03.05.2013

Die Rückkehr der Physiognomie

Wie ihr seht und lest, beschäftige ich mich nebenher mit der Menschenkenntnis. Auslöser war ein Auftrag, eine Diplomarbeit über dieses Thema zu betreuen, allerdings nicht in Psychologie, sondern in BWL. Bei solchen Themen kann ich immer ganz gut meinen Zettelkasten befragen. Ihr, liebe Leser, habt davon den Vorteil, hier hübsche Zitate und ein wenig von meinen Kommentaren drumherum zu bekommen.

Was mich wirklich erstaunt hat, waren einige meiner Internet-Funde. Hier gibt es zwei Tendenzen. Zum einen setzt sich die Ansicht des Konstruktivismus immer mehr durch: und hierzu gehört auf jeden Fall, dass es keine Wahrheit gibt, in gewisser Weise auch keine Verständigung und kein Verstehen und so die Theorie zwar systematische Leitlinien vorgeben kann, aber immer auch anders möglich wäre. Zum anderen gibt es aber eine Rückkehr zum Essentialismus. Der Essentialismus behandelt den Körper und die Seele als analog, als auf gleiche Weise strukturiert. Mit der Kunst des Gesichtslesens, die heute wieder aus den schmuddeligen Ecken der Bibliotheken auftaucht, haben wir eine solche essentialistische Form. Ein Stirnrunzeln bedeutete dann, dass der betreffende auf Distanz gehen möchte, zusammengekniffene Lippen weisen auf einen unterdrückten Zorn hin, usw.
Die Physiognomie, hier als Deutung des Charakters aus körperlichen Merkmalen verstanden, wurde im 18. Jahrhundert prominent von einem gewissen Lavater vertreten. Anhand von Kopfformen und Gesichtsausdrücken erstellte er eine umfassende Typologie von Menschenbildern.
Diese Auffassung wird seit langem abgelehnt. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen körperlicher Erscheinung und Charakterbildung, sicher, darüber muss man nicht wirklich diskutieren. Aber man kann nicht sagen, ob das körperliche Erscheinungsbild die Sozialisation präge oder es vielleicht sogar ein Stück weit umgekehrt ist. Jedenfalls halte ich es für eine sehr gefährliche Tendenz, solche Schlüsse zu ziehen: der Körper ist nicht die Seele und es gibt auch keine Kausalität zwischen ihnen.
Das ist zum Beispiel ein Problem von Leuten, die sich ihrer eigenen Konnotationen nicht bewusst werden. Die Konnotation, das Zwischen-den-Zeilen-lesen, fängt Ideen auf, wie eine Situation, ein Mensch, ein Text zu interpretieren sei. Aber es sind eben keine beweisbaren Tatsachen. Wird man sich dieser Konnotationen nicht bewusst, verwechselt man eventuell die eigenen Ideen mit der Realität. 
Das ist vielleicht der Sinn, das Interpretieren zu lernen: dabei erfährt man, wie unterschiedlich sich ein Text immer wieder geben kann. Ich empfehle ja meinen Kunden, und das eigentlich jedes Mal, für ihr Leben ein schwieriges Buch zu wählen, das sie immer und immer wieder lesen. Dazu gehört natürlich zunächst Disziplin. Der Sinn dahinter ist allerdings, sich nach und nach diesen Prozess des Bedeutungenschaffens bewusst zu machen. Nicht auf den Inhalt des Textes zielt diese Aufgabe ab (das natürlich auch), sondern auf die Beweglichkeit des Bewusstseins.
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