27.09.2009

Trauma, Zeit, Erzählen

Der Begriff des Traumas beschäftigt mich zur Zeit aus folgendem Grund:
Ähnlich wie manche Formen der Gewalt absorbieren Traumata für eine gewisse Zeit die 'Fähigkeit', die Ereignisse in eine gute Reihenfolge zu bringen. Mit anderen Worten: die Erzählungen geraten durcheinander. Ich will damit ein Trauma nicht auf eine Inkompetenz des Erzählens reduzieren, hänge hier aber einen anderen, recht neuen Blickwinkel ein.

Trauma
Zunächst gilt es zu klären, was ein Trauma ist. Freud definiert in den Vorlesungen zur Psychoanalyse (GW XI, S. 284):
Es ist so, als ob diese Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe vor ihnen stände, und wir nehmen diese Auffassung in allem Ernst an; sie zeigt uns den Weg zu einer, heißen wir es ökonomischen Betrachtung der seelischen Vorgänge. Ja, der Ausdruck traumatisch hat keinen anderen als einen solchen ökonomischen Sinn. Wir nennen so ein Erlebnis, welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normalgewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen.
Halten wir zunächst fest, dass das Trauma eine unerledigte Aufgabe darstellt. Wenn Freud hier auf die ökonomische Betrachtung und den Energiehaushalt zu sprechen kommt, dann ist das Ziel der Aufgabe eine Verminderung des Energieverbrauchs, also gerade nichts Inhaltliches, sondern rein ressourcenorientiert. Die Erledigung der Aufgabe erfolge sonst auf normale Weise, d.h. in einer bereits vorschematisierten Form, die - so kann man annehmen - situativ angepasst wird.
Nun funktioniert gerade das beim Trauma aber nicht. Hier wird mit einer Reizüberflutung gerade die gewohnte Möglichkeit der Aufarbeitung hinweggeschwemmt.
Das Maß also, inwiefern ein Erlebnis traumatisch ist oder nicht, liegt in der Fähigkeiten, Reize rasch zu verarbeiten. Bevor man hier auf den Wert der Bildung kommt, obwohl dies naheliegend scheint, dass eine gute Bildung bei der raschen Reizverarbeitung hilft, definiert sich das Trauma vor allem durch eine gewisse Anzahl ungewöhnlicher Reize, für die nicht ausreichende Schematismen vorliegen. Es gibt zwischen beiden keine Parallelführung oder - um eine musikalische Metapher zu verwenden - keine Engführung (wie Celan in seinem Gedicht Engführung schreibt: "Nirgends | fragt es nach dir - | Der Ort, wo sie lagen, er hat | einen Namen - er hat | keinen. Sie lagen nicht dort. Etwas | lag zwischen ihnen. Sie | sahn nicht hindurch." - GW I, S. 196).
Oder anders formuliert: Zwischen Reizen und Verarbeitung entsteht keine hinreichend lange Ko-Evolution.
Andererseits entsteht Bewusstsein, folgt man dem systemtheoretischen Paradigma, durch eine Ko-Evolution von Bewusstsein und Kommunikation (siehe Luhmann, Soziale Systeme, S. 92, 141, 367). Die Kommunikation hat also durchaus Einfluss auf die Reizverarbeitung, indem sie gleichsam von der anderen Seite, der sozialen Seite her Muster aufbauen hilft, die vor einer Reizüberflutung schützen. Bevor wir allerdings zu dem Problem dieser Ko-Evolution kommen, sei diese Annahme noch einmal durch ein längeres Zitat gestützt:

Ohne Medikation häufen und verlängern sich indessen ruhigere Zwischenzeiten, wo sie [die schizophrene Patientin] wieder ganz »sie selbst« ist und man vernünftig mit ihr sprechen kann. Gleichzeitig werden im engen persönlichen Kontakt in den zunächst sinnlos scheinenden Wahnideen für ihre Betreuer zunehmend verständliche und - wie sich in der Folge zeigt - weitgehend unbewältigte traumatische Elemente aus der eigenen Lebens- und Familiengeschichte erkennbar. Verschiedene traumartige Bedeutungsebenen tanzen dabei eine Zeitlang unstabil neben- und durcheinander: In einem abstrakt symbolischen Sinn geht es um die Patientin verschlingende Fluten von Schmutz und Unrat, die da irgendwo aus mythischem Untergrund aufsteigen. Gleichzeitig aber sieht und erlebt sie solche Räume und Bilder auch konkret. Auf einer anderen Ebene bedeutet dieser Unrat ihr Gefühl von Hass und Ekel gegenüber traumatischen Familienerlebnissen in ihrer Kindheit. Noch auf einer weiteren und ebenfalls stark regressiven Ebene drückt sich in der Psychose ein Gefühl von totalem Vernachlässigt- und Entwertetsein durch beide (objektiv vermutlich wenig präsente) Eltern aus, verbunden mit massiven Eifersuchtsgefühlen einer stark bevorzugten Schwester gegenüber. Gleichzeitig aber erscheint auf einem viel progressiveren und untergründig ebenfalls immer präsenten Niveau die ganze psychotische Krise als ein sinnvolles Ringen um ein volles Frau- und Erwachsenwerden mit endgültiger innerer Ablösung aus erdrückenden Familienbanden.
Ciompi, Luc: Die emotionalen Grundlagen des Denkens, S. 222
Zunächst kann man im zweiten Teil des Zitates die Ursachen für die Deprivation lesen, die schließlich zu den schizophrenen Schüben führen. Es sind nicht näher erläuterte traumatische Familienerlebnisse, wenig präsente Eltern, eine stark bevorzugte Schwester. Diese führen zu Symptomen, die mit Gefühlen des Vernachlässigt- und Entwertetseins und massiver Eifersucht einhergehen.
Diese soziale Isolation scheint recht regelmäßig auch zu seltsamen, ungekonnten Verarbeitungsmustern zu führen. Spannender ist allerdings, dass durch einen engen Kontakt zu den Betreuern die traumatischen Elemente der Lebensgeschichte erkennbar werden. Dabei 'tanzen verschiedene traumartige Bedeutungsebenen [...] unstabil neben- und durcheinander', und werden nur abstrakt symbolisiert. Der Konflikt, der sich hier wiederum andeutet, und auf den ich abziele, ist der zwischen Dauer und Ereignis, zwischen Gegenwart und Vergangenheit/Zukunft-Differenz. Dieser ist eng mit den Bedingungen von Ko-Evolution verknüpft.

Temporaldimension
Sinn: basale Unruhe
Luhmann beginnt seine eigentliche Theorie autopoietischer Systeme mit der Definition von Sinn. Dieses eminent wichtige zweite Kapitel aus dem Buch Soziale Systeme stellt eine der wenigen modernen Sinntheorien dar und wird generell zu wenig rezipiert, zum Beispiel auch im Hinblick auf Lesen und Leseförderung.
Sinn wird dabei als eine Art feinkörniger Gries verstanden, als eine diffuse Menge von Körnchen, die sich jeweils zu strengeren Formen zusammenklumpen können. Man kann dies tatsächlich mit einer Art Sand vergleichen, in die mehr oder weniger gekonnt Formen eingepresst werden, wie Kinder Muscheln, Autos, Seesterne mit Hilfe von Plastikförmchen in den Sand stanzen.
Nun sind Sandformen allerdings eine Zeit lang stabil. Die in das Sinnmedium eingepresste Sinnformen sind allerdings extrem flüchtig. Im Moment ihres Entstehens zerfallen sie bereits wieder und machen einer weiteren Sinnform Platz. Diese Dynamik sorgt für eine basale Unruhe im Sinn, und jeder, der sich bisweilen beobachtet, kann dies bestätigen: die Gedanken hüpfen von hier nach dort und tasten alles mögliche ab, und testen alles mögliche an. Das Sinnmedium ist die Grundlage für psychische und soziale Systeme (also für Seelen und die Gesellschaft). In psychischen Systemen heißt die Sinnform Gedanke, in sozialen Systemen Kommunikation. Alles, was in Seelen und der Gesellschaft passiert, ist Sinn, macht Sinn und kann nicht aufhören Sinn zu machen. Und nichts, was sonstwo in der Welt passiert, Gottes Urknall und Tante Ernas Frostbeulen, kann ohne Sinn für uns existieren.
Sinn ist also, für Luhmann, ausschließlich, und ebenso ausschließlich basal unruhig.

Sinndimensionen
Sinn als solcher ist in dieser Definition noch zu unspezifisch.
Deshalb hängt Luhmann hier drei Sinndimensionen ein, die jeweils in einer Sinnform kombiniert werden. Diese drei Sinndimensionen nennt er Sachdimension, Sozialdimension und Zeit-/Temporaldimension. Alle drei Dimensionen sind differentiell gebaut, d.h. durch eine Opposition charakterisiert.
Für die Sachdimension ist diese Opposition dies/anderes. Man denkt zum Beispiel an Pferde, und deshalb nicht an alles andere. Zweifellos kann man von Pferden zu Raketen wechseln, aber damit hat sich die Sinnform schon verändert. Die Sachdimension besagt, dass in der Sinnform ein bestimmtes Dies gemeint ist, wobei zur gleichen Zeit alles andere eben apräsent gehalten wird. Und nur, weil ich nicht alles gleichzeitig denken kann, lohnt sich weiteres Denken überhaupt. Die jeweils spezifische Sinnform behindert nicht Denken und Kommunizieren, sondern ermöglicht sie erst. Selbst Gott in seiner Allmacht konnte nicht anders gedacht werden, als dass er nacheinander die Dinge in die Welt geworfen hat: dia-bolein, der Teufel wie der Sinn stecken im Detail.
Schon hier bemerken wir, dass Sinn, insofern er nicht die Welt wegabsorbiert, Zeit braucht. Die basale Instabilität ist prozesshaft und kann auf dieser Ebene nicht mit Haltegriffen und Fixpunkten versehen werden.
Die Sozialdimension teilt sich in die Opposition Ego/Alter Ego. Damit werden Sinnformen gleichsam unter jeweilige Perspektiven gesetzt und ermöglicht es, mit Sinnformen umzugehen, die nicht von einem selbst bevorzugt werden müssen. Auch wenn Petra Vanillepudding hasst, kann ich ihn trotzdem essen. Die Sozialdimension liegt häufig in einer gleichsam dissimulierten Form vor. Niemand würde an der Existenz von Brötchen, Hunden, Beethovens Symphonien zweifeln. In der offensichtlichen Teilung der Sozialdimension regeln Ego/Alter Ego-Differenzen Chancen auf Konflikte, Abweichungen, Ergänzungen (er: Bier trinken, sie: kochen).

Zeit
Schließlich wird mit der Zeitdimension in Sinnformen eine vorher/nachher-Differenz etabliert. Die Lücke, die zwischen dieser Differenz liegt, wird durch ein Ereignis aufgefüllt. Vorher war die Vase ganz, nachher kaputt und zwischendurch ist der Ball geflogen. Die Präferenz des Vorher regelt zum Beispiel die Auffassung als persönliche oder auch politische/kulturelle Geschichte. Früher war alles besser, früher gab es Napoleon, Cäsar, die Bänderkeramik der Jungsteinzeit und den Pflaumenkuchen von Oma. Die Präferenz des Nachher regelt Übergriffe in die Zukunft, zum Beispiel in Form von Wünschen, Plänen, Befürchtungen.
Wesentlich an der Zeitdimension ist, dass sie auch die Gegenwart regelt. Zwischen zwei Ereignissen liegt eine mehr oder weniger bestimmbare Zeit, in der etwas andauert, in der 'garnichts' passiert. Brötchen werden gebacken und gegessen. Zwischen dem Gebackenwerden und dem Gegessenwerden liegt allerdings eine Zeit, in der das Brötchen vor sich hinliegt. Diese Gegenwart nennt Luhmann Dauer. Er kontrastiert sie mit einer vollkommen anderen Gegenwart, der Gegenwart des Ereignisses, das auftaucht und gleich wieder verschwindet. Während die Dauer also ein ausgedehntes Nicht-Passieren ist, sind Ereignisse zeitpunktfixiert.
Ereignisse absorbieren jeweilige Dauern. Eben noch in ihrer Küche, jetzt auf unserer Showbühne. Dazwischen das Ereignis, von Rudi Carrell entdeckt worden zu sein. Damit ist aber auch klar, dass es sehr unterschiedliche Dauern gibt, dass jedes Ereignis nur bestimmte Dauern betrifft. Das Essen eines Brötchens ruiniert kein junges Eheglück und bringt keine Blumen zum Blühen. In Bezug auf Dauern erweist sich die Welt als polyrhythmisch. Ereignisse transformieren Dauern in andere Dauern, aber das jeweils lokal und nur bei entsprechender Betreffbarkeit.
Jede Sinnform ist für sich ebenfalls ein Ereignis. Sinnformen sind also in der Lage, sogar in der Notwendigkeit, auf doppelte Art Ereignisse zu konstruieren. Zum einen ändern sie Systemzustände. Man denkt etwas und schon ist man ein anderer Mensch, ob man glaubt oder nicht. Zugleich bezeichnen Sinnformen aber auch Ereignisse. Sie beziehen sich auf diffuse Sach-/Zeitmischungen, auf Hagelstürme, erste laue Frühlingstage, die Geburt des zweiten Kindes. Während das Entstehen und Vergehen von Sinnformen gleichsam reflexionslos prozessiert, können gemeinte Ereignisse überdacht werden. Dazu gehören dann auch wieder eigene Gedanken.
Die Temporaldimension des Sinns erzeugt also schon auf den ersten Anschein hin eine sehr komplexe Handhabung. Über die vorher/nachher-Differenz kann man die Dauer/Ereignis-Differenz, bzw. die Gegenwart//Vergangenheit/Zukunft-Di(Tri)fferenz einführen und schließlich noch die Sinnprozessualisierung//Sach-/Zeitmischung-Di(Tri)ferenz. 


Strukturelle Kopplung
Die Prozessualisierung von Sinn geschieht auf der Basis der Autopoiese. Autopoietische Systeme grenzen sich gegen die Umwelt ab und erzeugen ihre eigenen Elementarereignisse. Psychische Systeme, ich, der Autor, zum Beispiel, prozessieren Gedanken, und nur eigene Gedanken. Ich kann nicht meine eigenen Gedanken in ein anderes psychisches System hineindenken und ich kann nicht andere Gedanken aus einem anderen psychischen System herausdenken. Psychische Systeme sind füreinander intransparent. Alles, was gedacht wird, passiert hinter Schädeldecken.
Nun können psychische Systeme mit mehr oder weniger Erfolg Körperbewegungen handhaben. Körperbewegungen werden in Einheiten differenziert, man seufzt, schnaubt, kratzt sich am Kinn, rümpft die Nase, und dies kann von anderen psychischen Systemen registriert werden, denen es nun überlassen bleibt, darauf zu reagieren oder es galant zu übersehen. Handlungen flaggen also gleichsam psychischen Sinn aus, ohne den psychischen Sinn selber sichtbar machen zu können. Handlungen produzieren so Ereignisse, die für eine Mehrzahl psychischer Systeme sichtbar sind, und über die dann Koordinationen stattfinden können.
Schon in jüngstem Alter werden Bewegungen mit Umweltereignissen verknüpft. Man gluckst, man weint, man reißt die Augen weit auf, und ein gestalthaftes Etwas in der Umwelt reagiert mit Eiteitei, Füttern oder Streicheln. Das psychische System rhythmisiert sich gleichsam über Handlungen an die Umwelt an, sofern die Umwelt eben reagiert.
Dieses An- und Herbeirhythmisieren von Umwelt wird mit zunehmendem Alter komplexer. Ereignisse können gegeneinander abgegrenzt werden. Bälle neigen dazu, wegzuspringen, wenn man sie grob anfasst, Teppiche bleiben liegen. Bestimmte Gegenstände geben regelmäßige Töne von sich und reagieren mehr oder weniger erwartbar, wenn man ebenfalls ein wenig vor sich hinlallt. So ergeben sich Handlungs-/Erlebenssequenzen, die mal stabil erwartbar, mal überraschend neuartig sind. Und bei der Ausdifferenzierung der Welt springen gerade die Dinge ins Auge, die so etwas wie eine Eigendynamik haben, die Mutter, der Vater, die Geschwister.
Man kann so - folgt man diesem kleinen, systemtheoretischen Märchen - vermuten, dass Handlungs-/Erlebenssequenzen Interaktionen gegen andere Umweltvorkommnisse abgrenzen, Personen gegen andere Gegenstände ausdifferenzieren und schließlich Erwartungen in eher sachliche und eher soziale aufteilen. Eins aber kann nicht geschehen: weder produziert die Umwelt aus sich heraus Sinn, noch kann Sinn von einem psychischen System in ein anderes eingebaut werden. Sinnformen, Sinnformprozesse (Muster) müssen über System/Umweltsequenzen erfahren, stabilisiert und eventuell transformiert und wieder aufgelöst werden. Der jeweilige systemeigene Sinn bleibt jeweilig systemeigen, so sehr man von anderen sinnverarbeitenden Systemen auch umgeben ist.
Stabile Sinnformprozesse nennt Luhmann Strukturen. Diese liegen latent, abrufbereit in Systemen vor, und aktualisieren sich, wenn sie prozessiert werden. Solche Sinnformprozesse korrespondieren mehr oder weniger glücklich mit der jeweiligen Situation. Es wäre allerdings zu weit gegriffen, wollte man hier von Anpassung sprechen. Anpassung impliziert (historisch) zu viel Gleichheit in der Sozialdimension, zu viel Dinghaftigkeit in der Sachdimension. Tatsächlich kann Anpassung gerade darauf hinauslaufen, Devianzen zu produzieren. Wie der Strukturfunktionalismus (z.B. Mertons) dies für Interaktionsnormen ausgeführt hat, kann die Anpassung an Normen darin bestehen, diese provokativ außer Kraft zu setzen (siehe dazu auch Bateson, Gregory: Die Ökologie des Geistes, S. 138, übrigens ebenfalls mit Bezug auf traumatische Vorfälle). Auf der anderen Seite torpediert diese Sichtweise den klassischen Begriff der Entfremdung. Die rigide Trennung sinnformierender Ereignisse durch Systemgrenzen ist Fremdsein par excellence.
Erst über Handlungs-/Erlebnissequenzen kann eine gewisse Ko-Rhythmisierung und damit auch eine Ko-Evolution angedacht werden. Aber auch die Ko-Rhythmisierung hebt die rigide Trennung nicht auf. Für diese mehr oder weniger stabilen, systeminternen Strukturen übernehmen wir als Grundtatbestand den Begriff der strukturellen Kopplung.
Über strukturelle Kopplungen differenziert sich ein System an und entlang der Umwelt aus. Über strukturelle Kopplungen gewinnen Systeme Sensibilitätschancen und Betreffbarkeitschancen gegenüber der Umwelt (Marke: Bücher sind doof und Mädchen geil). Sensibilität (formiert als wichtig/unwichtig, bzw. interessant/langweilig) und Betreffbarkeit (formiert als gut/schlecht oder geil/doof) sind Schematismen, mit denen man solche strukturellen Kopplungen - ohne hier weitreichend sein zu wollen - ausdifferenzieren kann.

Traumatische Kopplungen
Traumata, so hatte ich oben geschrieben, korrespondieren damit, dass vorschematisierte Formen der Reizverarbeitung durch eine Reizüberflutung nicht mehr greifen können. Die strukturelle Kopplung 'versagt'.
Nimmt man die Begriffe der Temporaldimension in Anspruch, so werden so viele Ereignisse auf der Sach-/Zeitmischung produziert, dass die Sinnprozessualisierung führungs-/strukturlos hin- und hertaumelt, bzw. irgendwelche 'Notfall'-Strukturen herauspickt. In der Psychopathologie, z.B. bei Ciompi (a.a.O.), wird dann von perpetuierenden Strukturen, dissoziativen Strukturen und ähnlichem gesprochen. Das sind im Prinzip schon Ablagerungen, die aus der Traumatisierung übrig geblieben sind und aus irgendwelchen Gründen weitere Belastungen und Störungen verursachen.
Von einer Soziologie her kann man posttraumatische Belastungsstörungen - entlang der Einteilung von Jo Eckardt: Kinder und Trauma, S. 17 - folgendermaßen beschreiben:
1. Intrusionen. Damit werden unerwünschte Erinnerungen an das Trauma bezeichnet. In teilweise völlig unpassenden Situationen quellen Bilder, Gefühle, sinnliche Wahrnehmungen empor, ohne dass man sie blockieren kann. Was von der Seite der Psychologie als eine Re-Inszenierung der traumatischen Handlungs-/Erlebnissequenz beschrieben werden kann, gilt gleichermaßen für die soziologische Seite. Was auch immer im Kopf des Betreffenden passiert: die Handlungen in der sozialen Situation geraten mehr und mehr durcheinander. Was auch immer psychisch wie passiert: über die Ko-Evolution scheint hier die ehemals massiv erlebte Eindringlichkeit des traumatischen Ereignisses umgedreht zu werden, gleichsam "ausdringlich" zu werden. Sozialisation ist ein gleichermaßen beeindruckendes und schwierig hinterfragbares Geschehen. Trotz aller Mitbeteiligung psychischer Systeme erweisen sich soziale Strukturen als träge und in dieser Trägheit liegt ein gewisser übergeordneter Zwangscharakter. Intrusionen scheinen nun dieses Verhältnis umzukehren. Ihre Zwanghaftigkeit - man spricht auch von Zwangsvorstellungen - widersetzt sich den Sozialisationszumutungen, wenngleich man sagen darf: auf ungekonnte Weise.
2. Vermeidung. Damit werden Handlungen beschrieben, die andere Handlungen oder Erlebnisse vermeiden helfen (ebenfalls mit mehr oder weniger Erfolg). Hier verankert sich das Trauma nicht auf der Seite des Erlebens, sondern auf der der Handlungsbewertung. Bestimmte Handlungen sind gut, weil sie vermeiden, andere sind schlecht oder könnten schlecht sein. Vermeidungen können bis zum Versuch vollständiger sozialer Isolation führen. Statt zu einer Umstrukturierung traumatischer Kopplungen, scheint hier eine sekundäre traumatische Kopplung zu existieren, die über Ausgrenzung bestimmten Erlebens Handlungspräferenzen entwickelt, die, wie im Falle der Isolation, extrem exkludierend sein können.
3. Gesteigerte Wachsamkeit, Übererregung. Damit werden Handlungen beschrieben, die auf eine mögliche, neuerliche Traumatisierung reagieren und diese gleichsam im Vorfeld abfangen möchten. Hier erscheinen dann Handlungen als seltsam, befremdlich, weil diese nicht auf tatsächliche Ereignisse reagieren, die anderen auch sinnhaft vor Augen stehen, sondern auf mögliche Ereignisse, die man nicht nachvollziehen kann. 


Wie auch immer sich dieses Verhältnis nun innerhalb psychischer Systeme beschreiben lässt, von außen, die Interaktion betreffend, kann man lediglich von unerwartetem Handeln sprechen und von undurchschaubaren strukturellen Kopplungen, die im Zuge der Ko-Evolution eines psychischen Systems in der Gesellschaft entstanden sind.
Ich habe hier den Begriff traumatische Kopplung eingeführt, um Befremdlichkeiten in anderer Leute Handlungssequenzen und Interaktionsteilnahme zu bezeichnen. Der Begriff ist allerdings hochproblematisch. Traumata sind psychische Bestände, die man nur als Psychologe, nicht aber als Soziologe in fremde Köpfe hineinbeobachten kann. Mir geht es vor allem um die Sequenzförmigkeit, die in der Beschreibung von Traumata auftaucht.
Im Fall von Intrusionen scheint eine Sequenzunterbrechung vorzuliegen, die zu Widersinnigkeiten führt, während bei Vermeidung und Übererregung eine Sequenzvermeidung vorliegt, die ebenfalls interaktionell Missverständliches zeitigt. Trennt man Erlebenssequenzen, die einsam in psychischen Systemen ablaufen von Handlungssequenzen, die für viele (psychische) Systeme beobachtbar sind, bilden Traumata eine strukturelle Fokussierung dieser Spaltung in Erleben/Handeln. Wenn sonst in der Sozialdimension gerne der Übersprung von Ego auf alter Ego beiläufig passiert und Konsens gleich mit unterstellt wird, scheint hier das Ego sich auf ein alter Alter, einen ganz Anderen, einen unsäglich intransparenten Menschen einlassen zu müssen. Andere Effekte der Traumatisierung, quälendes 'Zerkauen des Sinns', quälende Unsicherheit, was der andere gemeint hat, ebenso wie rasche Übergriffe und krude Aussagen (Du schaust immer so behindert!) lassen sich als ein unnormiertes Hineindenken in intransparente Köpfe fassen.
Whitening the black box! - Als Black box werden im Konstruktivismus Systeme bezeichnet, die nicht regelhaft Input/Output-Verknüpfungen herstellen. Input/Output-Verknüpfungen sind bei psychischen Systemen Erleben/Handeln, und es ist klar, dass auf dasselbe Erleben nicht immer dasselbe Handeln erfolgt. Trotzdem machen sich Menschen füreinander zuverlässig oder sorgen dafür, dass jemand das tut, was man von ihm verlangt. Zuverlässigkeit und Durchsetzungsvermögen bilden Mechanismen der Einweißung von black boxes. Anscheinend gibt es hier ein latent vorliegendes Maß, wieviel Transparenz und wieviel Intransparenz anderen Menschen zugemutet werden kann und darf. Es nützt der Ehefrau wenig, wenn sie schreit: Das verstehst du nicht? Das verstehst du nicht?, wenn er tatsächlich nicht versteht. Doch das sind Ausnahmefälle. Wir registrieren an gewissen Bewegungen, an einem bestimmten Tonfall, an bestimmten Verhaltenspräferenzen, wie die Stimmung des anderen ist, was ihn bewegt, ohne wirklich zu wissen, was in seinem Kopf vor sich geht. Oftmals funktioniert das auch ausreichend und selbst bei Fehlgriffen kann der andere das lässig abtun, solange es nicht häufig passiert.
Traumata scheinen diese Grenze zu verschieben. Der andere wird zu wenig eingeweißt (ich verstehe ihn nicht, er hat es mir schon zehnmal erklärt, aber ich weiß nicht, was er meint) oder zuviel (er ist so beleidigend).
Unterhalb der Verdrehung von Handlungs-/Erlebnissequenzen und der problematischen Fokussierung der Handlungs-/Erlebnisdifferenz bildet die 'anormale' Einweißung von black boxes, jenes Zuviel oder Zuwenig, einen dritten Aspekt der soziologischen Erforschung von Traumata.

Erzählen, Probekopplungen
Ebenso faszinierend ist auch, dass sich alle Empfehlungen, wie man mit traumatisierten Menschen umzugehen habe, so etwa bei Jo Eckardt: Kinder und Trauma, S. 39-81, auf entweder Handlungssequenzen und/oder Sprachsequenzen zurückführen lassen, meist aber auf beides. Dabei scheinen besonders Sprachsequenzen wichtig zu sein, die reales Erleben nachvollziehen oder aber fingieren; diese nennt man dann kurzgefasst Erzählungen. Vermutlich ist dies auch einer der Gründe, warum Märchen so wirkkräftig sein können. Ihre teilweise recht brutale Darstellung fingiert das traumatische Ereignis, ohne es erleben zu müssen. Sprachsequenzen sind, gegenüber Handlungssequenzen, erlebnisarm.
Die Frage, wie sich Erzählungen und Traumata - theoretisch - zueinander stellen, möchte ich hier nicht weiter nachgehen (ich gehe jetzt noch ein Bierchen trinken, um genau zu sein). Klar sollte jedoch sein, dass Erzählen, wenn es sich von Handlungen ablöst, recht folgenloses Erproben neuer Strukturen und Ankoppeln an erlebnisarme Strukturen ermöglicht. Erzählen, und damit ist nicht die elaborierte Form gemeint, restrukturiert in gewissen Grenzen die Sinnwelt und macht ungeordnetes und wenig verknüpftes Erleben für einen unproblematischeren Bezug zum Handeln zugänglich.
Auf der anderen Seite scheint Erzählen aber auch genau den Nachteil zu haben, dass es erlebnisarm ist. Dagegen sind kreative Arbeiten erlebnisreich, und können - im Nachhinein - in Erzählungen verdoppelt werden. Jo Eckardt empfiehlt bei allen kreativen Techniken ein zwangloses Erzählen.

Schließlich muss man im Erzählen das Antesten und Nachbearbeiten von Erlebnissen sehen, die so, nach und nach, die traumatischen Kopplungen umstrukturieren, Handlungsspielräume erweitern, Verfügbarkeiten von Erlebnisbereichen wieder herstellen.

Schluss
Ich habe gegen Ende etwas rasch argumentiert. Nun, ich müsste schon lange in der Kulturbrauerei sein. Man möge mir meine Hast verzeihen.
Hier sei noch einmal kurz zusammengefasst, worum es mir geht:
1. Verdrehung von Handlungs-/Erlebnissequenzen (Stichwort zum Beispiel: Erwartungen)
2. problematische Fokussierung der Handlungs-/Erlebnisdifferenz (Stichwort zum Beispiel: Attribution)
3. Zu viel oder zu wenig Einweißung von black boxes;
weitergehend aber, wie seit einiger Zeit, zielen diese Fragmente auf den Zusammenhang von Empathie und Gewalt, von - derzeit - Feedback, Trauma, Devianz und Erzählung. Theoretisch müsste ich noch einmal ausführen, inwiefern Freuds Ökonomieprinzip beim Trauma durch die Temporaldimension ersetzt werden kann. Dazu hatte ich mir in den vergangenen Tagen zahlreiche Notizen gemacht. Hier scheint mir auch insgesamt eine Restrukturierung von Theorien individueller Gewalt möglich, seien es School Shootern, seien es 'mildere' Formen der Gewalt zu sein, wie etwa Mobbing. Angedeutet wird dies ja schon in dem Kriminologie-Buch von Robert Mertons.

Aber jetzt erstmal prost!
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