01.07.2008

Schlagfertigkeit: Das Pendeln der Unabhängigkeit

Elemente der Schlagfertigkeit

Schaut man sich die Schlagfertigkeit unter einem diskursiven Raster an, dann kann man einige besondere Elemente isolieren. Diese Elemente treten in verschiedenen Konfigurationen zusammen und bilden so einzelne Muster.
Diskursiv meint hier, dass sich bestimmte »Typen« oder Begriffe gegeneinander stellen lassen, diese aber zusammen ein Wirkungsgefüge bilden.

Ohne hier eine vollständige Aufzählung geben zu wollen, seien neun Elemente genannt:
  1. „Ich bin unabhängig!“ – Wir werden weiter unten sehen, dass dieser Satz nicht explizit auftauchen muss. Er ist, folgt man dem Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun, meist Bestandteil einer Nachricht, die »schlagfertig« ist. Diese Botschaft gehört zu den Selbstoffenbarungen. Man muss hier zunächst Offenbarung in seinem theologischen Sinne lesen: wenn Gott sich im brennenden Dornbusch offenbart oder der Engel in der störrischen Eselin, dann handelt es sich um ein Indiz oder Symptom. Das Indiz verweist auf etwas, das in seiner Nachbarschaft liegt, wie die Rauchsäule auf einen Brand verweist, während das Symptom eine komplexe Reaktion auf einen komplexen Verursacher ist, wie die Masernpusteln auf die Masernviren „reagieren“. Ähnlich ist die Unabhängigkeit eher ein Symptom als eine Wesenheit.
  2. „Ich stehe hierarchisch höher oder indifferent da.“ – Auch dieser Satz wird nicht explizit gesagt, obwohl er deutlich in einer Situation mitklingen kann (z.B. beim Glasklar richtig stellen). Er berührt eher die Beziehungsbotschaft als die Selbstoffenbarung. Trotzdem: wer sich als unabhängig darstellt, „hat“ keine Beziehung, sondern „unterbricht“ sie. (Die Hierarchie erlaubt Beziehungen zwischen Gleichgestellten; der Höhergestellte objektiviert (→ Individuum). Hier gibt es eine faszinierende Dialektik: Normalerweise bestehen Menschen aus einer Außenhaut – dem Individuum -, und einem inneren Drängen – dem Subjekt. Hier aber verlagert der Untergebene sein Inneres in das Sein des Vorgesetzten, während der Vorgesetzte sich in dem Äußeren seines Untergebenen spiegelt. Diese Beziehung kann zutiefst perverse Züge annehmen. – Diesen Brüchen müsste man Schritt für Schritt nachgehen.)
  3. Selbstqualifikation – Damit ist jenes Element gemeint, in der der Sprecher seinen eigenen Satz qualifiziert, indem er einen zweiten Satz anfügt. Dieser zweite Satz hebelt eine Reaktion des Anderen aus. Das habe ich oben zu dem Beispiel „Deiner Wahrnehmungsstörung geht’s gut? Wundervoll!“ ausführlicher beschrieben. Wichtig ist auch hier, dass die Selbstqualifikation auf einem Bruch beruht, bzw. sich aus der Hierarchie oder der Indifferenz nährt.
  4. Umfokussierung – Jeder Dialog besteht aus einem gleitenden Themenbereich. Was jeweils im Fokus steht, wird ausgehandelt. Dialoge sind weitestgehend pneumatisch; sie orientieren sich an Druck, Anspannung, Gegendruck und Erschlaffen (dass Dialoge rational seien, muss man den Menschen austreiben, wie Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieb). Den Fokus deutlich woanders zu setzen und dieses Setzen durchzudrücken, ist ein Ausdruck der Unabhängigkeit. Zwar sind hier die Anschlüsse offen – der Andere kann sich schmollend seinem Knäckebrot zuwenden oder den Dialog in den Streit weitertreiben -, doch die Offenheit sagt zunächst noch nichts über die Geste aus, die sich hier vor allem nach rückwärts, in die Vergangenheit bezieht.
  5. Wertungen umkehren – Wertungen sind, wenn auch nicht immer scharf geordnet, hierarchisch. Hier dem Anderen seine Wertung zu entziehen und eine eigene dagegenzusetzen, verweist wiederum auf die Unabhängigkeit. In dem Muster Glasklar richtig stellen findet man diese Umwertung durch die Abwertung des Anderen; in dem Muster Voll zu sich stehen wird das subjektive Befinden als wichtiger, denn die Unterordnung unter eine Funktionalität gesetzt (usw.). Man macht deutlich, dass man Mitspracherecht bei den Werten und Wertungen hat.
  6. Kontrast einführen – Nicht immer sind Umwertungen deutlich. Der Kontrast setzt hier einen deutlich anderen Wert ein: Schwul-sein ist pathologisch → Homophobie ist dämlich. Zielorientierung ist Pflicht → Kreativität öffnet neue Möglichkeiten (auch wenn sie manchmal in Sackgassen landet).
  7. Illustrieren – Diese Technik ist komplex und meiner Ansicht nach von Matthias Pöhm weder gut ausgeschöpft noch mit hinreichend klaren Beispielen belegt worden. Illustrieren heißt 1. sinnliche Vergleiche vorstellen; 2. Anekdoten und Lehrbeispiele erzählen; 3. allegorisieren. Keinesfalls handelt es sich – linguistisch gesehen – um Metaphern. Trotzdem kann man hier einige Elemente einführen, die das Illustrieren kennzeichnen: 1. die tangibilia (die berührbaren Gegenstände); 2. der narrative Kern (zwei Handlungen, die zusammenhängen); 3. die Analogie (also eine Struktur, die von der Illustration auf das Illustrierte überspringt); 4. die subscriptio (Andeuten oder Aussprechen, was sich aus einer Illustration lernen lässt → 1. die Anschauung = Ordnung in der Welt; 2. die Tätigkeit = Herstellen eines Werks; 3. die Mitwirkung = Beeinflussen eines Prozesses). → Insgesamt ein weites Feld.
  8. Übertreibung / Untertreibung – Beides sind besondere Techniken im Umgang mit Werten. Sie werden bei der Übertreibung inflationär, über das Ziel hinausschießend gebraucht, bei der Untertreibung deflationär, vor dem Ziel zum Erliegen kommend. Hier findet sich ebenfalls ein narrativer Keim: 1. einen Prozess beginnen – 2. einen Prozess beenden. → der narrative Keim bezieht sich auf einen Wert, der zu diesem exzentrisch liegt. Beispiel: „Die Kunden beschweren sich über Sie!“ → Beginn des Prozesses; Wert: Kundenfreundlichkeit. (Antwort:) „Das freut mich aber.“ → Abschluss des Prozesses: der Angriff kommt zum Erliegen. Wer Wind sät, wird Flauten ernten. (→ auch die Über-/Untertreibung müsste genauer unter die Lupe genommen werden)
  9. undeutliche/überdeutliche Selektion – Ich hatte oben geschrieben, dass jeder Beitrag zur Kommunikation mehr oder weniger scharf selektiert und dass jeder Beitrag dem Gesprächspartner mehr oder weniger Raum für Anschlussselektionen lässt. Die Technik Aushebeln durch Mitleid bekunden zum Beispiel macht die Selektion so undeutlich, dass der Gesprächspartner aus zu vielen Möglichkeiten auswählen muss: sie setzt ihn unter Entscheidungsdruck → „Du hast den Bericht ja immer noch nicht fertig!“ – „Halleluja!“ (Was ist da zu sagen, Herr? Wenn die Maschine kaputt ist, ist die Maschine kaputt!). Weit mehr Techniken aber gehen den anderen Weg: sie entziehen dem Gesprächspartner scheinbar die Möglichkeit, in eine Selektion einzugreifen (siehe oben: Selbstqualifikation) und legen eine ganz bestimmte Selektion nahe (siehe oben: Umfokussierung). Diese Technik bringt den Gesprächspartner in die Verlegenheit, entweder auf die Metaebene überzuschwenken oder weiterzumachen. Da die Metaebene oft ungeübt ist und als brenzlig empfunden wird, kann man hier häufig ein Weitermachen beobachten, das aber mit „Fehlzündungen“ durchsetzt ist. Der Unmut bricht sich in Symptomen seine Bahn. (→ es gibt hier eine ganze Armee von Oppositionen, die auf das Ausweiten und Verengen von Anschlussmöglichkeiten zielt; siehe die Systemtheorie Luhmanns)

„Ich bin unabhängig!“

Folgt man der Unterscheidung von Subjekt und Individuum, dann kann man drei Typen von Unabhängigkeit unterscheiden. – Zur Erinnerung: das Subjekt besteht aus einem Drängen, einem Begehren, das sich nicht beherrschen lässt; in der Sprache ist es etwas, was nicht konkret benannt werden kann. Man kann damit rechnen, es sogar herausfordern (in kreativen Prozessen), es kanalisieren, aber es ist so vielgestaltig, wie die Situationen, in denen es sich wiederfindet. Das Individuum ist ein Bündel als Zuschreibungen. Woher diese Zuschreibungen kommen, kann zunächst egal bleiben. Ob Gerüchte oder Selbstinszenierung, zunächst ist das Individuum etwas Äußerliches, das an dem Menschen haftet und das Subjekt „versperrt“. (Siehe: Zur deleuzianischen Logik III und Die Spaltung im Modell.)

Drei Typen also der Unabhängigkeit:
  1. in der bloßen Selbstbehauptung: statisch, oftmals verkennend → die Statue. In der Geschichte Die Zeugin von Carol Joyce Oates nimmt der Vater diese Stelle ein. Er liegt im Bett und sagt: „Der heilige Geist ist von mir gewichen.“ Die Behauptung kulminiert oft in ihrem Gegenteil: der Vater ist abhängig; seine Familie muss ihn versorgen, finanziell, emotional. In der systemischen Familientherapie: der Vater delegiert seine unbewussten Wünsche an verschiedene Familienmitglieder, an die Mutter den Zwang zur Ordnung, an die Tochter das freie Flüchten des Begehrens (die Tochter bildet sich ein, dass niemand sie sieht: das Phantasma eines Subjekts ohne einem Individuum).
  2. in der Arbeit an dem eigenen Individuum: prozessual, stellt Verkennungen her → die Selbstinszenierung. In Die Zeugin die Position der Mutter: sie unterliegt dem Zwang, ein Bild wieder aufzurichten, ein Bild der heilen Familie, in der sie wieder die heile Mutter ist. Sie ordnet, versucht alles einzufangen und auf den rechten Platz zu rücken. Die Arbeit am Individuum ist reaktiv und häufig reaktionär. In Die Zeugin wird – am Rande – geschildert, wie dieser Prozess durch die deflationären Bedeutungen des Vaters (das Depressive) ebenso bedroht ist, wie durch die inflationären Bedeutungen der Tochter (das Flüchten).
  3. in der subjektiven Produktion: prozessual, die Wirklichkeit skandierend → „road-movie“, Nomaden- und Partisanentum. Die Tochter treibt in Die Zeugin von Bild zu Bild und von Ereignis zu Ereignis. Sie sammelt, ordnet aber nicht. Ihre Subjekthaftigkeit geht durch andere Menschen unvermittelt in das Individuum über: „Du lügst!“, sagt die Mutter.
Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, was ich mit diesem Schema genau anfangen kann. Deutlicher dürfte jedoch sein, dass die Schlagfertigkeit selbst sich an diesem Wert der Unabhängigkeit orientiert. Sie muss prozessual bleiben, auch wenn sie sich auf das Phantasma des „Ich bin unabhängig!“ stützt.
Sie pendelt zwischen der Inszenierung des Individuums und dem Nomadisieren des Subjekts hin und her, zwischen Bühne und Maschinerie, zwischen Territorium und Flucht/Eroberung.

Schluss

Mal wieder habe ich nur angefangen, mich mit einem Thema zu beschäftigen. Die Elemente, die ich vorgestellt habe, kann man noch weiter vereinfachen. Neben der Unabhängigkeit gibt es auch noch Muster der Verbindlichkeit. Diese habe ich hier ganz ausgelassen.
Die Spielräume, die sich zwischen Unabhängigkeit und Hierarchie ergeben, ebenso zwischen Erweitern und Verengen von Wahlmöglichkeiten, der Inflation und Deflation von Werten, etc. ergeben ein reiches Netz aus Begriffen. Hier dürfte sich auch das Unbehagen an der Theorie deutlich machen: die Theorie kann so sehr zergliedern, dass sie die Praxis verwirrt. Nicht immer ist Verwirrung schlecht. In einer sich heiß laufenden Situation aber kann sie ebenso hemmen oder gar aushebeln wie ein guter Konter.
Trotzdem kann eine differenzierte Unterscheidung, insofern sie praktisch gemacht werden kann, die Sensibilität erhöhen. Es nutzt also nichts: weitermachen und schauen, was passiert. Irgendwo ist ja auch die Theorie nomadisch, insofern sie ständig neue Modelle entwirft und ständig neue Schnitte und Schritte inszeniert.
Für die "Unabhängigkeit" bleibt festzuhalten: sie pendelt zwischen Inszenierung und Nomadisieren; sie zeigt sich in Symptomen (wobei das Symptom oft im Unterbrechen/Auslöschen einer Reaktion besteht und in einem impliziten Hinweis auf dieses Unterbrechen).
  • Die Zeugin, in: Oates, Joyce Carol: Letzte Tage, Stuttgart 1986
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