31.10.2015

Der Erzählkreis von Franz Stanzel, neu geordnet

Seit einer Woche kommentiere ich recht fleißig alte Kommentare zur Erzählsituation, aber auch erneut Bücher, so unter anderem einige Bücher von Stephen King, von Tolkien und natürlich Rowling. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass ich den Erzählkreis von Stanzel neu geordnet habe. Mit dem Erzählkreis war ich schon lange unglücklich. Erst habe ich ihn nicht verstanden (weil mir noch die alte und falsche Darstellung aus der Schule im Kopf herumspukte), dann habe ich, im Vergleich zur strukturalen Erzählanalyse Genettes auch mehr und mehr die Probleme gesehen, die dieses Modell mit sich bringt. Meine Änderungen sind nicht umfassend. Keineswegs lösen sie alle meine Bedenken. Aber einiges habe ich, hoffe ich, klarer formuliert.

Probleme mit dem Erzählkreis

Textmuster

Der Erzählkreis von Stanzel
Heute wollte ich, weil ich das bereits vor zwei Jahren versprochen habe, endlich mal von der Erzählsituation zu den typischen Textmustern der Erzählsituationen kommen. Notwendig erscheint mir dies, weil die Erzählsituationen für sich viel zu breit gefasst sind, viel zu viel beinhalten, um dem Schriftsteller wichtige Werkzeuge in die Hand zu geben. Vermutlich wurde auch deshalb die Erzählsituation so eingeschränkt dargestellt, weil sie ohne einen differenzierteren Unterbau einfach nicht praktisch ist. Die Textmuster liefern dazu die notwendigen Begriffe.

Mittelbarkeit

Dies allerdings ist ein äußerliches Problem, das dem eigentlichen Modell zukommt. Viel frappierender sind die Probleme des Modells selbst. Ganz zu Beginn seiner Darstellung schreibt Stanzel, dass sich eine Erzählung durch ›Mittelbarkeit‹ definiere; er meint damit, dass eine Erzählung die Welt nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar, eben durch das Medium der Sprache, darstelle. Dasselbe meinte ich, als ich heute Morgen schrieb, dass jede Erzählung Kommunikation sei.

Kommunikative Wende

Nun habe ich wieder ganz frisch begonnen, mich mit dem Erzählkreis zu beschäftigen. Seit gestern versuche ich diesen so umzugestalten, dass die Kommunikation in allen Bereichen ein wesentlicher Bestandteil ist. Dies wird bei dem bisherigen Erzählkreis nämlich nicht so deutlich. Hier gibt es auf der einen Seite die Erzählerfigur, auf der anderen Seite die Reflektorfigur. Diese Gegenüberstellung erscheint mir zu stark, da sie die beiden Pole so darstellt, als sei die Reflektorfigur und damit die personale Erzählsituation nicht zugleich Kommunikation.
Im Prinzip vollziehe ich damit einen Wechsel von einer auf die Struktur bedachten Darstellung zu einer die Wirkung in den Mittelpunkt stellende.

Die Reflektorfigur

Dies wird bei Stephen King besonders deutlich. Dieser bringt in seinen Romanen sehr häufig Textmuster der Reflektorfigur ins Spiel. Gleichzeitig aber nimmt er sich viele Freiheiten, wie er seine Erzählungen gestaltet, die nicht auf die personale Erzählsituation und damit auf die Reflektorfigur verweisen, sondern auf die auktoriale Erzählsituation und damit einen distanzierten Erzähler.
Wäre dies tatsächlich eine Disharmonie in den Werken von Stephen King, dann müsste man dies in ihrer (analytisch-theoretischen) Darstellung funktionalisieren können. Funktionalisieren heißt in diesem Fall auch, dass man daraus praktische Ratschläge für Schriftsteller gewinnen könnte. Dies aber ist mir bisher nicht gelungen, woraus ich schließen musste, dass das Modell nicht deutlich genug arbeitet, dass es verschoben werden muss, um mehr Tiefenschärfe zu gewinnen.

Die drei neuen Achsen des Erzählkreises

Der Vermittlungswille

Anstelle des Gegensatzes von Erzähler und Reflektor stelle ich den Vermittlungswillen und den Gegensatz von Ausdruck und Eindruck, bzw. von Anpassung an den Leser oder Anpassung an die Welt.
Der Erzählkreis, neu gestaltet
Der Erzähler ist damit in beiden Polen gegenwärtig. Das eine Mal allerdings erzählt er, um dem Leser eine Möglichkeit mitzuteilen, wie man mit der Welt umgehen kann, auch, wie man sie (medial) gestalten kann, während auf der anderen Seite die Welt in ihrem „Dasein“ dargestellt wird. Die eine Seite nimmt die Welt als Möglichkeit, daran sich in seiner Subjektivität auszuprobieren, die andere Seite, diese in ihrer Objektivität zu verstehen. Das eine Mal ist die Welt die Möglichkeit eines Ausdrucks, das andere Mal die Möglichkeit eines Eindrucks.
Dies ist nicht so weit entfernt von der Einteilung Stanzels.
Die Erzählerfigur wird ersetzt durch den Ausdruck, die Anpassung an den Leser, durch den Umgang mit der Welt, die bewusste mediale Darstellung und die subjektive Vermittlung.
Die Reflektorfigur wird ersetzt durch den Eindruck, die Anpassung an die Welt, durch das „Dasein“ der Welt und durch ihre objektive Vermittlung, durch ihre Unmittelbarkeit.

Die personale Erzählsituation

Es ist klar, warum die Reflektorfigur, bzw. meine „Neudefinition“, eine wichtige Rolle im Spannungsroman spielt und warum der Spannungsroman die personale Erzählsituation stark in den Vordergrund stellt. Dieser möchte unmittelbar wirken; der Leser soll möglichst vergessen, dass er einem Roman beim Geschehen mitfiebern. Der Leser soll die vermittelnde Instanz, die Sprache, vergessen. Damit soll er auch vergessen, dass es ein Erzähler ist, der den Roman erzählt. Und umgekehrt darf der Erzähler nicht darauf beharren, dass er sich ausdrückt, sondern muss sich zurücknehmen. Das Geschehen muss objektiv geschildert werden.

Die Körperlichkeit

Anstelle der Identität, bzw. Nicht-Identität der Seinsbereiche setze ich die Körperlichkeit des Erzählers. Auf der einen Seite ist der Erzähler körperlich in der Welt anwesend und damit in der Lage, dort zu handeln, auf der anderen Seite ist er unkörperlich anwesend und damit zur Handlung nicht fähig.
Ist der Erzähler in der Welt anwesend und handelt in ihr, haben wir die klassische Ich-Erzählsituation vorliegen. Auf der anderen Seite ist der Erzähler nur noch jemand, der schildern kann, was passiert; aber er leidet darunter auch nicht, da er keinen Körper besitzt. Zudem gewinnt er dieser Situation nach und nach wieder gewisse Freiheiten ab, die Welt so darzustellen, wie er es für nötig hält. Dieser unkörperliche Erzähler befindet sich zwischen der personalen und der auktorialen Erzählsituation. Man findet diese Form des Erzählers öfter in Falldarstellungen, zum Beispiel in der Darstellung von psychoanalytischen Sitzungen.

Die Freiheit

Als dritte Achse wurde von Stanzel die Opposition innen/außen und damit die Innenperspektive, respektive die Außenperspektive genommen. Diese ersetze ich durch die Freiheit und damit durch die Notwendigkeit, bzw. den Zwang auf der einen Seite und die Willkür, bzw. die Distanz auf der anderen Seite. Der auktoriale Erzähler, der auf der Seite der Willkür und Distanz zu finden ist, ist eben nicht der allwissende Erzähler, sondern derjenige, der seine Erzählung bewusst und mit großer Freiheit anbietet. Er ist in das Geschehen nicht involviert, gehört nicht zu der Welt, in der das Geschehen stattfindet, gehorcht nicht der Physik dieser Welt und auch nicht deren Psychologie, und kann deshalb von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit springen, kann seine Figuren kommentieren, sich direkt an den Leser wenden, und ähnliche Sachen.
Auf der anderen Seite findet sich ein Erzähler, der in die Welt involviert ist, der in ihr handelt, der aber kaum noch Freiheitsgrade besitzt und häufig getrieben ist oder nur reagiert. Hier findet sich die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, die nicht umsonst von einem Autoren eingeführt worden ist, der sich stark der Psychoanalyse und der Darstellung von Menschen, die in ihrem Lebensumfeld gefangen sind, verpflichtet fühlte, von Arthur Schnitzler. Die beiden Geschichten Fräulein Else und Leutenant Gustl zeigen Menschen, deren Handeln nicht mehr aus ihrem Willen zu kommen scheint, sondern ihnen von ihren Trieben diktiert wird.

Die Erzählsituation bei Stephen King

Es gibt vermutlich nur wenige Erzählsituationen, die sparsam mit den dazugehörigen Textmustern umgehen. Stephen King gehört nicht dazu. Um einen Horrorroman zu schreiben, muss er auf der einen Seite schildern, wie ausgeliefert die Menschen in bestimmten Situationen sind. Zudem gehört zum Unterhaltungsroman die Unmittelbarkeit der Welt dazu: dazwischen darf das Medium der Sprache nicht auftauchen. Deshalb finden sich die Textmuster der personalen Erzählsituation besonders häufig bei ihm. Insbesondere gehört dazu das Textmuster, das Stanzel Kamera-Auge nennt; dieses kann man sich wie eine Kamera vorstellen, die bei dem Geschehen anwesend ist, aber selbst nicht mehr direkt eingreift.
Allerdings kann kein Spannungsroman diese Objektivität durchhalten. Immer gibt es einen Helden, der in dieser Welt handelt und sich handelnd mit ihr auseinandersetzt; und so ist es auch bei Stephen King, weshalb er oft zu Textmustern der Ich-Erzählsituation hinübergleitet. Diese zeichnen sich besonders durch das erlebende und das erzählende Ich aus. Das erzählende Ich taucht bei King allerdings nur in Dialogen auf, also wenn eine Romanfigur einer anderen etwas erzählt. Damit bleibt King bei Erzählweisen, die keine Distanz zu der Welt aufweisen, in der die Geschichte passiert.
Schließlich aber muss man feststellen, dass King sehr wohl seine Geschichte mit großen Freiheiten erzählt, dass er die Perspektiven wechselt, dass er zum Beispiel Versatzstücke von Gebrauchstexten, zum Beispiel Zeitungsmeldungen, in seinen Roman einbaut, und damit auch Techniken der auktorialen Erzählsituation verwendet.
All dies zeigt, dass King sich in seinem Erzählen nicht vorrangig durch formale Aspekte lenken lässt. Dies ist bei „klassischen“ Erzählern anders. Es gibt Geschichten von Hemingway, die ganz auf einem unkörperlichen Erzähler beruhen, wie zum Beispiel Katze im Regen. Oder Joyce, der das ganze letzte Kapitel von Ulysses als Bewusstseinsstrom erzählt.

Schluss

Nun bin ich noch immer nicht zu den einzelnen Textmustern gekommen. Wie ich oben schon gesagt habe, halte ich diese deshalb besonders wichtig, weil sie für den Schriftsteller praktisch zu handhaben sind und weil sie wesentlich besser zeigen, wie bestimmte Textabschnitte wirken können. Im Dienste einer aktiven Gestaltung und einer aktiven Auswahl der Leserwirkung wäre es sinnvoll, jetzt einige Romane zu diskutieren. Ich muss dies, mal wieder, auf später verschieben.
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