06.07.2009

Warum Erzählanalysen so schwer fallen

Erzählungen verlaufen für den Leser oberflächlich linear. Ein Wort folgt aufs andere, dem einen Satz gliedert sich der nächste an, die Ereignisse verketten sich. All dies weist auf einen schnurgeraden Weg hin.
In der Analyse dagegen malträtiert man diese Abfolge. Man sucht sich Elemente heraus, ähnliche Ereignisse, kontrastive Ereignisse, eine Person, bestimmte Stilmittel. Man bricht die Sätze auf, man bricht die Erzählung auf. Man handelt wider den Geschmack des Lesens.
Ein anderer Grund, warum die Analyse von Erzählungen so schwer fällt, liegt darin, dass wir beim Lesen schon eine ganz natürliche Analyse vornehmen. Intuitiv fassen wir bestimmte Erzählstränge zusammen, bemerken Stimmungen, die Logik von Sequenzen und vieles mehr. Anders lassen sich Erzählungen garnicht lesen. Würden wir beim Lesen nicht immer schon analysieren, zergliedern und neu zusammenfassen, geriete uns die Erzählung zu einer Abfolge unverständlich aufblitzender Momente. - Es ist jedoch gegen unsere Gewohnheit, auf diese natürliche Erscheinung im Denken zu reflektieren. Sie passiert und wir sind damit zufrieden. Will ich jedoch nun analysieren, muss ich nicht zuallererst wissenschaftliche Instrumente erlernen, sondern diesen inneren Prozess reflektieren. Ich muss für mein eigenes Lesen sensibel werden. Manche Menschen können das nicht, andere sind zu bequem oder fürchten, dass sie bei dieser Innenschau ihre eigenen Monster entdecken.

Wer sich an die Analyse von Erzählungen macht, tut gut daran, dies zunächst "frei Schnauze" und fragmentarisch zu machen. Aber das gilt nicht nur für die Analyse von Erzählungen, sondern von wissenschaftlichen Büchern, sozialen Prozessen und und und ...
Jede Analyse beginnt mit dem Erforschen derjenigen analytischen Fähigkeiten, die wir schon besitzen. Analysieren ist zunächst (und immer wieder) ein Selbstfindungsprozess.


Kommentar veröffentlichen