21.03.2017

Kollektive Identität

Seit anderthalb Wochen "bastle" ich an der Analogie herum. Hintergrund ist dreierlei: (1) Ich habe mich längere Zeit mit der Analogie beschäftigt, deren grundlegende Erklärung allerdings auf einem Portal veröffentlicht, welches seit zwei Jahren offline ist. Deshalb erschien es mir sinnvoll, diesen Artikel herüberzuholen. (2) In den letzten Jahren habe ich mich, wenn auch nicht zentral darauf bezogen, mit der Analogiebildung beschäftigt. Dazu gehören solche Gebiete wie: Didaktik der Arithmetik und Geometrie, Programmieren, Modellieren. Dabei hat sich meine Sichtweise deutlich verschoben. Dem müsste ich sowieso Rechnung tragen. (3) Über das Programmieren und Wittgenstein bin ich in den letzten Wochen wieder sehr intensiv mit der Analogiebildung beschäftigt gewesen.
Hier sind nun einige Notizen, die eher in den Bereich der Wissenschafts- und Ideologiekritik gehören, zumindest Vorstudien zu einer solchen sein könnten.

Kollektive Identität als durch Analogie gewonnener Begriff

Straub nennt den Begriff der ›kollektiven Identität‹ eine analogisierende Übertragung, die er „alles andere als unproblematisch“ (83) bezeichnet. Später (96) kritisiert er, dass der Begriff des ›Kollektivs‹ und der ›kollektiven Identität‹ ähnlich oder identisch gebraucht werden.
Als weitere Problematisierung macht Straub geltend, dass kulturelle Praktiken an der personalen Identität mitwirken (97). Damit kann zweierlei gesagt werden: dass personale und kulturelle Identität sowieso nicht voneinander abgrenzbar sind; oder dass hier eine Verwechslung vorliegt, die Merkmale der personalen Identität, oder auch dessen Genese, mit denen der kulturellen Identität ungebührlich vermischt und gerade durch die Analogie nicht zu einem besseren Verständnis von kulturellen Identitäten kommt.
  • Straub, Jürgen: Personal und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. in Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurt am Main 1998, S. 73-104

Personale Identität

Aber die personale Identität kann aus vielerlei Aspekten bestehen; und der vielleicht schlechteste Aspekt ist der grammatische, also jenes ›Ich-Sagen‹.
Man kann die personale Identität auch darin suchen, wie sich die Kohärenz eines Weltbildes herausbildet, und dieser gegenüber dann auch die Kohärenz des Selbsts. (Aber eine solche Auffassung setzt natürlich voraus, dass das Selbst aus dem Weltbild abgeleitet wird.) — Und hier muss man dann auch verstehen, dass Kohärenz ebenfalls ein grammatisches Phänomen ist, allerdings ein ganz anderes, als an die Subjektstelle des Satzes ein ›Ich‹ zu setzen.

Nachahmung und Modell

Die Analogie ist eine Übertragung einer Struktur, nicht einer Ähnlichkeit.
Diese Behauptung kann man allerdings nicht ganz so einfach stehen lassen: wenn ich sage, dass sich die Beine eines Hundes zu dem Hund selbst wie die Räder eines Autos zu dem Auto verhalten, dann handelt es sich um eine Verbalmetapher, die durchaus eine gewisse „Ähnlichkeit“ impliziert. Es ist eben eine ähnliche Bewegung. Und ich kann die Ähnlichkeit dadurch deutlich machen, dass ich sage: Der Hund ist von Ort A zu Ort B mithilfe seiner Beine gelangt; und ebenso ist das Auto von Ort C zu Ort D mithilfe seiner Räder gefahren; beides war ein Ortswechsel, und wie die Qualität dieses Ortswechsels war, das ist an dieser Stelle nicht so interessant.
Und was ist daran anders, als wenn ich das Modell unseres Sonnensystems auf das Modell des Atoms übertrage, oder wenn ich den Uroboros auf den Benzolring anwende?
Denn offensichtlich sind sich die beiden Modelle jeweils immer ähnlich; und wie das Atom und der Benzolring aussehen, weiß ich immer noch nicht. Dazu fehlt mir die sinnliche Wahrnehmung des Originals.
Kann man dann überhaupt etwas aus dieser Analogie schließen? Nun, offensichtlich liegt ja ein Erklärungswert darin, und darauf kommt es wohl an.

Der Weg der Analogie

Was aber bedeutet nun ›übertragen‹? Denn dabei handelt es sich offenbar um eine Metapher, so als würde ich eine Wahrnehmung von einem Ort zu dem anderen transportieren (und meine Erinnerungen sind dabei das, was für den Hund die Beine sind).

Die Gleichheit fühlen

Kann man das vielleicht so sagen, dass man eine Gleichheit fühlt, z.B. zwischen einer Metapher und dem eigentlichen Wort? Und wer diese Metapher nicht versteht – und es gibt ja Menschen, die bestimmte Metapher nicht verstehen – ist in diesem Sinne eben gefühlsblind.
Aber was wäre das für eine Art von Fühlen? Und wäre dieses Fühlen er rezeptiv, eine Gleichheit erkennend, oder produktiv, eine Gleichheit herstellend? Gibt es eine ganze Menge Anfragen! – Warum z.B. hat man eine Gleichheit vorher nicht erkannt, und erkennt sie jetzt (wenn die Gleichheit als rezeptiv angenommen wird)? Oder was ist das für eine Gleichheit (zwischen zwei Elementen), wenn ich diese erst herstellen muss? Hier scheinen wir ganz viele Probleme in einem winzigen Stück Welt zusammengeballt zu liegen (die Metapher ist das Symbol für allerlei Sprach- und Verständnisprobleme).

19.03.2017

Guter Ratschlag zur politischen Situation

Statt sich in Bereichen mit verfallender Überzeugungskraft kontrafaktisch-normierend zu bewegen, dürfte es den Vorzug verdienen, die Differenz zu formulieren. Dies kann nicht mit einer bloßen Kritik der alteuropäischen Begriffsbildungen oder Analogieschlüsse geschehen. Das führt nur zur Abstraktion von Residuen der Tradition, die ihrerseits dann >nonkonformistisch< vertreten werden müssen. So endet man schließlich in einer fragwürdigen Polemik gegen >Konformismus< - nur um Konformität mit >Nonkonformismus< zu erwarten. In dieser Situation bietet sich der Versuch an, von hoffnungslosen zu unwahrscheinlichen Konzeptualisierungen überzugehen.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1988, S. 288
Hervorhebung von mir
Ich habe vorhin eine Liste mit Begriffen angelegt, die sich derzeit als Streitbegriffe renommieren. ›Konformistisch‹ war einer davon, und deshalb hier der hübsche Fund (der auch gegen Habermas gerichtet ist).
Allerdings funktioniert Luhmann's Idee nur, wenn sich die funktionale Differenzierung breitflächig durchsetzt. Im Moment erleben wir nicht nur eine Rückkehr alteuropäischer Semantiken (gemeint sind Begriffsbildungen der Aufklärung und der Renaissance), sondern gelegentlich sogar eine von mittelalterlichen (Patristik und Scholastik); aber es mutet seltsam an, wie sich diese Phänomene zwischen den ganz modernen, dem Internet und der Virtualisierung, ausnehmen.
Zwischendurch habe ich fleißig weiterprogrammiert; derzeit in der Anwendung von UML, ich sagte es bereits. Zudem habe ich einige weitere Befehle ausprobiert, aus der Basisbibliothek von Python.

Wollen

1.
Beim Willen kommt es auch darauf an, WAS ich will. Ich will meinen Arm heben: aber ich kann ihn heben und eben das ist zugleich das Wollen. Aber wenn mein Arm in Gips ist, kann ich ihn nicht heben, obwohl ich es will, weil es mich z.B. unter dem Arm juckt.
2.
Kann ich das sagen: Ich will, dass es mich unter meinem Arm nicht mehr juckt; auch wenn ich weiß, dass ich nichts tun kann.
Und was mache ich, wenn ich etwas Unmögliches will?
3.
Aber ist es nicht Voraussetzung für den Willen, dass man nichts tun kann? Man kann auch sagen: ich kann mir mein Tun nicht vorstellen. Und eben das verändere ich durch meinen Willen.
4.
Ich habe etwas gewollt und habe es erreicht. Nun ist mein Wille zu Ende.
5.
Ich will etwas, aber ich weiß nicht was. - Ist das ein Anfang des Wollens?
6.
Betrachte andere Sätze des Wollens:
Ich will, dass du ehrlich bist.
Ich will ins Kino gehen.
Ich will Programmierer werden.
Ich will ein Mond aus grünem Käse werden.
Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zustand oder eine Handlung will. Weil es einen Unterschied macht, ob man einen Zustand oder die Herstellung eines Zustands in den Blick nimmt.
7.
Das transzendente Objekt ist nur deshalb ein Punkt, weil ich es nie fassen kann. Der Punkt ist das Unfassbare.
8.
Das Wollen unterscheidet sich aber auch danach, ob es einen Widerstand gibt.
Ich habe den Arm gehoben, weil ich es wollte. (Und ich sagte nicht: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es wollte; genauso wenig wie: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es nicht wollte.)
Ich wollte den Arm heben, konnte es aber nicht. (Der Gips hinderte mich daran.)
Beide Male drücke ich eine Kausalität aus.
9.
Ich will, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Warum ist eine solche Aussage lächerlich? Nun, es gibt keinen Widerstand gegen die Aussage. Oder wenn es einen Widerstand gibt, dann nicht durch die Erde oder die Sonne (Galilei und die Kirche).
(Eine unkomplizierte Möglichkeit und eine unkomplizierte Unmöglichkeit sind dem Willen gleich.)
10.
Ich will, dass sich die Erde nicht mehr um die Sonne dreht.
Auch diese Aussage ist lächerlich. Aber warum ist sie lächerlich? Vielleicht, weil es nichts zu tun gibt. - Aber man kann es sich ja trotzdem vorstellen. Und wenn man versucht, die Welt entsprechend zu ändern, wird man eben scheitern.
11.
Sieh den Willen als das Experiment an, wie ich eine Kausalität in der Welt ändern kann. (Aber die Kausalität ist ein Produkt meiner Vorstellung.)
12.
Ich möchte erfahren, wie sich die Welt ändern lässt, und manche dieser Erfahrungen sind billig, andere unmöglich.
13.
Ich will mir ein Brot schmieren. - Warum sagst du das und tust es nicht einfach? Es hindert dich doch niemand.
14.
Im Willen erfahre ich die Hindernisse der Welt. Ich erfahre auch ihre je eigene Qualität und Intensität. - Hier ist die Erfahrung aber eine Begleiterscheinung meines willentlichen Tuns.

18.03.2017

eine Praxis erklären

Eine Praxis zu erklären heißt, zu erklären, wie sie notwendig mit ihren Effekten und Wirkungen verbunden ist. (Jede "Praxis" ist eine einzelne Situation. Es widerspricht der Handlung, zusammengefasst zu werden.)

17.03.2017

Große deutsche Lyrik; und wofür sich Türken schämen sollten

Es gibt sie noch, die große deutsche Lyrik. Thomas Gsella hat ein Gedicht auf den Jahrestag eines Schmähgedichts geschrieben. Das ist herrlich, zeugt von der Beherrschung der deutschen Sprache und trifft scharf.
Erdogan dagegen ruft zum Kinderkriegen auf. Und macht sich mit seiner Aussage
„Die türkische Justiz ist zweifellos gerechter, unabhängiger und unparteiischer als die deutsche Justiz.“
mal wieder völlig lächerlich. Zu den neuesten Entgleisungen Erdogans siehe Erdogan ruft Türken in Europa zum Kinderkriegen auf.
Wenn ich Türke wäre, würde ich mich für Erdogan aber sowas von schämen. Ich schäme mich ja selbst ein wenig für so viel Unsinn, obwohl ich dem Fremdschämen abgeschworen habe.
Übrigens habe ich gerade wieder auf Facebook einen solchen Selbstgerechten an der Backe; Erdogan ist entschieden kein türkisches Problem, und wer sich nicht als Autokrat im großen Stil etablieren kann, tut es eben im kleinen.

Dem darf ich noch einen kurzen, persönlichen Lagebericht hinzufügen:
Wittgenstein weiterkommentiert, wie immer mit allerlei Nebenliteratur im Schlepptau
den Winter über habe ich mich in UML eingearbeitet und viel zu wenig programmiert: gerade sitze ich an einem umfangreicheren Grafikprogramm; und verstehe UML erst jetzt so richtig, bzw. lerne gerade die gute Anwendung (für Neulinge: UML ist eine Sammlung von Methoden, um sich das Programmieren komplexer Anwendungen übersichtlich zu machen)
Politik nervt; aber politische Philosophie ist klasse (lese, kommentiere recht viel Habermas: der ist mir weiterhin suspekt - ich hatte mich einst, vor mittlerweile 25 Jahren, für Niklas Luhmann entschieden; und so sehr ich auch Habermas' Kleine politische Schriften anregend finde, so sehr bleibt mir seine Art von Hintergrund unter Dogmatismusverdacht, will sagen, dass ich mit meinem Luhmann immer noch sehr glücklich bin)

15.03.2017

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft zeichnet sich wohl vor allem durch eine Eigenschaft aus: sie ist zu langsam.
Ich lese weiter meinen Wittgenstein. Dazu entstehen, manchmal wie im Flug, manchmal wie im Fieber, Notizen. Schon lange hatte ich nicht mehr eine so produktive Phase; Cavell, dessen Buch Der Anspruch der Vernunft vielleicht nicht die originellste Auslegung der Spätphilosophie Wittgensteins ist, aber eine sehr schöne und anregungsreiche, hat daran seinen Anteil. Dass ich darin im Moment noch keine Ordnung sehe, kommt mir allerdings nicht ganz so schlimm vor. Weiterhin schreibe ich neben den Fragmenten und Kommentaren kurze, meist ebenfalls fragmentarische Artikel, mal zur Mimesis bei Benjamin, mal zur hate speech bei Butler, mal zur Geometriedidaktik und mal zum Umgang mit Schülerfehlern, mal zu den Äußerungen Höckes und mal zu denen eines Erdogan (bzw. der Journalisten, die darüber berichten). (Es geht also "quer durchs Gemüse".)
Cavell schreibt also z.B.:
Die innere Despotie der Konvention besteht darin, dass nur, wer ihr Diener ist, wissen kann, wie sie sich zum Besseren verändern lässt, oder weiß, warum sie abgeschafft werden soll. Allein die Meister eines Spiels, nur diejenigen, die dem Projekt vollkommen dienen, sind in der Position, Konventionen aufzustellen, die dessen Wesen mehr entgegenkommen. Aus diesem Grund können tiefe revolutionäre Veränderungen dem Versuch entspringen, ein Projekt zu bewahren, es auf seine Idee zurückzuführen, die Verbindung zu seiner Geschichte nicht zu kappen.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Berlin 2016, S. 218

09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.

07.03.2017

Gleiches wird mit Gleichem geheilt

James' Zustand verschlechtert sich, tiefe Depressionen führen ihn bis zu Selbstmordabsichten. In dieser Zeit wendet er sich der Philosophie zu, liest Hegel und andere deutsche Klassiker.
Diaz-Bone, Rainer/Schubert, Klaus: William James zur Einführung. Hamburg 1996, S. 21

05.03.2017

Politische Demarkationslinien, und was sonst noch so los ist

Dass Yücel festgenommen wurde, ist schlimm; aber anderes war eigentlich auch nicht zu erwarten. Man muss Yücel nicht leiden können. Allzuoft scheint er sich auf seine patriarchalen Gesten zu verlassen. Nur kann ein Unrecht nicht durch ein anderes Unrecht aufgewogen werden. Erdogans Behauptungen sind, gerade vor dem Verdacht, deutsch-türkische Imame hätten muslimische Deutsche ausspioniert, mehr als nur steil. Dass er, Erdogan, die fehlende deutsche Meinungsfreiheit beklagt, macht ihn vollends zum Kasper.
Volksverhetzung ist ein Straftatbestand in Deutschland. Welches Volk dort nicht verhetzt werden soll, steht nicht im Gesetzbuch. Wir müssen jedenfalls nicht hinnehmen, dass ein ganzes Volk in Zensur genommen wird, auch wenn dies bei vielen freiwillig geschehen sein mag, und auch, wenn dies nicht das deutsche Volk ist. Die neue Form des türkischen Präsidialamtes hebelt viele demokratische Selbstverständlichkeiten aus. Dem darf auf deutschem Boden nicht stattgegeben werden.

Alexander Grau hingegen fragt, ob man genauso empört reagiert hätte, wenn ein Akif Pirinçci in Untersuchungshaft gekommen wäre. Keine Ahnung, möchte ich sagen. Akif Pirinçci sitzt nicht in Untersuchungshaft. Das eben ist der Unterschied. Warum ins Blaue und Graue spekulieren?

Ich benutze das Wort Meinungsfreiheit nicht mehr, oder nur noch ganz selten. Ich frage, woher eine Tatsache stammt; ob der Redner die Quelle kennt, ob er zwischen Tatsache und Meinung trennen kann; oder ich frage ihn, was er will, warum er genau die Lage so beurteilt.
Meinungsfreiheit ist ein Rechtsgut an sich; aber philosophisch gesehen sind ihr weit engere Grenzen gesteckt. Sie ist voraussetzungsreich und funktional. Voraussetzungsreich ist sie, weil der Meinungshabende eine (Selbst-)Informationspflicht besitzt, die eben darin besteht, möglichst vielfältige verfügbare Tatsachen zu sammeln. Diese sollte er dann auch, mit Quellenangabe, ausweisen können. Funktional ist die Meinungsfreiheit, weil sie nicht in einer Art Selbstbehauptung (d. i. Rechthaberei) besteht, sondern in eine Diskussion von Begriffen münden muss. - All dies wird nicht beachtet. Die wahrlich feine Grenzlinie zwischen Beleidigung und Argumentation ist aber auch ein allzu akademisches Thema, nicht wahr?
Es mag sein, dass unsere Verfassung den weiteren Begriff der Meinungsfreiheit schützt. Jeder halbwegs gebildete Mensch sollte aber soviel Stolz besitzen, dass er dem philosophischen, engeren nach bestem Wissen und Gewissen folgt.
Meinungsfreiheit ist kein geschwätziger Aktionismus, sondern ein strenge, sittliche Haltung.

Was mache ich sonst?
Lesen, na klar: im Moment sind es vier Artikel über Wittgenstein, zwei zur Willensbildung, zwei zum Begriff der Seele. Alle vier sind so unterschiedlich, wie es nur sein kann. Zudem liegen die Bände 1 (Tractatus, PU, ...) und 8 (Gewissheit, Zettel, ...) beständig neben mir. Ich knüpfe bei meinen Kommentaren und Weiterentwicklungen immer wieder an andere Themen an (Leseunterricht, Geometrieunterricht, dialektische Hermeneutik (Sartre), Passagen-Werk (Benjamin)). Nichts davon ist vollendet; vieles im Umbau begriffen.
Veröffentlichen? Eher nicht, oder noch nicht. Im Moment suche ich nach einem neuen Zusammenhang. Der aber wird sich nicht direkt in einzelnen Betrachtungen ausdrücken. Fest steht nur, dass ich mich von den großen Begriffen - wie eben der Meinungsfreiheit - weiter distanzieren möchte. Präzision statt Pathos, so gut es eben geht.

Lest mehr Kant! Und mehr Wittgenstein!

Kitsch, zweite Lieferung

Alexander Grau ächtet den Kitsch; doch kassiert sich seine Polemik selbst, spätestens dort, wo er den moralischen Kitsch in der Geste der Empörung findet. Graus Kolumne im Cicero ist selbst auf Dauerempörung frisiert.
Vor allem bleibt Grau hinter dem hohen Niveau der Analysen zurück, die die ästhetische Theorie für den Kitsch erarbeitet hat. Die Ästhetik ist dabei nicht, wie der philosophisch unerfahrene Leser meint, die Lehre von dem Schönen und unabhängig vom gesellschaftlichen Zustand. Triftig, wenn auch nicht unangefochten, bleibt Wittgensteins Satz: Ästhetik und Ethik sind eins (Tractatus 6.421): und so mag der aktuelle Zustand der Ethik (die Moral) den aktuellen Zustand der Ästhetik (das Gefällige) mitbestimmen. So wenig man aber Wittgenstein in Gänze zustimmen kann, so befremdlich ist die vollständige Trennung bei Grau in einen ästhetischen und einen moralischen Kitsch. Kitsch war und bleibt Index einer Weltflucht und damit Politik eines unpolitischen Verhaltens.
Wo schließlich Grau die Objekte des Kitsches aufzählt: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gleichheit, klingt er trotz seines zur Schau getragenen Konservatismus wie der marxistisch-revolutionäre Marcuse:
Das gängige … Vokabular der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit konnte auf diese Weise nur einen neuen Sinn, sondern auch eine neue Wirklichkeit erlangen …
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass subkulturelle Gruppen ihre eigene Sprache entwickeln, indem sie die harmlosen Ausdrücke der Alltagskommunikation aus ihrem Kontext lösen und sie zur Bezeichnung von Objekten oder Tätigkeiten gebrauchen, die vom Establishment tabuiert sind. … Beispielsweise wurde »soul« (ihrem Wesen nach lilienweiß seit Platon) — der traditionelle Sitz all dessen, was sie Menschen wirklich menschlich, fundamental, unsterblich ist — das Wort, das im etablierten sprachlichen Universum peinlich, kitschig und falsch geworden war, entsublimiert und ist in dieser Transsubstantiation in die Negerkultur eingegangen …
Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung. in Schriften Bd. 8, S. 270-271
Grau hat jedoch selbst, jenseits seiner falschen Polemik und im Widerspruch zu Marcuse, ein Wort zitiert, welches im Kontext seiner Rubrik ›Grauzone‹ peinlich falsch klingt: den der Analyse.
Kaum zu übersehen ist, dass er sich die Partei der Grünen als politischen Feind erkoren hat; kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass diese Feindschaft nie den Kern der Sache trifft. Würde sein Angriff so treffen, dass die Worte im Diskurs stecken bleiben, wie einst Excalibur im schottischen Basalt; nur ein König könnte noch den Stein von dieser Wunde heilen. Dazu aber müsste er mit Kinder-Ernst sein Objekt genauestens untersuchen, und mit Philosophen-Ernst die Fundstücke zusammenstellen. An Fundstücken allerdings findet Grau nur, was sowieso schon in den Bannkreis seiner Verachtung geraten ist: die unerträgliche Musikshow kann gar nichts anderes mehr sein als eben unerträglich. So trifft die Polemik alles und nichts in postmoderner Beliebigkeit und ist so stumpf wie das Holzschwert, das man dem Tölpel und dem Narren zum Ritter-Spielen überreicht.
Darum auch kann sich Grau in seinem eingeschränkten Sichtfeld und seinem kaum analytischen Angriff weder gegen die marxistische Kritik eines Marcuse behaupten noch gegen die subtile (Selbst-) Ironie eines Barthes:
Die sogenannten Humanwissenschaften unterhalten so gut wie keine wahre Beziehung mehr zur gesellschaftlichen Praxis - es sei denn, sie verschmelzen mit ihr und gehen in ihr unter (wie die Soziologie); und die Kultur, die nicht mehr von der humanistischen Ideologie gestützt wird (oder immer mehr davor zurückscheut, sie zu stützen), kehrt in unserem Leben insgesamt nur als Komödie wieder: Sie lässt sich gewissermaßen nur mehr gebrochen rezipieren, nicht mehr als gerader Wert, sondern als umgedrehter Wert: Kitsch, Plagiat, Spiel, Vergnügen, Gefunkel einer Farcesprache, an die wir glauben und nicht glauben (das ist das Wesen der Farce), als ein Stück Pastiche; wir sind zur Anthologie verurteilt, es sei denn, wir wiederholten eine Moralphilosophie der Totalität.
Barthes, Roland: An das Seminar. in ders.: Das Rauschen der Sprache, S. 372 f.
Für Grau gilt, was Walter Benjamin in seinem Fragment Traumkitsch geschrieben hat:
Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. … Die Träume sind nun Richtweg ins Banale.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Benjamin nun versucht am Kitsch zu retten, was am Kitsch zu retten ist: wenn schon nicht den Prozess seiner Herstellung, von dem sich das kitschige Objekt vollständig abgelöst hat, indem es sich nur selbst bezeichnet; so doch den Prozess seines Gebrauchs: trägt doch der Kitsch, und sei es als Staub, die Spuren seiner Verwendung.
Wie wenig Grau das verstanden hat, beweist das Foto, das emblematisch über dem Artikel steht: es zeigt Claudia Roth und eine Art Tunte auf dem CSD. Jener verkleidete Mensch zitiert in seiner Verkleidung den Ort, wo diese Verkleidung entstanden ist: den Schminktisch mit all seinen Utensilien. Ironisch sagt das Kostüm noch einmal, was man in den Sozialwissenschaften seit langer Zeit weiß: Geschichte ist aus Geschichte gemacht, und die Wissenschaft von der Geschichte ist selbst nur eine Geschichte.
Wer das nicht erkennen will, für den hält Benjamin folgende Warnung bereit:
Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620

12.02.2017

Deutschland mies machen

Irgendwie habe ich mich noch immer nicht beruhigt: Höckes Worte von der „Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes“ ärgern mich mittlerweile nicht nur komplett, sondern entsetzen mich geradezu. Diese Behauptung erscheint mir so absurd, dass ich sie zunächst gar nicht so deutlich wahrgenommen habe. Ich frage mich, wo dieser Mensch lebt, und wie viel er überhaupt von Deutschland mitbekommt: doch eigentlich so gut wie gar nichts; oder er ist einfach nicht in der Lage, all die kulturellen Leistungen, die in den letzten Jahren den Deutschen zugesprochen wurden, zu verstehen und zu würdigen.
Wer also macht Deutschland mies? Das sind doch vor allem Björn Höcke und seine Kumpanen. Wie übrigens die erinnerungspolitische Wende um 180° bei den Rechtspopulisten und Rechtsradikalen aussieht, hat letztes Jahr der Stern zum Gedenktag der deutschen Einheit auf bitterste Weise festgehalten: Von diesem Tag der Deutschen Einheit wird sich Dresden lange nicht erholen.
Wie verwirrt AfD-Anhänger sind, merkt man auch an den Schildern, die auf dem Foto in diesem Artikel hochgehalten werden: „Bürger haben Urteilsvermögen und sind mündig“; damit ist der Begriff der Mündigkeit, so wie unser Grundgesetz ihn von Immanuel Kant übernommen hat, schon weitestgehend ausgehöhlt. Die Mündigkeit zeigt sich, und da darf jeder gerne noch einmal in Kants Aufsatz Was ist Aufklärung? nachlesen, in der Diskussion von Begriffen. Für diese Diskussion stellt Kant eine Logik bereit; die Logik beschreibe nicht, „wie wir denken“ (dafür ist die Psychologie zuständig), sondern „wie wir denken sollen“, mithin beschreibt sie Normen des guten Denkens. Zentral an dieser Logik ist die Gewichtung der Argumente, also welchen Platz einem Argument eingeräumt werden darf. Und ein Argument ist noch keine Verknüpfung, wie dies heute üblicherweise gebraucht wird, denn eine Verknüpfung der Argumente geschieht erst in den Schlüssen, die dann (was aber eben auch häufig verwechselt wird) zu Schlussfolgerungen führt.
Was ich hier in aller Kürze umrissen habe, zeigt vor allem eines: wie weit sich nicht nur das Fußvolk der AfD, sondern auch Höcke selbst von einer Idee der Mündigkeit entfernt hat.
Ich könnte das ganze jetzt auch noch einmal zum Urteilsvermögen durchbuchstabieren; das ist bei Kant nämlich keineswegs Garant für die Wahrheit oder Richtigkeit, sondern ebenfalls nur ein Ausgangspunkt.
Lest mehr Kant, schreibe ich so ungefähr einmal im Jahr in meinen Blog (wie übrigens auch Harald Lesch); und ich kann es nur wiederholen. Denn es ist doch klar, dass all diejenigen, die jetzt vor allem Deutschland, Deutschland schreien und vielleicht dahinter sogar so etwas wie Preußen, Preußen meinen, von unserem guten alten preußischen Philosophen allerhöchstens den Namen kennen: die schimpfen vielleicht nicht über Kant, wie sie dies zurzeit bei Merkel, Lammert oder Gauck machen, aber die Missachtung, diese deutliche Missachtung eines immer noch großen deutschen Denkers drückt sich hier in der Praxis des Protestierens mehr als randständig aus: sie ist der Kern dieses ganzen Protestes, gelebte Unmündigkeit von Pinseln.
Nietzsche hat einmal gesagt, dass die Deutschen ein „erstaunlich déraisonnables Volk“ seien; und es sieht so aus, als seien Pegida und AfD nur deshalb angetreten, um diesen polemischen Satz noch einmal wahr werden zu lassen.
Es sieht also so aus, als hätten wir den Osten Deutschlands ein zweites Mal und eigentlich ein drittes Mal, wenn man die Zeit vor der Gründung der Bundesrepublik mit einbezieht, an eine antiaufklärerische Diktatur verloren. Dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, ist besonders bitter; ich halte Minderheitenschutz für ein wesentliches demokratisches Prinzip, doch hier beginne ich tatsächlich zu wanken. Man kann diese Leute ja nicht ausweisen. Wer will sie schon haben? Aber vielleicht könnte man ihnen eine Enklave schaffen, irgendwo, in einem still gelegten Salzstock. Dort soll die Luft ja besonders rein sein. - Und dann kämen auch wieder die Touristen in unser Elbflorenz, um die Schönheit des alten und die Freundlichkeit und Weltoffenheit des neuen Dresdens in der ganzen Welt zu verbreiten.

03.02.2017

Kleine Übersichten

So ohne meinen eingerichteten Computer habe ich mich zunächst recht verloren gefühlt: alles, was ich bisher notiert habe, alle meine Arbeitsergebnisse liegen zwar auf meiner externen Festplatte, sind mir mit dem alten Computer, auf dem ich gerade schreibe, nicht zugänglich.
Mittlerweile habe ich die ersten drei Kapitel von Sartres Was ist Literatur? so weit durchgearbeitet, dass ich mir ein Zentrum für zukünftige Arbeiten geschaffen habe; und eigentlich bin ich damit zu einer Arbeitsweise zurückgekehrt, die ich in der Zeit vor dem exzessiveren Computergebrauch gepflegt habe.
Sartre ist übrigens kein einfacher, fragloser Mittelpunkt: er inspiriert mich derzeit eher, als dass er mich fundiert.
Was habe ich also gemacht?
Ich habe Übersichten angelegt:
  • von den kleineren sujets in jedem Abschnitt, also keine Abschnittsüberschriften, sondern eher kleine Inventare, auch wenn diese manchmal nur ein Stichwort für einen Absatz umfassen,
  • Listen mit Schreib- und Weiterdenkaufgaben (es gibt zum Beispiel bestimmte Begriffe bei Sartre, die auch bei Dewey auftauchen, aber doch unterschiedliches bedeuten),
  • kleine Mindmaps,
  • kritische Kommentare (die ich zunächst nur auf Zetteln notiert habe),
  • schließlich: ein Glossar mit wichtigen Begriffen (dieses allerdings nur für das erste Kapitel).
Ob ich dieses Glossar allerdings veröffentliche, muss ich mir noch schwer überlegen. Es ist nicht nur sehr roh, d.h. eine recht flüchtige Aufnahme, die viele Fehler enthält, sondern auch bereits sehr lang. Zumindest müsste ich mir eine gute Ordnung überlegen, die dieses Glossar, wie rudimentär auch immer, handhabbar macht. - Vielleicht bekomme ich meinen neuen Computer morgen (er ist unterwegs); dann kann ich mir konkreter darüber Gedanken machen.
Trotzdem bin ich zufrieden: gutes Lesen bedeutet ja, auf verschiedene Arten und Weisen in das Geschriebene einzudringen; und genau dies habe ich getan (Steigerungen sind weiterhin möglich).

31.01.2017

Martenstein und die Temperaturdämonen

Was Maxwell als Gedankenexperiment einführte, bezeichnete Kelvin später als Maxwellschen Dämon. Dabei handelt es sich um einen Dämon, der am Schieber einer kleinen Türe zwischen zwei gleichgroßen Räumen sitzt. Immer, wenn ein schnelles (also warmes) Molekül sich der Tür von der einen Seite nähert, öffnet der Dämon die Tür und lässt es durch. Umgedreht lässt er von der anderen Seite nur die langsamen (also kalten) Moleküle durch. So sorgt der Dämon dafür, dass zwischen den beiden Räumen ein deutliches Temperaturgefälle entsteht.
Maxwell nun brauchte dieses Gedankenspiel dafür, den zweiten Satz der Thermodynamik infrage zu stellen. Und tatsächlich hat dieses bloße Gedankenspiel dazu geführt, dass der zweite Satz deutlich reformuliert und ausgeweitet wurde.
Martenstein versucht sich nun seinerseits am Maxwellschen Dämon, allerdings für die Berichterstattung:
Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch.
So weit, so richtig. Allerdings hat die Gesellschaft schon immer mit dem "Postfaktischen" zu tun gehabt. Man nimmt sich etwas vor, von dem man denkt, dass es klappen könnte, und dann klappt es doch nicht: das ist aber nicht postfaktisch. Man behauptet, der Mensch stamme aus dem Paradies, und stellt dann fest: es war eine Steppe, in der Affenhorden den aufrechten Gang erlernten. Das ist ebenfalls nicht postfaktisch. Helmut Kohl hat einst dem Osten blühende Landschaften versprochen. Geblüht haben diese Landschaften aber schon immer (bzw. die Blumen, die sich darauf und zwischen den Städten befanden) und gesellschaftlich blüht dort heute tatsächlich so einiges, aber die Landschaft so an und für sich tut es nicht.
Anders als beim Maxwellschen Dämon ist die Lüge nicht nach dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz zu fassen: eine Lüge heizt die Stimmung weiter auf und führt zur nächsten, bis schließlich das ganze soziale System zu kippen droht. Gelegentlich führt dies in einen Bürgerkrieg, gelegentlich dazu, dass Herrschende die überflüssigen Energien durch einen Krieg kanalisieren.
Entropiesenke nennt man so etwas in der Physik. Man sieht diese erst, wenn man vom System zurücktritt, sich gleichsam von ihm distanziert, und jene Wechselwirkungen in Augenschein nimmt. Als solch eine Entropiesenke empfiehlt Martenstein dann Lob des Zweifels von Berthold Brecht. Hier sei es, gleichwohl gekürzt, wiedergegeben:
Lob des Zweifels
Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

...

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
...
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
...

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

...

Du, der du ein Führer bist, vergiss nicht
Dass du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!
Vollständig zu finden ist es in: Brecht, Berthold: Gesammelte Werke 9, S. 626-628.

29.01.2017

Deutschland zerfällt, oder?

Ich wollte nicht mehr, aber es hat dann doch ein nicht allzu geringes Suchtpotential: das facebook.
Es gibt da so lustige Menschen, die Zensur und Kritik verwechseln. Oder Kritik und Beleidigung. Oder Meinungsfreiheit mit ungehindertem Pöbeln, möglichst auf Intuition basierend und argumentationsfrei.
Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da hat man sich wenigstens noch die Mühe gegeben, größere Zusammenhänge zu stiften. Und an den Sachen dran zu bleiben. Wenn man derzeit weite Diskussionen ansieht, so geht es wie auf dem Schulhof zu, wenn dort zwei besonders zänkische Kinder aufeinandertreffen: Du bist Schuld! - Nein, du! - Nein, du! Besonders lustig dabei immer wieder die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Ultranationalisten.
Nichts gegen den Nationalismus; ich bin eindeutig ein Kulturnationalist. Das habe ich mir schwer erarbeitet, auch wenn ich noch die vielen Lücken sehe, die dort klaffen (so fehlt mir immer noch in weiten Teilen der Hegel, und wenn ich auch schon einiges von Kant gelesen habe, so zerteilt sich die Frucht meiner Lektüren in tausenden kleinerer Anmerkungen, die noch nicht zu einem größeren Ganzen zusammenrücken wollen).
Entschieden habe ich aber etwas gegen Menschen, die sich auf die Staatsbürgerschaft berufen und dann so tun, als seien sie schon deshalb besonders gute Deutsche. Vielleicht erhält man damit so etwas wie den deutschen Staat, aber von Kultur fehlt dann immer noch jede Spur. Das ist ein bequemer, fauler, feiger Nationalismus. Das sind all die Menschen, die die deutsche Kultur innerlich so ausgehöhlt haben, dass sie beim kleinsten Stich in sich zusammenfallen. Das sind die, die Grimmelshausen nicht kennen, Heine nicht lesen wollen, sofort wissen, dass Wagner der bedeutendere Komponist als Schumann war und Mahler komplett ignorieren; und wenn man zu deutschen Malern fragt, dann kommt meist gar nichts mehr (oder Spitzweg! ausgerechnet Spitzweg!).
Deutschland ist in seiner Kultur so vielfältig, Deutschland hat so viele hervorragende Impulse auch aus dem Ausland aufgenommen (und dorthin zurückgegeben), dass man nicht einen gemeinsamen Nenner, eine Art durchgängiges Wesen finden wird. Wer das nicht sieht, der kennt eben seine deutsche Kultur nicht, und was immer er dann auch verteidigt: die deutsche Kultur oder unser "großartiges deutsches Volk" wird es nicht sein. So ist ein gewisser Nationalismus gerade nicht Nationalismus, sondern Anti-Nationalismus, kulturverachtend, kleingeistig, undeutsch, geradezu beschämend feige.
Es gibt Menschen, die von einem Goethe oder einem Wagner so löblich reden, nicht, weil sie die Erinnerung an diese lebendiger machen wollen, sondern die Erinnerung an eine Christa Wolf oder einen Uwe Johnson noch toter.

Wege in die ferne Vergangenheit

Was machst du? ist wohl eine geläufige Frage, deren Absicht aber äußerst vage ist. Viele Menschen stellen sie, um eine Art Schnappschuss, ein twitter-statement, zu bekommen. Das ist nicht so mein Fall. Was machst du? spiegelt bei mir immer auch Umgebungen wieder, Kontexte, in denen ich mich aufhalte. Aus verschiedenen Gründen eliminiere ich allzu Persönliches, aber für all diejenigen, die mir auf einer etwas allgemeineren Ebene folgen wollen, sei hier eine etwas längere Antwort gegeben. Zum Teil zeigt sie Kontinuität an, zum Teil neue Entwicklungen.

Algorithmen und Text(muster)semantik

Aus verschiedenen Gründen bin ich gerade bei Sartre gelandet. Zum einen liegt das daran, dass ich mich mit der Konstruktion von Textmustern beschäftige. Das wiederum ist ja ein altes Thema von mir. Im Moment ist es aber auch ein frisches, und eines, was bei mir sehr in Bewegung geraten ist, weil ich den Zusammenhang zwischen Satzsemantik und Textmustersemantik genauer diskutiere: ich bin auf der Suche nach Algorithmen, die ich in mein Programm einbauen kann; diese Algorithmen lösen - bestenfalls - das Problem, dass die Bedeutung eines einzelnen Satzes immer auch vom Kontext abhängig ist.
Mein Programm? Nun, ich schreibe an einem Zettelkasten, ähnlich jenem von Daniel Lüdecke. Nachdem ich mich Mitte letzten Jahres grundsätzlicher um die Abbildung von Daten in Datenbanken gekümmert habe, bzw. überhaupt um das Zusammenspiel von verschiedenen Datensätzen, konnte ich einige ganz gute Erfolge verzeichnen. Anfang Dezember bin ich dann aber massiv mit dem Problem konfrontiert worden, dass mein Programm zu umfangreich geworden ist, um ohne Planung und ohne grundlegende Struktur weiter geschrieben werden zu können. Das habe ich dann in den letzten zwei Monaten gemacht (sofern ich Zeit hatte), Stichwort dazu: design patterns (Entwurfsmuster), die ich vor allem an Heide Balzerts Lehrbuch der Objektmodellierung und an Matthias Geirhos Entwurfsmuster diskutiere. Zwar werde ich jetzt mit dem Programmieren noch einmal von vorne anfangen müssen, zumindest fast von vorne, insbesondere um eine bessere Trennung der Objekte zu erreichen, aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt.

Sartre: Was ist Literatur?

Nun, davon wollte ich eigentlich nicht erzählen.
Sartre, insbesondere seine Schriften zur Literatur, haben schon etwas sehr Beeindruckendes an sich. Mir fehlt aber, bei einem neuerlichen Lesen vom Saint Genet (und auch seinem Baudelaire und dem Mallarmé) eine größere Klarheit in seinen Schriften. In allen diesen Texten fallen mir die Wiederholungen unangenehm ins Auge, und gerade im Moment, da ich mich intensiver mit Was ist Literatur? auseinandersetze, die unscharfe Begrifflichkeit.
Um hier Klarheit einzuführen, nutze ich die Technik eines gelassen gehandhabten Glossars. Gelassen gehandhabt heißt dabei, dass ich 1.) Begriffe aus einem gelesenen Text herausschreibe, 2.) diese dann anhand einiger Textstellen definiere, bzw. umschreibe und 3.) diese nach und nach revidiere.
Der erste Schritt ist recht intuitiv; häufig ergänze ich meine Liste später um weitere Begriffe.
Der zweite Schritt fasst nicht nur die explizite Definition zusammen, sondern auch den Gebrauch eines Wortes, wenn er mir wichtig erscheint. Zudem knüpfe ich in diesem Schritt Verbindungen zu anderen Begriffen. Schließlich formuliere ich hier erste Kritiken und schreibe weiterführende Fragen auf.
Schließlich lässt sich der dritte Schritt kaum noch zu gewissen Techniken zuordnen. Auch hier arbeite ich, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene, wieder sehr intuitiv, wenn auch immer mit dem Text vor mir, zu dem ich arbeite. Rekonstruktion und Weiterentwicklung gehen Hand in Hand.
Wenn es mir wichtig erscheint, dann schreibe ich zum Schluss erneut eine Liste mit allen Begriffen, aber so gekürzt, dass scharfe und prägnante Definitionen entstehen. Dies ist eine sehr reduzierende Arbeit, die dem Text selbst meist nicht gerecht wird, aber ein guter Ausgangspunkt für das eigene Denken.

Reise in die ferne (Bücher-)Vergangenheit

Das wilde Denken

Auch das war es nicht, was ich eigentlich erzählen wollte.
Ich habe mich, so schrieb ich, auf eine Reise in ferne Vergangenheiten begeben, in Folge meines kleinen, ausufernden Programmes. Roland Barthes liegt neben mir, zunächst einmal die wunderbare Einführung von Ottmar Ette: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, die 1998 im suhrkamp-Verlag erschienen und mittlerweile leider vergriffen ist; seine Einführung aus dem Junius-Verlag ist ebenfalls gut, setzt aber ganz andere Akzente.
Nun, dieses Buch habe ich seit 15 Jahren nicht mehr (durch)gelesen. Im Moment bin ich dabei, langsam, kontemplativ. Ich verfasse zu jedem Abschnitt 1.) Absatzüberschriften, eine kleine, recht fruchtbare Technik, um sich über Kerngedanken und Argumentationsabfolgen Gedanken zu machen, und 2.) Listen mit wichtigen Begriffen, zum Teil schon mit kurzen, prägnanten Definitionen, die eher scharf als richtig sein sollen, aber für den weiteren Verlauf der Lektüre sehr wichtig sind. Zumal ich auf diese Definitionen immer dann zurückgreifen kann, wenn ich über einen solchen Begriff erneut stolpere.
Dann habe ich die ersten beiden Kapitel aus Lévi-Strauss' Das wilde Denken gründlich durchgearbeitet, aber noch nicht durchkommentiert. Diese beiden Kapitel haben mich schon immer fasziniert, und ihnen habe ich mich in den letzten zwanzig Jahren auch immer wieder gewidmet; meine Kommentare dazu sind vielfältig. Zu Beginn, also etwa 1995, hat mich vor allem der Begriff der Bastelei fasziniert; später wurde das Modell für mich ein Kernbegriff; und neulich, als ich die beiden Kapitel erneut las, habe ich mich am längsten bei den Abschnitten zu Kunst, Ritus und Spiel aufgehalten.

Umarbeiten, umdenken

Bisher habe ich aber immer sehr essayistisch mit diesem Buch gearbeitet. 1995 stand mal eine genauere Diskussion in irgendeinem meiner Arbeitsbücher (resp. meinem "Tagebuch"), aber die ist mir heute kaum noch etwas wert. Ich habe mich zu sehr verändert. Ich habe diese also wiederholt, mit fast denselben Techniken, aber eben von meinem heutigen Standpunkt aus (später, wenn ich mal gestorben bin, und irgendwer meine Texte als interessant entdecken sollte, wird der Vergleich zwischen den beiden Ergebnissen vielfältige Vermutungen zu meinem geistigen Werdegang anstoßen).
Von Lévi-Strauss habe ich dann auch noch Sehen, Hören, Lesen und Das Rohe und das Gekochte gelesen. Ersteres Buch ist neu, auch wenn ich es bereits einmal, vor zwei Jahren, aber nur sehr oberflächlich durchgearbeitet habe.
Zwischendrin lagen dann noch deCerteaus Kunst des Handelns, und Wilhelm Schmids Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, beides Werke, die ich im vorigen Jahrhundert sehr geschätzt habe, und die ich wieder sehr schätze. Beides sind Werke, die ich gründlicher lesen sollte, insbesondere auch die Kapitel über das Schreiben und all die Anmerkungen zum Kategorisieren (die für das Erstellen von Algorithmen von großer Bedeutung sind).
Ich befinde mich also - gewissermaßen - auf dem Weg in meine eigene, ferne Vergangenheit, hin zu Büchern, die ich vor Jahren mit Begeisterung gelesen habe, deren Aura aber nach und nach verblasst und dünn geworden ist, und die ich jetzt wohl wiederbeleben muss.
(Von Habermas habe ich jetzt einiges gelesen. Dazu aber später wohl mehr.)

Kaputter Computer

Im Moment wird mir meine Arbeit dadurch erschwert, dass mein Computer kaputt gegangen ist. Wieder einmal rettet mich mein Computer, den ich vor zehn, zwölf Jahren in die Ecke gestellt habe, obwohl er noch funktioniert. Aber er ist langsam, manchmal nervtötend langsam. Wartezeiten von fünf Minuten, in denen er herumrechnet und sich keine Eingabe machen lässt, sind häufig. Zudem komme ich nicht an meine externen Festplatten heran, bin also ohne meine ganzen Daten und selbst ohne meinen Zettelkasten.
Mein neuer Computer wurde am Donnerstag geliefert, war aber kaputt: das Betriebssystem wollte sich nicht laden. Am Samstag, also gestern, wurde er wieder abgeholt. Nun warte ich auf den nächsten. Es ist das erste Mal, dass ich solch einen "Ärger" hatte, aber wie immer ist www.one.de da sehr unkompliziert. Nach zehn guten Computern ist das recht verschmerzbar, auch wenn mir die Wartezeit weh tut.

Dozenten, die kürzen

"Mein Dozent will, dass ich meine Literaturliste kürze", teilte mir am Freitag eine Studentin mit, die mitten in ihrer Bachelorarbeit steht. "Aber ich kann das nicht."
Nun, wie ihr wisst (oder auch nicht), betätige ich mich nicht mehr im Feld des Text-Coachings. Da diese Arbeit aber Jugendkriminalität als Thema hat, habe ich zugesagt, einen Blick darauf zu werfen.
Insgesamt war die Arbeit etwas roh, wie bei jungen und mit dem wissenschaftlichen Schreiben noch wenig vertrauten Menschen sehr üblich, aber auch eigenständig und gut lesbar. Ein paar scharfe Wendungen in der Argumentation deuteten darauf hin, dass die Autorin bereit war, die üblichen Wege zu verlassen und neue Standpunkte auf das Thema anzudenken. Da das eher unüblich ist, und da diese Wendungen mit einer sorgfältigen Argumentation unterlegt waren, war ich richtiggehend angetan.
Die Literaturliste wies 14 Seiten mit um die 120 Einträge auf; für eine Arbeit, die insgesamt 60 Seiten lang ist, ist das ein durchaus vernünftig Maß. Im Text selbst präsentierte sich die Literatur immer um einen Kern-Artikel herum geschrieben, der dann auch mehrfach zitiert wurde; darum herum versammelten sich Artikel und Bücher, die zum Vergleich und zur Begrifssdiskussion herangezogen wurden.
Meine einzige wirkliche Kritik waren dann auch die vielen Wortwiederholungen, also keine inhaltliche, sondern eine stilistische Kritik.
Was aber wollte nun der Dozent?
Er wollte, dass die Literaturliste auf 3 Seiten gekürzt wird. Drei!
Als wir dann eben ein Gespräch miteinander führten, also die Studentin und ich, und sie mich nochmal, mit einiger Fassungslosigkeit, fragte, ob ich ihr empfehlen könnte, was sie herauskürzen solle, konnte ich nur sagen: Ihren Dozenten.

Ich bin ja gerne etwas fauler, wenn es um die vorher geprüfte Literatur geht. Allerdings muss ich das auch nicht: solche umfassenden Begriffsdiskussionen führen. Mein Blog ist essayistisch angelegt, meine Leser würden ein solches Vorgehen wohl auch nicht schätzen. Aber ich kann das durchaus sehr bewundern, wenn jemand sich solche Arbeit macht und dabei solche Eigenständigkeit zeigt, zumal für ein Schriftstück, welches von allerhöchstens drei, vier Menschen gelesen wird (und manchmal hat man das Gefühl, dass die bewertenden Dozenten die Arbeit noch nicht einmal gelesen haben).

27.01.2017

Noch mehr Clowns

Eins muss man Höcke und der AfD Thüringen lassen: sie haben meine Stimmung heute gewaltig gehoben.
Höcke wurde von der Gedenkstätte Buchenwald ausgeladen. Darauf reagierte die AfD mit "Pauschale Ausladungen sind kein Mittel der Auseinandersetzung"; nun war die Ausladung erstens nicht pauschal, sondern sehr spezifisch (andere Mitglieder des Landtages aus der AfD-Fraktion hatten keine Ausladung bekommen), und was das Pauschalisieren angeht, so dürfte Höcke sich darüber nun so gar nicht beschweren.
Gut fand ich auch, dass die AfD Thüringen von einer "schäbigen Inszenierung" sprach. Höckes Dresdner Rede war ja keineswegs eine schäbige Inszenierung von Zweideutigkeiten, oder habe ich da jetzt was missverstanden?
Was die "nicht hinzunehmenden Grenzverletzung in der politischen Auseinandersetzung" angeht, so ist es vielleicht nicht Höcke selbst, der hier für die unfreiwillige Ironie sorgt, aber zumindest ein Teil seiner Wähler. Merkel, so hört man dort zum Beispiel, sei eine "Schwerverbrecherin, die das deutsche Volk an den Rand der Ausrottung getrieben habe" [sic!]; der Künast solle man "Ketten anlegen und sie in einem Kerker verrotten" lassen. Wunderbar, wie geradezu laissez-fairemäßig darauf die AfD reagiert. Wenn sich eine Partei solche Äußerungen ihrer eigenen Wähler nicht verbietet, was ist dann von ihr noch zu halten?
Ich halte Höcke und zu großen Teilen auch die AfD für eine ernsthafte Bedrohung der deutschen Kultur; sie greift fundamentale Werte unseres Selbstverständnisses an; in der bedenkenlosen Einfalt werden zahlreiche großartige Menschen und deren Einfluss schlichtweg ignoriert. Für mich ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht nur eine Erinnerung an die Verbrechen der Nazis, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Verantwortung eine historische ist: sie ist die conditio eines geschichtsbewussten Menschen. Und das Mahnmal erinnert mich auch daran, wie einflussreich einmal das jüdische Geistesleben für die deutsche Kultur gewesen ist, und wie patriotisch: man denke an Felix Mendelssohn-Bartholdys Elias.
In diesem Jahr kommen mindestens zwei Horrorfilme mit Clowns in die Kinos: die Neuverfilmung von Stephen Kings 'Es', und 'Clownterghost', der vor einigen Tagen angelaufen ist, aber wohl in Deutschland nicht die Lichtsäle erreichen wird. Vielleicht ist es das, was den Höcke gerade so wuschig macht, denn immerhin ist Clownterghost eine Mischung aus Clown und Dämon; und vielleicht will er uns ob dieses herben kulturellen Verlusts ja ein wenig entschädigen.

24.01.2017

"Deutsche Patrioten vereinigt euch"

Würde ich ja gerne, aber 1.) reicht dafür meine Potenz nicht und 2.) muss sich der Höcke dann bittscheen hinten anstellen; dem kotze ich doch dabei glatt auf den Rücken. (Sorry an meine - zumeist - sehr feinfühligen Leser.)
Was gibt es sonst noch von der AfD zu berichten? - Ach ja, der Greisverband Saale übt sich in neudeutscher Stilistik. Nach Kritik aus den eigenen Reihen heißt es dort nicht mehr "Darum rufen wir in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundeswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen", sondern "... um die letzte Chance, das linksversiffte System aufzubrechen". Mit der Anmut einer Nachtigall, einer Heineschen!
Höcke sei auch, so der reisverband Saale, "durch und durch Patriot". Sollte die Medizin irgendwann mal dieses medizinische Wunder aufschneiden, wird sie eine besonders hohe Konzentration in seiner Galle feststellen.
A propos Einigkeit und Konzentration: neuerdings ist Höcke ja dagegen: "Ich hoffe sehr, dass die AfD ... sich ihren Meinungspluralismus ..." - Kreischverband Saale: "Spalter der Nation" - "... bewahren kann." Also doch so'n Multi-Kulti-Terrorist. Wenigstens hätte er Meinungsvielfalt sagen können.
Die AfD Thüringen hat sich dann noch dahingehend geäußert, die Dresdner Rede habe "viele Menschen verunsichert ..." (mich nicht!). Und erklärt weiterhin: "Wir wenden uns gegen alle Versuche, das Gegenteil [nämlich die Verleugnung oder Relativierung des Massenmords an den Juden] in die Positionen der AfD und ihres Landesprechers Björn Höcke hineinzuinterpretieren." Nun, das so zu verstehen, kann man dann getrost dem Fußvolk der AfD überlassen. Geklatscht und gejohlt haben die dabei.
Höcke sagt auch: "Mit Sorge ...", na die hat er dann wenigstens noch, "... habe ich zur Kenntnis genommen ...", wir verfloskeln mal unsere schöne deutsche Sprache, "... wie die Diskussion über meine Dresdener Rede die sachliche Ebene verließ ...", als ob ich's geahnt hätte, "... und von einigen Parteifreunden ...", hört, hört!, "... für innerparteiliche Machtkämpfe ...", mir stockt der Atem, "... missbraucht ...", nein, wie damals in Köln, in der Sylvesternacht, als die ganze ... oder so was ähnliches, ich kann jetzt gar nicht weiter lesen.
LandkreisSaale schreibt auch: "In der Hand [tragen wir] die blaue Fahne." Trägt man die eigentlich nicht im Mund? - Aber obwohl, man kann ja auch von der Hand in den Mund leben, körperlich wie geistig.

22.01.2017

Zweideutigkeiten und Übertreibungen; Höcke: "Mehr Bodennebel für Deutschland"

Es ist, wohl nicht nur für mich, eine Phase des Umbruchs. Was meine Wenigkeit angeht, so diskutiere ich, fernab vom Blog, Wittgenstein und Barthes, Eco und Peirce; ich lese Hegel, Nietzsche, Arendt, Dewey. Nicht unbedingt in der Reihenfolge, meist "wild" durcheinander, also im Vergleich von Stellen, die mir hier und dort ins Auge gesprungen sind. - Ich bin auf der Suche nach neuen Hintergründen, neuen Perspektiven. War dieser Blog auch eigentlich als ein solcher gedacht, dass ich Wege, nicht Ergebnisse veröffentliche, so hat sich in den vergangenen Jahren doch gezeigt, dass er genau als ein solcher wahrgenommen wurde. Ich beuge mich also, in meinem Schweigen, ein wenig dem Druck der "Straße".

Höcke und die Deutschen

Dass darin eine Rede von Höcke platzt, war abzusehen. Nicht genau diese Rede, nicht unbedingt von Höcke, aber dass es mit großer Wahrscheinlichkeit und einigem Abstand zum letzten "Aufreger" wieder an der Zeit ist, ist nun fast so berechenbar bei der AfD wie die tägliche Dosis "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Ich will nun nicht auf den direkten ethischen und politischen Implikationen dieser Rede herumreiten; andere haben das besser getan, etwa Sascha Lobo. Stattdessen mag ich, noch einmal, die Grundlagen dieser Kritik wissenschaftlich unterfüttern. Dass ich dabei auch auf zwei große Denker der deutschen Geistesgeschichte, Wilhelm von Humboldt und Ludwig Wittgenstein Bezug nehme (und natürlich taucht dahinter dann auch noch der naturwissenschaftliche Goethe auf), darf als indirekter Protest dagegen gelten, dass Höcke behauptet, die Deutschen würden nicht mit ihren "großen Philosophen" in Berührungen gebracht werden.

Das Zeichen, die Konnotation, der Mythos

Das Zeichen

Bekanntlich besteht ein Zeichen aus einer doppelten Gliederung, einmal dem Signifikanten und einmal dem Signifikat. Bei Humboldt wurde dies noch als Lautbild und Vorstellungsbild dargestellt und auch wenn dies heute durch die moderne Semiotik eine wesentliche Erweiterung erfahren hat, lässt sich daran der Unterschied ganz gut erklären.
Das Lautbild ist die materielle Seite des Zeichens, eben jene Wörter, die ich äußere, um mich "verständlich" zu machen; das Vorstellungsbild dagegen ist die seelische Seite, also auch das, was, wenn man Humboldt folgt, die materielle Seite beseelt.
Schon Humboldt war sich im Klaren, dass es hier zwischen zwei Sprechern keinen direkten Kontakt der Vorstellungsbilder geben kann, und dass der Weg über die materielle Seite zwar notwendig, aber doch auch missverständlich sein kann.

Sprachkraft und Grammatik

Um zu erklären, warum sich Menschen trotzdem verstehen, hat Humboldt eine doppelte Strategie verfolgt. Zum einen postuliert er ein Vermögen, ganz im Sinne Kants, welches für die Umwandlung von Lautbildern in Vorstellungsbilder, bzw. umgedreht von Vorstellungsbildern in Lautbildern zuständig ist, die Sprachkraft. Zum anderen sieht er die Funktion der Grammatik darin, dass sie die Vorstellungen präziser auszudrücken helfe.
Dieser letzte Aspekt zielt auf einen psychophysischen Parallelismus ab: die Struktur des Vorstellungsbildes werde in der Struktur der Rede nachgeahmt; als Ideal wäre am Horizont die vollständige Deckung der Vorstellungen durch die Rede anzusehen.
Sprachkraft wäre dann die Fähigkeit, die Gliederung der eigenen Vorstellungen zu erfassen und in eine gegliederte, grammatisch wohlgeformte Rede umzusetzen.

Sprache und Geschichte

Überspringen wir ein Jahrhundert, eines, das sich lebhaft, zum Teil kongenial, zum Teil aber auch unerträglich, mit Humboldt auseinandergesetzt hat. Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in der Philosophie etwas ab, was man heute gerne als sprachphilosophische Wende bezeichnet. Diese Wende hat allerdings viele Wurzeln, und sie zu datieren dürfte einigermaßen schwer fallen. Man kann aber insbesondere hier die individualisierende Poetik eines Schlegels nennen, bei dem die Vernunft nicht mehr ein allgemeines Menschengut ist, sondern einem individuellen Ausdruck weicht, dann die zahlreichen Versuche, die Geschichte als Entwicklung zu erfassen, angefangen bei Hegel, Marx, Darwin, Nietzsche; keines dieser Werke sagt übrigens die Wahrheit, aber die Kernidee wurde damit etabliert und ist seitdem geblieben: der Mensch ist in seiner Form historisch. Und spätestens seit Nietzsche kann man dem hinzufügen, dass die Sprache(n), die der Mensch spricht, ebenfalls historisch sind. Der Einfluss der Geschichte auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Vorstellungen ausdrücken können und welcher Art der psychophysische Parallelismus ist (und ob er überhaupt existiert), ist seitdem ebenfalls eine Art Allgemeinplatz der Philosophie.
Schließlich zeichnet sich auch in der Literatur, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Kehrtwende ab, weg von der klassischen Form und deren unzerrissenem Bewusstsein hin zu einer Literatur des Obszönen und Verfehmten; auch wenn dies in Deutschland eher am Rande passiert ist und die wichtigen Protagonisten (zunächst) in Frankreich, England und den USA zu suchen sind. Die obszöne Literatur ist übrigens nicht im heutigen Sinne zu verstehen: sie ist eine Literatur der Grenzüberschreitung, eine, die herrschende moralische Überzeugungen dadurch unterläuft, dass sie eine andere Wirklichkeit darstellt oder postuliert; der verfehmte Poet ist dementsprechend ein Schriftsteller, der nicht mehr als Vorbild einer guten Lebensweise und einer glücklichen Vernunft dient, wie man dies noch für Goethe behaupten kann, sondern der am Rande der Gesellschaft existiert und mit Vorstellungen zu kämpfen hat, die ihn wie Dämonen heimsuchen und gelegentlich in eine Spirale des Irrsinns treiben. - Jedenfalls wird die Sprache nicht mehr mit jenem idealen Horizont des glücklichen Ausdrucks gesehen, sondern dient der "Aufzeichnung" der Zerrissenheit, Verworfenheit, des Zweifels und der düster andrängenden Bilder.

Sprache als System

1916 trat in Genf ein Linguist an, die Sprachbetrachtung noch einmal grundsätzlich zu reformieren. In einem eher bescheidenen Gestus, und zunächst ohne großes Aufsehen postulierte dieser Ferdinand de Saussure, dass die Sprache ein differentielles System bilde, sich also aus Differenzen zusammensetze, und diese Differenzen jenes Netz von Bedeutungen strukturieren würden, über die eine Sprache verfüge.
Zunächst erscheint dieses Postulat recht nebensächlich. Je weiter aber diese Erkenntnis durchdacht wurde, umso schärfer setzten sich die Folgerungen daraus von bisherigen Überlegungen ab.
Wenn es nämlich stimmt, dass die Wörter ihre Bedeutungen nur über die Differenz zu den Wörtern erhalten, die sie nicht sind, dann muss sich die Bedeutungsvielfalt, die einer Sprache möglich sind, anhand der Vielfalt der Differenzen orientieren. Damit kehrt Saussure aber in gewisser Weise die immer noch idealistische Position der Humboldt-Nachfolger um: nicht die Vorstellungen werden mehr oder minder gut in der Sprache ausgedrückt, sondern die Sprache ermöglicht oder verhindert bestimmte Vorstellungen. Bereits Nietzsche hatte das "Ich" als grammatische Fiktion bezeichnet, und in seinen Philosophischen Untersuchungen spricht Wittgenstein davon, dass die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liege (was etwas anderes als das System de Saussures meint, hier aber, auf dieser groben Ebene, in die gleiche Richtung weist).

Konnotation und Metasprache

Die Rede über die Sprache führte rasch dazu, auch das Verhältnis der Zeichen untereinander weiter zu verfeinern. Peirce zeigt in seinen Schriften sehr deutlich, dass das Verhältnis von Signifikant (Lautbild bei Humboldt) und Signifikat (Vorstellungsbild) sehr unterschiedlich sein kann, und dass die Sprache, wie wir sie im gewöhnlichen Sinne verstehen, willkürlich ist: weder "Hund", noch "dog", noch "chien", noch "sabarka" sieht wie ein Hund aus oder benimmt sich wie ein Hund. Die Bezeichnungen sind willkürlich und erlangen erst durch die historischen Entwicklungen und kulturellen Gewohnheiten ihre Notwendigkeit.
Damit konnten Zeichen aber auch wieder als Gesamt zu Teilen von anderen Zeichen werden: die Semiotik entdeckte die Verschachtelung der Zeichen. So konnte ein bestimmtes Zeichen entweder Signifikant oder Signifikat sein. Tatsächlich hat dies Roland Barthes dann auch ausdrücklich so erläutert:
Ist ein Zeichen das Signifikat eines anderen Zeichens, handelt es sich um Metasprache, eine Rede über die Zeichen; ist dagegen ein bestimmtes Zeichen der Signifikant eines anderen Zeichens, ist dies eine Konnotation: unter der "eigentlichen" Bedeutung eines Zeichen liegt gleichsam eine "zweite", "sekundäre" Bedeutung, ein Mitgemeintes.
Machen wir uns dies an einem unverfänglicheren Beispiel als dem der Höcke-Rede klar: wenn im Homo faber eine Schlange auftaucht, noch dazu an einer Stelle, die eine Art paradisischen Zustand beschreibt, dann kann man (muss man aber nicht) an den Sündenfall denken. Der Sündenfall wird nicht ausgesprochen, er könnte vom Autor sogar bestritten werden; trotzdem drängt er sich auf. Dieses Sich-Aufdrängen ist eine Erweiterung des "eigentlichen" Verständnisses, die trotzdem sie nicht in Worten geschrieben steht, doch in gewisser Weise im Text eingeschrieben ist, aber als Struktur, mithin als eine Art Grammatik. Schlange + paradisischer Zustand + nackter Mann/nackte Frau ergibt eine Parallele, die die Idee des Sündenfalls auftreten lässt. Dass es sich dabei nicht um die in der Schule so beliebte Satzgrammatik handelt, dürfte klar sein; ich benutze hier Grammatik in einem weiteren Sinne als alle Ordnungsleistungen, die sprachliche Partikel untereinander verknüpfen, nicht nur zu Sätzen, sondern auch zu Textmustern, Bedeutungsmustern, historischen (und kulturspezifischen) Formen.

Mythos: Konnotation der Konnotation

Wenn man die einmal verschachtelten Zeichen weiterdenkt, kann man sich auch zweimal verschachtelte Zeichen vorstellen.
Ein Zeichen A ist Signifikant eines Zeichen B, und dieses wiederum ist Signifikant eines Zeichen C, was man wie folgt darstellen kann A/(B/(C/x)). x ist somit jene "dritte" Bedeutungsebene, die aus der Konnotation einer Konnotation entsteht.
Nun muss man hier, zum besseren Verständnis, einen Zwischenschritt einlegen: bisher habe ich den Signifikant (also die materielle Seite des Zeichens) so behandelt, als sei dies eine einfache und kompakte Einheit. Tatsächlich kann dieser sich aber über ein breiteres "Gebiet" erstrecken, wie im Homo faber, bei dem die idyllische Szene am Strand, das Baden von Walter und Sabeth und die Schlange einen komplexen Signifikanten bilden. Erst diese zusammen konnotieren dann die Vertreibung aus dem Paradies.
Ähnlich ist es nun bei der dritten Bedeutungsebene: diese bildet sich wiederum meist aus einem breiter ausgestreuten Signifikanten. Diesen Zusammenhang bezeichnet Roland Barthes dann als Mythos.
Hierzu lässt sich ein einfaches Beispiel angeben: indem die rechte Presse ausschließlich von Asylanten berichtet, die Verbrechen begehen (und niemand wird bezweifeln, dass es solche gibt), indem sie, ohne auf logische Zusammenhänge zurückgreifen zu müssen, von Erniedrigungen deutscher Bürger berichtet, indem beständig auf die Unfähigkeit und die Absurditäten - gerne auch aus gewolltem Unverständnis heraus - hingewiesen wird, entsteht hier der Mythos eines in den Abgrund schlitternden Deutschlands. Die Wiederholung von Zeichen (z.B. eines Verbrechens), von Konnotationen (z.B. nur Asylanten) und von Mythen (z.B. alles in Deutschland ist elend) etabliert eine bestimmte Form des Sprechens.
x, wie es oben in der Formel auftaucht, steht für den Mythos.

Die Hohepriester: die mythische Metasprache

An dieser Stelle tauchen dann Figuren auf, die den Mythos interpretieren. Barthes bezeichnet sie als Hohepriester. Der Hohepriester ist die Gegenfigur des Grammatikers.
Was macht der Hohepriester? Kurz gesagt verfertigt er eine Metasprache vom Mythos auf der Grundlage einer vom Mythos geschaffenen Grammatik, was auch bedeutet, dass er den Mythos nicht verlässt.
Zunächst ist die Metasprache eine Art Gegensprache zur Konnotation: in ihr wird das Zeichen zum Signifikat; die Vorstellung, was Sprache ist, wird sprachlich auf einer zweiten Ebene ausgedrückt. Das Problem jeglicher Metasprache ist dabei natürlich, dass es die Sprache nicht verlässt und damit auch wieder Konnotationen transportiert. Trotzdem kann man, der Einfachheit halber, zunächst folgende Formel für die Metasprache aufstellen: C/(A/B), wobei C hier für die Metasprache steht. A/B steht hier meist ebenfalls für einen Komplex, diesmal einem komplexen Signifikat.
Der Hohepriester entwickelt nun eine Metasprache, deren Ziel die Auslegung des Mythos ist. Was die ganze Sache hinreichend verwirrend macht, denn hier greifen Mythos und Metasprache so ineinander, dass sie eine nur schwer zu überschauende Bewegung bilden, die sich auch mit der Formel für den Hohepriester lediglich annähernd erfassen lässt:
A/(((h/(C/x))/B)/(C/x)). h, das hier für den Hohepriester steht, legt Konnotation und Mythos auf Grundlage des Mythos aus, verfährt also selbstreferentiell und geschlossen in einem System in sich abgeschlossener Bedeutungen. Es handelt sich um eine aus dem Mythos gewonnene Metasprache, die sich als objektiv darstellt, aber aufgrund eines bereits eingeschränkten Sprachverständnisses.

Höckes Rede

Der Kulturverleugner

Wie sehr Höcke diesen Mythos noch herstellen muss (und zum Glück bedeutet das immer noch ein Stück sprachlicher Arbeit; zum Glück lässt sich dies immer noch deutlich lesen), zeigt seine Dresdner Rede. Es ist nicht das Problem der Deutschen und der deutschen Kultur, wenn Höcke meint, diese (und ihre Geschichte) werde in Deutschland mies gemacht. Unseren (also: "unseren") großen Humboldt, den kennt der Höcke nicht. Seine Bedeutung für die Sprachwissenschaft, die deutsche, die internationale, ebenfalls nicht. Und dass Höcke nicht einen Blick in ein Lehrbuch für Deutsch in der Oberstufe geworfen hat, wo Humboldt natürlich diskutiert wird, das verschweigt er uns auch. Höcke verleugnet, wohl mehr aus Dreistigkeit denn aus Dummheit, die Kultur und ihre Einflüsse, die natürlich auch in Deutschland (oder eigentlich hier: dem ehemaligen Preußen) existiert hat. Womit sich natürlich die Frage stellt, wer hier eigentlich Deutschland oder das Deutsche (oder was auch immer man dafür an Bezeichnungen wählen möchte, unverfänglich ist wohl keine mehr) verleugnet und mies und madig macht.

Zweideutigkeiten

Dafür wirft er mit Zweideutigkeiten um sich: sicherlich, das Holocaust-Denkmal als "Mahnmal der Schande" zu bezeichnen, das impliziert noch nichts. Es ist, dank deutscher Genitiv-Konstruktionen, mehrdeutig. Eine eindeutige Bedeutungszuweisung ergibt sich erst auf der Ebene der Konnotationen; und hier ist doch klar, dass in diesem Umfeld Schande nicht als ein Eingeständnis sondern als eine unerlaubte Zumutung begriffen wird. Der Kontext und die Konnotation machen die Eindeutigkeit, nicht die Worte selbst. Dass Höcke in diesem Fall sich mit der wörtlichen Bedeutung verteidigt, ist wiederum nur eine Konnotation: er wechselt den Kontext und behauptet, er habe halt jenen Kontext gemeint und nicht den, in dem er die Rede gehalten hat.

Übertreibungen

Übertreibungen, so hatte ich mal zu einer Diskussion einer Passage von Judith Butler zusammengefasst, haben den großen "Nachteil", mehrdeutig zu sein, bzw. weiß man nicht, ob sie wertstabilisierend oder wertzersetzend sind. Eine Übertreibung treibt einen bestimmten Wert ins Extreme. Das kann zum einen dazu dienen, diesen besonders wichtig und deutlich zu machen; auf der anderen Seite kann es aber auch dazu führen, dass dieser Wert in seiner Lächerlichkeit und Disharmonie bloßgestellt wird.
Dass die deutsche Kultur in der Schule nicht mehr diskutiert wird, das ist eine so lächerliche Behauptung, dass ich hier einfach mal aus dem Oberstufenlehrbuch des Dudens die Autoren zitiere (ab Seite 230): Watzlawick (ein Amerikaner, österreichischer Migrant), Bühler (während NS-Zeit emigiert), Schulz von Thun, Loriot, Gabriele Wohmann, Tena Stivicic, Barack Obama, Walter Jens, Kurt Tucholsky, Judith Hermann, Theodor Storm, Heinrich August Pierer (Herausgeber des Universal-Lexikons von 1840), Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Sevgi Özdamar (deutsche Autorin, türkischer Migrationshintergrund), Aras Ören (türkischer Autor, wohnhaft in Berlin), Franz Kafka, Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Gottfried Keller, usw. (ich ende mit meiner Aufzählung auf S. 261).
Wir lernen 15 "rein deutsche" Autoren kennen, 3 emigrierte (Heine, Watzlawick, Bühler), 1 deutsch schreibende Autorin mit migrantischem Hintergrund (Özdamar), 1 in Deutschland lebenden aber türkisch schreibenden Autor (Ören), 2 Autoren, die weder emigiert noch immigriert sind (Stivicic, Obama). Lässt man die Erwähnung der beiden türkischen AutorInnen beiseite, die eben nur namentlich angeführt werden, haben wir ein Verhältnis von 15 : 5, bedenkt man weiterhin, dass Heine und Bühler fast ihr ganzes Werk auf Deutsch verfasst haben, dann ein Verhältnis von 17 : 3. - In dem gesamten Oberstufenwerk sieht es nicht anders aus.
Muss ich nun auf die Werke für den Geschichtsunterricht zu sprechen kommen, in denen selbstverständlich die Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges genau so behandelt werden, wie die Zeit der Medlevinger und Karolinger, des Postnapoleonismus und der Gründungszeit der Bundesrepublik Deutschlands? Ich weiß ja nicht, wie Höcke seinen Geschichtsunterricht durchgeführt hat, aber wenn das Einzige, was von seinem eigenen Unterricht bei ihm hängen geblieben ist, die Zeit der Judenverfolgung gewesen ist, dann muss er tatsächlich ein ziemlich lausiger Geschichtslehrer gewesen sein und wir müssen Gott oder wem auch immer dafür danken, dass er nicht weiter die deutsche Bildung mit seinem reduzierten Geschichts- und Unterrichtsverständnis verschandelt.

Höckes lausige Bildung

Was also wird hier kritisiert oder lächerlich gemacht? Nun, Höcke meint, er kritisiere das Bild, das Deutschland von sich selbst habe, und dass dieses Bild ein mieses, gar garstiges sei. Aber nein, sobald man nämlich den Kontext verlässt, sieht man ein ganz anderes Bild, eines, das immer noch an Deutschland als einem Land großer kultureller Erzeugnisse interessiert ist. In den letzten zwanzig Jahren durften wir alleine drei Literaturnobelpreisträger unser "eigen" nennen, Günther Grass, Elfriede Jelinek, Herta Müller. Ist das nichts? Ist das ein Zeichen dafür, dass die deutsche Kultur nicht ernst genommen wird?
Lese ich nicht gerade ein höchst kluges Buch über Kant, geschrieben von einem Amerikaner (Karl Amerik: Kant and the Fate of Autonomy); und habe ich nicht vor vier Jahren mehr englischsprachige Symposien über Max Frisch gefunden als deutsche? -
Keinesfalls möchte ich aber hiermit andeuten, dass Höckes Bildung lausig ist; nichts läge mir ferner und wer immer die Überschrift in diesem Sinne versteht, kennt die Tücken des deutschen Genitivs nicht; es läge mir nicht nahe, Höcke als ein Mahnmal der Schande zu bezeichnen, und ihm daraufhin ein Denkmal mitten in Berlin zu setzen. Nein, das liegt mir so fern, dass ich sogar meine, dass sich Höcke in einer solchen Ferne aufhält, dass er mit Deutschland eigentlich recht wenig zu tun hat, und irgendwo in Arabien oder Afrika oder auf einer südpazifischen Insel wohnen müsste, so fern liegt mir die Bildung von Höcke.

Schluss: "endlich Bodennebel"

Jürgen Elsässer sieht gerade eine Hexenjagd auf Höcke; dem muss ich dann, wieder ernst geworden, widersprechen. Erstens muss, wer selbst Hexenjagden veranstaltet, damit rechnen, dass sich schließlich die Gejagten umdrehen und sich fragen, wer sich hier das Recht herausnimmt, alles, was nicht seiner im Gemütszustand einer total besiegten Bildung geäußerten Meinung entspricht, zu verfolgen. Zweitens rücken diejenigen, die diese Rede als Nazi-Rede bezeichnen, die andere, durch die Konnotation ebenfalls mögliche Deutung ins rechte Licht; eben bovis licet, quoque Jovis licet.
Als Grammatiker, und dies ist der dritte Weg, diese Rede zu betrachten, kann ich nur sagen, dass Höcke entschieden Bodennebel verbreitet (man könnte dies als Vollverschleierung bezeichnen); wer diesen nicht durch einen scharfen Blick auf die Funktionen der Sprache vertreibt, sieht die Hand nicht mehr vor Augen und hält die Weiden am Wegesrand für menschenfressende Trolle und todbringende Gespenster.
Höcke ist keinesfalls angetreten, die deutsche Kultur zu retten; dem Zustand seiner Rede nach zu urteilen tritt er sämtliche Tugenden, auch die von ihm beschworenen "preußischen" mit Füßen: die Gewissenhaftigkeit, die Wissenschaftlichkeit, die Liebe zur eigenen Sprache und zur Wahrheit, das Pflichtgefühl dem eigenen Volke gegenüber; wohl aber, wie ich meinen möchte, aus einem Unverständnis heraus: es war Wagner, der zu einem Beethoven-Konzert folgende Kritik verfasst hat, die man hier analog zu Höcke setzen kann: der Dirigent bemühe sich, "die Musikphrasen nachsprechen zu lassen, die er selbst nicht verstand, und ungefähr nur so sich zu eigen gemacht hatte, wie man wohlklingende Verse dem reinen Klange nach auswendig lernt, die in einer, dem Recitator unbekannten Sprache verfasst sind".

01.01.2017

Farbwörter

Woher weiß ich denn, dass eine Farbe in einem Farbwort „enthalten“ ist? Denn das Wort ist ja nicht in dieser Weise farbig, und die Farbe des Wortes spielt für das Farbwort keine Rolle.
Man könnte auch so fragen: warum ist das Farbwort ›rot‹ schwarz?
Und genauso verhält es sich mit den Hauptwörtern: warum sieht das Wort ›Hund‹ nicht wie ein Hund aus und warum bellt es nicht?
(Sprache repräsentiert nichts, aber sie regt uns an, uns eine Ähnlichkeit zu machen, eine Vorstellung von etwas. Je weniger ein Wort mit einer Vorstellung durch Ähnlichkeit verbunden ist, und dies gilt für die meisten Wörter, umso mehr müssen wir uns auf konventionelle, durch Gewohnheit erworbene Vorstellungen verlassen.)

19.12.2016

Gauland in der Prinzessinenwelt

Es gibt wunderbare Bücher, die einen ganz gefangen nehmen; und derzeit lese ich ein solches. Dann aber schaut man sich die Nachrichten an, und es bleibt doch einige Ernüchterung zurück, manchmal mehr, manchmal weniger. Heute war es wieder einmal mehr.
Grund dafür sind Aussagen von Alexander Gauland, dem stellvertretenden AfD-Vorsitzenden. Abgesehen davon, dass er Unsicherheiten so interpretiert, dass sie klar werden, vergleicht er auch auf eine Weise, die vollkommen hinkt.

Angela Merkel und die wachsende Aggressivität

Woher die zunehmende Aggressivität kommt, sollte eigentlich hinreichend unklar sein. Man könnte hier von einer „Multi-Problem-Konstellation“ sprechen (obwohl ich dieses Wort überhaupt nicht mag: aber ich habe es in einem Zusammenhang kennengelernt, indem es als Ausrede dafür benutzt wurde, dass man eh nichts ändern kann).
Gauland allerdings weiß, dass Angela Merkel daran schuld ist. Entweder ist diese Aussage doof oder heuchlerisch: selbst wenn Gauland nicht dumme Sprüche gerissen hätte (Boateng!), so hört man es doch allenthalben und immer wieder aus seiner Partei; und ansonsten empfehle ich Gauland einfach mal einen Blick auf Facebook und wer da so alles für die AfD ist. Dass sich Rassisten und Faschisten in ihren Begründungen bei der AfD reichlich bedienen, dürfte dann augenfällig sein.
Aber natürlich kann man der AfD auch nicht alleine die Schuld geben. Multi, d. h. eben viel, und hier gibt es viele Probleme, die zusammenwirken. Zum Teil können es auch alte Traditionen sein; ich habe mich einmal Zuge meiner Auseinandersetzung mit Christa Wolf auch mit Tagung des Zentralkomitees der DDR 1965 beschäftigt, die für die Künstler der DDR einschneidend und zum Teil schwer beschränkend war. Diskussionen um dieses Ereignis herum erinnern mich immer wieder an Diskussionen mit AfD-Mitgliedern und an Aussagen von AfD-Politikern. Und es mag sein, dass die AfD hier die Stasi mehr beerbt hat, als man es den Linken jemals vorwerfen kann. Dass sich solche Diskussionsregeln nach evolutionären Regeln verfestigen, also in gewisser Weise auch etwas Zufälliges darstellen, erschwert eine Verantwortungsübernahme. Häufig sind die Betreffenden selbst besonders blind dafür.

Eine politisch-„philosophische“ Diskussion

Dann kommt Gauland noch mit einem Vergleich. Zunächst sagt er sehr richtig, dass „Karl Marx nicht verantwortlich ist für die Verbrechen Stalins“. Das liegt unter anderem daran, dass wesentliche Unterdrückungsinstrumentarien, wie sie zu Zeiten des Stalinismus angewandt wurden (Gulag, Schauprozess, staatliche Zensur) von Marx nicht propagiert wurden. Das liegt aber auch daran, dass Marx 1883 gestorben ist, also etwa 35 Jahre bevor die ersten Pflänzchen stalinistischen Terrors ihre Blüten trieben (das Veröffentlichungsverbot für Bachtin wurde, wenn ich mich recht entsinne, 1928 ausgesprochen).
Rein sachlich lässt sich damit ein Vergleich zu Aussagen der AfD zur Flüchtlingssituation nicht in solcher Stärke ziehen. (Ich drücke das deshalb so vorsichtig aus, weil man natürlich immer alles mit allem vergleichen kann, und weil jeder Vergleich erlaubt ist: nur manchmal fällt das Ergebnis eines Vergleichs deutlich auf die Seite des ›nicht gleich‹. Ich mag also den Satz ›Das kann man doch nicht vergleichen‹ nicht, besonders dann nicht, wenn ein Vergleich naheliegt.)
Ich wiederhole: die Schriften von Karl Marx entstanden in großer zeitlicher Distanz zum Stalinismus, zudem gab es gravierende inhaltliche Differenzen. Erinnern wir uns daran, dass Teile des politisch-ökonomischen Manuskripts in der UdSSR zensiert waren; erinnern wir uns auch daran, dass Rosa Luxemburg die Art und Weise, wie Lenin die kommunistische Revolution in einen Staat fortsetzen wollte, heftig kritisiert hat -, dass also Karl Marx keineswegs den Stalinismus determiniert hat.
Die Aussagen der AfD sind dagegen als gleichzeitig zu der Hetze gegen Asylanten zu werten. Zudem wird aus den Reihen der AfD zum Teil Verständnis für diese Hetze aufgebracht, zum Teil wird sie stillschweigend geduldet, zum Teil mit Argumenten beliefert. Das ist umso bitterer, als viele dieser Hetzereien auf dem untersten intellektuellen Niveau stattfinden, einem Niveau also, welches von Seiten eines Sarrazin gerade auch arabischen Flüchtlingen unterstellt wird (also das Niveau, nicht die Hetzereien selbst). Hat sich jemals ein AfD-Mitglied abfällig über Brandstiftung bei Asylantenheimen oder Gewalt gegen Ausländer geäußert?

Die Spaltung der Gesellschaft

Oder nehmen wir die Proteste gegen das gender Mainstreaming. Wie bereitwillig sind diese aufgenommen worden, wie bereitwillig werden diese jetzt als unwissenschaftlich dargestellt, wie sehr werden auch gewisse Plärrer (z.B. der Pirinçci) nicht in ihre Schranken gewiesen. Die Schärfe des Problems wird erst klar, wenn man sich mit der gender-Theorie etwas gründlicher auseinandersetzt. Tatsächlich ist der Begriff als solcher nicht nur wissenschaftlich, sondern sogar biologisch plausibel (dass diese Plausibilität ausreichen muss, liegt daran, dass sich Gehirne in vivo nur bedingt untersuchen lassen und es damit keine ausreichenden empirischen Daten zu konstruktiven Leistungen einzelner Gehirne gibt: allerdings betrifft diese Einschränkung alle psychologischen Begriffe, z.B. auch die Intelligenz – ein Höcke will aber nicht, zumindest nicht auf dem Papier, die Intelligenz abschaffen).
Zur Kritik, also auch zur Kritik der gender-Theorie, gehört, die Reichweite eines Begriffs zu diskutieren; unkritisch ist dagegen, diesen aufgrund von Mythen oder mythischen Behauptung abzulehnen, oder ihn - das ist das Gegenteil - unkontrolliert und für alles tauglich durchzuwinken. Man kann die deutsche Debatte um das gender Mainstreaming nun keineswegs zum Bravourstück erklären, wohl auf beiden Seiten nicht. Dass durch einige schrille Töne auf der einen Seite und noch krudere Missdeutungen auf der anderen ein Begriff unwissenschaftlich sei, ist lästig. Wird dies zur Parteienpolitik erhoben, so wie die AfD dies tut, wird der Gedanke der Aufklärung vollends aufgegeben.
Es ist also augenfällig, dass die AfD etwas zu häufig auf „die da“ und „wir hier“ Bezug nimmt, mithin also ein ausgeprägtes Freund/Feind-Denken pflegt. Und dies ist wohl die Grundlage für jegliche Spaltung.
Niemand sollte an dieser Stelle denken, dass ich mit der Bundesregierung glücklich bin. Kritik ist notwendig. Es gibt aber Kritik, die alles verschlimmert; das ist z.B. eine Kritik, an deren Horizont die Vernichtung von Menschen ahnbar wird, die angeblich an allem schuld sind.

Ein Stinktier auf dem Weg nach Disney World

Eine Sache, so muss ich ja gestehen, hat mir auch großes Vergnügen bereitet, wenn auch ein sehr zynisches: Gauland erdreistet sich doch tatsächlich, die Diskussion um die Flüchtlingsströme und die Flüchtlingskrise als philosophisch zu bezeichnen. Ich muss nun stark annehmen, dass er damit auch seine eigene Partei meint. Eine solche Einordnung ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Was da aus den Reihen der AfD kommt, lässt sich nun mal nicht veredeln. Das lässt sich auch nicht mit Adorno veredeln, den Gauland ebenfalls herbeizitiert. In der Philosophie wird argumentiert, aber auch provoziert. Dass Philosophie keine Wirkung habe, wäre wohl auch eine Absage an die Philosophie: sie würde zu einer „schönen Kunst“. Adorno jedenfalls hat sich nie positiv über die Studentenproteste geäußert; einmal soll er sogar die Polizei gerufen haben, als Studenten seinen Hörsaal besetzten, um eine aktuelle Diskussion zu erzwingen. Wirkung allerdings wollte Adorno schon haben; hier und da in seinem Werk äußert er sich auch dazu, welche Wirkung er sich wünscht. Wenn aber ein Werk eine Wirkung auslösen sollte, die dem Verfasser des Werkes widerspricht, so muss dieser sich äußern, sofern er es noch kann. Marx konnte nicht dem Stalinismus widersprechen; Luther aber konnte den Fehldeutungen seiner Schriften widersprechen, und hat es getan, Adorno ebenso. Die AfD könnte es (ob das, was sie von sich gibt, nun philosophisch ist oder nicht), aber sie tut es nicht. Von Gauland kommen keine mahnenden Worte, dass diejenigen, die die Gewalt ausüben, sich vielleicht um ein besseres Benehmen bemühen; im Gegenteil: Merkel trage die alleinige Schuld, als ob sie jetzt persönlich Ausländer verprügeln und Asylantenheime anstecken würde.
Gaulands Argumentation hinkt also vorne und hinten. Sie entlastet die Gewalttäter, sie konstruiert ein Feindbild, das sich auf Merkel zusammendampft, und sowieso scheint dieser „gute Mensch“ ein recht schlichtes Gemüt zu haben. Es wird wohl, zumindest in der Fantasie Gaulands, ein happy-end in Pastellfarben geben. In Amerika nennt man so etwas disneyfication.