31.07.2008

Inneres Team und zirkuläres Interview

Manchmal stolpert man über die einfachsten Dinge zuletzt. So zum Beispiel heute.
Ich beschäftige mich seit Jahren schon immer mal wieder, am Rande, mit dem inneren Team. Dessen Anwendung habe ich vor allem im Bereich des kreativen Schreibens und der Schreibblockaden gepflegt. Auch, um sich einen guten Dialog auszudenken, braucht man als Schriftsteller ein inneres Team, das man in einen Dialog treten lassen kann. Schriftsteller sollten sogar solche Personen, auch die sehr unliebsamen Personen, bewusst pflegen, denn diese sind natürlich für die Spannung eines Romans sehr wichtig.
Schon bei den ersten Gehversuchen mit dem inneren Team ist mir aufgefallen, dass viele Menschen Probleme haben, einzelne Teammitglieder in sich zu identifizieren.
Also habe ich sehr unterschiedliche Übungen dazu gesammelt. Und natürlich wurden diese Übungen auch erstmal fleißig gemacht. Aber gerade bei negativen Figuren zeigte sich eine starke Vorliebe zur Verdrängung und Verklärung. Und gerade hier haben sich dann auch Seiten von Menschen gezeigt, die ich mit meiner stärker an psychoanalytischer Literatur ausgerichteten Theoriebildung nicht behandeln wollte. Ich bin eben kein Psychoanalytiker.
Heute habe ich vieles durch systemische Ansätze ergänzt. Und das hätte mich eigentlich auf die Spur bringen sollen. Erst jetzt aber hat mich ein Artikel aus Coaching-Tools zu einer deutlichen Gegenreaktion veranlasst. Dort steht – in einem übrigens sehr guten Artikel – zum Zirkulären Interview, dass dieses eher wenig im Bereich des Selbstmanagement eingesetzt werden sollte (S. 90).
Wieso eigentlich nicht?, war mein erster Impuls; und dann kam sehr rasch die Arbeit mit dem Inneren Team, die ganze Theaterpädagogik hinterher.

Das zirkuläre Interview I
Zirkuläre Interviews dienen der Vernetzung von Wissensbereichen und der beteiligten Personen. Ziel des zirkulären Interviews ist es, dass die interviewte Person sensibler mit problematischen (Sozial-)Strukturen umgeht. Dazu stellt der Interviewer Fragen, die nicht nur die Bereiche rund um das Problem berühren, sondern vor allem durch den Interviewten verschiedene andere Beteiligte „zu Wort kommen“ lässt. „Woran wird Ihr Chef erkennen, dass Sie selbstbewusster geworden sind?“, ist ein typisches Beispiel für eine Frage in einem zirkulären Interview, da es den Beobachterstandpunkt des Chefs imaginiert.

Beobachte den Beobachter
Kern des zirkulären Interviews ist die systemtheoretische Weltsicht. Beobachte den Beobachter, heißt es dort. Diese Anweisung gründet sich in der Annahme, dass verschiedene Systeme getrennt operieren, und das heißt, dass Denken immer nur auf Denken folgen kann, und Kommunikation nur auf Kommunikation. Das Denken schließt sich operativ und kann nicht kommunizieren, während die Kommunikation, die ebenso geschlossen operiert, nicht denken kann.
Schlimmer noch: es gibt keine Wahrnehmung in der Kommunikation. Die Kommunikation kann zwar über Wahrnehmungen sprechen, weil dies sich als sinnvoll erwiesen hat, aber die Kommunikation selbst kann nicht wahrnehmen. Insofern sind Wahrnehmungen in der Kommunikation nur Konstruktionen, die sich ein soziales System erbastelt hat. Prinzipiell macht es also zunächst keinen Unterschied, ob man sagt: „Steine sind hart.“, „Der Eiffelturm steht in Paris.“ oder „Frau Müller ist eine unfähige Mitarbeiterin.“ Es sind und bleiben Konstruktionen.
Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass diese nicht sehr reale Auswirkungen haben. Wäre der Eiffelturm nur eine Kommunikation, müsste man nicht nach Paris fahren, um sich unter seinem Stahlgerüst fotografieren oder bestehlen zu lassen. Und sollte Frau Müller entlassen werden, was sehr real geschehen kann, wird sie sich kaum damit trösten, dass alles nur ein kommunikativer Akt ist.
Trotzdem gilt: ein Beobachter beobachtet die Welt, und irgendwie ist er in der Lage, diese Beobachtungen so in die Kommunikation einzubringen, dass man ihm bereitwillig glaubt. Aber, und darauf baut dann später das zirkuläre Interview auf, es ist weder notwendig, dass der Beobachter auf diese Art und Weise beobachtet, noch ist es notwendig, dass er dies so kommuniziert, wie er es tut.
Den Beobachter zu beobachten heißt zunächst, Merkmale festzustellen, WIE er die Welt beobachtet; oder alternativ, WIE er Herrn Meier und Herrn Schmitt beobachtet, oder die Entwicklung in der Abteilung oder das Verhalten in den Chefetagen.
WIE?, das heißt vor allen Dingen, nach der Art und Weise einer Konstruktion zu fragen.

Das Netz der Unterschiede
Es bleibt meist unergiebig, nur einen ganz bestimmten Menschen in Bezug auf ein sehr spezielles Thema zu beobachten. Sinnvoller ist es, hier möglichst viele Unterschiede einzuführen. So kann man ein Thema dadurch beobachten, dass man möglichst viele Beobachter dazu beobachtet, so etwa, wenn man zum Thema Empathie Autoren von Goethe und Kant bis Nietzsche und Sartre befragt. Die Autoren garantieren verschiedene Behandlungen des Themas und damit genügend Unterschiede. WIE behandelt der Autor das Thema? – Folgendermaßen: …; und WELCHE Unterschiede ergeben sich daraus zu einem anderen Autor? – Diese, und diese, und diese …

Das zirkuläre Interview II
In sozialen Situationen findet man natürlich keine Autoren vor, sondern vor allem unterschiedliche Personen. Deshalb fragt der Interviewer den Interviewten zum Beispiel nicht nur nach seiner Beschreibung eines Problems, sondern was andere Menschen darüber denken könnten. Es geht hier erstens darum, eine Situation nach Differenzen und Konfliktkonstellationen abzutasten. Es geht aber vor allem darum, den Interviewten zu einem Beobachter von Beobachtern zu machen. „Was denken Sie, hält Herr Teubner von diesem Anliegen?“ – womit der Interviewte seine Aufmerksamkeit auf Herrn Teubner wenden muss, um sich vorzustellen, was dessen Position ist.
Eine sehr wichtige Technik beim zirkulären Interview ist das Fokussieren der (möglichen) Wahrnehmung. „Woran erkennen Sie, dass …?“, „Wie würde Herr X sich verhalten, wenn …?“ – So konkret wie möglich eben. Denn die Sichtweise eines anderen Menschen zu imaginieren ist die eine Sache; sie an einem konkreten Verhalten festzumachen, eine andere.
Zugleich kann natürlich das konkrete Verhalten in Konflikt zu dem imaginierten Denken stehen. Wenn man einer Kollegin Faulheit unterschiebt, aber zugleich sieht, dass sie immer wesentlich früher im Büro ist und immer wesentlich später geht, dann entstehen hier Spannungen, die zu einer veränderten Wahrnehmung zwingen.
Das zirkuläre Interview verlegt also den Fokus von der eigenen Sichtweise auf das Netz der möglichen Deutungen. Ähnlich wie an einem philosophischen Thema stricken an einer Situation viele Autoren mit. Gerade wenn man sich von der eigenen Sichtweise lösen kann, an ihr nicht mehr kleben muss, kann viel Energie frei werden.

Das innere Team
Ich bin vom inneren Team ausgegangen und kehre zu diesem zurück.
Wenn man mit dem inneren Team arbeitet, hat man es mit psychischen Instanzen zu tun. Wie passgenau diese in eine psychoanalytische Betrachtungsweise passen, soll hier nicht das Thema sein. Viel wichtiger erscheint mir hier der spielerische Aspekt.
Zunächst einmal kann man mit erfundenen Figuren arbeiten, die man entweder schon kennt, oder die man probeweise „setzt“. Dann kann man aber den Figurenkreis auch immer wieder erweitern oder eben verengen.
Dann kann man für das Arbeiten mit dem inneren Team auch die Techniken des zirkulären Interviews übernehmen. Gerade wenn es um Veränderungsprozesse geht, die für einen Menschen spannungsgeladen sind, bekommt ein Coach es mit sehr konfliktreichen inneren Stimmen zu tun. Diesen verschiedene Namen zuzuweisen, ist sowieso sinnvoll, um sie für den Gecoachten zu trennen und sie handhabbarer zu machen. Wenn jemand einen sehr rabiaten Pessimisten im inneren Team hat, kann man dessen Querschläger deutlicher machen und besser gegen andere Stimmen abgrenzen, wenn man ihm eine scharfe Gestalt gibt.
Diese scharfe Gestalt kitzelt man auch dadurch heraus, dass man unterschiedliche innere Mitglieder zu Wort kommen lässt: „Was denkt denn dein Karrieremensch, was dein Pessimist von dieser Bewerbung hält?“ – „Wie könnte dein Pessimist denn am besten deinem Karrieremenschen Knüppel zwischen die Beine werfen?“ – usw.

Gestern hatte ich nun folgendes Erlebnis: ich äußerte gegenüber einer Kollegin, dass ihre Ziellosigkeit in bestimmten Dingen ja eigentlich im Widerspruch zu ihrer konstruktiven Neugierde stehe. Sie kam heute darauf zurück, und meinte, das habe sie noch beschäftigt, und eigentlich hat sie phasenweise einen recht zerstörerischen inneren Drang und das hindere sie, ihre Lernbereitschaft konsequenter umzusetzen. Frau Werwolf sagt, witzelte ich daraufhin, dass Frau Einstein lieber den Stinkekäse kaufen soll. Diese Neckerei wäre in einem anderen Team und bei einer anderen Kollegin sicherlich nicht so gut gekommen. Hier haben die Kollegen das aber auf eine sehr sympathische Art aufgenommen, und nicht zuletzt hat die betreffende Kollegin damit zwar deutlich berührt, aber doch gelassen umzugehen gewusst.
Das Beispiel zeigt vor allem, dass sich an solchen Situationen Mitglieder des inneren Teams setzen lassen, setzen im Sinne von: Jetzt ist es da! – Und den Tag über wurde dann aus diesen Figuren so etwas wie ein: Jeder bringt sich ein wenig dazu ein, witzelt damit auch ein bisschen herum, stellt fest, dass er selbst so etwas auch kennt, und kann dadurch etwas zu dieser Figur beitragen. Dass die Kollegin dann selbst in einer Situation sagt: das war meine Frau Werwolf!, zeigt, wie eine solche innere Figur übernommen wird. Natürlich ist das sehr offene, humorvolle Team meiner Kollegen dafür sehr hilfreich gewesen (und wird es in Zukunft hoffentlich weiterhin sein).

Hier habe ich mich natürlich nicht bewusst für das zirkuläre Interview entschieden, es auch nicht intendiert. Das waren dann eher die Kollegen. Mein Zutun war hier, dass ich in einem entscheidenden Moment eine nette Frotzelei eingebracht habe. Das war eher Zufall, dass mir ein solch starkes und glückliches Bild eingefallen ist und durchaus nicht geplant, Figuren aus dem inneren Team zu konstruieren. – Aber manchmal ist ja der Zufall ein starker Motor und das darf man dann auch genießen.

Deshalb, und weil ich gerade das Buch Coaching-Tools lese, kam mir dieser Widerstand gegen die Verwendung des zirkulären Interviews im Selbstmanagement. Mit einigen Abänderungen der Methode dürfte es sogar sehr brauchbar sein und ich bin mir ziemlich sicher, dass es Therapeuten und Coaches gibt, die damit arbeiten.
Natürlich sollte man hier die Liste mit systemischen Fragen an diese Methode anpassen. Das darf jeder für sich selbst machen.
Gute Einführungen zum systemischen Fragen findet ihr bei
  • von Schlippe, Arist/Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie I, Göttingen 2000; S.137-163.
  • Simon, Fritz B./Rech-Simon, Christel: Zirkuläres Fragen, Heidelberg 2007.
Das Buch, das ich derzeit lese, Coaching-Tools, wurde von Christopher Rauen herausgegeben. Die beiden Artikel, die mich angeregt haben, sind folgende:
  • Backhausen, Wilhelm: Beobachten des Beobachters, S. 77-80.
  • Schäper, Carsten: Zirkuläres Interview, S. 90-94.
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