USA auf. Danach kehrte sie nach Czernowitz zurück. 1940 wurde dieses von den Russen besetzt; 1941 eroberten die deutschen Streitkräfte die Stadt. Die dort lebenden Juden wurden in ein Getto gesperrt; Zwangsarbeit und Deportation waren die Folge. Rose Ausländer überlebte das Getto. 1944 befreien russische Truppen das Gebiet. Seit 1946 lebte Rose Ausländer in New York. Erst 1965 siedelte sie, bis zu ihrem Tod 1988, nach Düsseldorf über.

Die Gedichte Rose Ausländers

Es ist vielleicht für mich zu früh, etwas über die Gedichte in ihrer Gesamtheit zu sagen. Zwar besitze ich mittlerweile bis auf drei Bände alle Werke, doch von einer intensiveren Beschäftigung kann bisher kaum die Rede sein. Zudem ist es recht schwierig, an Sekundärliteratur heranzukommen, vor allem an Sekundärliteratur aus der neueren Zeit. Offensichtlich gehört diese Dichterin zu den mittlerweile vergessenen Kulturschaffenden.
Auffällig an ihren Gedichten ist jedoch, dass diese von Beginn an eine große Offenheit vermitteln. Wesentlich zu diesem Eindruck tragen fünf poetische Strategien bei:

Sinnlichkeit und kühne Metaphorisierung

Ausländers Gedichte sind voller einfacher Gegenstände: Schmetterling, Baum, Blume, Klang, Duft, …; selten benutzt sie ausgesuchte, ungewöhnliche Wörter. Selten ist der Baum ein Flieder oder die Blume eine Margerite. Wie ein Kind, welches seine ersten Bezeichnungen ausprobiert, tastet sie sich durch die Welt. Und trotzdem, durch das reine Nebeneinander, verdichten sich ihre Verse zu teilweise kühnen Metaphorisierungen. Völlig verschiedene Bereiche verschränken sich, ohne dass diese Verschränkung in einen geordneten, vernünftigen Zustand gebracht wird:
Asche aus Abend und Aas.
Denn wo ist Heimat?, S. 80

Syntaktisch-semantische Zweideutigkeit

Schon in ihren ersten Gedichten finden sich syntaktische „Fehler“, die die Bedeutung der Verse öffnet und vielfältige Anschlüsse (Interpretationen) ermöglicht:
Ruft eine Baumseele grünes Ermahnen,
duftet der Honig der Dolden herein,
läutet ein Lerchenlied sternisches Ahnen,
quillt aus dem Sonnenberg süßester Wein.
Denn wo ist Heimat?, S. 45
Ganz unvermutet endet der Satz. Er bleibt (zunächst) eine Aneinanderreihung sinnlich-metaphorischer Wendungen. Später wird Ausländer ihre Gedichte fast völlig ohne Satzzeichen verfassen, in freien Versen und Strophen. Die einzelnen Verse erscheinen wie Zwischenglieder zwischen den anderen Versen und damit die Gedichte wie kontinuierliche Verschiebungen der bisherigen Betrachtungsweise.

Vertauschen von Relationen und Abhängigkeiten

Beständig spielen die Gedichte mit den Abhängigkeiten und vertauschen sie.
Und die Bäume, sinds seine Glieder
oder meine verzweigten Lieder,
die Silben aus Blättern geschürzt?
Denn wo ist Heimat?, S. 47
Auf diese Weise setzt Ausländer Herrschaftsverhältnisse aufs Spiel, erschüttert und hinterfragt sie. Vor allem ist dies die Herrschaft des vernunftsbegabten Subjekts. Dieses löst sich in seiner Hingabe an die Sinnlichkeit der Welt ebenso auf, wie in seiner gemeinsamen Erschaffung in der Sprache. Die Sprache geht in gewisser Weise dem Subjekt voraus. Indem es sich der Sprache hingibt, erschafft es sich erst.

Anthropomorphisierung

Der Dialog muss keiner zwischen Menschen sein. Alles ist zur Sprache fähig, und insofern scheint den Dingen die Möglichkeit wie ein Mensch zu erscheinen substantiell eingeschrieben. Damit treten sie aber aus dem rein sinnlichen Bereich heraus. Sie werden zu Freunden und Verbündeten, Führern und Feinden. Die ganze Welt ist politisch, weil sich in allen Zusammenhängen Verhältnisse des Willens widerspiegeln.

Selbstthematisierung

Schließlich spielen die Selbstthematisierungen eine wichtige Rolle. Immer wieder erinnert das lyrische Ich daran, dass es diese Gedichte schreibt, mit den Möglichkeiten, die eine Dichterin zur Verfügung hat: den Silben, den Versen, den Liedern.
Durch die Selbstthematisierung erinnert das lyrische Ich an eine Art Zentrum des Sprechens, wobei dieses Zentrum gelegentlich eine aktive Passivität (vgl. S. 45) bleibt, in der verschiedene Sphären verbunden und die Übergänge zwischen diesen Sphären gefiltert werden.

Der Waldberg

Diese Skizzen zur Poetik Rose Ausländers sind mit einiger Vorsicht zu genießen Sie beruhen auf einer recht schmalen Auswahl genauer analysierter Gedichte. Im folgenden sollen sie uns aber als Leitlinien für die Analyse des Gedichtes Der Waldberg dienen. Hierbei handelt es sich offensichtlich um einen prägnanten Berg, den die Lyrikerin mehrfach beschreibt; siehe zum Beispiel das Gedicht Der Bergwald (S. 47).

Das Gedicht

Der Waldberg
Den zerschnittnen Leib aus Serpentinen
gibt er allen, allen will er dienen.

Aus dem Moosfleisch drängen Pilz und Blume,
seiner liebsten Jahreszeit zum Ruhme.

Wenn die Sonnensilben ihn beschwören,
opfert er sein bestes Blut den Beeren.

Den verstrickten Wurzeln seiner Bäume
überträgt er seine Gipfelträume.

Seinem Haupt erlaubt er nur ein Denken:
licht zu sein und sich dem Licht zu schenken.
Denn wo ist Heimat?, S. 24

Dienen

Auffallend ist die Isotopie zum Wort ›dienen‹:
+ dienen
+ zum Ruhme
+ (Blut) opfern
+ sich schenken (dem Licht)
Obwohl sich diese Zeichen der Hingabe in jeder Zeile des Gedichtes finden, bleibt sie in gewisser Weise zweideutig. Sie ist eine Aufopferung, aber eine recht herrschaftliche. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, dieses Opfer zurückzuweisen.

Personifikation des Herrschers

Vor allem durch die aktiven Verben gefördert findet sich eine Personifikation eines Herrschers, dem Waldberg (so möchte man meinen), der zugleich Staatsleib und Monarch ist; rhetorisch gesehen wirken zwei Paradoxien:
1) Der Waldberg ist so etwas wie der erste Diener des Staates, also durch (Selbst-)Unterwerfung erhöht (was die räumlichen Metaphoriken es, die vor allem eine hierarchische ist, fragwürdig macht, bzw. in eine Schwebe bringt).
2) Der Waldberg ist zugleich Teil als auch Ganzes.

Hierarchische Gliederung

In gewisser Weise findet sich eine Hierarchie in dem Gedicht, die in drei Glieder aufgeteilt ist. Bezeichnet man die Mitte mit dem Leib, dann wird die darunterliegende Stufe durch die Wurzeln, die darüber liegende durch das Haupt, bzw. die Sonne und dem Licht gebildet.
So spielt das Gedicht auf zwei Topoi der politischen Theorie an: einmal auf den Staat als Körper, wie er von Thomas Hobbes beschrieben wird; einmal auf die Selbstdarstellung Friedrich II. als aufgeklärter Monarch.

Gipfelträume

Im Gedicht finden sich drei Katachresen: Moosfleisch, Sonnensilben und Gipfelträume. Die Katachrese ist ein Kompositum, dessen einer Teil metaphorisch gemeint ist.
Das Wort Gipfelträume nimmt in dem gesamten Gedicht eine schwierige Stellung ein. Welche Rolle es in der „Hierarchie“ des Waldbergs spielt, ist keineswegs klar. Zunächst verweist das Wort übertragen auf eine Delegation, auf die Zuweisung einer Aufgabe, wie sie typisch ist in Herrschaftsverhältnissen. Doch geraten hier, zusammen mit der Aufopferung und Dienerschaft des Monarchen, sowie mit der Bedeutung der Wurzeln für das Ökosystem Wald, die einfachen Verhältnisse durcheinander: Sie bleiben in der Schwebe, unentschieden.

Moosfleisch

Die Verleiblichung des Berges taucht häufiger als Thema in den Gedichten Ausländers auf. Offensichtlich handelt es sich um ein Ausflugsziel Ausländers, denn neben dem Thema des natürlichen Staatswesens ist die Wanderschaft, die zugleich eine Verschmelzung bedeutet, ein anderes Thema in ihren Gedichten. So taucht das Wort Moosfleisch auch in Was dem Berg gehört (Die Musik ist zerbrochen, S. 35) auf. Menschlicher Leib und Natur verschränken sich ineinander. Dabei vermischen sich aber weniger die Materien als die Funktionen. Nicht in ihrem Dasein, sondern in ihrem Füreinandersein werden sie zu Vorbildern und Lehrmeistern.

Sonnensilben

Oftmals finden sich bei Rose Ausländer Hinweise auf poetische Elemente oder poetische Verfahren. Die Selbstthematisierung falls ein wiederkehrender Topos ihrer Gedichte. In diesem Fall ist aber nur die Katachrese Sonnensilben eine Verbindung zu der Tätigkeit der Dichterin. Unklar ist allerdings, ob die Sonne zu dem Gipfel des Berges dazu gehört, oder diesen übersteigt. Von den politischen Träumen der vergangenen Jahrhunderte abgeleitet wäre beides möglich: der Monarch als Sonne und der Monarch, der der Sonne am nächsten, aber dieser doch untergeordnet ist.

Inversion

Jeder Satz ist durch eine Inversion gebildet. Subjekt steht in einer „nachrangigen“ Stellung in Strophe 1 und 4 beginnt der Satz mit einem Akkusativobjekt, in Strophe 5 mit einem Dativobjekt. Strophe 3 stellt einen Nebensatz voran, der die Bedingungen für den Haupt formuliert. Und in Strophe 2 wird das Satzsubjekt exemplarisch durch Pilz und Blume benannt, aber ebenfalls in einer Satzinversion, die eine adverbiale Ortsbestimmung (allerdings eine metaphorisierte) voranstellt. In einer Beifügung bezieht sich das Possesivpronomen offensichtlich auf ein Subjekt außerhalb der Strophe.
Der ganze Satzbau drängt also darauf hin, das Subjekt in eine nachrangige Stellung zu versetzen, ohne es als Satzsubjekt (im grammatikalischen Sinne) aufzugeben. Es bleibt weiter das Zentrum der Aktivität, doch die Betonung der Aktivität betrifft das Ziel, im Satz also Akkusativ- und Dativobjekte.
Auch dadurch geraten die Sätze in ihrer Bedeutung in eine Schwebe.

Licht

1) Zunächst ist die Verbindung von Haupt, denken und Licht eine recht eingängige: Sie bezieht sich auf die Aufklärung, auf die Überlegenheit der Aufklärung, auf ihr Licht-sein und damit auf ein rationalistisches Prinzip.
2) Durch mehrere Strategien wird dieses Bild der Überlegenheit allerdings erschüttert. Zunächst ist dort das reflexive Verb „sich schenken“ zu nennen. Das Denken opfert sich, indem es so wird, wie das, dem es sich hingibt: licht. Allerdings ist in der ersten Nennung das Licht eine Eigenschaft, während beim zweiten Mal Licht sowohl als Denotat gelesen werden kann, dem sich der personifizierte Herrscher gegenüber als metaphorisch verhält, als auch als Metapher für die Aufklärung und damit als „natürliche“ Verbindung zum aufgeklärten Herrscher.
3) Damit sind wir bei der zweiten Erschütterung des rationalistischen Prinzips. Die Doppeldeutigkeit des Lichts selbst ist es, die die Trennung von Natur und Kultur, Vernunft und Dasein in Frage stellt.
4) Der erste Vers der 5. Strophe wiederholt die Paradoxie des Herrschers als Teil und als Ganzes, diesmal allerdings auf den „eigentlichen“ Sitz der Herrschaft bezogen, das Haupt. Der Herrscher steht hier außerhalb, erweist einem Teil seiner Herrschaft, seinem Haupt, eine bestimmte Aufgabe zu, indem er seinen Bereich begrenzt, ihm nur bestimmte Sachen erlaubt. Zugleich aber, so sollte man meinen, ist er gleichbedeutend mit dem Haupt selbst. Dann aber würde es sich um eine Selbstdisziplin handeln, um eine vernunftgemäße Beschränkung der Herrschaft und eine andere Formulierung für „erster Diener des Staates“.

Zwischenreiche

Die Räume, in denen sich der dichterische Geist bewegt, sind Zwischenräume. Sie leben von der Spannung, zugleich Teil als auch Ganzes zu sein; Teil, denn ihr Dasein ist flüchtig und ihre Sinnlichkeit vergänglich, Ganzes, weil nur sie eine Fülle anbieten, in der der Mensch sich sprechend verorten kann. So wird der erste Diener des Staates zu einer Chiffre für die Dichterin, die zugleich herrscht und dient, Chronistin ihrer eigenen Herrschaft ist und ihre eigenen Taten treulich nachzeichnet und damit zugleich vollbringt: 
Der Kampf ist endlos 
Keiner siegt
Die Musik ist zerbrochen, S. 90

07.02.2015

Aktualisierung

Irgendwie passiert sehr viel und irgendwie doch auch wieder gar nichts. Der ganze Januar war ausgefüllt mit dem Schreiben von Zeugnissen. Nein, natürlich nicht direkt mit dem Schreiben, sondern vor allem der Organisation sämtlicher Noten: Hier habe ich, aus Unerfahrenheit, ein leichtes Chaos angerichtet, das den Kollegen einige Mehrarbeit abverlangt hat. Und ich selbst habe mich, wie selten zuvor, mit jedem Wort abgequält.
Im Dezember war ich noch sehr fleißig dabei, Grundformen des Zeichnens zu üben und zu kombinieren. Von dieser Beschäftigung ist im Januar wenig übrig geblieben. Diese Woche, es sind Winterferien, komme ich halbwegs dazu.

Was habe ich in dieser Woche getrieben? Ich war in der Schule und habe mir die Materialien für die Freiarbeit angesehen und einiges für zukünftige Arbeiten eingeplant. Dann habe ich einige Gedichte von Rose Ausländer gründlich untersucht und erste weiterführende Notizen zum Stil angelegt. Für den Unterricht habe ich mich jetzt doch zu den Balladen und damit zu einer klassischeren Behandlung des Lyrik-Teils entschlossen. Gerade Ausländer ist in ihren Gedichten manchmal so hintersinnig, dass ihr Witz nur nach einer intensiveren rhetorischen Analyse zugänglich wird. Auf der anderen Seite enthalten ihre Gedichte aber sofort verstörende Elemente, die, wenn man nur die Oberfläche betrachtet, wie Fremdkörper zwischen den Worten liegen, so dass ein einfacher Sinn, so fürchte ich, für viele Schüler nur dadurch zu erreichen ist, dass sie bestimmte Textelemente aus dem Gedicht ausschließen.

Gelesen habe ich in den letzten anderthalb Wochen recht wenig. Aus der Junius-Reihe habe ich Niccolò Machiavelli zur Einführung durchflogen. Notizen dazu sind wenige entstanden. Aus derselben Reihe habe ich auch das Büchlein über Immanuel Kant gelesen, das ich nicht mag: es behandelt mir meinen guten Kant viel zu oberflächlich. Parallel angefangen habe ich die Einführung Friedrich Nietzsche und Michail Bachtin. Sehr faszinierend fand ich die Lebensbeschreibung von Nietzsche, und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch. Der Autor, Werner Stegmüller, schreibt im Telegramm-Stil die sehr wechselvolle Lebensgeschichte auf. Auch später hält er sich sehr knapp und fasst er bestimmte Themen mit einem genauen Quellenverweis zusammen, als dass er diese Themen umfangreich erläutert. Lohnt sich also nur, wenn man die Quellen vorliegen hat, möglichst die Kritische Studienausgabe. Die Einführung zu Bachtin ist ebenfalls dicht gedrängt, sehr sehr kenntnisreich und spannend. Obwohl ich das Vorwort zu Die Ästhetik des Wortes ebenfalls sehr instruktiv fand.

Gestern war ich bei Ikea und habe mir eine niedrige Trittleiter gekauft, für mein Klassenzimmer, damit die Schüler auch an die oberen Regale herankommen. Heute war ich im Künstlereibedarf am Moritzplatz. Für meinen Schreibtisch habe ich mir eine ordentliche Schneidematte gekauft, um demnächst doch wieder selber Unterrichtsmaterial herzustellen. Eventuell werde ich auch mal wieder ans Bücherbinden gehen. Das eine oder andere Material wäre als Lehrbuch ganz sinnvoll; es lohnt sich aber nicht, dafür eine PDF zu erstellen und diese über eine offizielle Druckerei liefern zu lassen. Außerdem, so habe ich bisher die Erfahrung gemacht, nehmen die Schüler es sehr respektvoll auf, wenn man Materialien handgefertigt abliefert.
Ich habe meinen Schreibtisch aufgeräumt.

Am Donnerstag habe ich mich gegen Grippe impfen lassen, zum ersten Mal in meinem Leben.

07.01.2015

Was ich mache?

So bin ich gefragt worden.
Wichtiges, aber nichts interessantes. Die Halbjahreszeugnisse stehen an und diese sind zu schreiben. Also nichts, was euch, liebe Leser, angeht.
In den Weihnachtsferien war ich fleißiger; aber nicht so, dass ich etwas zu Ende gedacht hätte. Einige Notizen zu Wittgenstein, etwas Dewey, ein Ausflug zu Uexküll (Theoretische Biologie), etwas Stefan Rieger. Von dem habe ich mir das Buch Vom Übertier gekauft. Es ist längst nicht so dicht gedrängt und theoretisch geschrieben wie Die Individualität der Massenmedien. Eher eine Sammlung von Glossen. Kenntnisreich und verständlich, dann aber doch nicht so aufregend wie die Doktorarbeit Riegers.
Tatsächlich ist im Moment das Lesen bei mir völlig unter den Tisch gefallen. Ich kann den ganzen Tag, den ganzen Abend, das ganze Wochenende über meine Schüler nachdenken. Es gibt, so möchte ich behaupten, keine schönere Arbeit als zu unterrichten. Und es ist so angenehm, an einer Montessori-Schule zu arbeiten. Man kann sehr viel individueller auf die Schülerwünsche eingehen und sie in verschiedene Richtungen fördern. Das ist für die Schüler einfacher, aber auch für mich. Mein größtes Problem zur Zeit ist, mich mit den ganzen Materialien vertraut zu machen. Das wird noch einige Zeit dauern.

Je suis Charlie Hebdo!

Ich gebe zu, dass mir in letzter Zeit das Schreiben schwer gefallen ist. In meinem Leben wandelt sich zu viel. Leicht dagegen fällt es mir, dazu Stellung zu nehmen. Leicht, weil es so unsäglich ist, was hier offensichtlich radikale Islamisten in Paris getan haben.

Pegida

Man kann diese Nachricht, gerade in Deutschland, nicht ohne einen Bezug auf Pegida schreiben. Diese Demonstrationen sind mir zuwider. Am meisten stört mich dieses „nur“, man sei ja nur gegen die radikalen Islamisten, man sei ja nur gegen eine Islamisierung. Natürlich haben sich unter diesem Namen nicht nur Rechtspopulisten versammelt. Und nicht einmal die von den Nationalsozialisten verwendeten Ausdrücke „Lügenpresse“, „Volksverräter“ und „Systempresse“ reichen für eine Kritik aus. Der Faschismus ist eine Struktur. Er macht sich nicht am Gebrauch einzelner Wörter fest.
Was Pegida so gefährlich macht, ist gerade ihre Inhaltslosigkeit. Es ist immer problematisch, wenn sich eine politische Bewegung nur daraus konstituiert, dass sie gegen etwas ist. Dann kann das, wofür sie ist, beliebig aufgefüllt werden. Die ganze Ideologie bleibt innerlich unkonstruktiv, bis sie sich nach außen mit ihrem Freund/Feind-Schema etabliert hat.
Eine solche Vorgehensweise ist nur scheinbar demokratisch. Er ist auch nur scheinbar „deutsch“. Die positive Seite, die einen guten politischen Willen ausmacht, jenes Wofür, für das man ist, treibt die Bewegung gar nicht an. Damit verkehrt sich die Rangfolge der Ziele, die mit einem politischen Willen zusammenhängen (der nicht unbedingt demokratisch sein muss, in diesem Fall aber eben auch ein Zeichen von Demokratie ist). Hier ist das Wofür von dem Dagegen abgeleitet.

Charlie Hedbo

Das Attentat gegen Charlie Hebdo ist wohl eine der gefährlichsten Ereignisse, die Europa zur Zeit heimsuchen. Es ist schlimm genug, dass Ungarn eine quasi-faschistische Regierung besitzt, die Frauenrechte ebenso mit den Füßen tritt, wie sie Religion und Politik vermischt. Es ist schlimm genug, dass Spanien die Demonstrationsfreiheit in einer Weise eingeschränkt hat, dass man auch hier an der demokratischen Gesinnung zweifeln darf.
Jenes Attentat nun tritt die Demokratie inhaltlich mit Füßen. Die Meinungsfreiheit ist eine der wichtigsten Güter der Demokratie. Meinungsfreiheit bedeutet übrigens, dass man die Freiheit hat, sich in Bezug auf Ideen zu positionieren und daraus dann Handlungen abzuleiten. Zur Meinungsfreiheit gehört nicht der direkte Angriff auf Menschen und Bevölkerungsgruppen, sei dieser auch nur verbal.
In diesem Sinne verstoßen die Terroristen, die heute den Anschlag auf das französische Satiremagazin ausgeübt haben, doppelt gegen eine grundlegende demokratische Logik. Auf der einen Seite positionieren sie sich nicht mit ihrer politischen Meinung, sondern bleiben anonym. Und auf der anderen Seite, dies ist wohl das auffälligste Merkmal dieses feigen Anschlages, vernichten sie Gegenmeinungen. (In diesem Sinne unterscheide ich einen Mord als Verletzung der ethischen Sphäre und als Verletzung der politischen Sphäre. Ein Mord aus Eifersucht verletzt die ethische Sphäre. Ein politisch motivierter Mord aber verletzt beide. Insofern ist ein politisch motivierter Mord auch anders zu verfolgen und zu bestrafen als ein „privater“ Mord.)

Salut, ihr Blogger

Beruhigend dagegen ist es, dass sich Blogger ganz unterschiedlicher Richtungen einig sind. Der Spiegelfechter, Gleisbauarbeiten und der Strafblog: Sie alle verurteilen den Anschlag; sie alle positionieren sich, im Sinne der Meinungsfreiheit, im Sinne der Demokratie. Und das macht Demokratie eben aus. Die eigene Meinung in Bezug auf die Ideen, und sichtbar dahinter der Mensch, der sie vertritt.
Niemand will den islamistischen Terror in Europa. Aber es ist ein Unterschied, ob man sich gegen eine konkrete Gefahr wehrt, gegen ein einzelnes Ereignis aufsteht, um den Menschen zu zeigen, dass sie mit ihrer Empörung nicht alleine sind, oder ob man einfach nur gegen ein Phantom ist und jedes Ereignis, das dort hinein passen könnte, als Beweis für das eigene Prophetentum nimmt.
So stehen hier viele Blogger gleich gegen zwei Gefahren auf, die möglicherweise doch nur ein- und dasselbe sind: das Ausnutzen demokratischer Freiheiten für undemokratische Zwecke.

18.12.2014

Zeichnen üben

Ich komme zu wenig oder gar nichts. Hatte ich noch vorletzte Woche Zeit genug, um intensiver in meinem Gramsci herumzustöbern, liegen dessen Bücher jetzt relativ ungenutzt neben meinem Schreibtisch. Hauptsächlich bin ich gerade mit den Terminen für die Zeugnisse zugange. Hier möchte ich nichts falsch machen und trage mir jeden wichtigen Termin in drei verschiedene Kalender ein. 

Auf Zetteln zeichnen

Ich hatte in meinem letzten Beitrag vorgeschlagen, Zettel vom Notizblock für Zeichenübungen zu nutzen. Das halte ich auch zur Zeit ganz gut durch. Für Übungen sind Wiederholungen wichtig. Dazu lege ich mir die bereits angefertigten Skizzen und Übungen vor mich, leere Notizzettel daneben, und dann fertige ich den Zettel einfach noch mal an.
Auf dreien dieser Zettel habe ich zum Beispiel die Grundformen skizziert, die Martin Haussmann als Grundvokabular für seine visuellen Notizen nimmt. Diese drei Zettel habe ich mittlerweile mehrmals wiederholt, wobei ich einzelne grundlegende Figuren, wie zum Beispiel die gepunktete Linie oder die Gedankenblase noch einmal auf Extra-Zetteln geübt habe. Diese beiden Formen gelingen mir nur sehr mäßig, während ich mittlerweile Glühbirnen, Wecker und Totenköpfe recht zuverlässig und einander sehr ähnlich zeichne.
Trotzdem werde ich meinen wachsenden Zettelhaufen als Übungsform beibehalten. Es geht eben nicht darum, etwas ganz präzise abzuzeichnen, sondern bei der raschen Skizze ein Selbstverständnis zu erreichen. 

Abzeichnen

Ich zeichne relativ viel ab. Zum einen sind das die von Haussmann vorgeschlagenen visuellen Grundformen, Quader, Dreiecke und Kreise in verschiedenen Größen, typische Symbole wie das Pluszeichen oder Buchstaben; dazu entwerfe ich aber auch immer wieder Kombinationen, etwa Sprechblasen, auf deren Rand verschiedene Symbole sitzen, so dass ich später solche Kombinationen, wenn sie angebracht erscheinen, leichter verwenden kann. Dann gibt es einige Kritzeleien, die ich ganz sinnvoll fand, und die ich mittlerweile auch zum dritten Mal „abzeichnen“, wobei ich mir hier einige Freiheiten lassen, also keine exakte Kopie anfertige. Ich nutze Ikone aus dem Internet, sowohl Smileys als auch sehr typisierte Gegenstände. Schließlich kopiere ich Logos von Firmen, zum Teil aber auch besondere Buchstaben. 

Von der Mindmap zum Infogramm

Dazu bin ich bisher nur in einem einzigen Fall gekommen. Aus meiner aktuellen Lektüre habe ich eine Mindmap erstellt und diese dann in zwei Schritten zu einem Infogramm umgestaltet. Dazu eignen sich solche kleinen Zettel hervorragend, weil sie zugleich eine scharfe Auswahl dessen erfordern, was man visualisieren möchte. Und selbst, wenn man einen komplexen Sachverhalt nacheinander auf mehreren Zetteln skizziert, muss man hier immer sehr reduziert vorgehen.
Die Übersetzung in ein Schaubild ist zugleich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Insofern ist diese Technik tatsächlich ein wunderbares Hilfsmittel, um schwierige Textpassagen auszuwählen oder längere Textpassagen zusammenzufassen. 

Farben und Stifttypen

In den letzten zwei Tagen habe ich zwischen Bleistift, Kugelschreiber und Filzstift hin- und hergewechselt. Gestern habe ich dann auch zwei Zeichenflächen mit dem Programm SketchBook und meinem SketchPad vollgezeichnet, allerdings auch mit den einfachsten Figuren, die Haussmann anbietet. Heute dagegen hatte ich gar keine Zeit dazu.
Dafür habe ich mir einen kompletten Satz mit farbigen Finelinern gekauft und einige der Zeichnungen farbig ausgestaltet. Einige ist allerdings recht ungenau: es sind genau drei Zettel entstanden. Den Rest des Abends habe ich mit Vor- und Nachbereitungen verbracht.
Insofern freue ich mich tatsächlich auf die Ferien: die habe ich endlich Zeit, mich intensiver mit solchen wichtigen Techniken auseinanderzusetzen und eventuell sogar einige Produkte anfertigen zu können.
Heute Morgen sind in der Bahn dazu zwei kleine Skizzen, noch ganz unfertig, zum Grammatikunterricht entstanden. Solche Sachen würde ich gerne möglichst intensiv ausarbeiten.

15.12.2014

Denken mit dem Stift

Dies ist eine Seite aus dem Buch UZMO - Denken mit dem Stift von Martin Haussmann.

Nun dürft ihr mich unken hören, dass Menschen, die nur mit dem Stift denken, statt mit dem Gehirn, gar nicht denken, sondern bloß kritzeln. Und tatsächlich sollte man dieses Buch nicht nach seinem Titel beurteilen. Richtig allerdings ist, dass der Autor, hervorragend, wie ich finde, erläutert, wie Visualisierungen beim Denken helfen können, als Übersicht und Struktur, als Medium für semantische Experimente, als Hilfe für das Gedächtnis.

Der Aufbau des Buches I

Das Buch ist hoch strukturiert, dabei aber insgesamt sehr spielerisch. Für ein Buch über Visualisierungen zeigt es erstaunlich viel Text. Das funktioniert allerdings wunderbar, weil es zugleich sehr großzügig gestaltet ist, so dass es sich leicht lesen lässt. Für ein Buch, das vor allem für Coaches, Management-Trainer und sogenannten Experten geschrieben ist, enthält es erstaunlich viele konkrete Informationen und so gut wie gar keine befremdlichen Vokabeln, hinter denen sich entweder gar nichts oder ein längst abgelatschter Stiefel verbergen. Man hat es also mit einem angenehm sachlichen und praktischen Buch zu tun. Ich befürchte, dass die Hälfte dieser sogenannten Experten dieses Buch als zu kompliziert empfinden wird, obwohl es einfach geschrieben ist (aber zu konkret und ohne diese Party-Vokabeln).

Der Aufbau des Buches II

Das Buch ist im Querformat gedruckt, so dass es aufgeschlagen sehr breit auf dem Schreibtisch liegt. Zudem kommen zwei Klappseiten im Einband dazu. Ungeachtet dessen ist es aber ganz handlich.
Es gliedert sich in sechs Kapitel, von denen das erste die Rolle der Visualisierung in der heutigen Welt reflektiert. Die beiden nächsten Kapitel stellen zum einen die Grundelemente der Visualisierung vor und dann die Verbindung von Inhalt und Darstellung. Die anderen drei Kapiteln zeigen den Einsatz beim Präsentieren, Dokumentieren und Erkunden.
Zudem gibt es einen ausführlichen Anhang, der schöne Tricks für das Präsentieren verrät.

Beispiel I: Zeichnen Sie live

Das ist so klar wie Kloßbrühe. In der Lehrerausbildung ist dieses Prinzip seit über 100 Jahren bekannt. Seit Mitte der sechziger Jahre nennt man Tafelbilder, die man während des Unterrichts erstellt, genetische Tafelbilder. Wem die Erklärung in den Pädagogikbüchern dazu zu mager sind, findet hier ein hervorragendes Buch, um sich mit der Gestaltung von Tafelbilder auseinanderzusetzen.
Die Empfehlung ist aber auch deshalb sinnvoll, weil in den letzten Jahren PowerPoint geradezu unmäßig verwendet wurde. Zudem ist PowerPoint relativ unflexibel, wenn man während des Unterrichts auf die Äußerungen von Schülern und Studenten eingehen möchte. Es ist vor allem peinlich, wenn ein Dozent während des Unterrichts die PowerPoint-Präsentation ändern möchte und mit dem Programm nur mäßig umgehen kann. Das habe ich einmal erlebt.
Eine Tafel, farbige Stifte und ein Wischtuch, sowie eine mäßige Fähigkeit zum Zeichnen tun hier alle mal besser ihr Werk.

Beispiel II: der Spaghettitopf

So nennt der Autor Schaubilder, auf denen alles durcheinander läuft, als habe man einen Topf voller Spaghetti vor sich. Solche Schaubilder sind wohl das, was eine PowerPoint-Präsentation so ärgerlich machen.
Da ich selbst zu solchen Skizzen neige, wenn ich mir versuche, eine schwierige Textstelle auseinanderzupflücken, fand ich gerade diesen Abschnitt besonders anregend. Ein ganz wichtiger Aspekt, der mir gestern geholfen hat, war die Verbildlichung bestimmter Ideen. Schon allein dies bringt eine gewisse Übersicht selbst in ein sehr chaotisches Cluster. Der Autor bezeichnet dies als visuelle Anker.
Das ist allerdings nur einer von zahlreichen Tipps dazu.

Beispiel III: Infogramme

Gleich im Anschluss daran zeigt der Autor, wie man Infogramme entwickelt. An einem kurzen Textausschnitt demonstriert er, wie man über acht sehr praktische Schritte zu einem Infogramm kommt. Das ist übrigens eine Technik, die ich gerne meinen Schülern beibringen würde. Zum Teil wird diese schon intuitiv beherrscht. Etwas mehr Systematik wäre allerdings hilfreich. Mal sehen, wie ich diese in den Unterricht einbringen kann.

Visuelle Vokabeln

Ein großer Pluspunkt ist die (allerdings eigentlich sehr bekannte) Idee, seine Zeichnungen aus Grundelementen zusammenzusetzen. Dies erklärt der Autor schön, allerdings auch etwas knapp, da gerade das Zeichnen von Piktogrammen vielen Menschen Mühe bereitet. 

Schwachstellen

Ich möchte dieses Buch nicht über den grünen Daumen loben (oder heißt es: den grünen Klee?). Mit Sicherheit wird sich der eine oder andere an diesem Buch auch frustrieren. Der Autor ist professioneller Grafiker mit einer großen Erfahrung, wie man Informationen visuell präsentiert. Das ist seinem Buch hervorragend anzumerken. Das macht es so angenehm zu lesen. Es ist aber keine Zeichenschule und wer sich noch so gar nicht in den Bereich des Zeichnens eingearbeitet hat, wird gerade zu Beginn einen steinigen Pfad vor sich finden, bei dem dieses Buch wenig Übergänge schafft.
Gerade Anfänger oder Menschen, die lange aus der Übung sind, werden zu Beginn an ihren Grundelementen, ihren Kästen und Kreisen, Pfeilen und Linien verzweifeln.
Hier hilft nur eins: üben, üben, üben.
Und hier begeht der Autor dann auch den Fehler, mit seinen gekonnten Grafiken, dem übersichtlichen Bildaufbau, den kleinen Details, der Farbgebung und den Schattierungen ein Niveau anzubieten, das für den normalen Menschen erst nach längerer Zeit und fleißigem Training erreichbar ist. Man sollte sich daran nicht messen und sich zunächst an die einfachen Grafiken halten, die der Autor eben auch anbietet. Später kann man dann zu komplizierteren und detailfreudigeren Figuren übergehen.

Fazit

Sieht man von einigen Stolpersteinen ab, ist dieses Buch wunderbar geeignet, um sich mit der Technik der Infografik auseinanderzusetzen. Es ist sinnvoll, dass man bereits etwas Erfahrung mit Bunt- und Filzstiften gesammelt hat und sei es nur mit kleinen Kritzeleien. Aber selbst solche „unnützen“ Kritzeleien ermöglichen ein brauchbares Selbstverständnis im Umgang mit Stiften. Und mehr ist eigentlich wirklich nicht nötig.
Sinnvoll für das Buch ist auch, wenn man sich einen Block mit Notizzettel besorgt, auf dem man immer wieder die grafischen Elemente üben kann. Ein solcher Block ist nicht teuer und sofern man nicht jeden Tag 50-80 Zettel bekritzelt, hält er auch einige Zeit vor.

14.12.2014

Was ich so treibe

Eins kann ich euch sagen: Klassenleiter zu sein ist ganz schön anstrengend. Allerdings macht es auch Spaß und ich bin hochmotiviert.

Texte schreiben

Meine Schüler schreiben wöchentlich Texte und sind zum Glück dazu gerne bereit. Viele Texte sind auch wirklich gut, manche sogar so hervorragend, wie man sie von Erwachsenen nicht zu lesen bekommt. Einen Nachteil hat das ganze allerdings schon: ich sitze jedes Wochenende mit 72 Texten am Schreibtisch. Allerdings korrigiere ich diese nicht im üblichen Sinne, sondern schreibe individuelle Empfehlungen und Ermutigungen. Ganz so einfach ist das nicht, da ich die Schüler noch nicht gut kenne.

Klassenbibliothek

Mittlerweile habe ich die Klassenbibliothek um einige meiner Bücher aufgestockt. Die Schüler lesen begeistert. Ich bin ganz fasziniert davon, dass keiner der Schüler Artemis Fowl kennt. Auch die Spiderwick-Saga ist noch nicht bekannt. Diese werden auch fleißig gelesen.
Ich hatte mir Oskar und Rico von Andreas Steinhöfel gekauft. Diese Bücher kenne ich noch nicht. Ich habe noch nicht einmal angefangen zu lesen, da ich mir zuerst zahlreiche Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen habe und mir dann auch ein Wettbewerb von der Buchserie Das magische Baumhaus in die Quere gekommen ist. Davon musste ich dann auch erst mal einige Bände lesen.

Visuell präsentieren

Lange ist es her, dass ich mit meinen Zeichenstiften gearbeitet habe. Da aber gleich mehrere Schüler von Comics ziemlich begeistert sind und auch einige echte Künstler darunter zu finden sind, habe ich mir jetzt einige Bücher zum Comiczeichnen gekauft. Eines der Bücher, dass ich noch mal ausführlicher vorstellen werde, behandelt das visuelle Präsentieren. Einen Teil des Wochenendes habe ich also damit verbracht, diese Bücher auszuprobieren. Bei einem Buch musste ich allerdings auch Zensur betreiben: gleich am Anfang befindet sich ein nicht jugendfreies, sexistisches Bild. Dieses habe ich mit einem Edding eingeschwärzt.
Jedenfalls habe ich an die 100 Schmierzettel mit Übungen vollgekritzelt. Das wird mir dann hoffentlich auch bei meinen Tafelzeichnungen zugute kommen.

Willensbildung und Sinnlichkeit

Das ist ein altes Thema von mir. Ich finde es faszinierend, wie sehr manche Menschen auf ihre Sinnlichkeit angewiesen sind und wie wenig sie darüber berichten können; es ist, als würden sie nicht in ihren eigenen Körpern wohnen. Zum Teil fällt das auch bei den Kindern auf. Die Welt und die Gedanken sind dort noch sehr ungeschieden.
Komischerweise habe ich gerade einen Text in Arbeit, der sich mit diesem Problemkreis beschäftigt. Es ist allerdings etwas hochgestochen zu sagen, ich hätte ihn in Arbeit. Dieses Wochenende habe ich ihn noch nicht zur Hand genommen und heute Abend werde ich es auch nicht mehr tun. Es handelt sich um Max Raphael, einem der wichtigsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts. In seinem Buch Von Monet zu Picasso stellt er den Willen an den Ursprung des Gestaltungsvermögens und damit vor jegliche Sinnlichkeit. Der Ansatz ist reizvoll, alleine deswegen, weil dies dem interesselosen Anschauen des Immanuel Kant widerspricht.
Aber der Ansatz hat etwas für sich, welche die Möglichkeit aufscheint, dass der Mensch eben kein sinnliches Wesen ist, dem der Wille und alle anderen, sogenannten höheren Bewusstseinsformen aus der Sinnlichkeit erwachsen. Es ist zwar richtig, dass jeglichem Inhalt der Gedanken zunächst ein sinnliches Moment zu Grunde liegt. Doch aus irgendeinem Grund ist diese Sinnlichkeit zugleich ziemlich abstrakt und bleibt abstrakt, wenn sie nicht methodisch und systematisch aufbereitet wird.
(Dazu allerdings später mehr. Ich habe Raphael zwar an diesem Wochenende nicht gelesen, aber in meinen Notizen oftmals erwähnt. Und diese müsste ich nun selbst systematisieren und in eine Ordnung bringen. Probeweise ist dies auch schon geschehen, indem ich einige meiner Gedanken „visualisiert“ habe, also dazu Notizen in grafischer Form erstellt habe.)