17.05.2015

Narrative Intelligenz

Der Mensch, bzw. sein Selbst, so wusste mein guter Peter Fuchs zu sagen, konstituiert sich im Medium der Erzählungen. Ich wiederum bin den Zeichen, Metonymien und Rätseln gefolgt, dann der Argumentation, insbesondere den Enthymemen, die sich auf unvollständige und nicht überprüfbare Voraussetzungen stützen. Schließlich ist im letzten Jahr der Begriff der Hegemonie für mich wichtig geworden und, dank E., ein zweites Mal die Semiosphäre. 
Überblickt man diese Kette von Begriffen, dann bilden die kleinen, alltäglichen Erzählungen jenes unsichere Bündel von geteiltem Weltbewusstsein, in dem wir uns bewegen. Sie sind offen für Verdrehungen und Verstellungen, ja können gar nicht anders, da sie zugleich Abkürzungen durch eine von Sinnesreizen so reiche Welt bieten. In den Erzählungen bilden sich auch all die primitiven Begriffe, die wir zur Meisterung unseres alltäglichen Lebens brauchen; sie machen uns handlungsfähig. 

Narrative Intelligence Hypothesis

Die Evolution des Abwesenden

Fritz Breithaupt schreibt dazu:
Kerstin Dautenhahn hat unter dem Stichwort der »Narrative Intelligence Hypothesis« vorgeschlagen, die Fähigkeit zur Narration als entscheidende Errungenschaft anzusehen, die evolutionär mit der rapiden Steigerung sozialer Komplexität einherging ...
(123)
Diese These ist schon deshalb gut nachvollziehbar, weil die Fähigkeit, Zeichen nach Regeln zu verketten, bedeutet, Abwesendes aneinanderzufügen, also nicht die tatsächliche Handlung auszuführen, sondern "nur" eine symbolische. Dadurch besteht aber auch die Möglichkeit, eigentlich Unvereinbares nebeneinander bestehen zu lassen. Unsere Fähigkeit, uns neue Welten ausdenken zu können, ist wohl unbestritten, auch wenn dies erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts systematisch geschieht, nachdem das 18. Jahrhundert all die großen Spukgestalten der Menschheit als literarischen topos entdeckt hat.

Gedankenfügung, Weltkodierung

Narration mache die natürlichste und erfolgreichste Art und Weise der Gedankenfügung aus. Kleinkinder besitzen die Fähigkeit zur Narration vielleicht von Geburt an.
(123)
so Breithaupt weiter.
Auch dies ist leicht einzusehen, kann doch jeder Satz sowohl räumliche wie zeitliche Elemente zusammenfügen und wieder auseinandernehmen. Jedes Subjekt in einem Satz verweist bereits auf ein Bündel an Erfahrungen, die wir mit dieser Person oder diesem Gegenstand gemacht haben.
Sätze fügen die Welt zu Zeichen zusammen und ordnen, ja erschaffen die Welt zugleich damit in ihrer spezifischen Ordnung. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir uns die Welt aus einem reinen Nichts erschaffen, aber zumindest ist unsere Weltordnung Basis unserer Handlungsfähigkeit und über unsere Handlungsfähigkeit regeln wir die weitere Ordnung der Welt und unsere eigene Stellung in ihr. Insofern gilt die These des Konstruktivismus trotzdem: wir erschaffen uns unsere eigene Welt, allerdings mit sorgfältiger Beachtung dessen, wo sich ein Signal abschwächt oder in die Höhe schießt, ohne dass wir uns darauf einen Reim machen können. Was geschieht, ohne dass wir es erklären können, muss anderswo verursacht worden sein, also in der Welt.

Satzfügung

Unsere Fähigkeit zu sprechen hat uns auch die Möglichkeit gegeben, Welten miteinander zu teilen. Dabei sind die Zeichen nicht ausschlaggebend, zunächst nicht. Wichtig ist die Analogie zwischen Handlung und Sprache. Ein Wort wie »Elefant« sagt einem Säugling nichts. Dieser kann aber über Verweisen und dazugehörige Laute die Sprache entdecken. Ein »ee« kann dann als Ausdruck für eine leere Trinktasse ebenso dienen wie als Ausdruck, dass der Papa hinter einer Tür verschwunden ist.
Später werden Wörter als inhaltlich aufgefüllt vorausgesetzt. Hinter einer geordneten Lautfolge steht eine geordnete Vorstellung, mithin ein Begriff. So einfach ist dies allerdings nicht; denn häufig gehen wir mit halben, nicht wissenschaftlich geordneten Begriffen um. Sie sind, wenn man hier ein Bild von Kant nehmen möchte, noch nicht durch die öffentliche Diskussion hindurch gegangen. 
Um uns des aktuellen Gebrauchs von solchen vagen Begriffen zu versichern, sind Sätze notwendig, die den Kontext festlegen. Dabei kann man natürlich auch den anderen Wörtern eine solche Unklarheit vorwerfen. Aber anscheinend schaffen wir es, aus diesen verschiedenen Unklarheiten ein solches Wechselspiel herzustellen, dass schließlich eine Klarheit entsteht. Wechselseitige Limitation von Möglichkeiten, so nennt dies Luhmann.

Grammatik

Deshalb wird auch die Grammatik so wichtig. Die Grammatik hat, zugegebenermaßen, einen Zwangscharakter. Die Schüler mögen sie nicht. Es sind Regeln, deren Bedeutung man nicht einsehen mag. Einzusehen aber ist, dass Grammatik eben tatsächlich keine Bedeutung hat, außer eben die Bedeutung einzuschränken und nicht mehr jede Vorstellung zuzulassen, sondern nur noch gewisse. Der »Hund in der Badewanne« besitzt eine genaue Kraft der Evokation, lässt aber noch offen, ob dies mit oder ohne Schaumbad, tot oder lebendig, einen halben Tag oder nur zehn Minuten zu sein hat.
Anders gesagt dient Grammatik der Verfugung von Wörtern zu Sätzen und von Sätzen zu Textmustern und damit einer Temporalisierung des Abwesenden und Vorgestellten. Wer die Grammatik einer Sprache beherrscht, nimmt an ihrer Konstruktion von Welten teil.

Textmuster

Dass es Textmuster gibt, ist für manche Menschen immer noch überraschend, obwohl Literaturwissenschaft und Linguistik seit vielen Jahren damit umgehen. Schwieriger ist anzugeben, wie sich die Grundelemente von Textmustern zusammensetzen. Hier erscheint die Lage ähnlich kompliziert wie die der Rhetorik. In der Rhetorik finden sich zahlreiche Ebenen, auf denen rhetorische Figuren platziert werden können, von der lautlichen Ebene (wie zum Beispiel bei der Alliteration) bis hin zur intertextuellen Ebene (so bei der Parodie oder der Allusion).
Textmuster können nur dann Textmuster sein, wenn sie explizit oder implizit auf Regeln aufbauen. Hier genügt zum Beispiel nicht, dass die Schule zwischen einer Beschreibung und einer Schilderung oder zwischen einer Erzählung und einer Anekdote differenziert. Eine Erzählung von Franz Kafka beginnt ganz anders als eine von Thomas Mann. Ein Arthur Schnitzler ist kein Bertolt Brecht. Und auch die Erzählungen alltäglicher Leute lassen sich nicht einfach unter einen solch diffusen Begriff vereinen.
Worin besteht also die Einheit eines Textes? Der stärkste Kandidat dafür ist die Wiederholung, sei es durch die direkte Wiederholung (so hat jede Erzählung bestimmte Figuren, die immer wieder benannt werden), die verweisende (zum Beispiel durch Pronomen) oder die auf Attributionen beruhende (Mensch und Elefant gehören zu den Säugetieren; Pflug und Schwein gehören zum Bauernhof). Eine eigentliche Einheit des Textes gibt es nicht; doch der Text suggeriert bestimmte Einheiten und der lesende Mensch greift diese dankbar auf.
Dass dann die Wiederholung Regeln suggeriert, darf als Allgemeinplatz angefügt werden.

Narrative Intelligenz

Breithaupt zitiert dann Dautenhahn direkt:
»Narration könnte das ›natürliche‹ Format der Kodierung und Übertragung von sozial bedeutungsvoller Informationen sein (zum Beispiel von Gefühlen und Absichten und Gruppenmitgliedern)«.
(123)
Doch tatsächlich müsste man die Narration nicht als ein besonderes Vermögen beschreiben, sondern eher als ein Unvermögen, ein Wiederholungszwang, der sich einer gewissen Abwechslung und Austauschbarkeit erfreut; so dass man einen berühmten Buchtitel folgendermaßen abändern könnte: Die Geburt der Narration aus dem Geiste der Wiederholung.
Mit anderen Worten ist Narration das, was entsteht, wenn Menschen nach der Wiederholbarkeit von Ereignissen suchen und dabei neue Erlebnisse haben. Dann entsteht ein eigentümliches Gemisch aus Wiederholbarkeit und Neuheit. Und sofern wir dies dann symbolisieren, entsteht eine Erzählung.

Durchdachte Limitationen

Offensichtlich hat sich im siebten Jahrhundert vor Christus, mit den Vorsokratikern, eine kulturelle Wende angebahnt, deren Ende heute weniger denn je abzusehen ist. Dort ungefähr kann man den Übergang vom Mythos zur Philosophie bestimmen. Viel wichtiger jedoch ist, dass sich damit der Mensch von den Automatismen der mythischen Textmuster nach und nach befreit und sich durchdachte Begrenzungen einfallen lässt. So wird das Schreiben seit jeher reflektiert; und da jegliches Schreiben bedeutet, sich auf bestimmte Textmuster einzulassen, ist es immer Begrenzung und Selbstbegrenzung, niemals aber frei. Es gibt immer Vorschriften, wie man zu schreiben habe. Und insofern ist zum Beispiel die Wut, die manche Schriftsteller auf solche spezifischen Schreibaufgaben pflegen, keineswegs nachvollziehbar. Werden solche Schreibaufgaben nicht gemacht, geraten die Autoren in Gefahr, auf die unbewussten Muster zurückzugreifen und damit das Übliche zu schreiben, weil sich dieses Übliche aufdrängt.

Rhetorik

Emphase und Satzgefüge

Betrachtet man die Rhetorik, dann scheint diese durch Auffälligkeiten zu wirken. Der eine Autor betont den Wortbeginn und lässt Gott, Gold, Gondel im gleichen Gedicht auftauchen. Der andere Autor bedient sich gleichermaßen bei der griechischen Mythologie wie der aktuellen Politik, so dass sich Putin und Ares ebenso verschränken, wie Merkel und Hestia. Wer dies lesen kann, fühlt sich in eine gewisse Richtung gedrängt, und versucht, das einmal erkannte Prinzip auf den ganzen Text anzuwenden.
Dementsprechend scheint die Satzgrammatik wie ein Angelpunkt für verschiedene Ansätze zu sein, die auf ganz anderen Ebenen Wiederholungen herzustellen versuchen. Rhetorische Figuren bauen solche Emphasen jenseits der Satzgefüge auf und beharren damit auf einer individuelleren Weltkonstruktion.

idioms and phrases

Besonders bekommt man die Individualität rhetorischer Konstruktionen dann zu spüren, wenn man sich Idiome anderer Sprachen ansieht. "Cheese it!" ist eine umgangssprachliche Metapher, die mit "Mach die Fliege!" übersetzt wird. Beide Idiome dürften schwer zu übersetzen sein. Idiomen sind oftmals Wortschöpfungen, die zu Allgemeinplätzen geworden sind. Häufig sind diese unmittelbar eingängig, auch wenn man nicht aus der entsprechenden Kultur stammt; "it's raining cats and dogs" ist so einprägsam als Übertreibung, wie im Deutschen "es regnet Wasserfälle".
Trotzdem sind viele dieser Idiome für den Fremdsprachler neu und aufregend: "a fly in the ointment" für "ein Haar in der Suppe", oder "faire une frommage de qch." für "viel Lärm um etw. machen". Was in den Sprachen selbst als rhetorische Figur verblasst ist, ist in anderen Sprachen so neu, dass es unverständlich sein kann.

Zu viel Bewegung

Die Jugendsprache zeichnet sich gerne dadurch aus, dass sie sich mit neuen Wortschöpfungen oder dysgrammatischen Konstruktionen den Anschein von Neuheit gibt. Kommt in eine Sprache zu viel Bewegung, treten zu viele Missverständnisse zwischen den Sprechern auf: es entstehen Subkulturen. Dies ist kaum zu vermeiden, da die Basis des Sprechens immer noch auf den direkten Verweis gestützt ist. Um handeln zu können, muss man notfalls eben doch selbst zugreifen. Zugreifen kann nur, wer dicht daneben lebt, der Nachbar, der Kumpel. Subkulturen bilden sich ortsnah (obwohl sich dies in den Zeiten des Internets ändert: siehe die ganzen Diskussionsforen).
Trotzdem können sowohl die Jugendsprache, die Dichtung und die Sprache der Irren so befreiend sein wie Fremdsprachen. Plötzlich erscheint die Möglichkeit, die Welt auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen. Plötzlich bewegt sich der Alltag, eingefahrene Ordnungen geraten durcheinander und neue Ordnungen erscheinen am Horizont. Manches, was uns die verschiedenen Sprachgemeinschaften vorgelebt haben, ist in die Alltagssprache hineingewandert und dem allgemeinen Gebrauch zugänglich. So verschwinden Subkulturen dann auch wieder.

Glaubensüberzeugungen

Doch genauso hartnäckig werden bestimmte Verbindungen übersehen, bzw. bestimmte Abkürzungen, die eine Sprache genommen hat, weitergetragen. Es ist kaum auszurotten, dass Frauen emotionaler und damit empathischer seien; der Feminismus, der einst angetreten ist, um den Frauen Zugang zur Wissenschaft zu erleichtern, ist mittlerweile bei der Erkenntnis angekommen, dass Frauen mehr erkennen könnten, weil in unserer heutigen Gesellschaft vieles auf solchen emotionalen und sozialen Fähigkeiten aufbaue.
Was damit nicht verändert worden ist, ist der Glaube an ein privilegiertes Wissen. Und seltsamerweise wird damit die Naturwissenschaft, die einst für die Frauen zugänglich gemacht werden sollte, häufig unattraktiv. Diese bleiben wiederum Domänen der Männer, wenn sie auch jetzt in ganz andere Glaubensüberzeugungen eingepackt wird. Frauen sind weiterhin emotionaler, Männer verstehen weiterhin mehr von Technik; und genauso bleiben die Toiletten geschlechtsspezifisch getrennt.
Ein anderes Beispiel findet man in der Debatte der Inklusion. Behinderte Kinder müssen weiterhin besonders behandelt werden, auch wenn dies von der Annahme ausgeht, dass die einen Menschen wegen ihrer Behinderung weniger lernen können, andere Menschen dagegen lediglich Zeit und Interesse brauchen, um alles tun und lassen zu können. Ob diese Einteilung sinnvoll ist, wird zwar häufig debattiert. Im alltäglichen Gespräch bietet unsere Kultur allerdings so viele passende Wörter und semantische Oppositionen an, dass man fast automatisch wieder bei einem Diskurs der Normalität und Normalisierung landet.
Auch Inklusionsschulen legitimieren sich dadurch, dass sie bestimmte Menschen inkludieren, nämlich solche, die man vorher als Behinderte erkannt hat.

Hegemoniale Effekte

Institutionen

An Institutionen kann man wohl am besten sehen, wie sich bestimmte zentrale Funktionen und gesonderte Begrifflichkeiten in Subkulturen transformieren. Wenn die Schulbehörde durch ihre Amtsverordnungen und den Rahmenlehrplan ein Bündel von Begriffen schafft, heißt dies noch lange nicht, diese Begriffe genau so in einer Schule benutzt werden. Oftmals ist es ja so, dass auch solche Amtssprachen im Zustand der Vorbegriffe hängen bleiben. Sie schaffen sich einen künstlichen, nicht natürlich gewachsenen Alltag. Wie dieser dann individuell aufgefüllt wird, den Institutionen selbst überlassen. So findet man dann auch recht unterschiedliche Ausprägungen, wie Schulen die Inklusion zu verwirklichen gedenken.
Wichtig dabei ist allerdings, dass die Schulbehörde bestimmte Voraussetzungen schafft, die nicht weiter diskutiert werden können. In der je einzelnen Schule wird dann die konkrete Handhabung darauf abgestimmt; und auch hier bilden sich dann bestimmte Rituale und Praktiken aus, die fortwirken und nicht mehr hinterfragt werden können.

Am Rand des Schweigens

Aristoteles nannte die Abkürzungen von Argumentationen Enthymeme, etwas, was vor einigen Jahren in der Coaching-Szene unter dem Begriff „geheime Glaubensüberzeugungen“ Karriere machte. Solche Enthymeme lagern sich schweigend in eine Kultur ein begrenzen die Möglichkeiten des Denkbaren.
Hegemonien entstehen dadurch, dass es einen mehr oder weniger personalisierten Führer gibt, der einer Gruppe, einer Gemeinschaft, gelegentlich auch einer ganzen Nation die Marschrichtung vorgibt (eine hübsche Metapher, wunderbar militaristisch). Anscheinend sind aber solche Führer dicht an dem gelagert, was sie auszuschließen gedenken, gleichsam nur durch eine Negation getrennt.

Alltagserzählungen

Alltagserzählungen bieten die Gelegenheit zu berichten, was in einer Gesellschaft funktioniert und was nicht. Sie zerstreuen durch Anekdoten den Blick auf die hegemonialen Effekte.
Zugleich aber offenbaren sie für den kritischen Geist auch wieder die Durchsicht auf diese Mauern des Schweigens. Wenn die Wiederholung, wie ich oben gesagt habe, tatsächlich die Erzählung konstituiert, dann konstituieren die spezifischen Wiederholungen innerhalb einer Kultur die spezifischen Erzählungen. Und da sich die Führung einer Kultur nicht ohne die Übernahme bestimmter Wiederholungen übernehmen lässt, führen sich hier die Führerpersönlichkeiten und die jeweilige Subkultur gegenseitig, oftmals im Unverstand.
Es lohnt sich also, den alltäglichen Textmustern zu lauschen, den Erzählungen von der kranken Mutter, den Bevorzugungen bestimmter Verhaltensweisen von Kindern als Thema zwischen Kollegen, und so weiter. So setzen sich, durch die Wiederholungen, auch die Dinge durch, über die man nicht spricht.

Die kritische Kultur

Besonders einprägsam beim Gegenbegriff zur automatisierten Wiederholung zu sehen, der Kritik. Schließlich ist die Kritische Schule so unkritisch geworden, dass sie die Kritik der kantschen Kritik an sich selbst wiederholt fand. Jede kritische Schule findet ihre blinden Flecken in den Methoden, die sie wiederholt und die sie verbreitet. Und jede Institutionalisierung der Kritik fördert solche Wiederholungen. Dies konnte man in den letzten 15 Jahren einprägsam bei der Kritischen Kriminologie als auch bei dem kritischen Potenzial des Feminismus sehen. In der Kritischen Kriminologie zitiert man oftmals nur noch sich selbst. Ähnlich, wie in der Coaching-Szene bestimmte Überzeugungen, oftmals auch Fehler, so weitergetragen werden, werden die Mythen der Kriminalisierung ohne Umschweife übernommen (ganz so wild allerdings ist es nicht: tatsächlich finden sich immer noch hervorragende Menschen, die die Struktur der eigenen Theorie reflektieren und ihre Begrenzungen verstehen).

Narrative Intelligenz

Ob es sich bei der narrativen Intelligenz um eine Intelligenz handelt, ist allerdings fraglich. Basiert die Narration tatsächlich auf der Fähigkeit, etwas zu wiederholen und vor allem automatisiert zu wiederholen, und ist Intelligenz vor allem daran zu messen, wie schnell etwas verstanden werden kann, dann ist die narrative Intelligenz die Fähigkeit, sich besonders rasch in eine Gemeinschaft zu integrieren, also auch in eine Gemeinschaft, die ihre blinden Flecken erzeugen muss, die ihre hegemonialen Effekte hat.
Dann aber handelt es sich bei der narrativen Intelligenz tatsächlich um die Fähigkeit, sich durch Wiederholungen zugleich auf die blinden Flecken einzulassen, mithin also eigentlich nicht um das, was wir als Intelligenz verstehen.

Kulturen in Bewegung

Auf dieser Aporie muss man sich dann wohl einlassen: handelt es sich bei der Fähigkeit zur Narration tatsächlich um eine Art Intelligenz, dann ist diese zugleich mit und gegen Kultur gerichtet, als ein stetiges Neu-aushandeln von dem, was verändert wird und was bleibt, wobei andere Kulturen gerade dadurch interessant werden, weil sie auf die Blindheit der eigenen Kultur hinweisen können. Kulturelle Kompetenz ist zugleich interkulturelle Kompetenz.
Kultur sei Mischung, so habe ich es einst in einem Interview gelesen. Mischung, fragte der Interviewende, wovon? Die Antwort war: Von Kultur. (Allerdings muss man hier auf die doppelte Bedeutung des Begriffes der Kultur hinweisen: auf der einen Seite betrifft die Kultur einen Sprachraum, auf der anderen Seite den einer Gemeinschaft. In der Gemeinschaft wird die Kultur im deutschen Sprachraum gerne auch als Subkultur bezeichnet. Und tatsächlich macht dies Sinn, denn in dem zitierten Interview scheint nichts anderes behauptet zu werden, als dass sich Subkulturen beständig mischen und neue Subkulturen bilden.)

12.05.2015

Formen der Aneignung: Band, Pendel, Kreis

In der Auseinandersetzung mit der Lernpsychologie bin ich (wieder einmal) am Systematisieren. Meine Vorliebe für Autoren wie Gaston Bachelard, Roland Barthes oder Hans Blumenberg dagegen führt mich immer wieder zu vergleichbaren Gegenständen, oder wie hier, zu analogen Formen der Mechanik. Auf dem Rückweg von der Arbeit hat mich nämlich folgendes Bild bedrängt. Es bildet zugleich den Ausgangspunkt für den Vergleich von drei sehr ähnlichen Lerntheorien. 

Das Pendel im Sand

Mein Onkel besitzt eine Art Meditationsspiel. Dieses besteht aus einer flachen Schüssel aus Sand, über die ein metallener Bogen gespannt ist. Im Zenit dieses Bogens befindet sich eine Schlaufe, in der ein Pendel hängt. Am unteren Teil des Pendels zieht ein Gewicht, welches nach oben hin kugelförmig, nach unten hin einen Zylinder bildet, und dessen Spitze in den Sand hineinragt. Durch Bewegung des Pendels zeichnet dieses dann regelmäßige Kreise, die zunehmend enger werden und dadurch eine kreisförmige oder elliptische Spirale hinterlassen. 

Piaget: das Band der Assoziation

Betrachtet man die primitive Auffassung, die in vielen Lernpsychologien von der Theorie Piagets gelehrt wird, dann ist die Verknüpfung zwischen dem Ankerpunkt und dem Pendel der Assoziation gleichzusetzen, die das Gehirn zwischen zwei verschiedenen Reizen zieht. Die Reize werden durch Wiederholung verknüpft und die Verknüpfung gefestigt. 

Leroi-Gourhan: das Pendel der Tätigkeit

Vorausgeschickt werden muss, dass die folgenden Passagen sich keineswegs nur auf den französischen Paläontologen Leroi-Gourhan beziehen. Seit ich diesen Mitte der neunziger Jahre kennengelernt habe, habe ich viele weitere Passagen entdeckt, in denen das Lernen als Pendel dargestellt wird. Insofern beansprucht dieser Autor nur eine subjektive Wichtigkeit.
Statt der Assoziation stellt Leroi-Gourhan die Tätigkeit in den Mittelpunkt, die zwischen einem menschlichen Bedürfnis und der kulturellen Umgebung hin- und herläuft. Dabei werden die durchlaufenden Tätigkeiten gefiltert, verkürzt und möglicherweise symbolisiert. Unschwer erkennt man hier die Bewegung der Pendelspitze im Sand in einer immer engeren, aber gleichförmigen Bewegung. Übrig bleibt allerdings der Rhythmus nicht zwischen Handeln und Denken, sondern der zwischen Verinnerlichung (Interiorisation) und Veräußerlichung (Exteriorisation), zwischen sich selbst und die Umwelt verändern.
Unschwer lässt sich auch erkennen, dass diese Art der Betrachtung die Wiederholung, die bei Piaget zu der Verknüpfung zwischen zwei Reizen führt, weiter auflöst und dabei das „kognitive Potenzial“ aus der Innerlichkeit des Menschen herausholt und es gleichsam dicht unter der Oberfläche lokalisiert. 

Schopenhauer: der ethologische Kreis

Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, diesen Austauschprozess als Kreis zu denken. Der Kreis oder Kreislauf, der die Grenze eines Systems überschreitet, um von dort aus wieder zurückzukehren, ist natürlich ein Ideal. Entfaltet man diesen Kreis zeitlich, entsteht eine Sinuskurve, die nichts anderes als ein Rhythmus ist, auf dem sich bestimmte Punkte wiederholen. So schematisiert umfasst der Kreis die beiden anderen Modelle.
Er bildet auf der einen Seite den grenzüberschreitenden Austausch ab, auf der anderen Seite erklärt er, warum bestimmte Phänomene des Lernens dem biologischen Gedächtnis zuzuschlagen sind, andere dem kulturellen Gedächtnis, und warum diese beiden ineinandergreifen, ohne sich ähnlich sein zu müssen. 

Das ist der Daumen

Nehmen wir zur Illustration das viel zitierte Beispiel vom daumenlutschenden Säugling.
Nach Piaget werden die taktilen Empfindungen des Daumens im Mund mit dem Wohlgefühl assoziiert. Folgt man dagegen Leroi-Gourhan, etabliert sich hier vor allem ein Rhythmus auf der Grundlage dieser Assoziation, die nach und nach zu einer Reinigung und/oder Ergänzung dieses rhythmischen Austausches führt. Schließlich wird daraus ein Kreislauf, der über die Haut und die Sinnesorgane hinweg einen Austausch und zugleich eine Ausformung und gegenseitige Ergänzung von biologischem und kulturellem Gedächtnis ermöglicht. Der Daumen ist insofern ein Stück „kulturellen“ Gedächtnisses, als er der psychischen Verarbeitung äußerlich ist, auch wenn er evolutionär dem menschlichen Gehirn vorausgeht. Zugleich zeigt dieses Beispiel, dass der Daumen als äußeres Gedächtnis und das Wohlgefühl als inneres keine Ähnlichkeit miteinander haben, sich aber trotzdem ergänzen. 

Einführung in die Metakognition

Immer wieder bastele ich an dem Begriff der Metakognition herum. Diese scheint die Funktionen des äußeren Gedächtnisses übernehmen zu wollen. Damit einher geht aber auch die Doppeldeutigkeit: auf der einen Seite schafft die Metakognition eine Unabhängigkeit, die zugleich Kontrolle bedeuten kann; auf der anderen Seite aber besteht die Gefahr darin, dass durch sie korrigierende Prozesse des Austausches mit der Umwelt verloren gehen und das System gleichsam ohne äußere Störung in sich leer läuft (schon Kant schrieb, dass das Tagebuchschreiben Grillenfängerei sei und ins Irrenhaus führe).
Insofern ist der Begriff der Metakognition durchaus widersprüchlich. Nimmt man zum Beispiel die ganzen Techniken der Dokumentation und der individuellen Erinnerungshilfen (wie zum Beispiel die Kalender, die fast jeder Mensch mittlerweile auf seinem Computer oder iPhone besitzt), dann ersetzen diese natürlich nicht die kulturelle Umwelt: Gerade diese nutzen sie ja. Doch unter dem Siegel der Privatheit oder des Datenschutzes werden hier kulturelle Prozesse unterbrochen. Das soziale Gedächtnis beruht zwar immer noch auf Artefakten und Symbolen, ist aber zugleich privat geworden, da es nur noch einem einzigen Menschen zugänglich ist.
Wenn die Metakognition allerdings zunächst Unabhängigkeit von bestimmten Kreisläufen zwischen Mensch und Umwelt bedeutet, dann ist die Möglichkeit, diese Unabhängigkeit von Anfang an zu erlangen, zugleich ein qualitativer Einschnitt in die Metakognition, die diese möglicherweise in etwas ganz anderes verwandelt (auch wenn ich nicht weiß, was).

10.05.2015

Cloud und OneNote

Nein, Zeit habe ich immer noch nicht.
Doch zumindest ist jetzt mein neuer Computer da, sprich mein Laptop. Und von dem habe ich am Donnerstag und Freitag ausgiebig profitiert.
Meine Klasse ist ja etwas wilder. Am Freitag habe ich ihnen dann, nachdem sie den Klassenraum aufgeräumt haben, ein kleines Video gezeigt, mein Lieblingsvideo von den Spacefrogs.

Angenehm ist auch, dass ich jetzt einen Internetanschluss habe. Auch wenn der Empfang teilweise aussetzt.

Über meine Cloud kann ich meine ganzen Unterrichtsmaterialien sowohl in der Schule als auch zu Hause bearbeiten. Das war bisher ein größeres Problem. Bisher musste ich immer an den schuleigenen Computer gehen, dessen Textverarbeitungsprogramm mit meinem nicht kompatibel war.
Am besten aber ist, dass ich alle meine Aufzeichnungen auf OneNote jetzt auch in der Schule nutzen kann. So kann ich meine Planungen für den Unterricht direkt eintippen und mit Bildern und Texten versehen. Ob das eine große Arbeitserleichterung wird, weiß ich noch nicht. Zumindest kann ich aber meine freien Zeiten besser nutzen. Hoffe ich.

03.05.2015

Keine Zeit zum Schreiben

Der letzte Monat hat mich in Atem gehalten. Dabei bin ich kaum zu irgendwelchen Sachen gekommen, die nicht mit Schule zu tun haben. 

Stationenarbeit

Nun habe ich in den Osterferien meinen Kreisraum aufgeräumt und es sogar geschafft, eine Seite von seinen Regalen freizuräumen, so dass mein Kreisraum wesentlich geräumiger ist. Sinn und Zweck war auch, diesen für eine differenziertere Stationenarbeit zu nutzen. Das werde ich hoffentlich demnächst auch mal verwirklichen können. Derzeit bin ich mit meiner Differenzierung noch unzufrieden. 

Ein Laptop

Nachdem mein Tablet seinen Leistungen doch etwas mager ist, vor allem kann ich nicht auf die Microsoft-Dateien auf meiner Cloud zurückgreifen, habe ich mir jetzt, nach vielen Jahren mal wieder, ein Laptop gekauft. So werde ich hoffentlich rascher auf mein Unterrichtsmaterial zurückgreifen und gelegentlich auch mal im Zug arbeiten können. 

Vorrat an grundlegenden Bildern

Ich habe in den letzten zwei Monaten, sofern ich Zeit hatte, nach grundlegenden Bildern im Internet gesucht, nachdem ich damit vor Jahren in meiner alten Klasse zahlreiches Unterrichtsmaterial damit gestaltet habe. Diese Aufgabe ist mittlerweile fast erledigt. Und diesmal habe ich sie, durch meine gewachsene Erfahrung mit Bildbearbeitungsprogrammen, auch so gründlich behandelt, dass die Bilder in zahlreichen Größen verwendet werden können.
Besonders für die Übungen zur Kommasetzung werde ich sie gebrauchen können. Als Stützmaterial sind sie auf jeden Fall sinnvoll. Und auch für die Behandlung von LRS hatte ich sie damals umfangreich einsetzen können. 

Lesen

Aber ich darf mich nicht beschweren. Ich konnte auch eine ganze Menge lesen. So habe ich unter anderem Tropen (Rilke) von Paul de Man aus seinem Buch Allegorien des Lesens gelesen, von Jürgen Oelkers Verstehen als Bildungsziel aus dem von Luhmann und Schorr herausgegebenen Sammelband Zwischen Intransparenz und Verstehen, dazu habe ich es immerhin geschafft, das erste Teilkapitel aus dem ersten Kapitel des Buches Kulturen der Empathie durchzukommentieren. Ich bin dort immerhin auf Seite 22. Tatsächlich ist das gar nicht so wenig. Zu den von mir zitierten Passagen kommt in etwa noch die doppelte Menge an weiterführenden Gedanken.
Zudem habe ich nebenher weitere Dateien angelegt, da diese in meiner Kommentierung des Buches keinen Platz mehr gefunden haben, so einiges zu Wittgenstein und Hannah Arendt, Walter Benjamin und Leon Wurmser, Antonio Gramsci und Alfred Lorenzer.
Bedenkt man, dass mich das Thema der Nachahmung/Mimesis schon einmal ausführlich beschäftigt hat, ist meine derzeitige Arbeit sogar ziemlich mager. Schaut man sich allerdings an, was sich sonst noch so gemacht habe in den letzten Wochen, bin ich sogar recht fleißig gewesen. 

Netbeans

Ich habe es sogar geschafft, letzte Woche zwei Stunden Java zu programmieren. Nachdem ich eine dreijährige Pause gemacht habe, dachte ich, es sei vieles verschwunden. Tatsächlich war alles aber sofort wieder da: mittlerweile habe ich einige einfache Programme geschrieben, mit denen ich bestimmte Algorithmen ausprobieren kann.

10.04.2015

Gemeinsame Ziele, die Zone der nächsten Entwicklung und Inklusion

Wenn es mir nicht gut geht, fällt es mir schwer, meine Spekulationen zu veröffentlichen. Geht es mir gut, empfinde ich Spekulationen als hilfreich. Ich hatte mich wohl in den letzten Tagen ein wenig zu sehr in bestimmte, für mich nicht lösbare Probleme vergraben. Heute hat mich, und dafür muss ihr danken, Marlies aus diesem Nicht-Dialog herausgeholt.

Gleichklang im Ego-Tunnel

Evolution und Empathie

In seinem Buch Der Ego-Tunnel schreibt Thomas Metzinger:
Natürlich hat Intersubjektivität nicht nur mit dem Körper und mit Gefühlen zu tun, auch das Denken spielt eine Rolle. Vernunftbasierte Formen der Einfühlung scheinen wieder andere Teile des Gehirns einzubeziehen — insbesondere den ventromedialen präfrontalen Kortex. In jedem Fall hilft uns die Entdeckung der Spiegelneuronen zu verstehen, dass Einfühlung ein ganz natürliches Phänomen ist, das wir im Verlauf der biologischen Evolution Schritt für Schritt erworben haben.
(250)
Wir müssen also verstehen, dass die Empathie keine göttliche Eigenschaft ist und auch keine bedingungslose, sondern dass sie sich im Laufe der Evolution unter bestimmten Bedingungen entwickelt hat und offensichtlich in gewissen Milieus zu selektierenden Vorteilen geführt hat.

Dominanzwechsel, Funktionswechsel

Wenn man heute von der Evolution spricht, greift man zunächst auf die drei Gesetze zurück, die Charles Darwin herausgearbeitet hat: Variation, Selektion und Restabilisierung. Nun ist ein weiteres Geheimnis der Evolution, dass sie nicht auf Merkmale Auswirkungen gehabt hat, sondern auf Funktionen im Organismus. Die Merkmale drücken nur diese Funktionsänderungen aus. Insofern es Merkmale sind, die den Bezug zur Umwelt verändern, verändert sich durch sie natürlich auch die Organismus/Umwelt-Anpassung.
Jedenfalls kann man heute relativ genau bestimmen, ab wann ein Merkmal eine andere Funktion ermöglicht und schließlich ganz in die Erfüllung dieser Funktion hinüber wechselt. Wenn ein Merkmal eine andere, dominante Funktion ermöglicht, aber die alte noch nicht aufgibt, spricht man von einem Dominanzwechsel. Wird die alte Funktion dagegen mehr oder weniger aufgegeben, handelt es sich um einen Funktionswechsel. Ein typisches Beispiel dafür liefert uns Metzinger etwas weiter unten:
Genau wie bei Federn, die sich zuerst »für« die Wärmeisolation entwickelten und später den Vögeln das Fliegen ermöglichten, …
(252)
Ein anderes Beispiel ist der Hals der Giraffe. Hat dieser zunächst die Nahrungsaufnahme von höheren Sträuchern erlaubt, konnte die Giraffe dann mit ihm über weite Strecken hinweg spähen und so mögliche Feinde entdecken. Weder das Federkleid der Vögel noch der Giraffenhals haben die ursprüngliche Funktion aufgegeben. Bei den Vögeln allerdings hat sich ein Dominanzwechsel vollzogen; bei den Giraffen nicht.

Selbstmodell, phänomenales Selbst und verkörperte Simulation

Davon ausgehend lässt sich die folgende Passage aus Der Ego-Tunnel besser verstehen:
Erst entwickelten wir das Selbstmodell, weil wir unsere Sinneswahrnehmungen mit unserem körperlichen Verhalten verbinden mussten. Dann wurde dieses Selbstmodell bewusst, und das phänomenale Selbst wurde in den Ego-Tunnel hineingeboren, was uns erlaubte, eine globale und wesentlich selektivere und flexiblere Form der Kontrolle unseres eigenen Körpers zu erreichen dies war der Schritt von einem verkörperten natürlichen System, dass ein inneres Bild von sich selbst als einer Ganzheit besitzt und benutzt, zu einem System, dass diese Tatsache zusätzlich auch noch bewusst erlebt. Der nächste revolutionäre Schritt war dann das, was Vittorio Gallese, ein Kollege von Rizzolatti in Parma und einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, verkörperte Simulation genannt hat. Damit wir die Gefühle und Ziele anderer Menschen verstehen, benutzen wir unser eigenes Körpermodell im Gehirn, um sie zu simulieren.
(250)
Hören wir uns diese Passage dahingehend an, welche Stationen die Entwicklung der Empathie durchlaufen hat: (1) zunächst die Koordination sensorischer und motorischer Muster; (2) die Bewusstheit dieser Koordination und damit die mögliche Kontrolle und (3) schließlich die Simulation von bestimmten Vorgängen in der Umwelt.

Kontrolle und Zweck

Psychologisch gesehen kann man denselben Prozess mit anderen Begriffen rekonstruieren. Die Bewusstheit des Selbstmodells ermöglicht die kontrollierte Manipulation der Umwelt und damit die Ausbildung von Zielen und Zwecken. Nun scheinen die Menschen nicht direkt die Handlungen zu teilen, sondern vor allem die Ziele, während die Zwecke wohl kognitiv rekonstruiert werden:
Wie aktuelle Daten aus der Neurowissenschaft zeigen, durchbricht dieser Vorgang auch die Grenze zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten. Ein beträchtlicher Teil dieser ständig ablaufenden Spiegelaktivität geschieht außerhalb des Ego-Tunnels, und deshalb haben wir davon auch keinerlei subjektive Wahrnehmung. Zeit zu Zeit jedoch, wenn wir unsere Aufmerksamkeit zielt auf andere Menschen richten oder soziale Situationen analysieren, spielt auch das bewusste Selbstmodell eine Rolle. Insbesondere können wir, wie bereits festgestellt, gleichsam unmittelbar verstehen, dass jemand anders vorhat — es ist fast so, als ob wir es direkt sinnlich wahrnehmen. Oft »wissen wir einfach«, welchen Zweck ein anderer mit seinem Handeln verfolgt und in welchem Gefühlszustand er sich wahrscheinlich befindet. Begreifen auf dieselben internen Ressourcen zurück, die uns unsere eigenen Zielzustände zu Bewusstsein bringen, um automatisch zu entdecken, dass andere ebenfalls Zielgerichtetheit Entitäten sind und nicht bloß sich bewegende Gegenstände in unserer Umwelt. Wir können sie als Egos erleben, weil wir uns selbst als Egos erleben.
(Der Ego-Tunnel, 250 f.)

Zwecke und geteilte Aufmerksamkeit

Betrachten wir noch einmal das Emulationslernen. Säuglinge besitzen noch kein Körperschema, bzw. kein phänomenales Selbst. Sie können noch nicht nachahmen. Die erste Sozialität, die deutlich kognitiv ist, ist die geteilte Aufmerksamkeit; man kann dies häufig in der Interaktion zwischen Elternteil und Kind beobachten: das Kind beschäftigt sich mit etwas und das Elternteil schaut zu, um gegebenenfalls einzugreifen, zum Beispiel wenn der Gegenstand aus den Händen des Säuglings entgleitet. Zugleich bildet sich hier ein gemeinsamer Zweck aus, zwar vom Säugling noch nicht mit dem Erwachsenen geteilt werden kann, den der Erwachsene aber stützend übernimmt: dies ist die intensive Beschäftigung mit einem Gegenstand.
Später „hilft“ das Kleinkind den Erwachsenen bei bestimmten Tätigkeiten. So hat mein Sohn mir gelegentlich beim Ausräumen der Einkaufstüten geholfen. Er hat begriffen, dass viele der Lebensmittel in den Kühlschrank gehören und hat dann ganz selbstverständlich alle Sachen aus dem Rucksack dorthin weggeräumt.

Dialog, Bedeutung und Ziel

Bedeutungskörper

Der Bedeutungskörper eines Wortes, so hatte ich neulich geschrieben, wird durch seine Übersetzungen konstruiert. Wichtig sind also die leichtgängigen und schwierigen Nachbarschaften, zu denen ein Wort verbunden wird. Denkt man sich solche Übersetzungen als Operationen und Operationen als kognitiv abgebildete Handlungen, dann kann man die nämlichen Bedeutungskörper auch für alle Gegenstände in der Welt annehmen, insofern die Gegenstände im Gehirn genauso projeziert werden wie Wörter. Damit ist auch die interpretatorische Leistung von Handlungen bestimmbar: ein Gegenstand wird insofern interpretiert, als er durch eine Handlung in etwas anderes übersetzt werden kann.

Das Areal F5

Im Gehirn findet sich eine Art Äquivalenz zur handelnden Übersetzung. Dies ist das Areal F5, zumindest beim Affen. Deren Funktion beschreibt Rizzolatti Empathie und Spiegelneurone folgendermaßen:
Die Mehrheit ihrer Neurone codiert nicht einzelne Bewegungen, sondern motorische Akte, also Bewegungen, die durch ein bestimmtes Ziel koordiniert sind.
(37)
Hierin kann man die Bevorzugung gemeinsamer Ziele vor der Nachahmung sehen. Ziele entstammen den assoziativen Bereichen des Gehirns, sind also mehr oder weniger umweltabhängig. Sie können auf anderen Wegen als durch die Nachahmung entstehen, zum Beispiel durch Unterricht und durch Weitergabe von Informationen mittels der Sprache.
Die Bewegungen selbst dagegen werden wohl erprobt. Sie lassen sich erst hinreichend durch einen Gesprächspartner erklären, wenn man bereits ein ausgeprägtes phänomenales Selbst erworben hat.

Ziel und Aufmerksamkeit

Gemeinsame Ziele verlangen eine gewisse gemeinsame Aufmerksamkeit und damit eine Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf das Ziel. Betrachten wir uns noch einmal das Beispiel von dem Säugling, der durch das Elternteil bei der Untersuchung von Gegenständen unterstützt wird, so zeigt dieser zunächst eine Aufmerksamkeit, während das Elternteil hat, diese Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.
Das Kind kann dann aber lernen, eine gemeinsame Aufmerksamkeit zu erwarten das Elternteil in dieses Spiel mit einzubeziehen. Dann wird zum Beispiel der Gegenstand mutwillig weggeworfen, zu sehen, ob das Elternteil diesen wie gewohnt zurück gibt. Damit verlagert sich aber auch das Ziel von der Interaktion mit dem Gegenstand zu der Interaktion mit dem Elternteil und damit in Richtung eines „echten“ Dialogs.

Dialog und Bedeutung

Insofern das Kind mit Menschen in seiner Umgebung in einen Dialog tritt und hierbei Gegenstände einbezieht (aber, wie Schopenhauer sagt, ist der Leib zwar ein besonderes Objekt, aber doch nur ein Objekt [siehe Die Welt als Wille und Vorstellung I, 42]), wird die Bedeutung dieser Objekte daran erfahren, welche Handlungen an ihm vorgenommen werden.
Dabei lässt sich der Dialog durchaus wiederum mit den evolutionären Mechanismen betrachten: Kinder variieren ihre Bewegungen anhand eines Objektes, wählen dann bestimmte Handlungen aus und stabilisieren diese durch Wiederholungen. Die Variation dieser Handlungen kann aber auch von außen initiiert werden, zum Beispiel im fördernden Dialog, der dem bisherigen Spiel des Kindes neue Impulse gibt. Impulse sind Variationen, zumindest für das Kind; diese können durch Hinweise und Ermutigungen weiter ausgewählt werden. Schließlich können die möglichen Handlungen übernommen und übertragen werden.
Im Dialog gewöhnen sich Kinder demnach an ähnliche Bedeutungskörper, weil sie die je spezifischen Übersetzungen von Objekten nachbilden oder nachahmen. Damit ließe sich erklären, warum der Dialog und die geteilte Aufmerksamkeit eine so wichtige Rolle im pädagogischen Prozess bilden.

Die Zone der nächsten Entwicklung

Die Zone der nächsten Entwicklung bezeichnet Umgang mit einem Gegenstand, den ein Schüler noch nicht alleine ausführen kann. Es ist zugleich die Zone des Dialogs. Nach Vygotskij wird dieser Dialog nach und nach verinnerlicht, so dass er zu einer Erweiterung der Kompetenzen eines Menschen führen, zu einer Verschiebung der Zone der nächsten Entwicklung und zu einer Veränderung des Dialogs.
Wir können jetzt aber sagen, dass dieser Dialog vermutlich nicht gelingt, wenn es nicht ein gemeinsames Ziel gibt. Und wir können weiterhin sagen, dass für diesen Dialog die geteilte Aufmerksamkeit ebenso eine Voraussetzung ist. Drittens kann man vermuten, dass es dem Erwachsenen, bzw. dem Erfahreneren zukommt, herauszufinden, für welche Aufmerksamkeit ein Kind im Moment zu haben ist und dort die gemeinsame Tätigkeit zu suchen.

Dominanzwechsel

Weiter sollte man in diesem Dialog bisherige Funktion stützen, dabei aber darauf achten, dass eine andere Funktion dadurch nach und nach entstehen kann.
So lernt man mit Kindern zunächst die referentielle Funktion von Wörtern, zum Beispiel dass Nomen auf Gegenstände zeigen (wobei klar ist, dass das Kind später auch lernen muss, dass es Nomen gibt, auf die nicht einfach gezeigt werden kann, weil diese zu abstrakt sind, oder weil diese Ideen bezeichnen), Verben auf Tätigkeiten und Vorgänge (und später auch auf die Abwesenheit von Vorgängen, wie zum Beispiel ruhen oder warten), Adjektive auf Eigenschaften, usw.
Schon vorher sprechen Kinder allerdings in ganzen Sätzen. Darauf aufbauend können dann die Funktionen von Wörtern in Sätzen gelernt werden. Diese sind dann schon wesentlich grammatikalisch. Grammatikalisch darf man hier im weitesten Sinne verstehen als analog zu einer Vorstellung, die ich mir von etwas Komplexen (einem Gefüge, einer Situation, einer Komposition) machen soll.
Sind zunächst die Wörter dazu da, um Sachverhalte zu benennen, können sie jetzt mehr und mehr Vorstellungen erzeugen oder Komplexe abbilden und zusammenfassen. Die ursprüngliche Funktion wird nicht aufgehoben, doch je nach Textmuster überwiegt die eine oder die andere Funktion.

Inklusion

Das Teilen eines gemeinsamen Gegenstandes oder Themas erzeugt Dialoge. Niklas Luhmann schlägt auf der Sachebene der Kommunikation die Differenz von Themen und Beiträgen vor (Soziale Systeme 213). Damit kann man sagen, dass das gemeinsame Thema eine wichtige Voraussetzung für den Dialog und damit für das gemeinsame Lernen ist. Luhmann weist allerdings auch darauf hin, dass Beiträge nicht einfach nur ein Teil eines Themas sind, sondern in wesentlich komplexere Bezüge eingebunden sind. So gibt es bei bestimmten Themen Thematisierungsschwellen, die bestimmte Beiträge als verletzend oder obszön ausschließen. Themen koordinieren also die Beiträge.
Eine der wesentlichen Aufgaben eines Pädagogen die Aufmerksamkeit für solche Thematisierungsschwellen. Es gibt Kinder, die solche Schwellen bewusst missachten, um sich über den Konflikt in den Mittelpunkt zu stellen. Und andere Kinder können zu solchen Themen wenig beitragen, weil es ihre Kenntnisse oder ihre Fähigkeiten übersteigt.
Inklusion bedeutet, Themen zu finden, die für einen Dialog günstig sind. Es gilt allerdings, gemeinsame Bedeutungskörper zu erkunden. Solche Bedeutungskörper wiederum konstruieren sich nur in einer Gemeinschaft. Insofern bestehen Inklusionen nur lokal und nur dort, wo Themen und Beiträge in ein spannungsreiches Spiel gebracht wird.

09.04.2015

Die aktive Interpretation der Welt

Ich bin immer noch von dem Gedanken sehr angetan, dass sensomotorische Muster sehr viel stärker interpretierend sind, als man bisher angenommen hat. Und dass es eine starke Verbindung zwischen motorischen Mustern und der Empathie gibt.
Doch ganz so neu ist diese Idee dann doch nicht. So schreibt Walter Benjamin in seinem frühen Aufsatz Der Moralunterricht:
Nebenbei sei bemerkt: die »spezifische Energie« des moralischen Sinnes, moralisches Einfühlungsvermögen wächst wohl nicht im Aufnehmen der Motivationen, des Stoffes, sondern nur in der Betätigung. Es besteht die Gefahr, dass der Stoff bei weitem die moralische Reizbarkeit übersteige und sie abstumpfe.
(Im übrigen ist dieser kurze, frühe Aufsatz durchaus sehr lesenswert. Er enthält noch weitere Gedanken, die die teilweise ungebremst harten moralischen Forderungen, die man heute lesen kann, in ein ganz anderes Licht rücken.)

Selbstverliebtheit und Empathie

Selbstverliebtheit, so lese ich gerade, breite sich geradezu epidemisch aus. Als Ursache wird angegeben, dass heute ein gesteigerter Erwartungsdruck auf den Kindern laste und dass Eltern gerade ihre eigenen Kinder für etwas ganz Besonderes hielten. (Und man höre hier, dass so etwas ähnliches an Montessori-Schulen propagiert wird, allerdings mit dem feinen, vielleicht entscheidenden Unterschied, dass zugleich der Wert des Zusammenseins betont wird.)

Narzissmus

Der Narzissmus, so der Artikel weiter, zeichne sich durch ›ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit‹, ›Glaube an die eigene Einzigartigkeit‹, ›Anspruchsdenken‹, ›Arroganz‹ oder ›Mangel an Einfühlungsvermögen‹ aus.
Dies allerdings scheint mir selbst eine grandiose Überbewertung zu sein. Grandios und überbewertet deshalb, weil solche Phänomene zu psychisch gedacht werden. So kann man doch heute ältere Menschen belauschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, und die jetzt, am Ende ihres Lebens, kaum mehr als vor sich hin vegetieren können. Haben solche Menschen etwa nicht das Recht auf ein gewisses Anspruchsdenken?
Oder wenn zum Beispiel jemand hochtrabend seine Fähigkeiten anpreist, während man gleichzeitig sieht, dass dieser Mensch gar nicht so toll ist, wie er behauptet, eventuell sogar, dass er durch seine Behauptungen unbedarfte Menschen verwirrt; wenn man einen solchen Menschen zurecht weist, ist das schon Arroganz?

Ein Totschlagargument

So gesehen ist der Vorwurf des Narzissmus' ein Totschlagargument, genauso wie der der Arroganz. Häufig gibt es von einem solchen Argument aus entweder die Unterwerfung, die einer Zustimmung des Argumentes gleichkommt, oder eines Widerspruchs, der aber dazu führen kann, dass der Vorwurf wiederholt wird und der Äußernde sich bestätigt fühlt.

Argumente

Und überhaupt die Argumente: die ganze Debatte um Kompetenzen hat doch dazu geführt, dass man das Maß für ihre soziale Entstehung und die Abhängigkeit solcher Kompetenzen (sie müssen beobachtet werden können) aus den Augen verloren hat. Ein ganz typischer Vorwurf ist zum Beispiel der der Erfahrung, den bestimmte Menschen hätten, weil sie lange in der Praxis gearbeitet haben. Meiner Ansicht nach ist das überhaupt kein Argument. Das Gegenargument lautet dann auch oft: betriebsblind. Unsere Gesellschaft leistet sich so verschiedenartige Argumente. Doch wie immer, wenn man auf diese semantischen Oppositionen trifft, kann man sich darauf verlassen, dass man einen dritten, prozesshaften Weg findet. Mindestens. Denn meist stehen hinter so klar entgegengesetzten Argumenten nicht nur einfache, ideologische Prozesse, sondern komplexe Zusammenhänge, die zahlreiche, teilweise nur kurzfristige Argumentationen zulassen.
So wenig das Wort objektiv noch eine Bedeutung hat, so wenig kann man sich mit dem Begriff der Praxisorientierung schmücken; und mit ein zentrales Problem der gender-Debatte ist nicht nur, dass angeblich die Männer genau wissen, was Frauen sind, sondern dass umgekehrt auch Frauen (zumindest bestimmte) wissen, was Männer sind. Dummheit und Blindheit kann man in diesem Fall wohl beiden Seiten vorwerfen.

Tunnelblick

Gehen wir davon aus, dass Stress einen Tunnelblick verursacht und dass mit dem Tunnelblick andere Menschen nur noch reduziert beobachtet werden, dann können wir von hier aus auf einen stärkeren Hang zur Verallgemeinerung schließen und damit auf einen Anschein einer stärkeren narzisstischen Persönlichkeit.
Mich hat gerade deshalb jener Artikel auch so verwundert, weil die Erforschung der Spiegelneuronen uns einen ganz anderen Menschen zeigt, als psychologische Untersuchung, die im Tagesspiegel zitiert wird. Wie denn nun? will man wissen. Ich habe nun keine schöne Theorie zu bieten, die das Verhältnis zwischen Narzissmus und Empathie ausformuliert, schon gar nicht auf der Basis der Spiegelneuronen. Aber vielleicht die Menschen gar nicht schlecht bestellt. Vielleicht ist es insgesamt nur der Stress, der hier zeitweilig für eine solche Irritation sorgt.

Kryptisch

Höre sich alles sehr spannend an, auch sehr kenntnisreich, aber wenn man es genauer verstehen wolle, sei es doch schon sehr kryptisch. — So äußerte sich gerade eben ein Leser zu meinem Blog. Ich bin überhaupt fasziniert, dass ich immer noch zum Schreiben komme. Tatsächlich sind meine letzten Beiträge etwas eilig zusammengeschrieben worden. Ich komme nur noch wenig dazu, mir Notizen zu machen, wenn ich Bücher lese.
Eines jedoch kann ich gerade sagen: Meine Erfahrungen der vergangenen Jahre verknüpfen sich massiv mit neuen Erfahrungen. Dadurch konzentriere ich mich häufig auf wesentliche Spannungspunkte und logische Strukturen. So ist es kein Wunder, dass ich manche Dinge komprimiert darstelle; und da es eine berufliche Schweigepflicht gibt, kann ich natürlich auch nicht berichten, woher mir mancher Gedanke kommt.

08.04.2015

Devianz

Die Diskussionen, die ich, wenn noch weitestgehend zunächst mit mir selbst, zu den Unterschieden zwischen mathematisch-logischer, narrativer und ethisch-politischer Argumentation geführt habe, hat mich auch immer wieder auf das Thema der Devianz, also des abweichenden Verhaltens, zurückgewiesen. Selbstverständlich gehört der Begriff der Devianz ganz zentral zu meinem Studium mit dazu: in der Sonderpädagogik spricht man sowohl im medizinischen als auch im sozialen Bereich von Devianzen (wenn auch mit ganz unterschiedlichen Vorausbedingungen für den Gebrauch dieses Wortes), gelegentlich auch im psychischen Bereich. 

Antigone

Judith Butler verdeutlicht die moralisch-rechtliche Devianz anhand der Figur der Antigone. Allerdings zeigt sie auch, dass diese Devianz nicht vollständig außerhalb der ethischen und politischen Normen liegt, sondern auf vielfältige Bezüge mit diesen beruht. Es ist, verfolgt man diese Argumentation genauer, nämlich ein Irrtum zu glauben, dass der Widerstand gegen den Staat ein einfacher, leicht zu handhabender Widerstand wäre; tatsächlich bedeutet ein solcher Widerstand, und ich denke, dass das Beispiel zum Beispiel der RAF dies sehr deutlich gemacht hat, dass von den Widerständigen die Bedeutung des Widerstands keineswegs beherrscht wird und er den größeren Diskursen innerhalb einer Gesellschaft automatisch unterworfen bleibt. Die Tragik der RAF, so könnte man sagen, war, dass sie das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie erreichen wollten. Statt den Staat überflüssig zu machen, haben sie seine Notwendigkeit unterstrichen.
Judith Butler schreibt also:
Antigone befindet sich nur teilweise außerhalb des Gesetzes, und so könnte man schließen, dass weder das Gesetz der Verwandtschaft noch das Gesetz des Staates die ihnen unterworfenen Individuen tatsächlich beherrscht. Gilt Antigones Devianz jedoch als Veranschaulichung der Unerbittlichkeit des Gesetzes und als Verdeutlichung der dialektischen Opposition, dann steht ihr Widerstand im Dienst des Gesetzes, dessen Unausweichlichkeit er belegt.

Objektivierende Kognition und subjektivierende Normierung

Hinter dem Problem der Devianz findet sich ein ganz anderes Problem, welches die Argumentationsweisen betrifft. Insofern man versucht, die Devianz wissenschaftlich zu untersuchen und sie objektiv darzustellen, objektiviert man auch die Menschen, die an einem solchen devianten Prozess teilhaben. Damit aber verleugnet man geradezu ihren Status als politische Akteure. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Egal wie berechtigt oder unberechtigt die Forderungen und Bedürfnisse dieser Menschen im Allgemeinen oder im Besonderen sind: als Objekte fallen sie aus der politischen Argumentation heraus und werden lediglich zu Voraussetzungen für solche.
Dreht man allerdings die Argumentation vollständig um und argumentiert politisch, so kann man gar nicht anders als von einer Normierung ausgehen, die den eigenen Standpunkt innerhalb einer Gesellschaft von Bürgern deutlich macht. Indem man das Gegenüber als Subjekt anerkennt, argumentiert man ihm gegenüber auch normativ. Denn, wie Hannah Arendt gezeigt hat, die politische Sphäre geht nicht von objektiven Verhältnissen zwischen Menschen aus, sondern von subjektiven, bzw. intersubjektiven. Es sind Verhältnisse der Macht.
Wenn Butler also von der Unausweichlichkeit spricht, dann lässt sich das auch als die Unausweichlichkeit des anderen Subjekts lesen, ebenso wie der Unausweichlichkeit des normierenden Verhältnisses zwischen den beiden politischen Akteuren, handelte es sich nun um zwei Menschen oder um einen Menschen und einen Staatsapparat.
Und ebenso lässt sich daraus schlussfolgern, dass es eine objektivierende Normierung nicht gibt. Tatsächlich ahnt man, wenn man sich Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ansieht, dass eine objektivierende Normierung ebenso wie eine subjektivierende Kognition den Bereich des Politischen vernichten und eben eine solche totale Herrschaft etablieren. 

Devianz als logische Form

Vielleicht ist das Unangenehme der Devianz nicht so sehr in ihren materiellen Wirkungen zu suchen, als in ihrer logischen Form. Sie scheint die leichtgängigen Logiken, in denen sich eine Kultur definiert und objektiviert, durcheinanderzubringen. Als logische Form bildet sie ein Zwischenreich zwischen Subjekt/Objekt und Kognition/Normierung, so dass sie weder der einen noch der anderen Seite wirklich zugehört und trotzdem an beiden teilhat.

07.04.2015

Empathiezonen

Nimmt man den Vorschlag von Breithaupt ernst, nämlich dass Empathie zunächst nur eine übersteigerte Annahme von Ähnlichkeit sei, also das, was man in der Entwicklungspsychologie eine Übergeneralisierung nennt, und weiterhin, dass sich Empathie sich dann bewährt, wenn darin Vorsichtsmaßnahmen, Grenzen und praktische Regulierungen eingebaut haben, dann kann man daraus eine ganze Reihe von spekulativen Schlussfolgerungen ziehen.

Vygotskij: Ursprünge im Dialog

Zunächst kann man aus Breithaupts Behauptung schließen, dass Empathie eine höhere kognitive Funktion ist. Ihre Wurzel beruht auf dem primitiven Mechanismus, ein bekanntes Merkmal auf ein unbekanntes Objekt zu übertragen, also zum Beispiel die eigenen Gedanken auf einen fremden Menschen. Der Witz an der ganzen Geschichte ist dann, dass hier, aufgrund der Fähigkeiten der Spiegelneuronen, unterhalb des Bewusstseins eine interpretative und zugleich motorische Regelung aufbaut, die zugleich die Fähigkeiten der Spiegelneuronen wieder einschränkt.
Diesen Lerneffekt kann man mit einer der zentralen Aussagen des russischen Psychologen und Neurophysiologen Lev Vygotskij erklären:
Ursprünglich war jede höhere [kognitive] Funktion von […] zwei Menschen geteilt, sie war ein gemeinsamer psychologischer Prozess.
Vygotskij: Ausgewählte Schriften. Bd. I, S. 329.
Dies müsste dann auch für die Empathie gelten. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass die Empathie bereits fix und fertig im Gehirn vorliege. Die Spiegelneuronen liefern nur die Basis für diesen Prozess, der ohne eine soziale Förderung vermutlich nicht zufriedenstellend ablaufen würde.

Bateson: Regelkreise

Man kann hier von mehr als nur Dialogen ausgehen. Dialoge entwickeln sich. Sie sind in Regelkreise eingebaut oder funktionieren nur aufgrund von Regelkreisen. Bateson schildert solche Regelkreise als Prozesse, die bestimmte Ausgangsinformationen weiterverarbeiten und dann in den Prozess wieder einführen, so dass sich solche Regelkreise (zum Teil) ihre eigenen Voraussetzungen erschaffen.
Dies wäre einfach, wenn es sich nur um einen einfachen Regelkreis handeln würde, bei dem die Elemente unkomplex auseinander hervorgehen. Typischerweise wird dies an iterativen Gleichungen vorgeführt, also zum Beispiel der Gleichung x = f (x) und hier f (x) = x2 definiert. Setzt man nun den Anfangswert x = 1.01, so erhält man bereits nach der zwölften Wiederholung für x einen Wert über 100. Wählt man dagegen den Anfangswert zwischen 0 und 1, konvergiert die Wiederholung gegen 0.
Doch solche mathematischen Rechenspiele zeigen nur, dass der Ausgangswert einen entscheidenden Einfluss auf die laufende Operation besitzen kann, ob es dann aber tatsächlich in einem komplexen Regelkreis so abläuft, davon gibt das mathematische Beispiel keinen Beweis.

Verinnerlichung und Rekonstruktion

Sollten solche Regelkreise tatsächlich im Dialog ablaufen, dann kann man bei lernenden Systemen davon ausgehen, dass sie diese Dialoge oder dialogischen Prozesse verinnerlichen. Hier muss man weiter vermuten, dass der Teil des dialogischen Prozesses, der nicht von dem Lernenden ausgeführt wird, von diesem nur rekonstruiert werden kann, so dass die Verinnerlichung zugleich eine Rekonstruktion darstellt. Die Rekonstruktion wird gegebenenfalls von der Umwelt korrigiert.

Probleme mit Regelkreisen

Abgesehen davon, dass man solche Funktionen nur schlecht beobachten kann (ihre Rekonstruktion ist aufwendig), wäre auch ein konkreter Regelkreis noch zu abstrakt, um Lernprozesse zu beschreiben. Meist greifen mehrere dialogische Prozesse ineinander und regulieren sich zusätzlich untereinander, so dass man hier insgesamt von einer hochkomplexen Struktur ausgehen kann. Regelkreise bieten dafür nur einfache Modelle an, die weniger eine wissenschaftliche Erklärung leisten, als dass sie ein Problem im Vorhinein begrenzen und dadurch lösbar machen. Sie sind also nichts anderes als wissenschaftliche Modelle und bieten genau die gleichen Leistungen wie andere Modelle; dies ist vor allem die Kanalisierung der Aufmerksamkeit und die Beschränkung der Fragestellung. Die objektive Wahrheit dagegen ist ihre Sache nicht.

Empathie und Dialog

Für die Empathie lässt sich zudem noch beobachten, dass sie nicht unabhängig von dialogischen Prozessen wirksam werden kann, in ihr also keine wirkliche Verinnerlichung möglich ist. Sie ist so etwas wie eine dialogische Metakompetenz. Man kann daraus schließen, dass Empathie keine rein psychische Funktion ist, sondern auch dann, wenn ein Mensch besonders empathisch ist, im Zustand der Kooperation und des Dialogs verbleibt.

Rückkehr in die Übergeneralisierung

Von hier aus lässt sich auch erklären, warum Empathie nicht „an sich“ funktionieren kann. Wenn sie nicht beständig korrigiert wird, gleitet sie in den Zustand der Übergeneralisierung zurück, die sich weniger als Förderung, denn als Zumutung bemerkbar macht.
Es muss also so etwas wie eine Art Meta-Empathie geben, die die Empathie überwacht und auf ihre blinden Flecken hinweist.

Oder doch keine Empathie?

Damit stellt sich die Frage, was von der Empathie übrig bleibt. Sie ist zunächst dialogisch; ihre Funktion muss beständig korrigiert werden. Doch genau dann könnte man auch die Empathie einfach als Fähigkeit bezeichnen, Dialoge zu führen, die darauf beruhen, bestimmte Ähnlichkeiten überzubewerten, diese Überbewertung aber prozesshaft einzusetzen und sie gegebenenfalls zu korrigieren.
Das alles hört sich kompliziert an. Ist es wohl auch. Der Dialog und dessen offene Begrenzung durch eine Art Bescheidenheit und eine wachsame Selbstkorrektur bilden im Abstrakten bereits ein kompliziertes Geflecht.

Empathiezonen

Es gibt noch eine weitere Vermutung, die ich hier zum Besten geben möchte, und die sich mehr aus der Beobachtung von Menschen denn aus psychologischen Modellen ableitet. Empathie gilt nicht überall und für alle Menschen, sondern nur in bestimmten kulturellen Zonen, so dass derselbe Mensch in einem bestimmten Kulturkreis (mit dem er kooperiert) empathisch sein kann, mit anderen Kulturkreisen allerdings nicht.
Typischerweise kann man dies zum Beispiel (auch wenn's klischeehaft ist) bei Männern und Frauen in einem Kollegium beobachten. Hier bilden sich gelegentlich Gruppierungen, die einander unterstützen, viel voneinander wissen und sich gegenseitig Vorteile zuschanzen. Damit werden zum Teil über oberflächliche Merkmale, über Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten Empathiezonen etabliert, die eher darauf hinauslaufen, bei wem die Empathie im Dialog beständig überwacht und korrigiert werden muss und bei wem nicht. Wenn der Grundansatz der Empathie Übergeneralisierung ist, dann ist es kein Wunder, dass sich hier für die Gruppe, bei der diese Selbstüberwachung empathischer Prozesse nicht greift, rasch Vorurteile bilden.

06.04.2015

Aberglaube, Nachahmung

Der Aberglaube überwintert in unseren Begriffen.
So schreibt Joachim Schulte auf Seite 53 in Chor und Gesetz.

Statt mich in Urlaub zu begeben war ich am Samstag shoppen. Ich habe einen Atlas zur Weltgeschichte erstanden, der hoffentlich meine Schüler interessieren wird. Außerdem habe ich, auf einem Ramschtisch, die Chroniken der Unterwelt, alle drei Bücher, von Cassandra Clare gekauft. Im selben Laden gab es ein tolles Mikroskop samt Zubehör und eine kleine Trickfilmwerkstatt. All das habe ich mitgehen lassen. Für noch nicht einmal 100 €.

Fast fertig gelesen habe ich mittlerweile das Buch von André Zimpel Einander helfen. Nein, nur gelesen, sondern auch in gewisser Weise gründlich durchkommentiert habe ich es. Zum einen konnte ich daran noch einmal die Beziehung zwischen den beiden Arten des Problemlösens (Mittel-Ziel-Analyse, Analogiebildung) und den Unterschieden zwischen naturwissenschaftlicher und ethisch-politischer Argumentation durcharbeiten, zum anderen das Verhältnis von Inklusion, Hegemonie, Konflikt und Willensbildung.
Meine Kritik an dem Buch vermehrt sich, verfeinert sich aber auch; und wenn ich hier von Kritik spreche, dann ist damit durchaus mitgedacht, dass sich eine Kritik irgendwann umwendet und den Kritiker zur Einsicht nötigt.

Angefangen zu lesen habe ich auch Kulturen der Empathie von Fritz Breithaupt. Alleine die Kernthese, bzw. vielmehr das Überdenken der Kernthese macht dieses Buch fruchtbar. Breithaupt geht davon aus, dass nicht die Ähnlichkeit zur Empathie führe, sondern die Überschätzung der Ähnlichkeit. Weiter untersucht er Mechanismen, wie diese Überschätzung kanalisiert, begrenzt und blockiert wird.
Dies alles steht bereits auf Seite 15. Und hab mich zum Beispiel auf Gabriel Tarde Die Gesetze der Nachahmung gebracht, aber eben auch auf das Buch von Zimpel, bei dem sowohl Nachahmungslernen als auch Emulationslernen Bedingungen der Inklusion diskutiert werden.

Ein wenig habe ich mich auch wieder an Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung I versucht. Dies wollte ich sowieso in diesem Jahr lesen. Doch auch hier bin ich noch nicht sonderlich weit gekommen. Schon auf der ersten Seite musste ich einen längeren Umweg über Lacan nehmen. Und dann hatte ich eigentlich keine Zeit mehr, um weiterzulesen.

Den neuen Rahmenlehrpläne, die LRS-Überprüfung, Fördermaterialien. Heute Nachmittag war ich (seit Jahren mal wieder) beim Inder Lamm essen. Das Restaurant war etwas klinisch, aber das Gericht sehr lecker.

04.04.2015

Sprachen lernen

Letzte Woche habe ich zum Emulationslernen geschrieben. Dies ist eine Form des Lernens, die in gewisser Weise den Imitationslernen gegenübersteht, aber diese ergänzt. Ganz zufällig bin ich über ein Interview gestolpert, in dem sich ein gutes Beispiel zum Emulationslernen findet. Dabei handelt es sich um einen Text, der das Erlernen von Sprachen thematisiert. Die Interviewte Judith Meyer hat sich zahlreiche Sprachen selbst beigebracht. Das Interview zeigt aber wesentlich mehr Aspekte eines guten Lernens auf als nur das Emulationslernen.

Handlungskontexte

Dekontextualisierung

Eines der wichtigen Aspekte beim Lernen von Sprachen ist die Dekontextualisierung. Damit ist die Anwendung von bestimmten Sprachmustern, bzw. bestimmten Sprachspielen in unterschiedlichen Kontexten gemeint. Judith Meyer kritisiert:
Allein mit einem Kurs kann man keine Sprache lernen. Erst recht nicht, wenn der Kurs nur einmal in der Woche stattfinden. Pädagogische und neurologische Studien zeigen, dass Lernen nur durch kontinuierliche Wiederholung funktioniert. Etwas, das sich nur einmal in der Woche sehen, kommt nicht im Langzeitgedächtnis an. Bei vielen Kursen in Unternehmen ist zudem das Problem, dass sie immer am gleichen Tag stattfinden. So gewöhnt sich das Gehirn daran, dass immer dienstagmorgens in einem bestimmten Raum Spanisch gesprochen wird. Außerhalb dieses Kontextes lässt sich das Gelernte dann nur schwer abrufen Sonntagnachmittags im Café Spanisch sprechen, geht dann nicht.

Tiefengrammatik

Das ganze lässt sich auch durch eine Erklärung Wittgensteins stützen. In seinem Spätwerk schreibt Wittgenstein den Wörtern Bedeutungskörper zu (GW VII, 75). Diese entstehen durch Regeln, grammatische Regeln genauer gesagt, wobei eine grammatische Regel nicht durch eine offizielle Normierung entsteht, sondern durch den häufigen Gebrauch. Gelegentlich nennt Wittgenstein dies Tiefengrammatik, im Gegensatz zu der Oberflächengrammatik, die aus den typischen Normen besteht, die in der Schule gelehrt werden. (Dass Wittgenstein damit versucht, die Brücke zwischen Grammatik und Semantik, zwischen formaler und inhaltlicher Betrachtung von Sprachstrukturen zu überwinden, ist gerade auch für die Schule bedeutsam: eine formale Sprachbetrachtung ist nur insofern praktisch, als sie sich in besonderen Situationen als günstig erweist; und diese besonderen Situationen bestehen darin, über Grammatik zu reflektieren, was im Leben von Menschen eher selten vorkommen dürfte.)

Kreativität und der Bedeutungskörper

Wenn man also Wörter nur in bestimmten Kontexten anwendet, dann funktionieren diese wie die Gegenstände in einer wohl geordneten Wohnung: Duschgel benutzt man nur in der Dusche, Gemüsemesser nur auf dem Schneidebrett in der Küche, Messer und Gabel nur am Esstisch. Eine weiterführende, „kreative“ Verwendung findet nicht statt. Damit allerdings wird auch klar, wo das Problem von Sprachkursen liegt: Sie mögen Teilnehmer zu einem formal richtigen Sprechen anleiten, aber noch lange nicht zu einem inhaltsreichen.
Zugegebenermaßen ist der Bedeutungskörper von Wörtern im Gebrauch durch eine Kultur schwer fasslich. Man kann sich ihm nur annähern. Aber wenn man den Wortgebrauch an bestimmte Orte bindet (zum Beispiel Schulklassen), und man nicht zu der Möglichkeit, diesen Wörtern eine eigenständige Gedächtniseinheit zu reservieren. Sie bleiben immer lokal gebunden.

Schwerfällige Kreativität

Die räumliche Bindung von Wörtern funktioniert, so zumindest kann man das analogisieren, das Verhältnis von Ober- und Unterbegriffen. Für das Gedächtnis ist es einfacher, sich bestimmte Mengen in Formen von Oberbegriffen zu merken. Psychologisch nennt man solche Bündel chunks. Sie sind ein typischer Trick und eine Empfehlung in der Mnemotechnik, um sich große Mengen von Elementen besser zu behalten.
Ein Nachteil dieser chunks ist, dass sie sich aus ihrer Gruppe kaum noch herauslösen lassen. Sie bleiben fest daran gebunden. Damit misslingt eine kreative Anwendung, also eine Anwendung, die in anderen Kontexten stattfindet.

Mangas zeichnen

Dasselbe kann man bei Kindern beobachten, die immer wieder die gleiche Figur aus einem Manga-Zeichnen-Lernbuch abzeichnen. Zwar kommen sie nach und nach zu einer Perfektion, die dem Original in nichts nach steht. Aber eine freiere Anwendung, ein eigenständiges Zeichnen gelingt ihnen dadurch noch nicht wenn man sie dazu ermutigt, geraten die Bilder wieder aus den Fugen. Zwar können die Kinder einzelne Elemente der Zeichnung benennen, aber ein leichtfertiges Zusammenfügen zu neuen Bildern funktioniert nicht.
Nachdem die Kinder eine Kontextualisierung von Elementen erlernt haben, müssen sie nun eine Dekontextualisierung einüben, also etwas, was man auch Transfer nennt.

Einüben

Man darf hier die Bedeutung der Analyse zu gering schätzen. Das vielfältige Üben ermöglicht Kindern, aber auch Erwachsenen, einen motorisch vielfältigen Gebrauch zu erlernen. Dies habe ich zum Beispiel immer wieder beim Schneiden von Papier beobachtet. Solange dieses in einem bestimmten Kontext stattfindet, kommen die Kinder zu guten Ergebnissen. Verlässt man in einem Unterricht aber diesen Kontext, sind die Kinder verunsichert oder scheinen geradezu inkompetent, eine Schere zu halten.

Motorische Analyse

Durch das vielfältige Üben können kompakte Weltfragmente aufgebrochen werden. Rizzolatti, der „Entdecker“ der Spiegelneuronen, spricht von der Interpretationsleistung des motorischen Systems. Zu handeln bedeutet demnach zu analysieren. Und ebenso geht Wittgenstein von einer pragmatischen Form des Bedeutungskörpers aus. Die Grenze des Bedeutungskörpers eines Wortes entsteht durch den Übergang zu einem anderen Zeichen, wodurch der Bedeutungskörper nie alleine, sondern immer nur in der Vielfalt anderer Bedeutungskörper, in mannigfaltigen Übergängen zu finden ist. (Vgl. Rizzolatti, Giacomo: Empathie und Spiegelneuronen. Frankfurt am Main 2008, S. 24-27)

Steigerung der Analyse

Insofern ist jegliche Analyse eine Analyse des Gebrauchs und damit eine Reflexion über die Praxis und deren Ordnung. Insofern die Reflexion zu einer neuen, übersichtlicheren Ordnung führt, ist sie zugleich pragmatisch. So lassen sich weder Theorie und Praxis, noch Analyse und Synthese trennen. Vielmehr erweist sich die theoretische Analyse als Steigerung der praktischen, während die Synthese gleichzeitig und immer am Rande der Analyse mitläuft, so dass jemand, der analysiert, zugleich synthetisiert; hier stellt sich dann eher die Frage, warum man einen Analytiker so beobachten kann, dass man zu dem Schluss kommt, dass er analysiert, und nicht, dass er es synthetisiert.

Zusammenfassung

Zunächst muss man sich also an den Gedanken gewöhnen, dass Handeln kein Gegensatz zur theoretischen Betrachtung ist, sondern geradezu deren Vorbedingung. Dies muss man allerdings den meisten „Intellektuellen“ nicht sagen, sondern eher all denen, die die Theorie als unpraktisch ablehnen. Meist steckt hinter einer solchen Ablehnung keine Orientierung an der Praxis, sondern zunächst nur ein Dogmatismus. Der Dogmatismus hat in Bezug auf die Praxis den Vorteil, dass das eigene Handeln kaum hinterfragt werden muss; insofern sind Dogmen sehr praktisch und sehr praxisorientiert.
Dies sind Vorbedingungen, um zu verstehen, warum eine Sprache nicht nur vielfältig, sondern in unterschiedlichen praktischen Kontexten geübt werden muss und warum eine rein formale Sprachbetrachtung erst spät erfolgen darf, wenn bereits eine gewisse Komplexität im Umgang mit der Sprache aufgebaut worden ist. Zunächst stellt uns das motorische System zugleich komplexe semantische Interpretationen zur Verfügung, so dass man sagen kann: gebrauchen heißt analysieren. Die formale Betrachtung, also das Erlernen der „richtigen“ Grammatik (oder: Schulgrammatik), gehört in den Bereich der Metakognition, mithin dem Denken des Denkens und kann natürlich erst dann geschehen, wenn man bereits etwas gedacht hat.
Theorie ist also nur dann unfruchtbar, wenn sie sich nicht auf eine Praxis stützt. Die Strukturen der Praxis dagegen bleiben unbegriffen, wenn sie nicht in eine Theorie übergehen. (Dass diese Theorie wiederum eine Praxis ist, zeigt, dass auch Wissenschaftstheorie und Logik notwendige Disziplinen sind.) 

Sprachgebrauch

Ein weiterer, wichtiger Punkt, den ich mir zu diesem Interview aufgeschrieben habe, ist der Sprachgebrauch in konkreten Kontexten. Diesen habe ich allerdings bereits oben erläutert. Meyer dazu folgenden Tipp:
Dafür [um Sprachen sprechen zu können] muss man die Sprachen immer wieder anwenden [Sprachgebrauch erlernt man also nur durch Sprachgebrauch]. Mein wichtigstes Werkzeug ist deswegen das Internet. Dort gibt es alles, was man zum Sprachenlernen braucht — und zwar kostenlos. Um eine chinesische Zeitung zu lesen, hätte ich sie mir früher teuer per Post schicken lassen müssen. Heute kann ich sie am Computer lesen und dabei auch Wörter schnell in einem online-Wörterbuch nachschlagen. Auch ausländische Kinofilme und Fernsehserien gibt es im Internet, oft sogar mit Untertiteln. So kann man Sprachen überall in sein Leben einbauen: mal einen Film auf Französisch schauen oder einen englischen podcast im Auto hören.

Emulatives Lernen

Klare Ziele

Damit kommen wir zu dem oben versprochenen Emulationslernen. Im Prinzip funktioniert dieses Lernen ganz einfach: man nimmt sich ein konkretes Produkt vor, das man herstellen möchte und probiert dann aus, wie weit man mit seinen bisherigen Fertigkeiten und Fähigkeiten kommt. Man setzt sich also ganz konkrete Ziele, die man innerhalb einer bestimmten Zeit erreichen möchte und plant genügend Zeit dafür ein, dass man diese dann auch tatsächlich erreichen kann.
Das aller erste, was man machen muss, ist also, sich ein ganz konkretes Ziel zu setzen. Menschen, die in hektischen Situationen leben, tun gut daran, sich diese Ziele aufzuschreiben. Generell aber ist das Aufschreiben hilfreich für die Motivation. Man hat dabei eben nicht nur etwas gedacht, sondern bereits einen Schritt getan.
Bei Meyer hört sich das ganze dann so an:
Ich sage nicht: Ich lerne jetzt Spanisch. Sondern: In drei Wochen möchte ich meinen spanischen Kollegen begrüßen und mit ihm über das Wetter reden können. Dann suche ich mir die dafür notwendigen Vokabeln, Sätze und Grammatikregeln heraus und übe die Aussprache.

Lernen durch Nachbilden

Affen, so liest man es immer wieder, sind keineswegs Meister des Nachäffens. Im Gegenteil: Selbst wenn man Affen, sogar Menschenaffen, den richtigen Lösungsweg vormacht, begeben sie sich wieder eigenständig auf die Suche nach einer guten Situation. Dabei wird das Ergebnis durchaus als positiv erkannt.
Bei dieser Art des Lernens, das man im Prinzip überall durchführen kann, handelt man sich zunächst einen großen Nachteil ein: es ist langsam und zeitaufwendig. Auf der anderen Seite aber trainiert es genau jene Form des Problemlösens, die für Innovation, Humor und Kreativität notwendig ist: die Analogiebildung. Ich hatte schon mehrfach in den letzten Jahren dazu geschrieben, unter anderem auch, dass diese Form des Problemlösens in unserer Gesellschaft wenig bedacht und im Unterricht wenig gefördert wird. 

Individuelle Innovation

Dabei muss man zunächst einen Mythos zerstören, der die Innovation betrifft. Innovation wird meist in Form von großen Neuerungen und überragenden Erfindungen gedacht. Tatsächlich ist Innovation aber immer relativ zu einer Person und ihrer Kultur. Manche kulturellen Errungenschaften müssen nicht nur einmal, sondern vielfach erfunden werden. Das beste Beispiel dafür bieten kleine Kinder, die die ganze Motorik des Sprechens und Gehens ohne eine konkrete Anleitung entdecken müssen.
Genau dasselbe kann man beim Schreiben von Romanen oder Diplomarbeiten beobachten. Zwar gibt es in gewisser Weise Schablonen, denen man folgen kann, doch insgesamt bildet man mehr ein bereits erkanntes Ergebnis nach, indem man sich ohne entsprechende Werkzeuge auf den Weg dorthin macht. So jedenfalls ist es bei vielen selfpublisher. Die Ergebnisse sind in ihrer Qualität zwar zum Teil gruselig; aber gelegentlich finden sich darunter auch richtige Perlen.

Experimentelle Kultur

Mit der fehlenden Not, der Zielorientiertheit und der Coaching-Mentalität der Gesellschaft scheint das analogische Denken auszusterben. Und selbst dieses wird dann in Lehrgängen mühsam vermittelt, wobei zum Beispiel Kreativlehrgänge das Problem haben, dass sie häufig zweckgebunden eingesetzt werden. Kreativität wird dadurch eingeschränkt, dass am Ende ein verwertbares Produkt entstehen muss. Es soll etwas vorgezeigt, dargestellt, verkauft werden. Bedenkt man aber, dass viele kreative Prozesse abgebrochen oder neu begonnen werden, dann ist eine Festlegung auf ein Endprodukt nur bedingt tauglich.
Trotzdem zeigt das emulative Lernen, dass zwischen einem reinen Herumbasteln und einem Nachbilden ein Unterschied besteht. 

Fehlerfreundlichkeit

Ein anderer bedeutsamer Missstand der Glaube an die Perfektion. Während man bestimmte Vorgänge durch eine gute Mittel-Ziel-Analyse in eine nahezu perfekte Anleitung umwandeln kann, gibt es andere Gebiete, bei denen das nicht gelingt. Vermittelt man den Schülern in der Schule nur einzelne Lernschritte aufbereitete Vorgänge, verhindert man jegliche andere Art des Problemlösens.
Die andere Seite dieser Münze ist das Starren auf Fehler. Immer wieder hebt man Fehler heraus und bewertet die womöglich auch noch. Dadurch automatisiert sich das Streben nach Perfektion, ohne dass in irgendeiner Weise überdacht wird, wo Perfektion wirklich nützlich, und wo sie eher schädlich ist. Auch das ist eine Sache, die viele Menschen nicht können. Fehler werden einfach nicht akzeptiert.
Und ich denke hierbei an meine nicht ganz so werte Exfrau, die zwei Arten hatte, mit Fehlern in unserer Beziehung umzugehen: meine eigenen Fehler wurden immer gleich als ein Totalversagen hingestellt und ihre Fehler waren, obwohl sie existierten, nicht existent.
Tatsächlich aber ist der Umgang mit Fehlern nicht ganz so einfach. Wichtig dabei ist der Dialog, vor allem dann, beide Seiten nicht genau wissen, wohin der Weg führen soll. Dies ist eigentlich immer dann der Fall, wenn das Ergebnis nicht korrekt beschrieben werden kann, wie dies zum Beispiel bei Erzählungen der Fall ist.

Versuch

Manchmal wird mir vorgeworfen, zu systematisch, zu rational zu sein, manchmal aber auch genau das Gegenteil: Sie würden an einem Punkt beginnen und an einem ganz anderen Punkt enden. Vermutlich schaffe ich beides. Und dies, je nachdem, wie weit meine Gedanken zu einem bestimmten Thema gediehen sind. Mein Anspruch allerdings ist es auch nicht, endgültige Ergebnisse zu präsentieren. Nach einer etwas verworrenen Anfangsphase hat dieser Blog immer wieder den Charakter des Experimentellen gehabt; es ist ein Blog für Zwischenergebnisse, Anregungen, Ideen, Versuchen. Gelegentlich rechtfertige ich mich explizit oder implizit selbst, wie ich dies einmal anhand des Begriffs der Bastelei getan habe, wie ich es diesmal tue.

30.03.2015

Seltsame Einschübe

Was denn nun meine Kritik an Zimpel sei, bzw. an seinem Buch Einander helfen, fragt mich jemand. Bleiben wir bei einem oberflächlichen Phänomen.
Zimpel schafft es, in seine wissenschaftliche Argumentation Sätze einzubauen, die nicht dort hineingehören, die in gewisser Weise sogar schräg zu der Argumentation verlaufen und diese stören: 
„Sein hypnotischer Blick verrät einen investigativen, jung gebliebenen Geist, dem das Grauweiß von Bart und Locken nun auch noch eine Aura von Weisheit verleiht.“ (36) 
„Man könnte seine Herkunft aus den USA auf den ersten Blick erkennen, würde er zu seiner John-Lennon-Brille und zu seinem silbergrauen Vollbart noch die obligatorische Baseballmütze tragen.“ (37) 
Mich erinnert dies an die Beschreibung der Texte Michelets. Auch dieser scheint sich mehr für den Faltenwurf, die Farben, und Ähnliches zu interessieren, als für die Aussagen zu Verträgen, politischen Bündnissen, usw.
Genauer gesagt: Diese Sätze, die Zimpel in seine Argumentationsgänge einfügt, wirken wie hilflose Versuche, den Text plastischer, bildlicher, persönlicher zu machen. Aber mit Bildlichkeit und Anschaulichkeit hat das wenig zu tun. Es gibt keine Motivation für diese Bilder innerhalb des Textes. Sie verwirren eher, als dass sie das Verständnis unterstützen.

Da auch dies gefragt wurde, wie ich nämlich den Autismus in Wirklichkeit sehe, betone ich noch einmal, dass ich keineswegs Zimpels Ansichten des Autismus' kritisiere, sondern nur bestimmte Aspekte der Darstellung, bzw. bestimmte Schlussfolgerungen. Ein Urteil über das Störungsbild oder didaktische Schlussfolgerungen aus diesem kann ich mir derzeit noch nicht erlauben.

29.03.2015

Abenteuer Autismus, Kulturen der Empathie

Derzeit lese ich mich in das Thema Autismus ein. Gerade im Moment ist die Diskussion um die sogenannten Autisten sehr spannend. Mein Weg dorthin war eher zufällig. Es ist nicht mein Fachgebiet, obwohl ich Sonderpädagoge bin.

Literatur: Autismus und Empathie

Georg Feuser: Mensch/Umwelt-Psychologie

Vor drei Jahren habe ich länger und intensiver eine Arbeit zum Thema Autismus betreut. Hier war eines der Bezugsbücher von Georg Feuser, Autistische Kinder und Jugendliche, ein Buch, das mir wenig gefallen hat. Es vertritt mir eine zu grobe Systemtheorie, die zu sehr von einer vulgärmarxistischen Mensch/Umwelt-Psychologie kommt (typisch dafür sind Bronfenbrenner und Kriz, beides Autoren, die voller metaphysischer Grundannahmen sind).
Aber ich mag nicht ungerecht sein: tatsächlich habe ich dieses Buch nicht vom Thema Autismus her aufgeschlüsselt, sondern nur die systemischen Aspekte besonders gründlich überdenken können.

André Zimpel: zu viel des Sozialen

André Zimpel hat ein interessantes Buch veröffentlicht, Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur, welches allerdings recht befremdlich geschrieben ist; so hatte ich Zimpel aber auch schon in den Seminaren erlebt: immer, wenn er versucht, verständlich zu schreiben, wird er unverständlich. So finden sich zahlreiche, wenig der Sache dienliche Sätze in diesem Buch. Man stolpert über sie und kann sie nicht einordnen.
Eine der Kernthesen dieses Werkes ist der Zusammenhang von sozialer Aufmerksamkeit und Reizüberflutung. Zimpel postuliert, dass zumindest bestimmte Formen des Autismus durch eine völlig überhöhte Form der sozialen Aufmerksamkeit zu Stande kommen, so dass das autistische Kind durch die Reizüberflutung dermaßen überfordert ist, dass es sich zurückzieht und gerade im sozialen Bereich lange Zeit besonders verlässliche Regeln braucht.

Giacomo Rizzolatti: Handeln als Interpretation

Fachlich gesehen ist es allerdings ein Buch, was ich durchaus für sehr bedenkenswert halte, und meine derzeitigen Bücherbestellungen betreffen einige der Werke, die Zimpel zitiert, so zum Beispiel das Buch von Giacomo Rizzolatti Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls. — Allerdings wollte ich dieses Buch schon lange einmal lesen, weil mich in den vergangenen Jahren die Diskussion um die Spiegelneurone und die Empathie, so wie sie in den Massenmedien und im Coaching-Bereich geführt wird, ziemlich genervt hat. Tatsächlich ist das Buch von Rizzolatti mit aller nötigen Vorsicht geschrieben, die immer dann greifen muss, wenn man neue Erkenntnisse aus der Neuropsychologie in die Praxis umsetzen möchte. Sofortige AHA-Effekte wird man in diesem Buch wohl eher nicht finden, es sei denn man konstruiert sie sich selbst hinein.
Eine wichtige Sache, die in der öffentlichen Diskussion überhaupt nicht auftaucht, ist der Zusammenhang zwischen Handlungsmustern und Interpretation. Es ist eigentlich nahe liegend, dass alle neuronalen Muster die Welt interpretieren und somit auch Handlungsmuster interpretierend sind. D.h. aber auch, dass sie nicht pragmatisch, sondern intellektuell gedacht werden müssen. Damit müssen Handlungen wiederum ganz anders gesehen werden, nämlich gerade nicht als eine strenge und enge Verbindung mit der Wirklichkeit. Und zum anderen kann man die strikte Trennung zwischen Handlungsmustern und Wahrnehmungsmustern nicht mehr aufrechterhalten. Die Übergänge zwischen ihnen sind mindestens fließend, wenn nicht sogar nicht existent.

Michael Tomasello: vormoralische Empathie

Ein anderes Buch, das Zimpel zitiert, und das ich für sehr wichtig erachte, stammt von Michael Tomasello Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Es ist nun keineswegs eine Neuheit, dass die Kultur sich in einer Art entwickelt, dass man evolutionäre Mechanismen am Wirken sieht. Bereits Karl Marx hat sich für die Forschungen Darwins interessiert und wollte ihn treffen, damals, als er in London lebte. Darwin hat ein solches Treffen jedoch abgelehnt, wohl mit der Begründung der politischen Gesinnung Marx'. Eine weitere Verbindung hat dies jedoch nicht verhindert. Im 20. Jahrhundert wurde die soziokulturelle Entwicklung auf unterschiedlichste Arten und Weisen erforscht.
Soweit ich das überblicken kann (aber ich habe tatsächlich das Buch bisher nur durchgeblättert), entsteht für Tomasello ein Gemeinschaftszusammenhang (sagen wir: ein Wir-Gefühl), bevor diese Gemeinschaft eine gemeinsame Moral entwickelt. Der Zusammenhang wird biologisch begründet, wenn auch auf der Basis der biologischen Evolution, die den Menschen zu einem notwendig sozialen Wesen macht. Dann aber kann die Gemeinschaft nicht als Leistung einer Moral gesehen werden, sondern die Moral als Ergebnis einer Gemeinschaft. Und in diesem Sinne hat Nietzsche recht, wenn er die Moral auf ihre Effekte der Eigennutzmaximierung hin untersucht; siehe Genealogie der Moral.

Foucault, Leroi-Gourhan, Lotman und Bachtin, Luhmann

Hier wäre zum Beispiel Michel Foucault zu nennen, der die Bedingungen von Denksystemen, also Arten und Weisen, wie zu bestimmten Zeiten das Wissen eingeteilt und für die Praxis nutzbar gemacht wurde, untersucht hat. André Leroi-Gourhan hat mit seinem Werk Hand und Wort ein vortreffliches Buch vorgelegt; mich hat es ziemlich beeinflusst. Ein anderes, für mich wichtiges Werk ist Lotmans Die Innenwelt der Außenwelt, und hier sowieso eine bestimmte postkantianische Schule der russischen Literaturwissenschaft (Michail Bachtin). Nicht zuletzt aber muss man hier Niklas Luhmann und sein Hauptwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft nennen. Obwohl ich Luhmann seit langer Zeit kaum noch lese, so dass man meinen könnte, die Systemtheorie spiele für mich keine Rolle mehr, gibt er für mich immer noch den Rahmen allen meines Denkens an. Und wie ich neuerdings festgestellt habe, fällt es mir leicht, mich mit einem Systemiker auf hohem Niveau zu unterhalten.

Ungelesen: Fritz Breithaupt Kulturen der Empathie

Weil es so schön und direkt daneben zu bestellen war, habe ich mir auch ein anderes Werk zugelegt, über das ich noch nichts zu sagen vermag. Es wurde von einem Fritz Breithaupt geschrieben und nennt sich Kulturen der Empathie. Gerade dieses Buch musste dann auch einen Teil des Titels meines Artikels liefern: weil es bereits vom Titel für meine derzeitigen Überlegungen eine Rolle zu spielen scheint und diesen selbst das Thema vorgibt.
Ich glaube, ich muss hier mal wieder bei meinem guten Emilio Outsourcing betreiben, der gerade meine letzte Verbindung zu einem tiefsinnig durchdachten Blick auf sonderpädagogische Phänomene darstellt. 

Das Schweigen der Inklusion

Welcher Herausforderung es ist, einen Klassenverband zu führen, in dem sich so vielfältige Begabungen mischen, fange ich wohl gerade erst an zu verstehen. Hier empfinde ich die Schule insgesamt (also nicht meine eigene Schule, sondern generell die Institution und Organisation) als fahrlässig gegenüber den Kindern.
Mehrfach zeigt Zimpel, dass Inklusion nicht nur ein hohes theoretisches Niveau erfordert, gerade weil solche Phänomene wie der Autismus in all seinen Ausprägungen verstanden werden muss wie ein kompliziertes Buch mit einer langen, verwickelten Geschichte; sondern der Zusammenhalt und die thematische Orientierung im Kollegenkreis muss weit über die Nettigkeiten hinausreichen und ein gemeinsames praktisches und intellektuelles Arbeiten zulassen.
Gerade dies aber ist aufgrund zahlreicher Arbeitsbelastungen, derzeit sitze ich an Formalien für die Klassenfahrt und bereite gleichzeitig den Antrag auf Anerkennung von LRS für die Eltern vor, kaum möglich. Es gibt Tage, an denen ich mit den beiden anderen Klassenlehrern, die Wand an Wand mit mir unterrichten, keine 10 Minuten reden kann. Es ist fast immer so, dass ich, wenn ich die Schule betrete, sofort mit den ersten Kindern Gespräche führen, und auch wenn dies meist nur Smalltalk ist, so sind diese Gespräche doch enorm wichtig. Und nach meinem Unterricht sind es häufig noch Eltern, die in meinem Klassenraum vorbeischauen und das eine oder andere zu klären haben. Gelegentlich sind es bis zu zehn „Elterngespräche“ (inoffizielle, nicht angemeldete), die ich an einem Nachmittag führe.
All dies sind wichtige Aspekte einer inklusiven Schule; und trotzdem sehe ich in den mir noch unbekannten Weltbildern und Sichtweisen der Kollegen ein Lernpotential, dass wir gerade auch in der praktischen Arbeit fehlt das für die Qualifizierung der Inklusion enorm wichtig wäre.
Welche Gratwanderungen und Zugeständnisse an Lücken in der Lernkultur Regelschulen mit über 30 Kindern pro Klasse machen müssen, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Vielleicht hat das unser Schulamt noch nicht so richtig begriffen, aber zwischen der Inklusion und einer Platzierung von sogenannten behinderten Kindern in normalen Schulklassen liegen Welten.