14.02.2016

Mrs. Todds Abkürzung - eine Erzählung von Stephen King

Neulich hatte ich mir ein Buch gekauft, über dessen Untertitel ich mich einigermaßen geärgert habe: Königin im Exil von George Martin und Gardner Dozois. Im Untertitel werden Kurzromane angekündigt. In Wirklichkeit handelt es sich um Erzählungen, allerhöchstens Novellen. Auch wenn der Seitenumfang kein wirkliches Kriterium ist, denn hier muss man tatsächlich auf den Inhalt achten (manchmal sind Prosatexte des gleichen Umfangs Novellen, manchmal Romane), sind die Geschichten in dem Band zu kurz. Lohnenswert ist diese Sammlung trotz allem, weil sie so viele verschiedene ErzählerInnen vereint.

Mrs. Todds Abkürzung

Die Erzählung von Stephen King ist eine klassische Erzählung aus dem Sammelband Blut. Sie behandelt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben weniger Personen, hat weitgehend ein einzelnes Thema, welches eine bestimmte Idee illustriert, und ist durch eine einzige Steigerung und einen einzelnen Höhepunkt (ohne Zwischenhöhepunkte, wie diese in Shining, Christine oder Das Bild zu finden sind) strukturiert. Sie ist keine short story, weil sie das Thema in gewisser Weise „sättigt“. Eine short story findet sich in dem Sammelband Blut im Text Hier seyen Tiger. Diese kleine Geschichte enthält eine Momentaufnahme und lässt den weiteren Verlauf offen. Nicht der Höhepunkt, sondern das bemerkenswerte Ereignis ist Inhalt einer short story. In Mrs. Todds Abkürzung ist die bemerkenswerte Stelle mit dem bemerkenswerten Ereignis nicht das Ende der Geschichte, und tatsächlich gibt es zwei bemerkenswerte Stellen (was die Handlung angeht): einmal auf S. 327: dort fahren Mrs. Todd und Homer durch einen befremdlichen Wald; und einmal ab S. 335: dort findet Homer auf dem Auto von Mrs. Todd seltsame Pflanzen und Tiere. Doch die Geschichte hat noch zwei andere bemerkenswerte Stellen. Der eine besteht aus der Passage, in der der zusammenfassende Satz der Geschichte besprochen wird (S. 333): Es gibt Löcher in der Mitte von Dingen. Und der andere Höhepunkt beschließt die Geschichte, nämlich dass Homer mit Mrs. Todd endgültig mitfährt und das banale Leben verlässt.

Die Rahmenerzählung

King benutzt in dieser Erzählung eine andere erzählerische Besonderheit: die Rahmenhandlung und den Erzähler als Zeugen. Der Erzähler macht in dieser Erzählung nichts; er ist nicht der Mittelpunkt, ja noch nicht einmal wirklich notwendig, und hätte leicht durch irgend eine andere Person ersetzt werden können. Dieser Erzähler bekommt eine Geschichte erzählt, die sich bis in die Gegenwart hinein erstreckt. In weiten Teilen gibt er das, was er erzählt bekommen hat, wieder. Dadurch bekommt die Geschichte einen „authentischen“ Charakter.
Formal spricht man hier auch von einer Rahmenerzählung, die die eigentliche Erzählung umschließt. Diese Struktur finden wir zum Beispiel auch bei Der Schimmelreiter oder Doktor Faustus. Sie korrespondiert relativ eng mit dem formalen Aufbau des Märchens, in dem die Rahmenerzählung zu einer Floskel („Es war einmal vor langer Zeit …“, „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“) erstarrt ist.

Maskerade und Besessenheit

Inhaltlich wird die Hauptfigur in einem Zwischenzustand von Maskerade und Besessenheit dargestellt. Mrs. Todd liebt es, schnell zu fahren, und sie ist ständig auf der Suche nach Abkürzungen, nach schnelleren Wegen. Nach und nach findet sie immer kürzere Wege, bis hin zu dem fantastischen Ereignis, dass sie eine Strecke fahren kann, die kürzer als die Luftlinie auf der Karte ist. Auf diesen Wegen durchquert sie nicht mehr die realen Orte, sondern ebenso fantastische und mystische Gebiete mit fantastischen Figuren (die lebenden Bäume, die riesige Kröte).
Die Erzählung bietet uns auch eine ganz konkrete Deutung an: Mrs. Todd ist eine motorisierte Diana, eine Göttin der Jagd, ein unabhängiges, wildes Wesen. In dieses verwandelt sie sich, sobald sie ihre Abkürzungen durch die Welt erreicht.
Die Erzählung lässt allerdings offen, ob die Protagonistin ihr wahres Wesen entdeckt oder nach und nach von ihrem Hobby besessen wird.

Die implizite Philosophie

Alles in dieser Geschichte dreht sich um Wege. Gleich zu Beginn lässt King seinen Erzähler sagen:
Sommergäste wie die Todds sind für die ständigen Einwohner kleiner Städte in Maine längst nicht so interessant, wie sie sich selbst einbilden. (306)
Nach einem illustrierenden Einschub fügt er hinzu:
Es ist einfach so, dass sie [die Sommergäste] auf anderen Rennbahnen unterwegs sind als wir [die Einheimischen]. (306)
Aber Mrs. Todd eben noch auf ganz anderen Wegen unterwegs, sogar auf anderen Wegen als denen der Sommergäste. Dies wird dann zusammengefasst durch den Spruch:
Löcher in der Mitte von Dingen. (333)
Die wesentlichen Dinge allerdings werden angedeutet. So wird Mrs. Todd immer jünger, schließlich auch Homer Buckland, der doch zunächst wesentlich älter, mehr als Großvater, denn als Vater erscheint. Ein unterschwelliges Thema ist also der Mythos vom Jungbrunnen und vom ewigen Leben.
Erzählungen führen philosophische Gedanken nicht zu Ende; sie geben ihnen eher neue Nahrung (wenn überhaupt). Trotzdem könnte man die Philosophie dieser Geschichte in einem (komplizierteren) Satz zusammenfassen: Wer in seinem Begehren nicht nachgibt, bleibt ewig jung, weil er die Brüche in den „Dingen“ entdeckt. (Diese Zusammenfassung ist auf der einen Seite Jaques Lacan und seinem Aufsatz Kant avec Sade, auf der anderen Seite Gilles Deleuze und seinem Die Dinge, die Wörter aufbrechen geschuldet.)

Schluss

Neben der Kritik an aktuellen Bezeichnungen des Genres schildere ich eine "vergessene" Erzähltechniken, die der Rahmenerzählung. Der Erzähler erlebt nur das Erzählen der Geschichte, nicht aber die Geschichte selbst. Dadurch kann sich der Erzähler relativ frei in seiner Geschichte bewegen und eigene Gedanken in Form von Reflexionen einschieben.
Ein Reiz der Erzählung besteht in ihrer "unvollkommenen" Philosophie: die Reflexionen des Erzählers lassen sich durch den Leser mühelos weiterführen. Damit gerät der Leser in eine noch überlegenere Position, als er sie sowieso schon durch die Handlungslosigkeit des Erzählers besitzt. Die Unbedeutendheit des Erzählers korrespondiert mit dem natürlichen Narzissmus des Lesers.
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