08.09.2009

Programme

Als Programm wird in der Systemtheorie ein Begriff verstanden, der eine sehr eigene Bedeutung hat. Ich hatte oben schon angedeutet, dass Programme für mich noch einmal interessant geworden sind, weil sie 1. etwas mit dem Lesen zu tun haben (nur was genau, ist dann die Frage), und 2. - und das erscheint mir hier wichtiger - noch einmal Aufschluss über das Erzählen als soziale Funktion geben können. Programme sind im weitesten Sinne Abläufe, ebenso wie Erzählungen Abläufe sind.
Diese Verbindung werde ich allerdings in diesem Beitrag nicht klären. Meine These, dass Erzählungen polyreferentiell sind, wird allerdings dadurch gestützt, dass auch Programme polyreferentiell sind, und dass Programme Möglichkeiten der strukturellen Kopplung bereit halten.
Dies möchte ich hier genauer erläutern.

Zeitdimension(en)
Zunächst müssen wir hier aber einen Umweg gehen. Laut Luhmann sind alle psychischen und sozialen Systeme sinnverarbeitende Systeme. Ob nun ein psychisches System denkt oder ein soziales System kommuniziert: all dies geschieht im Sinn und mit Sinn und kann zunächst nichts anderes als Sinn sein.
Sinn wiederum teilt sich in drei Horizonte auf. Diese drei Horizonte sind die Sachdimension, die Sozialdimension und die Zeitdimension. Jeder konkrete Sinn in einem System - ein Gedanke im psychischen, eine Kommunikation im sozialen - verweist auf diese drei Horizonte und kombiniert diese auf spezifische Art und Weise. Bevor ich das konkret erkläre, muss ich hier die Komplexität noch ein wenig erhöhen.
Die drei Dimensionen teilen sich wiederum in je eine Differenz.

Sachdimension
In der Sachdimension lautet die Differenz dieses/anderes. Es ist ganz klar: solange ich an Tulpen denke, denke ich nicht an Außerirdische, und wenn ich an Außerirdische denke, liegt mir schriftliches Addieren fern. Die Sachdimension verweist somit im Konkreten auf eine Art Weltfragment, auf ein kleines Stück aus dem riesigen Kuchen, und es ist klar, dass hinter allem, was ich im Moment denke, worüber man im Moment redet, noch etwas anderes liegt, das ebenso bedenkens- und beredenswert ist. Jenseits von einem aktuellen Dies liegt ein mögliches Anderes. Das ist zunächst sehr schlicht, so trivial sogar, dass es nicht erwähnenswert erscheint. Doch über Analyse und Rekombination mit den anderen Sinndimensionen gewinnt dieses Instrument eine außerordentliche Kraft. - Sehen wir uns aber zunächst die anderen Sinndimensionen an.

Sozialdimension
Der Sozialdimension eignet die Differenz Ego/alter Ego, oder - auf deutsch -: Ich/anderes Ich. Was als anderes Ich zu gelten hat, hängt von der jeweiligen Auffassung ab, jedenfalls aber liegt dieser Differenz der Widerspruch zugrunde, dass ein Anderer gleich, aber anders gleich ist. Wenn jemand zum Beispiel Schwarze nicht als Menschen auffasst, also nicht als alter Ego akzeptiert, dann fallen diese in gewisser Weise aus der Sozialdimension heraus. Dies wurde natürlich in zahlreichen Schattierungen gepflegt, und insofern besteht die Sozialdimension nicht aus einem reinen Entweder/Oder. Im Apartheidsregime galt, wenn ich das mal so salopp formulieren darf, die Formel: Schwarze sind besser als Tiere, aber schlechter als Weiße. Auch Tiere können, wie auch immer abschattiert, als alter Ego funktionieren. Man hört von klugen Pudeln, die genau wissen, was sie mitteilen wollen. Selbst Pflanzen, Engelkarten, Kaffeesätze können so in die Sozialdimension gezogen werden. Normalerweise aber wird das alter Ego bei anderen Menschen aufgestöbert. Grundsätzlich nimmt man an, dass man gleich ist, und kann darüber dann umso mehr an Verschiedenheiten hängen bleiben. In der Kommunikation benutzt man Themen, um Gleichheit und Verschiedenheit zu kombinieren und nutzt Oberflächlichkeit, Höflichkeit oder konstruktive Strategien, um die Verschiedenheit nicht in explosive Konflikte abdriften zu lassen.

Zeitdimension
Was in Bezug auf Programme aber am interessantesten ist, ist die Zeitdimension. Die Zeitdimension teilt sich nach der Differenz vorher/nachher auf. Vorher hat es geregnet, nachher scheint die Sonne. Vorher war die Vase ganz, hinterher kaputt.
An diesen beiden Beispielen fällt auf, dass sich zwischendurch etwas ereignet. Es hört auf zu regnen. Der Ball fliegt gegen die Vase. Man muss nicht wissen, was passiert ist. Zunächst ist nur wichtig, dass etwas passiert ist und dass dieses Geschehen etwas verändert, dass sich in ein Vorher/Nachher einteilen lässt.
Krimis benutzen diese Differenz, um zu ihrer Geschichte zu kommen: vorher lief Herr B. fröhlich herum, jetzt liegt er mit einem Messer im Rücken im Schlafzimmer. Das sind natürlich nur Sonderfälle in der Kommunikation, die auf die Frage zugreifen: was ist passiert und wer hat es getan?
Normalerweise sind diese Differenzen ebenso banal wie in der Sachdimension die dies/anderes-Unterscheidung. Vorher war das Brötchen ungegessen, nachher gegessen, vorher dampfte das Wasser, hinterher kochte es. Irgendetwas ist passiert und meist weiß man sofort, was passiert ist.

Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeit
Nun ist der Trick bei dieser ganzen Geschichte aber folgender: solange nichts passiert, herrscht sozusagen Gegenwart. Das Brötchen liegt im Brotkasten. Man könnte sagen, die Gegenwart des Brötchens ist sein Ungegessensein. Wir kennen die Zukunft dieses Brötchens. Es ist zum Essen da. Dann wird es gegessen. Dieses Ereignis nun macht aus dem Ungegessensein Vergangenheit und aus dem Gegessensein Gegenwart. Der Pietät halber verlieren wir das Brötchen hier aus den Augen.
Suchen wir uns ein ernsthafteres Beispiel. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, schaffen sie sich andauernd gegenseitig Ereignisse. Damit rutscht beständig die Gegenwart in die Vergangenheit. Man unterhält sich über das Wetter, hat dieses Thema nach zwei Minuten abgearbeitet und wechselt zur neuesten Tagesmeldung im Radio. Der Themenwechsel macht aus dem Wetter - als Thema - Vergangenheit. - Sie sagt, dass ihre Mutter sie besuchen käme, er macht ein betroffenes Gesicht, sie fragt, ob er ihre Mutter nicht leiden könne, und er verneint. Plötzlich wird die schwiegermutterlose Zeit Vergangenheit, und die Zeit vor dem Besuch der Schwiegermutter beginnt. Dann kommt die Schwiegermutter, schließlich reist sie wieder ab. Die Episode ist Vergangenheit. Die Frau behält allerdings im Hinterkopf, dass der Mann ein betroffenes Gesicht gemacht hat und sie von ihm noch keine Erklärung bekommen hat. Und solange dauert diese eine Gegenwart an.

Gegenwart als Problem
Was dieses Beispiel auch deutlich macht, ist, dass Gegenwarten unterschiedlich zu Vergangenheit werden. Der Junge hat, zwölfjährig, auf dem Klavierabend der Musikschule eine Mozart-Sonate verpatzt. Mit dreizehn denkt der Junge nicht einmal mehr daran, doch die Mutter reibt es seiner ersten Freundin sechs Jahre später als allererstes unter die Nase. Plötzlich erfährt der Junge, dass dieses Erlebnis für ihn tiefste Vergangenheit ist, für seine Mutter aber aus irgendwelchen Gründen andauert.
Klärungsgespräche, wie sie im Coaching und in der Beratung üblich sind, dienen vor allem dazu, ein Ereignis zu schaffen (die Beratung), in der Gegenwarten (Konflikte, Unklarheiten) Vergangenheit werden.

Zahlreiche Gegenwarten
Aus diesen Ausführungen dürfte klar geworden sein, dass es nicht nur eine Gegenwart gibt, sondern zahlreiche. Und ebenso zahlreiche Ereignisse sind beständig dabei, aus Gegenwarten Vergangenheiten zu machen. Themen können rasch wechseln, aber das, worauf sich das Thema bezieht, muss deshalb noch lange nicht verschwinden. Wenn ich nicht über das Wetter reden will, muss ich das Thema wechseln. Aber weder verschwindet das Wetter, noch wechselt das Wetter zum gleichen Moment. Das Wetter selbst hat eine andere Dauer. Die Kommunikation schafft sich ihre Ereignisse selbst.
Ebenso können bestimmte Themen bei verschiedenen Menschen unterschiedlich abgearbeitet werden. Das hatten wir doch schon besprochen, sagt Herr A., aber für Herrn B. ist das Thema noch lange nicht gegessen.

Unsicherheit
An der Zeitdimension lässt sich also feststellen, dass Ereignisse Verhaltensabstimmungen fördern oder hintergehen können.
Über die Erfahrung, dass Gegenwart unterschiedlich absorbiert wird, wird Zukunft unsicher. Man erfährt relativ früh, dass Dinge nicht einfach verschwinden und wieder auftauchen. Dies wird in der Psychologie als Dingkonstanz bezeichnet.
Sehr viel überraschender ist es, dass man nicht einfach ohne Kleidung in den Kindergarten gehen kann, und selbst wenn man den Vorschlag dreimal macht, die Mutter besteht auf Höschen, Strümpfchen, Schühchen. Offensichtlich bleibt der eigene Vorschlag - als Ereignis - bei der Mutter folgenlos.
Und umgekehrt bittet man den Kollegen dreimal um Bearbeitung eines Sachverhalts. Die Bitte wird nicht angenommen und die Gegenwart dauert an. Man ringt mit sich, rennt dann zum Chef, der Chef spricht ein Machtwort und schon wird der Sachverhalt erledigt. Dafür handelt man sich das Schmollen des Kollegen ein.

Identitäten
Was auch immer passiert, in der Gesellschaft kann man sich nicht darauf verlassen, dass irgendetwas irgendwann geschieht. Damit wäre jede Sicherheit aufgegeben, jede Planung hinfällig. Um solche Sicherheiten aufzubauen, nutzt die Kommunikation Identitäten. Luhmann zählt vier typische Identitäten auf, Personen, Rollen, Programme und Werte.
Personen sind gleichsam die sozialen Doppel von Menschen. Man erkennt Personen daran, dass sie 'individuell' erscheinen. Herr M. ist morgen immer noch Herr M., und wenn ich Susi mit Gabi anrede, ist sie möglicherweise sauer, denn Gabi ist eine 'doofe Nuss'.
Rollen gehören zwar auch zu Menschen, aber ihr Vorteil ist es, bestimmte Funktionen bereit zu halten. Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt. Ich muss nicht immer zu Doktor A. gehen, um mich untersuchen und einen Heilungsweg begleiten zu lassen. Dieselbe Leistung erwarte ich auch von Doktor B. An der Kasse eines Supermarktes erwarte ich, dass ein Kassierer meine Ware in Geld umrechnet, gleich wer es ist. Und so weiter und so fort. Wer in einer Rolle 'drinnen' ist, von dem kann man auch diese Rolle erwarten. Einmal Klassenkasper, immer Klassenkasper, so viel ist sicher.
Werte legen die Bevorzugung bestimmter Ereignisse nahe. Eine gute Abschlussprüfung ist besser als eine schlechte. In Intimverhältnissen ist offene Kommunikation besser als zahlreiche tabuisierte Themen. Ein joviales, kumpelhaftes Verhalten fördert die Mitarbeitermotivation besser als strenge Kontrollen und Leistungsdruck. Werte legen so in der Kommunikation fest, was bevorzugt werden kann und was nicht. Werte erzeugen so auch Konfliktmöglichkeiten. Sie will über Kinder reden, er nicht: und schon kann es, weil Kinder-kriegen ein Wert ist, zum Streit kommen. Verschiedene Werte können natürlich auch in einen starken Konflikt treten: Herr A. will eine nochmalige Überprüfung, um Sicherheiten zu gewinnen, Herr B. sieht eine gute Tendenz und will es drauf ankommen lassen. Die Debatte ist hier vorprogrammiert.

Programme
Programme schließlich koordinieren die Richtigkeit von Verhalten.
Dies kann auf ganz banaler Ebene geschehen. Sie führt den Hund morgens aus und holt dabei Brötchen und Zeitung, er deckt den Tisch und versorgt die Kinder. Keinem der beiden würde ein Tausch etwas ausmachen, aber es hat sich so eingeschliffen, und genau so wird es dann auch weiter praktiziert. Oder: obwohl beide morgens einen Joghurt essen, kauft sie immer nur dreizehn Joghurts, warum auch immer. Am Freitag kommt es beim Frühstückstisch regelmäßig zu einer enttäuschten Miene und nach einigen Jahren des Ehelebens deswegen zum Streit, beim Freitagabend-Krimi schließlich zur unausgesprochenen Versöhnung und anschließend zum Geschlechtsverkehr, der besonders aufregend ist, weil man sich auf so seltsame Weise versöhnt hat. Und damit wird das Programm weiter praktiziert, obwohl es kein Problem wäre, einen Joghurt mehr zu kaufen, den letzten zu teilen, oder was auch immer an Alternativen auszuprobieren.
Programme koordinieren aber auch ganz abstraktes Verhalten. Zunächst geht es darum, ein Produkt auf dem Markt zu platzieren. Dazu wird dann ganz üblich das Marketing-Programm abgearbeitet: Marktforschung, Zielformulierung, Strategiefestlegung, das Umsetzen des Marketing-Mix und schließlich das Marketing-Controlling. Solche Prozessmodelle legen weder fest, wer es macht, noch wie viele es machen. Klar ist nur, dass jemand es machen muss, wenn es gemacht werden soll.
Ganz ähnlich sind Rezepte. Hier muss Gemüse kleingeschnitten werden, Fleisch angebraten, Saucen gerührt werden. Am Ende hat man eine leckere Mahlzeit. Ob dies Papa oder Mama macht, der italienische Koch oder die spanische Geliebte, man weiß es nicht.

Werte
Werte liegen oft quer zu Programmen. Das Essen sollte lecker sein und nicht: unlecker. Und dementsprechend sollte sich der Koch Mühe geben.
Marketing sollte ein Produkt erfolgreich platzieren, aber auch kostengünstig sein. Und demnach muss man entscheiden, ob man die Marktforschung aus der Hand gibt, wie umfangreich sie sein soll, ob es eher das gute, aber teure Marktforschungs-Institut sein soll, oder ab man lieber das billige nimmt und statt dessen mehr Geld in die Werbung steckt, oder das Produkt insgesamt zu einem günstigeren Preis auf dem Markt platziert.
Werte liegen auch deshalb quer zu Programmen, weil Werte Notsignale kommunizieren, strategische Änderungen plausibel machen, Stopp-Signale ermöglichen. Man hat sich zur Besprechung getroffen, um über ein neues Produkt nachzudenken, doch schon in den ersten zehn Minuten wird ein anderes Produkt zum Problem. Hier unterbricht ein Teilnehmer, mahnt Orientierung am Thema an und schlägt vor, das andere Produkt in einem anderen Meeting zu erörtern. Die Führung von Meetings wird durch eine Reihe von Werten aus der Kommunikationstheorie sichtbar: Themenorientierung, was auch bedeutet, Themen zu trennen; Problemorientierung, was aber auch bedeutet, bestimmte Probleme auszulagern, zu anderen Zeitpunkten zu besprechen. Schließlich müssen Programme beendet werden können. Auch dazu sind Werte notwendig. Man kann die Kartoffeln erst auf den Tisch stellen, wenn diese gar sind.

Kombination I: Sinndimensionen
Während Programme mehr oder weniger offen lassen, wer genau an ihnen teilnimmt, also unspezifisch Rollen festlegen, liegt ihr eindeutiger Vorteil darin, dass sie bestimmte Abläufe regulieren und in diesen Abläufen die Sinndimensionen auf bestimmte Weise kombinieren.
Mit anderen Worten: wer Kartoffeln kocht, wird keine Marktanalyse fabrizieren, und wer eine Marktanalyse betreibt, nimmt keinen chirurgischen Eingriff vor. Programme trennen sich gegenseitig voneinander durch das Festlegen von Themen und dem Festlegen einer bestimmten Reihenfolge von Themen. Zuerst die Narkose, dann die Herztransplantation - nicht umgekehrt. Zuerst die Kartoffeln ins Wasser, dann das Blanchieren der Kohlrabi-Scheiben - nicht umgekehrt. Und vor allem nicht: erst die Kartoffeln ins Wasser, dann die Herztransplantation.
Programme kombinieren die Sinndimensionen, Sach-, Zeit- und Sozialdimension über Themen, gerade auch, wenn diese Programme komplex sind. Die Herztransplantation wird vom Chefchirurgen durchgeführt; der Assistenzarzt klemmt die Aorta ab; die Krankenschwester reicht das Werkzeug und nimmt es wieder entgegen. Programme sind zwar auch für sich Themen. Alle Welt redet von Herzoperationen. Aber dieses Thema untergliedert sich in viele weitere Themen. Wer hier scharf differenzieren kann, alle Wagnisse und Fährnisse einer solchen Operation kennt, der gilt dann als Spezialist.

Kombination II: Sicherheit/Unsicherheit
Zahlreiche Programme sind nicht genau festgelegt: sie bauen Alternativen ein, weil die Zukunft unsicher ist, weil eventuell mitten im Programm Änderungen entschieden werden müssen. Solche Alternativen nennt Luhmann Strategien, und aufgrund solcher Strategien werden Feinabstimmungen ebenso getroffen wie ganze Programme abgebrochen. Soll man beim Kochen mehr Salz an das Gemüse geben, oder erst später bei Tisch? Soll man frühzeitig kreislaufstabilisierende, jedoch leberschädigende Mittel geben, oder warten, ob es überhaupt nötig ist, mit der Gefahr, dass es zu spät sein kann? Soll man einen Regenschirm mitnehmen, den man vielleicht verliert, oder sich bei Regen unterstellen und ein Zu-Spät-kommen riskieren?
Wo Sicherheiten festgelegt werden, zum Beispiel durch Programme, zum Beispiel durch Werte oder Rollen, stechen Unsicherheiten umso mehr ins Auge. Identitäten dienen vor allem auch diesem Zweck. Zwar werden sie oft so angewandt, als ob sie vor allem Sicherheit gäben, aber ihre wesentliche Leistung ist eben die Kombination der beiden Seiten.
Wer ein bestimmtes Rezept nachkocht, das hinterher nicht schmeckt, kann feststellen, dass Kochbücher unsicher sind, dass die eigene Fähigkeit zum Kochen unsicher ist, dass die Qualität der Ware unsicher ist. Programme kontrastieren über ihre Sicherheit Unsicherheiten, legen aber nicht fest, was und wo man Unsicherheit identifiziert. Ob Frau L. eine gute Telefonverkäuferin ist, lässt sich nicht einfach nur aus Kennzahlen feststellen. Vielleicht liegt ihr das Produkt nicht, vielleicht geht sie nicht gelassen genug an die Telefonate und scheitert deshalb, weil sie alles besonders gut machen will, vielleicht hat sie gerade eine schwierige Phase in ihrer Ehe oder vielleicht kommt sie nicht mit dem speziellen Vorgesetzten zurecht. Wie auch immer die Überprüfung von Frau L. (als Programm) ausfällt: die Sicherheit des Ergebnisses kann Unsicherheiten, aber nicht unbedingt bestimmte Unsicherheiten deutlich machen.
Wenn ein Lehrer seinen Unterricht einfach nach einem bestimmten Schema durchziehen will, kann es zu massiven Störungen seitens der Schüler kommen. Ob die Schüler nun alle aggressiv sind, ob sie überfordert, unterfordert sind, ob der Lehrer einfach nicht flexibel genug ist, lässt sich kaum ad hoc entscheiden. Fest steht nur, dass das Programm des Lehrers sicher ist, das Wohlverhalten der Schüler unsicher.
Selbst Krimis noch spielen, obwohl längst geschrieben (also äußerst sicher), mit dieser Kombination. Fest steht nur, dass der Mörder gefasst wird, aber noch lange nicht, wie. Dies hatte ich weiter oben bereits unter dem Titel Problembegriff angesprochen.

Ereignis und Zukunft
Das Festlegen von Sicherheiten greift immer in die Zukunft. Wer Sicherheiten gibt, garantiert, dass bestimmte Ereignisse eintreten. Meisterköche garantieren gutes Essen, Bestsellerautoren hervorragende Unterhaltung und Antibiotika wirken auf jeden Fall gegen Entzündungen.
Trotzdem: Garantien sind nie hundertprozentig sicher. Die neueste Kochkreation war wohl eher bizarr als lecker, das letzte Buch eine herbe Enttäuschung. Wer Identitäten festlegt, erzeugt Erwartungen, an denen sich Enttäuschungen umso deutlicher abzeichnen. (Einzige Ausnahme: Wahlversprechen.)
Vor allem aber versprechen Sicherheiten das Abarbeiten von Gegenwarten oder - umgedreht - das Durchhalten von Gegenwarten. Schuft ist umso mehr, wer erst ewige Liebe verspricht und dann mit der Sekretärin durchbrennt. Wer ständig von seinen Romanprojekten spricht, aber nie einen schreibt, wird als Schriftsteller unglaubwürdig. Und wer von sich behauptet, Wissenschaftler zu sein, aber nie etwas veröffentlicht, wird als Wissenschaftler unglaubwürdig oder taucht nie als Wissenschaftler auf - Publish or perish!, wie man hier sagt.
Neuerdings konnte man bei Banken nicht nur vereinzelt das Versagen von Geldvermehrungsprogrammen sehen, sondern gleich massenweise. Und hier liegt nicht nur ein Vorteil von Programmen, wenn sie Sicherheiten und Unsicherheiten so kombiniert in die Zukunft hineinprojezieren: Programme kontrastieren nicht nur, sie dissimulieren auch. Man kann tausend Ausreden finden, warum das Essen misslungen ist, man lenkt damit einfach von dem Problem ab, dass man ein schlechter Koch ist. Man kann Wirtschaftskrisen, fehlerhafte Politik in Amerika, und was auch immer für den Geldverlust verantwortlich machen, solange niemand auf die Bad Papers zeigt, mit denen man fleißig und massenhaft zu spekulieren versucht hat.
Genau hier liegt dann auch wieder die Unsicherheit von Sicherheiten: bieten sie brauchbare, verlässliche Festlegungen, oder täuschen sie nur vor? Nimmt man den Studierten, nur weil er eine Eins hat (aber vielleicht hat er sich seine Diplom-Arbeit schreiben lassen?), oder nimmt man den Quereinsteiger, der zwar nicht so viel Fachwissen mitbringt, der aber die Qualitäten zu haben scheint, sich dieses rasch und kompetent anzueignen? Will man den Luxusurlaub, der bei allen Erwartungen viele Enttäuschungen bieten kann, trotz Hochglanzprospekt, oder begnügt man sich mit einem Camping-Urlaub, bei dem vieles sicher ist, bloß nicht große Erwartungen?

Strukturelle Kopplung
Eine der wesentlichsten Leistungen von Programmen jedoch ist die strukturelle Kopplung.
Strukturelle Kopplungen gründen sich darauf, dass Systeme füreinander unzugänglich sind. Ich kann nicht in den Kopf eines anderen Menschen hineinsehen, ich kann nicht seine Gedanken denken, ich kann nicht erwarten, dass er es bei mir tut. Stattdessen muss man Ereignisse schaffen, die für beide Systeme, für beide Menschen relevant sind.
Ich kann auch nicht einfach erwarten, dass mich das Wissenschaftssystem als Wissenschaftler ernst nimmt. Ich muss publizieren, ich muss die im Wissenschaftssystem üblichen Weisen der Kommunikation einhalten, um an der Wissenschaft teilzunehmen. Um zu publizieren, gibt es dann eine Reihe von Möglichkeiten, mehr oder weniger unsichere Programme, mit denen sich eine strukturelle Kopplung zwischen mir und dem Wissenschaftssystem herstellen lässt. So halten Zeitschriften Publikationsmöglichkeiten bereit. Publiziert wird immer von einem Autoren, und ich muss lediglich dafür sorgen, dass ich diese Rolle dann bekomme.
Um am Wirtschaftssystem teilzunehmen, genügen einfache Zahlungen. Dazu braucht man zunächst Geld. Ob ich mir das über Arbeit oder anderweitig beschaffe oder beschaffen muss (zum Beispiel über Nicht-Arbeit und Arbeitsämter), ist dann eine Frage der Möglichkeiten, also auch hier wieder, inwiefern ich übliche oder gerade auch unübliche Programme nutze.

Interaktionen
Vor allem aber in Interaktionen ist die Kombination von Programmen augenfällig. Klassischerweise wurde das unter Sitten und - mit dem Aufkommen der Soziologie - unter Ritualen abgehandelt. Begrüßungen etwa verlaufen recht ritualisiert. Solche kurzfristigen und personennahen Programme sind dementsprechend übersensibel für Werte. Man braucht nur ein wenig Abweichung gegenüber der Begrüßung vom Vortag und schon wird man gefragt, welche Laus einem über die Leber gelaufen sei.
Ebenso wird die Abfolge von Programmen mehr oder weniger streng gehandhabt. Wenn man etwas erzählt, erwartet man zumindest ein Kopfnicken, wenn nicht gar Betroffenheit beim Gegenüber.
Was ich hier als Programme bezeichne, nennt sich oftmals auch Ritual, Kommunikationsmuster und dergleichen mehr. Solche Mikroprogramme haben zugleich den Nachteil und den Vorteil, übersensibel für Werte zu sein; sie haben aber auch den Vorteil, dass sie rasch abgearbeitet werden können, dass man sie recht folgenlos unterbrechen kann, dass sie sich rasch revidieren und durch Alternativen ersetzen lassen.

Flexibilität und überstabile Interaktionen
Problematisch werden solche Interaktionen erst, wenn sie aufhören, flexibel zu sein. Wenn Interaktionen nur noch auf die gleiche Weise ablaufen, wenn wichtige Themen vermieden werden, wenn heimliche Erwartungen jeden offenen Prozess in ein bestimmtes Ende treiben, dann holen die Konflikte solche Interaktionen bis zu der Konsequenz ein, dass man mit diesem Menschen am liebsten gar keinen Kontakt mehr haben will. Solche Interaktionen sind dann überstabil. Sie erzeugen keine neuen Ereignisse und können damit die Gegenwart nicht zur Vergangenheit werden lassen. Festgefahrene Interaktionen haben, mit anderen Worten, zu viel Gegenwart und zu wenig Vergangenheit, und weil sie zu wenig Vergangenheit haben, haben sie auch zu wenig Möglichkeiten für die Zukunft.
Noch anders gesagt: die Fähigkeit zur strukturellen Kopplung geht verloren und man muss sie anderswo suchen.

Flaubert und Sartre
Klassischerweise wird das zum Beispiel in Madame Bovary beschrieben. Emma Bovary lebt mit zahlreichen Traumvorstellungen, die sie nicht wirklich kommunizieren kann, die sie aber auch nicht einfach an die - frauenfeindliche - Realität anpassen kann. Sie entfremdet sich von einem Mann, den sie so nie richtig gekannt hat. Entfremdung ist hier dann das Synonym für fehlende strukturelle Kopplung.
Wenn wir bei der Madame Bovary sind, dann können wir auch zu Sartre übergehen: in seinem Spätwerk Der Idiot der Familie beschreibt Sartre, wie sich der junge Gustave Flaubert zu dem Schriftsteller entwickelt, der eben die Madame Bovary, die Versuchung des heiligen Antonius schreiben konnte (und genau dasselbe gilt auch bei Sartre für den Saint Genet). Ob nun das, was Sartre dort schreibt, dicht an der Realität ist, oder komplett herbeihalluziniert: gerade diese beiden Studien zeigen auf faszinierende Weise, wie man sich Kombinationen von strukturellen Kopplungen vorstellen kann. Und alles kehrt hier wieder: die Sinndimensionen, die Dauer von erträglichen, trügerischen und unerträglichen Gegenwarten, die Personen, die Rollen, die Programme, die Werte.
Man erwartet von dem jungen Jean Genet, so Sartre, dass er sich zum Verbrecher entwickelt, und genau deshalb schafft Genet ein Ereignis, um Verbrecher zu sein, ohne großes Wissen, ohne Ahnung, worauf er sich einlässt. Doch in dieser Erfüllung der Erwartung beendet Genet dann auch einen unerträglichen Zustand. Jetzt, scheint er zu sagen, wo ihr nicht mehr nur befürchtet, dass ich ein Verbrecher bin, jetzt, wo ihr es wisst, jetzt kann ich auch endlich meine eigenen Ereignisse schaffen. Genet unterbricht also durch ein letztes Ereignis eine schlimme Kindheit, erfüllt die Befürchtungen und kann sich ab da in Milieus bewegen, die ihn stärker an flüssige Programme, an interaktionsnahe Werte binden, an die ganze Möglichkeit, Gegenwart zur Vergangenheit zu machen.

Intimsysteme
Was ich hier, bei meinem Ausflug in die Literatur und Philosophie deutlich gemacht habe, gilt auch für die ganz realen Intimsysteme, gilt auch für das alltägliche Leben in Werkstätten, in Büros, in Klassenräumen. Wenn eine Frau ihren Mann auf die Macho-Rolle festlegt, wird diesem die Rolle - egal, was er sonst für ein Verhalten zeigt - aufgezwungen. Findet über diese Art der Kommunikation kein Dialog mehr statt, ist es am sinnvollsten, die Beziehung zu beenden. Und genauso enden Beziehungen, wenn nur noch das einheitliche Programm abgespult wird. Er kommt nach Hause, erwartet das Essen, dann setzt er sich mit seinem Bier in der Hand vor den Videorekorder und schaut Pornos. In solchen Intimbeziehungen fragt sich einer der beiden schließlich, wo all die Jahre hin sind. Und hinter dieser Frage steht dann, dass diese erstarrte Intimbeziehung keine Vergangenheit hat, wieder aus dem Grund, weil die Gegenwart andauert. Die Frau sagt dann: "Weißt du noch, damals, als du mir ein Strauß Veilchen mitgebracht hast?" und der Mann rülpst und trinkt weiter.
Hier kann man vielleicht auch noch ein anderes interessantes Phänomen klären: Ehen beginnen zu erstarren, wenn Kinder im Haus sind. Kinder versorgen das Intimsystem mit viel Unruhe und gute Eltern liefern dazu als Kontrastprogramm Stabilitäten. Dann gehen die Kinder aus dem Haus. Übrig bleibt zu viel Stabilität. Plötzlich gibt es nicht mehr genügend Ereignisse, die das Zusammensein von Mann und Frau koppeln. Lange Zeit waren die Kinder dafür zuständig, ob sie das wollten oder nicht. Nun müssen die Eheleute wieder selbst dafür sorgen. Nicht immer wird das glücklich gelöst. Plötzlich ist da die junge Geliebte; plötzlich reagiert die sonst so gelassene Mutter klammernd, möchte sich die Kinder, aber eigentlich ja die Ereignisse zurückholen; plötzlich merkt man, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, dass man sich einsam fühlt, schafft sich eben Hobbies oder Hunde oder Geliebte an, Hauptsache, es passiert wieder in genügendem Maße etwas.

Zwang zur Gegenwartsbewältigung
Gerade für kleine Sozialsysteme, die interaktionsnah entstehen, für Familien, Bürokollegen, für Gefängnis- oder Psychiatrieinsassen, kann dieser Druck zur Gegenwartsbewältigung, die strukturelle Kopplung ermöglicht, recht irrationale Ausmaße annehmen. Siehe Mobbing. Und gerade mit diffusen Problemen und einem diffusen Problemdruck vor Augen können sich dann diese Systeme auf eine Art und Weise strukturell koppeln, die man von außen nur mit Kopfschütteln betrachten kann.

Analysen
Bevor ich hier noch weiter mit meinen Beispielen wuchere, breche ich ab.
Was klar geworden sein sollte, ist, dass Programme beständig vorkommen, mal mehr, mal weniger reguliert sind, mal intern Alternativen einbauen, mal nicht, das Verhältnis von Sicherheit/Unsicherheit umbauen, die Kombination von Sinndimensionen auf übliche oder unübliche Weise regeln. Allgemein bieten sie Verlässlichkeit, speziell können sie unzuverlässig sein, und werden dann aufgegeben oder kontrafaktisch durchgehalten (das gilt zum Beispiel für das Verändern von Verhalten bei erziehungsschwierigen Kindern: erfahrene Pädagogen sprechen gelegentlich davon, das gute Verhalten einzumassieren, was eine nette und hübsch fragwürdige Metapher ist).
Die Leistung des Begriffs Programm liegt nicht in seiner Definition, sondern dass sich hier im Einzelfall ein Geschehen schärfer beleuchten lässt. Nicht was ein Programm im Allgemeinen ist, sondern welche Beobachtungen es im Speziellen ermöglicht, ist das Spannende. Insofern ist auch das Programm ein Problembegriff.
Dies werde ich aber nicht weiter beleuchten. Ich denke, dass ich genügend Beispiele gegeben habe, die mal witzig, mal ernst die Anwendung demonstriert haben. An dieser Stelle muss man dann selbst weitermachen, den Begriff benutzen, oder es eben sein lassen.
Ich werde - nachdem ich eine allgemeine Darstellung gegeben habe - auf jeden Fall wieder darauf zurückgreifen.


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