10.04.2015

Gemeinsame Ziele, die Zone der nächsten Entwicklung und Inklusion

Wenn es mir nicht gut geht, fällt es mir schwer, meine Spekulationen zu veröffentlichen. Geht es mir gut, empfinde ich Spekulationen als hilfreich. Ich hatte mich wohl in den letzten Tagen ein wenig zu sehr in bestimmte, für mich nicht lösbare Probleme vergraben. Heute hat mich, und dafür muss ihr danken, Marlies aus diesem Nicht-Dialog herausgeholt.

Gleichklang im Ego-Tunnel

Evolution und Empathie

In seinem Buch Der Ego-Tunnel schreibt Thomas Metzinger:
Natürlich hat Intersubjektivität nicht nur mit dem Körper und mit Gefühlen zu tun, auch das Denken spielt eine Rolle. Vernunftbasierte Formen der Einfühlung scheinen wieder andere Teile des Gehirns einzubeziehen — insbesondere den ventromedialen präfrontalen Kortex. In jedem Fall hilft uns die Entdeckung der Spiegelneuronen zu verstehen, dass Einfühlung ein ganz natürliches Phänomen ist, das wir im Verlauf der biologischen Evolution Schritt für Schritt erworben haben.
(250)
Wir müssen also verstehen, dass die Empathie keine göttliche Eigenschaft ist und auch keine bedingungslose, sondern dass sie sich im Laufe der Evolution unter bestimmten Bedingungen entwickelt hat und offensichtlich in gewissen Milieus zu selektierenden Vorteilen geführt hat.

Dominanzwechsel, Funktionswechsel

Wenn man heute von der Evolution spricht, greift man zunächst auf die drei Gesetze zurück, die Charles Darwin herausgearbeitet hat: Variation, Selektion und Restabilisierung. Nun ist ein weiteres Geheimnis der Evolution, dass sie nicht auf Merkmale Auswirkungen gehabt hat, sondern auf Funktionen im Organismus. Die Merkmale drücken nur diese Funktionsänderungen aus. Insofern es Merkmale sind, die den Bezug zur Umwelt verändern, verändert sich durch sie natürlich auch die Organismus/Umwelt-Anpassung.
Jedenfalls kann man heute relativ genau bestimmen, ab wann ein Merkmal eine andere Funktion ermöglicht und schließlich ganz in die Erfüllung dieser Funktion hinüber wechselt. Wenn ein Merkmal eine andere, dominante Funktion ermöglicht, aber die alte noch nicht aufgibt, spricht man von einem Dominanzwechsel. Wird die alte Funktion dagegen mehr oder weniger aufgegeben, handelt es sich um einen Funktionswechsel. Ein typisches Beispiel dafür liefert uns Metzinger etwas weiter unten:
Genau wie bei Federn, die sich zuerst »für« die Wärmeisolation entwickelten und später den Vögeln das Fliegen ermöglichten, …
(252)
Ein anderes Beispiel ist der Hals der Giraffe. Hat dieser zunächst die Nahrungsaufnahme von höheren Sträuchern erlaubt, konnte die Giraffe dann mit ihm über weite Strecken hinweg spähen und so mögliche Feinde entdecken. Weder das Federkleid der Vögel noch der Giraffenhals haben die ursprüngliche Funktion aufgegeben. Bei den Vögeln allerdings hat sich ein Dominanzwechsel vollzogen; bei den Giraffen nicht.

Selbstmodell, phänomenales Selbst und verkörperte Simulation

Davon ausgehend lässt sich die folgende Passage aus Der Ego-Tunnel besser verstehen:
Erst entwickelten wir das Selbstmodell, weil wir unsere Sinneswahrnehmungen mit unserem körperlichen Verhalten verbinden mussten. Dann wurde dieses Selbstmodell bewusst, und das phänomenale Selbst wurde in den Ego-Tunnel hineingeboren, was uns erlaubte, eine globale und wesentlich selektivere und flexiblere Form der Kontrolle unseres eigenen Körpers zu erreichen dies war der Schritt von einem verkörperten natürlichen System, dass ein inneres Bild von sich selbst als einer Ganzheit besitzt und benutzt, zu einem System, dass diese Tatsache zusätzlich auch noch bewusst erlebt. Der nächste revolutionäre Schritt war dann das, was Vittorio Gallese, ein Kollege von Rizzolatti in Parma und einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, verkörperte Simulation genannt hat. Damit wir die Gefühle und Ziele anderer Menschen verstehen, benutzen wir unser eigenes Körpermodell im Gehirn, um sie zu simulieren.
(250)
Hören wir uns diese Passage dahingehend an, welche Stationen die Entwicklung der Empathie durchlaufen hat: (1) zunächst die Koordination sensorischer und motorischer Muster; (2) die Bewusstheit dieser Koordination und damit die mögliche Kontrolle und (3) schließlich die Simulation von bestimmten Vorgängen in der Umwelt.

Kontrolle und Zweck

Psychologisch gesehen kann man denselben Prozess mit anderen Begriffen rekonstruieren. Die Bewusstheit des Selbstmodells ermöglicht die kontrollierte Manipulation der Umwelt und damit die Ausbildung von Zielen und Zwecken. Nun scheinen die Menschen nicht direkt die Handlungen zu teilen, sondern vor allem die Ziele, während die Zwecke wohl kognitiv rekonstruiert werden:
Wie aktuelle Daten aus der Neurowissenschaft zeigen, durchbricht dieser Vorgang auch die Grenze zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten. Ein beträchtlicher Teil dieser ständig ablaufenden Spiegelaktivität geschieht außerhalb des Ego-Tunnels, und deshalb haben wir davon auch keinerlei subjektive Wahrnehmung. Von Zeit zu Zeit jedoch, wenn wir unsere Aufmerksamkeit gezielt auf andere Menschen richten oder soziale Situationen analysieren, spielt auch das bewusste Selbstmodell eine Rolle. Insbesondere können wir, wie bereits festgestellt, gleichsam unmittelbar verstehen, was jemand anders vorhat — es ist fast so, als ob wir es direkt sinnlich wahrnehmen. Oft »wissen wir einfach«, welchen Zweck ein anderer mit seinem Handeln verfolgt und in welchem Gefühlszustand er sich wahrscheinlich befindet. Wir greifen auf dieselben internen Ressourcen zurück, die uns unsere eigenen Zielzustände zu Bewusstsein bringen, um automatisch zu entdecken, dass andere ebenfalls zielgerichtete Entitäten sind und nicht bloß sich bewegende Gegenstände in unserer Umwelt. Wir können sie als Egos erleben, weil wir uns selbst als Egos erleben.
(Der Ego-Tunnel, 250 f.)

Zwecke und geteilte Aufmerksamkeit

Betrachten wir noch einmal das Emulationslernen. Säuglinge besitzen noch kein Körperschema, bzw. kein phänomenales Selbst. Sie können noch nicht nachahmen. Die erste Sozialität, die deutlich kognitiv ist, ist die geteilte Aufmerksamkeit; man kann dies häufig in der Interaktion zwischen Elternteil und Kind beobachten: das Kind beschäftigt sich mit etwas und das Elternteil schaut zu, um gegebenenfalls einzugreifen, zum Beispiel wenn der Gegenstand aus den Händen des Säuglings entgleitet. Zugleich bildet sich hier ein gemeinsamer Zweck aus, der zwar vom Säugling noch nicht mit dem Erwachsenen geteilt werden kann, den der Erwachsene aber stützend übernimmt: dies ist die intensive Beschäftigung mit einem Gegenstand.
Später „hilft“ das Kleinkind den Erwachsenen bei bestimmten Tätigkeiten. So hat mein Sohn mir gelegentlich beim Ausräumen der Einkaufstüten geholfen. Er hat begriffen, dass viele der Lebensmittel in den Kühlschrank gehören und hat dann ganz selbstverständlich alle Sachen aus dem Rucksack dorthin weggeräumt.

Dialog, Bedeutung und Ziel

Bedeutungskörper

Der Bedeutungskörper eines Wortes, so hatte ich neulich geschrieben, wird durch seine Übersetzungen konstruiert. Wichtig sind also die leichtgängigen und schwierigen Nachbarschaften, zu denen ein Wort verbunden wird. Denkt man sich solche Übersetzungen als Operationen und Operationen als kognitiv abgebildete Handlungen, dann kann man die nämlichen Bedeutungskörper auch für alle Gegenstände in der Welt annehmen, insofern die Gegenstände im Gehirn genauso projeziert werden wie Wörter. Damit ist auch die interpretatorische Leistung von Handlungen bestimmbar: ein Gegenstand wird insofern interpretiert, als er durch eine Handlung in etwas anderes übersetzt werden kann.

Das Areal F5

Im Gehirn findet sich eine Art Äquivalenz zur handelnden Übersetzung. Dies ist das Areal F5, zumindest beim Affen. Deren Funktion beschreibt Rizzolatti Empathie und Spiegelneurone folgendermaßen:
Die Mehrheit ihrer Neurone codiert nicht einzelne Bewegungen, sondern motorische Akte, also Bewegungen, die durch ein bestimmtes Ziel koordiniert sind.
(37)
Hierin kann man die Bevorzugung gemeinsamer Ziele vor der Nachahmung sehen. Ziele entstammen den assoziativen Bereichen des Gehirns, sind also mehr oder weniger umweltabhängig. Sie können auf anderen Wegen als durch die Nachahmung entstehen, zum Beispiel durch Unterricht und durch Weitergabe von Informationen mittels der Sprache.
Die Bewegungen selbst dagegen werden wohl erprobt. Sie lassen sich erst hinreichend durch einen Gesprächspartner erklären, wenn man bereits ein ausgeprägtes phänomenales Selbst erworben hat.

Ziel und Aufmerksamkeit

Gemeinsame Ziele verlangen eine gewisse gemeinsame Aufmerksamkeit und damit eine Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf das Ziel. Betrachten wir uns noch einmal das Beispiel von dem Säugling, der durch das Elternteil bei der Untersuchung von Gegenständen unterstützt wird, so zeigt dieser zunächst eine Aufmerksamkeit, während das Elternteil die Aufgabe hat, diese Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.
Das Kind kann dann aber lernen, eine gemeinsame Aufmerksamkeit zu erwarten und das Elternteil in dieses Spiel mit einzubeziehen. Dann wird zum Beispiel der Gegenstand mutwillig weggeworfen, um zu sehen, ob das Elternteil diesen wie gewohnt zurück gibt. Damit verlagert sich aber auch das Ziel von der Interaktion mit dem Gegenstand zu der Interaktion mit dem Elternteil und damit in Richtung eines „echten“ Dialogs.

Dialog und Bedeutung

Insofern das Kind mit Menschen in seiner Umgebung in einen Dialog tritt und hierbei Gegenstände einbezieht (aber, wie Schopenhauer sagt, ist der Leib zwar ein besonderes Objekt, aber doch nur ein Objekt [siehe Die Welt als Wille und Vorstellung I, 42]), wird die Bedeutung dieser Objekte daran erfahren, welche Handlungen an ihm vorgenommen werden.
Dabei lässt sich der Dialog durchaus wiederum mit den evolutionären Mechanismen betrachten: Kinder variieren ihre Bewegungen anhand eines Objektes, wählen dann bestimmte Handlungen aus und stabilisieren diese durch Wiederholungen. Die Variation dieser Handlungen kann aber auch von außen initiiert werden, zum Beispiel im fördernden Dialog, der dem bisherigen Spiel des Kindes neue Impulse gibt. Impulse sind Variationen, zumindest für das Kind; diese können durch Hinweise und Ermutigungen weiter ausgewählt werden. Schließlich können die möglichen Handlungen übernommen und übertragen werden.
Im Dialog gewöhnen sich Kinder demnach an ähnliche Bedeutungskörper, weil sie die je spezifischen Übersetzungen von Objekten nachbilden oder nachahmen. Damit ließe sich erklären, warum der Dialog und die geteilte Aufmerksamkeit eine so wichtige Rolle im pädagogischen Prozess bilden.

Die Zone der nächsten Entwicklung

Die Zone der nächsten Entwicklung bezeichnet den Umgang mit einem Gegenstand, den ein Schüler noch nicht alleine ausführen kann. Es ist zugleich die Zone des Dialogs. Nach Vygotskij wird dieser Dialog nach und nach verinnerlicht, so dass er zu einer Erweiterung der Kompetenzen eines Menschen führt, zu einer Verschiebung der Zone der nächsten Entwicklung und zu einer Veränderung des Dialogs.
Wir können jetzt aber sagen, dass dieser Dialog vermutlich nicht gelingt, wenn es nicht ein gemeinsames Ziel gibt. Und wir können weiterhin sagen, dass für diesen Dialog die geteilte Aufmerksamkeit ebenso eine Voraussetzung ist. Drittens kann man vermuten, dass es dem Erwachsenen, bzw. dem Erfahreneren zukommt, herauszufinden, für welche Aufmerksamkeit ein Kind im Moment zu haben ist und dort die gemeinsame Tätigkeit zu suchen.

Dominanzwechsel

Weiter sollte man in diesem Dialog bisherige Funktion stützen, dabei aber darauf achten, dass eine andere Funktion dadurch nach und nach entstehen kann.
So lernt man mit Kindern zunächst die referentielle Funktion von Wörtern, zum Beispiel dass Nomen auf Gegenstände zeigen (wobei klar ist, dass das Kind später auch lernen muss, dass es Nomen gibt, mit denen nicht einfach gezeigt werden kann, weil diese zu abstrakt sind, oder weil diese Ideen bezeichnen), Verben auf Tätigkeiten und Vorgänge (und später auch auf die Abwesenheit von Vorgängen, wie zum Beispiel ruhen oder warten), Adjektive auf Eigenschaften, usw.
Schon vorher sprechen Kinder allerdings in ganzen Sätzen. Darauf aufbauend können die Funktionen von Wörtern in Sätzen gelernt werden. Diese sind dann schon wesentlich grammatikalisch. Grammatikalisch darf man hier im weitesten Sinne verstehen als analog zu einer Vorstellung, die ich mir von etwas Komplexen (einem Gefüge, einer Situation, einer Komposition) machen soll.
Sind zunächst die Wörter dazu da, um Sachverhalte zu benennen, können sie jetzt mehr und mehr Vorstellungen erzeugen oder Komplexe abbilden und zusammenfassen. Die ursprüngliche Funktion wird nicht aufgehoben, doch je nach Textmuster überwiegt die eine oder die andere Funktion.

Inklusion

Das Teilen eines gemeinsamen Gegenstandes oder Themas erzeugt Dialoge. Niklas Luhmann schlägt auf der Sachebene der Kommunikation die Differenz von Themen und Beiträgen vor (Soziale Systeme 213). Damit kann man sagen, dass das gemeinsame Thema eine wichtige Voraussetzung für den Dialog und damit für das gemeinsame Lernen ist. Luhmann weist allerdings auch darauf hin, dass Beiträge nicht einfach nur ein Teil eines Themas sind, sondern in wesentlich komplexere Bezüge eingebunden sind. So gibt es bei bestimmten Themen Thematisierungsschwellen, die bestimmte Beiträge als verletzend oder obszön ausschließen. Themen koordinieren also die Beiträge.
Eine der wesentlichen Aufgaben eines Pädagogen ist die Aufmerksamkeit für solche Thematisierungsschwellen. Es gibt Kinder, die solche Schwellen bewusst missachten, um sich über den Konflikt in den Mittelpunkt zu stellen. Und andere Kinder können zu solchen Themen wenig beitragen, weil es ihre Kenntnisse oder ihre Fähigkeiten übersteigt.
Inklusion bedeutet, Themen zu finden, die für einen Dialog günstig sind. Es gilt allerdings, gemeinsame Bedeutungskörper zu erkunden. Solche Bedeutungskörper wiederum konstruieren sich nur in einer Gemeinschaft. Insofern bestehen Inklusionen nur lokal und nur dort, wo Themen und Beiträge in ein spannungsreiches Spiel gebracht wird.
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