19.10.2016

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Patriotismus bleibt ein seltsames Wort. Ich wollte mich eigentlich nicht so sehr damit beschäftigen, zumindest nicht derzeit, jedoch hat mich eine ganz andere Arbeit zu einem Satz zurückgeführt, der in sich selbst so komplex ist, dass er als gutes Beispiel dafür dienen kann, dass für eine Satzbedeutung der Kontext eine geradezu tragende Rolle spielt.

Visualizing Big Data

Um die Relevanz dieses einen Satzes verstehen zu können, also seine Relevanz für mich, muss ich zunächst erklären, wie ich auf diesen Satz gestoßen bin, und welche Rolle er (zusammen mit einer ganzen Menge anderer Sätze) bei meiner aktuellen Arbeit spielt.
Weiterhin arbeite ich an einer semantischen Analyse mittels eines Programmes. Dazu habe ich mir einige grundlegende Techniken ausgesucht, die mir günstig erschienen. Und zunächst sollte es ja nur eine Bewertung der semantischen Rollen von Satzteilen werden. Diese kann man in gewisser Weise recht schematisch anwenden, und was schematisch anwendbar ist, lässt sich auch relativ leicht programmieren. Also relativ leicht, denn ich hatte einige Probleme, meinem Programm beizubringen, Kasus und Genus der Objekte zu erkennen.
Tatsächlich ist das Ergebnis aber gar nicht so interessant, wenn man aus diesen einzelnen Satzanalysen nicht größere Zusammenhänge bildet. D. h., ich bin, nachdem ich die grundlegende Programmierung fertiggestellt hatte, auf das nächste Problem gestoßen, wie man nämlich zu halbwegs tauglichen Mustern findet, die auf der einen Seite der Semantik zugehören, auf einer anderen Seite relativ stabile Einheiten bilden, und die schließlich darstellbar sind.
Was die relativ stabilen Einheiten angeht, so handelt es sich hier ein altes Problem, nämlich das der Textmuster. Ich habe in der Vergangenheit, wenn auch nicht allzu oft, darüber geklagt, dass Textmuster äußerst unsichere Ganzheiten sind; vermutlich liegt das daran, dass Textmuster nicht auf festen Grundlagen aufgebaut sind, wie dies bei Satzmustern der Fall ist; und dass sie ihre Bedeutung durch eine innere Struktur und eine äußere Abgrenzung bekommen, die auf den gleichen Unterschieden beruht, sodass es zwischen den innerlich strukturierenden und den äußerlich unterscheidenden Unterscheidungen keinen Unterschied gibt. Zu welcher Verwirrung das führen kann, zeigt der eben von mir geschriebene Satz, der zwar richtig, aber keinesfalls logisch ist. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Textmustern.
Wie auch immer, von einer Analyse der Daten bin ich dann auf eine Darstellung der Daten weitergewandert. Ich mache mir nicht sonderlich viel Hoffnung, dass meine ersten Versuche mehr als Stümpereien sein werden; auf der anderen Seite war aber meine bisherige Arbeit zu diesem Thema außerordentlich fruchtbar, und solange dies auch in den nächsten Arbeitsschritten so sein wird, halte ich das Scheitern an einem Endprodukt für erträglich. Ich muss also, um auf die Absatzüberschrift zurückzukommen, große Datenmengen visualisieren.

Probleme mit dem Patriotismus

Dieser eine Satz

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück, zumindest zu einer ersten Analyse. Ich habe mir aus verschiedenen Büchern Abschnitte vorgenommen, und diese Abschnitte mithilfe der semantischen Analyse, wie sie bei Peter von Polenz in dessen Buch Deutsche Satzsemantik dargestellt wird, zu analysieren versucht. Einfach sind dabei Erzählungen, die dicht an der weltlichen Materie entlang geschrieben worden sind. Tolkien, Karl May und Simon Beckett lassen sich recht problemlos zergliedern; Alice Munro und Judith Hermann sind schon schwieriger; am problematischsten allerdings sind politische Artikel und Bücher. Nun ist mir ein solcher Satz bei Martha Nussbaum, Politische Emotionen, untergekommen. Dieser lautet wie folgt:
Fürsprecher der Armen, die sich an dem Plan zunehmend störten, dachten gemeinsam darüber nach, wie die Ausstellung Vorstellungen von Chancengleichheit und Opfern miteinbeziehen könnte.
S. 311 f.
Nun ist dieser Satz nicht schwierig zu verstehen, selbst wenn man den Kontext nicht wirklich kennt. Zumindest scheint sein Verständnis einfach, aber ich werde zeigen, dass dieser Satz keineswegs unschuldig oder leichtgängig ist. – Im folgenden aber möchte ich zunächst den Kontext vorstellen und einige Ideen und Probleme zum Begriff des Patriotismus'.

Die Stellung im Buch

Dieser eine Satz findet sich relativ am Anfang des dritten großen Abschnitts aus dem Buch von Nussbaum. Dieses Buch ist in drei Abschnitte, einem Vorspiel (in der das Thema des Buches problematisiert wird) und einem Anhang gegliedert; der erste Abschnitt ist der Geschichte der politischen Emotionen gewidmet, bzw. des Denkens politischer Emotionen, der zweite stellt die Ziele einer liberalen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen vor, ebenso die Mittel für „gute“ politische Emotionen, und schließlich die „radikal bösen“ politischen Emotionen. Der dritte Abschnitt nun soll die bisherigen Analysen auf „reale Gesellschaften“ (S. 305) anwenden. Nussbaum bezeichnet diesen dritten Abschnitt als zum Teil semi-theoretisch, zum Teil als Überzeugungsarbeit (S. 308).
Konkreter findet sich der Satz im achten Kapitel, der dem Patriotismus gewidmet ist. Diesen Patriotismus, einem liberalen, fügt Nussbaum zwei Werte bei (bzw. eigentlich drei): Liebe und kritische Freiheit; ob man „kritische Freiheit“ so eng verbunden sehen darf, bleibt dahingestellt. Kritik ist, wie ich in einigen früheren Artikeln geschrieben habe, eine äußerst seltsame Praxis, die sich der Politik nicht leicht eingemeinden lässt, obwohl beides auch in gewisser Weise notwendig zusammengehört.
Werden wir noch konkreter, dann finden wir den Satz zum Beginn des achten Kapitels, inmitten einer Anekdote, die den „janusköpfigen Charakter des Patriotismus“ (S. 310) illustrieren soll.

Von vergoldeten Frauenstatuen und ...

Die Anekdote, die Nussbaum erzählt, ist nicht irgend eine Anekdote. Sie erzählt, mit einem deutlich anderen Schwerpunkt als der dazugehörige Wikipedia-Eintrag, das Schicksal vom öffentlichen Gelöbnis zur amerikanischen Fahne im öffentlichen Raum und in den Schulen. Dieses ist wiederum eng verbunden mit der Weltausstellung, die 1892 in Chicago stattgefunden hat; sie ist unter dem Namen Columbian Exposition bekannt, und gilt, wie man aus dem Wikipedia-Eintrag ersehen kann, als eines der großen Zeichen für die Modernität, Weltoffenheit, aber auch die Führungsrolle in der Welt, die sich die USA damit zuschreibt.
Die ganze Geschichte ist, so Nussbaum, in drei Akte einteilbar.
Der erste Akt ist die Weltausstellung selbst. Im Gegensatz zu der offiziellen Darstellung bezeichnet Nussbaum sie als „Fest der ungezügelten Gier und des hemmungslosen Egoismus“ (S. 310 f.). Schon der einleitende Satz ironisiert die Rolle, die diese Weltausstellung in der Geschichte der USA spielt, indem sie von ihr spricht, als sei es eine unter vielen, und als würde sie in Vergessenheit geraten, wenn man nicht von ihr gelegentlich spräche und daran erinnerte, dass es sie gegeben habe. In diesem ersten Akt spricht Nussbaum auch von der Verschleierung der Ungleichverteilung der Lebenschancen und der Verbannung allen Lustigen, Chaotischen und Lauten auf einen Grasstreifen außerhalb der offiziellen Ausstellung.
Besonders ironisch wird sie aber gegen Schluss dieses Abschnitts, als sie von der vergoldeten Frauenstatue spricht, die eigens für diese Ausstellung erschaffen wurde: diese »Statue of the Republic« ersetzt nicht nur die „realen Menschen, die in ihrer Heterogenität und Gebrechlichkeit störend wirken“, sondern trägt auch eine Art von parodierten Insignien der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches: einen Stab (Nussbaum nennt ihn Zepter) und eine Kugel, wobei die Kugel hier als Welt (und nicht als Reichsapfel) dargestellt wird, während das Zepter eher ein länglicher Stab ist, der weder als Wanderstab taugt, noch als Fahne für den lieu tenant, also als Markierung innerhalb einer Schlacht.

… über ein öffentliches patriotisches Ritual …

Nun sind die Ausstellungsmacher nicht nur von Nussbaum kritisiert worden, sondern auch von Zeitgenossen. Der oben von mir zitierte Satz leitet den zweiten Akt dieses Lehrstücks über den Patriotismus ein. Das Treuegelöbnis zur Fahne wurde keineswegs von „konservativen“ Kräften initiiert, sondern von einer „Gruppe christlicher Sozialisten“, die die „moralischen Werte“ in den Mittelpunkt rücken wollten. Mit diesem Gelöbnis sollten „alle Amerikaner als gleichwertig und gleichberechtigt“ bestimmt sein und „das Land auf mehr als auf individuelles Unternehmertum verpflichtet“ werden. Wie man aus der Geschichte weiß, ist dieser Treueeid so günstig aufgenommen worden, dass er heute ein feststehendes Ritual im öffentlichen amerikanischen Leben spielt.

… und Jehovas Zeugen

Erst viele Jahre später, annähernd fünfzig Jahre, zeigte sich der Pferdefuß dieses Gelöbnisses sehr deutlich. Nussbaum schreibt dazu:
Wie es oft bei patriotischen Gefühlen der Fall ist, erwies sich das Gelöbnis bald als eine Formel sowohl der Inklusion als auch der Exklusion.
(S. 312)
Inmitten des zweiten Weltkrieges bekam das Gelöbnis den Charakter eines Schibboleth für den »guten Amerikaners«; es musste täglich aufgesagt werden. Wer dies nicht tat, geriet in Verdacht, mit den Nazis und den Feinden der USA zu sympathisieren. So erging es z.B. den Zeugen Jehovas, die den Fahneneid als eine Art Götzenanbetung ansahen und ihn deshalb aus religiösen Gründen ablehnten. Obwohl die Zeugen Jehovas auch im Dritten Reich verfolgt und kaserniert wurden, kam es in den USA zu tätlichen Angriffen und Lynchmorden gegen sie.
So wurde aus dem Versuch, über eine gemeinsame Verpflichtung auf gemeinsame Werte zu einer moralisch vorbildlichen Gemeinschaft zu werden, eine Legitimation zur Verfolgung und Ermordung religiös Andersdenkender.

Oppositionen im Patriotismus

Nach innen und nach außen gerichteter Patriotismus

Am Ende dieser Anekdote überrascht uns Martha Nussbaum mit einer Unterscheidung, die in nicht nur einer Weise als äußerst schwierig und, sofern man darin eine liberale Aussage sehen möchte, auch als sehr blauäugig gelten darf:
Jede Theorie öffentlich wirksamer Emotionen muss sich mit den komplexen Aspekten von Patriotismus auseinandersetzen. Er ist nach außen gerichtet und weist das Ich mitunter auf die Pflichten gegenüber anderen Menschen und auf die Notwendigkeit hin, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen. Aber ebenso eindeutig ist er nach innen gerichtet und fordert diejenigen, die sich als »gute« oder »echte« Amerikaner betrachten, auf, sich von Außenseitern und Umstürzler zu unterscheiden, was zur Ausgrenzung ebendieser Außenseite führt.
(S. 313)
Bei genauem Hinsehen ist die leitende Unterscheidung, die zwischen innen/außen, eine nicht vertretbare. Denn was hier als nach außen gewendet erscheint, wird sofort wieder an eine Hineinwendung ins Innere gekoppelt (das Ich verpflichtet sich), während das nach innen Gerichtete nur unter der Bedingung funktioniert, dass es zugleich nach außen eine Grenze zieht, was also nicht nur heißt, dass der nach innen gerichtete Patriotismus dazu führt, sich selbst als »echter« Amerikaner zu sehen, sondern auch mitbedenkt, dass alles andere als »nicht-echter« Amerikaner oder »echter« Nicht-Amerikaner wahrgenommen werden sollte.
Am letzten Teilsatz sieht man bereits, was das Zitat insgesamt erahnen lässt: Nussbaum hantiert mit Begriffen, die eine mehrfache, und zum Teil recht unterschiedliche Verneinung benötigen, um an Kontur zu gewinnen. Nun kann ich die ganze Konsequenz dieser ersten Unterscheidung nicht in einem kurzen Artikel diskutieren, weise aber darauf hin, dass mit der scheinbar neutralen und selbstverständlichen innen/außen-Differenz ein zentrales Problem von Nussbaums Argumentation gelegt worden ist. Sie selbst versucht dies durch die beständige Thematisierung, wie zwiespältig der Patriotismus doch ist, zugleich aufzuzeigen und auszuschließen. Es wird ihr nicht wirklich gelingen. Aber das ist nun ein anderes Feld.

Politische Begriffe

Unter den Begriffen finden sich verschiedene Arten, die sich vor allem dadurch unterscheiden, dass sie auf verschiedene Art und Weise „hergestellt“ werden. So gibt es solche Begriffe, die sich durch Abstraktion bilden; abstrahieren bezeichnet das Weglassen und Zusammenfassen von Merkmalen, und als Merkmale gelten hier nur die rein sinnlichen.
Politische Begriffe dagegen gehören zu den Ideen. Ausgangspunkt einer Idee ist eine Verhältnisgleichheit, die sich oftmals über eine symbolische Opposition bildet. Man kann dies sehr gut an grundlegenden politischen Begriffen sehen, wie z.B. an dem Begriff des Leibes. Die symbolische Opposition dazu ist jenes innen/außen. Und wenn man der Psychoanalyse Glauben schenkt, dann ist die erste Tätigkeit, die zunächst zur Konstitution der symbolischen Opposition führt, dann aber auch zur Konstitution des Leibes, die Lust/Unlust-Opposition.
Laut der Psychoanalyse nimmt der Säugling zunächst keine Objekte wahr. An seinem Hungerbedürfnis und an dessen Befriedigung bildet sich dann aber ein erstes, rudimentäres Objekt heraus, welches die Psychoanalyse (recht unglücklich übrigens) als Mutterbrust bezeichnet. In den Fantasien des Säuglings beherrscht dieser die Mutterbrust und meint, sie herbeirufen zu können, wann immer es die Befriedigung eines Bedürfnisses braucht.
Erst in der Folge nimmt es dann auch wahr, dass dieses Objekt sich nicht beherrschen lässt und dass es gelegentlich fehlt. Dadurch wandelt sich das Objekt in ein gutes und ein schlechtes, eines, das befriedigt, und eines, das die Befriedigung vorenthält. An dieser Differenz zwischen einem guten und einem schlechten Objekt konstruiert sich über die Handlung des Herbeirufens und des Wegstoßens eine erste Differenz zwischen Leib und Welt; aber erst mit zunehmender Körperbeherrschung und der Möglichkeit, Objekte dauerhaft im Gedächtnis zu behalten (auch wenn diese der Wahrnehmung entzogen sind), bildet sich Idee des Leibes entlang der innen/außen-Differenz. Diese Art des Denkens bleibt dann auch beherrschend für spätere und feinere Denkvorgänge. Auch wenn schließlich der Leib gut gegen die Umwelt abgegrenzt wird, überträgt sich die Schablone, die dazu geführt hat, in die Denkvorgänge, mit der die Umwelt gesehen wird.
Es liegt also nahe, Ideen aus grundlegenden Denkmethoden abzuleiten. Sollten diese sich tatsächlich dann immer auf semantische Oppositionen stützen, die durch Analogieschluss übertragen werden, müssen wir davon ausgehen, dass politische Begriffe nicht nur der Umstände halber, etwa durch eine schlechte Argumentation, vage bleiben, sondern dass sie wesentlich daraus gebildet werden und dass jede Materialisierung die Idee verfehlen muss.

Aufgaben der politischen Philosophie

Daraus ergeben sich einige Aufgaben der politischen Philosophie: Herausarbeiten der grundlegenden semantischen Oppositionen, Genealogie der analogisierenden Ableitungen, Genealogie der Materialisierungen samt ihrer (akzidentellen) Ursachen und Wirkungen.
Dabei muss das Wort akzidentell eigentlich im Mittelpunkt stehen: Analogien werden nicht durch Kausalitäten gebildet; und sie gehorchen auch nicht einer arithmetischen Argumentation. Stattdessen entstehen sie durch Wechselwirkungen; im Mittelpunkt muss die geometrische Argumentation stehen, also eine solche, die durch Ränder, Zonen, Nachbarschaften, durch Strategien des Tausches und der Abgrenzung ihre logische Wirkung entfaltet. Letzten Endes sind dies biologische oder quasi-biologische Argumentationsweisen, die sich auf die Evolution und Ökologie berufen.

Schluss

Kehren wir zu Nussbaum zurück, so müssen wir an diesem einen Satz, auf den ich mich bezogen habe, all jene semantischen Oppositionen herausarbeiten, die diesen Satz als politische Aussage ermöglichen.
Dies werde ich im folgenden Artikel machen.
An dieser Stelle möchte ich auf die Schwierigkeit zurückkommen, mithilfe eines Computerprogramms politische Begriffe zu untersuchen. Die Analogiebildung kann zwar vom Computer geleistet werden, insofern man ihm den Vergleich von Mustern beibringt; aber es dürfte recht schwierig werden, solche Muster zu wesentlichen Aussagen zusammenzufassen.
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