02.04.2017

Kartographischer Impuls

Am Donnerstag sollte ich das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun anwenden. Das ist mir nicht so gut gelungen, wie man es aus meiner langjährigen Erfahrung damit annehmen sollte. "Schuld" daran war - unter anderem - das Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis von Sybille Krämer; dies hatte mich noch am Abend vorher zu einigen längeren Anmerkungen zum Kommunikationsquadrat veranlasst, von denen mindestens zwei meinen Blick auf dieses Modell deutlich verschieben dürften. Mit dieser vagen Ahnung im Hintergrund habe ich mit einigem Zögern diese kleine Kür (die Anwendung) über die Bühne gebracht.
Auch bei anderen Modellen schleicht sich jetzt, nach und nach, eine Deplatzierung ein, die ich als ungemein fruchtbar empfinde. Noch einmal ein Lob auf dieses Buch; ich befinde mich derzeit auf Seite 146, methodisch schreibe ich mir nur, Seite für Seite, Hauptbegriffe heraus, lese also noch nicht intensiv oder systematisch.
Einer der interessantesten Vorhaben dieses Buchs ist nun, die Erkenntniskraft der Linie herauszuarbeiten. Mithin geht es um so etwas wie eine Rhetorik der Linie, wobei mit Rhetorik hier nicht die "dunkle", sondern die "erhellende" Seite der Rhetorik gemeint ist. Darin spielt der Begriff »kartographischer Impuls« eine wichtige Rolle.
Krämer geht davon aus, wie das heute allgemein üblich ist, dass Wissen durch Handlungen angeeignet wird. Mithin versteckt sich unter der Formulierung ›Erkenntniskraft der Linie‹ die Frage, wie eine Linie eine Handlung strukturiert und leitet. Der kartographische Impuls wird von ihr dabei folgendermaßen definiert:
Die Projektion von Gegenständen des Erkennens auf quasi-räumliche Strukturen wird als eine Anordnung zur Orientierung der Erkenntnisbewegung selbst genutzt.
(Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Berlin 2016, S. 146; Hervorhebung von mir)
Es ist klar, dass die Erkenntnisbewegung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Oftmals aber ist sie eine des Sammelns und Vergleichens, oder eine des Nachvollziehens/Nachkonstruierens oder Austestens. Bei der Aneignung eines Diagramms spielt die Beschreibung, das heißt die Übersetzung in ein anderes Medium, ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verkleinern (wie etwa die Karte eine Landschaft „verkleinert“). Dazu schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Buch Das wilde Denken:
Welche Kraft verbindet sich also mit der Verkleinerung, mag sie nun den Maßstab oder die Eigenschaften betreffen? Sie resultiert, so scheint es, aus einer Art Umkehrung des Erkenntnisprozesses: wenn wir das wirkliche Objekt in seiner Totalität erkennen wollen, neigen wir immer dazu, von seinen Teilen auszugehen. Der Widerstand, den es uns entgegenstellt, wird überwunden, indem wir die Totalität teilen. Die Verkleinerung kehrt diese Situation um: in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objekts weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, dass sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Genauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erfasst, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden.
(Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973, S. 37; Hervorhebung von mir)
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