22.12.2009

Telefon

Mein Telefon funktioniert wieder.
Da schrieb mir dann doch eine Verlagsfrau, als ich ihr gestehen musste, dass mein Telefon gerade nicht funktioniert, so ohne Technik sei es doch auch mal ganz schön.
Stimmt! Ich bin halb wahnsinnig geworden.


noch einer

Von Thomas Mann geträumt. Ich versäumte es, aus seinem Nachlass das große Service zu ersteigern. Statt meiner tat das die Bundeswehr.
Kempowski, Walter: Sirius, S. 165



21.12.2009

Schicksal

Die Hälfte der Menschheit hat eine unglückliche Kindheit gehabt, die wird auf die andere Hälfte der Menschheit losgelassen.
Kempowski, Walter: Sirius, S. 221
Ich gehöre wohl eindeutig zur ersten Hälfte. Auf jemanden losgelassen werden lese ich hier aber ganz neutral. Das ist so das Zucchini-Dasein von uns farblosen Menschen. Kaum schmeißt man uns zu diesem oder jenem Gewürz, nehmen wir dessen Geschmack an. Würde ich gerade an mir lecken, hätte ich wohl einen gewissen Kempowski-Geschmack an mir. Auch nach Kisch würde ich schmecken. Der hat nämlich, zu meiner Erheiterung, folgendes geschrieben:
- Sie ist verliebt.
- In wen?
- In Charlie Chaplin.
- Teufel, Teufel!
Ich habe mir das Buch sofort ausgeliehen, heute mittag, in der Bibliothek, finde aber gerade die Stelle nicht. Im übrigen ist Egon Erwin Kisch ganz köstlich. So wie ich, wenn denn die Umgebung genug gewürzt ist.


Meinungs- und Pressefreiheit

Die Meinungs- und Pressefreiheit ist kein Recht auf fehlenden Respekt.
sagt Paulo Coelho in einem Interview und fährt fort:
Um auf das jüdische Recht zurückzukommen: Sie sollten sich frei äußern können, aber sie müssen die Werte der anderen respektieren. Der islamische Fundamentalismus, dessen mörderische Gewalt wir heute begegnen, ist auch eine Reaktion auf den westlichen Fundamentalismus.
Gerade schreibe ich den Artikel über die berliner Literaturszene zu Ende. Dafür habe ich mich mit zahlreichen Menschen unterhalten, die mit Literatur zu tun haben. Der ganze klassische Buchmarkt ist in Bewegung geraten.
Und hier ist gerade auch Paulo Coelho ein sehr bezeichnender Autor. Nicht nur betont er die Kreativität des Internets. Er betreibt auch sehr aktiv einen Blog.
Dazu gibt es mehr im nächsten Media-Mania-Magazin. Das erscheint im Februar.


17.12.2009

Vierzehenferkel

Auch ein toller Film.

Termine

Lea Streisand liest am 19.12.2009 ab 21:00 Uhr in der Z-Bar, zusammen mit anderen Autoren.
Christian von Aster liest am 20.12.2009 ab 20:00 Uhr im Kreativzentrum von periplaneta.


periplaneta et al.

Nach diesem Tag bin ich rechtschaffen müde.
Den Morgen über habe ich Interviews abgetippt und meinen Computer aufgeräumt, um ein rechenintensives Spiel noch einmal schneller zu machen und dann endgültig meine Rezension zu diesem Spiel zu schreiben. Zwischendurch habe ich an meinem Konzept für eine Reihe Vorträge zur postmodernen Epistemologie gearbeitet.
Dann war natürlich morgens auch erstmal Cedric da, was heißt, dass ich frische Brötchen gebacken habe und zwischendurch ausgiebig gefrühstückt habe. Die Brötchen müssen handwarm sein, dazu gibt es bei mir Butter, manchmal einen Hauch Senf, oder, im Sommer aber eher, Kräuter als Belag.
Um drei habe ich mein verpasstes Date mit Lea Streisand nachgeholt. Wir haben uns festgequatscht, haben ähnliche Meinungen über den Humor im allgemeinen und den deutsche Humor im Besonderen festgestellt und eine Menge mehr ähnlicher Themen, ohne dass wir uns nun eintönig nennen könnten. Jedenfalls darf ich hier nochmal ein Weihnachtsgeschenk für alle Unentschlossenen und Spätzünder empfehlen: Wahnsinn in Gesellschaft, über amazon oder den Buchhandel erhältlich. Diese Lese-/Hör-CD ist für 14,99€ erhältlich, enthält 23 Geschichten zwischen 2 bis 10 Minuten Länge und präsentiert einen ganz wundervollen, sehr kultivierten, geradezu undeutschen Humor (wenn man als deutsch das bezeichnet, was uns zuhauf im Fernsehen präsentiert wird).

Dann habe ich noch eine Lesung mitgenommen. Ich bin im periplaneta-Verlag aufgeschlagen, die das Hörbuch Troll! von Christian von Aster vorgestellt haben. Dazu mag ich nicht so viel sagen, da mich zwischendurch ziemlich die Müdigkeit gepackt hat und ich unaufmerksam geworden bin. Der Aufbau ist jedenfalls kunstvoll (und nicht am Ende eines langen Tages sinnvoll zu hören, jedenfalls mir nicht): hier werden in die Hauptgeschichte kleinere Geschichten eingelagert, die aber untereinander korrespondieren.
Da mein Telefon immer noch nicht funktioniert, wollte ich sowieso persönlich vorbeikommen, um einen Interview-Termin auszumachen. Der findet morgen nachmittag statt.



15.12.2009

Ehrenwerte Gesellschaft

Ich trat in ein Wachskabinett; die Gesellschaft des Potentaten sah sehr liederlich und vernachlässigt aus, es war eine erschreckende Einsamkeit, und ich eilte durch sie hin in einen abgeschlossenen Raum, wo eine anatomische Sammlung zu sehen war. Da fand man fast alle Teile des menschlichen Körpers künstlich in Wachs nachgebildet, die meisten in kranken, schreckbaren Zuständen, eine höchst wunderliche Generalversammlung von menschlichen Zuständen, welche eine Adresse an den Schöpfer zu beraten schien. Ein ansehnlicher Teil der ehrenwerten Gesellschaft bestand aus einer langen Reihe Gläser, welche vom kleinsten Embryo an bis zum fertigen Fötus die Gestalten des angehenden Menschen enthielten. Diese waren nicht aus Wachs, sondern Naturgewächs und saßen im Weingeist in sehr tiefsinnigen Positionen. Diese Nachdenklichkeit fiel um so mehr auf, als die Burschen eigentlich die hoffnungsvolle Jugend der Versammlung vorstellten. Plötzlich aber fing in der Seiltänzerhütte nebenan, welche nur durch eine dünne Bretterwand abgeschieden war, eine laute Musik mit Trommeln und Zimbeln zu spielen an, das Seil wurde getreten, die Wand erzitterte, und dahin war die stille Aufmerksamkeit der kleinen Personen, sie begannen zu zittern und zu tanzen nach dem Takte der wilden Polka, die drüben erklang: es trat Anarchie ein, und ich glaube nicht, dass die Adresse zustande kam.
Diese wundervolle Passage aus Kellers Traumtagebuch fand ich gerade in Blochs Das Prinzip Hoffnung.
Ich beschäftige mich, seit einiger Zeit schon, mit dem Humor, nicht nur wegen Lea Streisand und Matthias Keidtel, sondern auch, weil dieser für die Rhetorik eine schöne Herausforderung darstellt (siehe die Figuren der Schlagfertigkeit).


Man lese hier aber zum Beispiel nur den Satz:
Diese waren nicht aus Wachs, sondern Naturgewächs und saßen im Weingeist in sehr tiefsinnigen Positionen.
Dieser Satz hat nicht nur durch den fast reimerischen Bezug zwischen Wachs und Gewächs und die implizite Sprachmelodie einen feinen sprachlichen Humor. Er steht, für sich genommen, allen möglichen Assoziationen offen, die sich aus dem Kontext nicht erschließen lassen wollen. Auch dies ist eine Technik des Humors, dass sich, durch Metaphern (saßen), Untertreibungen (Naturgewächs) und Prosopopoein (tiefsinnig), ein Satz sowohl in den Zusammenhang fügt, als sich auch aus ihm losreißt.
Auch mit dem nächsten Satz findet man einen gleichsam schwebenden Humor, als der Erzähler sich scheinbar ernst nimmt, ja, die Belebtheit der in Alkohol konservierten Föten wörtlich nimmt und eben schreibt:
Diese Nachdenklichkeit fiel um so mehr auf, als die Burschen eigentlich die hoffnungsvolle Jugend der Versammlung vorstellten.
Hier wird die Untertreibung vollends zum Euphemismus (hoffnungsvolle Jugend für einalkoholisierte Embryos). Witzig daran ist auch der Kontrast (Jugend / Potentaten).


11.12.2009

e-mails

Auch die e-mails funktionieren mittlerweile wieder.
Die neue Mail-Adresse schicke ich in den nächsten Tagen herum.


10.12.2009

Internet-Provider

Ich habe einen neuen Internet-Provider. Das Telefon geht, auch das Internet. Jetzt muss ich nur noch die e-mails zum Laufen bringen.


Fernsehen

Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.
Groucho Marx



09.12.2009

Humor

Dann sammle ich gerade wieder humorvolle und schlagfertige Sprüche und ordne diese in Kategorien ein. Außerdem habe ich danach ein paar kurze Szenen entworfen, die allerdings einen solchen Bühnencharakter hatten, dass ich sie hier nicht veröffentlichen wollte. Aber eines kann ich sagen: es funktioniert prima.

Eine von Harald Schmidt gerne angewandte Technik ist die "... oder wie man in X sagt: ..."
Schmidt erklärt irgendetwas, dann ergänzt er oben genannten Satz und eine schräge Analogie.
Beispiel?
Idiotentest bestanden - oder wie man in Nordrhein-Westfalen sagt: ich habe Abitur.



und sonst?

Heute: Abschluss des Projektes Lerntipps und Eselsbrücken.
Donnerstag: Nachmittags Treffen mit den Klassensprechern aus der Klasse meines Sohnes wegen Absprache des nächsten Elternabends, abends Oper (Rossini: Der Babier von Sevilla) mit Robert, einem pensionierten Englischlehrer, der mir mit seinem trockenen englischen Humor und seinem feinsinnigen Understatement zwei Weihnachtsbrunches bei meinem Onkel zum Vergnügen gemacht hat (obwohl nicht nur er).
Samstag / Sonntag: Cedric ist bei mir.
Zwischendurch werde ich weiter mein Geschriebsel für meine Einführung in die Sonderpädagogik ausfeilen.
Außerdem hatte ich heute eine Projektvorstellung, die gar keine Projektvorstellung war, sondern zunächst eine Info-Veranstaltung, was die Rahmenbedingungen des Projekts angeht. Aber ich arbeite trotzdem mein Konzept weiter aus, auch, weil ich hier noch mal viele Grundlagen wiederholen kann.
Und dann werde ich das nächste Media-Mania-Magazin so langsam auf den Weg des Designs bringen müssen.


Interviews

Für das Media-Mania-Magazin habe ich in den nächsten Tagen mehrere Interviews zu führen. Da freue ich mich auch schon drauf.
Unter anderem treffe ich mich mit Lea Streisand. Hier ist ihre Internet-Seite. Dort gibt es auch die CD Wahnsinn in Gesellschaft zu kaufen, die ganz ganz wundervoll hintersinnig ist. Da ist jede Geschichte zum dreimal lachen und einmal schlucken. Nun, auf das Interview bin ich sehr gespannt.
Außerdem treffe ich mich mit Menschen, die in irgendeiner Art und Weise mit Lesen zu tun haben, sei es, dass sie ungewöhnliche Bücher verkaufen, sei es, dass sie ungewöhnlichere Orte des Lesens anbieten. Freitag werde ich morgens bei Roland Müller sein, dem Mitinhaber der Buchhandlung Eisenherz, die sich auf schwule Bücher spezialisiert hat (oder die, wie man so sagt, eine schwule Buchhandlung ist). Periplaneta werde ich vorstellen und einen kleinen Hörbuchverlag. Neben den Nischen und dem wirtschaftlichen Überleben wird es viel um Lesen und um Lesekultur gehen.
Außerdem habe ich mir eine nette Feldforschung ausgedacht. Mal sehen, ob ich die noch umsetzen kann.


Grumpf

Seltsamste Besucherzahlen: Samstag hatte ich fast tausend Besucher, sonntags fünfhundert, die letzten beiden Tage etwas über hundert.
Topps der Suchbegriffe:
  1. Charakterisierung Beispiel
  2. sinnentnehmendes Lesen
  3. szenisches Schreiben
  4. semantisches Gedächtnis
  5. Muster Charakterisierung
  6. Sherlock Holmes das gesprenkelte Band
  7. Matthias Keidtel (der ganz neu eingestiegen ist, allerdings mit über 120 Treffern mittlerweile, dabei habe ich noch garnichts zu ihm geschrieben, außer dass ich ihn jetzt kenne)


05.12.2009

Amphibolie

Die Amphibolie ist ein rhetorisches Mittel und bezeichnet eine Doppeldeutigkeit, bzw. ein Wortspiel oder einen pointierten Doppelsinn.
Sehr hübsch ist zum Beispiel ein Kalauer, den Freud zitiert: Er hat viel verdient und soll sich etwas zurück gelegt haben, während sie sich etwas zurück gelegt und dabei viel verdient hat.
Mein Lieblingsbeispiel allerdings ist immer noch: Ich bin so gut zu Luchsen wie du zu Vögeln.
Neulich fand ich in einem Streiflicht: Auch Diebe können ihrem Broterwerb in Bäckereien nachgehen.
Grund, warum ich gerade zur Amphibolie schreibe, ist, dass seit vorgestern bei Google dieses Wort mehrmals gesucht worden ist.

Poetische Codes
Roland Barthes schreibt in Die Ausgänge des Text (aus: ders., Das Rauschen der Sprache, S. 267-278) folgendes:

Im Text Batailles gibt es zahlreiche »poetische« Codes: einen thematischen (nieder/hoch, edel/unedel, leicht/schlammig), einen amphibologischen (das Wort »Erektion« zum Beispiel) und einen metaphorischen (»der Mensch ist ein Baum«); es gibt auch Codes des Wissens: einen anatomischen, zoologischen, ethnologischen und historischen. Es versteht sich von selbst, dass der Text - durch den Wert - über das Wissen hinausgeht; aber selbst innerhalb des Felds des Wissens gibt es Unterschiede des Drucks, der »Seriosität«, und diese Unterschiede erzeugen eine Heterologie. Bataille inszeniert zweierlei Wissen. Ein endoxes Wissen: das von Salomon Reinach und der Herren des Redaktionskomitees von Documents (der Zeitschrift, aus der der hier betrachtete Text stammt); ein zitierendes, referentielles, Reverenz erweisendes Wissen. Und ein fernes, von Bataille (seiner persönlichen Bildung) erzeugtes Wissen. Der Code dieses Wissens ist ethnologisch; er entspricht in etwa dem, was man früher als Magasin pittoresque bezeichnete, einer Sammlung sprachlicher und ethnologischer »Kuriositäten«; in diesem Diskurs des zweiten Wissens gibt es eine doppelte Referenz: das Fremdartige (das Anderswo) und das Detail; dadurch wird das Wissen (sein Code) bereits erschüttert, weil läppischer und miniaturisiert; am Ende dieses Codes steht das Staunen (»die Augen aufreißen«); es ist insofern das paradoxe Wissen, als es staunt, sich entnaturalisiert, das »Selbstverständliche« erschüttert. Diese Jagd auf das ethnologische Faktum steht sicherlich der Romanjagd sehr nahe: Der Roman ist tatsächlich eine gefälschte Mathesis, die zu einer Entwendung des Wissens unterwegs ist. Diese Reibung von Codes unterschiedlicher Herkunft, von verschiedenen Stilen,steht im Gegensatz zur Monologie des Wissens, die die »Spezialisten« in den Himmel hebt und die Polygraphen (die Amateure) verachtet. Im Grunde entsteht ein burleskes, heteroklites (etymologisch: nach beiden Seiten geneigtes) Wissen: das ist bereits eine Schreiboperation (die Schriftstellerei verlangt die Trennung der Wissensarten - wie man sagt: die Trennung der Gattungen); das Schreiben, das von einer Mischung der Wissensarten herkommt, hält die »wissenschaftlichen Arroganzen« in Schach und bewahrt gleichzeitig eine scheinbare Lesbarkeit: ein dialektischer Diskurs, der der des Journalismus sein könnte, wenn er nicht unter der Ideologie der Massenkommunikationen abgeflacht wäre.
Der "gute Humor" kann, wie etwa die Amphibolie, ihren Ausgang nur von anderen Codes nehmen. Es gibt keinen Code, der monologisiert.
Hier sei nochmal auf den Blog von Phantomscherz verwiesen, aber auch den von Daniel Subreal. Beide mischen die Codes, Phantomscherz in einer provokativen, Daniel Subreal in einer surrealistischen Form (wobei sein "Surrealismus" darin besteht, dass die Realität umso metaphorischer erscheint, je konkreter er sie schildert).
Mario Barth dagegen probt den Monolog. Das funktioniert natürlich nicht. Während Daniel Subreal die verschiedenen Codes zwar vermischt, dabei aber auch differenziert, entstehen die Verwechslungen bei Barth durch Entdifferenzierung. Oberflächlich gesehen mag das auf die gleichen rhetorischen Mittel hinauslaufen. Doch der Unterschied wird spätestens dann deutlich, wenn man die Ebene der Argumentation hinzu nimmt. Barth scheint eine starke Interpretationsregel zu haben, die er, 'ironisch', mit dem Titel seiner Show ankündigt. Daniel dagegen entzieht diese Regeln der Interpretation, überspringt sie oder deutet sie nur an. Gerade dadurch wird der Code aber auch umfangreich, da es viel zu entdecken und viel zu verstehen gibt.
Man kann also genau dann von einem "guten Humor" sprechen, wenn zwischen den Figuren der Wortbedeutung (Metapher, Metonymie, z. T. Amphibolie, Katachrese) und den Figuren der Argumentation ein Bruch entsteht und eine fortlaufende Reibung.


Amphibolie der Reflexionsbegriffe

Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transzendentalen Amphibolie, d. i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erscheinung, gründen.  
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft / Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe

Defaitismus lähmt den spezifisch philosophischen Impuls, ein Wahres, hinter den Idolen des konventionellen Bewusstseins Verstecktes aufzusprengen. Der Hohn des Amphiboliekapitels gegen die Vermessenheit, das Innere der Dinge erkennen zu wollen, die selbstzufrieden männliche Resignation, mit der Philosophie im mundus sensibilis als einem Auswendigen sich niederlässt, ist nicht bloß die aufklärerische Absage an jene Metaphysik, die den Begriff mit seiner eigenen Wirklichkeit verwechselt, sondern auch die obskurantistische an die, welche vor der Fassade nicht kapitulieren. Etwas vom Eingedenken an dies Beste, das die kritische Philosophie nicht sowohl vergaß, als zu Ehren der Wissenschaft, die sie begründen wollte, eifernd ausschaltete, überlebt in dem ontologischen Bedürfnis; der Wille, den Gedanken nicht um das bringen zu lassen, weswegen er gedacht wird.
Adorno Theodor: Negative Dialektik


Apropos lustig

Henrike Heiland, die ist lustig. Hier zu genießen.
Phantomscherz darf man ebenso einen hintersinnigen Humor durchgehen lassen.
Gelesen habe ich gerade Matthias Keidtel: Ein Mann wie Holm. Rezension folgt auf Media-Mania. Tausend Mal besser als Mario Barth. (Mir ist es schon peinlich, die beiden innerhalb eines Absatzes zu erwähnen. Keidtels Humor ist trocken, hintersinnig, kulturkritisch, manchmal überdreht.)
Immer noch ein absoluter Liebling von mir: Marcus Imbsweiler Der König von Wolkenstein. Politisch-satirischer Roman, sehr korrekt.

Und demnächst gibt es mal wieder bei Media-Mania eine Rezension von mir, in der ich ein Buch absolut zerreißen musste. Es war so schlecht! Aber über meine Rezension haben meine Freunde herzlich gelacht. Sobald sie online ist, gebe ich Bescheid.



Niklas Luhmann widerlegt; außerdem: Werwölfe

Kommunikation macht doch keinen Sinn, oder jedenfalls nicht immer. Das habe ich festgestellt, als ich, nach langem Zögern übrigens, mir Mario Barth angetan habe. Zehn Minuten habe ich durchgehalten, dann musste ich die DVD wieder in die Videothek zurücktragen.
"Ist die DVD kaputt?", fragte mich der Videothekar.
"Nee, aber der Typ."
"Bist du bis zur Zucchini gekommen?", fragt er mich.
"Gerade noch so."
"Ich auch."
"Ich wollte gar nicht wissen, wie es weiter geht."
"Vermutlich genau so. Nach drei Minuten Zucchini kommen sechs Minuten Auberginen."
"Auberginen?"
"War ein Scherz."
"Ach so. Mir ist gerade nicht nach Lachen zumute."
"Verständlich. Wie wär's mit Werwölfe im Frauengefängnis? Zur Aufmunterung?"
"Gib her."

Außerdem: Phantomscherz blickt hinter die Kulissen.

P. S.: Ich liebe Roland Barthes. Den aber bitte nicht verwechseln mit Mario Barth.


03.12.2009

Claude Lévi-Strauss IV

Im übrigen hält sich bei uns eine Form der Tätigkeit, die es uns auf technischem Gebiet sehr wohl ermöglicht, das zu begreifen, was auf dem Gebiet der Spekulation einmal eine Wissenschaft sein konnte, die wir lieber eine »erste«, als eine primitive nennen wollen: die Tätigkeit nämlich, die allgemein mit dem Ausdruck bricolage (Bastelei) bezeichnet wird. In seinem ursprünglichen Sinn lässt sich das Verbum bricoler auf Billard und Ballspiel, auf Jagd und Reiten anwenden, aber immer, um eine nicht vorgezeichnete Bewegung zu betonen: die des Balles, der zurückspringt, des Hundes, der Umwege macht, des Pferdes, das von der geraden Bahn abweicht, um einem Hindernis aus dem Weg zu gehen. Heutzutage ist der Bastler jener Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind. Die Eigenart des mythischen Denkens besteht nun aber darin, sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben; dennoch muss es sich ihrer bedienen, an welches Problem es auch immer herangeht, denn es hat nichts anderes zur Hand. Es erscheint somit als eine Art intellektueller Bastelei, was die Beziehungen, die man zwischen mythischem Denken und Bastelei beobachten kann, verständlich macht.
Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken, S. 29




Hohle Nuss

Derzeit scheint man wieder mal eine Nuss geknackt zu haben, deren Inhalt überaus hohl ist. Welche Nuss ich meine? Keine Angst. Es geht nicht um Paranüsse, Kokosnüsse oder andere Exoten. Es geht um eine Frau, genauer gesagt, um DIE Frau, nämlich unsere neue Familienministerin Kristina Köhler. Frau Köhler äußerte sich allerdings dahingehend, dass sie Karriere und Kinder unter einen Hut bringen wolle, ohne Feministin zu sein.
Heilige Einfalt, muss man da sagen, und das von einer Frau, die angeblich promovierte Soziologin ist. Was eine Feministin ist, ist doch keinesfalls klar, und, folgt man modernen Attributionstheorien, eine Aushandlungssache. Tatsächlich aber wird man nicht Feministin, indem man sich selbst als solche deklariert. Ich kenne da welche, die sind eigentlich keine Feministinnen, sondern nur doof: wie einige Frauen ihr Wohnzimmer mit Makramee-Kerzenhaltern dekorieren, dekorieren sich eben andere Frauen mit hübschen Titeln. Gut, das war jetzt ein Schlenker. Andersherum. Man kann hundertmal sagen, man sei keine Feministin, ohne damit irgendetwas zu besagen. Feminismus ist nicht das, was man denkt. (Hier verweise ich auf Derrida, der schrieb, Dekonstruktivismus sei nicht das, was man denkt.)
Kristina Köhler sagt ebenso, schwul sein sei keine politische Einstellung, sondern eine private Lebensweise. Noch ein Irrtum. Solange es Schwulenfeindlichkeit gibt, solange Schwule übermäßig missachtet werden und Opfer von Gewalttaten werden, solange ist Schwulsein ein Politikum und die schwule Lebensweise keineswegs privat.
Und was Frau Köhlers Hauptthese angeht, dass es nämlich immer mehr deutschenfeindliche Gewalt gäbe, so empfehle ich ihr vordringlichst, einmal Nietzsche-Bücher zu indexieren. Der sagte nämlich (wie ich schon mehrmals zitiert habe), die Deutschen seien eine beklagenswert déraisonnable Rasse.
Weitere Links zu Frau Köhlers beklagenswertem ideologischen Zustand hält Phantomschmerz bereit.


28.11.2009

Media-Mania-Magazin

Es ist getan. So möchte ich gerade mit Frodo Beutlin sagen, nachdem er den Einen Ring im Schicksalsberg versenkt hat und Mittelerde endlich frei ist. Nun, Vera und ich haben nichts versenkt, aber zumindest der Schicksalsberg liegt hinter uns. Das Dezember-Magazin ist fertig, nachdem die letzten Tage noch anstrengend waren und wie mehr als einmal aneinander gerasselt sind. Grund war unter anderem auch, dass ich wegen der vielen Arbeit recht müde war und ich beim Ausfeilen der letzten Design-Sachen mehr als einmal unaufmerksam war. Und dann sind mir Sachen durch die Lappen gegangen.
Nun, egal: ab Dienstag könnt ihr euch unseren Neustart des Magazins HIER herunter laden. Bitte verteilt den Hinweis auf das Magazin, dass wir viele Downloads bekommen.
Es gibt: tolle Interviews, unter anderem mit Bestsellerautorin Sabine Kuegler, eines mit Hella von Sinnen, eines mit Xinran (das ich besonders liebe, denn Regina Károlyi fragt sehr einfühlsam und doch deutlich nach), und und und ... dann ein Bericht über Erstlesebücher, viele Rezensionen, eine Kochecke mit einem Rezept von Sarah Wiener, eine nette Weihnachtsbastelei, drei Gewinnspiele, eine Gastrezension von Fantasystar Tobias Meißner, eine herrliche Glosse von Henrike Heiland, ein Comic von einer bekannten Hamburger Grafikerin, und - last, but not least, eine hübsche Geschichte von Bernd Debus, dem Gewinner unseres Kurzgeschichtenwettbewerbs. Auf diese Geschichte dürfen wir besonders stolz sein, denn Herr Debus schreibt ausgesprochen gut und die Geschichte ist nicht nur spannend und humorvoll, sondern auch für die ganze Familie. Da ist natürlich klar, dass sie sich auch zum Vorlesen eignet.


Besucher

Ich bin immer noch fasziniert davon, welche Stichwörter meinen Blog bei google finden. Nach wie vor rangiert Das gesprenkelte Band mit dazu. Topp-Suchbegriff ist Sinnentnehmendes Lesen, dicht gefolgt von Charakterisierung Beispiel.
Der Link zum Semantischen Gedächtnis arbeitet sich nach und nach auch zu den Spitzenplätzen vor. Etwas abgeschlagen dagegen sind in den letzten drei Wochen Winnenden und School Shooter.

Heute wurden unter anderem gesucht: subscriptio literatur; permissio rhetorik; bauchgefühl metapher; grammatik wozu?; gewalt aus systemischer sicht; luhmann strukturalist; charakterisierung einer person beispiel.


24.11.2009

deutsch

Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus.
Nietzsche, Friedrich: Ecce homo, Der Fall Wagner



20.11.2009

Claude Lévi-Strauss III

»Der Begriff der ›Struktur‹ ist vermutlich nichts weiter als ein Zugeständnis an die Mode: ein Begriff mit klar umrissenem Sinn übt plötzlich für ein Dutzend Jahre eine einzigartige Anziehungs­kraft aus - so wie das Wort ›Aerodynamik‹: man fängt an, es zu verwenden, ob es passt oder nicht, nur weil es angenehm klingt. Ohne Zweifel kann eine typische Persönlichkeit unter dem Gesichts­punkt ihrer Struktur betrachtet werden. Aber man verwendet den Ausdruck auch für einen physiologischen Befund, für einen Orga­nismus, für irgendeine beliebige Gesellschaft oder Kultur, für einen Kristall oder eine Maschine. Alles mögliche - sofern es nicht völlig amorph ist - besitzt eine Struktur. Daher scheint es, als füge der Begriff ›Struktur‹, wenn wir ihn verwenden, dem, was wir in unserer Vorstellung haben, absolut nichts hinzu, außer einem ange­nehmen Kitzel.«

Kroeber, zitiert bei Lévi-Strauss, Claude: Strukturale Anthropologie I, S. 300


17.11.2009

Claude Lévi-Strauss II

Die  von  uns  zitierten  Beispiele  zeigen, wie  vergeblich es ist, eine Prioritätsbeziehung zwischen den Speiseverboten und den Vorschriften der Exogamie festlegen zu wollen. Die Verbindung zwischen beiden ist nicht kausal, sondern metaphorisch. Sexuelle Beziehung und Nahrungsbeziehung werden unmittelbar als ähnliche gedacht, auch heute noch: um sich davon zu überzeugen, braucht man sich nur an Argot-Ausdrücke zu erinnern wie etwa »faire frire« oder »passer à la casserole« usw. Aber welches ist der Grund für diese Tatsache und für ihre Universalität?
Auch hier bedingt der Gewinn auf logischer Ebene einen Verlust auf semantischer: der »kleinste« gemeinsame Nenner für die Vereinigung der Geschlechter und die von Essendem und Gegessenem ist, dass beide eine Verbindung durch Komplementarität eingehen:
Was sich nicht bewegen kann, dient den Wesen, die sich fortbewegen können, als Nahrung; die Tiere ohne Reißzahn dienen den Tieren mit Reißzahn als Nahrung, die ohne Greifwerkzeuge denen mit Greifwerkzeugen, und der Zaghafte wird vom Mutigen gefressen. (The Laws of Manu, V, 30)
Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken


12.11.2009

gegensätzliches ...

Oder ist es eine ZITTERWUT eine ZITIERWUT also daß man sich nur noch zeigen kann in der WORTVERKLEIDUNG : in der Sprache anderer, weil man sich zurückgenommen hat in die äußerste Lautlosigkeit Sprachlosigkeit Schweigsamkeit, weil man sich zurückgezogen hat in diesen äußersten Winkel aus welchem man nur noch hervorzulugen vermag, schon beinahe teilnahmslos das Geschehen ringsum betrachtend, die Vielzahl der Standpunkte der vibrierenden Welt usw.
Ist es eine ENTFLEISCHUNG frage ich mich frage ich dich, eine SELBSTAUFLÖSUNG, eine Zeit der Wirklichkeitsferne, ein treibender Schreibtisch mitten im Ozean meines Zimmers - jemand schüttelt plötzlich Pelztiere Pelztücher aus, ein milchiger Tag mit Schneepflügen in den Wolken, ein Strauch rieselt vorüber, Verstockungen in meinem Kopf / Vertrocknungen, die Umhüllungen sind abgefallen von meinem Korb eigentlich Kopf oder Korpus der nicht mehr zusammenhält sondern gemergelt leergedroschen geschrumpft und verwüstet ist - wie stehe ich

aus: Mayröcker, Friederike: Entfachung (in: Magische Blätter)


Jeder Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Täter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Täter, – kurz, irgend etwas Lebendiges, an dem er seine Affekte tätlich oder in effigie auf irgend einen Vorwand hin entladen kann: denn die Affekt-Entladung ist der größte Erleichterungs- nämlich Betäubungs-Versuch des Leidenden, sein unwillkürlich begehrtes Narkoticum gegen Qual irgend welcher Art.

Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral

deux manières d'être sublime

Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so unermesslichen Schauplatz von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man mag diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten Teilung desselben verfolgen, dass selbst nach den Kenntnissen, welche unser schwache Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache, über so viele und unabsehlich große Wunder, ihren Nachdruck, alle Zahlen ihre Kraft zu messen, und Selbst unsere Gedanken alle Begrenzung vermissen, so, dass sich unser Urteil vom Ganzen in ein sprachloses, aber desto beredteres Erstaunen auflösen muss. Allerwärts sehen wir eine Kette der Wirkungen und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmäßigkeit im Entstehen oder Vergehen, und, indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist, darin es sich befindet, so weist er immer weiter hin nach einem anderen Dinge, als seiner Ursache, welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage notwendig macht, so, dass auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des Nichts versinken müsste, nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem unendlichen Zufälligen, für sich selbst ursprünglich und unabhängig bestehend, dasselbe hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich seine Fortdauer sicherte.
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft

Die Energie - und vor allem die sprachliche Energie - macht mich sprachlos: es ist für mich wie ein Zeichen von Wahnsinn.
Tatsächlich scheint mir, dass die Konversation den immerwährenden Charakter der Sprache vergegenwärtigt (ewige Anbetung): Kraft einer Form, auf der Ebene der Gattung: monströse Kraft, von der ich mich als einzelner ausgeschlossen fühle (es sei denn, ich machte mich selbst zum Schwätzer!). Um mich hingegen aus einer Situation herauszuziehen, mich zu retten, in der ich einem Gespräch ausgesetzt bin: nicht mehr zuhören, nur noch hören: es auf einer anderen Ebene als einen Romandialog, als ein Stück Sprechtheater aufnehmen, in künstlerischer Distanz zu mir. Deshalb ist die Konversation von Unbekannten (in einem Zug etwa) weniger ermüdend (für mich) als Gespräche von Freunden: Ich kann das Tableau von außen betrachten und dadurch mein Ausgeschlossensein wiedergewinnen.
Barthes, Roland: Das Neutrum

Zwei Arten, erhaben zu sein, um die Überschrift zu übersetzen.
Das Erstaunliche daran ist auch, dass nach neueren systemrelativen Zeitbegriffen die Zeit als eine Mannigfaltigkeit ansehen kann, in der Gegenwarten so lange andauern, wie diese wiederherstellbar sind. Erst wenn eine Gegenwart durch ein Ereignis irreversibel wird, wird sie Vergangenheit. Man kann nicht zweimal sterben. So durchkreuzen zahlreiche Gegenwarten unser Leben und muten uns zu, diejenigen auszuwählen, die wir durch Handlungen oder Gedanken in Vergangenheit verwandeln. Esse ich das Brötchen oder den Joghurt? Kaufe ich mir den Hegel oder den Derrida? Für die Semiologie formulierte ein Studienkollege den mit Zeichen überladenen Raum als erhaben. Für die Systemtheorie kann man die mit Gegenwarten durchsponnenen Systeme als erhaben bezeichnen.
Barthes Sprachlosigkeit kann man mit dem Eintritt in den Ödipus-Komplex parallelisieren. Sprachlosigkeit angesichts des Momentes, in dem dem Kind die Mutter nicht mehr ganz gehört. Zugleich ist dies der Beginn, in dem die Eigenmächtigkeit des Handelns in Erscheinung tritt, die Gedanken sich aus der Welt in den Kopf zurückziehen, die Welt beginnt, sich aus dem jungen Menschen zurückzuziehen und ihn azentrisch zu dem Geschehen zu positionieren. Wir erleben im beginnenden Ödipus-Komplex die Geburt des Erhabenen.


Sprachlosigkeit

Nach Enkes Tod also raisonnieren die Medien, mal wieder, über Sprachlosigkeit. Wie nach Winnenden, nur dass diesmal kein Amoklauf, sondern ein Selbstmord Anlass gibt. Da mittlerweile auch zahlreiche 'kritische' Beobachter über die Unkultur der wortstarken Sprachlosigkeitsbeschwörung plappern, erspare ich mir hier die Medienschelte. Wie immer beobachten wir hier die Eigendynamik der Massenmedien.
Statt dessen Adorno.
Sprache wird als physei, nicht als thesei erfahren, >taken for granted<; am Anfang ist der Fetischismus, und dem bleibt die Jagd nach dem Anfang stets untertan. Freilich ist jener Fetischismus kaum zu durchschauen, weil schlechterdings alles Gedachte auch sprachlich ist, der besinnungslose Nominalismus so falsch wie der Realismus, der der fehlbaren Sprache die Attribute der geoffenbarten erteilt. Heidegger hat für sich, dass es kein sprachloses An sich gibt; dass also Sprache in der Wahrheit ist, nicht diese in der Sprache als ein von ihr bloß Bezeichnetes. Aber der konstitutive Anteil der Sprache an der Wahrheit stiftet keine Identität beider. Die Kraft der Sprache bewährt sich darin, dass in der Reflexion Ausdruck und Sache auseinander treten. Sprache wird zur Instanz von Wahrheit nur am Bewusstsein der Unidentität des Ausdrucks mit dem Gemeinten.
Adorno, Theodor: Negative Dialektik




Schamanismus heute

Die Omaha-Indianer sehen einen der Hauptunterschiede zwischen den Weißen und sich selbst darin, daß »die Indianer keine Blumen pflücken«, das heißt: aus reinem Vergnügen; in der Tat, »die Pflanzen haben sakrale Verwendungen, die nur den Meistern der Geheimgesellschaften bekannt sind«. Selbst das Seifenkraut (»soapweed«), das jeder für das Dampfbad verwendet, um Zahn- und Ohrenschmerzen oder Rheumatismus zu heilen, pflückte man, als wäre es eine heilige Wurzel:
... In das Loch, das die Wurzel hinterlassen hatte, legte man eine Prise Tabak, zuweilen auch ein Messer oder Geldstücke, und der Sammler sagte ein kurzes Gebet: Ich habe genommen, was du mir gegeben hast, und ich lasse dir dafür dieses. Ich wünsche mir ein langes Leben und dass mir und den Meinen nichts zustößt.
Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken, S. 57

Heute nachmittag versuchte ich der Kassiererin bei ALDI das Geld für meinen Einkauf in die Hand zu drücken, indem ich sagte, ich befriede den postmodernen Geist des Supermarkts. Daraufhin weissagte mir die holde Dame, dass ich immer verrückter werde.
Tja!


09.11.2009

Rudolf Dreikurs

Rudolf Dreikurs galt und gilt als einer der maßgeblichen Individualpsychologen, die auf dem Gebiet der Kindererziehung gearbeitet haben. Derzeit lese ich (mal wieder) sein zusammen mit Vicki Soltz geschriebenes Buch Kinder fordern uns heraus. Dieses Buch ist gut, hervorragend, möchte man sagen, wenn es nicht ein wenig altbacken daher kommt.
Ich hatte letzten Winter, noch vor der Zeit, als Winnenden zu einem massenmedial gepflegten Ort wurde, mit der Umformulierung einer Semantik der Gewalt begonnen. Dabei bin ich, durch Peter Fuchs angestoßen, rasch an dem Begriff der strukturellen Kopplung und der Adressabilität hängen geblieben. Zur strukturellen Kopplung hatte ich mich schon ausführlicher geäußert.
Auch Dreikurs lässt sich über diesen Begriff gut umschreiben. Insgesamt nämlich findet man in jeglichem Buch über Jugendgewalt, über Traumatisierung, Mobbing, etc. eine doppelte Erzählstruktur: einmal die des Erzählens selbst (was ungefähr in den Bereich der Rhetorik gehört) und einmal die des Erzählten (was man mit sehr viel Mühe und Blindheit als Logik bezeichnen könnte). Hinweisen möchte ich hier nochmal auf das wunderbare Buch von Christian Klein und Matías Martínez, Wirklichkeitserzählungen, und dort vor allem auf den von Klein geschriebenen Artikel zur Moral und dem von Andreas von Arnauld geschriebenen Artikel zum juristischen Diskurs.
Von Arnauld erläutert sehr schön, dass es sogar drei Schichten der Narratio (=Erzählung) gibt: Gérard Genette folgend sind dies récit (wer erzählt wem?), discours (wie wird erzählt?) und histoire (was wird erzählt?) (siehe dazu Von Arnauld, Andreas: Erzählen im juristischen Diskurs, Angaben hier). Der récit ist zwar interessant, doch auch die fragilste Schicht, wenn man einen an Eltern geschriebenen Text durch ein gewisses literaturwissenschaftliches Vokabular schleift. Dreikurs hat sicherlich nicht seine Bücher geschrieben, um das 'Opfer' von Sprachanalysen zu werden.

Imaginäre Grenzen

Wie fast alle Ratgeberbücher (z.B. Langer, Inghard: Überlebenskampf im Klassenzimmer, Freiburg im Breisgau 1994; Gebauer, Karl: "Ich habe sie ja nur leicht gewürgt", Stuttgart 1996) beginnt Dreikurs - übrigens schon 1964 - mit einer quasi-apokalyptischen Schilderung. Die Eltern seien ratlos und die Kinder werden immer schlimmer.
Und ob dies nun ausgesprochen wird oder nicht: fast automatisch konstruiert diese Schilderung eine imaginäre Grenze, eine Art Scheide, an der sich diese Schwierigkeiten in individuelles, dann in allgemeines Chaos verwandeln.
Nebenbei stellt sich so eine Bedrohungssituation ein, die zwar nicht genau sagt, was passiert, aber man stellt es sich allemal schrecklich vor (nun gut, Wissenschaftler sind davon gerne ausgenommen).
Man kann hier so etwas wie ein 'pädagogisches Textmuster' herausdestillieren. Diese ist besetzt von zwei Aktanten. Der eine Aktant, die Eltern, werden durch Unwissen nach und nach passiv. Ihre Aktivität äußert sich, wenn, dann in ungekonnten Einsätzen für und gegen das Kind. Der andere Aktant, das Kind, ist aktiv, hat aber aus seiner natürlichen Entwicklung heraus noch nicht das entsprechende Wissen, um gekonnt zu handeln.
Daraus ergibt sich so etwas wie ein Prozess. Gekennzeichnet wird dies durch ein Prädikat, das einen Beginn markiert (durch sog. ingressive Verben, wie 'erblicken', 'einschlafen', 'sich bilden', etc.), dann ein steigerndes Prädikat (augmentative Prädikate wie 'verschlimmern'), dem ein andauerndes oder ebenfalls steigerndes Prädikat gegenüber steht ('sich immer hilfloser fühlen', 'ratlos sein'). Interessant bei diesem Textmuster ist allerdings auch, dass der mögliche Zustand der 'Verschlimmerung' nicht immer generell benannt wird, sondern exemplarisch. Während sich also der allgemeine Prozess der Nicht-Erziehung gleichsam an jeden richtet, ist der Adressat des Exemplums zunächst nur die Person, der das dann angeblich oder wirklich passiert ist. Beinahe könnte man behaupten, dass die Gesellschaft und die Erziehung in der Gesellschaft nicht von schwer erziehbaren Kindern bedroht wird, sondern vom Beispiel.
Faszinierend ist auch, dass die Geschichten, die erzählt werden, immer Geschichten der Grenzüberschreitung sind. Klassisch gesehen sind dies auch Abenteuergeschichten. Es gibt hier zum einen die Unwissenden (die daheim Gebliebenen), den nach Wissen Suchenden (der Reisende, der Abenteurer), den Beginn der Reise, die Entfremdung (die im klassischen Abenteuer räumlich strukturiert ist und nicht, wie bei den pädagogischen Geschichten von schwer erziehbaren Jugendlichen, aufgrund von Bildung, bzw. Wissen). Hier scheiden sich dann die Geschichten. Während in der Abenteuergeschichte die Monster besiegt, die Jungfrauen gerettet, die Schätze geborgen werden, hält die pädagogische Geschichte nur den Gang zu einer Erziehungsberatungsstelle oder einem Therapeuten bereit. Ein recht armseliges Äquivalent.
Überspitzt kann man hier zwei Textmuster gegeneinander stellen, die aber doch so etwas wie eine heimliche Komplizenschaft aufweisen. Die Abenteuergeschichte versorgt uns mit glücklichen Enden (oder, folgt man Peter Nusser, heute der Thriller).  Im Gegensatz dazu kann diese von mir anvisierte Art der pädagogischen Geschichte zunächst nicht mit einem glücklichen Ende aufwarten. Im Gegenteil: wie wir an Winnenden und einigen anderen Ereignissen beobachten konnten, enden diese in Mord und Totschlag.
Gerade die Differenz aber scheint hier wesentlich zu sein. Ohne dies weiter ausführen zu können, als es bloß zu behaupten, kann der unglückliche Ausgang einer Erziehung nur durch den Kontrast zum glücklichen Ausgang seine Schärfe gewinnen. Und indem man die Geschichte von schwierigen Jugendlichen mal zu Ende erzählt, mal nicht zu Ende erzählt, evoziert man doch jene Grenze, an der die Heimkehr des wagemutigen Abenteurers nicht mehr möglich ist.
Damit ist, mal wieder, nur ein vages Programm umrissen. Dies müsste hier und dort weiter auszuführen sein, eventuell in einer peniblen Analyse von der allemal populärwissenschaftlichen Literatur zum Umgang mit Jugendgewalt.

Am Ende möchte ich noch auf zwei weitere Aspekte hinweisen:
1. Es gibt bei den Erzählungen von schwer erziehbaren Jugendlichen nicht nur eine Evokation einer imaginären Grenze, an der die Rückkehr nicht mehr möglich ist, sondern auch die Evokation einer Heilung oder Säuberung, mithin ein ganzes Arsenal an Metaphern der Vergiftens und Entgiftens, der Droge, der Verklärung, des gefährlichen Rausches.
2. Die imaginäre Grenze wird immer wieder in signifikanter Weise durch Normen flankiert. Es ist recht billig, hier zu sagen, dass die Normen die imaginäre Grenze stabilisieren. Normen bezeichnen ja gerade die Grenzen, ab denen Sanktionen gebilligt werden können. Interessant dabei ist, dass Bedrohungsgeschichten sozusagen die Normübertretung auskleiden, während der normkonforme Innenraum diffus bleibt (an dieser Stelle müssten Werte, d.h. Verhaltensvorlieben greifen). Der vage normkonforme Innenraum konstituiert aus semantischer Sicht so etwas wie ein Panoptikum, jene Art der Architektur, in der ein Gefangenenwärter aus seinem Beobachtungsraum aus alle Gefangenen beobachten kann, ohne selbst beobachtet werden zu können (was diesem Platz gestattet, leer zu bleiben).
Um dies etwas deutlicher zu machen: ein mir bekannter Mensch fordert und fordert und fordert. Er will dies wissen, er unterstellt jenes. Immer setzt er einen in die Position, etwas zu haben oder zu sein, was Aufklärung erfordert. Dagegen bleiben seine Motive, warum er dies wissen will, weitestgehend im Unklaren. Manchmal kommen irgendwelche Vorwürfe auf den Tisch, deren Zusammenhang mit der aktuellen Situation nicht nachzuvollziehen ist. Der Andere (ich, bzw. auch andere Menschen) sind in der Situation, ein nie versiegendes Wissen zu haben, das es fortdauernd zu kontrollieren und zu manipulieren gilt. Dagegen ist die betreffende Person - jedenfalls ihrer Ansicht nach - völlig plastisch und klar. Einmal sagte dieser Mensch zu mir, als ich nach dem Grund einer seiner Aussagen fragte, wenn ich das nicht wisse, sei ich dumm.
Solche panoptischen Menschen sind äußerst unangenehm. Sie erscheinen wie ein Wetter, das durch den geringsten Flügelschlag eines Schmetterlings umkippen kann, sind aber auch berühmt für ihre langanhaltenden Regenperioden und ihre zur Verzweiflung bringenden Flauten.
Anscheinend spielen hier Normen eine große Rolle, und, im Zuge dessen, der Erzählerstandpunkt. Man müsste also neben dem récit (wer erzählt wem?) auch untersuchen, wie die Erzählung den Erzähler und den Zuhörer konstruiert. Der panoptische Mensch ist einer, der scheinbar in der miserablen Lage ist, ständig auf ein Abenteuer ins Unbekannte gehen zu müssen, aber keinen Ort besitzt, den er verlassen könnte.




03.11.2009

Claude Lévi-Strauss I

Nun ist wohl auch der letzte der großen Strukturalisten tot, 100jährig wurde er, Claude Lévi-Strauss. Er war einer der ersten in der Riege einer Reihe von großen Wissenschaftlern, die mit dem unachtsamen Wort 'Strukturalist' belegt wurden.

Der Strukturalismus wurde von so illustren Namen mitgetragen wie Jacques Lacan, Roland Barthes, Michel Foucault, Louis Althusser, Jacques Derrida. Man kann weitere Autoren dazuzählen, den frühen Gilles Deleuze, Pierre Bourdieu, Julia Kristeva. Und doch keinen so richtig. Sagte nicht Jean Piaget, Foucault pflege einen Strukturalismus ohne Strukturen? Hatte nicht Barthes zu Zeiten, als der Strukturalismus 'en vogue' war, schon sein 'Le Plaisir du texte' geschrieben, die 'écriture courte' proklamiert?

Und überhaupt: war nicht auch Luhmann Strukturalist? Nein, sagt er, indem er den Kronzeugen des Strukturalismus, Claude Lévi-Strauss, verhört und ablehnt, siehe Soziale Systeme, S. 377-380.
Trotzdem gibt es doch einige recht faszinierende Ähnlichkeiten. Luhmann stützt sich auf das Kalkül von George Spencer Brown. Dieses lautet, in seiner ersten Anweisung: Triff eine Unterscheidung und markiere die eine Seite. Will man sich das plastisch vor Augen führen, dann trifft man zum Beispiel die Unterscheidung zwischen den Tischen und dem Rest der Welt (Jupiter-Monde und Apfeltörtchen) und gibt den Tischen den Namen Tisch. Damit ist die eine Seite durch den Namen markiert und auf der anderen Seite passiert alles übrige. So reduziert gesehen ist das Kalkül natürlich langweilig. Wir benutzen andauernd solche Unterscheidungen und verbinden diese zu den komplexen Formen, die uns das alltägliche Leben möglich machen.
Das Kalkül trifft nun in seiner 'Willkürlichkeit' auf das, was Lévi-Strauss über den Inzest schrieb:

La prohibition de l'inceste, comme l'exogamie qui est son expansion sociale élargie, est une règle de réciprocité. [...] Le contenu de la prohibition de l'inceste n'est pas épuisé dans le fait de la prohibition : celle-ci n'est instaurée que pour garantir et fonder, directement ou indirectement, immédiatement ou médiatement, un échange.
Lévi-Strauss, Claude: Les Structures élémentaires de la parenté, p. 64s.
Und genau so ermöglicht Browns 'distinction' nicht nur ein 'marking' (das Bezeichnen der einen Seite), sondern ein 'crossing' (das Überschreiten der Unterscheidung).
Der Witz also ist sowohl beim mathematischen Kalkül des 'draw a distinction' als auch beim Lévi-Strauss'schen Inzestverbot, dass beide nicht reflexiv, sondern produktiv wirken. Das Inzestverbot hat den Inzest nicht verboten, aber es hat den Tauschhandel mit (Ehe-)Frauen ermöglicht.
Ganz in diesem Sinne ist die Macht bei Foucault nicht etwas, das bereits Bestehendes vernichtet (oder unterdrückt), sondern im Gegenteil produktiv. Die Psychoanalyse hat nicht ein unterdrücktes Unbewusstes entdeckt, müsste man sagen, sondern im Gegenteil eine neue Apparatur entwickelt, das Bewusstsein produktiv zu umgarnen (wie luzide anders Foucault damit umgeht, als manche Foucaultianer denken, mag man aus der längeren Passage zur Parapathologie ersehen, die ich hier zitiert habe).


Warum ich all das schreibe? Nun, nicht nur als Nachruf, sondern auch als Kommentar auf einen Nachruf, der von Daniel Haas auf Spiegel-Online erschien.
Dort sagt Haas, Lévi-Strauss "nutze" die Psychoanalyse und die Linguistik für eine "neue Wissenschaft". So kurz diese Aussage ist, so problematisch ist sie. Der Psychoanalyse hat Lévi-Strauss meines Wissens zeitlebens distanziert gegenüber gestanden. Und das nicht trotz seiner Freundschaft zu Jacques Lacan (von dem man sagt, er habe die strukturalistische Psychoanalyse 'erfunden'), sondern gerade wegen dieser Freundschaft.
Zudem ist der Strukturalismus kaum als Wissenschaft, sondern eher als Methode zu bezeichnen. Im Laufe seines Aufstiegs hat diese Methode zahlreiche Disziplinen befruchtet. Aber sie ist für sich selbst nichts abgegrenztes.
Daniel Haas schreibt weiter, Lévi-Strauss wendete dieses Verfahren erstmalig auf die Tropen an. Doch erstens erschien sechs Jahre vor dem Buch Traurige Tropen (Tristes tropiques) das eigentlich strukturalistische Buch Lévi-Strauss' - Les Structures élémentaires de la parenté. Keineswegs untersucht Lévi-Strauss hier "die" Tropen, sondern sog. 'primitive Völker' und die Regeln der Verwandtschaft, bzw. des Frauentausches. Zweitens kann man kaum ein Buch von Lévi-Strauss weniger strukturalistisch nennen als Traurige Tropen, ist dieses doch viel eher Reisebericht, Kulturkritik als alle anderen Bücher von ihm. Es beginnt mit den Worten

Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende. Trotzdem stehe ich im Begriff, über meine Expeditionen zu berichten.
Auch biographisch ist Haas unsicher. Lévi-Strauss flüchtete zwar 1941 in die USA, nachdem die Vichy-Regierung 1940 ihre Rassengesetze erlassen hatte, doch schon 1944 kehrte er auf Bitten des französischen Außenministeriums zurück und war 1946-47 Kulturattaché der französischen Botschaft in den Vereinigten Staaten.
Schließlich, um ein letztes zu zitieren, in dem Haas deutlich schludrig vorgegangen ist. Das Totem, so sagt Haas, stehe in der Beziehung einer Differenz zu anderen Totems. Es habe keine metaphysische Orientierung. Nun behauptet Lévi-Strauss aber nicht, dass das Totem keine metaphysische Orientierung habe. Dies zu bezweifeln hieße, die ganze schamanistische Religion zu leugnen. Lévi-Strauss hat hier nur eine wesentlich andere Orientierung gesehen, was das Totem für den Wissenschaftler ist. Wie er in seinem Hauptwerk Mythologica untersucht, sind soziale Phänomene wesentlich eingebunden in zahlreiche Differenzen und Serien (grundlegend dafür aber: Das wilde Denken, S. 258ff.). Tatsächlich etablieren Totems eine Differenz, die deshalb 'funktioniert', weil sie gleichwertig ist und nicht verwechselt werden kann. Die Totems zweier Clans lassen sich nicht hierarchisch oder mimetisch anordnen. Damit steht die Struktur in gewisser Weise 'über' der metaphysischen Orientierung. Trotzdem glauben totemistische Gesellschaften nicht an die Differenz.
Wenn Haas schreibt:

Mit der Wahl eines bestimmten Totemtiers wolle eine Gemeinschaft vor allem Differenz herstellen zu anderen Gemeinschaften.
dann ist dem entgegenzuhalten, dass eine totemistische Gemeinschaft sich gerade nicht an dieses Differenz ausprobiert hat, um sich zu unterscheiden, dass aber der Effekt natürlich ein Effekt der Unterscheidung ist. 'Draw a distinction' eben.


01.11.2009

Media-Mania-Magazin

Mittlerweile sind fast alle Inhalte im Magazin. Das ist immer noch zeitraubend, obwohl ich mich mittlerweile mehr mit den Feinheiten im Design als mit den Grobheiten beschäftige.
Das Magazin wird ziemlich umfangreich, knapp 100 Seiten (48 waren angedacht).
Unter anderem gibt es ein unglaublich schönes Interview mit Xinran (aktuelles Buch: "Gerettete Worte").


28.10.2009

Monitor

Gestern ist mein alter Monitor kaputt gegangen. Heute morgen habe ich mir einen neuen Monitor gekauft, einen größeren, breiteren, der Wide Screen zeigen kann und eine bessere Auflösung hat. Das ist wunderbar, da ich nun Fenster nebeneinander anordnen kann, die ich sonst übereinander legen musste.


Geheimnisse des erfolgreichen Managements

enthüllt Phantomscherz hier.

26.10.2009

Techniken des wissenschaftlichen Verstehens

Das Coachen von wissenschaftlichen und journalistischen Büchern macht mir, mit leichten Schwankungen, immer noch Spaß. Umso mehr, als ich kaum Werbung machen muss.
Montags betreue ich zwei Jugendliche aus 'problematischen' Familien, vor allem in Bezug auf den Deutschunterricht, die beide in derselben Klassenstufe wie mein Sohn sind (nicht auf derselben Schule).
Hier wie dort eröffnen sich aber ähnliche Probleme. Es geht um das Lesen. Hier wird es im Media-Mania-Magazin in der Dezember-Ausgabe von mir einen kurzen, eher journalistisch gehaltenen Artikel geben, der gegen das sinnentnehmende Lesen argumentiert. Tatsächlich ist - so finde ich mittlerweile - der Begriff des sinnentnehmenden Lesens dermaßen missverständlich, dass ich ihn in meinen Giftschrank der dummen Begriffe gepackt habe.

Verstehen wird immer an Sinnentnahme angekoppelt. Fragen Sie ruhig mal nach: eigentlich weiß kein Mensch, was Verstehen ist. Zumindest kann niemand es definieren. Trotzdem wird es gerne und ständig verwendet. Auch hier empfehle ich: weg mit dem Wort, auch wenn man Wissenschaftler ist oder Student einer Wissenschaft.
Aber fragen Sie nach! Die Reaktionen sind wirklich erstaunlich. Vom verzweifelten Händeringen bis zu Wutausbrüchen können Sie hier alles erleben.

Trotzdem muss man ja irgendwie mit wissenschaftlichen Texten umgehen.
Zur Zeit arbeite ich mit Markus, meinem einen 'Schüler', an Inhaltsangaben von Balladen. Balladen eignen sich sehr, um Grundtechniken des wissenschaftlichen Verstehens einzuüben.

1. Technik: Fragen stellen
Beim Lesen eines wissenschaftlichen Textes sollten Sie immer ein Papier zur Seite liegen haben. Notieren Sie jede Frage, die Ihnen einfällt, auch die 'dümmste'.
Fragen zu stellen ist ein hervorragendes Training des 'Neugierverhaltens'. Wie man aus Fachbüchern der Emotionspsychologie und der Neurophysiologie lernen kann, ist Neugierverhalten eine der wohltuendsten Eigenschaften für ein erfülltes Leben. Und wenn man das Ganze nicht so esoterisch ausdrücken will: Neugier ist die Fähigkeit, ein Thema zu bearbeiten, ihm seine Geheimnisse zu entlocken, nicht, es zu besitzen.
Themen besitzt man nicht. Themen sind gesellschaftliche Konstruktionen. Und selbst wenn ich zu einem Thema alles mir bekannte Wissen bearbeitet habe, kommt irgend ein Hansel an und äußert dazu einen neuen Aspekt. Themen lassen sich nicht kontrollieren. Und genau dies korrespondiert mit der Neugier.
Fragen stellen beantwortet nichts. Fragen stellen öffnet die Themen.

2. Technik: Teilüberschriften finden
Ein Text besteht aus vielen Wörtern. (Sieh mal an!)
Das Gehirn speichert seine Informationen über das Nadelöhr des Arbeitsgedächtnisses. Dieses Arbeitsgedächtnis kann zwischen drei bis neun Informationen gleichzeitig speichern, wobei die meisten Menschen etwa fünf bis sechs Informationen behalten. Menschen, die circa drei Informationen gleichzeitig behalten, werden oft als lernbehindert bezeichnet, während Menschen, die neun Informationen behalten können, als hochbegabt gelten.
Trotzdem: ein Text besteht aus vielen Wörtern. Jedenfalls aus wesentlich mehr als neun.
Um sich einen Text übersichtlich zu machen, muss man sich den Text einteilen. Überschriften, Unter-Überschriften, usw. gliedern vom Autor her den Text. Ingeborg Kriwet - Professorin der Sonderpädagogik a. D. - hatte mir vor fünfzehn Jahren schon mal gesagt, das Wichtigste sei, zunächst beim Inhaltsverzeichnis zu bleiben und sich dieses gut anzuschauen. Man könnte fast sagen: darüber zu meditieren.
Wissenschaftliche Texte zeichnen sich meist durch lange Kapitel aus. Auch diese werden rasch unüberschaubar. Und genau hier greift dann die Technik, Teilüberschriften zu finden. Damit gliedert man sich ein Kapitel und zwingt sich dazu, den Kern eines Absatzes oder Abschnitts zu formulieren.
Mehr noch: hatte man sich zuvor auf die Abfolge durch den Autor verlassen, muss man sich jetzt die sinnhafte Abfolge selbst herstellen.
Deshalb ist diese 'Lesetechnik' äußerst intensiv. Zwar dauert das Lesen dadurch auch viel länger, aber die genaue Beschäftigung macht hier vieles wett.

3. Technik: Clustern
Cluster sind 'Ideenwolken', 'Ideenlandkarten' (Anleitung siehe hier). Weil Cluster die Assoziationen mit anderen Begriffen, Ideen und Phänomenen herstellen, sind sie eher analytisch als kreativ.
Zum Clustern gehört aber auch sehr notwendig das anschließende Essay. Gabriele Rico, die die Technik des Clusters entwickelt hat, spricht in ihrem Buch 'Garantiert schreiben lernen' sehr explizit von Übersetzungen. Clustern hatte ich in meiner Rezension zu diesen Buch folgendermaßen beschrieben:

Clustering bildet für Rico allerdings immer nur einen Zwischenschritt. Er ist enorm wichtig, aber nie als Endprodukt zu verstehen. Fast jede Übung beginnt zwar mit einem Cluster, endet aber mit einem Text. Diese Texte und einzelne ihrer Elemente sind Inhalt des fünften bis neunten Kapitels. Dabei häufen sich in diesen Kapiteln Wörter, die zum Übersetzen gehören. Nichts anderes ist das Clustern: eine Übersetzung. Nicht in eine andere Sprache, sondern in eine andere Form. Und nichts anderes sind die Texte, die aus den Clustern entstehen: wiederum Übersetzungen.

(gesamte Rezension siehe hier)
Es sind also Übersetzungsprozesse, die eigentlich das Clustern ausmachen. (Zur Übersetzung ist nicht nur Walter Benjamins Aufsatz 'Die Aufgabe des Übersetzers', GW Bd. IV,1 S. 9-21, interessant, sondern auch die Sammelbände 'Übersetzen: Walter Benjamin': Hart Nibbrig, Christiaan (Hrsg.), Frankfurt am Main 2001, und 'Übersetzung und Dekonstruktion': Hirsch, Alfred (Hrsg.), Frankfurt am Main 1997, spannend zu lesen.)
Und damit dürfte auch klar sein, dass Cluster nur eine Form in einem Prozess sind.
Wenn Sie also clustern, dann schreiben Sie danach auch aus diesen Clustern Textchen. Diese dürfen ohne Anspruch sein. Denn zunächst sind die ja nur für Sie.

4. Technik: Zettelkästen
Kaum ein Uniprofessor nutzt noch Zettelkästen. Ein deutlicher Fehler, unter uns gesagt. Zettelkästen entwickeln, wenn man sie kontinuierlich füllt, ein erstaunliches Eigenleben. Sie verraten einem Ideen, auf die man ohne sie nicht gekommen wäre.
Einen guten elektronischen Zettelkasten finden Sie - kostenlos - hier.


Media-Mania-Magazin

Die heiße Phase beginnt. Das Design wird zurecht geschliffen und die Artikel eingepflegt.
Ab Dezember läuft es dann wirklich rund. Denn dann muss schon fast das zweite Magazin fertig sein.

Hier noch einmal die wichtigsten Daten:

  • 1. Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt "Lesen" im Dezember
  • 2. Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt "Berlin" im Februar
  • 3. Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt "Erste Liebe" im April
  • für den Kurzgeschichtenwettbewerb findet ihr hier die gesamte Beschreibung

23.10.2009

Aristotelische Zombies

Aristoteles propagierte für das Drama die Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Der Film Pontypool, der den dämlichen deutschen Untertitel Radio Zombie trägt, schafft es, sich dieser Form wieder anzunähern. Schon immer haben Zombie-Filme mit klaustrophobischen Elementen gespielt. Hier jedoch wird der Senderaum einer Radiostation zum (fast) alleinigen Schauplatz des Films. Im Film gibt es kaum Splattereffekte. Trotzdem ist, dank einer hervorragenden Regie, gerade die ausgefeilte Dramaturgie und die enorme Spannung das, was diesen Film so außergewöhnlich macht. Nicht zuletzt liegt das an den brillanten Schauspielern, allen voran Stephen McHattie, der Jack Nicholson's besten Rollen Konkurrenz macht, und der wunderbaren Lisa Houle, die im realen Leben mit Stephen McHattie verheiratet ist.
Mehr noch: der Film ist so intelligent wie witzig gemacht.


Bild-Leser

Manchmal treiben Argumentationen im Rechtswesen seltsame Stilblüten, so etwa, wenn Bild-Anwalt Thomas von Plehwe gegen einen taz-Werbespot argumentiert. Dieser Spot sei menschenverachtend, weil der Menschen darstelle, die kaum des Lesens mächtig seien. Nun ist aber, wie man sich leicht auf youtube überzeugen kann, in diesem Spot keineswegs dargestellt, dass die Menschen kaum lesen könnten. Und die Frage ist dann, woher Herr von Plehwe sein Argument holt. Also doch ein Körnchen Wahrheit?


Axt-Effekt

Und noch etwas Lustiges aus dem Internet:
Vaibhav was pushed to take this step when his bai (maid) beat him with a broom when he tried to impress her by appearing naked in front of her after applying all the Axe products.
Und hier der Rest.



Nichtalltägliches

Endlich tut sich wieder was für Frauen, jenseits von Eva Hermann und Zensursula, die durch ihren Spruch "Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen finanziere ich der Königin ihr Kind." die Damenwelt revolutioniert haben. Hier wird Frauenarbeit vollends gewürdigt.
Außerdem erfahren Sie hier, warum Rechtschreibung kein Luxus ist.
Und eine geile Möglichkeit zum Missbrauch von Hartz IV-Geldern habe ich hier entdeckt. Abgehoben!


Provozieren um jeden Preis

Ich verweise hier mal, nicht nur für Coaches, sondern sehr generell, auf den warmherzigen Video-Post von Monika Lohmann.
Weil ich immer wieder solche Erfahrungen in Diskussionsforen mache, habe ich mich seit längerer Zeit damit beschäftigt. Im weitesten Sinne greift dies auf meine Beschäftigung zu Empathie und Gewalt zurück.
Frau Lohmann habe ich dann folgendes in ihren Blog kommentiert:
Sehr geehrte Frau Lohmann!
Das ist mal ein sehr vernünftiger Kommentar. Der Thread war wirklich furchtbar. Zum einen aber bestätigt der Erfolg dieses Threads Luhmanns Ansicht, dass Konflikte gerade dadurch binden, weil sie auf der einen Seite hochselektiv sind, auf der anderen Seite höchst diffus. Beides geht deshalb zusammen, weil die Struktur eines Konfliktes primitiv ist, z.B. erfolgreich sein / nicht erfolgreich sein. Die Auflösung dieser Struktur jedoch läuft über ‘Verzeitlichung’ durch anderes und andere Themen, nicht durch Aktualisierung des Konflikts. (Im übrigens ist Ihr Beitrag wirklich klasse: die Majestät des Absurden betritt die Bühne, wenn ich mal mit Paul Celan so formulieren darf.)
Zum anderen erlebe ich diese Form der Diskussion immer wieder, gehe es nun um mailing-Listen zur Systemtheorie und zum kreativen Schreiben, um Nazi-Blogs, etc. Die Ursache finde ich unter anderem in der in der Linguistik altbekannten Spaltung zwischen formellen (grammatischen) und semantischen (bedeutsamen) Muster. Formelle Muster sind gleichsam Anordnungen der Materie, so, wenn ein Satz eine bestimmte Abfolge von Wörtern haben muss, um grammatisch korrekt zu sein. Semantische Muster sind gleichsam der Sinn, der entsteht, wenn ein Kopf mit diesem Satz zusammenstößt. Da wir zuerst den Sinn eines Satzes suchen, verwechseln wir gerne das semantische Muster mit dem formellen Muster. Doch wie heißt es so schon? “Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.” Mein Gegenüber sieht eben nicht mein semantisches Muster, sondern nur das formelle. Und über diesen Trugschluss heizen sich solche Diskussionen auf.
Sie hatten das übrigens, mit anderen Begriffen, vor einigen Monaten ähnlich formuliert. Ich finde bloß gerade nicht Ihren Eintrag (ich gestehe: ich bin zu faul zum Suchen).
Liebe Grüße,
Frederik Weitz
In der Ethnologie, so scheint es mir, kann man hier auch zwischen Konfliktgesellschaften und Erzählgesellschaften unterscheiden. Erzählgesellschaften neigen sehr viel stärker zu ritualisierten Werten und Normen. Sie sind weniger pluralistisch. Dagegen pluralisieren sich Konfliktgesellschaften (z.B. moderne Demokratien) über diese Konflikte aus. Das liegt vermutlich daran, dass die wenigstens Konflikte rechtstauglich sind, sondern nur interaktionstauglich (vgl. dazu Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechtssystems. in ders.: Ausdifferenzierung des Rechts, hier S. 38f.; Luhmann spricht hier, in etwas anderer Bedeutung, von basaler Souveränität (Interaktion) und Entscheidungssouveränität (Rechtsinstitution)).
Interaktionstaugliche Konflikte werden sehr unterschiedlich gelöst, während rechtstaugliche Konflikte durch daran anschließende formelle Verfahren gleichförmig bearbeitet werden sollten. Nicht nur werden interaktionstaugliche Konflikte dadurch pluralistisch, weil sie durch Schweigen, Duldung, Rückzug, Kompromisse und ähnliches gelöst werden; auch rechtstaugliche Konflikte können pluralisierend sein, wenn der Absprung von der Interaktion in institutionalisiertes Recht an verschiedenen Stellen getätigt wird. So kann der gleiche Nachbarschaftsstreit (die auf das Nachbargrundstück laubende Weide) entweder gleich vor dem Kadi enden, oder erst dann, wenn schon Mord und Totschlag passiert sind. Diese Pluralisierung liegt allerdings nicht im institutionalisiertem Recht, sondern im Wissen um dieses und in seiner Relevanz für die Teilnehmer.


"Mein Pop-3-Ausgangsserver",

so sagte ich zu einer Kollegin, "funktioniert doch gerade nicht."
Sie: "Du hattest doch schon seit Monaten keinen Sex, oder?"
Ich habe mich an das Oder geklammert.

P.S.: Mittlerweile kann ich wieder e-mails verschicken.


Nutzen des Coaching

Im dritten Teil wird die eigentliche «Black Box» beleuchtet. Punktuell werden im Rahmen dieser Tiefenbohrung dem Leser Zugänge in die geheimnisvolle Welt der objektiven Hermeneutik ermöglicht. Besonders spannend ist die zentrale und auch provokative Aussage, dass Supervisionen nach aussen hohe Kompetenz ausstrahlen, es sich dabei aber oftmals mehr um Schein als um Sein handelt.
So schreibt die NZZ über das Buch Black-Box Beratung? Empirische Studien zu Coaching und Supervision. Das ist ein Eindruck, der sich mir schon vor langer Zeit aufgedrängt hat. Es wird mehr auf die positive Außenwirkung geachtet als auf inhaltliche Fundierung.
Der letzte, groß angelegte Gag war und ist ja die emotionale Intelligenz. Die funktioniert alleine schon deshalb nicht so ohne weiteres, weil Emotionen, Affekte und Gestimmtheiten schärfer unterschieden werden müssen.



22.10.2009

Avatar

Vor etwas über einem Jahr habe ich 'Fluch der Karibik' auseinander klabüstert. Danach hatte ich mit 'Avatar - Der Herr der Elemente' eine Analyse begonnen, aber alles auf Eis gelegt, weil ... nun, andere Sachen passiert sind. Jetzt bin ich seit zwei Wochen wieder dabei. Mittlerweile sind mehr als hundert narrative Figuren in meinen Zettelkasten gewandert, ergänzt von weiteren Figuren aus Alan Dean Foster-Büchern, Harry Potter, Georges Simenon und - auch das hatte ich lange geplant, aber nie wirklich in Angriff genommen - Haruki Murakami.
Narrative Figuren sind äußerst fragmentarische Zusammenfassungen, hinreichend abstrahiert, so dass sie rasch in andere Geschichten einbauen kann, wenn man die abstrakten Stellen anders besetzt. Das habe ich auch teilweise gemacht: geplottet, wie man sagen würde. Allerdings war ich recht faul, was das Plotten angeht. Den zahlreichen Figuren stehen nur zehn halb ausgearbeitete Episoden gegenüber, bei denen acht noch nicht mal einem bestimmten Genre angehören.
Narrative Figuren sind deshalb 'schwierig', weil man sie zunächst recht willkürlich aus den Texten oder Filmen herausgreift. Man braucht dafür eine gewisse Gelassenheit und eine gelassene Gewissheit, dass man mit ihnen gut arbeiten kann. Tatsächlich besteht ihr praktischer Wert für mich, dass sie die Phantasie anregen und rasch neue Kombinationen zulassen, gerade weil sie abstrakt sind.

Ich notiere also - als narrative Figur -:
Schrift mit besonderer Information stehlen
  • Personen: Bruder (gegen Diebstahl), Schwester (für Diebstahl), Freund (weiß nichts davon), Händler (ein Hehler)
  • Ort: Antiquitätenladen
  • Ereignis: Schwester nimmt Schrift heimlich mit
Mit dieser Figur ist wenig gesagt. Weder weiß man, um was für eine Schrift es sich handelt, noch, wo der genaue Konflikt steckt, noch, was weiter passiert. Von hier aus kann man aber alle möglichen Konstellationen durchprobieren. Man kann die Personen ersetzen oder mit Hintergrundmotiven ausstatten.
Sagen wir zum Beispiel, dass der Hehler von einem unbekannten Freund Geld bekommen hat, dass er die Schrift auslegt, damit sie von der Schwester gestohlen wird. Damit hätten wir eine andere Geschichtsabfolge, als wenn der Händler die Schrift tatsächlich zum Verkauf angeboten hätte.
Auch innerhalb der Sequenz kann man spielen: wenn die Schwester mit dem Händler feilscht, aber nicht genug Geld hat, eventuell auch noch äußert, dass sie diese unbedingt haben will, vermutet der Händler hinterher mit größerer Sicherheit, dass sie für den Diebstahl verantwortlich ist, als wenn sie nicht ihr Interesse bekundet hätte.
Beim Plotten mit narrativen Figuren geht es (zunächst) nicht um fertige Geschichten, sondern lediglich um Keime, die man durch eine Sequenz ein wenig wachsen lässt. Mehr nicht. Allerdings bilden sich schnell umfangreichere Ideen.


Artikel zum 'Lesen'

Nachdem uns unser Hauptartikelschreiber für das erste Media-Mania-Magazin abgesprungen ist, habe ich selbst den Artikel zum Lesen verfasst. Etwas peinlich, wenn man das Magazin mitgestaltet. Und noch peinlicher wurde mir, dass ich mich sehr knapp fassen wollte, und das bei einem Thema, das mich lang und breit beschäftigt hat, seit, sagen wir, fast dreißig Jahren. Damals, mit zwölf, kam ich nämlich auf die ulkige Idee, dass Freud einem helfen könne, wenn man Probleme mit der Familie habe. Also habe ich Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse gelesen. Soweit mein Tagebuch das hergibt (ich selbst erinnere mich nicht mehr), hatte ich meine ersten wirklichen Verständnisprobleme bei der Vorlesung über die Angst (heute würde ich sagen, dass ich mit meinem Lesen insgesamt einem Trugschluss aufgesessen bin). In meinem Tagebuch finde ich penible Aufzeichnungen über dieses Kapitel und warum ich das zuerst nicht oder nur mechanisch lesen konnte. Gut, meine Probleme mit meiner Familie habe ich dadurch nicht lösen können, aber vermutlich hat mich das zu dem leicht überpeniblen, kleinen Textdurchwühler gemacht, der ich heute bin.
Wie dem auch sei: der Artikel zum 'Lesen' ist, von meinem ersten Entwurf her, nur noch ein Drittel so lang. Recht nonchalant schreibe ich zum Begriff des Sinns beim sinnentnehmenden Lesen, man möge sich hier doch bitte im entsprechenden Kapitel bei Luhmann informieren. Das hat mir acht Seiten gespart. Nach dem Motto: Nicht wirklich nett, aber praktisch.



21.10.2009

Blogger

Hier nochmal ein Blog-Eintrag zum Internet-Aufreger des Jahres 2007. Wir erinnern uns: Bernd Graff schrieb, das Internet verkomme zu einem Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. In Wahrheit sehe ich eher einen gewissen Qualitätsdruck, einen Qualitätswettbewerb zwischen den Bloggern, der zu regelmäßig guten Artikeln führt oder gute Artikel verbreitet.
Nein, ich mag mich nicht den sogenannten profilierten Journalisten anschließen. Gut, es gibt auch viel Unsinn im Internet. Aber erstens werden Blogs die üblichen Nachrichtensendungen und die üblichen Zeitungen nicht ersetzen, zweitens tragen gerade die Blogs, wie mir scheint, zu einem steigenden politischen Bewusstsein bei, der sich nicht auf vorgefertigte und erlaubte Fragen bei Pressekonferenzen erstreckt. Vor allem gibt es doch zahlreiche Blogger, die selbst auch Journalisten sind und hier die offiziellen Richtlinien ihrer Stammblätter nicht befolgen müssen.
Blogger müssen natürlich kritisiert werden. Auf der anderen Seite üben Blogger eben auch viel gerechtfertigte Medienkritik.


18.10.2009

Media-Mania-Magazin

Ich bin noch da: nur hatte ich diese Woche so viel zu schreiben, dass ich meinen Blog vernachlässigt habe.
Besonders möchte ich auf das Media-Mania-Magazin hinweisen, das ab Dezember von www.media-mania.de heruntergeladen werden kann. Bis 16. Oktober lief ein Geschichtswettbewerb für die Dezember-Ausgabe. Dabei sind wirklich gute Einsendungen zusammengekommen mit guten Stilisten und humorvollen Texten. Beneidenswert!