18.06.2017

Die böse deutsche Leitkultur

Ich gestehe, dass ich mich noch nie heimisch gefühlt habe; ich habe in meiner Jugend das gemacht, was man so als Jugendlicher macht, wenn man nicht hier sein will und nicht weiß, wo ein Dort sein soll: ich habe mich in Bücher geflüchtet. - Heimat und heimische Kultur ist für einen Menschen, der schon immer eine gewisse Befremdung mit sich herumgetragen hat, ein schwieriges Wort; in den Worten bestimmter Menschen, wie etwa Beatrix von Storch, werden sie zur Beleidigung. Begehen wir, auf recht flüchtige Art und Weise, den Ort des Verbrechens.

Karl May

Apachizität

Und diese Bücher meiner Flucht waren zuerst die Bücher von Karl May. Rückblickend erscheint dies komisch, sind dessen Romane doch voller folkloristischem Unsinn, bis hin zu krudesten rassistischen und sexistischen Aussagen. Der Apache war genau das, was Karl May sich darunter vorstellen wollte. Reale „Indianer“ lernt man in diesen Romanen nicht kennen.
Der französische Philosoph und Semiologe Roland Barthes hat in seinem „Das Reich der Zeichen“ den Begriff der Japanizität geprägt. Er bezeichnet damit jenen Charakter, den Japan unter dem Blick eines Zugereisten annimmt und der herzlich wenig mit dem „realen“ Japan zu tun hat. Und so gesehen findet man bei unserem großen sächsischen Volksdichter viel Apachizität und auch Muslimizität (Hadschi Halef Omar!), aber wenig reale indianische Kulturen und ebenso wenig arabische, kurdische oder türkische.
In gewisser Weise ist Karl May aber auch exemplarisch für die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, und die Probleme, die in dieser Auseinandersetzung entstehen. Die Sehnsucht nach Reise und Abenteuer führt einen inhaltlich in die Fremde, doch formal in die eigene Kultur, oder zumindest in so etwas wie die eigene Kultur, denn jene Zeiten, in denen May seine Romane geschrieben hat, als sogenannte Kolportage-Romane, waren zu meiner Zeit seit hundert Jahren vorbei.

Lesen und lachen

Wenn man so in der Gesellschaft vor sich hin lebt, bleibt es nicht aus, dass man gelegentlich Frauen kennenlernt. Bevor ich zu zwei ganz anderen Frauen komme, möchte ich von diesen beiden berichten, als ein weiterer Beitrag der persönlichen Erfahrung.
Bei der einen handelt es sich um die Mutter meines Patenkindes. Wir konnten uns von Anfang an nicht gut unterhalten. Als ich einmal erzählte, dass ich als Jugendlicher gerne Karl May gelesen habe, wurde ich, ungeachtet meiner damals schon lange sehr kritischen Einstellung, als Rassist und Sexist bezeichnet. Die Auseinandersetzung mit solchen Büchern, gerade auch, wenn man sie in der Vergangenheit gerne gelesen hat, halte ich allerdings für wichtig; nicht nur erlernt man am mehrfachen Lesen eine Distanz zu den Texten, sondern auch zu den kulturellen Inhalten, die damit gefördert werden.
Im Übrigen ist gerade auch May ein Schriftsteller, der zwar dem Rassegedanken angehangen hat, aber nicht dem Unwert fremder Rassen. Bei ihm gibt es immer gute und schlechte Vertreter einer Rasse; man findet unter den Apachen wie unter den Türken, unter den Brasilianern und Chinesen, den Mexikanern und den Deutschen Helden und Lumpenhunde. All das ist primitiv, aus heutiger Sicht, und in gewisser Weise auch fremdartig. Auf der anderen Seite aber ist es nicht jener denunzierende und mörderische Rassismus, der in faschistischen und rechtsnationalen Kreisen vertreten wird.
Eine wesentlich bessere Auseinandersetzung hatte ich auf ganz andere Art und Weise mit einer Schülerin vor drei Jahren. Diese hat die Romane von Karl May heiß und innig geliebt, insbesondere die Romane mit Winnetou. In den Lesestunden hatte sie dann auch regelmäßig eines der Bücher dabei. War sie deshalb unkritisch? Keineswegs. Sicherlich war sie zu jung, fünfte Klasse, um hier eine tiefgründige Analyse zu liefern. Doch der Keim war da, und so konnte ich durch gelegentliche Hinweise und einen gewissen sanften Spott (so werden bei May sehr häufig Frauen zu Fabelwesen umbenannt, wenn sie im künstlichen Licht, sei es Gas, sei es Petroleum, erscheinen, als ob dieses Licht eine Verwandlung bewirken würde) zu einer bewussteren Lektüre anleiten.
Gelegentlich, wenn eine Stelle gar zu albern war, haben wir herzlich gelacht, diese in der Klasse vorgelesen und erklärt, was daran so doof war.
Und wohl gemerkt: meine Schülerin ist keine Feministin, vor allem keine selbst ernannte; der Mutter meines Patensohnes dagegen war es sehr wichtig, dass sie eine seriöse Feministin sei.

Sehr geehrte Frau von Storch

Volk ohne Kultur

Ein Depp ist, so der Volksmund, wer gegen den Wind pinkelt. Wer diesen Spruch noch nicht kennt, darf überlegen, wieso. Man kann sich auch, metaphorisch gesehen, ans eigene Bein pinkeln. Wie man dies macht, lernt man bei Beatrix von Storch. Nachdem Aydan Özoğuz im Tagesspiegel unter dem Titel Leitkultur verkommt zum Klischee des Deutschseins einen Beitrag zur Debatte um die Integration geliefert hat, hat Frau von Storch diesen in einer „Videobotschaft“ heftig kritisiert. Dass diese Kritik nach hinten losgeht, hat sie wohl selbst nicht begriffen, und genauso wenig ihre begeisterten Anhänger.
Darin wirft sie Özoğuz vor, diese hätte behauptet, die Deutschen hätten keine Kultur. Nun gibt es von dieser Entgegnung aus zwei Möglichkeiten, eine solche Behauptung zurückzuweisen. Die erste, die ich zunächst im Blick hatte, würde dem Begriff der Kultur in den Kulturwissenschaften nachgehen. Dieser hat dort eine mindestens doppelte Bedeutung: einmal als Forschungsfeld der Kulturwissenschaftler, und insofern ist der Begriff der Kultur hier ohne starke Differenzen eben alles, was das mehr oder weniger alltägliche Leben Menschen inmitten ihrer Erzeugnisse ausmacht; und zum anderen dient der Begriff der Kultur als die Hypothese von abgrenzbaren Einheiten innerhalb der Weltgesellschaft und wird zumeist in einem Kompositum oder durch Adjektive stärker spezifiziert. So gab es im 19. Jahrhundert eine Pariser Caféhaus-Kultur oder in den achtziger Jahren eine Kultur der Ökopunks. In den südlichen Gebieten von Tunesien findet man stark von der Berberkultur geprägte Familien (in denen die älteste Frau eine gewichtige, man könnte sagen: regierende Rolle spielt); und in Neu-Mexiko trifft man auf Mennoniten, einer christlichen Gemeinschaft, die den modernen Medien und der popkulturellen Politisierung abgeschworen hat.
Kultur ist, so wäre am Ende zu lesen, ein unscharfer Begriff, der natürlich dann auch das Forschungsfeld betrifft: dieses sei unscharf; damit auch die deutsche Kultur.

Die philologische Tradition Deutschlands

Der zweite Weg der Kritik ist methodischer Natur. Er verpflichtet sich zu Verfahrensweisen, die auch in der deutschen Wissenschaftskultur eine wichtige Rolle gespielt haben und eigentlich immer auch noch spielen sollten. Dies ist die Philologie, ein Gebiet, in dem deutsche Autoren nach wie vor eine herausragende Position einnehmen, sagen wir zum Beispiel, um zwei bekannte zu nennen, Leibniz und Kant. Die Philologie ist meist unter kulturspezifischeren Namen bekannt, als Germanistik für den deutschsprachigen Raum, als Romanistik für die romanischen Sprachen oder als Sinologie für die chinesische Kultur. Der Begriff der Kultur wird hier selbstverständlich häufig gebraucht, aber eher als eine gewisse erste Orientierung, denn als ein präzise definierter Begriff.
Was Philologen machen, das ist schwieriger zu erklären. Es gibt einen gewissen Grundkonsens, den man in die drei Gebiete Grammatik, Kritik und Hermeneutik einteilen kann, nämlich die Strukturen kultureller Phänomene, die Wertung und Wertschätzung und schließlich die Deutung und Auslegung. Dass alle diese drei Begriffe undeutlich sind, heißt aber nicht, dass es keine methodischen Richtlinien gibt. In Bezug auf Texte heißt dies, diese Wort für Wort und Satz für Satz zu lesen, sodass jede übereilte Interpretation durch ein gründliches Studium ausgebremst wird.

Eine nicht identifizierbare Kultur

Woran gerade mal wieder die Wellen dümmster „nationaldeutscher“ Empörung hochschlägt, ist jener Satz, den Özoğuz im Tagesspiegel-Artikel geäußert hat:
Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
Nun wird daraus eben jener Satz, es gäbe keine deutsche Kultur. Sieht man sich jedoch Özoğuz' Satz genauer an, so behauptet er gerade nicht, was die philologisch unterbelichtete Fraktion unserer Kultur zu unterstellen meint. Özoğuz sagt zum Beispiel, dass das spezifische an unserer Kultur unsere Sprache ist. Erst jenseits der Sprache ist diese spezifisch deutsche Kultur nicht identifizierbar. Sie sagt auch nicht, dass es keine deutsche Kultur gibt, sondern nur, dass keine spezifisch deutsche Kultur vorliegt. Sie begründet dies auch.
So sagt sie zum einen, dass es bestimmte Werte gibt, die in Deutschland hochgehalten werden, ob zurecht oder zu Unrecht, davon sagt sie nun nichts; aber sie wendet ein, dass dies keine spezifisch deutschen Werte sind, da es auch andere Kulturen gibt, in denen diese Werte eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel das Leistungsprinzip oder die Bildung. Und hier muss man ganz direkt auch darauf hinweisen, dass sie damit auch sagt, dass diese Werte natürlich in unserer Kultur eine Rolle spielen, nur nicht als spezifisch deutsche.
Zum anderen wendet sie ein, dass es in Deutschland eher regionale Kulturen gab und gibt, die sich, aber dies ist dann schon meine Deutung, kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Übrigens gilt dies dann auch für die deutsche Sprache. Und wer mir jetzt nicht glaubt, dass in den deutschen Kulturraum das Hochdeutsche nicht als unbedingter Kern unserer nationalen Identität gehört, der darf gerne mal zu den Alemannen fahren, ein ausgesprochen fröhliches und trinkfestes Völkchen aus den Voralpen. Wenn die alemannisch reden, versteht eine Beatrix von Storch genauso wenig wie eine Aydan Özoğuz. Aber trinken kann man mit denen, und das ist ja auch schon was.

Kultur ohne Leitbild?

Hat sich Frau Özoğuz damit von einem kulturellen Leitbild verabschiedet? Genau hier wird nämlich die ganze Causa Özoğuz leicht absurd. Man darf ihr durchaus vorwerfen, dass sie sich widerspricht, und das nicht zu knapp. Es soll kein deutsches Leitbild geben, sagt sie, nur um dann zu äußern:
Hat unsere Verfassung also keine Erwartungen, keine Zumutungen an ihre Bürgerinnen und Bürger, eingewandert oder einheimisch? Doch, aber sie liefert uns kein kulturelles, sondern ein politisches Leitbild. Sie gibt eine politische Kultur vor, die allen zugänglich ist und zugemutet werden kann und muss. In diesem Sinn können und müssen sich natürlich auch Eingewanderte in die politische Kultur einleben, ein geschichtliches Verständnis von der neuen Heimat und deren Verfassungsprinzipien entwickeln, Respekt haben vor einer lebendigen Streitkultur, die auf Widerspruch, Meinungsvielfalt und Verständigung setzt.
Fragen wir als erstes: was, um Gottes willen, ist denn der Unterschied zwischen einem kulturellen und einem politischen Leitbild? Das Leitbild ist tot, es lebe das Leitbild? - Denn die Politik ist doch, insofern sie sich ihres philosophischen Rückhalts versichert, die Lehre vom guten Zusammenleben der Menschen, also von deren Kultur.

Windige Rhetorik

Beatrix von Storch fragt also, worin sich die Migranten integrieren sollen. Und es wäre vielleicht lustig gewesen, wenn sie ihre Worte in ein schöneres Deutsch verpackt hätte, als sie gefragt hat, ob Frau Özoğuz damit das schlechte Wetter gemeint habe. Jan Böhmermann, oder vielleicht auch nur einer seiner Lohnschreiber, hätte das gekonnt.
Bezeichnend ist, dass Frau von Storch diese von mir zitierte Passage überlesen hat. Denn hier ist das Maß der Integration sehr deutlich und, wie ich finde, sehr weitreichend genannt.
Vielleicht wollte sie auch genau diese Stelle nicht ganz so genau verstehen, weil gewisse Teile der AfD und auch sie selbst in dieses deutsche Leitbild nur mit sehr viel Drücken und Quetschen hineinpassen würde. Oder vielleicht auch gar nicht. Jedenfalls darf sich Frau von Storch gerne mal mit der Rhetorik auseinandersetzen. Zu der gehört nämlich auch, dass man sämtliche Argumente des Gegner beachtet und sich nicht von diesen aushebeln lässt. Hier pinkelt sie entschieden gegen den Wind.

Erinnerungskultur

Es gibt da ja noch so einiges, worüber man schreiben könnte. Bleiben wir einmal bei dem Begriff der Erinnerungskultur. Natürlich haben wir diese Rituale, auch diese Denkmäler, und bestimmte Themen, die wir, warum auch?, nicht loswerden. Sagen wir mal: Goethe. Anderthalb Jahrhunderte galt dieser uns Deutschen als unser größter Dichter, bis uns aufgefallen ist: Wir lesen den gar nicht. Goethe ist genau das geworden, was ein Dichter nicht werden sollte: eine Institution.
Institutionen, also echte Institutionen, neigen dazu, ein eigenes Gedächtnis auszubilden, und sich dadurch von der Umwelt abzugrenzen. Sie haben immer einen Hang zur Segregation, und von außen betrachtet auch immer eine gewisse Wirklichkeitsferne, nämlich eine Ferne zu anderen genauso fernen Wirklichkeiten. Was Goethe mit seinen Schriften gemeint hat, werden wir heute nur noch annäherungsweise verstehen. Ihn lebendig zu halten, kann aber nicht durch Fetischisierung erreicht werden, sondern nur durch eine immer wieder neue, und bedingt auch wilde Interpretation. Um ihn herum eine unintelligible Filterblase aufzubauen, ist dagegen keine Lösung.
Was nun die Erinnerungskultur zum Holocaust angeht, so ist dessen Institutionalisierung schon vor langer Zeit umfassend kritisiert worden (zum Beispiel von Jacques Derrida). Aber gerade das macht nun das Gedenken an den Holocaust auch nicht aus. Wenn an die Reichskristallnacht, respektive Reichsprogromnacht, erinnert wird, dann um zu sagen und sich zu versichern, dass dies nie wieder zur deutschen Kultur gehören sollte. Die abwehrende Geste zeigt auch darauf, dass sich umgekehrt der Kern einer lebendigen Kultur nicht genau bestimmen lässt, und dass der Kampf um die vielfältigen Möglichkeiten immer auch ein Streit um dessen Grenzen sein wird. Doch auch das ist keine typisch deutsche Erinnerungskultur; man findet diese in Frankreich und den USA, und wahrscheinlich auch jedem anderen Land auf dieser Erde, sofern sie nicht despotisch oder faschistisch regiert werden.

Kritik will wohl gelernt sein

Gegen Kritik ist erst mal nichts einzuwenden. Aydan Özoğuz ist nicht vom Himmel gefallen. Hier habe ich sie verteidigt. Aber ich kann nicht alle ihre Äußerungen gutheißen; und werde mir natürlich auch das Recht herausnehmen, dies in Zukunft nicht zu tun.
Der Anspruch einer guten Kritik sollte sein, den kritisierten Text vollständig wahrzunehmen. Die Kritik Storchs wird aber gerade durch den kritisierten Text widerlegt und rangiert damit unter dem üblichen Larifari der AfD.
Lesen ist wohl keine einfache Sache. Lesen muss nicht zu eindeutigen, ewig währenden Ergebnissen führen. Doch nicht umsonst gilt es als basale Kulturtechnik. Wer Kultur und Kultiviertheit für sich beansprucht, sollte das mit einer gewissen "Eleganz" tun können. Kann jemand, der so fragwürdig und lächerlich agiert wie die Storch, wirklich Kultur, gar deutsche Kultur für sich beanspruchen?

06.06.2017

Wirre Weltbilder

Die Demontage der 68er-Generation und der Frankfurter Schule war schon immer ein Lieblingsthema Konservativer. In den letzten Jahren hat sie aber deutlich zugenommen. Nun wäre all dies keines Achselzuckens wert. Sofern man sich für einen kritischen Menschen hält und dieses auch mit einer gewissen Pflicht praktiziert, gehören Demontagen zum täglichen Brot. Und insofern man in einem praktischen Beruf steckt, der die tägliche Auseinandersetzung mit Menschen aus vielerlei Lebensverhältnissen erfordert, misstraut man den großen Worten sowieso: große Worte leisten vor allem Vernebelung bis hin zur Blindheit.
Befremdlich allerdings wird es dann, wenn »hohler Bombast« durch sich selbst ersetzt werden soll. Dann wähnt man sich einen ganz andersartigen Gegner, doch nein: nieder mit dem Bodennebel, es lebe der Bodennebel.

Symbiosen

Solch einen hohlen Bombast prangert der Chefredakteur des Cicero – Christoph Schwennicke – an; und schafft sich damit selbst verklärende Phrasen. So etwa wirft er dem Spiegel vor, eine symbiotische Beziehung zur RAF gehabt zu haben; und bedenkt man, was Schwennicke dort eigentlich sagt, so kann man sich nur an den Kopf greifen: er wirft der Presse vor, recherchiert und berichtet zu haben. Wollte man dies weiterspinnen, so müsste man ihm selbst vorwerfen, mit der RAF in einem innigen Verhältnis zu stehen.
Freilich entsteht ein solcher Eindruck immer; und wer ist schon frei davon, Ereignisse zum eigenen Vorteil zu instrumentalisieren? Man sehe sich nur den Empörungskitsch und die Katastrophengafferei der AfD an: man bekommt den Eindruck, dass diese nur noch für den nächsten islamistischen Terrorakt leben. Eingestehen werden sie das aber nicht.

Das historische Wesen

Imposant kommt Schwennicke in folgender Stelle daher:
„Um sich als geschichtliches Wesen besser verstehen zu können, muss man bereit sein, bestimmte Vorstellungen über sich selbst aufzugeben“, schreibt Bude. Das habe nichts mit Selbstleugnung zu tun; es geht allein darum, sich selbst in der geschichtlichen Andersheit zu begreifen, damit man am Ende nicht im Beharren auf eine eigene Identität zur lächerlichen Figur wird.
Ich unterschreibe Passage ausdrücklich. Sie passt allerdings nicht ganz zu dem Wertekonservatismus der Nationalisten, die ihr Heil gerade in einem solchen Beharren suchen. Anders gesagt funktioniert diese Stelle nur dann, wenn man sie paranoid liest, also mit einem expliziten Freund/Feind-Denken: nur der andere ist in seiner beharrlichen Identität lächerlich. Nichts trifft also auf Schwennicke besser zu als sein Verdikt über die 68er:
Und in ihrer Halsstarrigkeit und Selbstgefälligkeit erinnern sie auf ihre alten Tage sehr an das Gebaren derer, die sie einst bekämpft haben.

Angekommen, aber gescheitert

So wird der Artikel zum Schluss auch vollkommen hohl: angekommen seien sie, „unsere Helden von 68“, „aber dennoch gescheitert“. Wen genau der Autor damit meint, wird nicht gesagt. Rainer Langhans wird vorher herbeigeredet, ebenso Uschi Obermeier. Rudi Dutschke und Bommi Baumann. Ein wenig Rio Reiser. Konkret ausgeführt wird aber nichts davon. Dass Rainer Langhans sich lächerlich macht, wirft vielleicht Fragen über seine Person auf, kann aber doch keineswegs exemplarisch für die vielfältigen Auswirkungen der damaligen Zeit stehen. Und dass Menschen scheitern ist nun kein Vorrecht der ehemaligen Studentenbewegung. Das ist wohl der Lauf der Dinge; oder man könnte Friedrich II. vorwerfen, er sei mit seinem aufgeklärten Monarchismus gescheitert, weil die Menschen heute in einer anderen Staatsform leben.

Wilder Reduktionismus

Nicht die Kritik an den damaligen Phänomenen stört mich, sondern die Selbstgefälligkeit, mit der hier eine sehr vielfältige und teilweise auch sehr widersprüchliche Kultur auf einen Nenner gebracht wird. Die sieht man zum Beispiel auch an der fadenscheinigen Argumentation, mit der die Sekundärtugenden verteidigt werden:
Der Wille zur Leistung und der Wunsch nach Kindern sind zwei Dinge, die fehlen in Deutschland eingangs des 21. Jahrhunderts. […] Sekundärtugenden hätte das ein ehemaliger SPD-Vorsitzender genannt, sicherlich. Aber wie das Determinativkompositum schon andeutet, bei dem bekanntlich die Bedeutung auf dem zweiten Teil des Wortes liegt: Sekundärtugenden sind vor allem Tugenden. Und nicht vor allem sekundär.
Das Problem ist allerdings, dass Schwennicke nicht dadurch recht hat, indem er aufzeigt, dass ein ehemaliger SPD-Vorsitzender Unrecht hat. So ist erstens nicht einzusehen, warum der Kinderwunsch eine Sekundärtugend sein soll. Oder ob dies überhaupt dazu taugt, als Tugend bezeichnet zu werden. Oder ob der ehemalige SPD-Vorsitzende (es war Oskar Lafontaine) überhaupt den Kinderwunsch mitgemeint hat. Zweitens ist der Leistungswille, wenn überhaupt, eine methodische Tugend, wie viele der Sekundärtugenden. Anders gesagt: die Erfüllung einer sogenannten Sekundärtugend ist etwas anderes als diese Tugend selbst. Und dies in einem Beispiel erläutert: der 50 Millionen Streichhölzer akribisch parallel nebeneinander ordnet, darf wohl als fleißig und gewissenhaft bezeichnet werden — sinnvoll ist das Ganze nicht. Und je nachdem kann der Leistungswille auch Unterordnung bis hin zu Selbstaufgabe bedeuten oder Rücksichtslosigkeit bis hin zur Grausamkeit. Sekundärtugenden tragen ihr moralisches Dilemma in sich und sind deshalb nicht als Primärtugenden tauglich.

Hemmungsloses Zitieren

Zweimal zitiert Schwennicke implizit, einmal die „Banalität des Bösen“ (so Hannah Arendt in Bezug auf Eichmann) und einmal „unlesbare Bücher über den eindimensionalen Menschen“ (Der eindimensionale Mensch ist ein Buch von Herbert Marcuse). Beide Male irrt Schwennicke. In Bezug auf Arendt irrt er sich moralisch: denn Arendt weist mit dieser Formulierung auf die zunächst unerklärliche biedere Buchhaltermentalität eines Joseph Eichmanns, die in so krassem Widerspruch zu den Taten steht, an denen er maßgeblich beteiligt war. Ein solches Rätsel bietet uns Bommi Baumann nicht; er verdient nicht eine solch treffende, Augen öffnende rhetorische Figur.
Was Marcuse angeht, so bedient sich der Rechtsnationalismus durchaus recht hemmungslos aus seinen Schriften; diese entspringen einer radikalen Kulturkritik. Ein Satz wie
Wir unterwerfen uns der friedlichen Produktion von Destruktionsmitteln, der zur Perfektion getriebenen Verschwendung und dem Umstand, dass wir zu einer Verteidigung erzogen werden, welche gleichermaßen die Verteidiger verunstaltet wie das, was sie verteidigen.
(Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Springe 2004, S. 11)
könnte vom Sinn her, wenn auch nicht vom Satzbau und der Wortwahl, dem »Deutschland schafft sich ab«-Lamento zugehören. Der notwendig erscheinende Widerstand gegen das „System“ ist so links- wie rechtsradikal. — Mit dem Unterschied, dass Marcuse durchaus lesbar ist und durchaus bedenkenswert; und dass sein Buch nichts an Schärfe verloren hat, wenn auch viel berechtigte Kritik daran geübt wurde. Es hat, aber das ist natürlich eine ungerechte Aussage angesichts des unterschiedlich langen Argumentationsganges, wesentlich mehr politische Substanz als der Artikel von Schwennicke.

Fazit

„Verwirrte geben Verwirrung weiter“, so zitiert der Autor Sloterdijk. Man kann angesichts dieses Artikels dem Satz nur zustimmen. Er ist, schon in meiner oberflächlichen Analyse, widersprüchlich und misstönend. Er kritisiert nicht, er feindet nur an. Bleiben schließlich die journalistischen Tugenden: die konkrete Darstellung, das Vermeiden aufgeblähter Wörter (so Wolf Schneider). Da ist Schwennicke, sekundär wie primär, geradezu tugendfrei.
Der gründlichste Tod für hohlen Bombast ist eben immer noch die konkrete, sachliche Darstellung und nicht eine weitere verwirrte Ideologie.

23.04.2017

Sie ist nicht ganz so einfach zu haben, diese Wissenschaft

Nein, das ist sie nun wirklich nicht.
Gestern hat in Berlin der March for Science - insbesondere wohl auch gegen die AfD - stattgefunden. Prinzipiell ist das zu begrüßen. Nicht, dass ich sonderlich viel von Parteiprogrammen halte, und es ist nun nicht so, als wären wissenschaftliche Patzer der CDU, CSU, FDP, Grünen, etc. fremd. Aber dieses wüste Konglomerat, welches sich die AfD als Parteiprogramm geleistet hat, zudem die pointierte Abwertung wissenschaftlicher Forschung zugunsten populistischer Ansichten, all dies lässt sich auf Böses umdeuten.
Auch, was die Darstellung der Wissenschaftsvermittlung in den letzten Jahrzehnten angeht, liegt einiges schief. Die Debatte um das gender-Mainstreaming wurde mit heißer Nadel hinter kaltem Ofen gestrickt; und auch wenn es dieses wissenschaftliche Fundament gibt, so ist doch ein gewisses Verständnis dafür aufzubringen, dass sich einige Menschen schlichtweg überfordert fühlten und jetzt von ihrem trotzigen Dagegen-sein nicht mehr abrücken wollen.
Aber beginnen wir mit etwas ganz anderem.

Das liebe Hirn

Hirn in Mode

Vorbei sind die Zeiten, da gefühlt jede dritte Spiegel-Ausgabe in knallig buntem Gepräge die neuesten Sensationen der Hirnforschung verkündete. Die Rückkehr der Geopolitik ist die neuere Dringlichkeit. Wie bei Moden üblich, ist der Nachlass dieser Erregung nicht begutachtet worden. Er ist, und das war er eigentlich schon immer, deutlich nüchterner, als dies die Hochglanzbilder mitzudeuten schienen.
Als Manfred Spitzer vor fünfzehn Jahren eine feindliche Übernahme der Pädagogik durch die Neurophysiologie prophezeite, war das sogenannte Jahrzehnt des Gehirns frisch vorüber (so nannte man das letzte Jahrzehnt des ausgehenden Jahrhunderts). Um die Jahrtausendwende kamen noch verfeinerte bildgebende Verfahren hinzu, deren ansprechende Darstellung wohl die Phantasie der Bevölkerung ähnlich ansprach, wie Anfang der 80er Jahre die kolorierten Julia-Mengen (die Seepferdchen-Grafiken).

Ikonografie des Denkens

Natürlich blieb die Auffassung Spitzers nicht unwidersprochen. Gerhard Roth schreibt, dass die Lehr-Lern-Forschung nicht durch die Neurophysiologie ersetzt werden könne (in: Bildung braucht Persönlichkeit). Noch schärfer greift er allerdings das hirngerechte Lernen an: diese Gebrauchsbücher seien zumindest teilweise "obskur", "teilweise falsch verstanden, teilweise irreführend dargestellt" (278).
Ebenso scharf stellt Sigrid Weigel in ihrem letzten Buch Grammatologie der Bilder die neueren populären Interpretationen so genannter brain scans dar. Bei brain scans handelt es sich eben um jene farbig aufgeputzten Bilder von arbeitenden Gehirnen. Weigel stellt diese Interpretationen in eine Reihe mit der Phrenologie, die nicht erst seit ihrer Wiederbelebung im III. Reich unter wissenschaftliche Ächtung gefallen ist, sondern lange vorher bei Lichtenberg und Goethe. Lichtenberg wandte gegen den "Großmeister" der Phrenologie - Lavater - ein, der Charakter eines Menschen ließe sich besser an dessen bewegtem Mienenspiel als an dem Profil seines Antlitzes erkennen. Ebenso ergeht es dem neuroimaging: die farblich kodierten Flächen weisen auf transitorische Zustände hin, auf Zonen der Weiterverarbeitung, nicht aber auf festzulegende Inhalte. Das Gehirn ist kybernetisch organisiert, nicht manifakturiell.
So erzeugen die Bilder, obwohl sie bei richtiger Lesart durchaus aufschlussreich sein können, bei einer falschen ein sehr statisches, und, zum Teil, wenn darauf weitere irrige Schlüsse aufgepackt werden, rein esoterisches Denkbild.
Was nun einen heimlichen Motor all dieser Missdeutungen ausmacht, so darf man den polemisch gemeinten Spruch Albert Einsteins als eine der Quellen ansehen, wir würden nur 10% unseres geistigen Potentials nutzen. Dieser ist, kombiniert mit brain scans, dann z. B. von Scientology aufgegriffen worden. Die ruhenden Teile des Gehirn sollten hier als Beweis dafür dienen, dass das Gehirn nicht 100%ig aktiv sei. Aber auch dies verwendet das Bild falsch. Um seine Funktionalität zu erfüllen, muss das Gehirn Muster bilden. Auch wenn die Aktivitätsbilder nur den Energieverbrauch angeben, verweisen diese doch auf ein spezifisches Muster. Genau dies stellt aber die Frage nach den Gehirnteilen anders, die in diesem Zustand wenig Energie verbrauchen. Denn das Muster bildet sich nur als Differenz zwischen starker und schwacher Aktivität, und nur als solches scheint es nützlich zu sein. Damit werden die schwach genutzten Hirnteile gerade dadurch wirksam, als sie, gleichsam als Außenseite, an dem Aktivitätsmuster teilhaben. Die Leistung des Gehirns wird dann auch weniger durch eine größtmögliche gleichzeitige Aktivität erlangt, als durch einen "geschickten" Wechsel der Aktivitätsmuster, was auch immer hier "geschickt" dann bedeutet.

Man steigt niemals in den gleichen Selbstfluss

Thomas Metzinger schreibt in seinem Buch Der Ego-Tunnel von dem Riss zwischen NCC und PSM. NCC, dies bedeutet neural correlate of consciousness, also das Bewusstsein, nicht, wie es aus der Sicht eines Psychologen oder Phänomenologen beschrieben wird, sondern aus der eines Neurophysiologen, nämlich als organisches Substrat; PSM ist das phänomenale Selbstbild (phenomenal self model), also jenes Bild, welches wir in jedem Moment unseres Bewusstseins von uns selbst besitzen.
Nun ist leicht einzusehen (was Metzinger dann wesentlich präziser beschreibt), dass dieses phänomenale Selbstbild beständig fließt:
Es gib ein spezielles NCC für einzelne Bewusstseinsinhalte (eines für die Röte der Rose, ein anderes für die Rose als eine Ganzheit und so weiter), und es gibt auch ein globales NCC.
Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. München 2014, S. 79
Nun hängt das PSM innig mit dem NCC zusammen, obwohl sie nicht dasselbe sind; und so verändert sich das PSM mit den Bewusstseinszuständen beständig mit. Es fließt, um diesen Ausdruck des alten Heraklit mit dem moderneren freudschen Konzept des Unbewussten und Latenten zu verbinden. Dass das nicht nahtlos im NCC aufzufinden ist, liegt nun wieder daran, dass es in Erscheinung tritt. Und damit gehorcht es einem grundlegenden Mechanismus der neuronalen Weltkonstruktion: dem Kohärenzprinzip. Das Gehirn schließt die Lücken dieser Welt oder überblendet sie (aber das sind alles nur Metaphern), um uns und - insbesonders - unserer Handlungsfähigkeit, eine Ordnung zu erschaffen, die sich sinnvoll verändern lässt. So ist unser Selbstbild pragmatisch geprägt.

Die Wahrheit in der Physik

Dies führt uns zu zwei weiteren Aspekten. Einmal verweist uns das "Alles fließt" auf die Mechanik des 19. Jahrhunderts und ein essentielles Problem der Physik, welches durch Einstein dann so blitzhaft wie kongenial gelöst wurde. Zum anderen wird uns dies an das Problem der gender-Theorien heranführen und wo diese ihre biologischen Grundlagen findet. - Beginnen wir zunächst mit der Physik, mit zwei kurzen Anmerkungen.

Atome in der Schule

Wie jedermann weiß, wird in der Schule das Bohrsche Atommodell gelehrt. Dieses ist mittlerweile, als Ikon, als Architektur, in das Bildgedächtnis der (westlichen) Kultur eingegangen. Um einen aus mehreren ineinandergeknäulten Kugeln gebildeten kugelförmigen Haufen kreisen zwei oder drei kugelförmige Elektronen auf einer Kreisbahn. In nichts aber ähnelt dieses Modell den modernen Berechnungen von Atomen. Die Nähe zum Sonnensystem dagegen ist augenfällig. Man kann also nicht davon sprechen, dass überkommenes Wissen beiseite gelassen wird; immer noch lernen es die meisten Menschen in ihrem Physikunterricht kennen und sehen es als wahr an.
Tatsächlich hat sich in dieses Modell aber ebenfalls ein Pragmatismus, eigentlich sogar ein doppelter Pragmatismus eingeschlichen. Zum einen wäre es für Lehrer und Schüler eine Überforderung, das Atom nach Maßgabe der modernen Quantenphysik zu erlernen. Hier nimmt die Darstellung Rücksicht auf den pädagogischen Prozess. Zum anderen taugt das Atommodell und das sich relativ unkompliziert daran anschließende Modell von den Elektronenbesetzungen auf den "Schalen", um daran grundlegend die Verbindungen von verschiedenen Atomen zu Molekülen zu erklären. Dieses Wissen ist sicher, und das Modell reicht, obwohl es an Genauigkeit zu wünschen übrig lässt, für diese Erklärung vollkommen aus. Dies ist die Rücksicht der Darstellung auf weiterführende Erklärungen, die dann im Chemieunterricht eine wichtige Rolle spielen.
Wir sehen also, dass die Wissenschaft durchaus auf gewisse Praktiken reflektiert und sich dabei reduziert oder anähnelt.

Flüchtige Nullpunkte

Einstein wiederum hat sich dadurch berühmt gemacht, dass er ein lange ausgehecktes Problem der Physik praktisch über Nacht gelöst hat. Die Mechanik stützte sich im 19. Jahrhundert (und den Jahrhunderten davor) auf das Prinzip des panta rhei, des Alles fließt. Demnach gab es keinen Fixpunkt und keine Null-Geschwindigkeit. Der Elektromagnetismus wiederum hatte rechnerisch dargestellt, dass er einen Fixpunkt brauchte, um bestimmte Phänomene mathematisch begründen zu können. Dafür postulierte dieser dann ein nicht nachgewiesenes Element, den Äther. Nun widersprach der Fixpunkt scheinbar dem verbotenen Nullpunkt, und damit entwickelten sich Mechanik und Elektromagnetismus zunehmend auseinander. - Einstein kam nun auf den Gedanken, dass der Fixpunkt gar keine Untergrenze der Geschwindigkeit sein müsse, eben jene Geschwindigkeit Null, sondern auch eine Obergrenze sein könne, also eine höchste, nicht steigerbare Geschwindigkeit. Diese nannte er Lichtgeschwindigkeit. Damit waren größere Teile des Elektromagnetismus revisionsbedürftig.
Keine Frage: das Postulat des Äthers hatte über hundert Jahre seine Zwecke gut erfüllt und die Physik in diesem Bereich weitergebracht, obwohl es sich dann als falsch erwies. Die Wahrheit ist nicht so einfach zu haben; und wer will heute und angesichts der zahlreichen Umbrüche und Revolutionen in der Wissenschaft, behaupten, die Wissenschaft würde uns die Wahrheit lehren?

Gender-Theorien

Der Nicht-Fluss

Der Lesende wird richtig liegen, wenn er/sie vermutet, dass ich durchaus biologische Grundlagen für die gender-Theorie sehe und diese mit eben jenem phänomenalen Selbstbild verknüpfe, welches ich oben vorgestellt habe. Mehrere Aspekte stützen die kulturelle Produktion von Geschlechtern. All diese Aspekte sind nicht in der anatomischen Ausstattung zu finden, sondern in den Mechanismen des Gehirns. Um also zu einer biologischen Grundlegung der gender-Theorie zu kommen, dürfen wir uns nur zweitrangig mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit befassen. Allerdings darf diese auch nicht außer Acht gelassen werden. Ich werde gleich erklären, warum sie weiterhin eine zentrale Rolle spielt.
Zunächst können wir feststellen, dass das NCC beständig im Fluss ist, und damit auch das PSM. Nun unterliegt das PSM dem Kohärenzprinzip, dem die ganze neuronal erzeugte Welt gehorcht, weshalb es anscheinend still steht, während es sich doch von Moment zu Moment wechselt (soweit ich bis jetzt mit meinen Nachforschungen gekommen bin, etwa 15 mal pro Sekunde!). Man merke auf: sowohl der Fluss als auch der Nicht-Fluss des Selbstbildes sind keine körperlich-statischen Zustände, sondern Konstruktionen des Gehirns. Was immer an Körper dahinter liegt: es lässt sich nicht direkt erreichen. Übertüncht wird der Körper also nicht durch philosophische Werke, nicht von Judith Butler, nicht von Luce Irigaray und nicht von Martha Nussbaum, sondern durch kooperierende biologische Funktionen des Hirns.

Der Skandal der biologischen Grundlagen

Nun steht dieses Postulat (mehr gibt der Metzinger für mich zur Zeit nicht her) auch in einem gewissen Widerspruch zu dem, was die gender-Theorien sagen. Da ich dieses Wort im Plural benutze, und da ich mich noch nicht in der Lage sehe, hier eine bestimmte herauszupicken und daran meine Kritik genauer darzulegen, werde ich nur einige grundlegende Bedenken formulieren:
1. Der fließende Charakter des Selbstbildes und sein vorgetäuschter Stillstand machen eine Klassifizierung von Sexualitäten trügerisch. Nimmt man nämlich einen solch fließenden Charakter zugleich mit seiner spontanen Feststellung an, muss die gender-Theorie dem Rechnung tragen. Wie dies aussehen soll, weiß ich nicht vorzustellen. Sie müsste aber so etwas wie ein erlebtes kulturelles Geschlecht und ein diskursives kulturelles Geschlecht auseinanderdividieren.
2. Die Klassifikation in drei, sieben, achtundsiebzig Geschlechter mag vielleicht offen und revolutionär klingen, oder zumindest hinreichend anstößig. Aber die Geste der Einordnung und Unterwerfung unterscheidet sich nur wenig von der Klassifizierung in zwei Geschlechter. Damit stellt sich die Frage, ob man durch eine Vermehrung der Benennungen überhaupt der patriarchalen Deutungsmacht entkommt (so man ihr denn entkommen will, was bei den gender-Gegnern recht klar verneint, bei einigen der Pro-gender-Stimmen aber durchaus bezweifelt werden muss).
3. Drittens ist die spontane, und wie man bei Metzinger gut nachlesen kann, an Sinnliches gekoppelte Neubildung des NCC durchaus nicht immer sexuell zu nennen. Die Frage, ob und wie sich im NCC überhaupt ein "sexuelles" PSM anzeigt, bleibt ein großes Rätsel. Zumindest auf dieser Ebene ist die Forschung wenig bis gar nicht aussagekräftig.
4. Natürlich gibt es andere Modelle, wie kulturelle Sexualität hergestellt wird. Diese sind allerdings nicht biologisch, sondern orientieren sich mehr oder weniger an der sprachlichen Verfassung, die sich der Mensch gibt und geben muss, indem er an der Kultur teilhat. Zumindest zwei Räume können wir hier eröffnen. Der eine ist der politische Raum, nämlich jener, der die Fragen des Zusammenlebens sowohl im Kleinen wie im Großen zu beschreiben und zu ordnen sucht. Die politische gender-Theorie untersucht die Probleme, die sich ergeben, wenn ein Mensch in seiner Sexualität "abweicht" und damit eventuell in seinem politischen Status. Dies ist zum Beispiel das, was Judith Butler immer wieder aufgreift (bzw. aufgegriffen hat). Der andere ist der ethische Raum, der, so darf man das wohl heute sagen, seine Ableitung aus dem politischen Raum erfährt: dieser stellt die Frage nach der Sorge um sich, nach der Askese, der Selbstdisziplin, nach der ästhetischen Lebensführung und nach den Arten des Widerstands.
All dies sind aber eben einzelne Sphären; ihr Zusammenhang ist damit noch nicht gegeben. Zumindest in einem stimme ich den Gegner der gender-Theorie deshalb hiermit zu: eine gender-Theorie, die sich nicht um das biologische Substrat kümmert, kann keine weitreichenden Forderungen stellen. Dass das biologische Substrat nicht vorrangig in der Anatomie und zuallererst im Gehirn zu suchen ist, habe ich oben begründet.

Insistieren

Daran möchte ich zwei weitere Fäden knüpfen. Den einen hatte ich bereits angekündigt: wie man sich die Zweigeschlechtlichkeit vorzustellen hat; daran lässt sich gut die Erklärung anhängen, welchen Sinn der Spruch Butler hat: the sex is always already gendered.
Was die Zweigeschlechtlichkeit angeht, so wird diese im weitesten Sinne zunächst als Eingeschlechtlichkeit des eigenen Körpers erlebt. Dies ist nicht immer so, aber durchaus die Regel. Der eigene Körper wird nun nicht direkt erfahren, sondern erst im Gebrauch erlernt das Kind ein Körperselbstbild zu haben und dieses situativ zu seinen Gunsten zu nutzen. Dies ist nun eine recht komplexe Sache, da es sich immer um eine Erfahrung des Körpers in einer bereits kultivierten Umwelt handelt. Inwieweit die Kultur hier Geschlechterrolle und Körperselbstbild prägt, ist ungewiss. Man darf sowohl individuelle Dispositionen, evolutionäres Erbe als auch den kulturellen Nahbereich als Wirkungen annehmen und damit feststellen, dass dieses Bild heteronom ist, also aus vielen Quellen gespeist.
Wichtiger ist aber, dass dort, wo diese Quellen zusammenfließen, nämlich in den momentanen Konstruktionen des Selbstbildes, dies nicht in direktem Kontakt entsteht. Denn tatsächlich erfährt das Gehirn seinen Körper nur über Nervenimpulse, also immer wieder aufgelöst in bereits vorverarbeitete elektronische Impulse. Ein direkter Zugriff ist nur scheinbar und nur aufgrund der trügerischen Kohärenz, die uns unser Gehirn vorgaukelt, möglich. Trotzdem gibt es eine Art Hartnäckigkeit, mit der sich unser Körper meldet. Es ist diese Hartnäckigkeit, die uns lehrt, wie wir unseren Körper so gebrauchen, dass wir ihn zur Befriedigung unserer Bedürfnisse einsetzen können.
Die körperlichen Reize insistieren also. Aber sie geben uns kein exaktes Bild. Erst dadurch, dass wir (oder besser: unser Gehirn) sich darauf verlassen kann, dass es schließlich, durch bestimmte Bewegungen, diese Reize auch willkürlich hervorrufen kann, beherrscht es nach und nach seine Bewegungen und die Manipulation der Umwelt. Damit können wir noch einmal feststellen, dass ein solches Körperbild rein praktischer Natur ist, aber nicht irgendeiner naturalistischen Abbildtheorie gehorcht. Wir lernen unseren Körper nur insofern kennen, als wir mit ihm praktische Bewegungen ausüben, die uns zu irgendwelchen wünschenswerten Zielen führen, oder, indem wir Hindernisse zu überwinden suchen, die uns von solchen Zielen abhalten.

The sex is always already gendered

Wir können uns nun kurz fassen. Es mag sein, dass es eine wie auch immer genau geartete Zweigeschlechtlichkeit gibt. Der direkte Zugriff auf sie ist ebenso verwehrt, obwohl manche Behauptung darlegt, wir könnten uns dieser annähern. Die Heteronomie des eigenen Leibbildes können wir im Abstrakten, aber nicht im Konkreten analysieren. Jede Selbstbeobachtung kommt erstens zu spät und unterliegt zweitens ebenfalls diesen vielfältigen evolutiven, dispositionellen und situativen Einflüssen.
Dass sich die Zweigeschlechtlichkeit nicht verleugnen lässt, hängt damit zusammen, dass wir typischen Bildern aufsitzen. Wir erleben die Geschlechter eher ikonisch; die Biologie stützt und verwissenschaftlicht diese. Aber all dies sind unpolitische Bilder (oder politische Bilder derart, dass sie uns als Nicht-Politik vorschweben), die uns nichts über das Zusammenleben der Geschlechter sagen. Den eigenen Körper erleben wir als eingeschlechtlich; und sofern wir diesem gegenüber sensibel und aufmerksam sind, als eine Art heterogene Eingeschlechtlichkeit, die zugleich Insistieren des biologischen Körpers, Erfolg und Misserfolg des embodied minds (verkörperten Geists) bei seinen Unternehmungen und diskursive Verortung im politischen Feld ist.
Der sex, der von Butler keineswegs ausgemerzt wird, ist lediglich auf eine Weise verzerrt, dass die Analyse und die Politik des Körpers ohne diese unbiologischen Einflüsse nicht zu haben und von diesen nicht zu scheiden ist. Wir empfangen unser Geschlecht immer als Koordinate in unserer Kultur.

Verwissenschaftlichung

Die Afd hat in ihrem Parteiprogramm postuliert, die gender-Theorie sei unwissenschaftlich. Diese Bemerkung verdient eine Entgegnung. Wie ich oben gezeigt habe, hatte auch die Physik lange Zeit mit einem recht hartnäckigen Problem zu kämpfen. Darf man den Geschichtsbüchern Glauben schenken, so war die Debatte oft hitzig, immer mal wieder wütend, gelegentlich ausfällig.
Wissenschaft ist auch, wie das Beispiel des Atommodells zeigt, nicht auf den neuesten Stand der Erkenntnis angewiesen, solange ein gewisser Pragmatismus genügt.
Ein ganzes Forschungsgebiet zurückzuweisen, dies einfach per Akklamation zurückzuweisen, das ist allerdings eine Einmischung, die so widersinnig, so antiaufklärerisch ist, wie es nur geht. Es mag sein, dass sich in Zukunft die gender-Theorie tatsächlich als falsch erweisen wird. Aber sofern dies geschieht, dann nicht durch politische Parolen, sondern durch Prozesse der Verwissenschaftlichung. Und diese liegen nun nicht in der Hand von obskuren Politikern, sondern von gewissenhaften Wissenschaftlern. Die Afd praktiziert den Obskurantismus selbst, den sie bei anderen zu entdecken meint. Ähnliche Gesten wiederholt sie in ihrer Kulturpolitik, die von einem wüsten Konglomerat aus Evolutionstheorie und Hegelscher Dialektik geprägt zu sein scheint, und in einer Schulpolitik, die dem Nachhinken der Institution Schule hinter neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis nicht Abhilfe schafft, sondern alles nur noch viel verschlimmert (sie geht mit dem Rufe "Vorwärts!" nämlich rückwärts).
Wenn und sofern es eine Kritik an den gender-Theorien gibt, dann nur in dem Maße, in dem wissenschaftliche Argumente die bisher bestehenden aushebeln können. Dazu aber müsste man die entsprechenden Theorien kennen und - argumentieren können. Beides fehlt der AfD von der Spitze bis zur Basis.

Schluss

Der march of science ist sicherlich wohlmeinend gedacht. Ich bezweifle, dass er die Gesellschaft wirklich ändert. Zu wenig werden wissenschaftliche Werke gelesen. Zu häufig werden populäre Darstellungen wissenschaftlicher Erkenntnisse noch mehr popularisiert, so dass sich am Ende einer Stille-Post-Kette eine völlig verdrehte Aussage finden lässt, die mit dem ursprünglich ausgegebenen Argument nur noch wenige Vokabeln teilt, keinesfalls aber die Struktur oder den argumentativen Gang.
Die Kultur der Massenmedien hat, gerade auch durch das Internet, die inszenierten Skandale für sich entdeckt. Die ruhigeren, ausführlicheren Darstellungen sind zwar auch zu finden, aber sie ziehen nicht die Massen an, und wer sie sucht, muss lange suchen. Ursprünglich war das Internet zur besseren Verbreitung wissenschaftlicher Artikel, zur besseren wissenschaftlichen Kommunikation gedacht. Dies war blauäugig. Das Gegenteil ist wohl der Fall. Einzelfälle, wie etwa der Holocaust-Leugner David Irving, oder, im deutsche Raum, der "Nahost-Experte" Udo Ulfkotte, haben seit langer Zeit ihre alternativen Fakten präsentiert. Das Internet hat diese Tendenz verstärkt. Unter anderem liegt das auch daran, dass die echten Wissenschaftler so wenig im Netz präsent sind. Für Klaus Jäger, Mitinitiator des Berliner march of science, bestehe die Aufgabe der Wissenschaftler nicht nur in der Forschung - so er gegenüber der Zeit; sie "seien auch Berater, Lehrer und Vermittler." Und "Forscher könnten das Misstrauen vieler Menschen abbauen, wenn sie sich mehr in die Öffentlichkeit wagten."
Dem ist wenig hinzuzufügen. Es wäre längst an der Zeit. Es wäre, unter anderem, auch die Aufgabe von gender-Beauftragten an der Uni, statt Vorschläge für eine geschlechtersensible Sprache zu unterbreiten, erst mal den Boden dafür zu bereiten, warum und aus welchen Gründen eine solche Sprache angemessen sei. Dies ist vielen Menschen nämlich nicht klar, und, wie ich befürchte, auch manchen gender-Beauftragten nicht. Dann aber wäre die Erstellung solcher Kataloge zum gendersensiblen Sprechen kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie. Das wäre schade, denn das Problem, was dahinter steckt, ist durchaus ein ernsthaftes und allgemein wissenswertes.

11.04.2017

Das ist jetzt ein Scherz, oder?

Aufgrund befürchteter massiver Proteste gegen ihren Parteitag in Köln hat die AfD Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um einen Appell gebeten. "Rufen Sie öffentlich zur Mäßigung auf", heißt es in einem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Schreiben des AfD-Bundesvorstandes an Steinmeier. Er müsse einem gegen den Parteitag mobilisierenden Bündnis deutlich machen, "dass Demokratie von Meinungsvielfalt, Meinungsbildung und dem offenen Diskurs lebt". Die AfD will ihren Bundesparteitag am 22. und 23. April in einem Kölner Hotel abhalten.
Das sind aber schon noch dieselben Leute, die von der Lügenpresse und Wirtschaftsasylanten aus Kriegsgebieten reden, Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, Homosexuelle mit Päderasten gleichsetzen, usw. usw. oder habe ich da was verpasst?
Sehr geehrter Herr Steinmeier!
Rufen Sie nicht zur Mäßigung auf. Meinungsfreiheit darf nicht an einem Zaun enden, der zugleich das Brett vor den Köpfen gewisser Leute ist, nicht bei gewaltbereiten Islamisten und nicht bei einer Partei, die recht unverhohlen rechtem Terror die Stichworte und die (stillschweigende) Duldung liefert.
Fundstelle hier

07.04.2017

Knapp vorbei: Zu viel zur Analogie

Ich habe ein Problem. (Mal wieder!)
Vor einigen Jahren, ich glaube 2008 oder /09, bin ich auf eine Doktorarbeit über angewandte Mathematik in der Schule gestoßen. Darin gab es einen langen Abschnitt über die Verbindung zwischen Modell und Schema, der mich begeistert hat, und dann über einen langen Zeitraum hinweg geführt und angeregt hat. Mehrmals hatte ich euch dann versprochen, dazu etwas Grundsätzliches zu schreiben, aber wie das mit dem Grundsätzlichen bei mir so ist: bei der Arbeit darüber bin ich auf andere Aspekte gestoßen, habe mich von diesen einfangen lassen und - das war's mit den guten Vorsätzen und den nicht ganz so guten Versprechen.
Neulich habe ich meinen Zettelkasten durchforstet. Da suite101 seit längerer Zeit offline ist, ich aber viele Artikel von meinem Blog dorthin verlinkt habe, dachte ich mir, es wäre ganz gut, wenn ich diese aktualisiere und dann hier veröffentliche. Der Einfall kam mir zu dem Stichwort Analogie, der für die Hyperbel und - das war mein eigentlicher Aufhänger - den Humor wichtig ist. Die Analogie bildet für diese eine der Grundlagen. In meinem Zettelkasten habe ich dann zig Notizen zur Analogie gefunden, die mich zum Modell, zur Geometrie, zur Literaturwissenschaft, zur gender-Theorie, und und und geführt haben.
Daraus sind zahlreiche weitere Aufzeichnungen entstanden. Diese systematisiere ich im Moment. Eine Veröffentlichung ist aber noch nicht in Sicht. Um mit ihnen besser arbeiten zu können, wäre es sinnvoll, sie in den Zettelkasten einfließen zu lassen.
Und dort kommt nun mein eigentliches Problem in Reichweite. Seit Monaten programmiere ich an meinem eigenen Zettelkasten herum. Grundzüge stehen, aber immer wieder begebe ich mich auf neues Terrain, probiere dieses und jenes aus, schreibe kleine Zwischenprogramme, oder auch ganz abseitig davon, einfach aus Lust am Programmieren. Und sehe dabei, wie ich mir einen neuen, mir bequemeren Zettelkasten erstellen könnte. Nur: ich kann diesen noch nicht zu Ende führen. Immer sind es irgendwelche Bedenken, die mich davon abhalten.

So bin ich fleißig, geradezu überproduktiv, und doch fühle ich mich ausgebremst.
Nebenher verfasse ich fleißig weitere Notizen zu Sybille Krämer, bzw. ihrem Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Gerade habe ich das Descartes-Kapitel zu Ende gelesen, ein großartiges Kapitel, überaus mathematisch, sehr präzise und sehr distanziert geschrieben, so dass man beides zugleich bekommt: ein Gespür für das, was Descartes' Texte antreibt, aber auch für das, was über diese hinausgeht. Das ist eine großartige Weise, Kritik zu üben: aus dem Gedankengebäude heraus arbeitet die Autorin die Brüche und Missklänge nach und nach heraus. Zudem passt Vieles, was Krämer schreibt, in das Thema des visuellen Modellierens.
Nun würde ich gerne systematischer werden. Mir fehlt mein Zettelkasten. Ich möchte nicht in meinen alten weitere Zettel hineinarbeiten, weil ich diesen mehr und mehr nicht mehr passend finde, weil ich weiß, dass es demnächst (nur wann genau?) einen neuen, mir bequemeren, von mir leichter veränder- und anpassbaren geben wird.
Unglücklich bin ich damit aber nicht. Eher fiebrig.

Und à propos fiebrig: die letzten zwei Tage war ich ziemlich trübe im Kopf. Das lag wohl daran, dass ich, nachdem ich am Montag mehrere Stunden wie im Fieber mich durch eine ganze Reihe von Büchern durchkommentiert habe (angefangen mit Wittgenstein), danach noch Stunden über zwei Programmen gesessen habe, und dann war es irgendwie Mittwoch, ich bin mir nicht ganz sicher, wie das passiert ist. Jedenfalls musste ich danach sehr lange schlafen.

02.04.2017

Kartographischer Impuls

Am Donnerstag sollte ich das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun anwenden. Das ist mir nicht so gut gelungen, wie man es aus meiner langjährigen Erfahrung damit annehmen sollte. "Schuld" daran war - unter anderem - das Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis von Sybille Krämer; dies hatte mich noch am Abend vorher zu einigen längeren Anmerkungen zum Kommunikationsquadrat veranlasst, von denen mindestens zwei meinen Blick auf dieses Modell deutlich verschieben dürften. Mit dieser vagen Ahnung im Hintergrund habe ich mit einigem Zögern diese kleine Kür (die Anwendung) über die Bühne gebracht.
Auch bei anderen Modellen schleicht sich jetzt, nach und nach, eine Deplatzierung ein, die ich als ungemein fruchtbar empfinde. Noch einmal ein Lob auf dieses Buch; ich befinde mich derzeit auf Seite 146, methodisch schreibe ich mir nur, Seite für Seite, Hauptbegriffe heraus, lese also noch nicht intensiv oder systematisch.
Einer der interessantesten Vorhaben dieses Buchs ist nun, die Erkenntniskraft der Linie herauszuarbeiten. Mithin geht es um so etwas wie eine Rhetorik der Linie, wobei mit Rhetorik hier nicht die "dunkle", sondern die "erhellende" Seite der Rhetorik gemeint ist. Darin spielt der Begriff »kartographischer Impuls« eine wichtige Rolle.
Krämer geht davon aus, wie das heute allgemein üblich ist, dass Wissen durch Handlungen angeeignet wird. Mithin versteckt sich unter der Formulierung ›Erkenntniskraft der Linie‹ die Frage, wie eine Linie eine Handlung strukturiert und leitet. Der kartographische Impuls wird von ihr dabei folgendermaßen definiert:
Die Projektion von Gegenständen des Erkennens auf quasi-räumliche Strukturen wird als eine Anordnung zur Orientierung der Erkenntnisbewegung selbst genutzt.
(Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Berlin 2016, S. 146; Hervorhebung von mir)
Es ist klar, dass die Erkenntnisbewegung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Oftmals aber ist sie eine des Sammelns und Vergleichens, oder eine des Nachvollziehens/Nachkonstruierens oder Austestens. Bei der Aneignung eines Diagramms spielt die Beschreibung, das heißt die Übersetzung in ein anderes Medium, ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verkleinern (wie etwa die Karte eine Landschaft „verkleinert“). Dazu schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Buch Das wilde Denken:
Welche Kraft verbindet sich also mit der Verkleinerung, mag sie nun den Maßstab oder die Eigenschaften betreffen? Sie resultiert, so scheint es, aus einer Art Umkehrung des Erkenntnisprozesses: wenn wir das wirkliche Objekt in seiner Totalität erkennen wollen, neigen wir immer dazu, von seinen Teilen auszugehen. Der Widerstand, den es uns entgegenstellt, wird überwunden, indem wir die Totalität teilen. Die Verkleinerung kehrt diese Situation um: in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objekts weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, dass sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Genauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erfasst, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden.
(Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973, S. 37; Hervorhebung von mir)

01.04.2017

Hof eines "Literaturskandals"

Ich fühle mich gelegentlich missverstanden, jawohl! Und warum?

Sachstand

Vor fünf Wochen hat Stefanie Sargnagel zusammen mit zwei anderen Autorinnen einen satirischen Text veröffentlicht. Das ist, wie vieles, erst mal an mir vorbeigegangen; genauer: ich kannte die Autorin bis dahin gar nicht. Kurz nach der Veröffentlichung des Textes hat eine österreichische Boulevard-Zeitung einen Schmäh-Artikel darüber veröffentlicht, aber nicht verstanden, dass dieser Text ein satirischer ist. Daraufhin folgte ein Shitstorm, während dem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Sargnagel geäußert wurden.
All das ist aber bereits in zahlreichen Artikeln aufbereitet worden, zumeist mit deutlichem Unmut über jene Boulevard-Zeitung und den mehr oder weniger anonymen (und das heißt auch: sehr feigen), zumeist männlichen Hetzern und Rechtsverächtern.

Literaturskandal oder Fehllektüre?

Ich fand nun den Text, aus dem die ganze Debatte entstanden ist, eher mäßig, die Bezeichnung der Debatte selbst als Literaturskandal falsch: der Text ist alles andere als skandalös, skandalös ist nur die Fehllektüre. Gelegentlich finde ich mich recht konservativ; aber so recht ins konservative Lager passe ich dann doch nicht: ich hoffe, dass ich einer solch falsch-oberflächlichen Lektüre nicht fähig bin.
Jedenfalls hat ein Freund den Artikel herumgeschickt, in dem das Wort Literaturskandal auftaucht; ich habe dieses Wort kritisiert — und wurde beklatscht. Von wem? Ganz genau habe ich die politische Orientierung nicht herausbekommen, aber es waren wohl „Nationalisten“ oder diesen ähnliche Menschen.

Rechts oder links

Was ich mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ganz erbärmlich finde, das ist diese Einteilung in rechts und links, in konservativ und sozialistisch, und was es dergleichen mehr gibt. Diese Kritik ist nicht neu; von mir erfunden wurde sie schon gar nicht. Trotzdem sei noch mal an die Prüfung erinnert, ob ein Begriff die nötige Tiefen- und Trennschärfe mit sich bringt, um mit ihm eine ordentliche Diskussion zu führen. Links und rechts besitzen diese Schärfe nicht. Konservativ bin ich auch, da ich von gewissen althergebrachten Werten nicht abweichen mag; Wissenschaftlichkeit, zumindest der Prozess der Verwissenschaftlichung gehört z.B. dazu, oder dass jeder Mensch, der schreibend tätig ist, ein gewisses Maß an philologischen Werkzeugen – Quellenangaben, Markierung von Zitaten, Begriffsbildung, oder die Trennung von Tatsache und Meinung – selbstverständlich verwendet. Im sogenannten konservativen Lager tummeln sich mir zu viele Menschen, die diese Präzisionsinstrumente nicht benutzen oder sie direkt missachten. (Aber das heißt natürlich nicht, dass nur diese Autoren kritisierenswert seien.)

Autorinnen in Marokko

Kaum einer der Artikel, sei es pro oder contra, setzt sich genauer mit dem tagebuchartigen Beitrag auseinander, den Stefanie Sargnagel und ihre beiden Mitstreiterinnen veröffentlicht haben. Dazu möchte ich, wenn auch nicht mit gebotener Gründlichkeit, einige literaturwissenschaftliche Anmerkungen bringen. Der Text ist eine Satire; als eine solche lebt er von der Übertreibung, von der Missachtung von Höflichkeiten, und vom Palimpsest.

Das Palimpsest

Das Palimpsest ist eine Textform, die den Stil eines Autoren oder einer Menschengruppe nachahmt, aber neue Themen benutzt. Sargnagel & Co. schreiben einen recht prolligen, angeberischen Text, der sich sehr bewusst auf dem Niveau von Menschen bewegt, die in ein fremdes Land reisen, um sich daneben zu benehmen. Dementsprechend ist der Text auch vollgestopft mit nichtssagenden Sätzen („Die haselnussbraunen Augen des Taxifahrers erinnern mich an Haselnüsse.“) und folkloristischen Klischees („Heute bin ich auf einem Kamel geritten, als wäre ich eine von ihnen [gemeint sind die Marokkaner].“).

Die Hyperbel

Die Hyperbel, oder auch Übertreibung, bildet die Grundlage für die meisten humoristischen Texte. Sie kann explizit oder implizit verwendet werden. Explizit ist eine Hyperbel dann, wenn sich die Übertreibung deutlich in einem Wort oder einer Wertung verdichtet („Schenkel so dick wie ein Walfischbaby“); implizit ist sie dann, wenn sie einen Text mit unstimmigen oder verfremdenden Wörtern und Metaphern anreichert, oder ein zutiefst banales, lächerliches, störendes oder unhöfliches Bild mehrfach wiederholt (der Running Gag). Explizite Hyperbeln gibt es im Text einige („Wenn ich groß bin, möchte ich wie André Heller sein, nur schlimmer.“), zum Teil ironische („Ich habe mein Handy im Taxi zum Flughafen liegen lassen und es tatsächlich in letzter Minute wiederbekommen. Das war nicht sehr authentisch.“). Implizit sind Hyperbeln dort, wo sie beständig in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden, hier z.B. das Kiffen und der Muezzin (dieser taucht ein letztes Mal in folgendem Satz auf: „Maria hat mit dem Muezzin geschmust.“).

Die Missachtung von Höflichkeiten

Einer der Aufreger in diesem Text war folgende Stelle: „… und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingraucht UNO spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“ Das allerdings ist ziemlich grob, passt aber in den prolligen Tonfall der gesamten Satire.

Literarische Wertung

Wie ist dieser Text zu werten? Es ist kein großartiger Text; die Idee, eine patriarchale Sprachform zu usurpieren, ist nicht neu, verliert deshalb aber nicht an Charme. Die Nachahmung dieser Untiefen macht es natürlich schwierig, darin noch etwas Tiefes aufscheinen zu lassen. Trotzdem gibt es solche Texte; aber diese sind dann von größeren Autoren und Autorinnen, Heine etwa, oder Tucholsky, oder manche Briefe von Rosa Luxemburg.
Mir fehlt die dritte und vierte Bedeutungsebene unter der Oberfläche des Textes, also all jenes, was die launigen Albernheiten dann doch noch in etwas „Philosophisches“ verwandeln, oder zumindest in etwas „Lehrreiches“. Mit anderen Worten ist diese Satire ein Gebrauchstext, besser als viele Satiren, weil sie selbstironisch ist und mit einigen durchaus amüsanten Sinnbrüchen daher kommt. Es fehlt, wie gesagt, das Überalltägliche und Zeitlose. Der Text ist für einen kurzen Ausschnitt aus einer Epoche gedacht, nicht für die Epoche selbst (wie auch immer man diese nennen mag) oder über die Epoche hinaus. Schon die Skandalisierung durch die Kronen-Zeitung erweist ihm zu viel Ehre – oder zu wenig, wie man es nimmt.

Der Skandal der Skandalisierung

So ist die Satire keineswegs eine skandalöse. Sie wäre untergegangen in der alltäglichen Flut an Gebrauchstexten, wenn, ja wenn eben nicht die Kronen-Zeitung sich darüber ausgelassen hätte, bis hin zu dem Umstand, dass die Reise der Autorinnen mit einem Stipendium von 750 Euro gefördert worden wäre. Diesen Betrag muss man sich nun vorstellen! Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ein Staat gelegentlich Steuergelder verschwendet, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Misswillen. Ich muss die Beträge nicht nachgoogeln, um sagen zu können, dass darin 750 Euro den geringsten Teil des Übels ausmachen, wenn es denn ein Übel war.
Die Folgen des Kronen-Artikels sind bekannt: justiziable Drohungen, Veröffentlichung der Privatadresse der Autorin in einem nicht wohlgesonnenen Medium, Ermittlung der Staatsanwaltschaft und Polizei gegen die Straftäter wegen Aufruf und Bekundung zu schweren Rechtsverletzungen. Das ist dann tatsächlich skandalös. -
Der Autor jenes Artikels, der das Wort Literaturskandal ins Spiel gebracht hat, hat wohl das Richtige gemeint. Allein verstellt das Wort den Tatbestand: hier sind Teile der Bevölkerung dermaßen verroht und entkultiviert, dass sie ohne Zögern dem Terror dienen. Der islamische Terror, den viele befürchten, ist - zumindest als Terror, nicht als islamischer - längst in unserer Gesellschaft angekommen. Fragt sich da noch jemand, ob die Neonazis der IS vorzuziehen sei? Beide haben die Grenze des Zulässigen längst überschritten, beide sind Feinde der offenen Gesellschaft; und das Argument der islamischen Radikalisierung wirkt aus dem rechtsradikalen Mund so schal und verlogen wie deren Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, zum Patriotismus und zur deutschen Kultur. Was dagegen ist, moralisch gesehen, ein satirischer Text, der keine Zeitlosigkeit beanspruchen darf?

Jörg Rüdiger Meyer

Ich twitterte also; und ein Jörg Rüdiger Meyer antwortete: „Das Problem der zeitgenössischen Linken ist, dass sie für alles sind, wogegen die Rechten sind. Eine Intellektuelle Einbahnstraße.“ Auf diese Antwort habe ich zunächst allergisch reagiert. Das Attribut „links“ wird heute von den „Rechten“ für all diejenigen verwendet, die nicht die „rechte“ Meinung bedenkenlos nachplappern; was dann auch Kant-Leser, Wittgenstein-Exegeten oder Altliberale im Sinne Dahrendorfs oder Whiteheads, Simmels oder Arendts mit einbegreift. Dazu gehören Fehllektüren der gender-Theorie oder der Politik der Grünen. Der Reflex, dieses nicht ernst zu nehmen, ist bei mir stark, weil eine entsprechende Begründung fehlt, weil sich noch nicht einmal Äußerungen ausmachen lassen, die über das Pejorativ oder die argumentationslose Zustimmung hinausgehen.
Zwei Gründe machen mir solche Plärrer höchst unsympathisch: ihr undifferenziertes Menschenbild samt seiner Folgen, und die Langeweile, die mich beim Lesen solcher Texte ergreift.
Nun gehört Meyer gerade nicht zu solchen Gruppierungen. Zwar nennt er sich „nationalliberal“, was mich in Habacht-Stellung bringt. Doch seine Artikel sind zumindest nicht langweilig, auch nicht undifferenziert.
Bei ihnen passiert mir das, was mir derzeit bei vielen politischen und politisch-philosophischen Texten passiert: ich komme zu keiner eindeutigen, noch nicht einmal zu einer tendenziellen Wertung. Allein: ich spüre eine gewisse Distanz. Meyers Texte sind im Vogelflug geschrieben. Ich bezweifle eine solche überhöhte Position, und es mag dahingestellt sein, ob diese schlichtweg nicht möglich ist oder einfach für mich (noch) nicht vorstellbar.

29.03.2017

Figuration, Anschauung, Erkenntnis - Sybille Krämer

Dass ich mich mit Wittgenstein beschäftige, ist nichts Neues. So langsam dringe ich in die "tieferen" Regionen der Philosophischen Untersuchungen ein; ich lasse mir Zeit, erfinde mir Beispiele drumherum, sammle Beispiele, kommentiere diese - ich versuche nicht nur die Inhalte des Wittgensteinschen Philosophierens zu verstehen, sondern dessen Praxis. Eine Nachahmung des Schreibstils gehört dazu. Sie kommt mir entgegen, als ich das fragmentierte, kommentierende Schreiben seit dreißig Jahren pflege.
Weil es nun dazugehört, sich mit anderen Autoren auseinanderzusetzen, die zu gleichen oder ähnlichen Themen arbeiten oder über Wittgenstein schreiben, ist mir Sybille Krämer aufgefallen. Ihr Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie behandelt den Erkenntniswert von Diagrammen als auch, in einem Kapitel, dem neunten und letzten, Wittgenstein als wichtigen Autoren.
Mit dem Lesen komme ich langsam voran; ich befinde mich auf Seite 70, und das ist auch nur der Tatsache geschuldet, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Ob es ein kluges Buch ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu fehlt mir der Überblick, der mich in eine gewisse überlegene Position bringen würde. Anregungsreich ist es allemal. Ich bringe alles mit ein, was mich letztes und dieses Jahr beschäftigt hat: die Geometriedidaktik und UML, und die Jahre zuvor, vom Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, über das Rubikonmodell Heckhausens und meine Abwandlung für die Erzählpraxis, das Intelligenz-Strukturmodell nach Guilford, und dann natürlich meine eigenen, kleinen und zahlreichen Skizzen, die ihren hypothetischen, nie zum Ende gelangenden Charakter nicht leugnen können.
Krämer nun beschreibt, welche Rolle Diagramme für die Entwicklung von Wissenspraktiken und Denkmöglichkeiten, für Beweiskraft und Erfindungshaltung, für kognitive Mobilität und kognitive Kreativität spielen. Beschreibung ist hier fast wörtlich zu nehmen, denn was die Autorin vorlegt, ist eine sich dicht an der Anschauung bewegende, sparsame Interpretation. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann mich dieses Buch auch so begeistern: es liefert sich eben keinen Spekulationen aus, vor allem keinen unmarkierten. Unmarkierte Spekulationen sind heute gängige Praxis: man diskutiert sie als fake-news, als zugehörig zum postfaktischen Zeitalter. Spekulationen aber sind eben auch ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis, werden dort aber als z. B. Hypothesen ausgewiesen. Und auf der anderen Seite ist diese einfache, gelegentlich schlichte Beschreibung mit einer Sprengkraft versehen, die daraus entsteht, dass wir uns zu sehr an einen einseitigen Gebrauch von Diagrammen gewöhnt haben. Dass unser einseitiger Gebrauch überhaupt ein einseitiger ist, wird deutlich, wenn man geduldig die Merkmale und Bedingungen von Diagrammen herausarbeitet. Dies gelingt Sybille Krämer vorzüglich.
Natürlich kann ich noch nicht annähernd ein allgemeines Urteil zu diesem Buch abgeben. Es ist sehr klar geschrieben, aber mit Fachvokabular; ich kann mir vorstellen, dass es Menschen, denen die Kulturwissenschaft mit ihrem Begriffsapparat gar nicht geläufig ist, stellenweise Mühe haben werden, die Aussagen zu verstehen. Trotzdem ist es kein unverständliches, kompliziertes, mit Fachchinesisch verdunkeltes Buch: dazu ist es zu klar strukturiert; dazu ist auch der Anspruch, die Erkenntnisleistungen von Diagrammen in der Alltagskultur zu beschreiben, durch unsere Teilhabe an diesem Alltag zu vertraut: es gelingt rasch, die Beispiele mit eigenen Beispielen und damit mit (Weiter-)Denkmöglichkeiten zu ergänzen.
Meine Notizen, die ich gerade in meinem Arbeitsheft sammle, umfassen mittlerweile zahlreiche Seiten, genauer gesagt um die zwanzig. Insbesondere hat mir die Unterscheidung verschiedener Linien innerhalb von Diagrammen sehr imponiert. Linien, so Krämer, repräsentieren etwas, und dieses Etwas kann je verschieden sein. So einsichtig dieses Argument ist, so blind ist man dafür, dies beim Betrachten und Benutzen von Diagrammen deutlich und systematisch anzuwenden. Genau dies habe ich dann auch (zumindest ein Stück weit) in den letzten beiden Tagen nachgeholt. Und konnte einigen altbekannten Modellen (wie z. B. dem Kommunikationsquadrat) überraschende, neue Erkenntnisse abringen.
Mein bisheriges Fazit: ein wunderbares Buch. Selbst für diejenigen, die eher nicht mit Kulturwissenschaften zu tun haben, dürfte es sehr fruchtbar sein, denn natürlich befasst sich die Autorin auch mit mathematischen Diagrammen, geometrischen Beweisen, Zeichnungen von Maschinen, etc.; also kommt der Naturwissenschaftler nicht zu kurz, und findet hier, wenn ihm dies nicht naheliegt, doch einen Eingang in die Denk- und Argumentationsweisen einer kulturhistorischen und diskursanalytischen Betrachtung.

25.03.2017

Programmieren ist nicht gleich Programmieren

Ich liege in den letzten Zügen eines Kurses, der Python - From Beginner to Master heißt, und ich schlage mich sehr gut. Eher langweile ich mich sogar. Wenn ich ihn beendet habe, werde ich ein Zertifikat erhalten, dazu mir schon mal herzlichen Glückwunsch im Voraus.
Nützen allerdings tut das nicht viel, vorher nicht, nachher nicht. Beim Programmieren selbst sucht man doch wieder herum, verschiebt, erprobt, hat es mit den seltsamsten Fehlern zu tun. Nach einer durchwachten Nacht habe ich z.B. einen Fehler gefunden, auf den man so zuallererst wirklich nicht stößt, auf ein unsichtbares Zeichen, das sich in einer Zeichenkette versteckt, eben, weil es unsichtbar ist, von mir nicht gesehen wurde, aber vom Computer schon, und so hat er damit gerechnet und ich nicht - und deshalb war plötzlich alles falsch.
Jetzt funktioniert alles, wie ich es haben möchte. Also wie ich mir mein Zwischenziel gesetzt habe. Fertig bin ich noch lange nicht. Irgendwie sollte ich jetzt schlafen gehen, aber irgendwie lockt draußen auch gerade die Sonne.

24.03.2017

Datenbanken und XML

Ganz nebenbei: ich habe mich (noch einmal) Datenbanken und XML in Python beschäftigt, diesmal ziemlich intensiv. Eigentlich ist die Sache an sich unproblematisch; viel eher hat es bei mir in der Vergangenheit daran gehabt hat, dass ich kein Ziel vor Augen hatte, also ein Programm, bei dem es mich wirklich interessiert hat, es zu programmieren. Und so war auch jetzt der größere Erkenntniswert dass ich diese beiden Techniken in ein Programm zusammengeführt habe.

21.03.2017

Kollektive Identität

Seit anderthalb Wochen "bastle" ich an der Analogie herum. Hintergrund ist dreierlei: (1) Ich habe mich längere Zeit mit der Analogie beschäftigt, deren grundlegende Erklärung allerdings auf einem Portal veröffentlicht, welches seit zwei Jahren offline ist. Deshalb erschien es mir sinnvoll, diesen Artikel herüberzuholen. (2) In den letzten Jahren habe ich mich, wenn auch nicht zentral darauf bezogen, mit der Analogiebildung beschäftigt. Dazu gehören solche Gebiete wie: Didaktik der Arithmetik und Geometrie, Programmieren, Modellieren. Dabei hat sich meine Sichtweise deutlich verschoben. Dem müsste ich sowieso Rechnung tragen. (3) Über das Programmieren und Wittgenstein bin ich in den letzten Wochen wieder sehr intensiv mit der Analogiebildung beschäftigt gewesen.
Hier sind nun einige Notizen, die eher in den Bereich der Wissenschafts- und Ideologiekritik gehören, zumindest Vorstudien zu einer solchen sein könnten.

Kollektive Identität als durch Analogie gewonnener Begriff

Straub nennt den Begriff der ›kollektiven Identität‹ eine analogisierende Übertragung, die er „alles andere als unproblematisch“ (83) bezeichnet. Später (96) kritisiert er, dass der Begriff des ›Kollektivs‹ und der ›kollektiven Identität‹ ähnlich oder identisch gebraucht werden.
Als weitere Problematisierung macht Straub geltend, dass kulturelle Praktiken an der personalen Identität mitwirken (97). Damit kann zweierlei gesagt werden: dass personale und kulturelle Identität sowieso nicht voneinander abgrenzbar sind; oder dass hier eine Verwechslung vorliegt, die Merkmale der personalen Identität, oder auch dessen Genese, mit denen der kulturellen Identität ungebührlich vermischt und gerade durch die Analogie nicht zu einem besseren Verständnis von kulturellen Identitäten kommt.
  • Straub, Jürgen: Personal und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. in Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurt am Main 1998, S. 73-104

Personale Identität

Aber die personale Identität kann aus vielerlei Aspekten bestehen; und der vielleicht schlechteste Aspekt ist der grammatische, also jenes ›Ich-Sagen‹.
Man kann die personale Identität auch darin suchen, wie sich die Kohärenz eines Weltbildes herausbildet, und dieser gegenüber dann auch die Kohärenz des Selbsts. (Aber eine solche Auffassung setzt natürlich voraus, dass das Selbst aus dem Weltbild abgeleitet wird.) — Und hier muss man dann auch verstehen, dass Kohärenz ebenfalls ein grammatisches Phänomen ist, allerdings ein ganz anderes, als an die Subjektstelle des Satzes ein ›Ich‹ zu setzen.

Nachahmung und Modell

Die Analogie ist eine Übertragung einer Struktur, nicht einer Ähnlichkeit.
Diese Behauptung kann man allerdings nicht ganz so einfach stehen lassen: wenn ich sage, dass sich die Beine eines Hundes zu dem Hund selbst wie die Räder eines Autos zu dem Auto verhalten, dann handelt es sich um eine Verbalmetapher, die durchaus eine gewisse „Ähnlichkeit“ impliziert. Es ist eben eine ähnliche Bewegung. Und ich kann die Ähnlichkeit dadurch deutlich machen, dass ich sage: Der Hund ist von Ort A zu Ort B mithilfe seiner Beine gelangt; und ebenso ist das Auto von Ort C zu Ort D mithilfe seiner Räder gefahren; beides war ein Ortswechsel, und wie die Qualität dieses Ortswechsels war, das ist an dieser Stelle nicht so interessant.
Und was ist daran anders, als wenn ich das Modell unseres Sonnensystems auf das Modell des Atoms übertrage, oder wenn ich den Uroboros auf den Benzolring anwende?
Denn offensichtlich sind sich die beiden Modelle jeweils immer ähnlich; und wie das Atom und der Benzolring aussehen, weiß ich immer noch nicht. Dazu fehlt mir die sinnliche Wahrnehmung des Originals.
Kann man dann überhaupt etwas aus dieser Analogie schließen? Nun, offensichtlich liegt ja ein Erklärungswert darin, und darauf kommt es wohl an.

Der Weg der Analogie

Was aber bedeutet nun ›übertragen‹? Denn dabei handelt es sich offenbar um eine Metapher, so als würde ich eine Wahrnehmung von einem Ort zu dem anderen transportieren (und meine Erinnerungen sind dabei das, was für den Hund die Beine sind).

Die Gleichheit fühlen

Kann man das vielleicht so sagen, dass man eine Gleichheit fühlt, z.B. zwischen einer Metapher und dem eigentlichen Wort? Und wer diese Metapher nicht versteht – und es gibt ja Menschen, die bestimmte Metapher nicht verstehen – ist in diesem Sinne eben gefühlsblind.
Aber was wäre das für eine Art von Fühlen? Und wäre dieses Fühlen eher rezeptiv, eine Gleichheit erkennend, oder produktiv, eine Gleichheit herstellend? Hier gibt es eine ganze Menge an Fragen! – Warum z.B. hat man eine Gleichheit vorher nicht erkannt, und erkennt sie jetzt (wenn die Gleichheit als rezeptiv angenommen wird)? Oder was ist das für eine Gleichheit (zwischen zwei Elementen), wenn ich diese erst herstellen muss? Hier scheinen mir ganz viele Probleme in einem winzigen Stück Welt zusammengeballt zu liegen (die Metapher ist das Symbol für allerlei Sprach- und Verständnisprobleme).

19.03.2017

Guter Ratschlag zur politischen Situation

Statt sich in Bereichen mit verfallender Überzeugungskraft kontrafaktisch-normierend zu bewegen, dürfte es den Vorzug verdienen, die Differenz zu formulieren. Dies kann nicht mit einer bloßen Kritik der alteuropäischen Begriffsbildungen oder Analogieschlüsse geschehen. Das führt nur zur Abstraktion von Residuen der Tradition, die ihrerseits dann >nonkonformistisch< vertreten werden müssen. So endet man schließlich in einer fragwürdigen Polemik gegen >Konformismus< - nur um Konformität mit >Nonkonformismus< zu erwarten. In dieser Situation bietet sich der Versuch an, von hoffnungslosen zu unwahrscheinlichen Konzeptualisierungen überzugehen.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1988, S. 288
Hervorhebung von mir
Ich habe vorhin eine Liste mit Begriffen angelegt, die sich derzeit als Streitbegriffe renommieren. ›Konformistisch‹ war einer davon, und deshalb hier der hübsche Fund (der auch gegen Habermas gerichtet ist).
Allerdings funktioniert Luhmann's Idee nur, wenn sich die funktionale Differenzierung breitflächig durchsetzt. Im Moment erleben wir nicht nur eine Rückkehr alteuropäischer Semantiken (gemeint sind Begriffsbildungen der Aufklärung und der Renaissance), sondern gelegentlich sogar eine von mittelalterlichen (Patristik und Scholastik); aber es mutet seltsam an, wie sich diese Phänomene zwischen den ganz modernen, dem Internet und der Virtualisierung, ausnehmen.
Zwischendurch habe ich fleißig weiterprogrammiert; derzeit in der Anwendung von UML, ich sagte es bereits. Zudem habe ich einige weitere Befehle ausprobiert, aus der Basisbibliothek von Python.

Wollen

1.
Beim Willen kommt es auch darauf an, WAS ich will. Ich will meinen Arm heben: aber ich kann ihn heben und eben das ist zugleich das Wollen. Aber wenn mein Arm in Gips ist, kann ich ihn nicht heben, obwohl ich es will, weil es mich z.B. unter dem Arm juckt.
2.
Kann ich das sagen: Ich will, dass es mich unter meinem Arm nicht mehr juckt; auch wenn ich weiß, dass ich nichts tun kann.
Und was mache ich, wenn ich etwas Unmögliches will?
3.
Aber ist es nicht Voraussetzung für den Willen, dass man nichts tun kann? Man kann auch sagen: ich kann mir mein Tun nicht vorstellen. Und eben das verändere ich durch meinen Willen.
4.
Ich habe etwas gewollt und habe es erreicht. Nun ist mein Wille zu Ende.
5.
Ich will etwas, aber ich weiß nicht was. - Ist das ein Anfang des Wollens?
6.
Betrachte andere Sätze des Wollens:
Ich will, dass du ehrlich bist.
Ich will ins Kino gehen.
Ich will Programmierer werden.
Ich will ein Mond aus grünem Käse werden.
Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zustand oder eine Handlung will. Weil es einen Unterschied macht, ob man einen Zustand oder die Herstellung eines Zustands in den Blick nimmt.
7.
Das transzendente Objekt ist nur deshalb ein Punkt, weil ich es nie fassen kann. Der Punkt ist das Unfassbare.
8.
Das Wollen unterscheidet sich aber auch danach, ob es einen Widerstand gibt.
Ich habe den Arm gehoben, weil ich es wollte. (Und ich sagte nicht: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es wollte; genauso wenig wie: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es nicht wollte.)
Ich wollte den Arm heben, konnte es aber nicht. (Der Gips hinderte mich daran.)
Beide Male drücke ich eine Kausalität aus.
9.
Ich will, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Warum ist eine solche Aussage lächerlich? Nun, es gibt keinen Widerstand gegen die Aussage. Oder wenn es einen Widerstand gibt, dann nicht durch die Erde oder die Sonne (Galilei und die Kirche).
(Eine unkomplizierte Möglichkeit und eine unkomplizierte Unmöglichkeit sind dem Willen gleich.)
10.
Ich will, dass sich die Erde nicht mehr um die Sonne dreht.
Auch diese Aussage ist lächerlich. Aber warum ist sie lächerlich? Vielleicht, weil es nichts zu tun gibt. - Aber man kann es sich ja trotzdem vorstellen. Und wenn man versucht, die Welt entsprechend zu ändern, wird man eben scheitern.
11.
Sieh den Willen als das Experiment an, wie ich eine Kausalität in der Welt ändern kann. (Aber die Kausalität ist ein Produkt meiner Vorstellung.)
12.
Ich möchte erfahren, wie sich die Welt ändern lässt, und manche dieser Erfahrungen sind billig, andere unmöglich.
13.
Ich will mir ein Brot schmieren. - Warum sagst du das und tust es nicht einfach? Es hindert dich doch niemand.
14.
Im Willen erfahre ich die Hindernisse der Welt. Ich erfahre auch ihre je eigene Qualität und Intensität. - Hier ist die Erfahrung aber eine Begleiterscheinung meines willentlichen Tuns.

18.03.2017

eine Praxis erklären

Eine Praxis zu erklären heißt, zu erklären, wie sie notwendig mit ihren Effekten und Wirkungen verbunden ist. (Jede "Praxis" ist eine einzelne Situation. Es widerspricht der Handlung, zusammengefasst zu werden.)

17.03.2017

Große deutsche Lyrik; und wofür sich Türken schämen sollten

Es gibt sie noch, die große deutsche Lyrik. Thomas Gsella hat ein Gedicht auf den Jahrestag eines Schmähgedichts geschrieben. Das ist herrlich, zeugt von der Beherrschung der deutschen Sprache und trifft scharf.
Erdogan dagegen ruft zum Kinderkriegen auf. Und macht sich mit seiner Aussage
„Die türkische Justiz ist zweifellos gerechter, unabhängiger und unparteiischer als die deutsche Justiz.“
mal wieder völlig lächerlich. Zu den neuesten Entgleisungen Erdogans siehe Erdogan ruft Türken in Europa zum Kinderkriegen auf.
Wenn ich Türke wäre, würde ich mich für Erdogan aber sowas von schämen. Ich schäme mich ja selbst ein wenig für so viel Unsinn, obwohl ich dem Fremdschämen abgeschworen habe.
Übrigens habe ich gerade wieder auf Facebook einen solchen Selbstgerechten an der Backe; Erdogan ist entschieden kein türkisches Problem, und wer sich nicht als Autokrat im großen Stil etablieren kann, tut es eben im kleinen.

Dem darf ich noch einen kurzen, persönlichen Lagebericht hinzufügen:
Wittgenstein weiterkommentiert, wie immer mit allerlei Nebenliteratur im Schlepptau
den Winter über habe ich mich in UML eingearbeitet und viel zu wenig programmiert: gerade sitze ich an einem umfangreicheren Grafikprogramm; und verstehe UML erst jetzt so richtig, bzw. lerne gerade die gute Anwendung (für Neulinge: UML ist eine Sammlung von Methoden, um sich das Programmieren komplexer Anwendungen übersichtlich zu machen)
Politik nervt; aber politische Philosophie ist klasse (lese, kommentiere recht viel Habermas: der ist mir weiterhin suspekt - ich hatte mich einst, vor mittlerweile 25 Jahren, für Niklas Luhmann entschieden; und so sehr ich auch Habermas' Kleine politische Schriften anregend finde, so sehr bleibt mir seine Art von Hintergrund unter Dogmatismusverdacht, will sagen, dass ich mit meinem Luhmann immer noch sehr glücklich bin)

15.03.2017

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft zeichnet sich wohl vor allem durch eine Eigenschaft aus: sie ist zu langsam.
Ich lese weiter meinen Wittgenstein. Dazu entstehen, manchmal wie im Flug, manchmal wie im Fieber, Notizen. Schon lange hatte ich nicht mehr eine so produktive Phase; Cavell, dessen Buch Der Anspruch der Vernunft vielleicht nicht die originellste Auslegung der Spätphilosophie Wittgensteins ist, aber eine sehr schöne und anregungsreiche, hat daran seinen Anteil. Dass ich darin im Moment noch keine Ordnung sehe, kommt mir allerdings nicht ganz so schlimm vor. Weiterhin schreibe ich neben den Fragmenten und Kommentaren kurze, meist ebenfalls fragmentarische Artikel, mal zur Mimesis bei Benjamin, mal zur hate speech bei Butler, mal zur Geometriedidaktik und mal zum Umgang mit Schülerfehlern, mal zu den Äußerungen Höckes und mal zu denen eines Erdogan (bzw. der Journalisten, die darüber berichten). (Es geht also "quer durchs Gemüse".)
Cavell schreibt also z.B.:
Die innere Despotie der Konvention besteht darin, dass nur, wer ihr Diener ist, wissen kann, wie sie sich zum Besseren verändern lässt, oder weiß, warum sie abgeschafft werden soll. Allein die Meister eines Spiels, nur diejenigen, die dem Projekt vollkommen dienen, sind in der Position, Konventionen aufzustellen, die dessen Wesen mehr entgegenkommen. Aus diesem Grund können tiefe revolutionäre Veränderungen dem Versuch entspringen, ein Projekt zu bewahren, es auf seine Idee zurückzuführen, die Verbindung zu seiner Geschichte nicht zu kappen.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Berlin 2016, S. 218

09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.