12.05.2008

Pan's Labyrinth

Gestern abend habe ich mir endlich Pan's Labyrinth angesehen. Die Geschichte ist zwar konventionell - Mädchen flieht vor der Realität in eine Scheinwelt -, aber die Bilder sind außergewöhnlich schön und die Symbolisierungen märchenhaft, fernab von jeder Süßlichkeit.

Ambivalenz

Schon das erste Verbindungsglied zwischen Realität und Märchenwelt, eine fliegende Stabheuschrecke, hat eine wundervolle Ambivalenz. Sie ist nicht nur ein ekelerregendes Insekt, ein huschendes Krabbeltier, das sich tarnen kann, und so übersehen wird, während es doch, einmal enttarnt, unsere ganze entsetzte Aufmerksamkeit genießt; sie erzeugt dazu noch einen widerlich rasselnden Klang.
An dieser Ambivalenz hält der Film fest. Der Pan, der in dem Labyrinth lebt, ist ebenso zweideutig und in gewisser Weise nur ein Spiegelbild des Hauptmanns, des Stiefvaters von Ophelia. Die Mutter vertritt ebenso diese Zweideutigkeit, indem sie einerseits ihre Kinder schützen möchte, andererseits aber sich der Realität, das heißt dem Hauptmann unterwirft. Ophelia selbst ist ein zweideutiger Name - die Geliebte Hamlets ertrinkt in dessen Tatenlosigkeit. Hörbar hier auch: orphelin, das Waisenkind.

Drei Themen: Häute - Essen - Gewalt

Um Häutungen und um Mimikry geht es in diesem Film: die Stabheuschrecke, die sich verbergen kann; der Vater Ophelias war Schneider, der dem Hauptmann die Kleider geschneidert hat; die Stabheuschrecke, die sich in eine Fee verwandelt; die Mutter, die sich der Situation anpasst; die Tochter, die hübsch eingekleidet wird; Mercedes, die im Haus für die Rebellen spioniert; die Kaninchen, die gehäutet werden; die Kröte, die ihr Innerstes nach außen spuckt, und nur die leere Haut übrigbleibt; die Rebellen, die sich im Buschwerk verstecken; das Ungeborene, das sich seiner Mutter wie eine zu groß gewordene Haut entledigen zu wollen scheint; die Alraune, die ein Mensch werden möchte; Ophelia, die sich in ihrer Phantasiewelt versteckt, und zum Schluss offenbart.
Auch geht es immer wieder ums Essen: um die Kaninchen; um die Einladung zu einem Festmahl; um die Kröte, die an den Wurzeln des Baumes zehrt; um die Lebensmittelrationierungen, um die Rebellen auszuhungern; um den Überfall auf das Warenlager; um das Verbot, von dem üppig gedeckten Tisch etwas zu naschen und der Übertretung dieses Verbots; um das menschenfressende Ungeheuer.
Das Auszehren, das Parasitäre und das Hinunterwürgen ekliger Nahrung (= eine widerliche Geisteshaltung imitieren) spiegelt und bricht vielfach die reale politische Situation. Und schließlich ist das plötzliche Erwachen bösartiger Wesen in der Phantasiewelt genauso abrupt, wie der Hauptmann von seiner militärischen Rolle in kalte Gewaltexzesse verfällt. Die Kamera dramatisiert nicht, schaut aber auch nicht weg. Die Gewalt erwacht auf genauso natürliche Weise, wie die Ungeheuer auf natürliche Weise erwachen.
Erst ganz zum Schluss wird diesem "Spiel", wird der Gewalt von Imitation und Häutung Einhalt geboten. Das Neugeborene wird nicht erfahren, wer sein Vater ist; der Vater wird sich nicht in ihm häuten können.

Metaphorisierung durch beseelte tangibilia, analogiae und narratio

So gesehen ist der Film dann doch wundervoll. Um einige eng begrenzte Themen herum wird eine metaphorische Aufladung erzeugt: Gewalt → Mimikry & Häutung → Essen → Phantasie & Realität → Gewalt. Dies geschieht, indem die Figuren immer mindestens an zwei Themen teilnehmen und so von einem Thema zum anderen überblenden können.
Die beseelten tangibilia - die Menschen und Phantasiewesen - sind also in der Lage, die Metaphorisierung zu erzeugen. Beseelt müssen sie deshalb sein, um die verschiedenen Themen immer wieder in Konstellation zu bringen. Brei an sich ist nur eine Nahrung, aber der Brei, den man hinunterwürgen muss, schon eine Konstellation. Von hier aus ergeben sich Serien: Brei, den man hinunterwürgen muss - Weintrauben, die man genießerisch im Mund behält (als Beispiel); Speisen, die man einlagert - Insekten, die man ausspeit.
Manche Serien werden auch durch Analogien gebildet: die Faschisten am Fuß der Berges, die die Rebellen aushungern - die Kröte unter der Wurzel des Baumes, die den Baum auszerrt - das Ungeborene, das die Mutter schwächt. - Oder: an den Marxismus glauben und kämpfen oder über die Grenze nach Frankreich fliehen - an die Phantasiewelt glauben und kämpfen oder über die Grenze zur Anpassung fliehen.
Die Verknüpfung der thematischen Felder wird auf der einen Seite durch die beseelten tangibilia, die Lebewesen geschaffen (es ist dabei unerheblich, ob es reale oder phantasierte Lebewesen sind, solange sie in der Geschichte "funktionieren"), indem sie an mehreren Feldern teilhaben, andererseits durch die Geschichte, indem diese von einer Konstellation zur nächsten wechselt. Die narratio ist nicht nur der Ablauf der Geschichte (der plot), sondern auch dieses Umkonstellieren.

Fazit

Ein schöner Film; - wobei dieser Film für mich schön ist, weil er mich zu neuen Abschweifungen, zum Entdecken einer kleinen, neuen koordinierten Begrifflichkeit geführt hat. (Letzten Endes genießt man sich selbst in der Interpretation am meisten.)
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