02.08.2015

seltsame Bücher über Java

Ein Buch habe ich mir mit in den Urlaub genommen, das ich höchst eigentümlich fand (aber ich vermutete dessen Nutzen): Schrödinger programmiert Java.

Kulturen

Nachbauen

Ich beschäftige mich immer wieder mit der Programmierung, einer Sache, die mir nicht nur aus Nostalgie nahegelegt wird, sondern weil ich sowohl die Sprache der Programme selbst als auch die Sprache der Lehrbücher interessant finde. Es gibt für mich viele Gründe, das zu tun. Gelegentlich genieße ich es, einfach auch mal ein funktionierendes Programm zu schreiben. Und gerade ist es mir tatsächlich gelungen, ein Fenster zu programmieren, in dem man in einem Textfeld einen Text eingeben kann, daraus einen ausgewählten Ausschnitt (oder mehrere) fett markieren kann und die Markierung auch wieder aufheben kann. Was als absurd einfacher Texteditor gelten könnte, ist für mich ein größerer Erfolg: ich habe verstanden, wie so etwas funktioniert.

Pathos des Dazwischen-Gehens

Einen anderen Grund, warum ich Java interessant finde, ist die Möglichkeit, von dort aus Ereignisse anders zu beschreiben. Tatsächlich legt gerade Java ein sehr dicht an unserer Wahrnehmung und unseren Handlungskonzepten orientiertes System an. Es ermöglicht damit, wenn man es als Denkprinzip nimmt, eine sehr enge und handlungsorientierte Arbeit am Material.
Und noch aus einem anderen Grund finde ich die Arbeit mit Java interessant: sie verändert den Blickwinkel auf bestimmte kulturelle Phänomene. Dazu habe ich, unter dem Titel Pathos des Dazwischen-Gehens vor einigen Jahren zu Roland Barthes Buch Das Reich der Zeichen folgendes notiert:
Man müsste so, am Rande der Rituale und der kulturellen Verschiebungen, seine Texte schreiben. Dies wäre ein Schreiben, das sich zwischen den Zusammenstoß zweier Ereignisse setzt und weniger die Empirie notiert, als den Pathos des Dazwischen-Gehens.
In gewisser Weise ist Java sogar eine sehr affektive Sprache.

Notieren

Die Frage, warum mich Java so beschäftigt, ist also eine kulturelle Frage. Das geduldige Nachzeichnen von Funktionsweisen bleibt für die Beschreibung von kulturellen Phänomenen auf jeden Fall nützlich. Zudem bietet es eine Syntax an, die relativ kurz und dabei übersichtlich ist.
(Ein Problem, das ich gerade bei der Didaktik des Lesens habe: man kann Texte auf sehr verschiedene Arten und Weisen lesen: aber wenn man hier einfach vom Text ausgeht, bleibt man unbestimmt: ein Text besteht aus vielen Schichten und erst der Blickwinkel bringt die eine oder andere Schicht an die Oberfläche: eine präzise Notierung erzwingt das Nachdenken über die Schicht, die man beim Lesen fokussieren möchte.)

Grafische Aufbereitung

Was mich an Schrödinger programmiert Java noch interessiert hat, war die grafische Aufbereitung. Ich hatte vor einigen Monaten das Buch Denken mit dem Stift vorgestellt. Das finde ich immer noch sehr anregend. Wenn ich das nun mit dem Aufbau des Java-Buches vergleiche, so ist das Java-Buch zu unruhig gestaltet. Es gibt zu viele Schrifttypen, zu viele Blickfänger, eine zu vielseitige Leserichtung (nicht nur von oben nach unten und gelegentlich wieder zurück, sondern eigentlich kreuz und quer). Auf der anderen Seite sind die Texte aber recht klar geschrieben und vor allem beginnen sie dann doch mit dem Wesentlichen (im Gegensatz zu den beiden JavaCore-Büchern).

Schrödinger programmiert Java

In achtzehn Kapiteln und auf 695 Seiten bietet dieses Buch also eine peppig aufbereitete Einführung in die Sprache Java. Von den grundlegenden Daten, dem Kontrollfluss und der Arbeit mit Strings arbeitet sich das Buch dann durch die Vererbung und Kapselung, komplexe Datensammlungen, der Speicherung und den Threads bis zur Programmierung von Windows und die Anbindung ans Internet durch.
Inhaltlich finde ich es gut: die Kapitel beginnen mit grundsätzlichen Hinweisen, die dann mit tiefergehendem Wissen erweitert werden. Die Texte selbst sind verständlich; allerdings sollte man sich gerade als Anfänger tatsächlich von vorne nach hinten durcharbeiten, da Fachbegriffe später nicht mehr erklärt werden. Ein rascher Blick in den Umgang mit Dateien hat mir gezeigt, dass ich mich erstmal vorher, in den vorausgehenden Kapiteln, aufhalten sollte: später habe ich dann verstanden, wovon der gute Mensch dort schreibt.
Was die visuelle Aufbereitung angeht, bin ich durchaus zwiegespalten. Auf der einen Seite finde ich die Seiten teilweise viel zu unruhig. Auf der anderen Seite allerdings sehe ich mir die Seiten dadurch anders an, sortiere mein bisheriges Java-Wissen neu und versuche es, an dieses Buch anzupassen; und dadurch bewegt sich dann tatsächlich etwas. Wie ich es eben jetzt geschafft habe, ein ganz rudimentäres Textverarbeitungsprogramm zu schreiben.

01.08.2015

Cloud usw.

Es sind Ferien. Und eigentlich sollte ich viel zum Schreiben haben. Aber wie ihr seht, bin ich dieses Jahr wenig zum Schreiben von Blogeinträgen gekommen, obwohl ich mir viel notiert habe. Es war wohl zu viel.

Textkohärenz

Insbesondere beschäftigt mich gerade mal wieder das Thema Textkohärenz. Gut, dazu gab es in diesem Blog bisher noch nicht so viel zu lesen. Jasmin Merz-Grötsch bezieht sich bei der Bewertung von Schülertexten explizit auf Kohärenzmittel des Textes (in: Texte schreiben lernen. Seelze 2014).
Nun ist das so eine Sache mit der Kohärenz. Zunächst gibt es grammatische Markierungen, die auf Gewohnheiten beruhen. So sind Pronomen nicht nur in der Lage, Satzsubjekte und Satzobjekte auszudrücken; sie verweisen auch auf vorausliegende Sätze. Fehlt die konkrete Benennung eines solchen Subjekts, auf das ein Pronomen verweisen könnte, dann finden wir das ungewöhnlich:
Er ging die Straße hinunter. So, wie er es jeden Tag tat. Er stieg an der Ecke in den Bus. Von dort aus überquerte er zusammen mit anderen Angestellten den Hudson River. Der Tag versprach einen stählernen Himmel und flirrende Luft über den kochenden Straßen.
Trotzdem das Subjekt nicht eingeführt worden ist, empfinden wir den Text aber als zusammenhängend. Zum einen sorgen die Wiederholungen dafür: wir akzeptieren als Leser schließlich, dass das Subjekt nur durch ein "er" ausgedrückt wird. Zum anderen bewegt sich der ganze Text in einem einheitlichen semantischen Feld. Obwohl dieses nicht direkt genannt wird, erschließen wir es leicht: der morgendliche Weg zur Arbeit.

Cloud

Ich mag meine Cloud: man kann von überall auf der Welt auf seine Arbeiten zurückgreifen. Gelegentlich ist die Verbindung recht langsam. Aber im Vergleich zu früher ist es absolut komfortabel, sich mit den ganzen Büchern nicht mehr abschleppen zu müssen, egal, ob man nun in Berlin in einem Café sitzt oder irgendwo in Portugal in einem Bungalow (sofern dieser ein WLAN hat).

Zettelkasten

Vor drei Jahren hatte ich das Projekt, meinen Blog komplett in meinen Zettelkasten einzufüttern, begonnen. Auch dazu finde ich keine Zeit. Mittlerweile bin ich im Juli 2008 angekommen (erst!). Das war eine spannende Zeit, in der ich viel zum szenischen Schreiben gearbeitet habe; zudem hat sich hier mein Blick zunehmend von den Metaphern abgewandt und den Metonymien zugekehrt. Diese sind für das Schreiben dramatisch wichtig.

17.07.2015

Ausnahmen

Immer, wenn ich mich mal wieder mit der Entwicklung der menschlichen Kognition beschäftige, lese ich auch meine Bücher zum objektorientierten Programmieren. Dieses ist der menschlichen Kognition sehr ähnlich, zumindest der menschlichen Kognition, wie die Psychologen sie darstellen. Davon aber vielleicht ein andermal mehr.

Viele Informatikbücher halte ich für ungeschickt geschrieben. Manche sind auch so technisch, dass sie von vorneherein nur noch Eingeweihten zugänglich sind; andere wieder purzeln in solchen Gedankensprüngen durch die Materie, dass man den Texten eine fehlende Leserorientierung bescheinigen muss. 
Ungut z. B. ist folgende Einführung in der Verwendung von Klassen:
Da man in Java nichts ohne Klassen tun kann, haben Sie bereits viele Klassen im praktischen Einsatz gesehen. Leider passen viele von ihnen nicht in das übliche Java-Schema. Ein Beispiel dafür liefert die Klasse Math.
Horstmann, Cay/Cornell, Gary: Core Java Band I, S. 141
Wie es nun wirklich mit den Klassen aussieht, normalerweise, erfährt der Leser nicht direkt. Es werden sofort Ausnahmen benannt, die gerade nicht das übliche Funktionieren von Java beschreiben.
So etwas verwirrt gelegentlich.
Nun ist gerade dieses Buch, Core Java, im Allgemeinen sehr verständlich geschrieben. Insofern habe ich mir hier eine faule Rosine herausgepickt. Und insofern man sich tatsächlich schon einmal intensiver mit Java beschäftigt hat, kennt man natürlich eine der wesentlichen Merkmal des objektorientierten Programmierens, den Umgang mit Klassen und die Erzeugung von Instanzen.

12.07.2015

Gewaltfreie Kommunikation

Gelegentlich muss ich mir große Fehler eingestehen. So hatte ich in den letzten Jahren gelegentlich das Vergnügen (also eigentlich das „Vergnügen“), es mit Vertretern der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg zu tun zu bekommen. Ich habe mich regelmäßig ziemlich gegraust, ein völlig esoterisches Völkchen, die die allergrößten Dummheiten durch die Gegend warfen, diese aber als besonders hilfreich empfanden, wohl weil diese mit einer möglichst sanften Sprechweise vorgetragen wurden.
Nun wurde mir diese Aufgabe erneut zugetragen; diesmal allerdings muss ich nicht Rücksicht auf irgendwelche seltsamen Zeitgenossen nehmen. Also habe ich mir gestern Bücher zu dem Thema gekauft, teils von Rosenberg selbst, teils von prominenten Vertretern seiner Methode. Und siehe da, es gibt doch wesentlich mehr Anknüpfungspunkte, als ich gedacht hätte.

Fehllektüre

Wie immer scheint diese recht lückenhafte Lektüre des Originals vor allem dadurch zustande gekommen zu sein, dass die Vertreter wenig Vergleichsmöglichkeiten mitgebracht haben. Etwas ähnliches bemängelte ich ja schon seit Jahren bei der Wiedergabe neurophysiologischen Erkenntnissen. Wenn hier nicht von außen weitere Fragenstellungen an ein Buch herangetragen werden, so hat es den Anschein, werden wichtige Aspekte einfach überlesen.
Früher hat man dies durch eine gute Allgemeinbildung verhindern können. Heute gibt es eine solche gute Allgemeinbildung nicht mehr; zumindest nicht mehr so häufig (oder unsere modernen Massenmedien geben den Menschen mit einer geringen Allgemeinbildung zu häufig die Gelegenheit, sich zu produzieren). Doch auch dann, wenn man eine solche Bildung wertschätzt, ist der Kanon des zu Erlernenden unsicher geworden, eine Entwicklung, die ich durchaus begrüße, auch wenn es mir bei bestimmten Themen (bei meinen Lieblingsthemen) schwer fällt, wenn andere Menschen sich gerade dafür nicht interessieren.
Bildung, so könnte man heute behaupten, ist durch eine flexiblere Vernetzung verschiedener Themenbereiche zu ersetzen. Die Erforschungen zum guten Lernen in den letzten sich Jahren zeigen sehr deutlich, dass das Wissen weniger in hierarchischen Bäumen, als in einem polyvoken Geflecht organisiert ist.

Gefühle und Bedürfnisse

Giraffen und Wölfe

Was habe ich mich über die Begriffe Giraffensprache und Wolfssprache lustig gemacht. Und tatsächlich sind es recht unglücklich gewählte Begriffe, zumindest, wenn man sich einigermaßen mit den Tieren auskennt. Zudem kommt noch hinzu, dass Deleuze und Guattari, zwei Philosophen, die mich seit 25 Jahren sehr interessieren, einen ebenso engen, aber ganz anderen Gebrauch dieser beiden Tiere zeigen.

Giraffensprache I

Allerdings kann ich mich mit der Giraffensprache aus ganz unterschiedlichen Gründen anfreunden. Und so, wie Rosenberg es schreibt, klagen wir sogar auf ähnliche Art und Weise.
Rosenberg kritisiert, dass unsere Sprache zu wenig Bedürfnisse und Gefühle thematisiert, dass immer von Forderungen, Pflichten und Normen gesprochen wird. Und genau dies hatte ich bereits vor vielen Jahren insbesondere an deutschen Schriftstellern kritisiert. Meine Intention war zwar eine völlig andere: ich fand die Erzählungen zu oft unlebendig, hölzern. Und wer liest schon gerne solche Erzählungen? Doch auf den zweiten Blick sind unsere Absichten gar nicht so verschieden. Bedenkt man nämlich, dass viele unserer Bedürfnisse und Gefühle ähnlich sind und dadurch eine Identifikation ermöglichen (zumindest, wenn man Fritz Breithaupt - Kulturen der Empathie - folgt), dann sind dies genau die Punkte, durch die man sowohl mit einer Hauptfigur mit fiebert, als auch gegenüber einer realen Person respektvoller und achtsamer handelt.
Im Prinzip bin ich also ebenfalls ein Vertreter der Giraffensprache. Nicht ganz so sicher bin ich mir, vor allem bei den von mir bevorzugten Erzählungen, ob es immer so gewaltfrei zugehen muss.

Noch ein alter Bekannter: Verbinseln und propositionale Relationen

Körperraum und Seelenwelt

Mehr aber noch scheint mir, dass die gewaltfreie Kommunikation eine solche ist, die ein Subjekt (also das jeweilige Selbst) in seiner Umwelt verortet. Ich hatte diese Techniken einmal sehr ausführlich in Bezug auf die Romane von Stephen King behandelt, hier unter den Begriffen Körperraum und Seelenwelt, behandelt. Körperraum und Seelenwelt trennen zugleich die physikalische von der sozialen Welt, die naturwissenschaftliche von der ethisch-politischen Argumentation. Die Verortung (die ich gelegentlich auch Trivialisierung nenne) geht mit einer Trennung zweier Sphären einher.

Verbinseln

Tomasello schreibt in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens von der Ausbildung komplexerer grammatischer Strukturen. Zunächst zeigen Kleinkinder eine sogenannte Pivot- oder Angelgrammatik; damit ist ein Satzbau gemeint, der anhand eines feststehenden Wortes ein zweites, variables Wort zeigt: Mama alle (die Mutter ist nicht zu sehen), Milch alle (die Milch ist leer), Baby alle (das Kind hat sich versteckt). Dann rücken rasch Verben ins Zentrum des Sprechens: daraus entsteht die Verbinsel-Grammatik, bei der das jeweilige Verb mehr oder weniger feststehende Plätze ausbildet, die durch andere Wörter zu besetzen sind. Diese Plätze nennt man Aktanten. 
Aktanten fügen einem Satz gleichsam das Material hinzu, während das Verb die Bewegung bezeichnet; ein Satz bildet so eine Art bewegter Komposition. Der Subjektaktant hat darin einen vorrangigen Platz, weil von ihm oft die Absicht zur Bewegung oder das Weitertragen der Bewegung ausgeht, je nachdem, ob es sich um ein lebendes Wesen oder einen physikalischen Körper handelt. (Ich weiß natürlich, dass diese Art der Beschreibung sehr naiv ist und keineswegs der komplexen Grammatik entspricht, die erwachsene Menschen sprechen.)

Piaget mit Bruner

Nach Piaget entwickelt sich das menschliche Denken in vier großen, prägnanten Phasen. Zwar hat die Entwicklungspsychologie hier vieles revidieren müssen und mittlerweile ist auch nicht mehr so sicher, ob Menschen im allgemeinen die vierte Phase erreichen können, aber zumindest ist dieses Schema im Groben immer noch hilfreich.
Die zweite Phase zeichnet sich dadurch aus, dass Vorstellungen und Wörter aneinandergeklebt werden. Piaget nennt diese die präoperationale Phase. Sie reicht von anderthalb Jahren bis zum sechsten Lebensjahr. Tatsächlich ist diese Einteilung aber schwierig. Tomasello zitiert Forschungsergebnisse, die deutlich zeigen, dass die konkret-operationale Phase, also die auf die präoperationale Phase folgende Stufe, in ganz spezifischen Fällen wohl schon biologisch angelegt ist. Eher kann man hier also von einer Dominanz eines bestimmten Denkens sprechen.
Während die präoperative Phase also die Gegenstände aneinanderkettet, organisiert die konkret-operative Phase diese um eine Tätigkeit, bzw. um eine Verbinsel herum. Der entscheidende Übergang findet sich zum Beispiel auch in der Entwicklung grammatischer Kompetenz, wenn die Pivotgrammatik durch die Verbinselgrammatik abgelöst wird (allerdings wesentlich früher als Piaget dies postulierte).
Jerome Bruner hatte diesen Übergang bereits Ende der sechziger Jahre in seiner starren Form aufgebrochen und behauptet, dass in zentralen Tätigkeitsgebieten die konkret-operative Phase wesentlich früher erscheine. Dazu trugen, nach Bruner, zum einen die flexiblere gedankliche Handhabung gut bekannter Gegenstände bei, zum anderen die raschere Fähigkeit, diese zu kategorisieren (also semantische Mengen zu bilden).

Selbstdifferenzierung

Bedürfnisse und Gefühle wiederum rücken dann in den Blick, wenn die kompakte Einheit, die Kinder sich selbst zuschreiben, durch verschiedene, nicht gleichzeitig erfüllbare Bedürfnisse und ähnlichem aufgebrochen wird. Das Kind lernt sich als geteilt, differenziert und entscheidungsfähig kennen. Die Sprache hilft dabei, weil durch sie weiter auseinanderliegende Ereignisse rasch und eng geführt werden können (in der Literaturwissenschaft wird dies mit den Begriffen Erzählzeit und erzählte Zeit ausgedrückt: die Erzählzeit ist die Zeit, die für den Vorgang des Erzählens notwendig ist, während die erzählte Zeit die inhaltlich markierte Zeit ausdrückt: je nach Verhältnis spricht man auch von einer Zeitraffung oder (was seltener ist) einer Zeitdehnung; springt die Erzählung von einem Zeitmoment zu einem anderen, nennt man dies gelegentlich Zeitsprung).
Diese Fähigkeit der Sprache scheint auf das Engste mit der Selbstdifferenzierung verbunden zu sein, weshalb zum Beispiel die Ausdifferenzierung sozialer Kompetenzen und eines komplexen Innenlebens nicht nur an die sprachlichen Inhalte, sondern auch an die sprachlichen Strukturen geknüpft erscheint.

Giraffensprache II

Die Giraffensprache, so wie Rosenberg sie darstellt, verwirklicht zuallererst diese Aspekte. Ihre Besonderheit besteht dann vor allem darin, dass sie das Augenmerk auf das Innenleben richtet und vor allem den Ausdruck von Bedürfnissen und Gefühlen betont.
Hier kann man übrigens eine Normierung finden, die die Gewaltlosigkeit der gewaltfreien Kommunikation von Anfang an unterläuft. Attributionen, selbst oder gerade auch solche, die die Innerlichkeit der Empfindungen in die Äußerlichkeit der Sprache umstülpen, generalisieren immer: sie haben den Hang wiederholt und damit statisch zu werden. (Aber man kann sich hier größere Einheiten vorstellen: solche, die typische Abfolgen benennen und erfahrbar machen.)

Macht und Gewalt

Macht mit ... und Gewalt über ...

Gar nicht so entfernt liegt Rosenbergs Unterscheidung von Macht mit ... und Gewalt über ... von der Unterscheidung Arendts zwischen Gewalt und Macht. Arendt schreibt, dass Macht zwischen Menschen entsteht, die miteinander kooperieren. Dagegen übt die Gewalt sich aufgrund eines einseitig imaginierten Verhältnisses aus; einseitig imaginiert ist dieses Verhältnis deshalb, weil natürlich auch hier Menschen gemeinsam Macht ausüben, allerdings aufgrund von oftmals althergebrachten Verhältnissen der Angst, Gewohnheit oder Blindheit. Die irrealen Imaginationen schieben sich über das Aushandeln und Aushandeln-Können und blockieren diese. (Ich folge hier Arendts Argumentation nur bedingt, der Einfachheit halber; zwar habe ich sie noch nicht gründlich gelesen, aber schon bei einer ersten Lektüre ist mir die Schwäche ihrer Position in Hinsicht auf die Einbildungskraft und strukturelle Gewalt (isolierende Bedingungen) aufgefallen: hier bevorzuge ich Foucault, Butler oder Zizek. Wobei ich alle drei ebenfalls nicht wirklich gut kenne.)

Politik: Zwischen den Menschen

Allerdings ist dieses Zwischen von Rosenberg nicht weittragend genug. Er hat nicht verstanden, inwieweit dieses Zwischen gerade keine anthropologische Konstante ist (und, liebe Leser meines Blogs, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, Arendt durchzukommentieren, hätte ich euch dazu bereits mehr wissen lassen). Hannah Arendt dagegen bringt hier ihren zunächst recht schlichten, doch dann sehr kühnen Vorschlag, was der ursprüngliche Ort der Politik sei:
Die Philosophie hat zwei gute Gründe, niemals auch nur den Ort zu finden, an dem Politik entsteht. Der erste ist: 1) ζϖον πολιτικόν: als ob es im Menschenetwas Politisches gäbe, das zu seiner Essenz gehöre. Dies gerade stimmt nicht; der Mensch ist a-politisch. Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen. Es gibt keine eigentliche politische Substanz. Politik entsteht im Zwischen und etabliert sich als Bezug.
Arendt: Was ist Politik?, S. 11
Hier bleibt anzumerken, dass Hans Blumenberg ebenfalls auf der Trennung von Anthropologie und Intersubjektivität beharrt (Beschreibung des Menschen, S. 55), während die Intersubjektivität als eine Art Anerkennung durch ordnende Gewohnheit (S. 466) in die Verweltlichung und Verleiblichung des Ichs eingeht.
Macht, so müsste man Arendt mit Blumenberg paraphrasieren, ist intersubjektive Verlässlichkeit der Selbstwirksamkeit in der Lebenswelt. Gewalt, so darf ich hier weiterspinnen, beschneidet die Selbstwirksamkeit und damit die intersubjektive Verlässlichkeit, mithin die Lebenswelt als solche. Gewalt ist, um ein Zitat Blumenbergs umzudrehen, Daseinsgewinn durch Existenzverlust.

Rückkehr zur politischen Substanz

Rosenberg denkt die Intersubjektivität nicht weit genug. Letztlich kehrt er doch zum Subjekt als metaphysischer Substanz zurück. Natürlich muss er vereinfachen; doch zumindest sollte man im Auge behalten, dass hinter der schönen Oberfläche der gewaltfreien Kommunikation der Rückfall in alteuropäische Traditionen hervorschaut. Genauer gesagt setzt diese das Subjekt als irgendwie fertig konstituiert voraus: die Gesellschaft entfaltet das Subjekt nur oder hindert es an seiner Entfaltung (z. B. durch Entfremdung). Dagegen ist die Argumentation Arendts zirkulär: indem sich die Intersubjektivität von Anfang an ausbildet, bildet sich das Subjekt; und je mehr, je differenzierter diese Intersubjektivität, desto differenzierter und reicher das Subjekt. (Aber natürlich ist auch das nicht so einfach: wenn die Macht nicht rein repressiv, sondern auch produktiv ist, nützt einem ein solcher Zirkelschluss wenig, um die Bedingungen der Intersubjektivität zu bestimmen: auch dann ersetzt man die produktive Seite der Macht, wenn auch wesentlich direkter, durch die Transzendenz eines Regelkreises. Eine schöne Analyse dazu findet sich bei Judith Butler: Psyche der Macht, S. 98-100)

Analyse und Sättigung

Natürlich wäre eine genauere Analyse wünschenswert. Rosenberg argumentiert klug. Vor allem argumentiert er zum Teil recht komplex, auch wenn seine Sprache zunächst einfach erscheint. Es ist leicht, über bestimmte Dinge hinwegzulesen, etwa die völlig andersartige Konzeption seines Machtbegriffs, der sich nur noch wenig mit dem Alltagsbegriff überschneidet. Dadurch verschieben sich aber auch alle anderen Begriffe, etwa das Urteil, der Dank, die Strafe. Oder auch der Begriff der Verlässlichkeit (oder Konsequenz): keineswegs aber ist dieser (um nur eine der vielen Fehllektüren zu nennen) der der Duldung (als einer Art des laissez faire). Eine genauere Analyse müsste also tiefer graben, um die Blindheiten der Gewaltfreien Kommunikation zutage zu bringen und die Texte Rosenbergs in einer Weise zu sättigen, dass diese nicht mehr funktionieren können.

05.07.2015

Zwischenbericht

Es ist glühend heiß. Ich kann mich kaum bewegen. Mittlerweile allerdings bezieht sich der Himmel, so dass es hoffentlich über Nacht nicht ganz so strapaziös wird wie letzte Nacht.

Morgen ist Klassenfahrt. Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe. Bis Mittwoch werde ich wahrscheinlich mit einem Krisenblick herumlaufen.
Jedenfalls habe ich einige spannende Sachen geplant. 

In den letzten Tagen habe ich noch weiter von Tomasello Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens gelesen. Das Buch ist ganz großartig. Ich werde es mir im Sommer gründlicher anschauen.
Ebenso bin ich (immer noch) am Lesen: Eberhard Stahl Dynamik in Gruppen. Mittlerweile lese ich allerdings nicht mehr richtig, sondern reflektiere das vergangene halbe Jahr anhand einiger weniger Vokabeln. Zentral sind mir gerade die Begriffe Arbeitsfähigkeit, symbolische Läsion und Praxis der Normalisierung. Mit der Arbeitsfähigkeit bin ich mittlerweile in einer umfassenden Diskussion angelangt, da ich Arbeit nicht mit dem Herstellen eines verwertbaren Produktes gleichsetze.

Ansonsten passiert gerade nicht viel. Ich arbeite viel, komme aber nur mäßig voran. Ich brauche viel Zeit, um all diese kleinen Arbeitsschritte gründlich zu durchdenken. Vorgestern habe ich über eine Arbeitsanweisung nachgedacht, die ich mal Mitte Mai gestellt habe. Es gibt doch mehr zu beachten, wenn man solche Sätze formuliert, als man zuallererst denkt.


29.06.2015

Schon wieder Göttingen

Ich soll ja nicht über meine Schüler schreiben. Aber mancher Schreibfehler ist einfach zu niedlich:
Aphrodite war eine der Göttingen, die den Trojanischen Krieg ausgelöst hat.
Das andere Göttingen findet ihr hier: Bad Nauheim.

28.06.2015

Verspäteter Schreibtipp

Es sollen ja, meinte ein Freund vorhin zu mir, keine sprachlichen Kunstwerke werden, als ich ihm mein Leid wegen der Zeugnisse klagte: ich bin mittlerweile beim dritten oder vierten Durchlesen und Überarbeiten.

Insgesamt bin ich ganz schön urlaubsreif.
Heute Nachmittag, als ich die warme Luft auf meinem Balkon genoss, erwischte ich mich dabei, wie ich mehrere Seiten aus Skulduggery Pleasant gelesen habe, ohne zu wissen, was ich überhaupt gelesen habe. Ich habe stattdessen über meine Schüler nachgedacht und den Text als Hintergrundrauschen genutzt.
Nicht ganz so gut.

Spannungsaufbau

Das ist eine schicke Geschichte: man schreibt etwas nicht ganz so Angenehmes (zum Beispiel Zeugnisse) und denkt an ganz andere Sachen (zum Beispiel Spannungsaufbau).

Hintergrund

Alte Blogeinträge

Vor vier Wochen habe ich endlich begonnen, was ich vor anderthalb Jahren schon einmal vorhatte: ich wollte meine ganzen Blogeinträge in meinen Zettelkasten eintragen. Oftmals habe ich doch wieder neu geschrieben, was ich schon einmal formuliert hatte, teilweise meine Blogeinträge auch verändert und erweitert, und gelegentlich, so merke ich, finden sich dabei ganz glückliche Formulierungen. Jedenfalls bin ich mittlerweile Winter 2007 angekommen.
Dies war die Zeit, in der ich mich sehr viel mit Spannungsaufbau beschäftigt habe; später habe ich dieses Thema beiseite gelegt, weil eine linguistische Beschreibung immer wieder an die Grenzen stößt, dass jeder Mensch Spannung ganz anders empfindet und so eine linguistische in eine psychologische Beschreibung übergehen. Mich selber als Protagonisten der Spannungsliteratur zu nehmen ist allerdings etwas gewagt, da ich doch einen recht kühlen Blick auf Unterhaltungsliteratur gewonnen habe.
(Trotzdem werde ich weiter unten einige Sachen dazu schreiben.)

City of Bones

Vor etwa zwei Monaten habe ich auf einem Wühltisch die Trilogie Chroniken der Unterwelt gefunden und gekauft. In den letzten Tagen habe ich es geschafft, die ersten 90 Seiten zu lesen. Die Spannung ist mäßig. Dabei ist die Geschichte eigentlich gut. Was mich an dem Roman stört, sind die vielen statischen Sätze, vor allem all die Beschreibungen, die einem Raum, einer Person oder einem Gegenstand einfach nur Eigenschaften zuschreiben.
Aktive Verben, darum geht es. Aber nicht nur: es geht auch darum, die Beschreibungen durch Verbalmetaphern zu dramatisieren (siehe dazu Metaphorik: Strategien der Verbildlichung).

Skulduggery Pleasant

Diese Bücher sind gerade bei uns in der Schule der Hit (neben Gregs Tagebuch und Warrior Cats). Das erste Buch habe ich mittlerweile ebenfalls bis auf Seite 90 gelesen. Dazu sind auch zahlreiche Notizen entstanden, wohl in der ersten Ferienwoche mal systematisieren und dann veröffentlichen werde. Was mich an diesem Buch stört, sind die zahlreichen Wortwiederholungen; nun sind Wortwiederholungen nicht an sich schlecht, wie dies häufig behauptet wird: gelegentlich sind sie sogar notwendig, um bestimmte Effekte zu erzeugen. Sie betonen bestimmte Zusammenhänge, rhythmisieren den Text, verlangsamen den Lesefluss und gehen gelegentlich mit dem Wechsel in eine auktoriale Erzählerperspektive einher, erzeugen also zugleich eine Distanz auf der Erzählebene und der Sprachebene (da die Wiederholung die Sprache, bzw. den Akt des Erzählens in den Vordergrund rückt).
Nun weiß ich nicht, ob dieses Buch einfach nur schlampig übersetzt worden ist, oder ob schon im Original mit den Wörtern zu einfallslos umgegangen worden ist. Für eine Analyse ist das allerdings nicht wichtig. Sie soll nur zeigen, was gut und was nicht so gut funktioniert, also Material dafür bieten, über das eigene Schreiben nachzudenken.

Empathie-Forschung

Überhaupt ist im Moment bei mir vieles im Fluss. Die Empathie-Forschung, die durch die Entdeckung der Spiegelneuronen in den Mittelpunkt zahlreicher Arbeiten gerückt ist, bewegt auch im Bereich der Narration und der narrativen Kompetenz eine ganze Menge. So sieht zum Beispiel Fritz Breithaupt die Empathie als eine Kompetenz an, die drei Personen (und nicht, wie man annehmen sollte, zwei) miteinander verbindet, wobei zwischen zwei Personen eine empathische Situation entsteht, während die dritte Person ausgewiesen wird: dazu gehört auch, zwischen zwei Personen, der einen Person, für die man empathisch ist, und der anderen Person, die man zurückweist, eine Art Konflikt herrscht. Die Lösung des Konflikts und der Beweis der Empathie wird dann über Mikroerzählungen geregelt.
Empathie ist, so könnte man sagen, eine Mischung aus Nachahmung, Problemlösen und symbolischer Repräsentation. Streng genommen ist Empathie damit eine völlig fiktive Angelegenheit. Pragmatisch gesehen sinniert sie aber trotzdem, obwohl sie unwahrscheinlich, ja sogar eigentlich unmöglich ist.
Auch dies müsste ich ausführlicher darstellen: das ist nicht nur für die Autoren interessant, sondern überhaupt für die ganze Gestaltung des Zusammenlebens.
Die Narration als Effekt grundlegender (also biologischer) Bedingungen des Menschseins ist die eine Sache. Eine ganz andere Herangehensweise bietet Tomasello in seinem Buch Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Dort bietet der Autor im fünften Kapitel (Sprachkonstruktionen und die Kognition von Ereignissen) eine schön lesbare, ganz wissenschaftliche Begründung dafür, warum wir Leser aktive Verben so gerne mögen.

Spannungsaufbau

Metonymien

Was Metonymien sind, habe ich mehrfach in meinem Blog erklärt. Wenn man zahlreiche Metonymien benutzt, entstehen Umschreibungen. Etwas wird nicht direkt benannt, sondern die Benennung dem Leser überlassen.
Man könnte also zum Beispiel einen Gegenstand, nehmen wir einen Blumenstrauß, durch seine Farben, durch die Formen, die einzelnen darin befindlichen Blumen, usw., umschreiben. Dies ist tatsächlich eine schöne Möglichkeit, um einen Gegenstand (meist einen zentralen, zum Beispiel in einem Konflikt wichtige Rolle spielt) in den Mittelpunkt zu rücken.

Off

Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, Metonymien einzusetzen. Und die ist zunächst nicht ganz so einsichtig. Man kann nämlich jede Beschreibung, jede Szene, jede Handlung ebenfalls als Metonymie verstehen. Jede gute, sinnliche Erzählung versteht den zentralen Konflikt als eine Komposition aus zahlreichen einzelnen Szenen. Diese Szenen sind gleichsam Metonymien des Konfliktes. Und ebenso werden die Charaktere einer Erzählung nicht direkt, also psychologisch beschrieben, sondern metonymisch durch ihre Handlungen und den Gegenständen, mit denen sie sich umgeben.
Dies nenne ich, angelehnt an einen Ausdruck aus der Kinotheorie, das Off. Das Off ist gerade nicht alles andere, was außerhalb eines Bildes liegt, sondern etwas Bestimmtes, was jederzeit in den Blick (der Kamera) rücken könnte, aber in den konkreten Bildern (noch) ausgespart wird.

Sinnliches Erzählen

Und hierin liegt ein weiterer Vorteil des sinnlichen Erzählens, oder, wie dies gerne auch genannt wird, im Show, don't tell! Indem sich die Szene auf konkrete Handlungen und konkrete Gegenstände konzentriert, hält sie den eigentlichen Konflikt, das große Ganze im Off, gleichsam am Rande der Aufmerksamkeit.
Die Kunst besteht nun darin, trotzdem solche Konflikte oder Bedrohungen zu schreiben, da sie ja nicht irgendwo anders, sondern jenseits des Randes der aktuellen Szene, aber eben doch dicht dabei, stattfinden müssen.

Zentrale Konflikte

Skulduggery Pleasant ebenso wie City of Bones schaffen gerade dies nicht. Teilweise verliert sich der Konflikt. Cassandra Clare bietet zu viele gleichberechtigte, aber ungelöste Konflikte an, so dass man extrem aufmerksam sein muss, welcher Konflikt nun angesprochen wird. Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts zu sagen; man braucht aber erfahrene und gute Leser, oder solche, die generell gerne dieses Genre lesen und so schlampig sind, dass ihnen eine leicht verworrene Erzählweise nichts ausmacht.
Derek Landy wiederum kann den zentralen Konflikt ebenfalls nicht deutlich herausarbeiten. Ganz anders als Rowling, bei der nach dem ersten Kapitel von Harry Potter der zentrale Konflikt benannt ist (Harry-Voldemort), ebenso wie ein zweiter wichtiger Konflikt (Harry-Dursleys), ist bei Skulduggery Pleasant auch nach 90 Seiten noch nicht deutlich, welcher zentrale Konflikt diesen Roman strukturieren wird. Nun ist die Geschichte schlicht genug, durch ihre skurrilen Einfälle und so insgesamt ganz angenehm zu lesen, wodurch die Leselust nicht sonderlich leidet. Aber hat man das Buch erst mal aus der Hand gelegt, fühlt man sich keineswegs dazu gedrängt, es weiterzulesen.

Erste Zusammenfassung

Für einen Spannungsaufbau ist es also wichtig, dass es einen zentralen Konflikt gibt, der gleich zu Beginn fest im Bewusstsein des Lesers verankert wird. Trotzdem darf dieser Konflikt nicht direkt benannt werden (und man lese dazu noch mal das erste Kapitel aus Harry Potter und der Stein der Weisen), sondern muss stark verdeutlicht werden, zum Beispiel, weil der Protagonist durch denselben Konflikt einen schweren Verlust (zum Beispiel die Eltern) erlitten hat.
Der Konflikt muss also im Off „anwesend“ sein; und für den Spannungsaufbau ist es günstig, wenn dies von Anfang an geschieht, zum Beispiel durch die Technik der dramatischen Ironie (vergleiche dazu: Simon Beckett: Leichenblässe. Perspektivwechsel). Durch diese kann man den Konflikt, in dem der Protagonist geraten wird, erzählen, dem Leser also einen Informationsvorsprung bieten, und trotzdem den Protagonisten zunächst von diesem Konflikt fernhalten.

Attributionen

Wenn man sich mit guten Erzählsätzen befasst, landet man ganz schnell bei Problemen der Grammatik und der Logik.
Kurz gefasst bieten gute Erzählsätze vor allem (aber nicht nur) akzidentelle Merkmale. Dazu muss man wissen, dass jeder Satz als eine Zuweisung von Merkmalen gelesen werden kann. Wissenschaftliche Sätze werden meist mit substantiellen Merkmalen und der Copula ›sein‹ gebildet: „Ein Wolf ist ein vierbeiniges Raubtier aus der Gattung der Hundeartigen, usw.“.
Erzählende Sätze dagegen kann man oftmals als veränderliche Kompositionen betrachten, wobei veränderlich heißt, dass man aus dem Satz schließen kann, dass es jetzt so ist, aber in Zukunft nicht so bleiben muss. Typischerweise gehören dazu auch solche Sätze: „Sie trug einen grünen Hut.“ Der grüne Hut gehört jetzt, aber nicht immer zu dieser Person. Er ist ein Merkmal der Umstände halber, also ein akzidentelles. Der Umstände halber betreten die Protagonisten bestimmte Räume, fahren bestimmte Autos, essen bestimmte Lebensmittel, und was auch immer. Der Umstände halber heißt also nicht, dass die Erzählung unkonkret werden müsste. Sie zeigt nur Satz für Satz, dass der Protagonist bestimmte Sachen dauerhaft bevorzugt und andere Sachen gerne rasch ändern möchte. Die bevorzugten Sachen können verloren gehen, und die ungewünschten Sachen können abgeschafft werden. Und dies kann natürlich nur möglich sein, wenn die Merkmale nicht zum Wesen einer Person, eines Gegenstandes oder eines Raumes gehören.

Aktive Verben

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Protagonist (manchmal auch mehrere). Eine der wichtigsten akzidentellen Merkmale eines Protagonisten sind seine Handlungen. Was auch immer der Protagonist und macht, es bleibt flüchtig, weil er später etwas anderes zu tun hat und weil er vorher etwas anderes getan hat. Trotzdem charakterisiert jede Handlung den Protagonisten und auch seinen Umgang mit dem Konflikt. Und vermutlich ist deshalb das aktive Verb, welches solche Handlungen ausdrückt, auch ein so starkes Mittel, um eine Geschichte spannend zu machen.

Nebenfiguren und Verbalmetaphern

Viele Erzählungen leiden daran, dass es nur einen zentralen Konflikt gibt und nur zwei Personen, die diesen austragen. Insbesondere bei unerfahrenen und schlechten Schriftstellern (wie zum Beispiel bei der frühen Nora Roberts oder dem späten Konsalik) gibt es so wenig Nebenfiguren, dass die Handlung automatisch auf den großen Konflikt zugespitzt werden muss. Das führt den Autoren allerdings vor ein riesiges Problem: die Figuren müssen handeln, ohne irgendetwas zu tun (zumindest, wenn das Buch 250 Seiten und mehr lang werden muss). Und sofern man nicht völlig einen an der Klatsche hat, wird man sich bei solchen Büchern doch eher veralbert fühlen.
Nun hatte ich zu den Nebenfiguren auch schon mehrfach etwas gesagt, was sich hier nicht wiederholen muss. Ganz interessant allerdings ist, dass in Erzählungen ein Phänomen auftaucht, welches durch metaphorisch genutzte Verben erzeugt wird. Viele metaphorisch genutzte Verben übertragen eine Handlung auf ein unbelebtes Ding, wurde ich dieses Ding selbst wie ein Akteur, die eine handelnde Person genutzt wird.
Ein Beispiel dafür ist:
Die Sonnenstrahlen durchfluteten das klare Wasser und färbten es azurblau.
Dieser Satz klingt beweglicher, aktiver, als folgender:
Das Wasser war azurblau.
Im ersten Satz werden die Sonnenstrahlen aktiv behandelt.
Dieser Effekt mag im Einzelnen minimal erscheinen. Im Ganzen aber dramatisiert er die Erzählung. Wer das nicht glaubt, der nehme sich wiederum eine Stelle aus den Harry Potter-Büchern oder von Stephen King vor, und ersetze alle Verbalmetaphern und damit alle erzählenden Sätze durch wissenschaftliche Sätze. Der Effekt wird rasch deutlich: das Erzählte wirkt hölzern und unlebendig.

Identifikation

Folgt man den jüngeren wissenschaftlichen Ergebnissen, dann besteht ein wichtiger Bestandteil des empathischen Verhaltens darin, dass Menschen die Möglichkeit sehen, genauso zu handeln wie ihr Gegenüber. Das bedeutet nicht, dass sie so handeln müssen, nur, dass sie sich vorstellen können, dasselbe zu tun. Dabei scheint es auch nicht ganz so genau zugehen zu müssen, ob dies physikalisch möglich ist. Wichtiger scheint dabei zu sein, dass eine Aktivität als Aktivität wahrgenommen oder nahegelegt wird.
Identifikationen sind also über nachvollziehbare Aktivitäten zu erreichen.
Verbalmetaphern scheinen hier, so seltsam dies klingen mag, solche Identifikationen zu stützen. Und natürlich wird man, wenn man gefragt wird, nie sagen, dass man sich mit einer Landschaft oder einem Gegenstand identifiziert (außer vielleicht in ganz seltenen Fällen). Und trotzdem ermöglicht die Sprache, dass wir auch Unbelebtes personifizieren, und dass wir darüber die Möglichkeit minimaler Identifikationen bieten.

Zusammenfassung

Genauso wie ich betont auch mein Kollege Johannes Flörsch in seinem Blog wortport.de die Wichtigkeit aktiver Verben. Und natürlich sind wir nicht die ersten. Diese Empfehlung lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zu Lessing zurückverfolgen. Im Gegensatz zu Johannes, der sich auf sein gutes Gespür verlässt, mag ich es gerne gründlicher, wissenschaftlicher, anthropologischer. Gelegentlich macht dies meinen Blog mühsam zu lesen; obwohl ich gerade hier, in diesem Artikel, recht oberflächlich argumentiert habe, betrachtet man die eigentliche wissenschaftliche Literatur. Trotzdem sollte deutlich geworden sein, dass das aktive Verb nicht nur einem Zeitgeist angehört, der alles besonders dramatisch und handlungsorientiert haben möchte, sondern zu einer Grundausstattung des Menschen gehört, die wirksam ist, bevor er überhaupt sprechen kann. Und das es bis in die feineren und komplexeren Techniken von Schriftstellern hineinwirkt.
Wer das ganze besser ausgearbeitet haben möchte, muss wohl bis zu den Sommerferien warten, wo ich hoffentlich mehr Zeit finden werde, um dazu zu schreiben.
Oder er greife selbst zu folgenden Büchern:

09.06.2015

Was der Zettelkasten noch erzählt

Angeblich hat Niklas Luhmann seine Bücher gar nicht selbst geschrieben, sondern sein Zettelkasten. Er habe diesen nur hinreichend gefüttert, so dass dieser so komplex geworden ist, dass er scheinbar einen eigenen Geist entwickelt habe.
So weit bin ich mit meinem Zettelkasten noch nicht. Trotzdem kann er einiges über mich erzählen. 

Literatur

Das Buch, welches ich am häufigsten zitiert und kommentiert habe, ist Soziale Systeme von Niklas Luhmann. Das ist insofern verwunderlich, als ich seit über fünf Jahren nicht mehr hineingeschaut habe. Freilich bleibt Luhmann für mich ein wichtiger Horizont.
Ein zweites Buch, welches ich mit zahllosen Kommentaren bedacht habe, ist die Einführung in Wittgenstein von Joachim Schulte. Diese habe ich bis in den letzten Herbst hinein gelesen, wobei ich ungefähr Anfang des Jahres begonnen habe. Dass dieses doch sehr schmale Werk für mich so wichtig geworden ist, lag wohl an meinen Lebensumständen: über längere Zeit kriselte es schon in meiner Gedankenwelt. Schuld daran hatte wohl vor allem Immanuel Kant und meine recht umfangreiche Kommentierung der Kritik der Urteilskraft. Insbesondere hat mich dort die Trennung von Begriffen und Ideen, bzw. Verstandesbegriffen und Vernunftbegriffen, recht ratlos zurückgelassen. Seitdem habe ich, vor allem auch bei Hannah Arendt, dieser Trennung zu folgen versucht.
Erst das dritte Buch bezieht sich dann vor allem auf meinen Beruf: es ist das Lehrwerk Psychologie von Gerrig und Zimbardo. Danach folgt eine Einführung in das Werk von Hannah Arendt, geschrieben von Thomas Wild. Dieses Buch habe ich eigentlich nicht ausführlich kommentiert; aber zahlreiche Passagen, die ich bei Hannah Arendt selbst dann durchgearbeitet habe, sind hier versammelt. Hätte ich diese getrennt, wäre Zahl der Kommentare wesentlich geringer gewesen.
Erst auf der neunten Stelle kommt ein fiktives Werk: Homo Faber von Max Frisch. Knapp dahinter folgt dann Harry Potter und der Stein der Weisen. Und noch etwas weiter unten Es von Stephen King.

Verfälschend allerdings ist, dass ich zahlreiche Werke noch gar nicht in meinem Zettelkasten habe, sondern noch auf OneNote. Vieles von Kant gehört dazu, aber auch Kassandra von Christa Wolf, Haruki Murakami, Annette von Droste Hülshoff und Ernest Hemingway.
Fasst man die dicht beieinander liegenden Gedichte von Goethe, Brecht und Ausländer zusammen, ergeben diese mit Sicherheit auch eine recht ordentliche Summe.

Andererseits gibt es auch Werke, die ich bisher noch kaum mit schriftlichen Anmerkungen versehen habe. So finden sich gleich zu Beginn zahlreiche Aufsätze von Adorno, Barthes und Benjamin, aber auch zum Beispiel Sartre und die Philosophische Grammatik von Ludwig Wittgenstein. Letzteres wundert mich tatsächlich, da ich dieses Buch recht ausführlich gelesen habe; allerdings habe ich mir nicht so viele Notizen dazu gemacht, und, wie ich gerade feststelle, stehen diese Notizen weitestgehend auch noch OneNote selbst.

Schlagwörter

Fast alle häufig benutzten Wörter für die Verschlagwortung entstammen der Literaturwissenschaft, der Rhetorik oder dem Bereich des kreativen Schreibens. Die ersten zehn lauten:
Metapher, narratives Rätsel, Konnotation, Kreativität, Begriffsbildung, Aufmerksamkeit, Metakognition, Sprachspiel, semantische Opposition, Wortgebrauch.
Das erste Wort, welches deutlich nicht mit Sprach- oder Literaturwissenschaft zusammenhängt, ist das Wort Winnenden. Doch auch das scheint nur so, denn damals habe ich zahlreiche Artikel, die sich zu diesem Ereignis geäußert haben, zudem auch viele Leserbriefe und Internetforen, durchgearbeitet. Es ist also nicht verwunderlich, dass dieses Wort eine so prominente Stelle bekommt; und da ich hier tatsächlich die ganze Rhetorik aufgerollt habe, ist es dann doch kein aus einem ganz anderen Bereich stammendes Wort. Schätzungsweise ist tatsächlich das allererste Wort, welches wirklich nicht mehr auf ein sprachliches Phänomen hinweist, das Wort ADHS.

Jedenfalls habe ich jetzt vor, zumindest all die Bücher, die ich selbst besitze und die bisher nur mit einem Stichwort bedacht worden sind, „anzureichern“: ich werde sie weiter kommentieren und dann in den Zettelkasten übertragen, so dass hier auf den unteren Rängen nur die Bücher übrig bleiben, für meine Kunden gelesen habe, mir selbst aber wenig bedeutet haben.

Swen - ein Held der operativen Logik (die natürlich sinnlos ist)

Ich liebe mich selbst, und das durchaus unpathetisch. Wie es sich für einen vernünftigen Menschen gehört. Grippe, Rückenschmerzen und zum Teil bohrende Kopfschmerzen (aber warum eigentlich? gerade im Moment klärt sich für mich so vieles: gelegentlich habe ich einen Hang zum Psychosomatischen, aber das kann es diesmal doch wohl nicht sein); diese elendigliche Dreifaltigkeit hat mich heute ans Bett gefesselt. Mein Arzt dagegen war zufrieden mit meinem Gesundheitszustand und hat mir gleich noch eine Tetanus-Impfung angedeihen lassen.
Die nette Krankenschwester, mit der ich sonst gerne herumflachse, hat mir jedenfalls gut getan. Danach bin ich recht fröhlich nach Hause marschiert.

Gehirngerechtes Lernen

Und weil ich am Donnerstag eine Fortbildung im gehirngerechten Lernen habe; und weil ich dieses Wort so scheußlich finde, weil es daher stolziert wie ein Mister Oberwichtig, wollte ich natürlich vorbereitet sein. Gelegentlich bringe ich Dozenten zum Weinen.
Gegen diese Vokabel, also gegen das gehirngerechte Lernen, habe ich nichts anderes einzuwenden, als dass diese völlig aufgebläht und damit natürlich ideologisch und deshalb falsch ist. Die Methoden jedoch sind teilweise hervorragend. Warum? Weil sie dem „Original“ das tun, was ich Transmedialisieren nenne: Sie übersetzen den Inhalt in ein anderes Medium. Damit erzeugen sie Abweichungen. Sinn, so werde ich nicht müde Niklas Luhmann zu zitieren, entsteht durch Abweichung. Sinn ist ein Differenzbegriff (so sagt der postmoderne Logiker).
In der Theorie also hapert es, in der Praxis keineswegs.

Mein Ruf

Widerspenstig sei ich, irgendwie aber auch genial. Um einen ehemaligen Kollegen zu zitieren. 2007 habe ich es mir geleistet, mich auf einem Trainertreffen blicken zu lassen. Change Management war der Titel (oder so ähnlich; man verdrängt ja so einiges in seinem Leben). Damals habe ich mich unter anderem mit Edward deBono intensiver beschäftigt. Dieser hat nette, kleine Methoden geschaffen, die es durchaus in sich haben. Es sind, so interpretiere ich das, verkürzte Modelle, die ohne jegliches wissenschaftliches Brimborium auskommen, die also „sinnlos“ operativ arbeiten.
Am bekanntesten ist das PMI: nachdem man ein Kapitel gelesen hat, eine Vorlesung angehört hat, eine Unterrichtsstunde absolviert hat, legt man sich eine Tabelle an, in der die Wörter ›plus‹, ›minus‹ und ›interessant‹ stehen. Dann trägt man in diese Tabelle alles ein, was einem zu dieser Stunde einfällt, jeweils in die Spalte, die einem am Sinnvollsten erscheint. Macht man dies öfter, übernimmt man dieses Muster in sein Denken und vollzieht es automatisch. Tatsächlich stellen wir beständig solche kleinen Denkmuster in unserem Leben selbst her. Es spricht also nichts dagegen, wenn wir dies methodisch und bewusst übernehmen.
Auf dem besagten Treffen jedenfalls habe ich mir den Spaß gemacht, innerhalb einer Dreiviertelstunde etwa 60 solcher Methoden, die ich mir selbst ausgedacht hatte, zu präsentieren. Selbstverständlich hat das die Zuhörer erschlagen. Das war ja auch meine Absicht. Aus (wahrscheinlich völlig) irrationalen Gründen machen mich Trainer aggressiv. 

SWEN

Dies ist eine der Methoden. S steht für Situation, W für Werte, E für Emotionen und N für Normen. Diese Methode dient dazu, die positivierenden und ausschließenden Mechanismen in einer bestimmten Situation zu verdeutlichen. Dabei habe ich recht präzise Begriffe zu Werten und Normen. Ein Wert versprachlicht ein bestimmtes Verhalten als positiv, besonders förderlich, besonders wertvoll. Eine Norm dagegen setzt eine Grenze, deren Übertretung besonders beachtet wird, vor allem im Hinblick auf das förderliche Verhalten. Emotionen schließlich strukturieren Entscheidungen. In gewisser Weise vermitteln sie also zwischen Werten und Normen.
Damit ist dieses kleine Instrument für tagtägliche Erlebnisse im Berufs- und Familienleben nützlich.
Ich habe den Abend damit verbracht, das letzte halbe Jahr, gelegentlich aber auch ältere Erfahrungen, zu reflektieren.
Diese Methode hat mir erste Stichworte und Einteilungen geliefert, um von dort aus zu schreiben.

Erfahrungswissenschaft

Gerhard Roth beklagt in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit, dass das gehirngerechte Lernen eine Modevokabel sei. Dem stimme ich zunächst zu. Weiterhin beobachtet er richtig, dass in der Coaching-Literatur so voneinander abgeschrieben wird, dass die wirklichen neurophysiologischen Forschungen aus dem Blick geraten. Allerdings weist dies darauf hin, dass der Anspruch der Coaching-Literatur in einem ganz anderen Bereich liegt. Roth beklagt die zirkuläre Argumentation; dies weist aber darauf hin, dass das Coaching auf der Suche nach einer operativen Geschlossenheit ist, nicht nach einer wissenschaftlich relevanten Darstellung. Operative Geschlossenheit kann äußerst sinnvoll sein. Solange sich ein solches System noch nicht etabliert hat, sucht es sich häufig Dogmen aus, um darüber eine Einheit zu erzeugen, die es selbst noch nicht hat.
Solche Fixpunkte mag man als Dogmatismus tatsächlich beklagen. Sie dienen aber auch als Ausgangspunkte für weiteres Denken; da jegliches Denken sich auf solche Ausgangspunkte stützt, sind sie nur dann schlecht, wenn hier ein gewisser Dogmatismus ins Spiel kommt. Der Weg jedenfalls führt über die Erfahrung. Und wie Immanuel Kant sehr richtig gesagt hat, ist Erfahrung immer Erfahrung mit Begriffen. Die Neurophysiologie, so schlecht sie rezipiert sein mag, liefert genau solche Begriffe.
Und das scheint der Grund zu sein, warum die aktuelle Coaching-Literatur sich so sehr auf das Gehirn stürzt. Nicht das Gehirn ist ihr wichtig, sondern die Erfahrung. Aber um solche Erfahrungen machen zu können, braucht es ein „dogmatisches“ Ausgangssystem, will (freundlicher gesprochen) sagen: eine Art geistige Heimat, ein geistiges Elternhaus.
DeBonos Methoden, ebenso wie meine, verdecken nicht die Absurdität solcher Werkzeuge, sondern betonen gerade das Sinnvolle an ihnen. Deshalb habe ich mir zum Beispiel überhaupt keine Gedanken gemacht, ob meine Werkzeuge nützlich sind; sie sind es, weil sie abweichen oder Abweichungen produzieren. Mehr braucht es nicht!

Nachtrag

Ich liebe also mich selbst, weil es so absurd ist, sich selbst zu lieben. Unter allen Zirkelschlüssen ist dies der Unsinnigste. Wer Ohren hat, der höre!

07.06.2015

Das wird ein arbeitsreicher Sommer!

Meine Klagen darüber, dass ich nicht zum Schreiben komme, müsst ihr nicht allzu ernst nehmen. Auch wenn mein Blog dieses Jahr wohl mit recht wenigen Artikeln auskommen muss: ich schreibe ziemlich viel, wobei das meiste für meinen Zettelkasten ist.
Drei Gründe habe ich, warum ich so wenig veröffentliche: es unterliegt dem Datenschutz (ich schreibe viel über meine Schüler), es ist zu persönlich (nach vielen Jahren eines stark an die Darstellung von Theorien und Modellen gebundenen Schreibens kehre ich zum Tagebuchschreiben zurück), es ist zu unfertig. Zu unfertig? Ich habe nichts dagegen, Fragmente zu veröffentlichen. Derzeit allerdings probiere ich so viel aus, denke ich in so viele verschiedene Richtungen, dass ich tatsächlich kaum zu „guten“ Argumentationslinien komme. 

Mein Zettelkasten

Ja, ich weiß: jener ominöse Zettelkasten. Auf dem Weg zur Klärung bestimmter Probleme, zum Beispiel dem Stundenbeginn, oder der Art und Weise der Benotung, arbeite ich mit dem, was ich in meinem Zettelkasten bereits niedergelegt habe. Ich kommentiere dazu alle Zettel, die ich zu einem bestimmten Thema finde, durch. Oftmals entstehen dazu mehrere Anmerkungen. Diese werde ich dann später als Folgezettel in den Zettelkasten einbringen.
Habe ich zum Beispiel einen Zettel zum Thema Symbole, und haben meine Schüler eine der beiden Wochenfragen zu Marc Chagall genommen, beides Aufgaben, bei denen die Symbole eine wichtige Rolle spielen, dann entstehen zu jedem Schüler Anmerkungen, meist nur eine, gelegentlich aber auch mehrere. Gerade zu diesem Thema habe ich sogar recht umfangreich geschrieben. Alle Schüler, die diese Aufgabe genommen haben, sind Schüler der vierten und fünften Klasse. Die meisten schreiben allerdings über die Anforderungen ihres Jahrgangs hinaus. Trotzdem habe ich den Begriff des Symbols nie eingeführt. Einige der Schüler kennen ihn allerdings aus dem Religionsunterricht.
Für mich stellt sich hier also die Frage, woher die teilweise sehr präzisen Aussagen kommen und wie ich mit diesen umzugehen habe. 

Ergänzen

Gelegentlich versuche ich die losen Fäden in meinem Zettelkasten zu ergänzen. Zu vielen Texten Adornos, vor allem zu denen, die ich vor etwa vier Jahren gekauft habe (damals hatte ich eine längere Phase, in der ich wieder Adorno viel gelesen habe), existieren nur ganz wenige, manchmal nur ein einziger Eintrag. Diese Texte habe ich begonnen vollständiger durchzukommentieren. Weit bin ich noch nicht gediehen: gerade mal einen Aufsatz, und noch nicht mal einen langen, habe ich zur Hälfte fertig.
Spannend ist zumindest, dass sich von hier aus im Zettelkasten von Daniel Lüdecke Querverweise über die Stichwörter ergeben. Zu diesen gelangt man, wenn man ganz rechts im Zettelkasten auf den Reiter ›Verweise‹ klickt. Von dort aus kann man dann die korrespondierenden Zettel anwählen.
Ein solches Adorno-Zitat hat bei mir zum Beispiel die Schlagwörter ›Aufmerksamkeit‹, ›Denken, divergentes‹, ›Empfindung‹, ›Empfindungsvermögen‹, und einige andere mehr. Bei den Verweisen ich dann Zettel, die ebenfalls dieses Schlagwort beinhalten, so unter anderem meine zahlreichen Notizen zu dem Empfindungsvermögen bei Immanuel Kant, aber auch alle meine Kommentare zum divergenten Denken (also vieles zur Kreativität, zur Intention oder zu der von Edward deBono sogenannten Technik des lateralen Denkens) oder, was in diesem Fall sogar wirklich spannend ist, alle meine Anmerkungen zum Gebrauch des Rätsels im Krimi.
Wenn man also einen spannenden Zettel findet, dann kann man diesen sofort mit weiteren Gedanken anreichern, indem man über die Liste der Verweise korrespondierende Stellen aufsucht. Manche ergänzen, manche widersprechen.
Auch hier habe ich gerade erst begonnen, meine derzeitige Arbeit genauer zu betrachten. Meine Ziele sind eigentlich recht einfach: mir meine Arbeit gedanklich so aufzubereiten, dass ich sie leicht überschauen kann. Derzeit vieles noch aufschreiben und durchplanen, was sich eigentlich ohne großen Aufwand tun ließe. Vermutlich stelle ich mir hier mit meinem Zwang zur Perfektion selbst ein Bein; auf der anderen Seite habe ich überhaupt kein Problem damit, mit dieser hohen Erwartungen zu setzen: zwar bin ich immer etwas langsam, aber dann auch umso besser. 

Gruppendynamik

Meine Klasse ist ein ganz schön wilder Haufen, mit vielen Individualisten. Das ist eine ziemliche Herausforderung, vor allem, wenn man diese als arbeitsfähige Gruppe braucht. Derzeit lese ich tatsächlich ein Buch wieder ganz gründlich. Dies ist ›Dynamik in Gruppen‹ von Eberhard Stahl, ein Buch, das ich vor über zehn Jahren schon einmal sehr genau durchgearbeitet habe.
Ich finde es äußerst anregend. Um Ideen zu produzieren, der sehr dicht an die Praxis gehalten sind, ist es hervorragend. 

Weitere Sachen

Eine andere Sache habe ich in diesem Sommer allerdings auch noch vor: angeregt durch einige Schüler habe ich mich zunächst mit der Programmiersprache Scratch beschäftigt. Für jemanden, der bereits mit Turbo-Pascal und Java gearbeitet hat, zehn Minuten zu verstehen. Sie ist tatsächlich für die Grundschule gut geeignet, auch, weil sie mit grafischen Blöcken arbeitet, die fast unmittelbar einsichtig sind. Die meisten meiner programmierenden Schüler sind aber mittlerweile bei Python oder Java Skript. Python hat es mir tatsächlich angetan, eine zwar recht reduzierte, aber doch schon sehr leistungsstarke Sprache ist. Ich habe ohne großen Aufwand einige Programme schreiben können, zum Schluss auch solche, die die Ein- und Ausgabe über ein Fenster geregelt haben, mit komplexeren grafischen Elementen und einer kleinen, selbst programmierten Bibliothek.
Mit Java hatte ich irgendwann hinreichend viele Probleme. Das Programm ist einfach zu mächtig, um sich nicht zu verlieren: ich habe einfach keinen roten Faden mehr gefunden, an dem ich mich entlanghangeln konnte, trotz einiger Erster Erfolge. Komplett gescheitert bin ich an einem einfachen Texteditor. So werde ich zunächst mit Python programmieren: besonders wichtig dabei ist die Entwicklung von Algorithmen. Hier sehe ich derzeit mein größtes Problem.
Jedenfalls habe ich Lust, nachdem ich innerhalb einer halben Stunde ein laufendes Sprite, eine kleine Datenbank und eine Internet-Abfrage programmiert habe, es jetzt noch einmal mit einem Zettelkasten für mich selbst zu versuchen. Der soll es mir dann irgendwann ermöglichen, mich wieder ganz auf Java einzulassen. Meine Kritik an dem Zettelkasten von Daniel Lüdecke betrifft einige, wenige Punkte: insbesondere möchte ich eine bessere Kompatibilität mit dem Spracherkennungsprogramm erreichen. Dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man mit einfachen Methoden die Eingabe von Schlagwörtern erleichtern kann: dies hatte ich sogar schon einmal in Java ausprobiert. Schließlich fände ich es ganz sinnvoll, wenn man mehrere Zettel, bzw. mehrere Fenster gleichzeitig öffnen könnte: auch das habe ich schon einmal in Java erstellt. Schließlich ist der Zettelkasten von Lüdecke nur auf eine bestimmte Art und Weise des wissenschaftlichen Arbeitens ausgelegt. Die Schreibtisch-Funktion ist großartig, aber keinesfalls für Essais oder gar fiktionales Schreiben gedacht. Da beides bei mir ineinander übergeht, muss ich mir wohl mein eigenes Schreibprogramm erstellen.

Und all die pädagogischen Themen

Was ich mir hier mittlerweile alles für Themen aufgeschrieben habe, reicht wohl für ein halbes Leben. Ich werde mir viele Gedanken zur Klassenlektüre machen müssen: vor allem die Differenzierung des sinnentnehmenden Lesens wird ein Schwerpunktthema sein. Dann muss ich mich noch einmal an die Begriffsbildung machen, die ich zwar von der Theorie her gut beherrsche, die ich aber bei einer so breit gefächerten Schülerschaft dringend neu überdenken muss: nicht der einzelne Schüler ist dabei so wichtig, sondern die gesamte Organisation. Eine andere zentrale Sache ist die Vermittlung von Argumentationstechniken. Dazu gibt es zwar einiges in den Büchern der Mittelstufe; aber wenn ich zum Beispiel an den Schüler denke, der bereits so hervorragend Symbole in seine Argumentation eingebunden hat, taugen selbst Bücher der Oberstufe nicht. Offensichtlich spart man die Techniken, die es in der Literaturwissenschaft gibt, in der Schule aus. Aber sie so zu vermitteln, wie dies zum Beispiel Lotman macht, kann natürlich auch nicht funktionieren. Also werde ich mir hier gründliche Gedanken zu didaktischen Reduktion machen müssen. Und das sind nur einige der Beispiele, die auf meiner Aufgabenliste stehen.
Wie gesagt: das wird ein arbeitsreicher Sommer!

17.05.2015

Narrative Intelligenz

Der Mensch, bzw. sein Selbst, so wusste mein guter Peter Fuchs zu sagen, konstituiert sich im Medium der Erzählungen. Ich wiederum bin den Zeichen, Metonymien und Rätseln gefolgt, dann der Argumentation, insbesondere den Enthymemen, die sich auf unvollständige und nicht überprüfbare Voraussetzungen stützen. Schließlich ist im letzten Jahr der Begriff der Hegemonie für mich wichtig geworden und, dank E., ein zweites Mal die Semiosphäre. 
Überblickt man diese Kette von Begriffen, dann bilden die kleinen, alltäglichen Erzählungen jenes unsichere Bündel von geteiltem Weltbewusstsein, in dem wir uns bewegen. Sie sind offen für Verdrehungen und Verstellungen, ja können gar nicht anders, da sie zugleich Abkürzungen durch eine von Sinnesreizen so reiche Welt bieten. In den Erzählungen bilden sich auch all die primitiven Begriffe, die wir zur Meisterung unseres alltäglichen Lebens brauchen; sie machen uns handlungsfähig. 

Narrative Intelligence Hypothesis

Die Evolution des Abwesenden

Fritz Breithaupt schreibt dazu:
Kerstin Dautenhahn hat unter dem Stichwort der »Narrative Intelligence Hypothesis« vorgeschlagen, die Fähigkeit zur Narration als entscheidende Errungenschaft anzusehen, die evolutionär mit der rapiden Steigerung sozialer Komplexität einherging ...
(123)
Diese These ist schon deshalb gut nachvollziehbar, weil die Fähigkeit, Zeichen nach Regeln zu verketten, bedeutet, Abwesendes aneinanderzufügen, also nicht die tatsächliche Handlung auszuführen, sondern "nur" eine symbolische. Dadurch besteht aber auch die Möglichkeit, eigentlich Unvereinbares nebeneinander bestehen zu lassen. Unsere Fähigkeit, uns neue Welten ausdenken zu können, ist wohl unbestritten, auch wenn dies erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts systematisch geschieht, nachdem das 18. Jahrhundert all die großen Spukgestalten der Menschheit als literarischen topos entdeckt hat.

Gedankenfügung, Weltkodierung

Narration mache die natürlichste und erfolgreichste Art und Weise der Gedankenfügung aus. Kleinkinder besitzen die Fähigkeit zur Narration vielleicht von Geburt an.
(123)
so Breithaupt weiter.
Auch dies ist leicht einzusehen, kann doch jeder Satz sowohl räumliche wie zeitliche Elemente zusammenfügen und wieder auseinandernehmen. Jedes Subjekt in einem Satz verweist bereits auf ein Bündel an Erfahrungen, die wir mit dieser Person oder diesem Gegenstand gemacht haben.
Sätze fügen die Welt zu Zeichen zusammen und ordnen, ja erschaffen die Welt zugleich damit in ihrer spezifischen Ordnung. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir uns die Welt aus einem reinen Nichts erschaffen, aber zumindest ist unsere Weltordnung Basis unserer Handlungsfähigkeit und über unsere Handlungsfähigkeit regeln wir die weitere Ordnung der Welt und unsere eigene Stellung in ihr. Insofern gilt die These des Konstruktivismus trotzdem: wir erschaffen uns unsere eigene Welt, allerdings mit sorgfältiger Beachtung dessen, wo sich ein Signal abschwächt oder in die Höhe schießt, ohne dass wir uns darauf einen Reim machen können. Was geschieht, ohne dass wir es erklären können, muss anderswo verursacht worden sein, also in der Welt.

Satzfügung

Unsere Fähigkeit zu sprechen hat uns auch die Möglichkeit gegeben, Welten miteinander zu teilen. Dabei sind die Zeichen nicht ausschlaggebend, zunächst nicht. Wichtig ist die Analogie zwischen Handlung und Sprache. Ein Wort wie »Elefant« sagt einem Säugling nichts. Dieser kann aber über Verweisen und dazugehörige Laute die Sprache entdecken. Ein »ee« kann dann als Ausdruck für eine leere Trinktasse ebenso dienen wie als Ausdruck, dass der Papa hinter einer Tür verschwunden ist.
Später werden Wörter als inhaltlich aufgefüllt vorausgesetzt. Hinter einer geordneten Lautfolge steht eine geordnete Vorstellung, mithin ein Begriff. So einfach ist dies allerdings nicht; denn häufig gehen wir mit halben, nicht wissenschaftlich geordneten Begriffen um. Sie sind, wenn man hier ein Bild von Kant nehmen möchte, noch nicht durch die öffentliche Diskussion hindurch gegangen. 
Um uns des aktuellen Gebrauchs von solchen vagen Begriffen zu versichern, sind Sätze notwendig, die den Kontext festlegen. Dabei kann man natürlich auch den anderen Wörtern eine solche Unklarheit vorwerfen. Aber anscheinend schaffen wir es, aus diesen verschiedenen Unklarheiten ein solches Wechselspiel herzustellen, dass schließlich eine Klarheit entsteht. Wechselseitige Limitation von Möglichkeiten, so nennt dies Luhmann.

Grammatik

Deshalb wird auch die Grammatik so wichtig. Die Grammatik hat, zugegebenermaßen, einen Zwangscharakter. Die Schüler mögen sie nicht. Es sind Regeln, deren Bedeutung man nicht einsehen mag. Einzusehen aber ist, dass Grammatik eben tatsächlich keine Bedeutung hat, außer eben die Bedeutung einzuschränken und nicht mehr jede Vorstellung zuzulassen, sondern nur noch gewisse. Der »Hund in der Badewanne« besitzt eine genaue Kraft der Evokation, lässt aber noch offen, ob dies mit oder ohne Schaumbad, tot oder lebendig, einen halben Tag oder nur zehn Minuten zu sein hat.
Anders gesagt dient Grammatik der Verfugung von Wörtern zu Sätzen und von Sätzen zu Textmustern und damit einer Temporalisierung des Abwesenden und Vorgestellten. Wer die Grammatik einer Sprache beherrscht, nimmt an ihrer Konstruktion von Welten teil.

Textmuster

Dass es Textmuster gibt, ist für manche Menschen immer noch überraschend, obwohl Literaturwissenschaft und Linguistik seit vielen Jahren damit umgehen. Schwieriger ist anzugeben, wie sich die Grundelemente von Textmustern zusammensetzen. Hier erscheint die Lage ähnlich kompliziert wie die der Rhetorik. In der Rhetorik finden sich zahlreiche Ebenen, auf denen rhetorische Figuren platziert werden können, von der lautlichen Ebene (wie zum Beispiel bei der Alliteration) bis hin zur intertextuellen Ebene (so bei der Parodie oder der Allusion).
Textmuster können nur dann Textmuster sein, wenn sie explizit oder implizit auf Regeln aufbauen. Hier genügt zum Beispiel nicht, dass die Schule zwischen einer Beschreibung und einer Schilderung oder zwischen einer Erzählung und einer Anekdote differenziert. Eine Erzählung von Franz Kafka beginnt ganz anders als eine von Thomas Mann. Ein Arthur Schnitzler ist kein Bertolt Brecht. Und auch die Erzählungen alltäglicher Leute lassen sich nicht einfach unter einen solch diffusen Begriff vereinen.
Worin besteht also die Einheit eines Textes? Der stärkste Kandidat dafür ist die Wiederholung, sei es durch die direkte Wiederholung (so hat jede Erzählung bestimmte Figuren, die immer wieder benannt werden), die verweisende (zum Beispiel durch Pronomen) oder die auf Attributionen beruhende (Mensch und Elefant gehören zu den Säugetieren; Pflug und Schwein gehören zum Bauernhof). Eine eigentliche Einheit des Textes gibt es nicht; doch der Text suggeriert bestimmte Einheiten und der lesende Mensch greift diese dankbar auf.
Dass dann die Wiederholung Regeln suggeriert, darf als Allgemeinplatz angefügt werden.

Narrative Intelligenz

Breithaupt zitiert dann Dautenhahn direkt:
»Narration könnte das ›natürliche‹ Format der Kodierung und Übertragung von sozial bedeutungsvoller Informationen sein (zum Beispiel von Gefühlen und Absichten und Gruppenmitgliedern)«.
(123)
Doch tatsächlich müsste man die Narration nicht als ein besonderes Vermögen beschreiben, sondern eher als ein Unvermögen, ein Wiederholungszwang, der sich einer gewissen Abwechslung und Austauschbarkeit erfreut; so dass man einen berühmten Buchtitel folgendermaßen abändern könnte: Die Geburt der Narration aus dem Geiste der Wiederholung.
Mit anderen Worten ist Narration das, was entsteht, wenn Menschen nach der Wiederholbarkeit von Ereignissen suchen und dabei neue Erlebnisse haben. Dann entsteht ein eigentümliches Gemisch aus Wiederholbarkeit und Neuheit. Und sofern wir dies dann symbolisieren, entsteht eine Erzählung.

Durchdachte Limitationen

Offensichtlich hat sich im siebten Jahrhundert vor Christus, mit den Vorsokratikern, eine kulturelle Wende angebahnt, deren Ende heute weniger denn je abzusehen ist. Dort ungefähr kann man den Übergang vom Mythos zur Philosophie bestimmen. Viel wichtiger jedoch ist, dass sich damit der Mensch von den Automatismen der mythischen Textmuster nach und nach befreit und sich durchdachte Begrenzungen einfallen lässt. So wird das Schreiben seit jeher reflektiert; und da jegliches Schreiben bedeutet, sich auf bestimmte Textmuster einzulassen, ist es immer Begrenzung und Selbstbegrenzung, niemals aber frei. Es gibt immer Vorschriften, wie man zu schreiben habe. Und insofern ist zum Beispiel die Wut, die manche Schriftsteller auf solche spezifischen Schreibaufgaben pflegen, keineswegs nachvollziehbar. Werden solche Schreibaufgaben nicht gemacht, geraten die Autoren in Gefahr, auf die unbewussten Muster zurückzugreifen und damit das Übliche zu schreiben, weil sich dieses Übliche aufdrängt.

Rhetorik

Emphase und Satzgefüge

Betrachtet man die Rhetorik, dann scheint diese durch Auffälligkeiten zu wirken. Der eine Autor betont den Wortbeginn und lässt Gott, Gold, Gondel im gleichen Gedicht auftauchen. Der andere Autor bedient sich gleichermaßen bei der griechischen Mythologie wie der aktuellen Politik, so dass sich Putin und Ares ebenso verschränken, wie Merkel und Hestia. Wer dies lesen kann, fühlt sich in eine gewisse Richtung gedrängt, und versucht, das einmal erkannte Prinzip auf den ganzen Text anzuwenden.
Dementsprechend scheint die Satzgrammatik wie ein Angelpunkt für verschiedene Ansätze zu sein, die auf ganz anderen Ebenen Wiederholungen herzustellen versuchen. Rhetorische Figuren bauen solche Emphasen jenseits der Satzgefüge auf und beharren damit auf einer individuelleren Weltkonstruktion.

idioms and phrases

Besonders bekommt man die Individualität rhetorischer Konstruktionen dann zu spüren, wenn man sich Idiome anderer Sprachen ansieht. "Cheese it!" ist eine umgangssprachliche Metapher, die mit "Mach die Fliege!" übersetzt wird. Beide Idiome dürften schwer zu übersetzen sein. Idiomen sind oftmals Wortschöpfungen, die zu Allgemeinplätzen geworden sind. Häufig sind diese unmittelbar eingängig, auch wenn man nicht aus der entsprechenden Kultur stammt; "it's raining cats and dogs" ist so einprägsam als Übertreibung, wie im Deutschen "es regnet Wasserfälle".
Trotzdem sind viele dieser Idiome für den Fremdsprachler neu und aufregend: "a fly in the ointment" für "ein Haar in der Suppe", oder "faire une frommage de qch." für "viel Lärm um etw. machen". Was in den Sprachen selbst als rhetorische Figur verblasst ist, ist in anderen Sprachen so neu, dass es unverständlich sein kann.

Zu viel Bewegung

Die Jugendsprache zeichnet sich gerne dadurch aus, dass sie sich mit neuen Wortschöpfungen oder dysgrammatischen Konstruktionen den Anschein von Neuheit gibt. Kommt in eine Sprache zu viel Bewegung, treten zu viele Missverständnisse zwischen den Sprechern auf: es entstehen Subkulturen. Dies ist kaum zu vermeiden, da die Basis des Sprechens immer noch auf den direkten Verweis gestützt ist. Um handeln zu können, muss man notfalls eben doch selbst zugreifen. Zugreifen kann nur, wer dicht daneben lebt, der Nachbar, der Kumpel. Subkulturen bilden sich ortsnah (obwohl sich dies in den Zeiten des Internets ändert: siehe die ganzen Diskussionsforen).
Trotzdem können sowohl die Jugendsprache, die Dichtung und die Sprache der Irren so befreiend sein wie Fremdsprachen. Plötzlich erscheint die Möglichkeit, die Welt auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen. Plötzlich bewegt sich der Alltag, eingefahrene Ordnungen geraten durcheinander und neue Ordnungen erscheinen am Horizont. Manches, was uns die verschiedenen Sprachgemeinschaften vorgelebt haben, ist in die Alltagssprache hineingewandert und dem allgemeinen Gebrauch zugänglich. So verschwinden Subkulturen dann auch wieder.

Glaubensüberzeugungen

Doch genauso hartnäckig werden bestimmte Verbindungen übersehen, bzw. bestimmte Abkürzungen, die eine Sprache genommen hat, weitergetragen. Es ist kaum auszurotten, dass Frauen emotionaler und damit empathischer seien; der Feminismus, der einst angetreten ist, um den Frauen Zugang zur Wissenschaft zu erleichtern, ist mittlerweile bei der Erkenntnis angekommen, dass Frauen mehr erkennen könnten, weil in unserer heutigen Gesellschaft vieles auf solchen emotionalen und sozialen Fähigkeiten aufbaue.
Was damit nicht verändert worden ist, ist der Glaube an ein privilegiertes Wissen. Und seltsamerweise wird damit die Naturwissenschaft, die einst für die Frauen zugänglich gemacht werden sollte, häufig unattraktiv. Diese bleiben wiederum Domänen der Männer, wenn sie auch jetzt in ganz andere Glaubensüberzeugungen eingepackt wird. Frauen sind weiterhin emotionaler, Männer verstehen weiterhin mehr von Technik; und genauso bleiben die Toiletten geschlechtsspezifisch getrennt.
Ein anderes Beispiel findet man in der Debatte der Inklusion. Behinderte Kinder müssen weiterhin besonders behandelt werden, auch wenn dies von der Annahme ausgeht, dass die einen Menschen wegen ihrer Behinderung weniger lernen können, andere Menschen dagegen lediglich Zeit und Interesse brauchen, um alles tun und lassen zu können. Ob diese Einteilung sinnvoll ist, wird zwar häufig debattiert. Im alltäglichen Gespräch bietet unsere Kultur allerdings so viele passende Wörter und semantische Oppositionen an, dass man fast automatisch wieder bei einem Diskurs der Normalität und Normalisierung landet.
Auch Inklusionsschulen legitimieren sich dadurch, dass sie bestimmte Menschen inkludieren, nämlich solche, die man vorher als Behinderte erkannt hat.

Hegemoniale Effekte

Institutionen

An Institutionen kann man wohl am besten sehen, wie sich bestimmte zentrale Funktionen und gesonderte Begrifflichkeiten in Subkulturen transformieren. Wenn die Schulbehörde durch ihre Amtsverordnungen und den Rahmenlehrplan ein Bündel von Begriffen schafft, heißt dies noch lange nicht, diese Begriffe genau so in einer Schule benutzt werden. Oftmals ist es ja so, dass auch solche Amtssprachen im Zustand der Vorbegriffe hängen bleiben. Sie schaffen sich einen künstlichen, nicht natürlich gewachsenen Alltag. Wie dieser dann individuell aufgefüllt wird, bleibt den Institutionen selbst überlassen. So findet man dann auch recht unterschiedliche Ausprägungen, wie Schulen die Inklusion zu verwirklichen gedenken.
Wichtig dabei ist allerdings, dass die Schulbehörde bestimmte Voraussetzungen schafft, die nicht weiter diskutiert werden können. In der je einzelnen Schule wird dann die konkrete Handhabung darauf abgestimmt; und auch hier bilden sich dann bestimmte Rituale und Praktiken aus, die fortwirken und nicht mehr hinterfragt werden können.

Am Rand des Schweigens

Aristoteles nannte die Abkürzungen von Argumentationen Enthymeme, etwas, was vor einigen Jahren in der Coaching-Szene unter dem Begriff „geheime Glaubensüberzeugungen“ Karriere machte. Solche Enthymeme lagern sich schweigend in eine Kultur ein und begrenzen die Möglichkeiten des Denkbaren.
Hegemonien entstehen dadurch, dass es einen mehr oder weniger personalisierten Führer gibt, der einer Gruppe, einer Gemeinschaft, gelegentlich auch einer ganzen Nation die Marschrichtung vorgibt (eine hübsche Metapher, wunderbar militaristisch). Anscheinend sind aber solche Führer dicht an dem gelagert, was sie auszuschließen gedenken, gleichsam nur durch eine Negation getrennt.

Alltagserzählungen

Alltagserzählungen bieten die Gelegenheit zu berichten, was in einer Gesellschaft funktioniert und was nicht. Sie zerstreuen durch Anekdoten den Blick auf die hegemonialen Effekte.
Zugleich aber offenbaren sie für den kritischen Geist auch wieder die Durchsicht auf diese Mauern des Schweigens. Wenn die Wiederholung, wie ich oben gesagt habe, tatsächlich die Erzählung konstituiert, dann konstituieren die spezifischen Wiederholungen innerhalb einer Kultur die spezifischen Erzählungen. Und da sich die Führung einer Kultur nicht ohne die Übernahme bestimmter Wiederholungen übernehmen lässt, führen sich hier die Führerpersönlichkeiten und die jeweilige Subkultur gegenseitig, oftmals im Unverstand.
Es lohnt sich also, den alltäglichen Textmustern zu lauschen, den Erzählungen von der kranken Mutter, den Bevorzugungen bestimmter Verhaltensweisen von Kindern als Thema zwischen Kollegen, und so weiter. So setzen sich, durch die Wiederholungen, auch die Dinge durch, über die man nicht spricht.

Die kritische Kultur

Besonders einprägsam ist dies beim Gegenbegriff zur automatisierten Wiederholung zu sehen, der Kritik. Schließlich ist die Kritische Schule so unkritisch geworden, dass sie die Kritik der kantschen Kritik an sich selbst wiederholt fand. Jede kritische Schule findet ihre blinden Flecken in den Methoden, die sie wiederholt und die sie verbreitet. Und jede Institutionalisierung der Kritik fördert solche Wiederholungen. Dies konnte man in den letzten 15 Jahren einprägsam bei der Kritischen Kriminologie als auch bei dem kritischen Potenzial des Feminismus sehen. In der Kritischen Kriminologie zitiert man oftmals nur noch sich selbst. Ähnlich, wie in der Coaching-Szene bestimmte Überzeugungen, oftmals auch Fehler, so weitergetragen werden, werden die Mythen der Kriminalisierung ohne Umschweife übernommen (ganz so wild allerdings ist es nicht: tatsächlich finden sich immer noch hervorragende Menschen, die die Struktur der eigenen Theorie reflektieren und ihre Begrenzungen verstehen).

Narrative Intelligenz

Ob es sich bei der narrativen Intelligenz um eine Intelligenz handelt, ist allerdings fraglich. Basiert die Narration tatsächlich auf der Fähigkeit, etwas zu wiederholen und vor allem automatisiert zu wiederholen, und ist Intelligenz vor allem daran zu messen, wie schnell etwas verstanden werden kann, dann ist die narrative Intelligenz die Fähigkeit, sich besonders rasch in eine Gemeinschaft zu integrieren, also auch in eine Gemeinschaft, die ihre blinden Flecken erzeugen muss, die ihre hegemonialen Effekte hat.
Dann aber handelt es sich bei der narrativen Intelligenz tatsächlich um die Fähigkeit, sich durch Wiederholungen zugleich auf die blinden Flecken einzulassen, mithin also eigentlich nicht um das, was wir als Intelligenz verstehen.

Kulturen in Bewegung

Auf dieser Aporie muss man sich dann wohl einlassen: handelt es sich bei der Fähigkeit zur Narration tatsächlich um eine Art Intelligenz, dann ist diese zugleich mit und gegen Kultur gerichtet, als ein stetiges Neu-aushandeln von dem, was verändert wird und was bleibt, wobei andere Kulturen gerade dadurch interessant werden, weil sie auf die Blindheit der eigenen Kultur hinweisen können. Kulturelle Kompetenz ist zugleich interkulturelle Kompetenz.
Kultur sei Mischung, so habe ich es einst in einem Interview gelesen. Mischung, fragte der Interviewende, wovon? Die Antwort war: Von Kultur. (Allerdings muss man hier auf die doppelte Bedeutung des Begriffes der Kultur hinweisen: auf der einen Seite betrifft die Kultur einen Sprachraum, auf der anderen Seite den einer Gemeinschaft. In der Gemeinschaft wird die Kultur im deutschen Sprachraum gerne auch als Subkultur bezeichnet. Und tatsächlich macht dies Sinn, denn in dem zitierten Interview scheint nichts anderes behauptet zu werden, als dass sich Subkulturen beständig mischen und neue Subkulturen bilden.)

12.05.2015

Formen der Aneignung: Band, Pendel, Kreis

In der Auseinandersetzung mit der Lernpsychologie bin ich (wieder einmal) am Systematisieren. Meine Vorliebe für Autoren wie Gaston Bachelard, Roland Barthes oder Hans Blumenberg dagegen führt mich immer wieder zu vergleichbaren Gegenständen, oder wie hier, zu analogen Formen der Mechanik. Auf dem Rückweg von der Arbeit hat mich nämlich folgendes Bild bedrängt. Es bildet zugleich den Ausgangspunkt für den Vergleich von drei sehr ähnlichen Lerntheorien. 

Das Pendel im Sand

Mein Onkel besitzt eine Art Meditationsspiel. Dieses besteht aus einer flachen Schüssel aus Sand, über die ein metallener Bogen gespannt ist. Im Zenit dieses Bogens befindet sich eine Schlaufe, in der ein Pendel hängt. Am unteren Teil des Pendels zieht ein Gewicht, welches nach oben hin kugelförmig, nach unten hin einen Zylinder bildet, und dessen Spitze in den Sand hineinragt. Durch Bewegung des Pendels zeichnet dieses dann regelmäßige Kreise, die zunehmend enger werden und dadurch eine kreisförmige oder elliptische Spirale hinterlassen. 

Piaget: das Band der Assoziation

Betrachtet man die primitive Auffassung, die in vielen Lernpsychologien von der Theorie Piagets gelehrt wird, dann ist die Verknüpfung zwischen dem Ankerpunkt und dem Pendel der Assoziation gleichzusetzen, die das Gehirn zwischen zwei verschiedenen Reizen zieht. Die Reize werden durch Wiederholung verknüpft und die Verknüpfung gefestigt. 

Leroi-Gourhan: das Pendel der Tätigkeit

Vorausgeschickt werden muss, dass die folgenden Passagen sich keineswegs nur auf den französischen Paläontologen Leroi-Gourhan beziehen. Seit ich diesen Mitte der neunziger Jahre kennengelernt habe, habe ich viele weitere Passagen entdeckt, in denen das Lernen als Pendel dargestellt wird. Insofern beansprucht dieser Autor nur eine subjektive Wichtigkeit.
Statt der Assoziation stellt Leroi-Gourhan die Tätigkeit in den Mittelpunkt, die zwischen einem menschlichen Bedürfnis und der kulturellen Umgebung hin- und herläuft. Dabei werden die durchlaufenden Tätigkeiten gefiltert, verkürzt und möglicherweise symbolisiert. Unschwer erkennt man hier die Bewegung der Pendelspitze im Sand in einer immer engeren, aber gleichförmigen Bewegung. Übrig bleibt allerdings der Rhythmus nicht zwischen Handeln und Denken, sondern der zwischen Verinnerlichung (Interiorisation) und Veräußerlichung (Exteriorisation), zwischen sich selbst und die Umwelt verändern.
Unschwer lässt sich auch erkennen, dass diese Art der Betrachtung die Wiederholung, die bei Piaget zu der Verknüpfung zwischen zwei Reizen führt, weiter auflöst und dabei das „kognitive Potenzial“ aus der Innerlichkeit des Menschen herausholt und es gleichsam dicht unter der Oberfläche lokalisiert. 

Schopenhauer: der ethologische Kreis

Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, diesen Austauschprozess als Kreis zu denken. Der Kreis oder Kreislauf, der die Grenze eines Systems überschreitet, um von dort aus wieder zurückzukehren, ist natürlich ein Ideal. Entfaltet man diesen Kreis zeitlich, entsteht eine Sinuskurve, die nichts anderes als ein Rhythmus ist, auf dem sich bestimmte Punkte wiederholen. So schematisiert umfasst der Kreis die beiden anderen Modelle.
Er bildet auf der einen Seite den grenzüberschreitenden Austausch ab, auf der anderen Seite erklärt er, warum bestimmte Phänomene des Lernens dem biologischen Gedächtnis zuzuschlagen sind, andere dem kulturellen Gedächtnis, und warum diese beiden ineinandergreifen, ohne sich ähnlich sein zu müssen. 

Das ist der Daumen

Nehmen wir zur Illustration das viel zitierte Beispiel vom daumenlutschenden Säugling.
Nach Piaget werden die taktilen Empfindungen des Daumens im Mund mit dem Wohlgefühl assoziiert. Folgt man dagegen Leroi-Gourhan, etabliert sich hier vor allem ein Rhythmus auf der Grundlage dieser Assoziation, die nach und nach zu einer Reinigung und/oder Ergänzung dieses rhythmischen Austausches führt. Schließlich wird daraus ein Kreislauf, der über die Haut und die Sinnesorgane hinweg einen Austausch und zugleich eine Ausformung und gegenseitige Ergänzung von biologischem und kulturellem Gedächtnis ermöglicht. Der Daumen ist insofern ein Stück „kulturellen“ Gedächtnisses, als er der psychischen Verarbeitung äußerlich ist, auch wenn er evolutionär dem menschlichen Gehirn vorausgeht. Zugleich zeigt dieses Beispiel, dass der Daumen als äußeres Gedächtnis und das Wohlgefühl als inneres keine Ähnlichkeit miteinander haben, sich aber trotzdem ergänzen. 

Einführung in die Metakognition

Immer wieder bastele ich an dem Begriff der Metakognition herum. Diese scheint die Funktionen des äußeren Gedächtnisses übernehmen zu wollen. Damit einher geht aber auch die Doppeldeutigkeit: auf der einen Seite schafft die Metakognition eine Unabhängigkeit, die zugleich Kontrolle bedeuten kann; auf der anderen Seite aber besteht die Gefahr darin, dass durch sie korrigierende Prozesse des Austausches mit der Umwelt verloren gehen und das System gleichsam ohne äußere Störung in sich leer läuft (schon Kant schrieb, dass das Tagebuchschreiben Grillenfängerei sei und ins Irrenhaus führe).
Insofern ist der Begriff der Metakognition durchaus widersprüchlich. Nimmt man zum Beispiel die ganzen Techniken der Dokumentation und der individuellen Erinnerungshilfen (wie zum Beispiel die Kalender, die fast jeder Mensch mittlerweile auf seinem Computer oder iPhone besitzt), dann ersetzen diese natürlich nicht die kulturelle Umwelt: Gerade diese nutzen sie ja. Doch unter dem Siegel der Privatheit oder des Datenschutzes werden hier kulturelle Prozesse unterbrochen. Das soziale Gedächtnis beruht zwar immer noch auf Artefakten und Symbolen, ist aber zugleich privat geworden, da es nur noch einem einzigen Menschen zugänglich ist.
Wenn die Metakognition allerdings zunächst Unabhängigkeit von bestimmten Kreisläufen zwischen Mensch und Umwelt bedeutet, dann ist die Möglichkeit, diese Unabhängigkeit von Anfang an zu erlangen, zugleich ein qualitativer Einschnitt in die Metakognition, die diese möglicherweise in etwas ganz anderes verwandelt (auch wenn ich nicht weiß, was).