03.05.2008

Humor I

Da ich zur Zeit wieder viele "lustige" Bücher lese, beschäftigt mich auch wieder der Humor. Humorvolle Erzählungen sind keine so einfache Sache, wie man sich das vorstellt. Das Abwertende und Zynische, das heute so weit verbreitet ist, kann alleine eine Geschichte nicht tragen.

Millionär von Tommy Jaud
Sieht man sich zum Beispiel Millionär an, ist eine der eindeutigsten Vorteile dieses Buches, dass es eine ganze Reihe von skurrilen Ideen auf eine Schnur zu spannen weiß. Da ich es mittlerweile zu Ende gelesen habe (man ist ja ganz Kampfleser), gibt es eine sehr eindeutige Problematik in diesem Buch: das Ende ist vorhersehbar. Millionär handelt von Simon, der sich seit seiner Entlassung in seinem Hartz IV-Kabuff mit Beschwerdebriefe schreiben den Tag versüßt (oder versauert, wie man's nimmt). Als über ihm eine reiche Trulla einzieht, die sich in einer hipp-infantilen Sprache ergeht und auch ansonsten nichts an Klischees auslässt, steht für Simon fest: das Junkhäschen muss weg. Lösung: Simon kauft das Haus. Vom Hartz IV geht das nicht, also muss eine starke Geschäftsidee her. Parallel zu dieser Geschichte findet Simon in der Callcenter-Agentin Annabelle seine zukünftige Freundin. Parallele Geschichten sind immer sinnvoll, um der Hauptgeschichte einen Kontrapunkt zu geben. In diesem Fall aber wird das Ganze zu einem Problem. Denn die beiden Geschichten treffen sich nicht in einem großen Finale und einer stürmischen Wendung, sondern stolpern ein wenig orientierungslos ins Ende hinein.
Wo läge eine Lösung? Annabelle, also die zukünftige Freundin, müsste in irgendeiner Weise in die Haupthandlung so verwickelt werden, dass sich hier nochmal ein Clinch ergibt. Statt aber hier einen Climax aufzubauen, bringt Jaud eine Enttäuschungsgeschichte. Der Höhepunkt verschwindet in einem "Zufall". Die Geschichte mit Annabelle wird nahezu nebenbei abgehandelt; willkommen im normalen Leben.

Heute ziehst du aus von Kriss Rudolph
Dieses Buch hat einen wahrhaft schönen Plot (wie übrigens auch Millionär). Der Pilot Lorentz Drache segelt nackt aus dem Fenster seiner Wohnung. Beim Vorbeifliegen an den elf anderen Stockwerken werden die Fährnisse lebendig, die er mit den einzelnen Bewohnern der Stockwerke hat. Anders als Jaud setzt Rudolph auf eine vollkommen überraschende Wendung gegen Ende des Buches.
Das Buch hat jedoch gleich mehrere Probleme. Unter diesen ist die Erzählweise sicherlich die gravierendste. Denn zahlreiche Stellen wirken wie Zusammenfassungen von Szenen, nicht wie die Szenen selbst. Hier fehlt die wörtliche Rede, die Handlung, die Perspektive; hier spricht der Autor viel zu deutlich, und darunter verschwinden die Figuren. Nicht umsonst ist eine der wichtigsten Mittel eines Autors die szenische Mimesis. Jaud beherrscht diese; Rudolph auch, aber er scheint sich hier an vielen Stellen darum herumzumogeln. Sehr deutlich spürt man dies an der Hauptfigur. Dieser blasierte Männlichkeitskarrierist ist in seiner Frauenfeindlichkeit so weichgespült, wie es nur geht. Diese Doppeldeutigkeit macht es dem Autor dann möglich, immer zur anderen Seite zu pendeln, so dass jegliche Schärfe verloren geht. Und die fehlende szenische Mimesis verhindert all das, was ein humorvolles Buch auch haben sollte: die Situationskomik.
Denn seien wir mal ehrlich: all diese hübschen Wortverunstaltungen, all die gepflegten Ressentiments bringen uns doch nicht so zum Lachen, wie eine rasante Kehrtwende in einer Szene, eine folgerichtige Skurrilität. Situationskomik eben.

Situationskomik
Eines der schönsten Beispiele aus Millionär ist folgende Stelle:
Simon ruft Annabelle im Callcenter an. Annabelle arbeitet auf der Beschwerdehotline von Procter & Gamble. Simon beschwert sich darüber, dass ihm das Deo die Achselhöhlen verklebt hat. Daraufhin entspinnt sich folgender Wortwechsel:
"Wir haben hier bei Procter & Gamble übrigens gar kein Deo." (sagt Annabelle)
"Na, dann bin ich ja froh, dass ich nicht bei euch im Callcenter sitze." (sagt Simon)
Situationskomik dieser Art basiert auf drei Argumentationsbedingungen: 1. Jedes Phänomen kann auch verschiedene Weise genutzt/betrachtet werden. 2. Ein Satz oder ein Geschehen kann eine Unklarheit schaffen. 3. Die Unklarheit blendet das Phänomen von der einen auf die andere Seite über, was zu einer Verrätselung oder einer überraschenden Wende führt.
Argumentationsbedingungen sind das übrigens deshalb, weil die Welt in Gewohnheiten geordnet ist, also in ausdrückbaren Sätzen. Der Humor, ebenso wie der Einspruch, die Kritik und die Gegenargumentation führen zwei solcher ausdrückbarer Sätze in eine Unvereinbarkeit. Beim Humor geschieht dies aber aufgrund eines bewusst oder halbbewusst produzierten Missverständnisses, das sich sofort löst.
In meiner musikreicheren Jugend ist mir zum Beispiel in der Berufsschule folgender Satz herausgerutscht:
"Ich möchte gerne früher gehen. Ich habe heute Nachmittag ein Vorspiel mit zwei Violinisten auf dem Klavier."
Was die ganze Klasse zum Lachen brachte.

Dies ist natürlich nur die einfachste Variante. Ein zweideutiges Wort wird in einem Kontext gebraucht, der zwar das eine meint, das andere aber mitsagt. So gesehen auch bei der (wohl unfreiwillig witzigen) Werbung:
Deutschland telefoniert blau.
Will man sich so etwas wie eine Übung dazu ausdenken, dann kann man dies folgenderweise tun (übrigens eine Empfehlung von Melvin Herlitzer aus Comedy writing secrets):
Man nehme sich ein Phänomen, z. B. eine Schultüte, z. B. ein Deo, und finde dafür 1. ähnliche Formen mit anderer Funktion, 2. alternative Formen mit ähnlicher Funktion, 3. verschiedene Funktionen desselben Phänomens für unterschiedliche Situationen (zum Beispiel ein Deo verkaufen, ein Deo benutzen).
Man kann dann noch mit den Herstellungsweisen variieren. Darin ist zum Beispiel Mister Bean sehr geschickt. Oft beruht der Witz bei Mister Bean auf dem Mechanismus, einen einfachen Vorgang noch einfacher zu gestalten und dadurch eine Katastrophe zu erhalten. Zum Beispiel will Mister Bean ein Zimmer anstreichen. Da das mühsam ist, packt er Dynamit in einen Farbtopf und sprengt diesen in die Luft. Eine vierte Möglichkeit ist also, sich einen Vorgang zu verschlimmbessern. Dieser Argumentationsgang führt von einem 1. Normal-sein zu einem 2. (skurrilen) Vereinfachen zu einem 3. unerwartete Nebenfolgen haben. - Übrigens ist diese Form des Witzes eine sehr bildliche und deshalb nicht so einfach in Erzählungen anzuwenden. Ich habe diese Art des Witzes in meiner Geschichte Das Einhorn genutzt. Tatsächlich braucht es die ganze Geschichte, um diese eine Wendung zu erzählen. Wo sich also der Film in Sekundenschnelle entwickeln kann, braucht die Geschichte oft viele Seiten.
Schließlich gibt es noch das Missverständnis oder das Unwissen. Wundervoll ist der kleine Dialog zwischen Frau Stör und Herrn Settembrini aus dem Zauberberg (frei zitiert): "Ich leide Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und wenn man den Stein am Gipfel hat, rollt er wieder zurück." - "Das ist aber nett, dass sie dem armen Tantalus ein wenig Abwechslung gönnen."

Situationskomik besteht also im Kern aus:
1. Umfunktionalisieren,
2. Alternativ-Formen,
3. Konvergenz eines divergenten Gebrauchs,
4. skurriles Umgestalten einer Herstellungsweise und
5. das produktive Unwissen oder Fehlwissen.

Damit Situationskomik funktioniert, braucht man das szenische Erzählen. Wer sich das in Reinform ansehen will, dem seien die Bücher von Arto Paasilina sehr ans Herz gelegt.

Witze machen?
Im übrigen glaube ich nicht, dass man Witze wirklich machen kann. Was ich hier vorgestellt habe, sind eher technische Verfahren, durch die man dann das blitzhafte Verunstalten einübt. Wer also meint, diese Verfahren anwenden zu müssen, nutze sie lieber als Fingeretüden. Das eine oder andere an Lustigem wird dabei schon abfallen. Hoffentlich nicht nur die üblichen Obszönitäten. - Gerade das macht die Bücher von Jaud und Rudolph doch lesbar. Sie ergehen sich nicht nur in sexuellen Peinlichkeiten und dem ganzen Ich Tarzan, du Jane! Greif meine Liane!-Niveau.
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