16.04.2018

Gender? Klappt doch!

Das gefühlt hunderttausendste Video gegen den imaginierten gender-Wahnsinn wurde vor ein paar Tagen von zwei adretten jungen Leuten veröffentlicht. Dieses Video war allerdings nicht nur sachlich peinlich. Und so gab es, glücklicherweise, scharfe Kritiken.
Auch ich habe dazu etwas geschrieben. Ich mag es hier noch einmal zitieren, samt einem sehr freundlichen Einwand und meine Antwort darauf.

Bildungsziel leider verfehlt

So könnte man mein Fazit zu diesem Video zusammenfassen. Ich schrieb also:
Das Video wird schon da unsinnig, wenn Gender als das persönlich empfundene Geschlecht definiert wird. Und über den Rest muss man gar nicht reden. Auch in der Gender-Theorie kann man nicht heute ein Mann und morgen eine Frau sein. Eins kann man sich aber auch nicht aussuchen: wer wie diese beiden heute solch einen ideologischen Unsinn erzählt, wird morgen auch nicht intelligenter reden.
Daraufhin fragte ein gewisser Johnny Blunck folgendes, bzw. gab folgendes zu bedenken:
Ist das so?
In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.
Tatsächlich ist dieser Einwand kein wirklicher Einwand gegen das, was ich geschrieben habe, aber zeigt doch auf eine Unschärfe in meinen Sätzen, die berechtigt, hier nachzuhaken. Ich habe mich also darauf hin etwas ausführlicher ausgelassen:
Nun, meine Antwort darauf war tatsächlich unterkomplex.
Erstens gibt es nicht die Gender-Theorie. Die Ansätze konkurrieren gelegentlich sehr stark in der wissenschaftlichen Basis, so wie Judith Butler sich relativ stark auf Foucault und damit indirekt auf Kant bezieht, während Luce Irigaray eine relativ stark an Lacan orientierte Position einnimmt. Martha Nussbaum wieder argumentiert sehr dicht am amerikanischen Pragmatismus.
Zweitens wird sehr häufig (und darin gehen Butler, Irigaray und Nussbaum konform) von einer kulturellen Konstellation ausgegangen, in die die Menschen eingebettet sind. Diese übersteigt die Wahlfreiheit des Individuums, so dass von einer Wahl des Geschlechts keine Rede sein kann. Aber eben auch nicht von einem einfachen Verhältnis zur Biologie.
Man kann, vereinfacht gesagt, zum Beispiel in der Diskursanalyse davon ausgehen, dass ein Mensch durch all die Sätze definiert wird, die sich auf ihn beziehen. Dazu gehören sehr weit gefasste Sätze (Die Würde des Menschen ist unantastbar.) oder sehr individuelle (Kannst du morgen etwas früher aufstehen?). Geschlechtsspezifisch sind die Sätze dann, wenn sie sich direkt oder indirekt auf das (vermeintliche) Geschlecht beziehen.
Es geht nun zum Beispiel darum, dass die allgemeinen Sätze (Frauen sind eher emotional.) weniger Einfluss auf die individuelle Teilhabe bekommen und dass die individuelle Teilhabe auf Augenhöhe und nicht durch ein vorgeprägtes Machtgefälle stattfinden kann.
Dabei sollte aber auch klar sein, dass dieses "weniger Einfluss" ein gradueller Aspekt ist. Erstens kann kein einzelner Mensch alle Aussagen über sich kontrollieren. Zweitens sprechen auch konservativere, nicht-feministische Denker - etwa Sloterdijk - von einer zweiten, sozialen Geburt des Menschen durch die Sprache (oder das Sprechen). Der soziale Mensch kann, so einer der Gedanken dabei, nicht hinter seine Geburt zurück, auch nicht hinter seine soziale Geburt; er / sie ist gezwungen, das Besprochen-werden durch ein Mit-Sprechen zu ergänzen.
Gelassenheit wäre die eigentlich richtige Haltung bei diesem Thema. Mich macht allerdings ziemlich sauer, dass sich hier Menschen hinstellen, die anscheinend noch nicht einmal in der Lage sind, eine Verordnung richtig zu lesen, und sich zu Moralaposteln und Rettern des Abendlandes aufspielen. Natürlich muss man die Gender-Theorien weiterhin kritisieren dürfen, natürlich auch deren Umsetzung. Aber dann sollte das Ganze doch auf Fakten basiert sein und ein gewisses Maß an Intelligenz bereitstellen. Ständig gegen dieselben Dummheiten argumentieren zu müssen ist doch langweilig.
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