29.03.2017

Figuration, Anschauung, Erkenntnis - Sybille Krämer

Dass ich mich mit Wittgenstein beschäftige, ist nichts Neues. So langsam dringe ich in die "tieferen" Regionen der Philosophischen Untersuchungen ein; ich lasse mir Zeit, erfinde mir Beispiele drumherum, sammle Beispiele, kommentiere diese - ich versuche nicht nur die Inhalte des Wittgensteinschen Philosophierens zu verstehen, sondern dessen Praxis. Eine Nachahmung des Schreibstils gehört dazu. Sie kommt mir entgegen, als ich das fragmentierte, kommentierende Schreiben seit dreißig Jahren pflege.
Weil es nun dazugehört, sich mit anderen Autoren auseinanderzusetzen, die zu gleichen oder ähnlichen Themen arbeiten oder über Wittgenstein schreiben, ist mir Sybille Krämer aufgefallen. Ihr Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie behandelt den Erkenntniswert von Diagrammen als auch, in einem Kapitel, dem neunten und letzten, Wittgenstein als wichtigen Autoren.
Mit dem Lesen komme ich langsam voran; ich befinde mich auf Seite 70, und das ist auch nur der Tatsache geschuldet, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Ob es ein kluges Buch ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu fehlt mir der Überblick, der mich in eine gewisse überlegene Position bringen würde. Anregungsreich ist es allemal. Ich bringe alles mit ein, was mich letztes und dieses Jahr beschäftigt hat: die Geometriedidaktik und UML, und die Jahre zuvor, vom Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, über das Rubikonmodell Heckhausens und meine Abwandlung für die Erzählpraxis, das Intelligenz-Strukturmodell nach Guilford, und dann natürlich meine eigenen, kleinen und zahlreichen Skizzen, die ihren hypothetischen, nie zum Ende gelangenden Charakter nicht leugnen können.
Krämer nun beschreibt, welche Rolle Diagramme für die Entwicklung von Wissenspraktiken und Denkmöglichkeiten, für Beweiskraft und Erfindungshaltung, für kognitive Mobilität und kognitive Kreativität spielen. Beschreibung ist hier fast wörtlich zu nehmen, denn was die Autorin vorlegt, ist eine sich dicht an der Anschauung bewegende, sparsame Interpretation. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann mich dieses Buch auch so begeistern: es liefert sich eben keinen Spekulationen aus, vor allem keinen unmarkierten. Unmarkierte Spekulationen sind heute gängige Praxis: man diskutiert sie als fake-news, als zugehörig zum postfaktischen Zeitalter. Spekulationen aber sind eben auch ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis, werden dort aber als z. B. Hypothesen ausgewiesen. Und auf der anderen Seite ist diese einfache, gelegentlich schlichte Beschreibung mit einer Sprengkraft versehen, die daraus entsteht, dass wir uns zu sehr an einen einseitigen Gebrauch von Diagrammen gewöhnt haben. Dass unser einseitiger Gebrauch überhaupt ein einseitiger ist, wird deutlich, wenn man geduldig die Merkmale und Bedingungen von Diagrammen herausarbeitet. Dies gelingt Sybille Krämer vorzüglich.
Natürlich kann ich noch nicht annähernd ein allgemeines Urteil zu diesem Buch abgeben. Es ist sehr klar geschrieben, aber mit Fachvokabular; ich kann mir vorstellen, dass es Menschen, denen die Kulturwissenschaft mit ihrem Begriffsapparat gar nicht geläufig ist, stellenweise Mühe haben werden, die Aussagen zu verstehen. Trotzdem ist es kein unverständliches, kompliziertes, mit Fachchinesisch verdunkeltes Buch: dazu ist es zu klar strukturiert; dazu ist auch der Anspruch, die Erkenntnisleistungen von Diagrammen in der Alltagskultur zu beschreiben, durch unsere Teilhabe an diesem Alltag zu vertraut: es gelingt rasch, die Beispiele mit eigenen Beispielen und damit mit (Weiter-)Denkmöglichkeiten zu ergänzen.
Meine Notizen, die ich gerade in meinem Arbeitsheft sammle, umfassen mittlerweile zahlreiche Seiten, genauer gesagt um die zwanzig. Insbesondere hat mir die Unterscheidung verschiedener Linien innerhalb von Diagrammen sehr imponiert. Linien, so Krämer, repräsentieren etwas, und dieses Etwas kann je verschieden sein. So einsichtig dieses Argument ist, so blind ist man dafür, dies beim Betrachten und Benutzen von Diagrammen deutlich und systematisch anzuwenden. Genau dies habe ich dann auch (zumindest ein Stück weit) in den letzten beiden Tagen nachgeholt. Und konnte einigen altbekannten Modellen (wie z. B. dem Kommunikationsquadrat) überraschende, neue Erkenntnisse abringen.
Mein bisheriges Fazit: ein wunderbares Buch. Selbst für diejenigen, die eher nicht mit Kulturwissenschaften zu tun haben, dürfte es sehr fruchtbar sein, denn natürlich befasst sich die Autorin auch mit mathematischen Diagrammen, geometrischen Beweisen, Zeichnungen von Maschinen, etc.; also kommt der Naturwissenschaftler nicht zu kurz, und findet hier, wenn ihm dies nicht naheliegt, doch einen Eingang in die Denk- und Argumentationsweisen einer kulturhistorischen und diskursanalytischen Betrachtung.

25.03.2017

Programmieren ist nicht gleich Programmieren

Ich liege in den letzten Zügen eines Kurses, der Python - From Beginner to Master heißt, und ich schlage mich sehr gut. Eher langweile ich mich sogar. Wenn ich ihn beendet habe, werde ich ein Zertifikat erhalten, dazu mir schon mal herzlichen Glückwunsch im Voraus.
Nützen allerdings tut das nicht viel, vorher nicht, nachher nicht. Beim Programmieren selbst sucht man doch wieder herum, verschiebt, erprobt, hat es mit den seltsamsten Fehlern zu tun. Nach einer durchwachten Nacht habe ich z.B. einen Fehler gefunden, auf den man so zuallererst wirklich nicht stößt, auf ein unsichtbares Zeichen, das sich in einer Zeichenkette versteckt, eben, weil es unsichtbar ist, von mir nicht gesehen wurde, aber vom Computer schon, und so hat er damit gerechnet und ich nicht - und deshalb war plötzlich alles falsch.
Jetzt funktioniert alles, wie ich es haben möchte. Also wie ich mir mein Zwischenziel gesetzt habe. Fertig bin ich noch lange nicht. Irgendwie sollte ich jetzt schlafen gehen, aber irgendwie lockt draußen auch gerade die Sonne.

24.03.2017

Datenbanken und XML

Ganz nebenbei: ich habe mich (noch einmal) Datenbanken und XML in Python beschäftigt, diesmal ziemlich intensiv. Eigentlich ist die Sache an sich unproblematisch; viel eher hat es bei mir in der Vergangenheit daran gehabt hat, dass ich kein Ziel vor Augen hatte, also ein Programm, bei dem es mich wirklich interessiert hat, es zu programmieren. Und so war auch jetzt der größere Erkenntniswert dass ich diese beiden Techniken in ein Programm zusammengeführt habe.

21.03.2017

Kollektive Identität

Seit anderthalb Wochen "bastle" ich an der Analogie herum. Hintergrund ist dreierlei: (1) Ich habe mich längere Zeit mit der Analogie beschäftigt, deren grundlegende Erklärung allerdings auf einem Portal veröffentlicht, welches seit zwei Jahren offline ist. Deshalb erschien es mir sinnvoll, diesen Artikel herüberzuholen. (2) In den letzten Jahren habe ich mich, wenn auch nicht zentral darauf bezogen, mit der Analogiebildung beschäftigt. Dazu gehören solche Gebiete wie: Didaktik der Arithmetik und Geometrie, Programmieren, Modellieren. Dabei hat sich meine Sichtweise deutlich verschoben. Dem müsste ich sowieso Rechnung tragen. (3) Über das Programmieren und Wittgenstein bin ich in den letzten Wochen wieder sehr intensiv mit der Analogiebildung beschäftigt gewesen.
Hier sind nun einige Notizen, die eher in den Bereich der Wissenschafts- und Ideologiekritik gehören, zumindest Vorstudien zu einer solchen sein könnten.

Kollektive Identität als durch Analogie gewonnener Begriff

Straub nennt den Begriff der ›kollektiven Identität‹ eine analogisierende Übertragung, die er „alles andere als unproblematisch“ (83) bezeichnet. Später (96) kritisiert er, dass der Begriff des ›Kollektivs‹ und der ›kollektiven Identität‹ ähnlich oder identisch gebraucht werden.
Als weitere Problematisierung macht Straub geltend, dass kulturelle Praktiken an der personalen Identität mitwirken (97). Damit kann zweierlei gesagt werden: dass personale und kulturelle Identität sowieso nicht voneinander abgrenzbar sind; oder dass hier eine Verwechslung vorliegt, die Merkmale der personalen Identität, oder auch dessen Genese, mit denen der kulturellen Identität ungebührlich vermischt und gerade durch die Analogie nicht zu einem besseren Verständnis von kulturellen Identitäten kommt.
  • Straub, Jürgen: Personal und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. in Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurt am Main 1998, S. 73-104

Personale Identität

Aber die personale Identität kann aus vielerlei Aspekten bestehen; und der vielleicht schlechteste Aspekt ist der grammatische, also jenes ›Ich-Sagen‹.
Man kann die personale Identität auch darin suchen, wie sich die Kohärenz eines Weltbildes herausbildet, und dieser gegenüber dann auch die Kohärenz des Selbsts. (Aber eine solche Auffassung setzt natürlich voraus, dass das Selbst aus dem Weltbild abgeleitet wird.) — Und hier muss man dann auch verstehen, dass Kohärenz ebenfalls ein grammatisches Phänomen ist, allerdings ein ganz anderes, als an die Subjektstelle des Satzes ein ›Ich‹ zu setzen.

Nachahmung und Modell

Die Analogie ist eine Übertragung einer Struktur, nicht einer Ähnlichkeit.
Diese Behauptung kann man allerdings nicht ganz so einfach stehen lassen: wenn ich sage, dass sich die Beine eines Hundes zu dem Hund selbst wie die Räder eines Autos zu dem Auto verhalten, dann handelt es sich um eine Verbalmetapher, die durchaus eine gewisse „Ähnlichkeit“ impliziert. Es ist eben eine ähnliche Bewegung. Und ich kann die Ähnlichkeit dadurch deutlich machen, dass ich sage: Der Hund ist von Ort A zu Ort B mithilfe seiner Beine gelangt; und ebenso ist das Auto von Ort C zu Ort D mithilfe seiner Räder gefahren; beides war ein Ortswechsel, und wie die Qualität dieses Ortswechsels war, das ist an dieser Stelle nicht so interessant.
Und was ist daran anders, als wenn ich das Modell unseres Sonnensystems auf das Modell des Atoms übertrage, oder wenn ich den Uroboros auf den Benzolring anwende?
Denn offensichtlich sind sich die beiden Modelle jeweils immer ähnlich; und wie das Atom und der Benzolring aussehen, weiß ich immer noch nicht. Dazu fehlt mir die sinnliche Wahrnehmung des Originals.
Kann man dann überhaupt etwas aus dieser Analogie schließen? Nun, offensichtlich liegt ja ein Erklärungswert darin, und darauf kommt es wohl an.

Der Weg der Analogie

Was aber bedeutet nun ›übertragen‹? Denn dabei handelt es sich offenbar um eine Metapher, so als würde ich eine Wahrnehmung von einem Ort zu dem anderen transportieren (und meine Erinnerungen sind dabei das, was für den Hund die Beine sind).

Die Gleichheit fühlen

Kann man das vielleicht so sagen, dass man eine Gleichheit fühlt, z.B. zwischen einer Metapher und dem eigentlichen Wort? Und wer diese Metapher nicht versteht – und es gibt ja Menschen, die bestimmte Metapher nicht verstehen – ist in diesem Sinne eben gefühlsblind.
Aber was wäre das für eine Art von Fühlen? Und wäre dieses Fühlen eher rezeptiv, eine Gleichheit erkennend, oder produktiv, eine Gleichheit herstellend? Hier gibt es eine ganze Menge an Fragen! – Warum z.B. hat man eine Gleichheit vorher nicht erkannt, und erkennt sie jetzt (wenn die Gleichheit als rezeptiv angenommen wird)? Oder was ist das für eine Gleichheit (zwischen zwei Elementen), wenn ich diese erst herstellen muss? Hier scheinen mir ganz viele Probleme in einem winzigen Stück Welt zusammengeballt zu liegen (die Metapher ist das Symbol für allerlei Sprach- und Verständnisprobleme).

19.03.2017

Guter Ratschlag zur politischen Situation

Statt sich in Bereichen mit verfallender Überzeugungskraft kontrafaktisch-normierend zu bewegen, dürfte es den Vorzug verdienen, die Differenz zu formulieren. Dies kann nicht mit einer bloßen Kritik der alteuropäischen Begriffsbildungen oder Analogieschlüsse geschehen. Das führt nur zur Abstraktion von Residuen der Tradition, die ihrerseits dann >nonkonformistisch< vertreten werden müssen. So endet man schließlich in einer fragwürdigen Polemik gegen >Konformismus< - nur um Konformität mit >Nonkonformismus< zu erwarten. In dieser Situation bietet sich der Versuch an, von hoffnungslosen zu unwahrscheinlichen Konzeptualisierungen überzugehen.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1988, S. 288
Hervorhebung von mir
Ich habe vorhin eine Liste mit Begriffen angelegt, die sich derzeit als Streitbegriffe renommieren. ›Konformistisch‹ war einer davon, und deshalb hier der hübsche Fund (der auch gegen Habermas gerichtet ist).
Allerdings funktioniert Luhmann's Idee nur, wenn sich die funktionale Differenzierung breitflächig durchsetzt. Im Moment erleben wir nicht nur eine Rückkehr alteuropäischer Semantiken (gemeint sind Begriffsbildungen der Aufklärung und der Renaissance), sondern gelegentlich sogar eine von mittelalterlichen (Patristik und Scholastik); aber es mutet seltsam an, wie sich diese Phänomene zwischen den ganz modernen, dem Internet und der Virtualisierung, ausnehmen.
Zwischendurch habe ich fleißig weiterprogrammiert; derzeit in der Anwendung von UML, ich sagte es bereits. Zudem habe ich einige weitere Befehle ausprobiert, aus der Basisbibliothek von Python.

Wollen

1.
Beim Willen kommt es auch darauf an, WAS ich will. Ich will meinen Arm heben: aber ich kann ihn heben und eben das ist zugleich das Wollen. Aber wenn mein Arm in Gips ist, kann ich ihn nicht heben, obwohl ich es will, weil es mich z.B. unter dem Arm juckt.
2.
Kann ich das sagen: Ich will, dass es mich unter meinem Arm nicht mehr juckt; auch wenn ich weiß, dass ich nichts tun kann.
Und was mache ich, wenn ich etwas Unmögliches will?
3.
Aber ist es nicht Voraussetzung für den Willen, dass man nichts tun kann? Man kann auch sagen: ich kann mir mein Tun nicht vorstellen. Und eben das verändere ich durch meinen Willen.
4.
Ich habe etwas gewollt und habe es erreicht. Nun ist mein Wille zu Ende.
5.
Ich will etwas, aber ich weiß nicht was. - Ist das ein Anfang des Wollens?
6.
Betrachte andere Sätze des Wollens:
Ich will, dass du ehrlich bist.
Ich will ins Kino gehen.
Ich will Programmierer werden.
Ich will ein Mond aus grünem Käse werden.
Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zustand oder eine Handlung will. Weil es einen Unterschied macht, ob man einen Zustand oder die Herstellung eines Zustands in den Blick nimmt.
7.
Das transzendente Objekt ist nur deshalb ein Punkt, weil ich es nie fassen kann. Der Punkt ist das Unfassbare.
8.
Das Wollen unterscheidet sich aber auch danach, ob es einen Widerstand gibt.
Ich habe den Arm gehoben, weil ich es wollte. (Und ich sagte nicht: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es wollte; genauso wenig wie: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es nicht wollte.)
Ich wollte den Arm heben, konnte es aber nicht. (Der Gips hinderte mich daran.)
Beide Male drücke ich eine Kausalität aus.
9.
Ich will, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Warum ist eine solche Aussage lächerlich? Nun, es gibt keinen Widerstand gegen die Aussage. Oder wenn es einen Widerstand gibt, dann nicht durch die Erde oder die Sonne (Galilei und die Kirche).
(Eine unkomplizierte Möglichkeit und eine unkomplizierte Unmöglichkeit sind dem Willen gleich.)
10.
Ich will, dass sich die Erde nicht mehr um die Sonne dreht.
Auch diese Aussage ist lächerlich. Aber warum ist sie lächerlich? Vielleicht, weil es nichts zu tun gibt. - Aber man kann es sich ja trotzdem vorstellen. Und wenn man versucht, die Welt entsprechend zu ändern, wird man eben scheitern.
11.
Sieh den Willen als das Experiment an, wie ich eine Kausalität in der Welt ändern kann. (Aber die Kausalität ist ein Produkt meiner Vorstellung.)
12.
Ich möchte erfahren, wie sich die Welt ändern lässt, und manche dieser Erfahrungen sind billig, andere unmöglich.
13.
Ich will mir ein Brot schmieren. - Warum sagst du das und tust es nicht einfach? Es hindert dich doch niemand.
14.
Im Willen erfahre ich die Hindernisse der Welt. Ich erfahre auch ihre je eigene Qualität und Intensität. - Hier ist die Erfahrung aber eine Begleiterscheinung meines willentlichen Tuns.

18.03.2017

eine Praxis erklären

Eine Praxis zu erklären heißt, zu erklären, wie sie notwendig mit ihren Effekten und Wirkungen verbunden ist. (Jede "Praxis" ist eine einzelne Situation. Es widerspricht der Handlung, zusammengefasst zu werden.)

17.03.2017

Große deutsche Lyrik; und wofür sich Türken schämen sollten

Es gibt sie noch, die große deutsche Lyrik. Thomas Gsella hat ein Gedicht auf den Jahrestag eines Schmähgedichts geschrieben. Das ist herrlich, zeugt von der Beherrschung der deutschen Sprache und trifft scharf.
Erdogan dagegen ruft zum Kinderkriegen auf. Und macht sich mit seiner Aussage
„Die türkische Justiz ist zweifellos gerechter, unabhängiger und unparteiischer als die deutsche Justiz.“
mal wieder völlig lächerlich. Zu den neuesten Entgleisungen Erdogans siehe Erdogan ruft Türken in Europa zum Kinderkriegen auf.
Wenn ich Türke wäre, würde ich mich für Erdogan aber sowas von schämen. Ich schäme mich ja selbst ein wenig für so viel Unsinn, obwohl ich dem Fremdschämen abgeschworen habe.
Übrigens habe ich gerade wieder auf Facebook einen solchen Selbstgerechten an der Backe; Erdogan ist entschieden kein türkisches Problem, und wer sich nicht als Autokrat im großen Stil etablieren kann, tut es eben im kleinen.

Dem darf ich noch einen kurzen, persönlichen Lagebericht hinzufügen:
Wittgenstein weiterkommentiert, wie immer mit allerlei Nebenliteratur im Schlepptau
den Winter über habe ich mich in UML eingearbeitet und viel zu wenig programmiert: gerade sitze ich an einem umfangreicheren Grafikprogramm; und verstehe UML erst jetzt so richtig, bzw. lerne gerade die gute Anwendung (für Neulinge: UML ist eine Sammlung von Methoden, um sich das Programmieren komplexer Anwendungen übersichtlich zu machen)
Politik nervt; aber politische Philosophie ist klasse (lese, kommentiere recht viel Habermas: der ist mir weiterhin suspekt - ich hatte mich einst, vor mittlerweile 25 Jahren, für Niklas Luhmann entschieden; und so sehr ich auch Habermas' Kleine politische Schriften anregend finde, so sehr bleibt mir seine Art von Hintergrund unter Dogmatismusverdacht, will sagen, dass ich mit meinem Luhmann immer noch sehr glücklich bin)

15.03.2017

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft zeichnet sich wohl vor allem durch eine Eigenschaft aus: sie ist zu langsam.
Ich lese weiter meinen Wittgenstein. Dazu entstehen, manchmal wie im Flug, manchmal wie im Fieber, Notizen. Schon lange hatte ich nicht mehr eine so produktive Phase; Cavell, dessen Buch Der Anspruch der Vernunft vielleicht nicht die originellste Auslegung der Spätphilosophie Wittgensteins ist, aber eine sehr schöne und anregungsreiche, hat daran seinen Anteil. Dass ich darin im Moment noch keine Ordnung sehe, kommt mir allerdings nicht ganz so schlimm vor. Weiterhin schreibe ich neben den Fragmenten und Kommentaren kurze, meist ebenfalls fragmentarische Artikel, mal zur Mimesis bei Benjamin, mal zur hate speech bei Butler, mal zur Geometriedidaktik und mal zum Umgang mit Schülerfehlern, mal zu den Äußerungen Höckes und mal zu denen eines Erdogan (bzw. der Journalisten, die darüber berichten). (Es geht also "quer durchs Gemüse".)
Cavell schreibt also z.B.:
Die innere Despotie der Konvention besteht darin, dass nur, wer ihr Diener ist, wissen kann, wie sie sich zum Besseren verändern lässt, oder weiß, warum sie abgeschafft werden soll. Allein die Meister eines Spiels, nur diejenigen, die dem Projekt vollkommen dienen, sind in der Position, Konventionen aufzustellen, die dessen Wesen mehr entgegenkommen. Aus diesem Grund können tiefe revolutionäre Veränderungen dem Versuch entspringen, ein Projekt zu bewahren, es auf seine Idee zurückzuführen, die Verbindung zu seiner Geschichte nicht zu kappen.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Berlin 2016, S. 218

09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.

07.03.2017

Gleiches wird mit Gleichem geheilt

James' Zustand verschlechtert sich, tiefe Depressionen führen ihn bis zu Selbstmordabsichten. In dieser Zeit wendet er sich der Philosophie zu, liest Hegel und andere deutsche Klassiker.
Diaz-Bone, Rainer/Schubert, Klaus: William James zur Einführung. Hamburg 1996, S. 21

05.03.2017

Politische Demarkationslinien, und was sonst noch so los ist

Dass Yücel festgenommen wurde, ist schlimm; aber anderes war eigentlich auch nicht zu erwarten. Man muss Yücel nicht leiden können. Allzuoft scheint er sich auf seine patriarchalen Gesten zu verlassen. Nur kann ein Unrecht nicht durch ein anderes Unrecht aufgewogen werden. Erdogans Behauptungen sind, gerade vor dem Verdacht, deutsch-türkische Imame hätten muslimische Deutsche ausspioniert, mehr als nur steil. Dass er, Erdogan, die fehlende deutsche Meinungsfreiheit beklagt, macht ihn vollends zum Kasper.
Volksverhetzung ist ein Straftatbestand in Deutschland. Welches Volk dort nicht verhetzt werden soll, steht nicht im Gesetzbuch. Wir müssen jedenfalls nicht hinnehmen, dass ein ganzes Volk in Zensur genommen wird, auch wenn dies bei vielen freiwillig geschehen sein mag, und auch, wenn dies nicht das deutsche Volk ist. Die neue Form des türkischen Präsidialamtes hebelt viele demokratische Selbstverständlichkeiten aus. Dem darf auf deutschem Boden nicht stattgegeben werden.

Alexander Grau hingegen fragt, ob man genauso empört reagiert hätte, wenn ein Akif Pirinçci in Untersuchungshaft gekommen wäre. Keine Ahnung, möchte ich sagen. Akif Pirinçci sitzt nicht in Untersuchungshaft. Das eben ist der Unterschied. Warum ins Blaue und Graue spekulieren?

Ich benutze das Wort Meinungsfreiheit nicht mehr, oder nur noch ganz selten. Ich frage, woher eine Tatsache stammt; ob der Redner die Quelle kennt, ob er zwischen Tatsache und Meinung trennen kann; oder ich frage ihn, was er will, warum er genau die Lage so beurteilt.
Meinungsfreiheit ist ein Rechtsgut an sich; aber philosophisch gesehen sind ihr weit engere Grenzen gesteckt. Sie ist voraussetzungsreich und funktional. Voraussetzungsreich ist sie, weil der Meinungshabende eine (Selbst-)Informationspflicht besitzt, die eben darin besteht, möglichst vielfältige verfügbare Tatsachen zu sammeln. Diese sollte er dann auch, mit Quellenangabe, ausweisen können. Funktional ist die Meinungsfreiheit, weil sie nicht in einer Art Selbstbehauptung (d. i. Rechthaberei) besteht, sondern in eine Diskussion von Begriffen münden muss. - All dies wird nicht beachtet. Die wahrlich feine Grenzlinie zwischen Beleidigung und Argumentation ist aber auch ein allzu akademisches Thema, nicht wahr?
Es mag sein, dass unsere Verfassung den weiteren Begriff der Meinungsfreiheit schützt. Jeder halbwegs gebildete Mensch sollte aber soviel Stolz besitzen, dass er dem philosophischen, engeren nach bestem Wissen und Gewissen folgt.
Meinungsfreiheit ist kein geschwätziger Aktionismus, sondern ein strenge, sittliche Haltung.

Was mache ich sonst?
Lesen, na klar: im Moment sind es vier Artikel über Wittgenstein, zwei zur Willensbildung, zwei zum Begriff der Seele. Alle vier sind so unterschiedlich, wie es nur sein kann. Zudem liegen die Bände 1 (Tractatus, PU, ...) und 8 (Gewissheit, Zettel, ...) beständig neben mir. Ich knüpfe bei meinen Kommentaren und Weiterentwicklungen immer wieder an andere Themen an (Leseunterricht, Geometrieunterricht, dialektische Hermeneutik (Sartre), Passagen-Werk (Benjamin)). Nichts davon ist vollendet; vieles im Umbau begriffen.
Veröffentlichen? Eher nicht, oder noch nicht. Im Moment suche ich nach einem neuen Zusammenhang. Der aber wird sich nicht direkt in einzelnen Betrachtungen ausdrücken. Fest steht nur, dass ich mich von den großen Begriffen - wie eben der Meinungsfreiheit - weiter distanzieren möchte. Präzision statt Pathos, so gut es eben geht.

Lest mehr Kant! Und mehr Wittgenstein!

Kitsch, zweite Lieferung

Alexander Grau ächtet den Kitsch; doch kassiert sich seine Polemik selbst, spätestens dort, wo er den moralischen Kitsch in der Geste der Empörung findet. Graus Kolumne im Cicero ist selbst auf Dauerempörung frisiert.
Vor allem bleibt Grau hinter dem hohen Niveau der Analysen zurück, die die ästhetische Theorie für den Kitsch erarbeitet hat. Die Ästhetik ist dabei nicht, wie der philosophisch unerfahrene Leser meint, die Lehre von dem Schönen und unabhängig vom gesellschaftlichen Zustand. Triftig, wenn auch nicht unangefochten, bleibt Wittgensteins Satz: Ästhetik und Ethik sind eins (Tractatus 6.421): und so mag der aktuelle Zustand der Ethik (die Moral) den aktuellen Zustand der Ästhetik (das Gefällige) mitbestimmen. So wenig man aber Wittgenstein in Gänze zustimmen kann, so befremdlich ist die vollständige Trennung bei Grau in einen ästhetischen und einen moralischen Kitsch. Kitsch war und bleibt Index einer Weltflucht und damit Politik eines unpolitischen Verhaltens.
Wo schließlich Grau die Objekte des Kitsches aufzählt: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gleichheit, klingt er trotz seines zur Schau getragenen Konservatismus wie der marxistisch-revolutionäre Marcuse:
Das gängige … Vokabular der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit konnte auf diese Weise nur einen neuen Sinn, sondern auch eine neue Wirklichkeit erlangen …
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass subkulturelle Gruppen ihre eigene Sprache entwickeln, indem sie die harmlosen Ausdrücke der Alltagskommunikation aus ihrem Kontext lösen und sie zur Bezeichnung von Objekten oder Tätigkeiten gebrauchen, die vom Establishment tabuiert sind. … Beispielsweise wurde »soul« (ihrem Wesen nach lilienweiß seit Platon) — der traditionelle Sitz all dessen, was sie Menschen wirklich menschlich, fundamental, unsterblich ist — das Wort, das im etablierten sprachlichen Universum peinlich, kitschig und falsch geworden war, entsublimiert und ist in dieser Transsubstantiation in die Negerkultur eingegangen …
Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung. in Schriften Bd. 8, S. 270-271
Grau hat jedoch selbst, jenseits seiner falschen Polemik und im Widerspruch zu Marcuse, ein Wort zitiert, welches im Kontext seiner Rubrik ›Grauzone‹ peinlich falsch klingt: den der Analyse.
Kaum zu übersehen ist, dass er sich die Partei der Grünen als politischen Feind erkoren hat; kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass diese Feindschaft nie den Kern der Sache trifft. Würde sein Angriff so treffen, dass die Worte im Diskurs stecken bleiben, wie einst Excalibur im schottischen Basalt; nur ein König könnte noch den Stein von dieser Wunde heilen. Dazu aber müsste er mit Kinder-Ernst sein Objekt genauestens untersuchen, und mit Philosophen-Ernst die Fundstücke zusammenstellen. An Fundstücken allerdings findet Grau nur, was sowieso schon in den Bannkreis seiner Verachtung geraten ist: die unerträgliche Musikshow kann gar nichts anderes mehr sein als eben unerträglich. So trifft die Polemik alles und nichts in postmoderner Beliebigkeit und ist so stumpf wie das Holzschwert, das man dem Tölpel und dem Narren zum Ritter-Spielen überreicht.
Darum auch kann sich Grau in seinem eingeschränkten Sichtfeld und seinem kaum analytischen Angriff weder gegen die marxistische Kritik eines Marcuse behaupten noch gegen die subtile (Selbst-) Ironie eines Barthes:
Die sogenannten Humanwissenschaften unterhalten so gut wie keine wahre Beziehung mehr zur gesellschaftlichen Praxis - es sei denn, sie verschmelzen mit ihr und gehen in ihr unter (wie die Soziologie); und die Kultur, die nicht mehr von der humanistischen Ideologie gestützt wird (oder immer mehr davor zurückscheut, sie zu stützen), kehrt in unserem Leben insgesamt nur als Komödie wieder: Sie lässt sich gewissermaßen nur mehr gebrochen rezipieren, nicht mehr als gerader Wert, sondern als umgedrehter Wert: Kitsch, Plagiat, Spiel, Vergnügen, Gefunkel einer Farcesprache, an die wir glauben und nicht glauben (das ist das Wesen der Farce), als ein Stück Pastiche; wir sind zur Anthologie verurteilt, es sei denn, wir wiederholten eine Moralphilosophie der Totalität.
Barthes, Roland: An das Seminar. in ders.: Das Rauschen der Sprache, S. 372 f.
Für Grau gilt, was Walter Benjamin in seinem Fragment Traumkitsch geschrieben hat:
Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. … Die Träume sind nun Richtweg ins Banale.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Benjamin nun versucht am Kitsch zu retten, was am Kitsch zu retten ist: wenn schon nicht den Prozess seiner Herstellung, von dem sich das kitschige Objekt vollständig abgelöst hat, indem es sich nur selbst bezeichnet; so doch den Prozess seines Gebrauchs: trägt doch der Kitsch, und sei es als Staub, die Spuren seiner Verwendung.
Wie wenig Grau das verstanden hat, beweist das Foto, das emblematisch über dem Artikel steht: es zeigt Claudia Roth und eine Art Tunte auf dem CSD. Jener verkleidete Mensch zitiert in seiner Verkleidung den Ort, wo diese Verkleidung entstanden ist: den Schminktisch mit all seinen Utensilien. Ironisch sagt das Kostüm noch einmal, was man in den Sozialwissenschaften seit langer Zeit weiß: Geschichte ist aus Geschichte gemacht, und die Wissenschaft von der Geschichte ist selbst nur eine Geschichte.
Wer das nicht erkennen will, für den hält Benjamin folgende Warnung bereit:
Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620