23.07.2009

Negative Rückkopplung

Gestern wurde ich mit einem Kommentar beglückt, der so sensationell dämlich und zugleich antisemitisch war, das ich mich gedrängt gefühlt habe, ein wenig den guten Nietzsche zu zitieren. Ich danke hier ausdrücklich Jan, der mir dazu heute eine mail schrieb, in der er meine moralisch differenzierte Haltung lobt. Natürlich freue ich mich über ein solches Urteil. Allerdings möchte ich dieses Urteil trotzdem gerne auf Distanz halten. Es gibt angesichts eines unfassbaren Verbrechens keine fassbare Position. Ich werde mich davon nicht ausnehmen. Trotzdem ist es wichtig, sich zum Holocaust und dem, was darauf folgte, immer wieder zu äußern. Oder, wie Marx schlicht formulierte: Die Ideologie muss ihr Maul aufmachen.

Mind-Maps: Kreativität oder Analyse?

Heute erreichte mich auch eine andere mail, die sich auf meinen Artikel zum negativen Denken bezog. Ich hätte, so der Verfasser, "keinerlei kybernetischen Sachverstand". Ich danke für dieses dezidierte Urteil. Der Verfasser schreibt: "Mind-maps sind kreativ. So steht es in tausenden Bücher. Sie besitzen die Frechheit, sich hier quer zu stellen."
Nun hatte ich meine Meinung damals mit der schlichten Beobachtung begründet, dass mind-maps ein Thema in ein Netz aus Verbindungen auflösen, was sie einer bestimmten Art der Analyse gleichstellt. Aus Büchern nachplappern, ohne über den Wert ihrer Aussagen nachzudenken, halte ich dagegen nicht für eine besonders gute Idee.
Sich quer zu stellen ist ebenfalls kein Einwand, sofern man sich auf eine konstruktive Art und Weise quer stellt. Nachplappern kann jeder gut dressierte Papagei. Eigene Gedanken zu haben, dazu gehört Intelligenz.
Ich muss also dem Verfasser jener mail vorwerfen, dass er mich auf diese Art und Weise kritisiert hat. Dass ich diese Art der Kritik zurückweise, heißt noch lange nicht, dass meine Position richtig ist. Wenn ich hier aber meine eigene Einschätzung bewerten sollte, so halte ich sie nicht für falsch, sondern noch für zu undifferenziert. Letzten Endes verweist die Beobachtung, mind-maps seien analytisch, auf die Frage, wie analytisch denn das Analytische sei. Ob hier nicht, mit Derrida zu sprechen, ein zumindest im Teil performativer Selbstwiderspruch vorliegt, wenn ich etwas als analytisch benenne.

Kein positives Denken

So weit, so gut.
Eine andere Behauptung des Verfassers ist, dass ich den Wert des positiven Denkens nicht genügend hervorheben würde.
Das war aber nicht Sinn und Zweck meines Eintrags. Ich finde das positive Denken gefährlich, und die Entdeckung, man müsse es jetzt wieder mit negativem Denken versuchen, albern.
Ich bin sehr rasch von dieser Opposition abgekommen und habe statt dessen auf eine andere gängige Unterscheidung gebaut, die zwischen divergentem und konvergentem Denken. Es ist in dem entsprechenden Artikel nachzulesen.

Molar/Molekular

Ein Grund, warum ich mich von dem positiven und dem negativen Denken seit langer Zeit distanziere, beruht auf einer Einteilung der französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari. Diese haben zwischen molaren und molekularen Einheiten unterschieden. Ich mache diesen Unterschied gerne an der Sexualität klar.
Die molare Sexualität rekurriert auf große Einheiten, bzw. auf ideelle Begriffe, wie zum Beispiel Heterosexualität und Homosexualität, Mann und Frau. Eine empirische Erscheinung bekommt ihre Grenzen gleichsam von der Idee aufdoktriniert. Wenn zum Beispiel Uwe sagt, er sei homosexuell und sich auf bestimmte übliche oder abstrakte Erscheinungsformen stützt, dann holt er sich Rückhalt in einer Art ideellen Wesenheit der Homosexualität. Die molekulare Sexualität dagegen kennt keine solche Wesenheiten. Sie besteht aus Sinnlichkeiten, die gut ohne einen Begriff auskommen. Unter molarer Perspektive müsste man Uwe, weil er mit Männern schläft, als homosexuell bezeichnen. Unter molekularer Perspektive ist er sonstwas. Er könnte unter gewissen Bedingungen einem heterosexuellen Peter ähnlicher sein, als einem homosexuellen Andreas, ohne den geringsten Zweifel an seiner sexuellen Vorliebe haben zu müssen.

Grammatisch positiv

Positives und negatives Denken sind in diesem Sinne nicht per se gut. Sie stehen durch ihre Verbindungen in ihr Umfeld unter dem Zwang, bestimmte strukturelle Tatsachen zu schaffen oder zu unterdrücken. Strukturelle Tatsachen können aber auch dann entstehen, wenn etwas als absolut positiv gedacht wird. Denkt man sich Frauen als pflichtbewusst, fürsorglich und duldsam, hat man Frauen positiv beschrieben. Nur: grammatisch positiv! Strukturell gesehen grenzt es Frauen auf einen sehr kleinen Lebensbereich ein.
Man kann eben alle Sätze grammatisch positiv formulieren. Doch das ist wohl eine rein kosmetische Operation.

Negative Rückkopplungen

Vor einiger Zeit habe ich mal wieder Vesters Buch Die Kunst, vernetzt zu denken gelesen. Dort hatte ich einen Sachverhalt kybernetischen Denkens gefunden, der meine Ansicht teilweise stützt, teilweise erweitert. Ich wollte schon längere Zeit darüber schreiben. Jetzt hat mir der Verfasser jener mail die Notwendigkeit geliefert, Vesters Gedanken hier vorzustellen.
Vester schreibt auf S. 128 seines Buches, dass die negative Rückkopplung über die positive Rückkopplung dominieren muss.
Positive Rückkopplung würde, ließe man sie laufen, zu immer mehr, immer mehr führen. Letztendlich würde sie ins Unendliche abschwirren. Dieser Gedanke ist nicht unüblich. Man findet ihn heute meist im Bereich des Profits. Es ist aber doch unwahrscheinlich, dass solche sich steigernden Schleifen nicht irgendwann auf ihre Grenzen stoßen. Für den Profit erleben wir das derzeit im Großen mit der weltweiten Wirtschaftskrise.
Negative Rückkopplungen sorgten, so Vester an gleicher Stelle, für Stabilität gegen Störungen und Grenzüberschreitungen.
N>egative Rückkopplungen sind, folgt man Vester, notwendig, um stabile Zonen zu schaffen. Will man es salopp ausdrücken, dann sind es jene Regelkreise, in denen ein System, ein Mensch, ein Unternehmen sich seiner selbst bewusst wird.
Nehmen wir eine Ehe als Beispiel. Er kann nicht zuhören, denkt sich seinen Teil und argwöhnt, er könne mit seiner Frau über bestimmte Dinge nicht reden. Sie dagegen ist überpeinlich bemüht, es ihm recht zu machen, in Krisensituationen ihren eigenen Wirkungskreis noch weiter einzuschränken und ihm keine schwierigen Fragen zu stellen. Beide bauen nun positive Regelkreise für dieses Muster auf. Der Mann bestärkt sich darin, dass seine distanzierte Art den Bruch zwischen beiden vermeidet. Er weicht den schwelenden Konflikten aus und erklärt sich nicht selbst. Sie dagegen glaubt, dass sie den Bruch durch Anpassung unwahrscheinlich macht. Doch je mehr sie sich anpasst, umso weniger ist sie sie selbst, bis sie sich schließlich ganz aufgibt und nichts mehr zu bieten hat als eine reine Phantasie-Existenz. An irgendeiner Stelle wird nun die negative Rückkopplung diese Ehe auseinanderreißen. Je weniger sie ihm präsent ist, umso geringer ist die Hürde, eine andere Frau attraktiv zu finden. Und je mehr er sich schweigend distanziert, umso weniger kann sie im Konkreten an Gefallen finden.
Hier geraten zwei in sich aufschaukelnde Regelkreise über die umfassenderen Muster in einen zerstörerischen Zusammenhang. Keiner der beiden nutzt dem anderen für den Aufbau negativer Rückkopplungen.
Ähnlich erscheint es mir bei dem, was manche Coaches praktizieren. Es wird positiviert und positiviert. All dies ist jedoch rein grammatisch. Strukturell scheint das einige Zeit lang zu funktionieren. Irgendwann muss aber dieses stetige sich Aufschaukeln an seine Grenzen kommen. Und dann erwischt die negative Selbstregulation eines Systems die Beteiligten meist so überraschend, dass sie an einen bösen Zufall glauben.
Negative Selbstregulation ist nun nicht negatives Denken. Ich halte mich weiterhin von solch einem Begriff fern. Immerhin aber dürfte deutlich geworden sein, dass sowohl Divergenz als auch Konvergenz (wie beim divergenten und konvergenten Denken) positive Regelkreise sind, die ohne negatives Feedback ins Blaue schießen.

Schluss

Dieser Eintrag ist wohl so etwas wie eine Zwischenbemerkung. Weitere Erläuterungen müssten folgen.
Ich mag definitiv solche Behauptungen wie "keinerlei kybernetischer Sachverstand" nicht. Es mag sein, dass mein Artikel oberflächlich war. Aber weder beweist er, ich hätte Ahnung von Kybernetik, noch behauptet er implizit das Gegenteil.
Jedenfalls kann ich solche Einwände als eine negative Rückkopplung nutzen und hier nochmal versuchen, mich zu positionieren.
Kommentar veröffentlichen