26.12.2018

Metakognition: ein zentrales Element von Softskills

Die Kompetenz metakognitiver Fertigkeiten wird meist unterschätzt. Dabei spielt sie beim Erwerb emotionaler Kompetenz eine wesentliche Rolle.

Und sie kann noch viel mehr. Ähnlich wie Emotionen hängt die Metakognition mit allen Denkvorgänge zusammen. Ein Unterschied jedoch existierten doch. Emotionen sind immer im Spiel; Metakognitionen muss man trainieren.

Definition der metakognitiven Fertigkeiten

Metakognition sei "die Bewusstheit einer Person über ihre kognitiven Mechanismen und wie diese ablaufen" (Meichenbaum, zit. nach Woolfolk, S. 329f.).
Metakognitiver Fertigkeiten sind geistige Prozeduren zur Selbstüberwachung, die während des Lern- und Unterrichtsprozesses aktiviert werden. Damit stehen sie sogar noch über den Kognitionen höherer Ordnung, wie zum Beispiel dem Problemlösen, dem Begriffe bilden oder der Kreativität.
Häufig werden diese Fertigkeiten auch als Lernstrategien bezeichnet. Bei dieser Gleichsetzung sollte man allerdings vorsichtig sein. Lernstrategien betreffen die Situation, während Metakognition wesentlich umfassender ist. Natürlich hängen beide voneinander ab.

Komponenten der metakognitiven Kompetenz

1. metakognitives Wissen: Dies bezeichnet alles, was Menschen über sich selbst und andere als "kognitive Verarbeiter" wissen. Hierzu gehören zum Beispiel die Kenntnis von Lernmodell oder Wissen über den Zusammenhang zwischen Kognition und Emotion.
2. metakognitive Regulation: Damit werden Aktivitäten bezeichnet, die einem Menschen beim Lernen helfen, indem sie Kognitionen und Lernerfahrungen regulieren und kontrollieren. In diesen Bereich gehört das Anfertigen von Exzerpten, das Pflegen eines Zettelkastens oder die kritische Diskussion mit Fachleuten.
3. metakognitive Erfahrung: Alles, was ein Mensch über sich als denkendes Wesen an Informationen sammelt, gehört zu diesem Bereich. Eine der wichtigsten Aspekte ist die Einsicht, dass man sich irren kann. Aber auch die Erfahrung, dass man ein schwieriges Fachgebiet erschließen kann, und welche kognitiven Fertigkeiten zu dieser Aufgabe notwendig sind, fällt in diesen Bereich. Wer sich in die Schriften von Niklas Luhmann eingelesen hat, wird sehr viel mehr Zuvertrauen haben, wenn er sich in die Schriften von Adorno einliest. Selbstvertrauen gehört wesentlich zur metakognitiven Erfahrung dazu.

Höhere psychische Funktionen: Begriffsbildung und Problemlösen

Ein wichtiger Zwischenschritt beim Aufbau der Metakognition ist das Einüben von höheren psychischen Funktionen. Darunter versteht man im allgemeinen die Begriffsbildung, das Problemlösen, das kreative Problemlösen, die Kreativität und den Transfer. Kernkomponenten bleiben aber Begriffsbildung und Problemlösen.
Beide Aspekte werden von der frühen Kindheit an trainiert. Auch die Metakognition wird von guten Eltern stark gefördert. Dabei ist dies fast die einfachste Sache der Welt. Die Eltern lassen ihre Kinder erzählen und Fragen nach, wie sie (die Kinder) etwas getan haben und was sie sich dabei gedacht haben. Selbstverständlich darf dies nicht als Vorwurf passieren.

Die Wahrnehmung trainieren

Neben dem höheren psychischen Funktionen spielt vor allem eine gute Wahrnehmung eine große Rolle. "Gute Wissenschaft ist gute Beobachtung", sagt einer der Laboranten in dem Film Avatar (James Cameron), "und sie hilft einem dabei, nicht verrückt zu werden."
Hier muss man klar zwischen sinnlicher Wahrnehmung und Spekulationen trennen. Die sinnliche oder ästhetische Wahrnehmung (aisthesis ist griechisch für Wahrnehmung) zählt Sinneseindrücke auf und das ganz schlicht. "Die Katze liegt auf der Matte. Die PowerPoint-Präsentation enthält ein Wort pro Folie. Der Schlips ist rot. Die Kollegin hat eine raue Stimme."
Einer der häufigsten Fehler, den die Menschen machen, ist die Interpretation auf einer mangelnden Datenbasis. Je mehr man wahrnimmt, umso mehr Daten, also Sinnesdaten sammelt man. Dadurch wird die Interpretation nicht wahrer, aber sensibler.
Überprüfen Sie das ruhig! Viele Menschen haben gar nicht das Problem, komplex genug denken zu können, sondern einfach genug wahrnehmen zu können. Man kann die Fähigkeit zu Neugier und zum Staunen in diesem Zusammenhang gar nicht hoch genug schätzen. Denn beides sind Motivationen zum schlichten Sehen.

Emotionale Kompetenz

Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi unterscheidet zwischen Affekten und Gestimmtheiten. Affekte beteiligen sich an der Auswahl eines aktuellen Gedankens. Der Gedanke bildet gleichsam den Behälter für einen Affekt.
Gestimmtheiten dagegen strukturieren das Feld, in dem man aktuell denkt. Ein wütender Mensch denkt anders als ein fröhlicher Mensch. Doch beiden ergeht es unter dem Gesichtspunkt der Emotion ähnlich. Bestimmte Gedanken liegen in Reichweite, während andere Gedanken ihnen in dieser Stimmung völlig fremd erscheinen.
Emotionale Kompetenz bildet man durch die Reflektion auf diese beiden Funktionen der Emotion, das heißt den Affekten und den Gestimmtheiten, aus.
Diese Reflektion ist ein Teil der Metakognition.

Praktische Fertigkeiten

Ebenso wichtig sind praktische Fertigkeiten. wie zuvor bei den Wahrnehmungen und bei der emotionalen Kompetenz kann man auch bei diesen keinen wirklichen zeitlichen Vorrang vor der Metakognition postulieren.
Natürlich bilden sich bei Kindern praktische Fertigkeiten aus, die dem komplexeren Denken dienen. aber mit zunehmender Bewusstheit werden diese praktischen Fertigkeiten auch durchstrukturiert und geordnet. Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen einzelnen Komponenten und der Metakognition als solcher.
Zu diesen Fertigkeiten gehören das Exzerpieren und die Mitschrift, das Anfertigen von Ablaufplänen, funktionalen Zusammenhängen oder Tabellen, das Sammeln und Ordnen von Ideen, das Diskutieren von Hypothesen, und so weiter.

Softskills

Dieser uneinheitliche Begriff fällt vor allem dadurch auf, dass ständig neue Gebiete erfunden werden. Es wird also nicht möglich sein, diesen Bereich hier in Länge und Breite durchzudiskutieren. Eine Bitte: überprüfen Sie, wie viele der hier abgehandelten Aspekte der Metakognition bei Softskills doppelt und dreifach vorkommen.
Tatsächlich stößt man hier rasch auf die Erkenntnis, dass Softskills auf einer falschen und viel zu komplizierten Einteilung beruhen. Merke: Es ist alles so hübsch bunt hier! Ich kann mich gar nicht entscheiden!
Die moderne Kognitionspsychologie hat es einfacher. Im Groben unterscheidet sie zwischen Wahrnehmungsverarbeitung, psychischen Fertigkeiten, höheren psychischen Fertigkeiten, Metakognition, Aufmerksamkeit, Emotion, Motivation und Volition. Und im Gegensatz zu den soft Skills sind diese verschiedenen Bereiche untereinander in einem guten Zusammenhang gebracht.

Fazit

Metakognition ist ein wesentlicher Bestandteil komplexen Denkens. Sie ermöglicht und kontrolliert viele Denkprozesse. Dadurch wird unser Denken effektiver und sensibler. Vor allem aber erkennen wir die Grenzen unserer Vernunft und können rechtzeitig die Notbremse ziehen, wenn eine Situation ausufert.
Literatur
  • Ciompi, Luc: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Göttingen 1999.
  • deBono, Edward: Der kluge Kopf. Heidelberg 2001.
  • Wild, Elke/Hofer, Manfred/Rekrun, Reinhard: Psychologie des Lerners, in: Krapp, Andreas/Weidenmann, Bernd: Pädagogische Psychologie, München 2001, S. 207-270
  • Woolfolk, Anita: Pädagogische Psychologie. München 2008.

Modellkompetenz und Kreativität

Eine der wichtigsten Fähigkeiten höheren Denkens ist das Erfinden von Modellen. PISA hat deutlich gezeigt, dass viele Menschen daran scheitern.

Modelle sind Abstraktionen. Die Fähigkeit, mit diesen umgehen zu können, bezeichnet man als Modell- oder Modellierungskompetenz. Der kreative Umgang mit Modellen kann als die komplexeste Form dieser Kompetenz gelten. Dabei fördert sie nicht nur wissenschaftliches Denken, sondern kann auch vor Dogmatismen schützen.

Aktives Wahrnehmen

Um ein Modell entwerfen zu können, muss man in die Umwelt Zusammenhänge "hineinsehen" können. Diese Aufgabe setzt eine höhere Form der Kreativität voraus, als einfach nur bunt zu malen. Man muss hierbei Hypothesen bilden können, Analogisieren, entsprechende Modelle darstellen und natürlich kritisch überprüfen.
Fällt vielen Menschen schon der Umgang mit einem vorhandenen Modell schwer, so ist diese Aufgabe oft eine komplette Überforderung. Beim Coaching von Schriftstellern muss man, um professionelle schriftstellerische Kompetenz zu fördern, mit den Coachees die Strukturen (das heißt Modelle) von Texten erarbeiten. Diese werden später zu Werkzeugen beim Schreiben. Doch die Erfahrung zeigt, dass viele Coachees zunächst nicht nur den Sinn dieser Übung nicht verstehen, sondern auch massive Probleme bei der Auswahl von Gesichtspunkten haben, auf die man eine Erzählung hin betrachtet.
Wird jedoch dieser Schritt nicht vollzogen, bleibt der Stil der Autoren schwankend und widersprüchlich.

Zum Aufbau von Modellkompetenzen

Eigentlich dürfte der Umgang mit Modellen gar nicht schwierig sein. Die ersten wichtigen Modelle üben Kinder durch Spiel und Nachahmung schon im zweiten Lebensjahr und entwickeln dabei viel Fantasie und Funktionslust.
Warum diese Fähigkeit später verschwindet, hängt von vielen Faktoren ab.
Ein zentraler Faktor allerdings dürfte sein, dass in der Bevölkerung wenig Gespür für und Wissen um Modelle vorhanden ist. Es ist eben doch einfacher, sich auf Dogmen zu stützen, als kritisch mit Modellen umzugehen.

Schule und der Aufbau wissenschaftlicher Modelle

Eine wesentliche Aufgabe der Schulbildung ist der Aufbau wissenschaftlicher Modelle. Stehen hier nur die Lehrer in der Pflicht?
Immer wieder kann man erleben, dass Eltern einen großen Druck auf Lehrer aufbauen, damit ihr Kind später einen ordentlichen, oft wissenschaftlichen Beruf erlernen kann. Doch was hier passiert, ist schlichtweg paradox. Die Eltern kommen mit Mythen an, Mythen wie zum Beispiel, dass Lehrer alleinig für die Vermittlung wissenschaftlichen Denkens zuständig sein, und nutzen dabei selber völlig erstarrte Überzeugungen.
Wie sollen Kinder und Jugendliche aber keinen wissenschaftlichen Umgang mit Modellen lernen, wenn dieser von seiten der Eltern (aber natürlich auch manchmal von seiten der Lehrer) fehlt?

Assoziation und Fantasie, Kritik und Dogmatismus

Ein Modell besteht aus Elementen, die in einen gedanklichen Zusammenhang gebracht worden sind. Der Fachbegriff für 'gedanklicher Zusammenhang' heißt Assoziation.
Der Unterschied zwischen einem kritischen Umgang mit Modellen und einer dogmatischen Gläubigkeit liegt genau in dieser Assoziation. Beim Dogmatismus sind Assoziationen absolut. Bei Modellen dagegen sind diese Zusammenhänge nur mögliche Bahnen des Denkens oder mögliche Beziehungen in der Umwelt.
Ernst Mach schrieb bereits 1905, dass vielfältige Assoziationen (hier: im naturwissenschaftlichen Bereich) ein flüssiges, kreatives und wissenschaftliches Denken ermöglichen. Auch der deutsche Philosoph Edmund Husserl positionierte sich ähnlich. Er schrieb, dass die Fantasie die Variation des Faktischen sei. Solche Variationen bilden neue mögliche Verknüpfungen.

Fantasie und Flow

Weder sollte man also gutgläubig an der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen kleben, noch sollte man diese missachten. Fantasie spielt dabei einen Mittler und ist kein gesonderter Bereich menschlichen Denkens. Sie macht das Denken 'fließend'.
Der amerikanische Motivationspsychologe Czikszentmihaly hat unter dem Stichwort "Flow" auch solche Phänomene untersucht, bei denen ein zugleich fantasievoller und gewissenhafter Umgang mit Modellen die zentrale Rolle spielt.
Flow heißt nicht 'Glück', wie dies oft falsch kolportiert wird, sondern aktive Wahrnehmung, bewegliches Denken, Freude am eigenen Tun.

Fazit

Die kreative Seite der Modellkompetenz bildet einen anspruchsvollen Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens. Sie strahlt aber in viele andere und sehr viel alltäglichere Bereiche hinein und kann uns vor Mythen und irrationalen Überzeugungen warnen.
Literatur
  • Czikszentmihalyi, Mihaly: Creativity. Flow and the Psychology of Discovery and Invention. Harper Perennial 1997.
  • Lévi-Strauss, Claude: Der Strukturbegriff in der Ethnologie. in ders.: Strukturale Anthropologie I. Frankfurt am Main 1991.
  • Mach, Ernst: Erkenntnis und Irrtum: Skizzen zur Psychologie der Forschung. Leipzig 1905.

Der Begriff des Modells

Der Begriff des Modells umfasst nicht nur die mathematische Abbildungen von realen Phänomenen, sondern sämtliche Abbildungen. Wichtig dabei ist, dass Modelle "idealisieren", beziehungsweise abstrahieren. Selbst Liebesgedichte können so als Modelle aufgefasst werden.
Welche kognitiven Fertigkeiten muss man für die Modellkompetenz einüben?
Hier zunächst einen Überblick:
  • Vergleich/Parallelisieren zwischen Modell und Original
  • Anwendungsbereiche von Modellen bestimmen können
  • Grenzen von Modellen bestimmen können
  • Modelle adäquat/funktional auswählen können
  • Modelle und weitere wissenschaftliche Kompetenzen (Problematisieren, Hypothesen aufstellen, etc.) zueinander in Bezug setzen können
  • Modelle abändern, erweitern, reduzieren, zusammenführen, kritisieren und erfinden können

Vergleich/Parallelisieren zwischen Modell und Original

Ein Modell beansprucht immer, ein Stück Wirklichkeit erklären zu können. Ob das dem Modell gelingt, hängt davon ab, wie sensibel es entworfen wurde.
Zum Beispiel ist die Maslowschen Bedürfnispyramide ein relativ komplexes Modell. Es umfasst fünf Stufen, die jeweils noch in sich unterteilt sind. Zudem bildet Maslow auf dieses Modell noch bestimmte Funktionen ab, zum Beispiel, dass "niedrigere" Bedürfnisse zuerst befriedigt werden müssen, bevor "höhere" Bedürfnisse für den jeweiligen Menschen akut werden.
Wenn man dieses Modell nutzt, muss man sich ein Original suchen, das heißt in diesem Fall einen Menschen. Im Vergleich stellt man fest, ob und welche Parallelen es zwischen der Realität und der Abbildung gibt.
Es mag durchaus sein, dass man alle Bedürfnisse, die Maslow aufzählt, an einem Menschen feststellt, dass man aber mit der Reihenfolge der Bedürfnispyramide nicht zufrieden ist. Gerade bei Modellen aus der Psychologie ist diese Kombination von Zufriedenheit und Unzufriedenheit üblich.

Daten und Zufall

Die Mathematik hat beim Parallelisieren, beziehungsweise beim Modellieren einen großen Vorteil. Sie behauptet erst gar nicht, dass sie die Realität vollständig abbildet. Im Gegenteil entsinnlicht sie diese und arbeitet nur gewisse wichtige Zusammenhänge heraus.
So ist es auch üblich, dass reale Daten für die mathematische Modellierung geglättet werden. Realen Daten haben immer eine gewisse Streubreite, sei es durch Messfehler, sei es dadurch, dass in der Realität der Zufall einen gewissen Einfluss hat. Die Mathematik formuliert hier einen idealtypischen Verlauf. Auf diese Weise kann sie Zusammenhänge aufzeigen, die eine umfassende Datenmenge auf den ersten Blick nicht sichtbar macht.

Anwendungsbereiche von Modellen bestimmen können

Modelle betreffen immer bestimmte Fachgebiete. Zu dieser Teilkompetenz gehört das Wissen und das Gespür, in welchem Bereich ein Modell hilfreiche Erklärungen liefern kann.
Dies muss nicht immer der ursprüngliche Bereich sein, für den das Modell entwickelt wurde. So hat sich mit Sicherheit der Entwicklungspsychologe Jean Piaget nicht träumen lassen, dass sein Modell der geistigen Entwicklung Pate für die Künstliche Intelligenz und die Entwicklung objektorientierter Programmiersprachen wurde.
Es gehört zu den kreativen Fähigkeiten dieser Kompetenz, solche neuen Anwendungsmöglichkeiten zu sehen.

Grenzen von Modellen bestimmen können

Hier finden sich eigentlich zwei Teilkompetenzen versteckt.
Die erste hängt mit der vorhergehenden eng zusammen. Genauso, wie man Anwendungsbereiche von Modellen bestimmen kann, ist es wichtig zu wissen, in welchen Bereichen ein Modell unsinnig ist.
Die zweite Teilkompetenz ist kniffliger. Jedes Modell abstrahiert und idealisiert. Dadurch hat es nur eine gewisse Reichweite in seinen Erklärungsmöglichkeiten. Wie weit ein Modell in der Praxis hilfreich ist, ist eine Sache der Erfahrung. Das heißt auch, dass ein Mensch, der ein Modell anwendet, kritisch darauf reflektieren muss, wann eine Erklärung in den Dogmatismus umkippt.

Modelle adäquat/funktional auswählen können

Vielfach begegnen uns in einem Fachgebiet sehr unterschiedliche Probleme. Um diese zu lösen, sind Modelle günstig.
Aber nicht jedes Modell ist für jeden Problemlöseprozess sinnvoll. Manchmal sind bestimmte Modelle eher Umwege für das Problemlösen. Manchmal sind die Modelle zu umfangreich oder nicht differenziert genug.
Die Auswahl von geeigneten Modellen betrifft also die Ökonomie des Problemlösens. Dies ist keine einfache Aufgabe.
Auch hier sind teilweise jahrelange Erfahrungen erforderlich, um zu raschen und guten Ergebnissen zu kommen.

Modelle und weitere wissenschaftliche Kompetenzen zueinander in Bezug setzen können

Viele wissenschaftliche Kompetenzen beziehen sich auf den Umgang mit Modellen.
Ein Beispiel: Wenn man eine Hypothese aufstellt, formuliert man ein begrenztes Problem. Solche Hypothesen beziehen sich immer auf bereits erklärtes Wissen und damit auf ein dazugehöriges Modell. In diesem Fall ist eine Hypothese eine mögliche Kritik am Modell. Aber natürlich muss am Ende eines wissenschaftlichen Problemlöseprozesses wieder eine sinnvolle Erklärung, das heißt ein Modell stehen. Insofern ist eine Hypothese auch die Voraussetzung für ein Modell.
Im Prinzip bezeichnet diese Teilkompetenz die Fähigkeit, unsere kognitiven Werkzeuge zur Erklärung der Welt aufeinander abstimmen zu können. Wie bei einem Orchester darf hier kein Krach entstehen, sondern die einzelnen Instrumente (= kognitive Werkzeuge) müssen aufeinander abgestimmt werden, damit eine Symphonie entsteht.
Diese Teilkompetenz korrespondiert wesentlich mit metakognitiven Kompetenzen.

Modelle abändern, erweitern, reduzieren, zusammenführen, kritisieren und erfinden können

Dies ist die vielleicht schwierigste Teilkompetenz. Der Autor hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen gerne an Modellen "kleben" und überhaupt keine kritische oder ironische Distanz mehr aufbauen können.
Vor Jahren war das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun der Renner im Bereich des Kommunikationstrainings. von Thun behauptete, dass die kommunikative Botschaft immer vier Aspekte umfasst. Dabei würde der Mensch immer nur einen dieser Aspekte der Botschaft hören. Die drei anderen Aspekte könne man sich durch Nachdenken erschließen. Nun gab es aber Trainer, die behaupteten, man könne alle vier Aspekte gleichzeitig hören. Der Effekt davon war, dass diese Menschen glaubten, sie könnten die Botschaft eines anderen "vollständig" verstehen. Sie kannten keine Missverständnisse, weil sie nicht missverstehen konnten. Das zumindest glaubten sie von sich selbst.
Dies mag als Beispiel und als Warnung gelten, dass Modelle keine religiösen Glaubenssätze sind, sondern Werkzeuge, die mal mehr, mal weniger hilfreich sind.

Fazit

Modellkompetenzen sind überall hilfreich. Während das Modell ein Werkzeug des Denkens ist, sind die dazugehörigen Kompetenzen Meta-Werkzeuge, die Anwendung und Reichweite von Modellen bestimmen.
Literatur
  • Labudde, Peter (Hrsg.): Fachdidaktik Naturwissenschaft. Stuttgart 2010.
  • Lévi-Strauss, Claude: Der Strukturbegriff in der Ethnologie. in ders.: Strukturale Anthropologie I. Frankfurt am Main 1991.

Die acht elementaren Gefühle nach Plutchik

Plutchik ist einer der international renommiertesten Emotionspsychologen. Er hat acht elementare Gefühle und deren Funktionen postuliert. Eine Übersicht.

Robert Plutchiks Konzept in Verbindung zu kognitiven Inhalten und zur emotionalen Kompetenz wird in dem Artikel Emotionale Kompetenz: Die Gefühle und ihre Verbindung zum Denken ausführlich erläutert.
An dieser Stelle geht es ausschließlich um eine Übersicht über die acht Emotionen und ihre verschiedenen Funktionen.

Die acht elementaren Emotionen

Plutchik unterscheidet nicht zwischen "guten" und "schlechten" Emotionen, sondern zwischen "Hin-zu-Emotionen" und "Weg-von-Emotionen", die man manchmal auch als synthetische (Hin-zu) und analytische (Weg-von) Emotionen bezeichnet findet.
Die vier Hin-zu-Emotionen sind:
  • Erwartung
  • Freude
  • Vertrauen
  • Ärger
Die vier Weg-von-Emotionen sind:
  • Furcht
  • Überraschung
  • Trauer
  • Ekel

Allgemeine Funktionen der Gefühle

Jedes Gefühl ist, laut Plutchik, eine subjektive Reaktion. Unter diesem Stichpunkt finden Sie weiter unten jedes elementare Gefühl auch aufgeführt.
Zu jedem dieser Gefühle gehört ein Reiz, der die Reaktion auslöst und eine kognitive Einschätzung, was man mit diesem Reiz anfangen soll.
Schließlich spielt natürlich das Verhalten, das durch Reiz, kognitiver Einschätzung und subjektiver Reaktion ausgelöst wird, eine wichtige Rolle.
Um zu erläutern, warum ein Gefühl in der Evolution zweckmäßig ist, gibt Plutchik noch eine evolutionäre Funktion an. Diese evolutionäre Funktion kann im weitesten Sinne als ein 'Besitzen-von-etwas' bezeichnet werden, wenn es um synthetische Gefühle geht, um ein 'Nicht-Da-Sein', wenn es sich um Weg-von-Gefühle handelt. Dabei sind die Übergänge allerdings fließend. Ärger bezieht sich nur punktuell auf eine Synthese (zum Beispiel im Kampf), langfristig auf eine Zerstörung. Ärger dient also der Bereinigung der Umwelt von Hindernissen.
Umgekehrt ist die Trauer zwar mit einem momentanen 'Loslassen' verbunden, trachtet aber längerfristig auf ein Wiedererlangen des verlorenen Objekts.

Die Gefühle im einzelnen

Freude
  • Reizereignis: Gewinn eines wertvollen Objekts
  • kognitive Einschätzung: besitzen
  • subjektive Reaktion: Freude
  • Verhalten: behalten, wiederholen
  • evolutionäre Funktion: Ressourcen gewinnen
Vertrauen
  • Reizereignis: Mitglied einer Gruppe
  • kognitive Einschätzung: Freund
  • subjektive Reaktion: Vertrauen
  • Verhalten: pflegen
  • evolutionäre Funktion: gegenseitige Unterstützung
Angst
  • Reizereignis: Bedrohung
  • kognitive Einschätzung: Gefahr
  • subjektive Reaktion: Angst
  • Verhalten: fliehen
  • evolutionäre Funktion: Sicherheit
Überraschung
  • Reizereignis: unerwartetes Ereignis
  • kognitive Einschätzung: untersuchen
  • subjektive Reaktion: Überraschung
  • Verhalten: anhalten
  • evolutionäre Funktion: Zeit zur Orientierung gewinnen
Trauer
  • Reizereignis: Verlust eines wertvollen Objekts
  • kognitive Einschätzung: aufgeben
  • subjektive Reaktion: Trauer
  • Verhalten: rufen
  • evolutionäre Funktion: wiedererlangen
Ekel
  • Reizereignis: ungenießbares Objekt
  • kognitive Einschätzung: Gift
  • subjektive Reaktion: Ekel
  • Verhalten: ausspucken
  • evolutionäre Funktion: Gift loswerden
Ärger
  • Reizereignis: Hindernis
  • kognitive Einschätzung: Feind
  • subjektive Reaktion: Wut
  • Verhalten: angreifen
  • evolutionäre Funktion: Hindernis zerstören
Erwartung
  • Reizereignis: neues Gebiet
  • kognitive Einschätzung: erkunden
  • subjektive Reaktion: Erwartung
  • Verhalten: Karte anlegen
  • evolutionäre Funktion: Kenntnis des Gebietes

Umgang mit den elementaren Emotionen

Keine der basalen Gefühle liegt in Reinform vor.
Zum einen 'beseelt' ein Gefühl immer einen kognitiven Inhalt und ein Verhalten. Das heißt, dass man Emotionen gleichsam als Motor für beides sehen muss, der sich aber nur indirekt erschließen lässt.
Zum anderen vermischen sich die elementaren Emotionen umso mehr, je differenzierter ein Mensch denkt, so dass man sagen kann, dass jeder Gedanke, jedes Verhalten immer aus mindestens zwei verschiedenen Emotionen besteht. Nur Grenzsituationen wie ein lang anhaltender Ärger oder der Verlust eines nahestehenden Menschen geben 'reinen' Gefühlsausdrücken die Möglichkeit zum Ausdruck.
Beobachtet man also das Verhalten eines Menschen, kann man immer Gefühle dahinter vermuten. Welche dies sind, bleibt Spekulation. Trotzdem kann man durch viel Menschenkenntnis zu einem Gespür kommen, das einem eine gute Richtung weist.
Deshalb ist die wichtigste Arbeit mit diesem Modell folgende: Man setzt sich in aller Ruhe hin und überlegt, welche Gefühle für ein bestimmtes Verhalten eine Rolle gespielt haben. Macht man dies regelmäßig als Trockenübung, übernimmt man das Nachdenken darüber allmählich in den Alltag. So baut man eine gewisse Sensibilität auf.

Analogien entwickeln - Voraussetzung für Problemlösen, Kreativität und Humor

Die Analogie ist eine grundlegende Technik komplexer Denkprozesse. Wer sie beherrscht, kann ein komplexes und flüssiges Denken entwickeln.

Die Formel der Analogie ist simpel: A verhält sich zu B wie X zu Y, bzw. A : B <-> X : Y.
Ein konkretes Beispiel: Hund : Beine <-> Auto : Räder.
Ausgeführt lautet die Analogie, dass die Beine dem Hund genauso zur Fortbewegung dienen wie die Räder dem Auto. Das Zeichen ":" drückt ein gleiches Verhältnis aus, in diesem Fall: dienen der Fortbewegung.

Die präoperative Analogie oder Nachahmung

Schon kleine Kinder spielen mit ihren Händen Flugzeug oder Auto. Sie ahmen die Bewegung eines Objektes nach. In dieser Nachahmung steckt eine Analogie, die noch nicht geistig ist, sondern sehr materiell. Die Hand verhält sich zur Bewegung der Hand wie das Flugzeug zur Bewegung des Flugzeugs.
Dabei darf man sich nicht davon stören lassen, dass das alles sehr grob ist. In diesen ersten Übertragungen stecken die späteren Leistungen, die Menschen zu angenehmen und achtsamen Partner und Kollegen machen. Eltern sollten ihre Kinder immer zu solchen Nachahmungen ermutigen und sie respektieren.

Die konkret-operative Analogie

Im Alter zwischen fünf bis sieben Jahren entwickeln Kinder eine komplexere Form der Analogie, die an eine Tätigkeit und/oder an das kognitive Abbild einer Tätigkeit gebunden ist. Das Kind entdeckt die Analogie über Funktionen.
Hans interessiert sich für Fußball wie sich Sarah für Harry Potter interessiert. "sich interessieren für" ist eine Funktion. Sie unterscheidet sich von der präoperativen Analogie vor allem dadurch, dass nicht mehr das Objekt (der Gegenstand) im Mittelpunkt steht, sondern die Handlung oder Funktion.

Die formal-operative Analogie

Zwischen dem zehnten und siebzehnten Lebensjahr entwickeln viele Kinder eine dritte Form der Analogie. Diese besteht nicht mehr aus einzelnen Funktionen, sondern aus der Konstellation von Funktionen. Man merkt das zum Beispiel daran, dass Kinder Verhaltensmuster von Menschen oder die Strukturen von Geschichten vergleichen können.
Diese Art der Analogie besteht aus mehreren Elementen ( A : B : C <-> X : Y : Z). Sie ist für das mathematische Modellieren mit komplexen Gleichungen genauso notwendig wie für die Menschenkenntnis.
Diese Form der Analogie kombiniert Gleichheit und Ungleichheit. Sie erlaubt ein flüssiges, kreatives und zugleich reflektiertes Vergleichen.
Untersuchungen haben ergeben, dass über 80 % aller erwachsenen Menschen in westlichen Zivilisationen diese Stufe nicht mehr erreichen. Die anderen Menschen erlangen die Fähigkeit bereichsspezifisch für das Themengebiet, das sie besonders interessiert. Eine Psychotherapeutin kann zum Beispiel formal-operative Analogien zwischen Menschen bilden, aber nicht zwischen Differentialgleichungen. Einem Mathematikprofessor mag es umgekehrt gehen.
Menschen, die diese Stufe überall erreichen, kann man als hochbegabt bezeichnen.

So fördern Sie Ihre Kreativität mit Analogien

1. Tipp: Schreiben Sie Analogiesätze auf: "A verhält sich zu B wie C zu D." Zum Beispiel: "Harry Potter verhält sich zu Ron Weasley wie Herrchen zu Hund."
Fällt Ihnen gerade keine gute Fortführung ein, dann lassen Sie den Satz liegen und nehmen Sie ihn sich später vor. Hier ein kniffeliges Problem: "Sylvester Stallone verhält sich zum Feminismus wie Tom Cruise zum ….."
2. Tipp: Schreiben Sie sich Analogielisten. Dabei ordnen Sie willkürlich zehn verschiedene Wörter zu Paaren an. Das erste Paar bestimmt das analoge Verhältnis. Zu den anderen vier Paaren begründen Sie, warum diese analog funktionieren. Dabei können recht seltsame Ergebnisse zustande kommen. Auf einer der Analogielisten des Autors stand einmal: Lego : Mama <-> Krümmelmonster : Regenwald. Probieren Sie's aus!
3. Tipp: Probieren Sie die Cluster-Technik von Gabriele Rico, die sie in Garantiert schreiben lernen! beschreibt.

Fördern Sie das wissenschaftliche Denken Ihrer Kinder

Ermutigen Sie ihre Kinder, solange sie klein sind, mit den Dingen zu spielen. Die Zuckerdose kann zum Schloss werden und der Löffel zum Ritter, der den Würfelzucker (die Prinzessin) befreit und nach Hause (in den Tee) bringt. Spielen Sie den Kindern solche kleinen Geschichten auch vor.
Mit Ihren älteren Kindern (Grundschulalter) können Sie Ideen entwickeln, was man mit einer Fähigkeit alles noch machen kann. "Du hast gerade die Buchstaben aufgeklebt. Was kannst du denn noch aufkleben?" und "Wenn du einen Zauberkleber hättest, was würdest du denn mal gerne aufkleben?"
Fragen Sie Ihre Kinder auch, warum sie zwei Sachen kombiniert haben und was der Erfolg davon war. "Du hast die Zahl der Eier durch die Zahl der Lastwagen geteilt. Was ist dabei herausgekommen? … Und wofür brauchen wir das?"
Bei älteren Kindern fragen Sie nach den wesentlichen Gesichtspunkten ihres Handelns. "Was hat dich motiviert? Was hast du dir erhofft?", aber auch "So eine ähnliche Situation kennen wir schon. Was ist jetzt anders? … Und was ist gleich?"

Metakognition, Eselsbrücken und Humor

Mit Metakognition wird die Fähigkeit bezeichnet, seine Denkprozesse bewusst zu steuern. Darin ist auch die aktive Suche nach Analogien eingeschlossen. In der Fähigkeit zur Metakognition ist auch der Unterschied zwischen präoperativen und formal-operativen Analogien begründet. Beide können manchmal recht irrsinnig oder überraschend aufschlussreich sein. Während aber die präoperative Phase zwei Dinge miteinander verwechselt, sucht der "erwachsene Analogisierer" diese ganz bewusst auf.
Erwachsene Lerner nutzen zum Beispiel ganz bewusst Eselsbrücken. Eselsbrücken sind häufig Analogien. "Trenne nie ST, denn es tut ihm weh!" basiert auf der Analogie ST : trennen <-> ihm (=mir) : weh tun.
Nicht zuletzt sind Komiker solche kreativen Analogienbildner, von Stan & Laurel bis Mr. Bean. Sie lassen sich von den Tatsachen nicht vereinnahmen, sondern können ihnen ganz bewusst ihren Stempel aufprägen.

Fazit

Analogien sind ein wesentliches Denkwerkzeug für kreatives und wissenschaftliches Denken. Die Fähigkeit, flüssig komplexe Analogien zu bilden, wird allerdings nur von wenigen Erwachsenen erreicht.
Literatur:
  • Anderson, John: Kognitive Psychologie. Heidelberg 1996, S. 239-257.
  • Birkenbihl, Vera: Stroh im Kopf. Speyer 2002, S. 26-38, 54-64 und 104-114.
  • Piaget, Jean/Inhelder, Bärbel: Die Psychologie des Kindes. München 1998.

Emotionale Kompetenz: Die Gefühle und ihre Verbindung zum Denken

Emotionale Intelligenz war einige Zeit das Modewort. Dabei haben wissenschaftliche Theorien seit vielen Jahren ganz anderer Einsichten.

Robert Plutchik und Stanley Schachter sind international renommierte Psychologen. Die psychoevolutionäre Theorie der Gefühle von Plutchik und die Verbindung zwischen Kognition und Emotionen, wie Schachter sie vorschlägt, beleuchten wichtige Bedingungen des menschlichen Daseins.

Die acht elementare Gefühle

Plutchik postuliert acht elementare Gefühle, die sich in Gegensatzpaaren anordnen: Furcht-Ärger, Überraschung-Erwartung, Trauer-Freude und Ekel-Vertrauen.
Jedes dieser Gefühle wird durch ein Reizereignis ausgelöst und von einer kognitiven Einschätzung begleitet. Ebenso führt jedes Gefühl zu einem idealtypischen Verhalten.
So wird das Gefühl der Überraschung durch ein unerwartetes Ereignis (dem spezifischen Reizereignis) ausgelöst, durch die kognitive Einschätzung "untersuchen" begleitet und führt zu dem Verhalten des Stehen-bleibens und Betrachtens.

Evolutionäre Entwicklung

Emotionen, so Plutchik, haben sich während der Evolution entwickelt. Sie zeigen bei verschiedenen Tierarten und beim Menschen unterschiedliche Ausprägungen.
Dabei spielen sie bei der Anpassung von Organismen an die Anforderungen ihrer Umwelt eine zentrale Rolle.

Die Konstruktion elementarer Emotionen

Elementare Emotionen sind idealisierte Zustände. Das heißt, dass es wissenschaftliche Konstrukte sind, die bei Erklärungen hilfreich sind, aber so nicht existieren.
Ihrer Eigenschaften und Merkmale können nur aus einem Spektrum von Ausdrucksweisen erschlossen werden. Dieser Prozess der Interpretation muss allerdings kritisch gesehen werden.

Kombination und Ableitung

Plutchik postuliert weiter, dass alle anderen Gefühle aus diesen acht Grundgefühlen abgeleitet sind. Er bildet so genannte Dyaden. dies sind Emotionen, die immer zwei Basis Emotionen kombinieren. So bildete sich das Gefühl der Enttäuschung durch die Kombination von Überraschung und Trauer. Ebenso ließe sich das Gefühl der Verachtung durch die Verbindung von Ekel und Ärger erklären.

Gegensätze, Ähnlichkeiten

Alle Basisemotionen besitzen eine gegenteilige andere Basisemotion. Treten diese beiden zusammen auf, ergibt sich ein emotionaler Konflikt. Dies kann man zum Beispiel in Situationen erleben, die zugleich Freude und Trauer auslösen. Nicht wenige Menschen ist es zum Beispiel so beim Ansehen von Roberto Benignis Film Das Leben ist schön ergangen.
Alle anderen Emotionen besitzen einen mehr oder weniger großen Grad an Ähnlichkeit. So ist die Überraschung der Furcht verwandter, als dem Ärger.

Intensitäten

Jede Emotion kann sich in einem unterschiedlichen Grad an Intensität ausdrücken. So wird Vertrauen in einem intensiven Grad als Bewunderung bezeichnet, in einem schwachen Grad als Akzeptanz.

Kognitionen und Handlungen

Jede Emotion bindet sich in einer Kognition und/oder Handlung. erst durch Handlungen und Kognitionen vermischen sich die basale Emotionen.
Die Grundemotionen sind zwar angeboren, aber ihre Intensität, Mischung und Verfeinerung werden erlernt. Gerade durch die zunehmende Entwicklung des Denkens werden den Emotionen immer feinere "Behälter" angeboten, so dass sich mit dem Fortschritt des Denkens die Impulsivität der Handlungen zurückbildet.
Außerdem erlernen Menschen auch, in welchen Situationen sie welche Gefühle bevorzugen.

Bildung: Selbstmanagement emotionaler Kompetenz?

Folgt man dieser Theorie, kann man weit reichende Schlüsse für die Entwicklung emotionaler Kompetenz ziehen.
Je mehr und je feinere "Behälter" man seinen Emotionen anbietet, umso feinere und sensiblere emotionale Kombinationen entwickelt man. Das heißt, dass eine gute und vielfältige Bildung für eine hohe emotionale Kompetenz notwendig ist.

Laterales Denken: Training mit den emotionalen Brillen

Ähnlich wie bei den sechs Denkhüten von deBono kann man mit den Basisemotionen laterales Denken üben. Man kann nämlich auf eine Situation alle acht Emotionen probeweise anwenden und dazu Gedanken entwickeln.
Nehmen wir an, wir haben eine Situation, die bei uns massive Angst auslöst. Beispiel: ein drohender Verlust des Arbeitsplatzes.
Mit der Technik des lateralen Denkens wird diese Situation nun durch die Brille aller anderen Basisemotionen begutachtet. Man könnte also erproben, wo und wie das Gefühl der Überraschung, des Ekels oder der Erwartung auf diese Situation passt.
Dabei geht es nicht darum, den Verlust des Arbeitsplatzes zu verniedlichen. Sinn und Zweck dieser Übung ist, sich nicht von seinen Gefühlen gefangen nehmen zu lassen und in ein automatisches Handeln zu verfallen.

Marketing und Kreativität: Emotionalität in barer Münze

Wie auch de Bonos ursprüngliche Methode, kann und wird diese Methode der emotionalen Brillen bei der Entwicklung von Marketingstrategien angewendet. Gerade wenn es um die Wirkung eines Produkts im anvisierten Kundensegment geht, können hier frühzeitig Fehldeutungen und unerwünschte Nebeneffekte erkannt werden. Dadurch kann man das Produkt effektiver platzieren und seinen Markterfolg erhöhen.

Menschenkenntnis: die Intelligenz der Spekulation

Eine dritte Anwendung dieses Modells dient der Menschenkenntnis. Man kann sich überlegen, welche Emotionen in den Handlungen von Menschen "drin stecken", beziehungsweise, in welchen Situationen ein Mensch wohl diese oder jene Emotion zeigen würde.
Allerdings sollte man seine Spekulationen über andere Menschen als Spekulationen begreifen. Ein direkter Zugang zu den Gefühlen anderer Menschen ist, laut Plutchik und Schachter, nicht möglich. Schärfer formuliert: jede Behauptung eines "Ich weiß, was/wie du denkst!" ist pures Machtgehabe.

Fazit

Die Emotionspsychologie ist insgesamt eine hochkomplexer Angelegenheit. Man kann sich sein ganzes Leben mit ihr beschäftigen. Das Modell von Plutchik bietet jedoch einen guten Anhaltspunkt, sich mit den eigenen und fremden Gefühlen im Alltag zu beschäftigen.

Literatur
  • Plutchik, Robert: The Emotions. Madison Books. 228 Seiten. 43,99€
  • Schachter, Stanley: Emotion, Obesity and Crime. Geniza. 195 Seiten. vergriffen

Mathematisches Modellieren

Mathe ist nicht gerade das beliebteste Fach in der Schule. Dabei ist gerade das Modellieren mithilfe von mathematischen Sprache spannend.

Was haben Weizenbiergläsern mit Integralgleichungen zu tun? Wie müssen Aufzüge gesteuert werden, damit kein Chaos entsteht? Wie kann man eine nachhaltige Energieversorgung erreichen? Gibt es bei Fußballwetten Tricks?
All das sind Fragen, die man mithilfe des mathematischen Modellierens erforschen kann.

Was ist ein Modell?

Das Modell, so der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, ist das Abbild eines idealen Funktionierens. Diese Definition muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Zunächst ist es wichtig, dass das, was funktioniert, nur im Idealfall funktioniert. Da die Realität nur real, nicht ideal ist, besitzen Modelle keine Wahrheit. Sie erleichtern allerdings die Erkenntnis.
Abbilder sind zum Beispiel Tabellen, Diagramme, Ablaufpläne, aber im weitesten Sinne auch Texte.
Demnach ist ein Modell eine Konstruktion, die uns das Denken erleichtert.

Modellieren

Modellieren kann folgendermaßen definieren: als aktives Hineinsehen eines Modells in die Umwelt, beziehungsweise als aktives Herauslesen.
Die Umwelt wird also nicht in ihrer Vielfalt wahrgenommen, sondern bewusst auf einen Aspekt hin abstrahiert.
So gesehen spielt das Modellieren in allen wissenschaftlichen Erkenntnisvorgängen eine wichtige Rolle. Ob man nämlich eine Gruppe von Schülern anhand eines psychologischen Motivationsmodells beobachtet oder die Reden von Angela Merkel anhand einer Liste klassischer rhetorischer Figuren: Überall spielen Modellierungsprozesse eine wesentliche Rolle und teilweise liest man, dass Modellierungskompetenzen zu den zentralsten Kompetenzen erwachsenen Denkens gehören.
Das mathematische Modellieren spielt hier allerdings eine wesentliche Rolle.

Die Abstraktion im Blick

Mathematik wird als abstrakt, formell und gerade in ihrer höheren Form auch als wenig tauglich angesehen. Doch gerade dies sind Eigenschaften, die die Mathematik so wichtig machen.
Im alltäglichen Umgang miteinander machen wir uns selten bewusst, dass wir von einem anderen Menschen nur ein Modell, eine Abstraktion besitzen. Und trotzdem muten wir unseren Gegenüber zu, genau damit umzugehen. Sicher: spricht man die Menschen darauf an, dann hört man: "Natürlich, ich kenne ihn nicht vollständig! Wie sollte das gehen?"
Doch hier abzuschätzen, was solche Abstraktionen bedeuten, fällt vielen Menschen sehr schwer.
Die Mathematik dagegen geht genau den umgekehrten Weg. Als formelle Sprache ist sie per se abstrakt. Hier geht es darum, abzuschätzen, was man sich mit Konkretionen leistet.
Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget legt in seinem Werk immer wieder dar, dass eine Funktion nur dann gut begriffen wird, wenn die Umkehrfunktion auch verstanden wird. Man kann also als ein allgemeines Lerngesetz postulieren: um eine Funktion zu verstehen, lerne auch die Gegenbewegung dazu.
Um Abstraktionen zu verstehen, muss man deshalb auch Konkretionen einüben. Mathematische Modelle bieten hierfür zahlreiche Anlässe. Durch gute mathematische Kompetenzen erhöht man - gleichsam indem man gegen den Strom schwimmt - auch das Verständnis für sozialpsychologische und andere nichtmathematische Modelle.

Was ist ein mathematisches Modell?

Das üblichste mathematische Modell ist die Zahl. Zahlen sind hochabstrakt. Man darf sich wundern, dass Kinder sie so früh lernen. Denn was macht eine Zahl? Sie abstrahiert von allem, was sinnlich und konkret ist. Kinder lernen, dass hinter dem Satz "Ich habe vier Figuren und bekomme noch zwei dazu geschenkt." die Zahlen 4 und 2 stehen und die mathematische Operation des Addierens. Was das für Figuren sind, und ob man zum Beispiel mit diesen spielen kann, ist völlig uninteressant.
Weitere mathematische Modelle sind: Gleichungen und Formeln, mathematische Koordinatensysteme, geometrische Figuren oder Mengenabbildungen.

Fazit

Mathematik als Denkpraxis wird viel zu wenig geschätzt. Vor allem ihr Verhältnis zu anderen Wissenschaften wird zu wenig durchdacht. Dabei darf das Problem nicht bei den Mathematiklehrern gelassen werden. Die Fähigkeit zur Abstraktion und Konkretionen sollte jedem Menschen am Herzen liegen, der ein vielseitiges und wissenschaftliches Denken pflegen möchte.

Laterales Denken

Kaum ein Begriff kann in der Psychologie der Kreativität eine solche Bedeutsamkeit und Vernachlässigung vorweisen, wie der Begriff des lateralen Denkens.

Das laterale Denken wurde als Begriff von Edward de Bono eingeführt. Der Begriff war neu, dass was dahinter stand, allerdings nicht.

Definition des lateralen Denkens

"Beim lateralen Denken geht es… darum, die Wahrnehmung zu ändern und an der neuen Wahrnehmung festzuhalten." (de Bono 2010, Seite 84)
Laterales denken sei "Musterwechsel innerhalb eines Muster bildenden Systems" (ebenda, Seite 85).

Vorläufer I: Friedrich Nietzsche

Kaum ein Philosoph ist heißer geliebt und kälter verachtet worden als Nietzsche. dabei sind seine Schriften komplex. Selbst der Krieg, dessen positive Wirkung er so häufig beschwört, ist sowohl als Übertreibung, als auch als Metapher und als Provokation zu lesen. Worum geht es dir? Was willst Du? Hast Du eine Meinung und traust du dich, diese zu vertreten, mit der Gefahr, dass jemand besser als du argumentiert?
Nietzsche fragt nach dem flexiblen Denken. In der Sprache de Bonos: nach dem Musterwechsel.

Vorläufer II: Jean Piaget

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Piaget hat sich fast ausschließlich in seinem wissenschaftlichen Werk mit der Entwicklung des Denkens beschäftigt. Der zentrale Begriff, den Piaget geprägt hat, ist der des Schemas. Dieses bezeichnet er auch (in seinem Spätwerk) als Transformationsstruktur. Ein Schema macht aus etwas etwas anderes. In ihm liegt eine "geistig gewordene Bewegung".
Eine der wichtigsten Begriffe für das adoleszente Denken ist die fluiden Klasseninklusion. Damit ist gemeint, dass ein Erwachsener ein Phänomen oder eine Idee aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und diese verschiedenen Perspektiven untereinander verknüpfen kann. Dies ist nichts anderes als laterales Denken. De Bono hat die fluiden Klasseninklusion in eine Technik umgewandelt, die der sechs Denkhüte.

Spielerisches und kreatives Denken

Ein solches Denken gilt als spielerisch. Es hat aber mit den ebenfalls spielerischen Denken eines Kleinkindes wenig zu tun.
Kleinkinder sind nur in geringem Maße in der Lage, zwei Größen miteinander zu kombinieren. Sie können zum Beispiel nicht den Wasserstand und die Breite eines Glases in ein Verhältnis bringen. Schüttet man Wasser aus einem hohen Glasrohr in einem breiten Glasbehälter und fragt ein kleines Kind, ob in dem breiten Glasbehälter gleich viel, weniger oder mehr Wasser sei, so wird das Kind verschiedene Antworten geben. Es sagt zum Beispiel, dass in dem breiten Glasbehälter mehr Wasser sei als in dem hohen Glasrohr, weil der Glasbehälter breiter ist. Aus dem selben Grund könnte es aber auch sagen, dass es nun weniger Wasser sei, weil der Glasbehälter niedriger ist. Das Kind ist noch auf eigene Größe fixiert (Piaget nennt dies Zentralismus).
Ein wesentlicher Unterschied ist also, dass ein erwachsener Denker die Verhältnisse zwischen den Größen durchdenken und Perspektiven bewusst auswählen kann, während ein kleines Kind frei assoziiert und seiner Wahl nicht durchdenken kann.

Vielfältiges und hartnäckiges Denken

Laterales Denken bedeutet, wie es bei de Bono es oben schon anklingt, auf der einen Seite die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Musterwechsel, auf der anderen Seite, nicht zu rasch von Muster zu Muster zu hüpfen. Das Denken muss hartnäckig bleiben und hartnäckig an einer Sache arbeiten. Der französische Lyriker Charles Baudelaire schrieb: je härter das Material, desto feinsinniger die Gedanken.

Psychologische Modelle

Spielen Sie dies einmal mit psychologischen Modellen durch. Ein psychologisches Modell ist eine Art Raster, das man über einen Menschen wirft, um ihn abschätzen zu können. Es gibt zahlreiche dieser Raster und deshalb auch zahlreiche Möglichkeiten, einen Menschen zu beurteilen.
Ein Muster bietet uns eine einzelne Perspektive. Für den betreffenden Menschen wird sie zu grob sein und er wird sich über unser Urteil beschweren. Mehrere Muster haben viel mehr Aussicht auf Erfolg. Springt man aber willkürlich zwischen den einzelnen Mustern hin und her und bedenkt nicht deren Zusammenhang, wird uns der Mensch als unzuverlässig oder sogar wirr empfinden.
Erst wenn wir uns bewusst von Muster zu Muster bewegen können und unsere Bewegungen verdeutlichen können, erscheinen wir als differenziert. Mit Wahrheit hat weder das undifferenzierte Muster noch das bewusste Anwenden vieler Muster zu tun. Das letztere ist nur differenzierter und viele Menschen sind höflich genug, sich mit einer gewissen differenzierten Beurteilung ihrer selbst zufrieden zu geben.

Fazit

Laterales Denken bedeutet das bewusste und hartnäckige Anwenden vielfältiger Muster auf ein Thema, einen Sachverhalt, ein Problem oder einen Menschen.

Literatur
  • De Bono, Edward: De Bonos neue Denkschule. mvg-Verlag 2010. Taschenbuch, 240 Seiten. 9,95€

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Motivation ist eine der wichtigsten und schillerndsten Vokabeln der Psychologie. Obwohl sie den gesamten Alltag durchzieht, wird sie selten kritisch diskutiert. Ein Fallbeispiel.

Zu den bekanntesten Modellen zur Motivation zählt die Maslowschen Bedürfnispyramide. Sie wird von Psychologen verwendet und ist auch in Organisationen, zum Beispiel bei der Mitarbeitermotivierung, sehr beliebt. Welche Vorteile bietet dieses Modell und welche Grenzen hat es?

Die Bedürfnispyramide

Die klassische Form der Bedürfnispyramide besteht aus fünf Stufen. Die einzelnen Stufen sind:
  • physiologische Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Bedürfnis nach Liebe/Zugehörigkeit
  • Achtungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Selbstverwirklichung
Diese Bedürfnisse sind (von oben nach unten) hierarchisch angeordnet. Maslow schreibt, dass zuerst die grundlegenden, das heißt die physiologischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen, und dann nach und nach alle anderen. Die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung können erst an letzter Stelle stehen.

Die einzelnen Stufen

Maslow hat die einzelnen Stufen weiter konkretisiert.
Zu den physiologischen Bedürfnissen zählen: Atmen, Essen, Wasser, Sex, Schlaf, Homöostase (physiologisches Gleichgewicht, insbesondere Salze im Blut), Ausscheidung.
Als Sicherheitsbedürfnisse gelten die Sicherheit von Körper, Beruf (Beschäftigung), Ressourcen, Moralität, Familie, Gesundheit, Besitz.
Auf der dritten Stufe (Liebe/Zugehörigkeit)befinden sich genauer die Bedürfnisse nach Freundschaft, Familie, sexuelle Intimität.
Schließlich versteht Maslow unter den Achtungsbedürfnissen im genaueren folgendes: Selbstachtung, Zuversicht, Leistung, Respekt durch andere, Respekt für andere.
Zum Schluss stehen die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung: Moralität, Kreativität, Spontanität, Probleme lösen, fehlende Vorurteile, Akzeptieren von Fakten.
Schon hier kann man sehen, dass Maslow eine äußerst strittige Einteilung vorgenommen hat.

Defizitorientierte und unendliche Bedürfnisse

In der Bedürfnispyramide gibt es eine Grobeinteilung. Die ersten vier Stufen, mit Ausnahme der vierten Stufe, sind defizitorientiert. Die zugehörigen Motivationen orientieren sich an dem, was fehlt. Wem Schlaf fehlt, der sucht sich einen Platz zum Schlafen. Und wem Freundschaften fehlen, der sucht sich Freundschaften.
Erst auf der vierten Stufe ändert sich das. Hier gilt teilweise, was für die fünfte Stufe vollständig gilt: es sind unendliche, das heißt nicht zu befriedigende Bedürfnisse. Jedenfalls behauptet Maslow das.

Wie man die Bedürfnispyramide benutzt

Dieses Modell bietet ein gutes Raster, um sich über eigene und fremde Bedürfnisse klar zu werden. Klar werden heißt hier: sensibel werden.
Sie bietet zudem eine gute Möglichkeit Handlungen oder Handlungsfolgen einzuordnen. Hinter jeder Handlung liegt ein Motiv, hinter jedem Motiv ein Bedürfnis. Trotzdem sollte man hier unendlich vorsichtig sein. Handlung und Motiv, Motiv und Bedürfnis hängen nur lose zusammen. Es gibt keinen mathematischen, sondern "nur" einen intuitiven Schluss vom einen zum anderen.

Probleme der Bedürfnispyramide

Maslow wurde vorgeworfen, zu blauäugig, zu sehr am Guten orientiert zu sein. Es gäbe auch schlechte Bedürfnisse. Obwohl dieser Einwand zunächst als einer der triftigsten erscheint, sind Bedürfnisse, die den Motive nur zu Grunde liegen, nicht mit moralischen Maßstäben zu bewerten. Erst wenn diese Bedürfnisse rational, beziehungsweise kognitiv erfasst werden, kann man anfangen, nach moralischen Maßstäben zu fragen.
Ähnlich lässt sich auch der zweite Einwand wieder aushebeln. Maslow wurde der Vorwurf gemacht, die Hierarchie sei zu starr; oft werden höhere Bedürfnisse vor den niedrigeren befriedigt. Auch in diesem Einspruch werden Bedürfnisse und Motive, beziehungsweise Motivationen, vermischt. Erfahrungsgemäß, und dies zeigen zum Beispiel die Fallbeispiele der Psychoanalyse, hängt die Befriedigung höherer Bedürfnisse, bevor niedrigere Bedürfnisse befriedigt worden sind, stark mit Ersatzbefriedigungen oder neurotischen Objektfixierungen zusammen. Dann wird ein höheres Motiv gleichsam mit der Befriedigung eines niedrigeren Bedürfnisses (beim Neurotiker) zusammenimaginiert.
Viel ernster zu nehmen ist der Einwand, dass Maslow genau diese schlechte Durchmischung von Motiven und Bedürfnissen in seiner Bedürfnispyramide abbildet. Es ist kaum vorstellbar, dass zum Beispiel die Kreativität ohne kulturelle Veränderungen auskommt oder gar erst entsteht.

Motivationstheorien als Ausdruck von Ideologien

Beispielhaft kann man dies an einem Mythos der westlichen Kultur sehen. In Hermann Hesses Narziss und Goldmund stirbt Goldmund in dem Augenblick, als er sein schönstes, sein perfektes Kunstwerk erschafft. Indem ein nach Maslow unendliches Bedürfnis durch die Perfektion doch endlich wird, ist der Sinn des Lebens gleichsam aufgebraucht.
Nun kann man diesen romantischen topos belächeln. Doch hinter dieser rührseligen Vorstellung steckt der Gedanke, dass der Mensch sich vollständig in der Ware, die er produziert, aufhebt, und nur so das Höchste und Beste zu leisten vermag. Der Prototyp des Menschen als Ware ist, so Walter Benjamin, die Hure. Diese hat nur ihren Körper, den sie anbieten kann, und geht in ihrem Dasein gezwungenermaßen als Ware auf.
Man kann also vermuten, dass selbst psychologische Modelle nicht notwendig auf streng wissenschaftliche Tatsachen zurückgreifen, sondern kulturelle topi wiederholen, die man als patriarchal und neoliberalistisch bezeichnen muss.

Hartz IV

An einem anderen Beispiel kann man die Problematik ebenso gut durchbuchstabieren. Brauchen Arbeitslose den Respekt durch andere, zum Beispiel durch Politiker (Bedürfnis nach Achtung), bevor sie einen Beruf ausüben (Bedürfnis nach Sicherheit)? - So gesehen ist diese Frage rein rhetorisch. Denn wie sollte ein Arbeitsloser sich den Respekt von bestimmten Politikern verdienen, wenn diese nur auf ihn aufmerksam werden, wenn er arbeitslos ist?
Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist also nicht in der Lage, die Widersprüche einer Kultur abzubilden.

Fazit

Die Maslowschen Bedürfnispyramide ist ein Klassiker. In gewisser Weise kann man sogar sagen: zurecht. Unkritisch sollte man aber dieses (und kein anderes) Modell anwenden.

Die sechs Denkhüte nach Edward de Bono

Eine der berühmtesten Kreativitätstechniken sind die sechs Denkhüte. Hier erfahren Sie die Anwendung, die Hintergründe und welche Fehler Sie vermeiden sollten.

Kaum eine Kreativitätstechnik wird so häufig zitiert und doch so gerne missverstanden, wie die Denkhüte. De Bono entwarf diese Technik, um verbalen Spiegelfechtereien und pseudo-logischen Attacken ein Ende zu bereiten.

Herkunft der sechs Denkhüte: Künstliche Intelligenz

In den sechziger Jahren etablierte sich eine sehr neue Form, das menschliche Denken zu erforschen. diese ist unter dem Begriff des Konnektionismus mittlerweile eine der wichtigsten Strömungen moderner Psychologie. Entstanden ist sie mit den ersten vorsichtigen Entwicklungen von Programmen der künstlichen Intelligenz. Dabei spielt ein Begriff eine wesentliche Rolle, der des parallel-distributive processing, des parallel-distributiven Prozessierens, kurz auch PDP genannt.
Diese Idee des PDP findet sich auch in der Technik der Denkhüte wieder.

Die Anwendung der sechs Denkhüte

Diese Technik benutzt man, um ein Thema zu erforschen oder ein Problem zu lösen. Dabei werden reale, farblich gestaltete Hüte oder Abbilder von solchen für ein Gespräch genutzt. Weiter unten erfahren Sie, wofür die einzelnen Farben stehen.
Ganz wichtig dabei ist, dass jede Farbe eine bestimmte Perspektive auf ein Thema repräsentiert.

Die wichtigste Regel: immer nur ein Hut

Häufig liest man, dass alle sechs Denkhüte gleichzeitig verwendet werden. Doch genau das ist falsch. Die Denkhüte dürfen nicht zu einer Rollenaufteilung in einer Gruppe führen. Während einer Diskussion über ein Thema oder ein Problem ist es wichtig, dass alle Gruppenmitglieder von einer bestimmten Perspektive aus, zum Beispiel von der "roten" Perspektive, urteilen.
Hier findet man auch in Bezug zum parallel-distributiven Prozessieren wieder: parallel ist die Blickrichtung, distributiv, dass es in verschiedenen Köpfen gleichzeitig passiert. Es geht um ein gemeinsames Erkunden, nicht um ein verteiltes Übertrumpfen.

Der weiße Hut

Der weiße Hut steht für Papier und Information. Nutzt man diesen, werden alle Informationen gesammelt, die zu dem Thema bekannt sind.
An dieser Stelle ist die Bewertung der Informationen verboten. Wenn jemand eine Information zu haben meint, kann er sich an dieser Stelle äußern.
Am Anfang mag es schwierig sein, Kritik oder kreative Einwürfe bei der Phase mit dem weißen Hut herauszuhalten. Da aber sowohl Kritik als auch Kreativität bei anderen Hüten ausgelebt werden dürfen, ist dies nur ein Anfangsproblem.

Der rote Hut

Hier geht es um Emotionen und Empfindungen. Alles, was uns an einem Thema Spaß macht, die Neugierde erhält, die Wut im Bauch erhöht oder uns auch ängstigt, kann in dieser Phase geäußert werden.
Dabei geht es nicht nur um starke Emotionen, sondern auch um schwache, um Empfindungen, Langeweile, gemäßigtes Interesse, und so weiter.

Der schwarze Hut

Schwarz steht für Kritik, das heißt für Logik, Urteile und innere Folgerichtigkeit. Beim schwarzen Hut geht es also darum, Gefahren, Fehler, potentielle Gefährdungen, unsachgemäße Behandlung oder riskante Folgen zur Sprache zu bringen.
Beim schwarzen Hut geht es also darum, zu filtern und Ideen nach ihrem Risiko und fehlendem Nutzen zu bewerten.

Der gelbe Hut

Genauso wichtig wie der schwarze Hut, jedoch häufig wenig genutzt, ist der gelbe Hut. Er steht für Werte. Hier geht es darum, die wünschenswerten und motivierenden Aspekte eines Themas, Teilthemas oder Problems darzulegen.
Gerade bei Problemen fällt es vielen Menschen schwer, motivierende und positive Anteile zu finden. Doch genau dies ist Sinn und Zweck des Hutes. Menschen neigen viel zu schnell, Probleme mit üblichen Lösungsmöglichkeiten aus der Welt zu schaffen. Sie denken nicht mehr über die Folgen nach. Mit dem gelben Hut wird der Nutzen eines Problems mehr und mehr bewusst. Dadurch steht man erstens nicht mehr unter Handlungsdruck, und kann zweitens nützliche Nebenwirkungen eines problematischen Zustandes im Blick behalten.

Der grüne Hut

Dieser steht für kreative Energie. Während dieser Phase darf jeder Teilnehmer seine Ideen, Alternativen, Skizzen, Fantasien und Entwürfe einbringen.
Die Aufgabe dieses Hutes ist, dass er "formell" zur Kreativität aufgefordert. Der Organisationsberater Peter Kruse sagt, dass jede Organisation einen Spinner braucht, der ständig Ideen produziert und stört. Mit dem grünen Hut wird die ganze Gruppe auf die "Spinnerei" eingeeicht.
Diese Denkperspektive ist deshalb so wichtig, weil sie Alternativen produziert. Zwar fällt vielen Menschen genau dies am Anfang schwer, doch indem eine ganze Gruppe mit viel Lust und Spaß mehr oder weniger passable Ideen entwickelt, werden auch "unkreative" Menschen mitgerissen und beteiligen sich.

Der blaue Hut

Der blaue Hut steht für Kontrolle.
Normalerweise läuft das Sechs-Hüte-Denken so ab, dass jemand sagt: "Das war ein toller roter Hut! Ich hätte jetzt gerne ein paar gelbe Hüte."
Der blaue Hut kommt genau dann ins Spiel, wenn es entweder darum geht, den Prozess zu strukturieren ("Lasst uns jetzt erstmal zum gelben Hut kommen, und dann finde ich den schwarzen Hut sinnvoll.") oder wenn der Prozess an Kraft verliert oder entgleitet ("Wir haben uns zu sehr in der Kritik verrannt. Was haltet ihr davon, wenn wir uns jetzt erstmal auf rote, gelbe und grüne Hüte beschränken. Seid Ihr mit einer halben Stunde einverstanden?").
In dieser Phase geht es nicht darum, Menschen zu kritisieren. Das ist allgemein verboten. Für diese Kreativitätstechnik gilt, was auch für das systemische Denken gilt: respektvoll gegenüber Menschen, respektloses gegenüber Ideen.

Fazit

Am Anfang macht diese Technik Mühe. Man muss sich zunächst daran gewöhnen, dass jede Denkweise ihren Platz findet, nur eben nicht immer bei dem entsprechenden Hut. Ist aber erstmal diese anfängliche Hürde überwunden, erleichtert das Sechs-Hüte-Denken die ganze Organisation, von kreativen bis hin zu planerischen Prozessen.
Literaturempfehlung:
  • De Bono, Edward: Der kluge Kopf, Heidelberg 2004, S. 105-124