06.07.2008

Rhetorik und Blogs

Rhetorik ist - sozusagen - in aller Munde. Man besucht Kommunikationstrainings, Rhetorikkurse, Kurse, um seine Präsentationskompetenz oder seine Schlagfertigkeit zu erhöhen. Dabei bin ich ja schon dankbar, wenn ein Seminar halbwegs gut strukturiert ist. Schweigen wir davon, wie Lernziele operationalisiert und Lernmedien passgenau dazu eingesetzt werden. Selbst in der Schule wird dies gerne mal mythisiert, obwohl hier die pädagogische Literatur wirklich hervorragendes geleistet hat (und dass ich die pädagogische Literatur lobe, ist ja nun wirklich selten).
Was leisten Rhetorik-Blogs? Nicht viel. Die meisten kaprizieren sich auf wenige Artikel, auf halbe Esoterik oder ein sehr eingeschränktes Bild der Rhetorik. Sicher: man will sich verkaufen, und die beste Möglichkeit, hier mit aktuellen Artikeln, Blickfängern und Beispielen zu punkten und natürlich auch bei Google aufzusteigen, diese Möglichkeit besteht nun mal im Blogschreiben.

Blogs
1. Nehmen wir uns zunächst den allerersten Blog bei Google vor, sozusagen die Nummer Eins und den Porsche unter den Rhetorikblogs. Kinners, wenn ich nicht wüsste, dass Alice ein ordentliches Deutsch schreibt, und somit die deutsche Rechtschreibung und Grammatik in der Schweiz nicht unbekannt ist, ich würde alles mögliche über die Nachfahren des Tells denken. Die Knill+Knill Kommunikationsberatung kapriziert sich in teilweise lapidaren Meldungen aus der Tagespresse (siehe Wächserner Hitler), und dazu mit folgenden Auswüchsen: "Doch wurde das Bildverbot es an der Medienkonferenz für ein paar Tage aufgehoben." Kommentiert wurde dieses Ereignis mit der doch sehr überraschenden Erkenntnis, dass eine Kontroverse auch Museen helfen könne, Besucher zu bekommen. Gut, viele Artikel sind tatsächlich brauchbar. So einige interessante Hintergründe über die (Selbst-)Inszenierung der Frau Merkel in den Medien; oder über das Dialogmanagement von Reto Brennwald. Doch die analytische Schicht ist dünn; und dementsprechend fallen auch die kritischen Stellungnahmen wie allzuoft gehörte Bekenntnisse aus. Nein, so wird das also nichts.
2. Judith Torma rangiert auf den nächsten Plätzen bei Google. Der Blog existiert seit Mai 2007. Bisher bietet er knapp hundert Beiträge zu zehn Kategorien. Die meisten Beiträge stellen Gefundenes vor. Eigene Kommentare und Analysen sind selten. Zwar scheint Frau Torma in der klassischen Rhetorik bewandert zu sein, aber die Hauptlast der Analyse bleibt am Leser hängen. Zudem finden sich einige recht krude Aussagen, wie zum Beispiel: "Einwenig “blinder Fleck” ist aber auch nötig - meiner Meinung nach. Denn sonst verlieren wir alles spontane und natürliche und werden zu gekünzelten Figuren. Und irgend wie auch zu einer 0815 Nummer." - Liebe Frau Torma! Ein blinder Fleck ist nicht eine Behinderung, sondern geradezu die Vorbedingung der Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung ohne Selektion dessen, was wahrgenommen wird, nimmt alles und das heißt natürlich gar nichts wahr. Außerdem heißt es gekünstelt und nicht gekünzelt. Mit alternativen Heizsystemen hat das nämlich nichts zu tun. - Judith Torma, so heißt es im Blogwebkatalog, böte hier ihr Wissen preis. Nun, seit Luhmann wissen wir, dass Wissen die Einheit der Differenz von Wissen und Unwissen ist, und so ist es nur folgerichtig, dass hier auch das Unwissen preis gegeben wird. Leider ein wenig unfreiwillig.
3. Dünn gesät, dafür aber mit genaueren Analysen und Beispielen ist der Blog Strategylife. Man mag dagegen halten, dass diese Beiträge doch wieder zu speziell sind. Dem muss man erwidern, dass Blogs immer sehr speziell sind, und wer sich tatsächlich Umfassenderes wünscht, mit einem Buch besser beraten ist. Aber Blogs können eben zeitnah reagieren, wenn man sie regelmäßig pflegt, und sie bieten Modelle an, wie man Rhetorik konkret umsetzen kann. Im besten Fall. Natürlich gibt es diese besten Fälle nicht ganz so häufig wie die schlechtesten Fälle. Strategylife jedenfalls ist ordentlich. Ich vermisse vor allem das kontinuierliche Engagement.
4. Als viertes folgt ein Verweis auf den Büchermarkt der Rhetorik, in dem Frau Torma (siehe oben) mit im Bunde ist. Völlig banal. Man findet hier eben ein paar Bücher.
5. Alles bloß Rhetorik ist ein guter Blog, leidet aber wie Strategylife unter sehr sporadischen Beiträgen und - das ist wohl die Ursache! - sehr hoch gesteckten Zielen.
6. Rhetorikhaus ist der Blog des professionellen Trainers Oliver Groß und endlich mal ein wirklich durchgängig gepflegter und interessanter Blog. Auch wenn ich eine andere "Wissenschaftlichkeit" bevorzuge, sind die Analysen und Textmuster bei Groß vorbildlich und informativ, Inhalt und Form also stimmig. Zudem schreibt Groß regelmäßig. Es ist ja übrigens so, dass analytische Kompetenz Vertrauen schafft, da man sich als Leser dann auch "irgendwie" wahrgenommen fühlt; und das Spezifische in den Artikeln ist ja nicht nur dem Konkreten geschuldet, sondern führt hinterrücks eine Offenheit mit sich. Wer nicht alles auf einmal sagen möchte und muss, für den existiert auch anderes. So einfach kann es zugehen!
7. Nicht ganz zum Thema gehört der Blog Geistesblitz. Da es aber zumindest ein Teilgebiet der Rhetorik ist und der Autor Timo Off neben sehr gepflegtem, kenntnisreichen Schreiben und zahlreichen Beiträgen auch immer interessante Links setzt, sei er hier genannt.
8. Der vom Duden gesponsorte Wörterblog ist mittlerweile geschlossen. Zum Glück bleiben die Einträge erhalten und da sie gut sind, kann ich den Blog empfehlen.
9. Im Knill Blog finden wir einen alten Bekannten, dem einen Herrn Knill von Blog Nummer 1. Zu unruhig ist dieser Blog und deshalb schwer lesbar. Zudem analysiert Herr Knill (wie schon oben) zu wenig. Im Gegenteil: oftmals ist es nur seine Meinung, die er durch das farbige Hervorheben fremder Beiträge verdeutlicht. Analyse ist aber auch nicht sein Anspruch. Es handelt sich um Persönliche Gedanken. Trotzdem: ein wenig mehr Distanz, ein wenig mehr Zusammenfassung wären schön gewesen und ein ruhigeres Lesebild eindeutig ein Vorteil.

Fazit
Eigentlich sind nur Rhetorikhaus und Geistesblitz zwei gut gepflegte Blogs zur Rhetorik.
Als deutliche Fehler bei Blogs kann man herausstellen:

  • zu wenig und zu oberflächlich durchgeführte Analysen,
  • zu sporadische Beiträge,
  • ein zu enges Spektrum der Rhetorik,
  • ein zu unruhiges Schriftbild,
  • zu viel Eigenwerbung,
  • und natürlich: fehlender Sprachreichtum, angefangen mit gekünzelten Ausdrücken.
Pluspunkte sind deshalb eindeutig:
  • kurze, aktuelle Beiträge,
  • scharfe, begrenzte Analysen,
  • vielfältige Textmuster (was einen Rhetoriker auszeichnet),
  • Stellungnahmen und Polemiken,
  • ein deutliches persönliches Engagement,
  • aber auch eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit verschiedenen Weltbildern und Denkmustern,
  • Sprachwitz und Wortgewalt.
Vielleicht sollte ich auch mal Rhetorik-Seminare anbieten. Ich bin zwar kein Sunnyboy, der vor einem Publikum gerne herumhampelt, aber ein guter Unterhalter, sofern es der Sache dienlich ist. Und was eine gute Rhetorik scharf an der Grenze zum Unsinn angeht, sei hier nochmal auf DanielSubreal verwiesen, der der Sprache so herrliche, babyfrische Wendungen abtrotzt. Mein Tipp: Laut lesen, dann sind sie noch besser! (Sollte ich mal viel Geld verdienen, werde ich Daniel dafür bezahlen, dass er seine Texte gelesen ins Internet stellt, sorry!: podcastet. Ein weiterer Grund, als Rhetorik-Trainer eine Menge Punke zu schöffeln.)
Kommentar veröffentlichen