11.04.2017

Das ist jetzt ein Scherz, oder?

Aufgrund befürchteter massiver Proteste gegen ihren Parteitag in Köln hat die AfD Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um einen Appell gebeten. "Rufen Sie öffentlich zur Mäßigung auf", heißt es in einem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Schreiben des AfD-Bundesvorstandes an Steinmeier. Er müsse einem gegen den Parteitag mobilisierenden Bündnis deutlich machen, "dass Demokratie von Meinungsvielfalt, Meinungsbildung und dem offenen Diskurs lebt". Die AfD will ihren Bundesparteitag am 22. und 23. April in einem Kölner Hotel abhalten.
Das sind aber schon noch dieselben Leute, die von der Lügenpresse und Wirtschaftsasylanten aus Kriegsgebieten reden, Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, Homosexuelle mit Päderasten gleichsetzen, usw. usw. oder habe ich da was verpasst?
Sehr geehrter Herr Steinmeier!
Rufen Sie nicht zur Mäßigung auf. Meinungsfreiheit darf nicht an einem Zaun enden, der zugleich das Brett vor den Köpfen gewisser Leute ist, nicht bei gewaltbereiten Islamisten und nicht bei einer Partei, die recht unverhohlen rechtem Terror die Stichworte und die (stillschweigende) Duldung liefert.
Fundstelle hier

07.04.2017

Knapp vorbei: Zu viel zur Analogie

Ich habe ein Problem. (Mal wieder!)
Vor einigen Jahren, ich glaube 2008 oder /09, bin ich auf eine Doktorarbeit über angewandte Mathematik in der Schule gestoßen. Darin gab es einen langen Abschnitt über die Verbindung zwischen Modell und Schema, der mich begeistert hat, und dann über einen langen Zeitraum hinweg geführt und angeregt hat. Mehrmals hatte ich euch dann versprochen, dazu etwas Grundsätzliches zu schreiben, aber wie das mit dem Grundsätzlichen bei mir so ist: bei der Arbeit darüber bin ich auf andere Aspekte gestoßen, habe mich von diesen einfangen lassen und - das war's mit den guten Vorsätzen und den nicht ganz so guten Versprechen.
Neulich habe ich meinen Zettelkasten durchforstet. Da suite101 seit längerer Zeit offline ist, ich aber viele Artikel von meinem Blog dorthin verlinkt habe, dachte ich mir, es wäre ganz gut, wenn ich diese aktualisiere und dann hier veröffentliche. Der Einfall kam mir zu dem Stichwort Analogie, der für die Hyperbel und - das war mein eigentlicher Aufhänger - den Humor wichtig ist. Die Analogie bildet für diese eine der Grundlagen. In meinem Zettelkasten habe ich dann zig Notizen zur Analogie gefunden, die mich zum Modell, zur Geometrie, zur Literaturwissenschaft, zur gender-Theorie, und und und geführt haben.
Daraus sind zahlreiche weitere Aufzeichnungen entstanden. Diese systematisiere ich im Moment. Eine Veröffentlichung ist aber noch nicht in Sicht. Um mit ihnen besser arbeiten zu können, wäre es sinnvoll, sie in den Zettelkasten einfließen zu lassen.
Und dort kommt nun mein eigentliches Problem in Reichweite. Seit Monaten programmiere ich an meinem eigenen Zettelkasten herum. Grundzüge stehen, aber immer wieder begebe ich mich auf neues Terrain, probiere dieses und jenes aus, schreibe kleine Zwischenprogramme, oder auch ganz abseitig davon, einfach aus Lust am Programmieren. Und sehe dabei, wie ich mir einen neuen, mir bequemeren Zettelkasten erstellen könnte. Nur: ich kann diesen noch nicht zu Ende führen. Immer sind es irgendwelche Bedenken, die mich davon abhalten.

So bin ich fleißig, geradezu überproduktiv, und doch fühle ich mich ausgebremst.
Nebenher verfasse ich fleißig weitere Notizen zu Sybille Krämer, bzw. ihrem Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Gerade habe ich das Descartes-Kapitel zu Ende gelesen, ein großartiges Kapitel, überaus mathematisch, sehr präzise und sehr distanziert geschrieben, so dass man beides zugleich bekommt: ein Gespür für das, was Descartes' Texte antreibt, aber auch für das, was über diese hinausgeht. Das ist eine großartige Weise, Kritik zu üben: aus dem Gedankengebäude heraus arbeitet die Autorin die Brüche und Missklänge nach und nach heraus. Zudem passt Vieles, was Krämer schreibt, in das Thema des visuellen Modellierens.
Nun würde ich gerne systematischer werden. Mir fehlt mein Zettelkasten. Ich möchte nicht in meinen alten weitere Zettel hineinarbeiten, weil ich diesen mehr und mehr nicht mehr passend finde, weil ich weiß, dass es demnächst (nur wann genau?) einen neuen, mir bequemeren, von mir leichter veränder- und anpassbaren geben wird.
Unglücklich bin ich damit aber nicht. Eher fiebrig.

Und à propos fiebrig: die letzten zwei Tage war ich ziemlich trübe im Kopf. Das lag wohl daran, dass ich, nachdem ich am Montag mehrere Stunden wie im Fieber mich durch eine ganze Reihe von Büchern durchkommentiert habe (angefangen mit Wittgenstein), danach noch Stunden über zwei Programmen gesessen habe, und dann war es irgendwie Mittwoch, ich bin mir nicht ganz sicher, wie das passiert ist. Jedenfalls musste ich danach sehr lange schlafen.

02.04.2017

Kartographischer Impuls

Am Donnerstag sollte ich das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun anwenden. Das ist mir nicht so gut gelungen, wie man es aus meiner langjährigen Erfahrung damit annehmen sollte. "Schuld" daran war - unter anderem - das Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis von Sybille Krämer; dies hatte mich noch am Abend vorher zu einigen längeren Anmerkungen zum Kommunikationsquadrat veranlasst, von denen mindestens zwei meinen Blick auf dieses Modell deutlich verschieben dürften. Mit dieser vagen Ahnung im Hintergrund habe ich mit einigem Zögern diese kleine Kür (die Anwendung) über die Bühne gebracht.
Auch bei anderen Modellen schleicht sich jetzt, nach und nach, eine Deplatzierung ein, die ich als ungemein fruchtbar empfinde. Noch einmal ein Lob auf dieses Buch; ich befinde mich derzeit auf Seite 146, methodisch schreibe ich mir nur, Seite für Seite, Hauptbegriffe heraus, lese also noch nicht intensiv oder systematisch.
Einer der interessantesten Vorhaben dieses Buchs ist nun, die Erkenntniskraft der Linie herauszuarbeiten. Mithin geht es um so etwas wie eine Rhetorik der Linie, wobei mit Rhetorik hier nicht die "dunkle", sondern die "erhellende" Seite der Rhetorik gemeint ist. Darin spielt der Begriff »kartographischer Impuls« eine wichtige Rolle.
Krämer geht davon aus, wie das heute allgemein üblich ist, dass Wissen durch Handlungen angeeignet wird. Mithin versteckt sich unter der Formulierung ›Erkenntniskraft der Linie‹ die Frage, wie eine Linie eine Handlung strukturiert und leitet. Der kartographische Impuls wird von ihr dabei folgendermaßen definiert:
Die Projektion von Gegenständen des Erkennens auf quasi-räumliche Strukturen wird als eine Anordnung zur Orientierung der Erkenntnisbewegung selbst genutzt.
(Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Berlin 2016, S. 146; Hervorhebung von mir)
Es ist klar, dass die Erkenntnisbewegung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Oftmals aber ist sie eine des Sammelns und Vergleichens, oder eine des Nachvollziehens/Nachkonstruierens oder Austestens. Bei der Aneignung eines Diagramms spielt die Beschreibung, das heißt die Übersetzung in ein anderes Medium, ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verkleinern (wie etwa die Karte eine Landschaft „verkleinert“). Dazu schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Buch Das wilde Denken:
Welche Kraft verbindet sich also mit der Verkleinerung, mag sie nun den Maßstab oder die Eigenschaften betreffen? Sie resultiert, so scheint es, aus einer Art Umkehrung des Erkenntnisprozesses: wenn wir das wirkliche Objekt in seiner Totalität erkennen wollen, neigen wir immer dazu, von seinen Teilen auszugehen. Der Widerstand, den es uns entgegenstellt, wird überwunden, indem wir die Totalität teilen. Die Verkleinerung kehrt diese Situation um: in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objekts weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, dass sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Genauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erfasst, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden.
(Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973, S. 37; Hervorhebung von mir)

01.04.2017

Hof eines "Literaturskandals"

Ich fühle mich gelegentlich missverstanden, jawohl! Und warum?

Sachstand

Vor fünf Wochen hat Stefanie Sargnagel zusammen mit zwei anderen Autorinnen einen satirischen Text veröffentlicht. Das ist, wie vieles, erst mal an mir vorbeigegangen; genauer: ich kannte die Autorin bis dahin gar nicht. Kurz nach der Veröffentlichung des Textes hat eine österreichische Boulevard-Zeitung einen Schmäh-Artikel darüber veröffentlicht, aber nicht verstanden, dass dieser Text ein satirischer ist. Daraufhin folgte ein Shitstorm, während dem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Sargnagel geäußert wurden.
All das ist aber bereits in zahlreichen Artikeln aufbereitet worden, zumeist mit deutlichem Unmut über jene Boulevard-Zeitung und den mehr oder weniger anonymen (und das heißt auch: sehr feigen), zumeist männlichen Hetzern und Rechtsverächtern.

Literaturskandal oder Fehllektüre?

Ich fand nun den Text, aus dem die ganze Debatte entstanden ist, eher mäßig, die Bezeichnung der Debatte selbst als Literaturskandal falsch: der Text ist alles andere als skandalös, skandalös ist nur die Fehllektüre. Gelegentlich finde ich mich recht konservativ; aber so recht ins konservative Lager passe ich dann doch nicht: ich hoffe, dass ich einer solch falsch-oberflächlichen Lektüre nicht fähig bin.
Jedenfalls hat ein Freund den Artikel herumgeschickt, in dem das Wort Literaturskandal auftaucht; ich habe dieses Wort kritisiert — und wurde beklatscht. Von wem? Ganz genau habe ich die politische Orientierung nicht herausbekommen, aber es waren wohl „Nationalisten“ oder diesen ähnliche Menschen.

Rechts oder links

Was ich mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ganz erbärmlich finde, das ist diese Einteilung in rechts und links, in konservativ und sozialistisch, und was es dergleichen mehr gibt. Diese Kritik ist nicht neu; von mir erfunden wurde sie schon gar nicht. Trotzdem sei noch mal an die Prüfung erinnert, ob ein Begriff die nötige Tiefen- und Trennschärfe mit sich bringt, um mit ihm eine ordentliche Diskussion zu führen. Links und rechts besitzen diese Schärfe nicht. Konservativ bin ich auch, da ich von gewissen althergebrachten Werten nicht abweichen mag; Wissenschaftlichkeit, zumindest der Prozess der Verwissenschaftlichung gehört z.B. dazu, oder dass jeder Mensch, der schreibend tätig ist, ein gewisses Maß an philologischen Werkzeugen – Quellenangaben, Markierung von Zitaten, Begriffsbildung, oder die Trennung von Tatsache und Meinung – selbstverständlich verwendet. Im sogenannten konservativen Lager tummeln sich mir zu viele Menschen, die diese Präzisionsinstrumente nicht benutzen oder sie direkt missachten. (Aber das heißt natürlich nicht, dass nur diese Autoren kritisierenswert seien.)

Autorinnen in Marokko

Kaum einer der Artikel, sei es pro oder contra, setzt sich genauer mit dem tagebuchartigen Beitrag auseinander, den Stefanie Sargnagel und ihre beiden Mitstreiterinnen veröffentlicht haben. Dazu möchte ich, wenn auch nicht mit gebotener Gründlichkeit, einige literaturwissenschaftliche Anmerkungen bringen. Der Text ist eine Satire; als eine solche lebt er von der Übertreibung, von der Missachtung von Höflichkeiten, und vom Palimpsest.

Das Palimpsest

Das Palimpsest ist eine Textform, die den Stil eines Autoren oder einer Menschengruppe nachahmt, aber neue Themen benutzt. Sargnagel & Co. schreiben einen recht prolligen, angeberischen Text, der sich sehr bewusst auf dem Niveau von Menschen bewegt, die in ein fremdes Land reisen, um sich daneben zu benehmen. Dementsprechend ist der Text auch vollgestopft mit nichtssagenden Sätzen („Die haselnussbraunen Augen des Taxifahrers erinnern mich an Haselnüsse.“) und folkloristischen Klischees („Heute bin ich auf einem Kamel geritten, als wäre ich eine von ihnen [gemeint sind die Marokkaner].“).

Die Hyperbel

Die Hyperbel, oder auch Übertreibung, bildet die Grundlage für die meisten humoristischen Texte. Sie kann explizit oder implizit verwendet werden. Explizit ist eine Hyperbel dann, wenn sich die Übertreibung deutlich in einem Wort oder einer Wertung verdichtet („Schenkel so dick wie ein Walfischbaby“); implizit ist sie dann, wenn sie einen Text mit unstimmigen oder verfremdenden Wörtern und Metaphern anreichert, oder ein zutiefst banales, lächerliches, störendes oder unhöfliches Bild mehrfach wiederholt (der Running Gag). Explizite Hyperbeln gibt es im Text einige („Wenn ich groß bin, möchte ich wie André Heller sein, nur schlimmer.“), zum Teil ironische („Ich habe mein Handy im Taxi zum Flughafen liegen lassen und es tatsächlich in letzter Minute wiederbekommen. Das war nicht sehr authentisch.“). Implizit sind Hyperbeln dort, wo sie beständig in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden, hier z.B. das Kiffen und der Muezzin (dieser taucht ein letztes Mal in folgendem Satz auf: „Maria hat mit dem Muezzin geschmust.“).

Die Missachtung von Höflichkeiten

Einer der Aufreger in diesem Text war folgende Stelle: „… und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingraucht UNO spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“ Das allerdings ist ziemlich grob, passt aber in den prolligen Tonfall der gesamten Satire.

Literarische Wertung

Wie ist dieser Text zu werten? Es ist kein großartiger Text; die Idee, eine patriarchale Sprachform zu usurpieren, ist nicht neu, verliert deshalb aber nicht an Charme. Die Nachahmung dieser Untiefen macht es natürlich schwierig, darin noch etwas Tiefes aufscheinen zu lassen. Trotzdem gibt es solche Texte; aber diese sind dann von größeren Autoren und Autorinnen, Heine etwa, oder Tucholsky, oder manche Briefe von Rosa Luxemburg.
Mir fehlt die dritte und vierte Bedeutungsebene unter der Oberfläche des Textes, also all jenes, was die launigen Albernheiten dann doch noch in etwas „Philosophisches“ verwandeln, oder zumindest in etwas „Lehrreiches“. Mit anderen Worten ist diese Satire ein Gebrauchstext, besser als viele Satiren, weil sie selbstironisch ist und mit einigen durchaus amüsanten Sinnbrüchen daher kommt. Es fehlt, wie gesagt, das Überalltägliche und Zeitlose. Der Text ist für einen kurzen Ausschnitt aus einer Epoche gedacht, nicht für die Epoche selbst (wie auch immer man diese nennen mag) oder über die Epoche hinaus. Schon die Skandalisierung durch die Kronen-Zeitung erweist ihm zu viel Ehre – oder zu wenig, wie man es nimmt.

Der Skandal der Skandalisierung

So ist die Satire keineswegs eine skandalöse. Sie wäre untergegangen in der alltäglichen Flut an Gebrauchstexten, wenn, ja wenn eben nicht die Kronen-Zeitung sich darüber ausgelassen hätte, bis hin zu dem Umstand, dass die Reise der Autorinnen mit einem Stipendium von 750 Euro gefördert worden wäre. Diesen Betrag muss man sich nun vorstellen! Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ein Staat gelegentlich Steuergelder verschwendet, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Misswillen. Ich muss die Beträge nicht nachgoogeln, um sagen zu können, dass darin 750 Euro den geringsten Teil des Übels ausmachen, wenn es denn ein Übel war.
Die Folgen des Kronen-Artikels sind bekannt: justiziable Drohungen, Veröffentlichung der Privatadresse der Autorin in einem nicht wohlgesonnenen Medium, Ermittlung der Staatsanwaltschaft und Polizei gegen die Straftäter wegen Aufruf und Bekundung zu schweren Rechtsverletzungen. Das ist dann tatsächlich skandalös. -
Der Autor jenes Artikels, der das Wort Literaturskandal ins Spiel gebracht hat, hat wohl das Richtige gemeint. Allein verstellt das Wort den Tatbestand: hier sind Teile der Bevölkerung dermaßen verroht und entkultiviert, dass sie ohne Zögern dem Terror dienen. Der islamische Terror, den viele befürchten, ist - zumindest als Terror, nicht als islamischer - längst in unserer Gesellschaft angekommen. Fragt sich da noch jemand, ob die Neonazis der IS vorzuziehen sei? Beide haben die Grenze des Zulässigen längst überschritten, beide sind Feinde der offenen Gesellschaft; und das Argument der islamischen Radikalisierung wirkt aus dem rechtsradikalen Mund so schal und verlogen wie deren Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, zum Patriotismus und zur deutschen Kultur. Was dagegen ist, moralisch gesehen, ein satirischer Text, der keine Zeitlosigkeit beanspruchen darf?

Jörg Rüdiger Meyer

Ich twitterte also; und ein Jörg Rüdiger Meyer antwortete: „Das Problem der zeitgenössischen Linken ist, dass sie für alles sind, wogegen die Rechten sind. Eine Intellektuelle Einbahnstraße.“ Auf diese Antwort habe ich zunächst allergisch reagiert. Das Attribut „links“ wird heute von den „Rechten“ für all diejenigen verwendet, die nicht die „rechte“ Meinung bedenkenlos nachplappern; was dann auch Kant-Leser, Wittgenstein-Exegeten oder Altliberale im Sinne Dahrendorfs oder Whiteheads, Simmels oder Arendts mit einbegreift. Dazu gehören Fehllektüren der gender-Theorie oder der Politik der Grünen. Der Reflex, dieses nicht ernst zu nehmen, ist bei mir stark, weil eine entsprechende Begründung fehlt, weil sich noch nicht einmal Äußerungen ausmachen lassen, die über das Pejorativ oder die argumentationslose Zustimmung hinausgehen.
Zwei Gründe machen mir solche Plärrer höchst unsympathisch: ihr undifferenziertes Menschenbild samt seiner Folgen, und die Langeweile, die mich beim Lesen solcher Texte ergreift.
Nun gehört Meyer gerade nicht zu solchen Gruppierungen. Zwar nennt er sich „nationalliberal“, was mich in Habacht-Stellung bringt. Doch seine Artikel sind zumindest nicht langweilig, auch nicht undifferenziert.
Bei ihnen passiert mir das, was mir derzeit bei vielen politischen und politisch-philosophischen Texten passiert: ich komme zu keiner eindeutigen, noch nicht einmal zu einer tendenziellen Wertung. Allein: ich spüre eine gewisse Distanz. Meyers Texte sind im Vogelflug geschrieben. Ich bezweifle eine solche überhöhte Position, und es mag dahingestellt sein, ob diese schlichtweg nicht möglich ist oder einfach für mich (noch) nicht vorstellbar.