07.04.2018

Ich bin gerade in Belgien in Ferien. Rechter Feminismus?

Nein, natürlich nicht. Ich verweile in Deutschland. Allerdings findet sich der Satz „Ich bin gerade in Belgien in Ferien“ auf dem einzigen Schriftstück, welches die Akte Julia Kristeva von ihr persönlich enthält. Diese Akte ist gerade publik geworden, weil Kristeva für eine bulgarische Zeitung zu schreiben gedenkt und man darauf hin ihre Verstrickungen mit dem „kommunistischen“ Regime überprüft hat. Dass man ihr vorgeworfen hat, ein Spitzel für die Kommunisten gewesen zu sein, lässt sich allerdings wohl nicht belegen. Tatsächlich wird ihr in der Akte angelastet, zu vereinbarten Treffen nicht zu kommen und immer nur völlig unbrauchbare Informationen geliefert zu haben.

Destruktion des Feminismus

Ganz so unbefangen kann ich allerdings den ganzen Fall nicht sehen. Julia Kristeva gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen der letzten 50 Jahre. Sie ist zwar in Deutschland aus der Mode gekommen, auch, weil ihre Einwände gegen die Lacansche Psychoanalyse noch komplizierter sind, als die Lacansche Psychoanalyse selbst. Aber sie hat aus mehreren Gründen einen zentralen Platz in der modernen europäischen Kultur verdient. So hat sie den russischen Literaturtheoretiker Michael Bakhtin nach Frankreich gebracht und von dort aus in die ganze westliche Welt. Bakhtin ist sein ganzes Leben lang mit einem Veröffentlichungsverbot belegt gewesen und hat bedeutende Schriften nur über befreundete Schriftsteller in der Öffentlichkeit platzieren können. Als Kristeva nach Paris kam, war Bakhtin dort komplett unbekannt. Und es ist einer ihrer Verdienste, ein vielleicht nicht sonderlich kreativer, aber zumindest politisch recht wichtiger Verdienst, dass etwa ein Jahr vor dem Tod von Bakhtin eine gesammelte Ausgabe seiner Schriften begonnen werden konnte.
In den französischen Medien stellt sich der Fall deutlich weniger harmlos dar. Wie in Deutschland haben auch dort zunehmend rechte Strategien Einfluss auf die Meinungsbildung. Kristeva ist nicht nur eine bedeutende Literaturtheoretiker, sondern auch, auf ihre Weise, eine radikale Feministin. Das ist den Rechten natürlich ein Dorn im Auge. Und insofern ist die Destruktion einer der feministischen Ikonen auch eine Destruktion des Feminismus selbst.
Dass diese Destruktion nicht auf der Grundlage einer umfassenden Kritik passiert, sondern vor allem aus Unterstellungen und Vorurteilen besteht, muss man, glaube ich, nicht mehr dazuschreiben. Das ist eben das Wesen des neuen „Konservatismus“.

Paglia und Vinken

Die Causa Paglia wird gerade auf Facebook stark diskutiert. Wen kümmert das eigentlich? Mich nicht. Irgendwie aber schon. Ich bedauere zutiefst, dass der Feminismus in seiner institutionalisierten Form nicht nur recht dogmatische Blüten treibt, sondern sich auch einer feindlichen Übernahme geradezu andient. Ich kenne das Buch von Paglia nun nicht. Es sollte im Antaios-Verlag publiziert werden. Dort ist es in den Überschriften zu den Kapiteln ziemlich entstellt worden, ins Hyperbolische, maßlos Übertriebene, eben mit jener Strategie, mit der rechte „Intellektuelle“ wohl arbeiten, wobei da natürlich das Wort „intellektuell“ völlig unangebracht ist.
Paglia meine zum Beispiel, Frauen könnten keine Kunst machen, weil sie nicht sublimieren können. Stattdessen hätten sie Babys. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frau Kinder hat. Ich halte es jedenfalls für eine Kunst, Kinder gut zu erziehen. Vinken, Literaturwissenschaftlerin und Professorin in München, wirft ihr deshalb eine „Verstümmelung psychoanalytischer Theorien“ vor; ihre „Ansichten hätten nur ein sinnloses Schockpotential“.
Zoe Beck findet diese Aussage furchtbar, allerdings auch, weil Vinken gesagt hat, die deutsche Ausgabe sei „liebenswert gemacht“, also jene Ausgabe vom rechtsradikalen Antaios-Verlag. Wir streiten uns nun nicht darüber, ob der Antaios-Verlag überflüssig sei. Die meisten seiner Bücher sind überflüssig. Pirinçcis Buch zur Umvolkung ist nicht nur eine Meisterleistung an sprachlicher Inkompetenz, sondern auch noch an völlig faktenloser Argumentation. Und das ist nicht das einzige Buch, das sich dieser Beurteilung erfreuen dürfte. Das ist eben die Argumentation der neuen Rechten.
Vinkens Einwand ist durchaus sehr ironisch. Die Überschrift allerdings, die wohl nicht von Vinken selbst ausgewählt wurde, spricht eine andere Sprache. Sie entbehrt der Ironie.

Biologismus

Ich komme nicht drumherum. Die Biologie ist das große Streitthema im Feminismus. Die Anti-Feministen haben sich scheinbar biologisch postiert. Sie argumentieren mit der Evolution. Nun ist die Zweigeschlechtlichkeit tatsächlich ein Erfolgsmodell. Nur lässt sich daraus noch nicht herauslesen, was den Menschen von Tieren unterscheidet. Und vor allem lässt sich daraus nicht herauslesen, warum wir in den letzten 40 Jahren einen solchen Hype der Neurophysiologie hatten. Alles sei doch irgendwie „gehirngerecht“. Nur eben nicht die klassische Geschlechterverteilung. Die sei völlig anatomisch.
Tatsächlich aber ist die großartige Leistung unseres Gehirns darin begründet, dass es die eigene Identität nicht nur durch Rekonstruktion der Körpergrenzen und Körperfunktionen erschafft, sondern zu einem wesentlichen Teil auch durch „irrationale“ Verarbeitung sozialer Signale – Stichpunkt: Spiegelneuronen. D. h. übrigens nicht, dass ein homosexueller Mensch die eigene Identität irrationaler verarbeiten würde als ein heterosexueller. Eher verhält sich die Anatomie zum rekonstruierten Körper so, wie bei Heidegger das Seiende zum Sein, als eine absolute, nicht zu hintergehende Differenz. Diese Differenz ist nicht graduell, sondern kategorial. Auch heterosexuelle Menschen erfreuen sich eines nicht näher zu bestimmenden Irrationalismus, was ihre politische „Geschlechtlichkeit“ angeht.
Insofern ist die politische Identität von Frauen auch nicht graduell zu begreifen. Weder untereinander, noch gegenüber Männern. Mit einer gleichberechtigten Stimme zu sprechen, aber eben auch nur für sich selbst (und nicht für andere Frauen) zu sprechen, sollte weiterhin Anliegen des Feminismus sein. Dass der rechte „Feminismus“ insofern richtig ist, als Frauen natürlich nicht Karriere machen müssen, als es ebenso möglich sein muss, dass eine Frau auch ein klassisches Rollenbild leben darf, bestreite ich nicht. Dagegen ist weiterhin unerfreulich, dass anderen Frauen, die eben genau dieses Rollenbild nicht ausfüllen möchten, mit so viel Häme und Abwertung begegnet wird. Rein neurophysiologisch gesehen gibt es nämlich keinerlei Unterschied zwischen den Denkleistungen von Männern und Frauen, zumindest statistisch gesehen. Und insofern ist es auch sehr fragwürdig, wenn Frauen weniger verdienen, weniger präsent in kulturellen Gremien sind. Oder warum ein Mann nicht seinen Lebenszweck in Kinderaufzucht und Apfelkuchen-Backen sehen sollte.
Auch das ist eine intellektuelle Fehlleistung, die sich Rechte gerne leisten: der Wille einer einzelnen Frau ist noch kein Einwand gegen die statistisch begründbare Ungleichheit der verschiedenen Geschlechter und gender-Identitäten. Und natürlich gibt es auch ganz furchtbare Frauen (oder Homosexuelle), die es bis an die Spitze unserer Gesellschaft geschafft haben. Aber auch das ist eben kein Einwand. Warum sollte es, wenn es so viele männliche, heterosexuelle Nieten gibt, nicht auch weibliche und homosexuelle Nieten geben? Wollte man hier daraus den Frauen einen Strick drehen, sollte man doch zuerst die eigentlich näherliegende Frage beantworten, warum unsere Gesellschaft solchen Menschen eine glänzende Karriere ermöglicht, während sie viel vernünftigeren Menschen eine solche Karriere verwehrt.
All das hat mit Biologie zu tun. Natürlich! Wie sollte ein Mensch auch ohne biologische Basis existieren können? Aber eine einfache Antwort, vor allem eine Antwort aus einer recht pennälerhaften Kenntnis der Biologie, wird man wohl kaum bekommen, es sei um den Preis einer radikalen Verkürzung und Verdummung.
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