30.07.2009

Dissimulation von Risiken

Dass Banken nicht mit Geld handeln, also nicht zuallererst mit Geld, dürfte mittlerweile dem einen oder anderen bekannt sein. Womit handeln Banken? Mit Risiken. Genauer gesagt: mit der Wahrnehmung von Risiken und der Programmierung von Risiken. Dass dabei manche dieser Programmierungen eher Dissimulationen sind, kann man HIER nachlesen.


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Renaissance des linken Terrors?

Spiegel-online interviewt Rainer Wendt, den Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, zu den Brandanschlägen auf Berliner Polizeiautos. Es trägt den Titel "Renaissance des linken Terrors" - die Anführungsstrichen gehören zu dem Titel dazu. Das Interview ist aus mehreren Gründen bedenklich.


Gibt es überhaupt linken Terror?
Nein, auf keinen Fall. Die Brandanschläge mögen scheinbar politisch motiviert sein. Sie aber an eine Ideologie zu knüpfen, verkennt, was diese gezielte Sachbeschädigung wirklich ist: ein Dummer-Jungen-Streich. Ich will damit nicht die Taten verharmlosen. Dumme Jungen gründen Sekten und Banken.
Nur die Anbindung an "links", eine besonders unschöne Metapher übrigens, leugne ich. Das ist nun entgegen allen Anwendungen dieses Wortes, ich weiß. Ich sehe hier nur das Problem, dass 1. damit die Partei "Die Linke" in die Nähe von Chaoten gerückt wird (genau das macht Wendt auch später) und dass 2. die wissenschaftliche und philosophische Arbeit von Karl Marx weiter als "Ideologie" des Anti-Staatsterrors mystifiziert wird (was andererseits nicht heißt, dass Marxens Theorie wahr ist).
Es gibt eine sehr konservative Tendenz bei bestimmten Chaoten, sich auf sog. marxistische Denker zu stützen. Allerdings werden diese Denker aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt, dass es sich mehr um Fälschungen der Zitate handelt, denn um eine gute Auseinandersetzung. Ehrlich gesagt ist mit noch kein Linksextremer über den Weg gelaufen, der Ahnung von Marx gehabt hätte. Marx wissenschaftlicher Anspruch wird ja selbst von vielen gemäßigteren Linken gerne unterlaufen. Und wenn im Gegenzug gegen Marx und Engels der Stalinismus, die RAF und andere gewalttätige Organisationen ins Feld geführt werden, so kann man dazu nur sagen, dass diese sich nicht notwendig aus den Marxschen Schriften ableiten. Sie werden dort nicht präfiguriert. Wenn aber hüben wie drüben Marx nicht gelesen wird, ist wohl das eigentliche Opfer hier der Philosoph selbst.

Terror
Man spricht gerne vom Terror. Was aber ist Terror, zumal im Reiche der Politik? Terror müsste man doch am ehesten als einen Zustand bezeichnen, in dem in einer breiten Bevölkerungsschicht ein allgemeines Gefühl der Angst etabliert wird.
Hier bei diesen Brandanschlägen von Terror zu sprechen, ist lächerlich. Die Ziele sind so bekannt, wie ausgesucht. Mit nichts dürfte sich hier ein größerer Teil der Bevölkerung bedroht fühlen.
Ganz anders dagegen die Wirtschaftskrise. Diese hat eine sehr große Verunsicherung in der Bevölkerung bewirkt. Viele Menschen haben Angst. Also kann man hier wohl eher von einem Terror-Regime sprechen.
Ebenso schrecken die harten Ankündigungen der CDU zur Kürzung des Arbeitslosengeldes die Arbeitslosen auf. Sich dagegen zu wehren, zumindest habe ich das in den letzten drei Tagen zweimal gehört, sei nutzlos. Hier resultiert der Terror aus einem politischen Unwissen, ja sogar aus einer tiefen politischen Resignation, gepaart mit einem sozialstaatsfeindlichen Wahlversprechen.
Übrigens sehe ich hier das Problem nicht alleine bei der CDU. Die Bevölkerung ist mittlerweile dermaßen entpolitisiert, von den flachen, glänzenden Abwechslungen der Massenmedien gefangen genommen, dass man ein Stück weit sagen muss: selbst dran schuld, wenn ihr euch an diesem Zirkus nicht gewissenhafter probiert.

Renaissance?
Wendt bedient sich also eines recht unsauberen Vokabulars. Was auch immer die Brandstifter motiviert: weder sind es Linke (zitieren oder sich auf jemanden berufen reicht nicht aus!), noch verüben sie Terror.
Von einer Renaissance des linken Terrors zu sprechen, wie Wendt das macht, kann aber auch nicht richtig sein. Die bundesrepublikanische Situation dürfte heute so weit von der Situation der 70er, auf die Wendt zurückgreift, entfernt sein, wie nur irgend möglich. Es gibt ja auch keine weit angelegten Studentenunruhen und keine allgemein von der Jugend getragene Kultur, die sich aus der etablierten Kultur aussondern möchte.
Schon oberflächlich hinkt hier jeder Vergleich.

Dämon

Dämonisieren Sie nicht einfach den allnächtlichen Hauptstadt-Vandalismus?
fragte der Spiegel-Interviewer. Und Wendt antwortet:
Keinesfalls, die Fallzahlen explodieren doch!
Man verstehe diese Logik.
Vandalismus entsteht häufig aus diffuser Unzufriedenheit heraus, was gerade jetzt naheliegend ist. Und ebenso könnte für manche Jugendliche das Anzünden von Polizeiautos durchaus einfach nur ein "geiler Kick" sein.
Solange die Täter nicht gefasst sind, kann man eben darüber nur Vermutungen anstellen.
Und doch, doch, Herr Wendt dämonisiert hier durchaus, indem er verkausalisiert und vereindeutigt.

Diktatur
Herr Wendt kann jetzt scheinbar nicht mehr umhin, alles an Begriffswolkigkeit aufzubieten, was möglich ist.
Der Spiegel-Interviewer fragt:

Vermuten Sie eine Ideologie hinter den Taten?
Wendt antwortet:
Es ist eine Diktatur des Neides und der Versager.
Nun sollte man Herrn Wendt, ich erinnere daran, dass er Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft ist, nun sollte man also Herrn Wendt einen kleinen Nachhilfekursus in politischer Begrifflichkeit geben. Eine Diktatur ist eine Staatsorganisation, in der die Politik des Landes ohne demokratische Möglichkeiten der Bevölkerung gelenkt werden, meist mit Hilfe von Polizei und Armee. Das kann hier eigentlich nicht der Fall sein. Die "linksradikale Szene" ist wohl ersichtlich kein Staat.
Überspitzt also Wendt hier in der politischen Begrifflichkeit, so personalisiert und emotionalisiert er in den kausalen Ursachen. Diejenigen, die sich hier wehren, sind also Versager. Aus rein persönlichen Ursachen haben sie es nicht geschafft. Wie Herr Wendt aber erstens genau zu diesen Vokabeln kommt und wie er dies so genau sagen kann, verrät er uns nicht. Offensichtlich hat er einen Kursus in Hellsichtigkeit belegt und erfolgreich abgeschlossen.

Mutmaßungen

In der Hauptstadt stänkert der Regierende Bürgermeister öffentlich gegen die Polizei, und der Innensenator verheizt seine Beamten bei Großdemonstrationen. Ein Teil der Regierung sympathisiert offenbar mit den Linksextremisten und macht sich für sie stark. Das führt bei den Kollegen nicht unbedingt zu einem Motivationsschub. Manche Berliner Polizisten haben die Schnauze voll.
führt Herr Wendt weiter aus. Was Klaus Wowereit nun sagt, was er kritisiert hat, erläutert Herr Wendt nicht. Ob Herr Wowereit gegen die ganze Polizei, oder nur gegen ein Teil von ihnen "stänkert" (vielleicht Herrn Wendt?), erfahren wir ebenso wenig. Mit zwei wenig eindeutigen Metaphern (stänkern, verheizen) dramatisiert Wendt, ohne einen konkreten Kritikpunkt anzubringen. Großdemonstrationen zu ordnen und zu lenken ist nun mal auch Aufgabe der Polizei, und wenn dies die Polizisten tatsächlich verheizt, dann wäre hier die Ursache zu suchen, warum das so ist. Sarrazin wird ja wohl kaum in Zukunft sagen können, dass er die Polizisten nicht mehr bei Demonstrationen einsetzen wird. Keine wirklich gute Alternative, Herr Wendt.
Besonders hübsch ist in diesem Zusammenhang allerdings das Wort "offenbar", drückt es doch genau das Gegenteil von dem aus, was es eigentlich bedeutet. "Offenbar" will hier sagen, dass es nur so aussieht. Das erinnert mich an eine kleine Szene aus Alice im Wunderland (?, jedenfalls irgendwo bei Carroll): "Nein, es sieht nur so aus wie ein Elefant. In Wirklichkeit ist es ein Brief meiner Mutter."
Aber damit ist zugleich die Unterstellung ausgesprochen und zurückgezogen. Ab hier kann man es sich auswählen. "Offenbar" gehört in diesem Kontext zu den Amphibolien (Zweideutigkeiten).

Wem gehört die Polizei?
Der Spiegel-Interviewer fragt:

Wie wird die Deutsche Polizeigewerkschaft künftig ihr Eigentum schützen?
Und Wendt antwortet:
Wir werden vorsichtig sein, glauben Sie mir.
Und ich dachte, die Zeit, als Gewerkschaften ihre eigenen paramilitärischen Einheiten hatten, sind lange vorbei. Aber offensichtlich gehören die Berliner Polizeiautos nicht der Stadt Berlin, sondern dem Herrn Wendt und seiner Organisation.

Rhetorische Strategien
Schauen wir uns, ohne sie systematischer zu koordinieren, die rhetorischen Mittel an, die Wendt benutzt.
Hyperbolie - die Übertreibung: Die Übertreibung entsteht hier, indem in unangemessener Weise zum Beispiel ein politischer Begriff in einen anderen Zusammenhang gebracht wird. Wenn Wendt von einer Diktatur spricht, wenn es nicht um einen Staat oder ein Staatsgebilde geht, dann weitet er die Wirkung der "Versager" unzulässig aus. Der angemessenere Begriff wäre hier, wenn schon, Guerilla. - Hyperbolien nutzen häufig metaphorische Sprünge, die Fachgrenzen missachten, Begrifflichkeiten aufweichen, Klarheiten ruinieren. Es gibt ein ganzes lustvolles Reich der Übertreibung in der Satire und Komödie. Dies aber hat Herr Wendt wohl kaum anvisiert.
Prosopopoiese - das Jemanden-sprechen-machen, die Unterstellung. Wendt unterstellt sowohl Motivationen bei den Brandstiftern, obwohl er die meisten Täter nicht kennt, noch Psychologe ist. Die Figur der Prosopopoiese gibt dem Gesichtslosen ein Gesicht. In diesem Fall also der linksradikale Szene. Geläufiger ist diese Figur unter dem Namen Personalisierung. In dieser verschränken sich zwei Metonymien. Zum einen wird aus einer Wirkung (angezündete Autos) eine Ursache (Linksradikale) extrahiert. Zum anderen wird aus einem Werk (wiederum die angezündeten Autos) auf ein Wesen (Diktatur der Versager) geschlossen. In der Unterstellung vermischen sich also auf eine recht komplexe Art und Weise rhetorische Strategien, denen man nur mit einer umständlicheren und geduldigeren rhetorischen Analyse beikommen kann. Sprachkritik ist einfach zu langsam für Dummheiten, mag man hier konstatieren.
Amphibolie - die Doppeldeutigkeit. Dies ist sicherlich in diesem Interview kein wesentliches rhetorisches Mittel. In dem Wort "offenbar", das ich als Beispiel genommen hatte, steckt zudem ein eher vieldeutiger Zug des rhetorischen Zusammenhangs. Amphibolien haben auch dann Konjunktur, wenn Begriffe unscharf werden. Verliert eine Bezeichnung das darunter liegende semantische Netz, dann geraten die Worte automatisch in Bereiche der Unklarheit hinein. Man kann dann dem Sprachgebrauch Wendts unterstellen, dass dieser zwar nicht bewusst amphibolisch arbeitet, aber durch die Metaphorisierung die fachlichen Begriffe eben auflöst.
Kausalisierung / Personalisierung - zu einer Wirkung eine Ursache (er-)finden, zu einer Tat einen Täter (er-)finden. Dies ist wohl die hervorstechendste rhetorische Strategie von Herrn Wendt. Man kann ihm sichtbar keinen Geschmack am vernetzten Denken (Vester) zusprechen. Er identifiziert Ursachen, ohne anzugeben, wie er dies schlussfolgern kann, und er identifiziert Täter und Motivationen, ohne diese zu kennen. Allerdings fragt der Interviewer auch nicht nach. Von der Argumentationslehre her gesehen ist diese Vorgehensweise induktiv, d.h. sie stützt sich in diesem Fall auf die Autorität des Bundesvorsitzenden. Von der Kommunikation her kann man dies kaum mehr als als Denunziation bezeichnen.
Isolation - Wirkungsgefüge werden auseinandergerissen, abhängige Variablen als unabhängige behandelt. Diese beiden rhetorischen Mittel verschränken sich ebenso mit der Kausalisierung und der Personalisierung. Die Isolation von Bedingungen ist - wie viele rhetorische Strategien - ein Aspekt des wissenschaftlichen Arbeitens. Sie kann auch in der Analyse von Situationen, wie der hier besprochenen, nicht vom Tisch gekehrt werden: es gibt immer einen Arbeitsschritt, in der die Isolation eine wichtige Rolle spielt. Jedoch kann die Isolation nicht am Ende einer Analyse stehen. Soziale Erscheinungen, wie zum Beispiel Gewalt gegen den Staat, sind immer Teil eines größeren Ganzen. Dass diese Gewalt moralisch verwerflich und der Demokratie schädlich ist, kann aber noch nicht schlechte Analysen legitimieren. Denkbar ist doch, aber Wendt erwähnt das mit keinem Wort, dass die Wirtschaftskrise und die Zukunftsängste in der Bevölkerung hier ein Symptom hervorbringen, das  sich in gewalttätigen Handlungen niederschlägt. In dem zweiten Aspekt der Isolation haben wir ein genau gleiches Phänomen: eine Variable - z.B. Unmut in bestimmten Bevölkerungsgruppen - wird nicht als bedingte Variable gesehen. Eine bedingte Variable ist eine Variable, die von weiteren Faktoren beeinflusst wird, also ihren Wert nicht "aus sich selbst heraus" bestimmt. Auch hier wird das Wirkungsgefüge zerrissen. Wenn jemand versagt, und dieses Versagen wird ihm als mindere Intelligenz, als boshaften Willen zur sozialen Unangepasstheit oder ähnlichem anmythisiert, dann wird hier - ob zurecht muss man ja immer am konkreten Fall entscheiden - eine unbedingte Variable gesetzt. Wendt nutzt dieses Moment auffallend häufig. Die Brandstiftung an Polizeiautos erscheint wie eine irrationale und autochthone Entwicklung.
Analogie - das Gleichsetzen einer Beziehung mit einer anderen (möglichen) Beziehung. Die ganz knappe Fassung der Analogie ist: a verhält sich zu b wie c zu d. Die Situation Anfang der 70er-Jahre verhält sich zum Terror der RAF, so konstatiert Wendt, wie die jetzige Situation zu dem, was kommen wird.

Schluss
So bleibt zum Schluss zu konstatieren, dass Wendt einen überaus unklaren und wenig analytischen Beitrag leistet. Als ich gestern aus der Negativen Dialektik von Adorno zitiert habe, kannte ich das Interview von Wendt noch nicht. Doch es ist klar, dass der werte Bundesvorsitzende sehr deutlich das Böse, Verbrecherische isoliert und identifiziert, und zwar in einer Art und Weise, die bedenkenswert ist.
Zwar ist damit noch nicht gesagt, dass er nicht doch zum Teil Recht hat, aber es ist unwahrscheinlich.
Jedenfalls sieht man hier deutlich genug, wohin eine schlechte Analyse führt: unter der Hand gräbt sich eine hochparanoide Opposition in den Text ein, und - wie man befürchten muss - getragen vom Weltbild Rainer Wendts.
Und das ist nun wirklich ein Grund zur Beunruhigung.


29.07.2009

Autonomie des Bösen

Böhmes zentrales Problem: Gott von jeder Verantwortung für die Existenz des Bösen loszusprechen → Luzifers Sturz: absolut irrational, reine Kontingenz: Handlung des Engels aus unbegrenzter Freiheit: Gott konnte sie nicht verhindern → Gott wusste nicht, dass Luzifer sich auflehnen würde: total unvorhersehbare freie Handlung, denn Luzifer war, wie alle Engel, frei geschaffen → sein Sturz war nicht notwendig; Michael und Uriel sind treu geblieben → Böhme ist eher bereit, die Idee der Allmacht Gottes aufzugeben als dessen Verantwortung für das Böse zu akzeptieren → Welt der Engel (vor dem Fall Luzifers): eine Welt ohne Gegensatz, ohne Konflikt, ohne Bedeutung → erst die Rebellion Luzifers erzeugt Opposition, Konflikt, Sinn → Gott kann sich bezeichnen (sich manifestieren).
Vielleicht muss man manche heutige Konflikte auf diese Weise verstehen: unbedeutende, marginale Konflikte, offenbar aus freier Willkür begonnen, nicht um zu »gewinnen«, »triumphieren zu lassen«, sondern um zu »demonstrieren« (= genau der richtige Ausdruck): 31. Juli 1977: Anti-Atom-Demonstration (gegen das Atomkraftwerk »Superphenix«) in Creys-Malville: ein Toter, hundert Verletzte → Gefechte in der Presse usw.: Die Gewalt macht sichtbar, offenbart, manifestiert, demonstriert die ökologische Sache auf unumkehrbare Weise → Gewalt: rentabel (Tauschzyklus) unterm Gesichtspunkt der Expressivität → der Konflikt ist das Zeichen dafür, dass ich existiere → = genau der Böhmesche Gott: Er will sich manifestieren, offenbaren (und zwar zunächst sich selbst), und er demonstriert es durch Spaltung, Konflikt, das Böse = Gott ist eine »Demo«.
Barthes, Roland: Das Neutrum, Abschnitt: Der Konflikt

Weil man ihn für einen Dieb hält, wird Genet zu einem Findelkind. Vater und Mutter unbekannt. Niemand will die Verantwortung für seine Geburt übernehmen; es scheint, als habe er sich selbst hervorgebracht, gegen alle, in einer Anwandlung bösen Willens: das Böse ist Grund seiner selbst.
Sartre, Jean-Paul: Saint Genet, S. 36


manger l'autre (das Böse / Heilung)

Das zu fressende Lebewesen muss böse sein. Dies anthropologische Schema hat sich sublimiert bis in die Erkenntnistheorie hinein. [...] Nietzsches Befreiendes, wahrhaft eine Kehre des abendländischen Denkens, die Spätere bloß usurpierten, war, dass er derlei Mysterien aussprach. Geist, der die Rationalisierung - seinen Bann - abwirft, hört kraft seiner Selbstbesinnung auf, das radikal Böse zu sein, das im Anderen ihn aufreizt.
Adorno, Negative Dialektik


irgendjemand

hat mir meine regelmäßigen Leser entwendet. BÖSE.

28.07.2009

Psychologie

Ein wenig verspätet habe ich eine letzte offizielle Rezension für media-mania geschrieben. Das Buch - Psychologie. Eine Einführung - ist ein Mordstrum von fast neunhundert Seiten. Zum Glück sind es neunhundert äußerst verständliche Seiten.
Ich habe in den letzten zwei Wochen also einen recht rasanten Parcour durch zahlreiche Aspekte der Psychologie durchgeführt. Das hat mich halb wahnsinnig gemacht. Ich stand wegen des Abgabetermins unter Zeitdruck und hätte doch gerne dem einen oder anderen mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Da dieses Buch wirklich leicht verständlich ist, kann ich es nur empfehlen. Ein leichtes Bedauern habe ich verspürt, dass man hier nicht, wie bei Woolfolks Buch zur Pädagogischen Psychologie Rubriken zur ganz simplen pragmatischen Anwendung bestimmter Forschungsergebnisse antrifft. Woolfolks Buch bietet so einen starken Anreiz, zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln. Nun habe ich gerade diese Qualität ausschließlich bei ihr gefunden. Und wenn Gerrig und Zimbardo diesen Theorie-Praxis-Zusammenhang nicht so dezidiert bieten, dann auch, weil Woolfolk hier nicht zu steigern ist. Trotzdem: auch Zimbardo und Gerrig schaffen wesentlich eher Bezüge zu einer durchdachten Praxis als man dies üblicherweise von deutschen Autoren gewohnt ist.
Bevor ihr - liebe Leser - euch den siebenundfünfzigsten esoterischen Ratgeber aus der Psycho-Ecke holt, kauft euch lieber dieses Buch. Ihr werdet einige Zeit dafür brauchen, und immer wieder neu mit dem Lesen anfangen müssen. Dafür ist dieses Buch aber auch sehr gehaltvoll.

Ein leichter Umschwenk in Bezug auf amazon: Vera Schott, die Chefin von media-mania, wird in Zukunft ihr Gehalt über dieses Rezensionsportal bekommen. Wenn ihr also bei amazon bestellen müsst (und nicht beim Buchhändler um die Ecke kauft), dann geht über den Link bei media-mania. Wir können jede Unterstützung für dieses tolle Projekt gebrauchen.


Frau Reichert

Frau Reichert ist die nette, alte Dame, die zuoberst im Haus mit ihren Hunden wohnt. Gestern Nacht ist sie gestorben. Ein ziemlicher Verlust, denn mit ihr konnte ich immer gut plauschen und entgegen manchen jammerigen Altersgenossinnen hatte sie immer noch einen trockenen Humor weg. Ich erinnere mich nur zu gerne an den Abend, als wir versucht haben herauszufinden, wie man eine Krawatte bindet. Nun war die Gute schon sichtlich eingeschränkt von zahlreichen Zipperlein. Möge sie in einen friedlicheren Zustand übergegangen sein.


27.07.2009

Buchempfehlungen

Nebenbei: zwei Buchempfehlungen.
Edward de Bono: Die neue Denkschule




Frederic Vester: Die Kunst vernetzt zu denken

Die kaltblütige Generation

So übertitelte der online-Stern gestern einen Artikel.
Diesem Zusammenhang zwischen Gewalt und Empathie gehe ich ja in einer umfangreicheren Arbeit nach. Die vielen Zitate und Kommentare, die hier in meinem Blog dazu auftauchen, sind weitestgehend diesem Zusammenhang gewidmet. Das Problem wird in diesem Stern-Artikel (mal wieder) implizit bei überforderten Müttern gesucht. Zum zweiten werden Vermutungen über Hirnstrukturen angestellt - "Manchmal finden wir schon in den Gehirnen von Achtjährigen Veränderungen, die denen von erwachsenen Straftätern ähneln", wird der Jugendpsychiater Timo Vloet zitiert -, die durchaus nicht den tatsächlich abgesicherten Ergebnissen der Neurophysiologie entsprechen (ich verweise hier noch einmal auf Gerhard Roth: Denken - Fühlen - Handeln).
Wie solche "psychopathischen Eigenschaften" wie "ausgeprägte Mitleidlosigkeit" und "mangelnde Reue" genetisch bedingt und deshalb auch genetisch vererbt werden können, dürfte wohl der größte Crux an diesem Artikel sein. Das Gehirn ist natürlich bei fehlender Empathie vollständig dabei: Persönlichkeit und Gehirnstruktur sind geradezu eins. Doch ist das Gehirn ein ausgesprochen kulturelles Organ. Woher die genetische Beeinflussung kommen soll, dürfte jedenfalls kaum wirklich nachzuweisen sein. Aber auch bei Psychiatern wird dieser intellektuelle Kurzschluss gerne mal vorgenommen.
Was aber nun hilft den Kindern, empathisch zu werden?
Dies ist zwar nur ein Thema am Rande meiner Arbeit. Trotzdem kann ich wohl einige Vermutungen aufstellen. Zunächst ist Empathie, und hier gebe ich dem Artikel ausnahmsweise Recht, in seiner höheren Form an Handlungsfähigkeit knüpft - also nicht einfach nur an Mitleid. Zudem basiert die Empathie von Erwachsenen gegenüber den Kindern auf einer fluiden Masse an Handlungsmöglichkeiten, also einer sich auf pragmatische Aspekte ausgerichteten Bildung. Bildung an sich stellt - so hatte ich das definiert - eine Menge an Vergleichsmöglichkeiten. Eine höhere Bildung wäre quantitativ zu messen an der Wissensmenge, die ein Mensch mit sich herumträgt, übrigens nicht unbedingt mit der Möglichkeit, sie zu nutzen. Die pragmatisch orientierte Bildung nutzt diese Vergleichsmöglichkeiten, zum Beispiel durch spielerisches Gegenüberstellen, witzige Kurzschlüsse, Perspektivenwechsel, genaues und hinterfragendes Zuhören.
Zunächst also ist die Förderung der kindlichen Empathie zu ihrer höheren Form von den Erwachsenen vorzuleben. Was für den Erziehenden Einfühlung in die Seele des Kindes ist, ist kein mystischer Sprung ins Innenleben, sondern ein interaktionell geprägtes Spiel mit dem Sinn.
In solchen Interaktionsmustern gibt es demnach auch kein Ziel. Denn ähnlich, wie die Bildung für sich keinen Zweck hat und diesen erst im Vergleich entdeckt (siehe weiter oben), so ist solch ein "interaktionell geprägtes Spiel mit dem Sinn" nicht auf eine Wirkung oder eine Lehre bedacht. Das Lernziel ist hier ausschließlich die größere Differenzierung, die Lust am Differenzieren, der Spaß daran, Muster zusammenzubasteln und wieder aufzulösen.
Humor, Kreativität, eine gewisse Langsamkeit beim Entwickeln von Ideen: viele Menschen erscheinen nur deshalb so entscheidungsfreudig, weil sie in Wirklichkeit Angst davor haben, sich beim Denken bloßzustellen. Wenn man sich und andere hier in eine allgemeine Hektik bringt, bleibt kein Platz für kritische Nachfragen. Es erscheint mir eine Krankheit der Deutschen zu sein, Entscheidungsfreude und Denkangst zu verwechseln, und auch darin sind die Deutschen immer noch eine beklagenswert deraisonnable Rasse.
Diese Verwechslung hat übrigens noch einen anderen, höchst schädlichen Nebeneffekt. Menschen mit schweren mnestischen Blockaden, wie sie nach jahrelanger Traumatisierung oder Deprivation üblich sind, neigen zu einem stark hysterischen Verhalten: sie stürzen sich in die Aktion, lange bevor die Bedingungen für diese Aktion(en) überprüft worden sind. Solche schwer gestörten Menschen kommen nun teilweise in der Ruf, besonders entscheidungsfreudig zu sein und deshalb besonders hohe Führungsqualitäten zu besitzen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Diese Menschen leiden unter der Unfähigkeit, Sachen langsam angehen zu lassen. Sie mögen entscheidungsfreudig sein, besitzen aber keine Ambiguitätstoleranz. Höhere Positionen erfordern immer Diplomatie. Diplomatie ist allerdings erst dann möglich, wenn man bewusst seine eigene Meinung zurückhalten kann, ohne darunter zu leiden. Traumatisierte Menschen dagegen ähneln sich an, schmiegen sich ein, was als diplomatisches Verhalten ausgelegt werden könnte, aber eine gewisse kognitive Distanzlosigkeit ist. Über die Jahre hinweg merkt man bei solchen Menschen, dass sich ihre Vergangenheit immer wieder ändert, dass sie klare Positionen, ja bis zum Größenwahn überzogene eigene Leistungen propagieren, die aber später in keinster Weise gezeigt werden, und ähnliches mehr. An solchen Menschen spürt man einen ungeheuren Willen zur Manipulation, der aber diesen Menschen selbst nicht im Geringsten bewusst ist.
Und hier haben wir dann die kaltblütige Generation in ihrer etablierten Form.
Ganz nebenbei bemerkt: die Ursache von Jugendgewalt zu biologisieren dürfte wohl wenig hilfreich sein. Jugendgewalt wie Kriminalität überhaupt entsteht aus sozialen Strukturen. Sehr lesenswert hierzu The Legacy of Anomie Theory, Volume VI, in dem Robert K. Merton - falsch, wie ich finde - die kriminelle Handlung unter die innovativen Handlungen eingliedert. Falsch ist diese Behauptung deshalb, weil sich in der kriminellen Handlung nicht die Abfolge eines innovativen Effektes ergibt. Schon eine Handlung als innovativ zu bezeichnen, impliziert zu viel Psychologie, wenn man rein von sozialen Strukturen ausgeht (instruktiv dazu: Luhmann, Niklas: Die Behandlung von Irritationen, in ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik IV). Sicherlich kann man aber kriminelle Handlungen als Handlungsvarianten bezeichnen, die vom Gesetz her nicht zur Etablierung zugelassen werden. Es soll, den Gesetzen und der Politik zufolge, keine Stabilisierung dieser Verhaltensmuster geben. Trotzdem ist Merton höchst spannend und die These, kriminelle Handlungen seien innovative Handlungen zumindest hinreichend provokativ, um aufzuschrecken. Sehr lesenswert auch das von Robert K. Merton und Gresham Sykes veröffentlichte Buch Criminology.  
Gewalt hat so in der öffentlichen Wahrnehmung zwei Problematiken. Zum einen gibt es eine Dunkelfeldproblematik. Damit darf man nicht nur die nicht angezeigten Straftaten bezeichnen, die aus Angst oder falschem Mitleid oder privatem Ausgleich nicht nur Anzeige gebracht wurden. Zum Dunkelfeld gehört auch, dass für bestimmte Menschen oder Bevölkerungsschichten oder Gruppen garkeine soziale Strukturen ermöglichen, bestimmte Formen der Gewalt wahrzunehmen. Typischstes Beispiel sind hier Kinder, die eben noch nicht wissen, was sie als Gewalt wahrnehmen sollen und was dies weiter bedeutet.
Die andere Problematik ist die Hellfeldproblematik. In einem anderen Zusammenhang hat Friedrich Engels diese Hellfeldproblematik in seinem Anti-Dühring höchst geistreich erläutert, und es würde sich lohnen, dies hier ausführlich zu zitieren. Summa summarum basiert die Hellfeldproblematik nicht nur darauf, dass das Hellfeld, also die angezeigten und aufgedeckten Straftaten erfolgreiches (politisches, polizeiliches) Handeln suggerieren. Die kriminelle Handlung wird hier durch Kausalitäten erklärt, durch Begründungen aufgehellt und eingeweißt, so wie man im Radikalen Konstruktivismus vom Whitening the Black Box spricht, was so viel heißt, dass man eine Sache, die man eigentlich nicht erklären kann, weil die zugrundeliegenden Mechanismen zu komplex sind, trivialisiert und dadurch ein Licht der Vernunft erzeugt, das der Sache garnicht eigen ist.



mimische Stoßdämpfer

»Aller kapitalistischen Produktion ...«, schreibt Marx, »ist es gemeinsam, dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch handgreifliche Wirklichkeit.« Im Umgang mit der Maschine lernen die Arbeiter, ihre »eigne Bewegung der gleichförmig stetigen Bewegung eines Automaten« zu koordinieren. Mit diesen Worten fällt ein eigenes Licht auf die Gleichförmigkeiten absurder Art, mit denen Poe die Menge behaften will. Gleichförmigkeiten der Kleidung und des Benehmens, nicht zuletzt Gleichförmigkeiten des Mienenspiels. Das Lächeln gibt zu denken. Es ist vermutlich das heute im keep smiling geläufige und figuriert dort als mimischer Stoßdämpfer. - »Alle Arbeit an der Maschine erfordert«, heißt es im oben berührten Zusammenhang, »frühzeitige Dressur des Arbeiters.«
Benjamin, Walter: Über einige Motive bei Baudelaire, Abschnitt VIII
Jene mimischen Stoßdämpfer, von denen Benjamin spricht, findet man auch in der nüchternen Schreibweise Kafkas, in den alltäglichen Banalitäten Murakamis. Freilich ist dies bei Murakami ein Affront der Schönen Literatur gegenüber, das zur Fratze erstarrte Lächeln der täglichen Banalität so abzupausen, dass die Ware Normalität von seiner eigenen Stillstellung in der szenischen Mimesis ebenso bedrängt wird, wie von der in Sprüngen sich chiffrierenden Komposition.


das Absurde

Murakamis Romane sind voller hübscher, kleiner Absurditäten, so zum Beispiel der geheimnisvolle Anruf zu Beginn von Mr. Aufziehvogel. Das absurde Ereignis im Alltag ist, im Gegensatz zum rätselhaften, nicht überschreitbar. Es besitzt keine Schwelle. Man kann nur darin herumirren. Hier folgt Murakami noch am ehesten Kafka. Der Unterschied zwischen dem rätselhaften und dem absurden Geheimnis, und damit der Unterschied zwischen einem klassischen Krimi und einem Roman von Murakami, liegt darin, dass das rätselhafte Ereignis genau eine Schwelle erschafft, die es zu übertreten gilt. Über dieser Schwelle prangt das Wort Lösung. Dagegen ist das absurde Ereignis nur scheinbar ein rätselhaftes. Es hat sich mimetisch in den Eindruck eines Rätsel eingegossen, doch die Schwellen, die der Held bei seiner Suche überschreitet, führen nur scheinbar dichter ans Rätsel heran. Wie der Landvermesser K. um das Schloss herumwandert und es mal dichter, mal ferner bleibt, er aber nie Zugang findet, so irrt der Ich-Erzähler in Mr. Aufziehvogel durch ein absurdes Labyrinth aus befremdlichen Ereignissen.
Der Moment des Absurden schafft zugleich jene unüberschreitbare Grenze, die die Unterscheidung zwischen Mann und Frau versprach, aber nicht zu halten vermochte. Nicht nur haben sich die medizinischen Möglichkeiten hier an die biologischen Grenzen gewagt. Viel eindringlicher sind die kulturellen Geschlechter heute vielfältiger denn je. Unter der lange gehegten Verkleidung der idealisierten und ideologischen Sexualität schaut seit vielen Jahrzehnten die eigentliche Majestät dieses Spiels hervor, das Absurde eben.
Das Wesen des Absurden selbst ist die Verkleidung. Kafkas Romane sind absurd, weil sie sich in sinnlichen Vorgängen entladen, deren endgültiger Zweck nicht vorherzusehen ist und die zwischen kühler Beobachtung und symbolischer Überhöhung hin- und herchangieren, ohne eine Lösung zuzulassen. Und ebenso ist Mr. Aufziehvogel nicht von der Warte des Rätsellösers zu erfassen, schon garnicht des literaturwissenschaftlichen Rätsellösers. Dieses Moiré aus Sinnlichkeit und Sinn führt keinem Ende zu. Zwar endet Mr. Aufziehvogel, jedoch eher materiell. Die Frage, was passiert ist, kann deshalb nicht gelöst werden, weil die Ereignisse nicht, wie bei einem Krimi, auf der materiellen Ebene geschehen. Wie beim Krimi gibt es zwar Morde, Diebstähle, Lügen und Verheimlichungen. Doch ein gewisser intellektueller Triumph, der den Krimis eigen ist, fehlt hier.
Eine ganze Reihe von Werken der modernen Literatur zeichnen sich durch den intensiveren und bewussteren Gebrauch von Chiffren aus. Chiffren sind Symbole, die sich nicht kulturell geformt haben, sondern in einem angeblich privaten Gebrauch nur für den betreffenden Autoren ein Symbol sind. Nach außen hin geben sie sich geheimnisvoll und unverständlich. Manche Autoren erklären sich irgendwann. Beuys hat für seine Werke Material-Chiffren benutzt, Filz, Kupfer, Fett. Man weiß heute um deren Bedeutung. Was aber, wenn auch noch die private Bedeutung leer bleibt? So tauchen in Murakamis Romanen immer wieder ausgetrocknete Brunnen auf. Und mehr noch als einen Abstieg in die Unterwelt, eine Reise ins Ich - wie eine Rezensentin in eine Besprechung interpretierte - sind diese leeren Brunnen die Sinnbilder der von privatem Sinn entleerten Chiffren. Die Chiffre ist schlimmstenfalls immer noch ein Rätsel für den Psychologen, doch ein auch noch von diesem entkleidetes Etwas wird zur nackten Existenz, jedesmal, wenn es auftaucht, von Neuem. Die Wiederholung, die uns hier den Anschein erweckt, es handele sich um ein zu durchschauendes Symbol, ist eben jene Maskierung des Absurden.

26.07.2009

sinnentnehmendes Lesen, eine Lachnummer

Gerade finde ich über Google eine dieser typischen Fragen zum sinnentnehmenden Lesen, wie ich sie so schätze.
Auf dem Experten(sic!)-Portal von wer-weiß-was.de fragt eine elektronische Ersatzexistenz namens Spirit, wo der konkrete Unterschied zwischen sinnentnehmendem und informativem Lesen sein und zwar so:
Hallo zusammen,
kennt jemand von euch den konkreten Unterschied zwischen sinnentnehmenden Lesen und informierenden Lesen?
Meine Fachleiterin erwähnte mal kurz, dass das sinnentnehmende Lesen ein teil des informierenden lesens ist.
ich kann aber nirgendwo den genauen Unterschied finden.
Hauptsächlich finde ich Informationen zum informierenden Lesen.
Weiß jemand von euch einen Rat?
Wäre super.

Danke schon mal.
Nun ist diese Anfrage ja noch harmlos. Meiner Ansicht nach kann aber die Frage garnicht ernsthaft beantwortet werden, solange sinnentnehmendes Lesen nicht eindeutiger definiert ist. Ich hatte in einem lange zurückliegenden Artikel angedeutet, dass sinnentnehmendes Lesen sich in sehr unterschiedlichem Maße ausprägen kann, je nachdem, welche Struktur man ins Auge fasst. Sinn fasse ich mit Niklas Luhmann als strukturdeterminiert auf. Demnach muss man sinnentnehmendes Lesen - und so hatte ich das damals in meinem Artikel auch vorgeschlagen - nach verschiedenen strukturellen Perspektiven einteilen.
Ob nun sinnentnehmendes Lesen Teil des informierenden Lesens ist oder umgekehrt, ist völlig wurscht. Die Frage ist nicht, was neueste Mode ist. Die Frage ist, ob jemand einen Begriff einordnen kann. Mithin bedeutet das, dass man einen Begriff definieren kann und ihn zu anderen Begriffen in Beziehung setzen kann. Hier auf Seminarleiterinnen zu bauen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, dürfte ein hoffnungsloses Unterfangen sein. Ich hatte eine ähnliche Diskussion zum selektiven Mutismus, wobei die Seminarleiterin sagte, dies sei falsch, das würde jetzt elektiver Mutismus heißen. Ob es einen Unterschied gäbe, fragte ich. In der neuen Forschung hieße das elektiver Mutismus, beharrte die Frau. Nicht ganz die Antwort zu der Frage, die ich gestellt hatte. Ähnlich aber ist es mir auch mit dem sinnentnehmenden Lesen, der Begriffsbildung oder der politischen Bildung gegangen. Neuheit ist noch nicht Garant für Qualität. Und ob ich einen Hund nun als "Katze" oder als "Dompfaff" bezeichne, ändert nichts an der Tatsache, dass ich den Hund beschreiben muss, wenn ich jemandem erklären möchte, was ein Hund ist. Ein Wechsel in der Bezeichnung erfindet Hunde auch nicht vollkommen neu.
Zu dem Thema Inklusion, Integration fand ich mal folgenden hübschen Satz: "Inklusion bedeutet das gleiche wie Integration, nur internationaler." - Dieser Satz ist bis zur Unsinnigkeit lächerlich. In der deutschen Sonderpädagogik geht man von der Integration als dem wesentlichen Begriff aus. Nun hat sich international, also in der Fachsprache Englisch aber der Begriff inclusive education etabliert. Das Wort inclusion stammt in diesem Fall aus der strukturfunktionalistischen Theorie (also, weitläufig gesagt, der Systemtheorie). Inclusion bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass jemand zu einer bestimmten Gruppe gehört. Inclusive education will also sagen, dass auch sogenannte Behinderte in eine Klasse gehören. Der Autor jenes völlig unsinnigen Satzes wollte wahrscheinlich folgendes sagen: "Da die neueren internationalen Ansätze der Integration das Wort inclusion für den nämlichen Sachverhalt verwenden, da diese Schriften bei der Übersetzung dieses Wort mit Inklusion eindeutschen, ist es sinnvoll, hier einen Bezeichnungswechsel zu vollziehen, um dem deutschen Fachpublikum eine leichtere Anbindung an die internationale Diskussion zu ermöglichen. Zumal das englische Wort integration einen völlig anderen Sachverhalt bezeichnet, als das deutsche Wort Integration."
Ein Streit um Worte also. Und die bedauernswerte Referendarin (oder Referendar), die hier Aufklärung für dieses Begriffswirrwarr suchte, bekam zum sinnentnehmenden Lesen nun folgende Antwort.
hallo,
sinnentnehmendes lesen, ist das was die kinder in der ersten klasse tun, sie ersetzen das geschriebene wort durch ein für sie gedachtes wort, was dem sinn entspricht. man buchstabiert das wort nicht beim lesen, sonder erfaßt den sinn. unseren kindern wird diese fähigkeit in der schule geklaut. als erwachsener kann man diese fähigkeit wieder trainieren, wenn du so liest und nicht die augen nach links und rechts bewegst. das ist das was mir dazu einfällt. lg konstanze

Nicht nur, dass die Kinder also sinnentnehmendes Lesen in der ersten Klasse tun, danach aber womöglich nicht mehr. Sie ersetzen das geschriebene Wort durch ein für sie gedachtes Wort, was mehr an die Definition der Metapher erinnert, als an sinnentnehmendes Lesen. Die Kinder, oder, wie unsere Konstanze mit lieben Grüßen schreibt, MAN buchstabiert in der ersten Klasse nicht - was aber wesentliche Aufgabe der Alphabetisierung ist und damit der ersten Klasse ist -, sondern erfasst den Sinn. Gut: wir haben also eine fantastische Definition des sinnentnehmenden Lesens als Erfassen des Sinns (eines Wortes).
Wem diese groteske Widersinnigkeit noch nicht genügt, für den hat Konstanze eine geradezu sensationelle Beobachtung parat. Diese Fähigkeit werde den Kindern in der Schule geklaut. Der geistige Diebstahl also sei so fundamental, dass das Kind in der Schule lernte, ein Wort nicht mehr durch Sinn zu ersetzen. Diese Behauptung ist nun dermaßen possierlich und peinlichst falsch, dass man dazu kein Wort verlieren muss.
Was jene Fragestellerin angeht, so wird sie sich wohl für diese geistlose moralische Aufklärung hoffentlich herzlichst bedankt haben und diesem Wissensportal schleunigst den Rücken gekehrt haben.
Ich hätte es nicht anders getan.



25.07.2009

Errichtet die Mauer wieder

Die Titanic-Partei will die Mauer wieder aufbauen. Ostdeutschland den Armen. Westdeutschland muss kapitalistisch bleiben. Für ungezügelt propagandistische Zwecke veranstaltet die Titanic-Partei am 27.09 eine Bundestagswahl mit Hilfe öffentlicher Steuergelder. Näheres siehe HIER.


Schwule Geister

Ich habe so gelacht. Heute hat mir ein Freund die erste Staffel von Dantes Cove vorbeigebracht. Hübsche Boys treiben es mit schwulen Geistern. Der Megaplot.


24.07.2009

Magazin für Arme

Lange bevor die Wirtschaft am Eisberg der Spekulation den Mythos ihrer Unsinkbarkeit verloren hat, hat sich ein einsames kleines Magazin daran gemacht, am Eisberg der deutschen Bürgerlichkeit zu sinken. Es sinkt immer noch, HIER.


Zwangsarbeit

Die Bundesregierung, und hier allen voran die CDU, scheint sich mit keinem Mucks um die Ergebnisse aus Studien zur Kinderarmut und zur Armutsbegrenzung zu scheren. Während Länder wie Frankreich den gesetzlichen Mindestlohn eingeführt haben, immerhin bei etwas über acht Euro, oder Luxemburg bei etwas über 11 Euro, weigert sich die CDU.
Wenn Arbeitnehmer nicht mehr bei einem Acht-Stunden-Job so viel verdienen, dass sie ohne zusätzliche Zahlungen zu dem Hilfesatz von Hartz IV kommen, dann ist die Behauptung, Hartz IV-Empfänger dürften nicht mehr bekommen als die arbeitende Bevölkerung einfach zynisch. Denn erst die Verweigerung des Mindestlohns bringt dieses Phänomen hervor.
Warum brauchen wir aber einen Mindestlohn? Eine Wirtschaft besteht nicht nur aus der Veredelung von Material durch Arbeit. Die geschaffenen Waren müssen auch permanent wieder vernichtet werden, mithin: konsumiert. Auf der Ebene der Zirkulation schafft genau dieser Umstand Motivationen für die jeweilige Neuproduktion von Waren und den Bedarf an Arbeit.
Armut, so könnte man meinen, führt hier aber nicht zu dem Wegbrechen des Konsums, da ja auch arme Menschen Geld haben. Sie haben eben weniger Geld. Doch die absolute Knappheit an Geld hat zunächst einen sehr indirekten Effekt. Es werden nur noch die billigsten Waren gekauft. Hier wird unter der Hand eine Monopolisierung im Warensegment vorgenommen. Das Geld reicht dem je einzelnen Menschen nicht mehr, über Alternativen nachzudenken.
Mit dieser Monopolisierung des Warenangebots durch eine Masse von verarmten Menschen (selbst wenn diese arbeiten) brechen zahlreiche Erwerbsmöglichkeiten weg. Billigproduktionen lassen sich nur durch Massenfertigung sichern, Massenfertigung ermöglicht Automatisierung und Automatisierung kostet Arbeitsplätze. Der Effekt ist jetzt überall sichtbar.
Hier wird über die fehlende Konsumption die Wirtschaft dauerhaft geschädigt. Dass hier die Armut-/Reichtum-Schere immer mehr auseinanderklafft, und dass diese zu massiven Verwüstungen auf dem Warenmarkt führen, scheint die CDU nicht zu bedenken.
Am allerschlimmsten aber ist der Vorschlag der Bundeskanzlerin, Hartz IV-Empfänger könnten in Zukunft auch unentgeltlich in der Wirtschaft eingesetzt werden.
Bitte? - Haben wir jetzt Zwangsarbeit, oder was? Zudem ist dem derzeitige Lohndumping damit nach unten jeglicher Weg gebahnt. Wenn sich jetzt ein Mensch durch seine Arbeit nicht schon auf das Mindestmaß finanzieren kann, dann kann er in Zukunft gleich Hartz IV beantragen und seine Arbeitskraft kostenlos verschleudern.
Ich kann hier nur mit schwarzen Gedanken in die Zukunft blicken. Nachdem die CDU mit dem Gesetz gegen Kinderpornographie jegliche demokratische Datenschutzbestimmung ausgehebelt hat, ohne damit irgendetwas gegen die Kinderpornographie getan zu haben, wird jetzt wohl der große Angriff auf die Proletarisierung der Bevölkerung kommen. Eine Zeit lang mag das gut gehen. Doch erfahrungsgemäß entsteht bei der Verarmung einer Bevölkerung immer eine Mehrheit. Und genau das könnte die Mehrheit sein, die dann ihr Unbehagen in sozialen Unruhen ausdrückt.
Was die CDU hier mittelfristig anlegt, ist eine Verwüstung der Märkte, eine massive Verarmung der Bevölkerung, eine völlige Disziplinierung armer Familien, die gesetzliche Verankerung der Zwangsarbeit und das Aushebeln des Grundgesetzes über wirtschaftlich geschaffene Realitäten.

Die Deutschen sind doch eine recht deraisonable Rasse.

23.07.2009

Negative Rückkopplung

Gestern wurde ich mit einem Kommentar beglückt, der so sensationell dämlich und zugleich antisemitisch war, das ich mich gedrängt gefühlt habe, ein wenig den guten Nietzsche zu zitieren. Ich danke hier ausdrücklich Jan, der mir dazu heute eine mail schrieb, in der er meine moralisch differenzierte Haltung lobt. Natürlich freue ich mich über ein solches Urteil. Allerdings möchte ich dieses Urteil trotzdem gerne auf Distanz halten. Es gibt angesichts eines unfassbaren Verbrechens keine fassbare Position. Ich werde mich davon nicht ausnehmen. Trotzdem ist es wichtig, sich zum Holocaust und dem, was darauf folgte, immer wieder zu äußern. Oder, wie Marx schlicht formulierte: Die Ideologie muss ihr Maul aufmachen.

Mind-Maps: Kreativität oder Analyse?

Heute erreichte mich auch eine andere mail, die sich auf meinen Artikel zum negativen Denken bezog. Ich hätte, so der Verfasser, "keinerlei kybernetischen Sachverstand". Ich danke für dieses dezidierte Urteil. Der Verfasser schreibt: "Mind-maps sind kreativ. So steht es in tausenden Bücher. Sie besitzen die Frechheit, sich hier quer zu stellen."
Nun hatte ich meine Meinung damals mit der schlichten Beobachtung begründet, dass mind-maps ein Thema in ein Netz aus Verbindungen auflösen, was sie einer bestimmten Art der Analyse gleichstellt. Aus Büchern nachplappern, ohne über den Wert ihrer Aussagen nachzudenken, halte ich dagegen nicht für eine besonders gute Idee.
Sich quer zu stellen ist ebenfalls kein Einwand, sofern man sich auf eine konstruktive Art und Weise quer stellt. Nachplappern kann jeder gut dressierte Papagei. Eigene Gedanken zu haben, dazu gehört Intelligenz.
Ich muss also dem Verfasser jener mail vorwerfen, dass er mich auf diese Art und Weise kritisiert hat. Dass ich diese Art der Kritik zurückweise, heißt noch lange nicht, dass meine Position richtig ist. Wenn ich hier aber meine eigene Einschätzung bewerten sollte, so halte ich sie nicht für falsch, sondern noch für zu undifferenziert. Letzten Endes verweist die Beobachtung, mind-maps seien analytisch, auf die Frage, wie analytisch denn das Analytische sei. Ob hier nicht, mit Derrida zu sprechen, ein zumindest im Teil performativer Selbstwiderspruch vorliegt, wenn ich etwas als analytisch benenne.

Kein positives Denken

So weit, so gut.
Eine andere Behauptung des Verfassers ist, dass ich den Wert des positiven Denkens nicht genügend hervorheben würde.
Das war aber nicht Sinn und Zweck meines Eintrags. Ich finde das positive Denken gefährlich, und die Entdeckung, man müsse es jetzt wieder mit negativem Denken versuchen, albern.
Ich bin sehr rasch von dieser Opposition abgekommen und habe statt dessen auf eine andere gängige Unterscheidung gebaut, die zwischen divergentem und konvergentem Denken. Es ist in dem entsprechenden Artikel nachzulesen.

Molar/Molekular

Ein Grund, warum ich mich von dem positiven und dem negativen Denken seit langer Zeit distanziere, beruht auf einer Einteilung der französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari. Diese haben zwischen molaren und molekularen Einheiten unterschieden. Ich mache diesen Unterschied gerne an der Sexualität klar.
Die molare Sexualität rekurriert auf große Einheiten, bzw. auf ideelle Begriffe, wie zum Beispiel Heterosexualität und Homosexualität, Mann und Frau. Eine empirische Erscheinung bekommt ihre Grenzen gleichsam von der Idee aufdoktriniert. Wenn zum Beispiel Uwe sagt, er sei homosexuell und sich auf bestimmte übliche oder abstrakte Erscheinungsformen stützt, dann holt er sich Rückhalt in einer Art ideellen Wesenheit der Homosexualität. Die molekulare Sexualität dagegen kennt keine solche Wesenheiten. Sie besteht aus Sinnlichkeiten, die gut ohne einen Begriff auskommen. Unter molarer Perspektive müsste man Uwe, weil er mit Männern schläft, als homosexuell bezeichnen. Unter molekularer Perspektive ist er sonstwas. Er könnte unter gewissen Bedingungen einem heterosexuellen Peter ähnlicher sein, als einem homosexuellen Andreas, ohne den geringsten Zweifel an seiner sexuellen Vorliebe haben zu müssen.

Grammatisch positiv

Positives und negatives Denken sind in diesem Sinne nicht per se gut. Sie stehen durch ihre Verbindungen in ihr Umfeld unter dem Zwang, bestimmte strukturelle Tatsachen zu schaffen oder zu unterdrücken. Strukturelle Tatsachen können aber auch dann entstehen, wenn etwas als absolut positiv gedacht wird. Denkt man sich Frauen als pflichtbewusst, fürsorglich und duldsam, hat man Frauen positiv beschrieben. Nur: grammatisch positiv! Strukturell gesehen grenzt es Frauen auf einen sehr kleinen Lebensbereich ein.
Man kann eben alle Sätze grammatisch positiv formulieren. Doch das ist wohl eine rein kosmetische Operation.

Negative Rückkopplungen

Vor einiger Zeit habe ich mal wieder Vesters Buch Die Kunst, vernetzt zu denken gelesen. Dort hatte ich einen Sachverhalt kybernetischen Denkens gefunden, der meine Ansicht teilweise stützt, teilweise erweitert. Ich wollte schon längere Zeit darüber schreiben. Jetzt hat mir der Verfasser jener mail die Notwendigkeit geliefert, Vesters Gedanken hier vorzustellen.
Vester schreibt auf S. 128 seines Buches, dass die negative Rückkopplung über die positive Rückkopplung dominieren muss.
Positive Rückkopplung würde, ließe man sie laufen, zu immer mehr, immer mehr führen. Letztendlich würde sie ins Unendliche abschwirren. Dieser Gedanke ist nicht unüblich. Man findet ihn heute meist im Bereich des Profits. Es ist aber doch unwahrscheinlich, dass solche sich steigernden Schleifen nicht irgendwann auf ihre Grenzen stoßen. Für den Profit erleben wir das derzeit im Großen mit der weltweiten Wirtschaftskrise.
Negative Rückkopplungen sorgten, so Vester an gleicher Stelle, für Stabilität gegen Störungen und Grenzüberschreitungen.
N>egative Rückkopplungen sind, folgt man Vester, notwendig, um stabile Zonen zu schaffen. Will man es salopp ausdrücken, dann sind es jene Regelkreise, in denen ein System, ein Mensch, ein Unternehmen sich seiner selbst bewusst wird.
Nehmen wir eine Ehe als Beispiel. Er kann nicht zuhören, denkt sich seinen Teil und argwöhnt, er könne mit seiner Frau über bestimmte Dinge nicht reden. Sie dagegen ist überpeinlich bemüht, es ihm recht zu machen, in Krisensituationen ihren eigenen Wirkungskreis noch weiter einzuschränken und ihm keine schwierigen Fragen zu stellen. Beide bauen nun positive Regelkreise für dieses Muster auf. Der Mann bestärkt sich darin, dass seine distanzierte Art den Bruch zwischen beiden vermeidet. Er weicht den schwelenden Konflikten aus und erklärt sich nicht selbst. Sie dagegen glaubt, dass sie den Bruch durch Anpassung unwahrscheinlich macht. Doch je mehr sie sich anpasst, umso weniger ist sie sie selbst, bis sie sich schließlich ganz aufgibt und nichts mehr zu bieten hat als eine reine Phantasie-Existenz. An irgendeiner Stelle wird nun die negative Rückkopplung diese Ehe auseinanderreißen. Je weniger sie ihm präsent ist, umso geringer ist die Hürde, eine andere Frau attraktiv zu finden. Und je mehr er sich schweigend distanziert, umso weniger kann sie im Konkreten an Gefallen finden.
Hier geraten zwei in sich aufschaukelnde Regelkreise über die umfassenderen Muster in einen zerstörerischen Zusammenhang. Keiner der beiden nutzt dem anderen für den Aufbau negativer Rückkopplungen.
Ähnlich erscheint es mir bei dem, was manche Coaches praktizieren. Es wird positiviert und positiviert. All dies ist jedoch rein grammatisch. Strukturell scheint das einige Zeit lang zu funktionieren. Irgendwann muss aber dieses stetige sich Aufschaukeln an seine Grenzen kommen. Und dann erwischt die negative Selbstregulation eines Systems die Beteiligten meist so überraschend, dass sie an einen bösen Zufall glauben.
Negative Selbstregulation ist nun nicht negatives Denken. Ich halte mich weiterhin von solch einem Begriff fern. Immerhin aber dürfte deutlich geworden sein, dass sowohl Divergenz als auch Konvergenz (wie beim divergenten und konvergenten Denken) positive Regelkreise sind, die ohne negatives Feedback ins Blaue schießen.

Schluss

Dieser Eintrag ist wohl so etwas wie eine Zwischenbemerkung. Weitere Erläuterungen müssten folgen.
Ich mag definitiv solche Behauptungen wie "keinerlei kybernetischer Sachverstand" nicht. Es mag sein, dass mein Artikel oberflächlich war. Aber weder beweist er, ich hätte Ahnung von Kybernetik, noch behauptet er implizit das Gegenteil.
Jedenfalls kann ich solche Einwände als eine negative Rückkopplung nutzen und hier nochmal versuchen, mich zu positionieren.

22.07.2009

Nietzsche: Die Juden

Alle Zitate im folgenden von Nietzsche, die Hervorhebungen dagegen von mir.
Die Söhne von protestantischen Geistlichen und Schullehrern erkennt man an der naiven Sicherheit, mit der sie als Gelehrte ihre Sache schon als bewiesen nehmen, wenn sie von ihnen eben erst nur herzhaft und mit Wärme vorgebracht worden ist: sie sind eben gründlich daran gewöhnt, dass man ihnen glaubt,- das gehörte bei ihren Vätern zum, "Handwerk"! Ein Jude umgekehrt ist, gemäß dem Geschäftskreis und der Vergangenheit seines Volks, gerade daran - dass man ihm glaubt - am wenigsten gewöhnt: man sehe sich darauf die jüdischen Gelehrten an, - sie Alle halten große Stücke auf die Logik, das heißt auf das Erzwingen der Zustimmung durch Gründe; sie wissen, dass sie mit ihr siegen müssen, selbst wo Rassen- und Klassen-Widerwille gegen sie vorhanden ist, wo man ihnen ungern glaubt. Nichts nämlich ist demokratischer als die Logik: sie kennt kein Ansehn der Person und nimmt auch die krummen Nasen für gerade. (Nebenbei bemerkt: Europa ist gerade in Hinsicht auf Logisierung, auf reinlichere Kopf-Gewohnheiten den Juden nicht wenig Dank schuldig; voran die Deutschen, als eine beklagenswert deraisonnable Rasse, der man auch heute immer noch zuerst "den Kopf zu waschen" hat. Überall, wo Juden zu Einfluss gekommen sind, haben sie ferner zu scheiden, schärfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt: ihre Aufgabe war es immer, ein Volk "zur Raison" zu bringen.)
Die fröhliche Wissenschaft, § 348

Auch in höheren gesellschaftlichen Bedingungen erwächst unter ähnlichem Drucke eine ähnliche Art Mensch: nur wird dann meistens der schauspielerische Instinkt durch einen andren Instinkt gerade noch im Zaume gehalten, zum Beispiel bei dem "Diplomaten", - ich würde übrigens glauben, dass es einem guten Diplomaten jeder Zeit noch freistünde, auch einen guten Bühnen-Schauspieler abzugeben, gesetzt, dass es ihm eben "freistünde". Was aber die Juden betrifft, jenes Volk der Anpassungskunst par excellence, so möchte man in ihnen, diesem Gedankengange nach, von vornherein gleichsam eine welthistorische Veranstaltung zur Züchtung von Schauspielern sehn, eine eigentliche Schauspieler-Brutstätte; und in der Tat ist die Frage reichlich an der Zeit: welcher gute Schauspieler ist heute nicht - Jude? Auch der Jude als geborener Literat, als der tatsächliche Beherrscher der europäischen Presse übt diese seine Macht auf Grund seiner schauspielerischen Fähigkeit aus: denn der Literat ist wesentlich Schauspieler, - er spielt nämlich den "Sachkundigen", den "Fachmann".
Die fröhliche Wissenschaft, § 361

Danae und Gott im Golde. - Woher diese unmäßige Ungeduld, welche jetzt den Menschen zum Verbrecher macht, in Zuständen, welche den entgegen gesetzten Hang besser erklären würden? Denn, wenn Dieser falsches Gewicht gebraucht, Jener sein Haus anbrennt, nachdem er es hoch versichert hat, ein Dritter am Prägen falschen Geldes Anteil nimmt, wenn drei Viertel der höheren Gesellschaft dem erlaubten Betruge nachhängt und am schlechten Gewissen der Börse und der Spekulation zu tragen hat: was treibt sie? Nicht die eigentliche Not, es geht ihnen nicht so ganz schlecht, vielleicht sogar essen und trinken sie ohne Sorge, - aber eine furchtbare Ungeduld darüber, dass das Geld sich zu langsam häuft und eine ebenso furchtbare Lust und Liebe zu gehäuftem Gelde drängt sie bei Tag und bei der Nacht. In dieser Ungeduld und dieser Liebe aber kommt jener Fanatismus des Machtgelüstes wieder zum Vorschein, welcher ehemals durch den Glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, entzündet wurde und der so schöne Namen trug, dass man es daraufhin wagen konnte, mit gutem Gewissen unmenschlich zu sein (Juden, Ketzer und gute Bücher zu verbrennen und ganze höhere Kulturen wie die von Peru und Mexiko auszurotten). Die Mittel des Machtgelüstes haben sich verändert, aber der selbe Vulkan glüht noch immer, die Ungeduld und die unmäßige Liebe wollen ihre Opfer: und was man ehedem "um Gottes willen" tat, tut man jetzt um des Geldes willen, das heißt um dessen willen, was jetzt am höchsten Machtgefühl und gutes Gewissen gibt.
Morgenröthe, § 204

Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Juden. Dass sie ihren Würfel geworfen, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur noch übrig, entweder die Herren Europa's zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Ägypten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein andres Volk aufweisen kann, und zwar so, dass nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Übungszeit zu Gute gekommen sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Not am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen, - was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Überlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen, dadurch dass man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, - und wahrhaftig, sie sind unter dieser Prozedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. [...] Sie wissen selber am besten, dass an eine Eroberung Europa's und an irgendwelche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist: wohl aber, dass Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hand fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nötig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen: bis sie es so weit bringen, Das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegzeiger der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die Jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, - wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke! Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europa's verwandelt haben wird: dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf, - und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freun!
Morgenröthe, § 205
Zum Schluss mag man dem hinzufügen, dass Nietzsches Hoffnung wohl nicht in Erfüllung ging. Europa gehört nicht den Juden. Und man mag spekulieren, dass es diese schizoide Maschinerie des 3. Reichs gewesen sein mag, die die geistige Größe europäischer Juden erschüttert hat. Nicht für sie selbst. Doch es ist immer noch eine kleine Fortführung des Holocaust, dass man die Juden seit so langer Zeit als Opfer sieht und nicht als Kultur Schaffende. Wer schon hat Hannah Arendt, wer Jacques Derrida, Emmanuel Lévinas, Norman Finkelstein, Alain Finkielkraut, um nur einige zu nennen, gelesen, wer Adorno oder Benjamin, Scholem oder Raphael?
Wie mir scheint, hat sich bei vielen Deutschen das Andenken an den Holocaust als eine Art Machtmittel gegen die durchgesetzt, die sich nicht sofort dem Lamentieren unterwerfen wollen. Doch nicht nur wurde hier der Holocaust tatsächlich in einer Art und Weise entfremdet und instrumentalisiert, die zu einer der widerwärtigsten Geschichtszüge des "deutschen" Geistes gehören; in dem Juden nur das Opfer einer rassistischen Vernichtungspolitik zu sehen - auch wenn nichts gegen diese Tatsache als Teil-Tatsache spricht! - ist eine unerhörte Abstraktion, ein solch unerhörtes Zusammenstutzen dessen, was im Zeichen jüdischer Kultur hervorgebracht wurde, ein solcher neuerlicher Missbrauch und eine Perpetuierung, den lebendigen Zusammenhang zu Kennzahlen zu quantifizieren.


Die Leser meines Blogs mögen mir meinen Ausbruch verzeihen, aber wenn eben jener unbekannte Kommentierer schreibt, "Nietzsche habe bewiesen, dass die Juden eine minderwertige Rasse seien", so entspricht dies nicht nur nicht den Gedanken Nietzsches, sondern lässt auch auf eine enorme Faulheit gegenüber der Kultur der letzten fünfzig Jahre schließen, die kaum ein anderes Volk als die Deutschen so perfektioniert haben. PISA spricht hier Bände.
Die Deutschen im allgemeinen haben kein Recht über andere Völker zu urteilen, da sie sich nicht interessieren. Sie lesen ja nicht mal ihre eigenen großen Schriftsteller. Selbst unter den Doktoren und Doktoranden trifft man immer mehr Menschen, deren einzige größere gedankliche Leistung es war, ihre Doktorarbeit durchzudrücken. In einem hat Nietzsche eben doch Recht behalten: die Deutschen sind immer noch eine beklagenswert deraisonnable Rasse.



Zitat

Räucherwerk. - Buddha sagt: "schmeichle deinem Wohltäter nicht!" Man spreche diesen Spruch nach in einer christlichen Kirche: - er reinigt sofort die Luft von allem Christlichen.
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, § 142


Nietzsche

Mit allersichersten Dummheit greifen manche Antisemiten - und eben liegt mir ein Kommentar von solch einem vor, den ich nur allzugerne lösche - auf den guten Nietzsche zurück. Trotzdem hat mich dieser Kommentar dazu bewogen, mich noch einmal von Nietzsches feineren Betrachtungen der jüdischen Kultur zu überzeugen. Später dazu mehr.
Hier fiel mir ein Aphorismus in der Hände, den ich euch nicht vorenthalten möchte:
Verderblich. - Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden.
Nietzsche, Friedrich: Morgenröthe, § 297
Bleibt zu sagen, dass man nicht nur die Jünglinge verdirbt, sondern auch die Mädchen, und das diejenigen jungen Männer und Frauen, die sich nur unter ihresgleichen aufhalten, verdorbene Früchte an schief gewachsenen Bäumen sind. Man erkennt solche Menschen daran, dass sie keine Bildung, keine Kultur haben. Sie repräsentieren oder bearbeiten ihre Langeweile.
Vor allem aber schreien sie am lautesten, wenn es darum geht, jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben. - Das sind die Menschen, die ich mittlerweile am rücksichtslosesten aus meinem Leben ausschneide, und, wie ich es mir inzwischen zum Spaß mache, mit deren eigenen Mitteln. Die Reaktionen sind zum Teil erstaunlich.

Metapher und Regel

Die Metapher verdankt sich offensichtlich der Schwerfälligkeit des Begriffsvermögens.
Warburton, William, zit. nach Derrida, Jacques: Grammatologie, S. 466f.

Seien
R1, R2, R3, ...., Rn 
die in einer bestimmten Sprache aktualiter geltenden Regularitäten, so lässt sich im Prinzip gegen jede eine Metapher
M1, M2, M3, ...., Mn
denken. Aber man kann nicht sagen, wo die Metaphorik das herrschende System »angreift«. Sicher ist nur, dass sie es permanent tut. [...]
Jede »gelungene« Metapher, sei sie morphologischer, syntaktischer oder semantischer Art, überschreitet nicht das Gebiet der Grammatik, sondern erweitert es, denn »gelungen« heißt ja, dass aus dem Mk ein Rk wird. Die Metapher wird zur Regel. [...]
Jede Metapher wirkt nach dem Prinzip der Differenz. Stets wird eine Form oder Verwendungsweise gegen andere gesetzt. Stets verändert sich dadurch – Saussures Grundprinzip – auch der Wert der Form, die sich nun einer Opposition gegenübersieht, und dadurch verändert sich ihr Wert auch innerhalb ihrer »regulären« Oppositionen. Also tangiert der metaphorische Prozess immer die gesamte Sprache. Insofern ist auch jede Grammatik etwas ganz anderes, als die linguistische Dogmatik von ihr behauptet: nämlich Zeichen einer gerade nicht konventionellen oder gar konventionalisierten, vielmehr einer gelingenden Praxis intelligenter Sprecher.
Stetter, Christian: Schrift und Sprache, S. 196f.


21.07.2009

Harry Potter und der Halbblutprinz

Hatte ich schon geschrieben, dass ich mit Cedric in dem neuen Harry Potter-Film war? Nein? - Muss auch nicht. Der Film fängt stark an, hat aber sein Tempo nach zehn Minuten (von 150 min Laufzeit) verschossen. Ich fand das Buch grandios, der Film ist katastrophal.


Kleine Einführung in die moderne Gedächtnistheorie

Ich möchte hier ein kleines Buch empfehlen, das eine hervorragende Einführung in die moderne Neurophysiologie des Gedächtnisses ist. Hans Markowitsch, Professor aus Bielefeld, hat es geschrieben. Der C.H. Beck-Verlag hat es in seiner Reihe Wissen veröffentlicht. Es heißt schlicht: Das Gedächtnis. Entwicklung, Funktionen, Störungen.
Ich habe euch einen Link auf Amazon gesetzt, aber ihr wisst ja, dass ihr bei eurem Buchhändler um die Ecke kaufen sollt. Rettet die kleinen Buchläden.

Zigaretten, systemische

für Phantomscherz
Mit der Entwicklung durchsetzungsfähiger politischer Herrschaft gewinnt man die Möglichkeit, die Ablehnung kommunikativer Sinnofferten zu stärken und zugleich von Konfliktfolgen zu entlasten. Es entsteht legitime Gewalt zur Bekämpfung illegitimer Gewalt. Die dafür gefundene Form ist eine strukturell gesicherte Asymmetrie - sei es auf der Basis von Eigentum, sei es auf der Basis von durch Gefolgschaft gesicherter Macht. Wer hier über die Ressourcen verfügt, kann nein sagen, kann sich Hilfs- oder Abgabezumutungen entziehen, ohne mit Konflikten rechnen zu müssen.105
Fßn. 105: Dass dies in der Interaktion unter Anwesenden bis heute schwierig ist, wird man zugeben müssen. Hier helfen neben Interaktionsvermeidungen unter Umständen technische Vorkehrungen. Wer seine Zigarette selber dreht, ist gegen Abgabezumutungen besser geschützt als derjenige, der sie aus dem Päckchen zieht.
Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 467

Die Einzeloperationen erzeugen das System, Sie diskriminieren das, was als System im rekursiven Netzwerk der erkennbar eigenen Operationen reproduziert wird. Sie unterscheiden zum Beispiel forschungsfördernde Kommunikationen von der Bitte um eine Zigarette, die in der gleichen Situation zwischen denselben Beteiligten aus Anlass von kollegialer Bekanntschaft geäußert wird, also von außen gesehen in der »informalen Organisation« des Systems vorkommt, aber nicht zur Autopoiesis des Systems beitragt (so wie nicht alle Moleküle, die sich im räumlichen Verbund einer Zelle finden lassen, zur Autopoiesis des Lebens beitragen).
Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 481

Autopoietische Reproduktion heißt demnach nicht, dass eine bestimmte Handlung in geeigneten Fällen wiederholt wird (etwa dass man jedes mal, wenn man eine Zigarette anzünden will, zum Feuerzeug greift). Wiederholbarkeit muss zusätzlich noch durch Strukturbildung sichergestellt werden.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 233

Einerseits steht die Reproduktion unter der Bedingung von Anschlussfähigkeit, sie muss in die Situation passen; andererseits kann sie Möglichkeiten bieten, im System ein neues System mit eigener System/Umwelt-Differenz zu bilden - und vielleicht ein System, das länger dauern wird als das Ausgangssystem. Man sieht auf einer Party eine Dame eine Zigarette nehmen und kommt ihr (sie ist entsprechend langsam) mit dem eigenen Feuerzeug zuvor.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 258


19.07.2009

Trauerarbeit II

Dass es bei der Trauerarbeit um eine gewisse Nachträglichkeit geht, dürfte bekannt sein. Dass ScribeFire meine zwei Zitate zur Trauerarbeit auf den 6.7. gelegt hat, war mir dann doch zu seltsam. Jetzt habe ich es umgeändert und hoffe, dass die neuesten Artikel auch ganz oben stehen.


Trauerarbeit

Hier noch rasch ein schönes Zitat im Umkreis meiner Arbeit zur Empathie:
Sowohl die Ambivalenz wie auch, mit Hegel zu sprechen, der Kampf auf Leben und Tod, werden durch den Verlust hervorgerufen, ja angestiftet. Wenn die Ambivalenz die Melancholie von der Trauer unterscheidet, und wenn die Trauer als Teil des Prozesses der »Durcharbeitung« Ambivalenz nach sich zieht, dann gibt es keine Trauerarbeit ohne Melancholie. Wie schon bemerkt, vertritt Freud in Das Ich und das Es die Auffassung, dass das Ich aus seinen verlorenen Verhaftungen besteht und dass es ohne die melancholische Verinnerlichung von Verlusten kein Ich gäbe. Die Umkehrung dieser Position verfolgt Freud aber nicht, obgleich seine Theorie den Weg dazu weist: Wenn das Ich Aggressionen gegen den verschwundenen anderen enthält, dann folgt daraus, dass die Wiederveräußerlichung dieser Aggressionen gleichsam die Grenzen des Ich sprengt. Der Wunsch zu leben ist nicht der Wunsch des Ich, sondern ein Wunsch, der im Verlauf seiner Entstehung das Ich unterhöhlt.
Butler, Judith: Psyche der Macht

Pompes funèbres setzt die «Trauerarbeit» so lange fort, bis der erlebte Schmerz in eidos der Sensibilität verwandelt und dessen umfassendstes und klarstes Bewusstsein erreicht ist: «Da sie am Ende der Welt waren, auf dem Gipfel jenes an der äußersten Spitze des Finis Terrae aufgestellten Felsens, konnten sie unbesorgt schauen, sich ganz der vollkommenen Ausführung dieser Tat überlassen ... Man musste sie so intensiv wie möglich machen, das heißt, jeder musste das größte Bewusstsein davon haben, um so viel Leben wie möglich in diese Tat zu konzentrieren. Mögen ihre Augenblicke kurz sein, aber beladen mit Bewusstsein.»
Sartre, Jean-Paul: Saint Genet

18.07.2009

Schauer / Erkenntnis

Der Schauer reagiert auf die kryptische Verschlossenheit, die Funktion jenes Moments des Unbestimmten ist. Er ist aber zugleich die mimetische Verhaltensweise, die auf Abstraktheit als Mimesis reagiert. Nur im Neuen vermählt sich Mimesis der Rationalität ohne Rückfall: ratio selbst wird im Schauer des Neuen mimetisch: mit unerreichter Gewalt bei Edgar Allan Poe, wahrhaft einem der Leuchttürme Baudelaires und aller Moderne. Das Neue ist ein blinder Fleck, leer wie das vollkommene Dies da.
Adorno: Ästhetische Theorie, S. 38
Es ist allerdings mehr noch, scheint mir, ästhetisches Moment, wenn man das Altbekannte und Traditionelle unter dem Schein des absolut Neuen betrachtet. Karl Kraus demonstrierte das an der Operette mit schmiegsamer Zerstörungswut. Und so ist vielleicht noch die Aufgabe, bevor man sich an Begriffen wie Empathie, Kreativität oder Gewalt identifizierend vergeht, sie als frisch geborene Wunder dieser Welt zu betrachten.
Adorno beschreibt diesen Schauer als ein begleitendes Moment der negativen Dialektik, sozusagen etwas, das man ein kritisches Soft-Skill nennen könne.
Weil der Schauer vergangen ist und gleichwohl überlebt, objektivieren ihn die Kunstwerke als seine Nachbilder. Denn mögen einst die Menschen den Schauer in ihrer Ohnmacht vor der Natur als Wirkliches gefürchtet haben, nicht geringer und grundloser nicht ist ihre Furcht davor, dass er sich verflüchtige. Alle Aufklärung wird begleitet von der Angst, es möge verschwinden, was sie in Bewegung gebracht hat und was von ihr verschlungen zu werden droht, Wahrheit.
Adorno: Ästhetische Theorie, S. 124

Genug, an die Erfahrung von Geschwindigkeiten zu erinnern, kraft deren nun die Menschheit zu unabsehbaren Fahrten ins Innere der Zeit sich rüstet, um dort auf Rhythmen zu stoßen, an denen Kranke wie vordem auf hohen Gebirgen oder an südlichen Meeren sich kräftigen werden. Die Lunaparks sind eine Vorform von Sanatorien. Der Schauer echter kosmischer Erfahrung ist nicht an jenes winzige Naturfragment gebunden, das wir »Natur« zu nennen gewohnt sind. In den Vernichtungsnächten des letzten Krieges erschütterte den Gliederbau der Menschheit ein Gefühl, das dem Glück der Epileptiker gleichsah. Und die Revolten, die ihm folgten, waren der erste Versuch, den neuen Leib in ihre Gewalt zu bringen.
Benjamin, Walter: Einbahnstraße, in ders.: GW Band IV, 1, hier: S. 147f.

Bei Äschylus ist der Ekel aufgelöst in den erhabenen Schauer vor der Weisheit der Weltordnung, die nur bei der Schwäche des Menschen schwer erkennbar ist. Bei Sophokles ist dieser Schauer noch größer weil jene Weisheit ganz unergründlich ist. Es ist die lautere Stimmung der Frömmigkeit, die ohne Kampf ist, während die äschyleische fortwährend die Aufgabe hat die göttliche Rechtspflege zu rechtfertigen und deshalb immer vor neuen Problemen stehen bleibt. Die "Grenze des Menschen", nach der Apollo zu forschen befiehlt, ist für Sophokles erkennbar, aber sie ist enger und beschränkter als sie in der vordionysischen Zeit von Apollo gemeint war. Der Mangel an Erkenntnis im Menschen über sich ist das sophokleische Problem, der Mangel an Erkenntnis im Menschen über die Götter das äschyleische.
Nietzsche, Friedrich: Die dionysische Weltanschauung, in ders.: KSA I, S. 569f.

Das Wohlgefallen am Erhabenen der Natur ist daher auch nur negativ (statt dessen das am Schönen positiv ist), nämlich ein Gefühl der Beraubung der Freiheit der Einbildungskraft durch sie selbst, indem sie nach einem andern Gesetze, als dem des empirischen Gebrauchs, zweckmäßig bestimmt wird. Dadurch bekommt sie eine Erweiterung und Macht, welche größer ist, als die, welche sie aufopfert, deren Grund aber ihr selbst verborgen ist, statt dessen sie die Aufopferung oder die Beraubung, und zugleich die Ursache fühlt, der sie unterworfen wird. Die Verwunderung, die an Schreck grenzt, das Grausen und der heilige Schauer, welcher den Zuschauer bei dem Anblicke himmelansteigender Gebirgsmassen, tiefer Schlünde und darin tobender Gewässer, tiefbeschatteter, zum schwermütigen Nachdenken einladender Einöden usw. ergreift, ist, bei der Sicherheit, worin er sich weiß, nicht wirkliche Furcht, sondern nur ein Versuch, uns mit der Einbildungskraft darauf einzulassen, um die Macht ebendesselben Vermögens zu fühlen, die dadurch erregte Bewegung des Gemüts mit dem Ruhestande desselben zu verbinden, und so der Natur in uns selbst, mithin auch der außer uns, sofern sie auf das Gefühl unseres Wohlbefindens Einfluss haben kann, überlegen zu sein.
Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft

»Ein Zauberer weint, wenn er fragmentiert ist«, hatte Don Juan einmal zu mir gesagt. »Wenn er integriert ist, dann überkommt ihn ein Schauer, der infolge seiner Intensität die Macht hat, sein Leben zu beenden.«
Castaneda, Carlos: Das Wirken der Unendlichkeit


Scheußlich

Ich habe heute die Mailing Liste zur Luhmannschen Systemtheorie verlassen. Schon lange haben hier unerträgliche Schwätzer das Wort übernommen und Menschen wie Peter Fuchs die dümmsten Beleidigungen an den Kopf geschmissen. Nun hat Herr Fuchs die Liste verlassen und obwohl immer noch einige qualifizierte Köpfe an dieser Liste teilnehmen, war der unfruchtbare Anteil an Diskussion so massiv, dass ich ebenfalls gegangen bin.
Mich erinnert dieses affektierte Gehabe an eine Lesegruppe zu Adornos/Horkheimers Dialektik der Aufklärung, die außer bornierter Besserwisserei nichts zustande gebracht hat. Man bedauert hinterher, mit solchen Kindereien seine Zeit verplempert zu haben.


09.07.2009

Empathie: a desire to play

»A desire to play, and a desire to win«, mehr braucht es mit einem Wort des Kybernetikers Warren McCulloch nicht, um ein menschliches Verhalten mit Rückkopplungsprinzipien auszustatten, das wegen der mitlaufenden Orientierung an anderen nicht zuletzt auch moralischen, ja ethischen Prinzipien genügt (»Embodiments of Mind«, 1965).
Baecker, Dirk: Nie wieder Vernunft (hier: Management IV)



Sozialkompetenz

Sozialkompetenz. Entwirren des Begriffsdschungels - heißt jenes nebenstehende Werk in freundlichen 70er-Jahre-Farben. Ich habe es rezensiert. Bei media-mania findet ihr die entsprechende Rezension.
Dabei handelt es sich um eine Doktorarbeit, die eben jene Sozialkompetenz auseinanderklabüstern möchte, die sie auf dem Titel stehen hat. Richtig zufriedenstellen kann dieses Werk aber nicht. Dazu klaffen zu viele Lücken.

Begriffe
Recht bezeichnend ist mittlerweile bei Doktorarbeiten, dass Begriffe, die im Titel genannt werden, in der Arbeit nicht definiert werden. Diesen Fehler macht die Autorin dieser Arbeit nicht. Allerdings kommt im Untertitel das Wort Begriffsdschungel vor, eine Katachrese. Das ist immerhin auch ungewöhnlich für eine Doktorarbeit (aber immerhin besser als ein so zweideutiger Titel wie "Lachen macht Schule!"). In dem Wort kommt der Begriff "Begriff" vor. Leser meines Blogs kennen meine andauernde Klage über schlecht definierte Begriffe. Katja Rost - die Autorin - definiert nun nicht, was ein Begriff ist. Aber immerhin ist sie in der Lage, den Kern eines Begriffes zu nutzen, will sagen: sie schreibt strukturiert und zusammenhängend. Damit definiert sie auch den Begriff des Begriffs implizit. Begriffe strukturieren, vernetzen (bilden Zusammenhänge) und leiten zu einem bestimmten Handeln an (wobei Beobachten als eine Sonderform des Handelns gilt).
Grundlegend bin ich also erstmal einverstanden mit dem, wie die Autorin schreibt.

Historisieren
Es gibt aber eine ganze Reihe von Problemen in dieser Arbeit.
Was mich generell wundert, teilweise auch ärgert, ist die traditionslose Arbeitsweise, die in vielen pädagogischen Gebieten getan wird. Jedenfalls scheint es, als würde ein bestimmter Begriff oder eine bestimmte Denkweise gerade wieder neu erfunden. So kann man aber die ganze Welt der soft-skills durchaus mit der Maximenliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts parallelisieren. Auch Machiavellis Buch Der Fürst ist ja eine Art Management-Literatur für den aufgeklärten Staatsführer.
Und wer wollte bei Wörtern wie Selbsterkenntnis, Entscheidungskompetenz, Reflexionsvermögen und ähnlichen nicht auch mal an Kant und seine drei Kritiken denken? Der diese soft-skills nicht unter diesen Bezeichnungen hat laufen lassen. Und dessen transzendentaler Idealismus sicherlich nicht mehr so gut zu systemischen Betrachtungsweisen passt. Trotzdem weiß Kant durchaus Kluges und Sinnvolles anzuregen, gerade auch für Bereiche wie die soziale Kompetenz. Anregen heißt ja nicht: nachahmen.
Schließlich - um einen der bekannteren zu nennen -: Nietzsche. Nietzsches Projekt könnte man auch mit dem Titel versehen: Der Mensch im großen und kleinen Verkehr. Also in Politik/Kultur und Familie/Alltag. Was Nietzsche zu sagen weiß, ist oft wesentlich besser als mancher moderne Autor vor sich hinschreibt. Wir hätten einen Daniel Goleman nicht in den Bestsellerlisten gebraucht, hätten hinreichend viele Menschen ihren Nietzsche gelesen. Edward deBonos Buch Der kluge Kopf weiß den Aphorismen Nietzsches nichts hinzuzufügen (obwohl deBonos Buch eindeutig eins der sehr guten heutiger Ratgeberliteratur ist).
Die Autorin, Katja Rost, historisiert nun auch, aber nur ein bisschen. Sie geht nicht den historischen Ausprägungen sozialer Kompetenz nach, sondern beschreibt Gründe für den Wandel der sozialen Kompetenz. Falsch ist hier schon, dass der Ausgangspunkt des Wandels garnicht festgestellt wird. So schreibt sie, dass die Hierarchien nach und nach abgebaut werden würden, je mehr sich die Industriegesellschaft zu einer Informationsgesellschaft wandeln würde. Gerade dies ist nicht nur eine fragliche Behauptung. Auch unter historischen Gesichtspunkten ist diese Idee nicht neu. Bestimmte Ausprägungen des Christentums haben diese Enthierarchisierung vertreten. Im Judentum ist jeder ein Rabbiner, der Jude ist und die Thora interpretiert, also im Prinzip jeder Jude. Karl Marx sah im Kommunismus den gleichberechtigten Umgang der Menschen miteinander, ohne Ansehen ihrer Herkunft, also eine enthierarchisierte Interaktion als dominierendes Prinzip.
Man kann der Autorin also vorwerfen, dass sie die Geschichte missachtet und nur deshalb den flachen Hierarchien eine Neuheit zuschreiben kann.
Es ist übrigens seltsam, dass diese völlige Missachtung der historischen Herkunft einher geht mit den großangelegten Projekten der Kulturwissenschaft, Europa über sich selbst aufzuklären. Diese beiden Strömungen stehen im Kontrast zueinander. Aber es gibt auch gewisse Korrespondenzen. Indem die Vergangenheit mit einem zunehmend kritischen Auge betrachtet wird, schält sich eine verwirrende Unsicherheit heraus, wer wir nun eigentlich sind, ob wir nicht die gleichen Fehler wieder begehen, uns auf die gleichen Illusionen einlassen. Demgegenüber steht nun die ganze Ratgeberliteratur, die das andere Feld der Unsicherheiten in den Griff bekommen möchte: das Feld der Zukunft. Sicher ist es wichtig, seinen Halt in etwas anderem zu suchen als einer unhinterfragten Tradition. Ob dies durch Sicherheitsversprechen für die Zukunft bewerkstelligt werden kann, ist fraglich. (Ich übertreibe hier in beide Richtungen maßlos: trotzdem wird man diesen Kontrast, auf den ich hier anspiele, leicht nachvollziehen können.)

Soziologisch diffus
Ein weiteres Problem dieses Buches ist, dass es sich nicht soziologisch fundiert. Wer eine soziale Kompetenz einsetzen möchte, muss wissen, in welcher Gesellschaft dies passiert. Soziale Kompetenzen sind keine Automatismen.
Vor allem aber sind soziale Kompetenzen so vielfältig, dass man eine Situation gut abschätzen können muss, um hier eine bestimmte Strategie mit relativ gutem Erfolg verfolgen zu können. Man braucht ein soziologisch ausgearbeitetes Modell, um den sozialen Sinn einer Methode abschätzen zu können.
Nun bleibt die Autorin hier aber genauso abstinent wie bei der Geschichte. Ein Weniges wird angedeutet. Der Rest ist Schweigen.
Nicht, dass es mich wundern würde. Viele Ratgeber warten mit Heilsversprechungen auf, die ebenso esoterisch wie gesellschaftsblind sind. Keinesfalls sind sie analytisch. Analytisch heißt auch: zum Beobachten und Reflektieren geeignet.


Deutlich ist diese Arbeit zu groß gefasst. Die genauere Diskussion einzelner Aspekte sozialer Kompetenz hätten (mindestens) eine Doktorarbeit für sich gebraucht. Diese Arbeit liefert keinen Aspekt gründlich. Trotz klarer Begriffe zerfasert so alles jenseits einiger klarer Bereiche sofort ins Ungewisse.