30.07.2012

Smartphone

Thao hat heute Geburtstag. Ich war gerade gratulieren. Die Feier findet am Samstag statt. 

Außerdem habe ich mir heute ein Smartphone gekauft. Ihr erinnert euch: meine ewigen Klagen über Handys? Ich mag sie immer noch nicht. Aber ich werde demnächst wirklich nicht mehr um ein solches Gerät herumkommen. Denn dann werde ich viel unterwegs sein.
Zur Zeit lädt es auf und ab und zu schleiche ich mit misstrauischem Blick um es herum. Handys neigen nämlich dazu, Dimensionslöcher zu öffnen, aus denen gefräßige Zombies purzeln.
Oder so.

Schließlich habe ich mehrere Stunden intensiv die Seiten der Ministerien durchsucht, weiter zu Csikzentmihaly geschrieben, wobei ich einen Abschnitt rhetorisch zerpflückt habe, einiges zum Thema Begriff und Logik in der Biologie geschrieben (ein Auftrag für einen Diplomanden, einem sehr kompetenten übrigens), etc.

Zu essen gab es Nudeln mit angebratenen Tomaten und Parmesan.
Cedric ist noch eine Woche in Spanien. Am Sonntag kommt er zurück. Montag beginnt die Schule.

Wahlrecht, mehr als nur ein ärgerliches Ereignis

[Nachtrag 6. August 2012: Ich bin jetzt mehrmals gefragt worden, woher ich die Information habe, dass das Bundesverfassungsgericht provisorisch geltende Gesetze erlassen dürfe. Ich habe dies letzte Woche in einem Artikel gefunden. Da ich aber nicht verlinkt habe, finde ich diesen Artikel nicht mehr. Dafür habe ich heute die Gesetzesgrundlage durchgearbeitet, die die Arbeit des Bundesverfassungsgericht regelt und dort keine entsprechenden Hinweise gefunden.
Ich ziehe also die Aussage zurück und entschuldige mich für den journalistischen Schnellschuss.]


Das Wahlrecht ist erneut gekippt worden. Hier rächt sich die Selbstherrlichkeit der Bundesregierung, an den Vorgaben des Verfassungsgerichtes von 2008 vorbei und ohne Absprache mit der Opposition eine Änderung durchgeboxt zu haben, die deutlich nicht den Änderungswünschen der damaligen gerichtlichen Kriterien entsprach. Ein erneuter Einspruch von Karlsruhe war also absehbar. Die schwarz-gelbe Regierung hat ihn in Kauf genommen. Und muss jetzt die Wunden lecken.
Schlimm dabei ist nicht nur das politische Verfahren, was dahinter steht und welches Licht es auf die Akteure, allen voran die Bundesregierung wirft, sondern auch, dass wir ein Jahr vor der Bundestagswahl stehen. Ein Jahr bedeutet: die Vorbereitungen zu dieser müssen wesentlich früher, also in drei bis sechs Monaten, stattfinden. Bis dahin aber sollte das neue Wahlrecht stehen. Drei Monate sind für eine Gesetzesnovelle mit einem solchen demokratischen Gewicht zu wenig und karikieren die drei Jahre von 2008-2011, in denen die Debatte geradezu systematisch verschleppt wurde.
Jetzt könnte die ganze Bundestagswahl zu einem kompletten Desaster werden: das Wahlrecht muss im Hauruck-Verfahren geändert werden. Passiert dies nicht, dann könnte der Termin für den spätesten Wahltermin in Gefahr geraten. Das aber ist ebenfalls nicht verfassungskonform. Oder die Wahl wird, nach entsprechend neuen Gesetzen, in einer unmäßig kurzen Zeit durchgeführt, was aber wieder der Meinungsbildung schadet.
Dr. jur. Oppermann, Vertreter der klagenden Bürger vor dem Bundesverfassungsgericht, schlug diesem vor, ein provisorisch geltendes Gesetz zu erlassen. Dies kann und darf das Bundesverfassungsgericht nämlich genau dann, wenn eine die Demokratie gefährdende Gesetzeslücke vorliegt, die durch den Bundestag (aktuell) nicht geschlossen werden kann. [siehe eingangs]

Bedenkt man, dass das System Merkel sich beim Fiskalpakt wohl einen ähnlichen Patzer geleistet hat, dann kann man sich nur mit deutlichem Grauen über die Erniedrigungen äußern, die dieses Zentralkomitee der Opposition, vor allem aber ihren Bürgern zumutet.

29.07.2012

Jutta Ditfurth und Joachim Gauck

Weil meine liebe Gabriele mich für einen Auftritt bei Mario Lanz vorschlug, und ich mich fragte: wer um Gottes Willen ist Mario Lanz? Nein, ehrlich: ich weiß, wer Lanz ist. Aber ich habe bisher nur Ausschnitte gesehen.
In der letzten Sendung war Jutta Ditfurth dabei. Ihre Kritik an Gauck finde ich sehr begründet. Wenn Freiheit tatsächlich sein Begriff ist, sollte man von ihm eine deutliche Einordnung erwarten. Jutta Ditfurth wirft ihm Schwammigkeit (mein Wort) vor. Richtig!
Kant hat als Grundbedingung der Aufklärung die Begriffsklärung gesehen. Dem stimme ich zu. Ditfurth verlangt diese Aufklärung und Gauck verhindert sie. Gaucks Aufgabe ist vielleicht nicht, Begriffe zu klären, aber sicherlich ist seine Aufgabe auch nicht, Begriffe zu entleeren.
Ditfurth verlangt vor allem deutliche Begriffe. Das heißt nicht, dass man ihre Begriffe akzeptieren muss. Aber man muss auf der Ebene der Schärfe und nicht auf der Ebene der Schwammigkeit argumentieren.

Völlig durch den Wind (kognitive Dissonanz)

Irgendwie bin ich heute völlig durch den Wind. Jedenfalls seit ungefähr 14:00 Uhr. In mir wühlt irgendetwas großes herum und ich kann nicht im leisesten sagen, was das sein soll.
Meine Freunde wissen, dass ich solche Phasen immer mal wieder habe und immer dann passieren, wenn in meinem Denken irgendwelche großen Verschiebungen stattfinden, weil ich anscheinend, an dem bewussten Lernen vorbei, Wissenstrukturen aneinander integriere. Der amerikanische Entwicklungsspychologe Jerome Bruner begründet solche Phänomene in einer kognitiven Dissonanz. Damit meint er eben genau jenes Phänomen, dass die Vernetzung von spannungsvollem Wissen im Hintergrund, unkontrolliert ausgelöst wird und zu großen Teilen auch unbewusst abläuft. 
Tatsächlich habe ich mich in den letzten Wochen ziemlich mit Informationen gefüttert. Adorno und Benjamin, Dewey und Irigaray, Kant und Nietzsche, Schopenhauer und Deleuze. Adorno habe ich stellenweise mit rhetorischen Mitteln analysiert. Bei Nietzsche habe ich zu einer recht alten Arbeit Ergänzungen gemacht (ein Ergebnis dieser Arbeit ist: Nietzsches Aphorismus Der Erzähler - Rhetorik der Unbestimmtheit).
Auch Goleman (Emotionale Intelligenz), das Flow-Buch und Lakoffs Leben in Metaphern habe ich (teilweise) kommentiert.

Besonders geliebt habe ich die "Wiederentdeckung" von Irigaray vor einigen Tagen, und hier ganz ausdrücklich ihr Gespräch "Macht des Diskurses. Unterordnung des Weiblichen" in Das Geschlecht, das nicht eins ist. Eine so präzise Darstellung! (Und danke an Melusine für die Motivation.)
Vor einigen Jahren (ich glaube 2009) habe ich rhetorische Mittel in Speculum - Spiegel des anderen Geschlechts untersucht. Was mich an diesem Buch so begeistert, ist der hohe Stand der Argumentation und sein bissiger Humor. Hier gehen eine präzise Logik und ein tiefer Witz Hand in Hand. Ein wesentliches logisches Mittel, das Irigaray dabei benutzt, ist die Analogie. Analogien sind nicht nur ein Mittel der Argumentation, sondern auch eine wichtige Technik im Humor (vgl. Analogien - gut für Problemlösen, Kreativität und Humor). Es ist also kein Wunder, wenn hier das Ineinander von hoher Wissenschaftlichkeit und vergnüglicher Darstellung so gut gelingt.

Kognitive Dissonanzen widersprechen auf jeden Fall diesem Primat der Bewusstseinskontrolle bei Czikszentmihaly. 
Um einem Missverständnis vorzubeugen: ich spreche nicht gegen eine Kontrolle des Bewusstseins. Aber ich wehre mich gegen diese Darstellung, dass eine 100%ige Kontrolle möglich sei. Man braucht beides: Planung von Denkprozessen und die Fähigkeit, sich von seinem eigenen Denken überraschen zu lassen.
Ich zitiere hier nochmals Adorno:
Nur Dilettanten stellen alles in der Kunst aufs Unbewusste ab. Ihr reines Gefühl repetiert heruntergekommene Cliches. Im künstlerischen Produktionsvorgang sind unbewusste Regungen Impuls und Material unter vielem anderen. Sie gehen ins Kunstwerk vermittelt durchs Formgesetz ein; das buchstäbliche Subjekt, welches das Werk verfertigte, wäre darin nicht mehr als ein abgemaltes Pferd. Kunstwerke sind kein thematic apperception test ihres Urhebers. 
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. S. 21

Machbarkeitswahn

An Csikszentmihaly missfällt mir auch, dass hier ein Machbarkeitswahn durchscheint, der mich nicht verwundern lässt, dass dieses Buch unter bestimmten Trainern und Beratern so populär geworden ist. Es ist aber insgesamt schon ein Unding, dass sich die Theorie den Marktmechanismen anzupassen habe und damit einer Leserschaft, die wenig Energie aufwenden möchte, wenn sie etwas begreifen will. Auch ein populärwissenschaftliches Buch sollte sich darum kümmern, einen Sachverhalt möglichst deutlich und d.h. mit möglichst präzisen Begriffen darzustellen.

Auch ein Machbarkeitswahn: Wunschkaiserschnitt.
Dabei handelt es sich nicht um einen Kaiserschnitt aus medizinischen Gründen, sondern zum Beispiel, damit ein Kind an einem bestimmten Tag zur Welt kommt. Ich will hier gar nichts dagegen sagen, Kaiserschnitte zu machen. Aber ich finde es schon bedenklich, dass Eltern jetzt offensichtlich mit solchen Fantasien bei solchen nebensächlichen Sachen wie dem Geburtstagsdatum angekommen sind, als könne man damit irgendetwas für das Leben des Kindes beeinflussen und das Kind damit besser machen.
In Wirklichkeit bekomme ich hier sogar Angst. Wenn man solch eine Kontrolle vertritt, wie kommen solche Menschen mit den teils sehr anarchischen Verhaltensweisen kleiner Kinder zurecht? Manchmal kann man eben nicht planen, sondern muss etwas zulassen können.

Aufmerksamkeit

Mittlerweile beschäftige ich mich seit fast einer Woche dem Begriff der Aufmerksamkeit in Czikszentmihalyis berühmtem Buch Flow. Und natürlich allem drumherum, was in diesem Buch passiert.

Im Prinzip ist es eine recht umwegige Weiterführung meiner Auseinandersetzung mit Dewey. Dessen Begriff des Interesses habe ich erstmal auf Eis gelegt.

Zunächst muss man bei Czikszentmihalyi die Aufmerksamkeit und was ihre grundlegenden Merkmale sind, im ganzen Buch zusammensuchen. Die Aufmerksamkeit sei die Fähigkeit, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Schon diese Formulierung ist unglücklich bis falsch. Denn nicht die Informationen an sich sind wichtig und nicht deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit auf sie, sondern dadurch, dass ich (mit Hilfe meiner Aufmerksamkeit) die Informationen wahrnehme, werden sie wichtig.
Czikszentmihalyi argumentiert hier wie damals Lamarck mit der Giraffe. Er schrieb damals, die Giraffe habe sich einen langen Hals wachsen lassen (ich bin jetzt etwas sehr verkürzt und deshalb karikaturhaft), um an die oberen Blätter der Bäume heranzukommen. Darwin hat dagegen eingewendet, dass eine natürliche Variation bei den Urgiraffen diejenigen Tiere bevorzugt hat, die einen längeren Hals besaßen und so im Laufe der Zeit eine bestimmte Lebensform sich herausbilden konnte. Nicht das Ziel bestimmt die Form, sondern die Form erfährt nach und nach eine mehr oder weniger günstige Verschiebung.
Und ebenso ist es mit den Informationen in der Aufmerksamkeit. Nicht, weil die Informationen wichtig sind, sondern weil die Aufmerksamkeit sie wichtig macht, sind wir für sie aufmerksam.

Auch an anderen Stellen hat Czikszentmihalyi durchaus große Probleme mit seiner Darstellung. So schreibt er zu einem Mann namens R., dieser sei sich seiner Aufmerksamkeit und der Kontrolle seiner Aufmerksamkeit voll bewusst. Tatsächlich aber deutet er dann am Rande an, dass dieser Mann durchaus in gedankliche Suchprozesse verstrickt ist (Seite 52).
Doch ähnliche Prozesse sind auch wiederum schlecht, laut dem Autor (Seite 57).

Sehr häufig wird die Aufmerksamkeit als einer der wichtigsten Bestandteile im planenden und produktiven Arbeitsprozess dargestellt. Es gibt aber auch einige Darstellungen, die fast genau das Gegenteil zeigen, also eine Aufmerksamkeit in der vita activa und eine in der vita contemplativa.
So wird dieser Begriff der Aufmerksamkeit und damit die ganze Theorie des Flow immer problematischer, je genauer man sich mit ihr befasst. Sie ist auf immanenten Widersprüchen aufgebaut.

Genauso problematisch ist allerdings, dass manche Begriffe vorwiegend metaphorisch genutzt oder definiert werden. Dies passiert zum Beispiel mit allen "unschönen" Gefühlen. Zwar ist dieses Buch vor allem über "positive" Gefühle und hier ist Czikszentmihalyi etwas präziser. Aber auch bei einem populärwissenschaftlichen Buch sollte man sich um eine möglichst präzise Darstellung der Begriffe kümmern.

Hier gefällt mir Dewey im Kontrast sehr gut. Da bei ihm die Problemorientierung im Mittelpunkt des Denkens steht, sich also Denkprozesse entlang von anstehenden Problemen entwickeln, kommt er gar nicht auf die Idee, wie das bei Czikszentmihalyi gerne mal durchscheint, das Bewusstsein als eine Art Materie zu erläutern.

27.07.2012

Gehirngerechtes Lernen

Eigentlich kann ich es ja nicht mehr hören. Gehirngerechtes Lernen!
Trotzdem: dieses brausige, aber leider sehr mythische Konzept hält sich mit allergrößter Hartnäckigkeit. Zerpflücken wir also den Artikel einer Internet-Kollegin, zumindest stellenweise.

Superlearning und Edu-Kinestetik

Zuvor aber ein Zitat von Gerhard Roth aus seinem wunderbaren Buch Bildung braucht Persönlichkeit (Stuttgart 2011, S. 278):
Es gibt inzwischen einen großen und profitablen Markt an Ratgebern für »hirngerechtes« Lehren und Lernen. Die Autoren stammen aus den unterschiedlichsten, jedoch durchweg nicht-neurobiologischen Disziplinen. Sie diagnostizieren wie die Neurobiologen das komplette Versagen der gegenwärtigen Pädagogik und Didaktik und empfehlen bzw. praktizieren demgegenüber den Rückgriff auf die Neurobiologie. Hierunter fallen allerdings Konzepte wie Suggestopädie bzw. Superlearning, Edu-Kinestetik bzw. Brain Gym®, Ganzheitliches Lehren und Lernen mit allen Sinnen (einen Überblick gibt Becker 2006). Diese Methoden und Rezepte sind teils von großer Allgemeinheit und Verwaschenheit, wenn sie sich zugunsten eines »ganzheitlichen«, »entspannten« oder »kreativen« Lernens aussprechen, teils sind sie aus psychologischer und neurobiologischer Sicht obskur, z. B. wenn sie die Beseitigung eines »Ungleichgewichts« zwischen den beiden Hirnhemisphären oder eine »bessere Ausnutzung der Hirnkapazität« propagieren. Das beruht auf teilweise falsch verstandenen, teilweise irreführend dargestellten Forschungsergebnissen. Mit wissenschaftlicher Begründung hat dies nichts zu tun. Dies lässt sich, wie Becker treffend bemerkt, allein schon an der »zirkulären« Beleg- und Zitierweise festmachen, d. h. man zitiert zugunsten der eigenen Aussagen solche anderer Ratgeber-Autoren, aber nicht anerkannte Originalarbeiten der Psychologie und Neurobiologie.

Der vergessene Schopenhauer

Die Kollegin schreibt zum Beispiel (alle weiteren Zitate aus dem oben verlinkten Artikel):
Seit in den 60er Jahren die Forschung damit begann, sich näher damit zu beschäftigen, welche Vorgänge beim Lernen im Gehirn ablaufen, gibt es interessante, nicht nur für den Schulalltag und das Lernen in Kursen und Seminaren relevante Erkenntnisse.
Und ich stelle hier jetzt einfach mal ein paar Zitate von Schopenhauer daneben (ich zitiere aus den Gesammelten Werken der suhrkamp-Ausgabe):
Könnte man nur solchen Herren begreiflich machen, dass zwischen ihnen und dem wirklichen Wesen der Dinge ihr Gehirn steht wie eine Mauer, weshalb es weiter Umwege bedarf, um nur einigermaßen dahinterzukommen - so würden sie nicht mehr so dreist von ›Seelen‹ und ›Stoff‹ und dgl. in den Tag hinein dogmatisieren - wie die philosophierenden Schuster.
(GW III, 195f.)
L. Flourens hat dargetan, dass das kleine Gehirn [also heute: Kleinhirn, FW] der Regulator der Bewegungen ist: aber das große Gehirn ist es auch, im weitern Sinne; in ihm stellen sich die Motive dar, die den Willen seinem Charakter gemäß bestimmen: demnach fasst dasselbe große Gehirn die Beschlüsse, und nur das Detail dieser Beschlüsse wird durch das kleine Gehirn gelenkt: dieses verhält sich danach zum großen wie zum Generalstab die Subalternoffiziere. Mein Auge ist das Sehende: aber um zu sehn, bedarf es des Lichts. Ebenso ist es mein Wille, der mein Tun lenkt: aber er kann es nur unter Vermittelung der Erkenntnis, die wesentlich eine Gehirnfunktion ist; daher die einzelnen Willensbeschlüsse vom Gehirn ausgehn ...
(GW III, 343)
Welch ein Sprung wäre es nun, dieses Bild der Welt, welches auf solche Art akzidentell im Intellekt, d.i. [in] der Gehirnfunktion tierischer Wesen entsteht, indem die Mittel zu ihren Zwecken sich ihnen darstellen und so einer solchen Ephemere ihr Weg auf ihrem Planeten sich aufhellt - dieses Bild, sage ich, dieses bloße Gehirnphänomen für das wahre letzte Wesen der Dinge (Ding an sich) und die Verkettung seiner Teile für die absolute Weltordnung (Verhältnisse der Dinge an sich) zu halten und anzunehmen, dass jenes alles auch unabhängig vom Gehirn vorhanden wäre! Diese Annahme muss uns hier als im höchsten Grade übereilt und vermessen erscheinen: und doch ist sie der Grund und Boden, worauf alle Systeme des vorkantischen Dogmatismus aufgebaut wurden: denn sie ist die stillschweigende Voraussetzung aller ihrer Ontologie, Kosmologie und Theologie, wie auch aller aeternarum veritatum [ewigen Wahrheiten], worauf sie sich dabei berufen. Jener Sprung nun aber wurde stets stillschweigend und unbewusst gemacht: ihn uns zum Bewusstsein gebracht zu haben ist eben Kants unsterbliche Leistung. Durch unsere gegenwärtige realistische Betrachtungsweise gewinnen wir also hier unerwartet den objektiven Gesichtspunkt für Kants große Entdeckungen und kommen auf dem Wege empirisch-physiologischer Betrachtung dahin, von wo seine transzendental-kritische ausgeht.
(GW III, 394)
Diese letzte Stelle ist auch deshalb so wichtig, weil sie zeigt, dass Kant, bei allen Widerlegungen, die ihm mittlerweile widerfahren sind, der eigentliche Begründer des modernen Konstruktivismus ist (mit Hume, Locke, Leibniz als wichtige Vorläufer).

Die Neuerfindung des Konstruktivismus

Man spricht von den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts als der kognitiven Wende. In der Psychologie hieß das in etwa dies: Der Mensch lernt nicht seine Umgebung kennen, sondern er konstruiert seine Umgebung gemäß den seinem Bewusstsein zugrunde liegenden Regeln.
O sancta simplicitas! möchte man hier schreien. Ist dies nicht genau das, was Kant als transzendental bezeichnet? Und dass wir die Welt nicht objektiv erkennen können, die Objektivität des Dings-an-sich unerreichbar bleibt, nicht das Transzendente bei ihm? Muss man nicht hier an Marx, bzw. Hegel, denken, der sagte, dass alle großen Ereignisse der Weltgeschichte zweimal passieren? Nur das es diesmal nicht Tragödie und Farce, sondern geistige Revolution und geistige Tragödie sind?

Zitieren wir weiter, diesmal aus Bergsons Materie und Gedächtnis, der, wie kaum ein zweiter, das frühe Elend neurophysiologischer Philosopheme deutlich gemacht hat (hier fehlt mir leider die Seitenangabe):
Dass zwischen dem Bewusstseinszustand und dem Gehirn ein Zusammenhang besteht, ist unbestreitbar. Es besteht aber auch ein Zusammenhang zwischen dem Kleid und dem Nagel, an dem es aufgehängt ist, denn wenn der Nagel herausgezogen wird, fällt das Kleid herunter. Kann man deshalb sagen, dass die Form des Nagels die Form des Kleides andeute oder uns irgendeinen Schluss auf sie erlaube? Ebensowenig kann man daraus, dass die psychologische Tatsache an einen "Gehirnzustand" angehängt ist, auf den „Parallelismus" der beiden Reihen, der psychologischen und der physiologischen, schließen. Wenn die Philosophie diese parallelistische These auf die Tatsachen der Wissenschaft zu stützen vorgibt, so begeht sie einen wahrhaften circulus vitiosus: denn wenn die Wissenschaft den Zusammenhang, der eine Tatsache ist, im Sinne des Parallelismus erklärt, der eine Hypothese ist (und eine recht wenig verständliche Hypothese), so geschieht das, bewusst oder unbewusst, aus Gründen philosophischen Ranges. Es geschieht, weil sie durch eine gewisse Philosophie an den Glauben gewöhnt ist, es gäbe keine einleuchtendere Hypothese, keine, die den Interessen der positiven Wissenschaft besser entspräche.
Und ihr seht: was gute Neurophysiologie ist, wie diese philosophisch zu interpretieren seien, wurde 1896 auch schon kritisch diskutiert.
Von 1960 als Geburtsjahrzehnt der Hirnforschung kann also gar keine Rede sein.
Ich verweise noch auf die ganzen Neukantianer, insbesondere auf das wunderbare Buch von Ernst Mach, Irrtum und Erkenntnis, oder auf die Theoretische Biologie von Uexküll.

Linke und rechte Gehirnhälfte

Dabei ist die linke Hälfte die Hemisphäre der Logik.
Auch diese Aussage ist unsinnig. Die laterale Spezialisierung ist zwar unübersehbar, aber hier werden dem Gehirn kulturelle Inhalte angedichtet, die neurophysiologisch nicht vorliegen. Das Gehirn arbeitet linkerhand eher seriell, rechterhand eher kompositorisch-flächig (was man dann als bildhaft bezeichnet). "Eher", wie ich geschrieben habe, ist die Vorsicht, mit der wir dann zu tun haben, wenn wir ordentlich argumentieren.
Damasios Einteilung in funktionelle Hemisphären war damals eine begründete Spekulation. Dass sie als Tatsache aufgegriffen wurde, ist der vergiftete Zusatz der Plärrer. Mittlerweile ist sie zum stehenden Mythos geworden und man kann und darf sich wundern, dass die Kollegin dann noch weiter reduziert und trivialisiert und dort die Logik verortet. Auch: Als ob Bilder, Räume und Kompositionen keine Logik hätten!

Lerngymnastik

Am besten lernen und behalten kann derjenige, dem es gelingt, Brücken zu bauen und dessen Gehirn über den Nervenstrang in der Mitte, den corpus callosum, die meisten Verbindungen zwischen den Gehirnhälften entwickelt.
Auch das ist falsch. Zwar verbindet der corpus callosum selbstverständlich die beiden Gehirnhälften und ist deshalb ein wichtiges Bestandteil unseres Gehirn. Aber die sogenannte Lerngymnastik behauptet hier einfach, dass ein simples Mehr schon eine bessere Qualität des Denkens bedingen würde. Ich möchte nun nichts gegen die Übungen der Lerngymnastik sagen, aber diese Argumentation ist Quatsch. Hier muss man einfach auf die Erfahrungen der Lehr-Lernforschung zurückgreifen und sagen: solche Übungen haben sich als sinnvoll erwiesen.
Das Gehirn darf man dann getrost draußen lassen, zumal ja niemand wird nachprüfen können, ob sich durch solche Übungen tatsächlich das Gehirn "besser" vernetzt hat. (Schneiden Sie bitte jetzt Ihr Kind auf und zählen Sie nach!)

Optimismus, Pessimismus und Verneinung

Ob ein Glas halb voll oder halb leer ist – dies ist oft eine Frage der Betrachtung.
Eine weitere, recht unselige Verquickung ist die zwischen Verneinung und Optimismus/Pessimismus.
Dass man einen Satz, gerade für Kinder, positiv formulieren sollte, also ohne Verneinung, ist erstmal rein grammatisch-logisch zu sehen. Ein Satz wie "Hitler war kein guter Mensch" darf eben nicht, positiv formuliert, zu einem "Hitler hat doch auch viele gute Werke geleistet" werden, sondern zu "Hitler war ein böser Mensch".
Warum aber sollte man Verneinungen (bei Kindern) vermeiden? Weil die Verneinung einen relativ hohen intellektuellen Aufwand erfordert, also im Denken der Kinder erst recht spät auf der logischen Ebene auftaucht, zwischen zwei und vier Jahren. Es erfordert insgesamt einen höheren Energiebedarf, einen verneinenden Satz zu verstehen, und wird deshalb, auch bei Erwachsenen, eher ausgeblendet. Dann wird aus einem "Kauf heute mal nicht den Erdbeerjoghurt" ein "Kauf mal den Erdbeerjoghurt".
Beide Anweisungen sind aber weder als pessimistisch noch als optimistisch zu beurteilen.
Wer sich nun aufgrund dieses falsch verstandenen Sachverhalts nun ständig darauf versteift, alles optimistisch zu formulieren, macht sich des Realitätsverlustes schuldig. Es gibt Phänomene in der Welt, die sind nicht gut. Dasselbe gilt natürlich auf für pessimistische Formulierungen.

26.07.2012

Schon mal was von Evolutionstheorie gehört, Frau Schwarzer?

Politik- und Sozialwissenschaften? Das sind Verbalwissenschaften, die mit echten Wissenschaften nichts zu tun haben.
so schreibt der Amazon-Kunde Christian Sturm in einem Kommentar zu einer Rezension von dem Buch von Kristina Schröder hier
Sturm liest vor allem feministische Bücher, so scheint es, und rezensiert diese dann mit einem Stern. Besonders lachen musste ich allerdings über seine Rezension von Alice Schwarzers Buch Die Antwort.
Bei diesem Buch handelt es sich um eine einzige Abfolge unlogischer Schlüsse, die in der Summe dann irgendwie schon wieder lustig wirken. 

Ich habe bei der Lektüre des Öfteren laut lachen müssen. Ganz typisch der Satz auf Seite 45: "Zahlreiche Funde der neueren Zeit sprechen eher für eine Teilnahme der Frauen an der Jagd, während der Nachwuchs vom zurückbleibenden Rest versorgt wurde, von Alten oder Fußlahmen. Leuchtet ja auch ein. Als hätten die Steinzeitmenschen sich das Brachliegen einsetzbarer Kräfte erlauben können." 
Was heißt hier Brachliegen? War die stillende Mutter oder schwangere Frau etwa eine brachliegende Kraft. Oder gingen die Männer nicht eher deshalb zur Jagd, um die stillende junge Mutter mit reichlich Energie versorgen zu können? Aber das kennt man ja bereits aus den anderen Büchern der Autorin: Mütterliche Arbeiten sind für sie von geringer Bedeutung. Und bestimmt gab es in der Steinzeit auch bereits Milupa aus dem Fläschchen, gereicht von den Alten und Fußlahmen. Kleiner Tipp: Hin und wieder einmal Winnetou schauen. 

Desweiteren die Klagen darüber, dass die meisten Menschen weiterhin ihre sexuelle Identität dem biologischen Geschlecht anpassen (z. B. S. 47). Schon mal was von Evolutionstheorie gehört, Frau Schwarzer? 

Der eigentliche Höhepunkt sind dann aber ihre Äußerungen zum neuen Menschen, den sie gerne hätte (S. 168): "Ja, es stimmt, die schlimmsten Albträume der Fundamentalisten und Biologisten müssten wahr werden: Das werden nicht mehr die gewohnten 'Frauen und Männer' sein (...), sondern herauskommen wird ein 'neuer Mensch'. Ein Mensch, bei dem die individuellen Unterschiede größer sein werden als der Geschlechtsunterschied." 

Mal abgesehen davon, dass solche Fiktionen ja gleichfalls nicht mir der Evolutionstheorie in Einklang zu bringen sind: Wünschen kann man sich viel. Tue ich übrigens auch ständig. Ich wünsche mir beispielsweise, dass Deutschland von jetzt an und für immer Fußballweltmeister wird, meinetwegen mit lauter durchgegenderten Spielerinnen, die nach jedem erzielten Tor ihre Trikots hochreißen. Aber komischerweise hört man in solchen Zusammenhängen nie etwas von Gleichheit. Im Sport sieht man es als selbstverständlich an, wenn Frauen für eine deutlich schwächere Leistung und bei geringerem Zeit- und Kraftaufwand (z. B. 2 Siegsätze statt 3) die gleichen Preisgelder erhalten. Aber wer behauptet denn auch, die Welt sei gerecht? 

Alice Schwarzer hat für ihre Leistung, einen Großteil der Frauen - auf Kosten der Nachwuchsarbeit und der Zukunftsfähigkeit unseres Landes - für die Wirtschaft mobilisiert zu haben (wodurch uns niedrige Löhne und hohe Arbeitslosenquoten beschert wurden), zweimal das Bundesverdienstkreuz erhalten. Recht so: Denn wenn es sich schon nicht die Steinzeitmenschen erlauben konnten, ihre Frauen "brachliegen" zu lassen, dann das moderne Deutschland ja wohl erst recht nicht, oder?
Dazu fällt einem nichts mehr ein, oder? Besonders interessant finde ich, dass diese Biologisten, die sich so gerne auf die Evolutionstheorie berufen, offensichtlich nichts von der Plastizität des Gehirns gehört haben. Auch von der gesellschaftlichen Evolution (nennt sich manchmal auch: Geschichte) weiß der gute Mensch nichts. Und selbstverständlich hat sich der Mann in den letzten 50.000 Jahren nicht verändert. Schon damals, knapp vor der Eiszeit, war das dringendste Bedürfnis des Mannes, kein Spiel der Fußball-WM zu verpassen (was die logische Weiterentwicklung des Jagdverhaltens ist).
Alice Schwarzers Statement, dass Frauen an der Jagd beteiligt gewesen seien, ist begründet. Dies kann man in Leroi-Gourhans Werk Hand und Wort nachlesen. Und dort auch folgendes:
Das zugrunde liegende Phänomen ist durchaus eine allgemeine Erscheinung, die nur deshalb eine Besonderheit des Menschen darstellt, weil seine Ernährungsweise außergewöhnlich ist; die zuweilen sehr strengen Grenzen der Spezialisierung und all die daraus resultierenden traditionellen Rationalisierungen des Nahrungsaustauschs zwischen Mann und Frau gehören dagegen vollständig der menschlichen, sozialen Seite dieses Phänomens an. 
Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Frankfurt am Main 1995, S. 196

Nachtrag zum Dilettantismus: Irigaray und die Montage der Repräsentation

»Dieses Geschlecht, das sich nicht sehen lässt, das nicht ein Geschlecht ist, wird als kein Geschlecht gezählt: als Negativ, Gegenteil, Kehrseite, Mangel … Deshalb kann es nicht darum gehen, eine neue Theorie auszuarbeiten, deren Subjekt oder Objekt die Frau wäre, sondern der theoretischen Maschinerie selbst Einhalt zu gebieten, ihren Anspruch auf Produktion einer viel zu eindeutigen Wahrheit und eines viel zu eindeutigen Sinn zu suspendieren.« (Luce Irigaray) 
Dieses wunderbare Zitat, das ich eben bei Melusine gefunden habe. 
Jeder darf in seiner Geschlechtlichkeit, Körperlichkeit, Existenz dilettieren, ohne den Diskurs aufzugeben oder aufgeben zu müssen. 
Das Entscheidende dabei ist, die Montage der Repräsentation gemäß ausschließlich "männlichen" Parametern aus der Fassung zu bringen.
Irigaray, Luce: Macht des Diskurses. Unterordnung des Weiblichen. in dies.: Das Geschlecht, das nicht eins ist. Berlin 1979. S. 70.
Anja Wurms Textexperimente sind vielleicht gerade deshalb "feministisch", weil sie die Geschlechterdifferenz in gewisser Weise komplett missachten. Oder, wissenschaftlicher gesagt: Anja behandelt die Geschlechterdifferenz nicht als Metasprache, sondern als Konnotation. Auch die Metasprache ist nur eine Konnotation, aber sie ist eine Konnotation, die von bestimmten Serien eingeklammert wird und sich nur über diese Serien als Metasprache legitimiert. 
Anja montiert ihre Texte eben nicht als solche Serien, als solche Repräsentationen. Aber gerade weil sie sich nicht um diese Emanzipation der weiblichen Serie kümmert, die dann eigentlich immer wieder darauf hinausläuft, was Freud in seinem Aufsatz zur Weiblichkeit gesagt hat: "Wir müssen nun anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann." (die weibliche Karriere ist nur dann gut, wenn sie wie die männliche Karriere verläuft); gerade weil sie diese Serie misshandelt, indem sie sie ignoriert (zumindest in den Texten, die ich von ihr kenne), emanzipiert sie sich. 
Für mich sind solche Romane wie zum Beispiel die der Simone de Beauvoir immer auch deshalb kritisch, weil sie zwar reflektierend in das gesellschaftliche Feld eingreifen, aber nicht ästhetisch, will sagen: die Gefahr bei ihnen besteht darin, dass sie die Metasprache und ihre Konnotationen wiederholen, weil die Metasprache sich nur dadurch legitimiert, indem sie sich den etablierten Serien (bei Irigaray: theoretischen Maschinen, Montage der Repräsentation, heterosexuelle Matrix) unterordnet.

Nachtrag:
Man lese, wie vorsichtig Irigaray ist. Sie schließt das "Männliche" und die männlichen Parameter nicht aus, sondern sagt eben "gemäß ausschließlich "männlichen" Parametern".
Wir entkommen den Metasprache nicht so einfach, aber wir können sie zumindest erschüttern.

Dilettanten

TRÄGE SCHLEICHEN die Tage in dem kleinen Karpatenbade dahin. Man sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber - was spreche ich da - ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als die Leinwand aufspannen, die Bogen zurechtglätten, die Notenblätter liniieren, denn ich bin - ach! nur keine falsche Scham, Freund Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich selbst anzulügen - also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentanten sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben. Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt, die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch bin ich. 
[...] 
Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt hinausgekommen ist. 
Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch übertroffen werden könnte. 
Sacher-Masoch, Leopold: Venus im Pelz, (leider besitze ich keine Seitenzahlen) 

Nur Dilettanten stellen alles in der Kunst aufs Unbewusste ab. Ihr reines Gefühl repetiert heruntergekommene Cliches. Im künstlerischen Produktionsvorgang sind unbewusste Regungen Impuls und Material unter vielem anderen. Sie gehen ins Kunstwerk vermittelt durchs Formgesetz ein; das buchstäbliche Subjekt, welches das Werk verfertigte, wäre darin nicht mehr als ein abgemaltes Pferd. Kunstwerke sind kein thematic apperception test ihres Urhebers. 
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. S. 21 

Wenn Nägeli in seiner Rede auf der Münchener Naturforscherversammlung sich dahin aussprach, dass das menschliche Erkennen nie den Charakter der Allwissenheit annehmen werde, so sind ihm die Leistungen des Herrn Dühring offenbar unbekannt geblieben. Diese Leistungen haben mich genötigt, ihnen auch auf eine Reihe von Gebieten zu folgen, auf denen ich höchstens in der Eigenschaft eines Dilettanten mich bewegen kann. Es gilt dies namentlich von den verschiednen Zweigen der Naturwissenschaft, wo es bisher häufig für mehr als unbescheiden galt, wenn ein „Laie" ein Wort dareinreden wollte. Indes ermutigt mich einigermaßen der ebenfalls in München gefallene, an einer andern Stelle näher erörterte Ausspruch Herrn Virchows, dass jeder Naturforscher außerhalb seiner eignen Spezialität ebenfalls nur ein Halbwisser, vulgo Laie ist. Wie ein solcher Spezialist sich erlauben darf und erlauben muss, von Zeit zu Zeit auf benachbarte Gebiete überzugreifen, und wie ihm da von den betreffenden Spezialisten Unbehülflichkeit des Ausdrucks und kleine Ungenauigkeiten nachgesehn werden, so habe auch ich mir die Freiheit genommen, Naturvorgänge und Naturgesetze als beweisende Exempel meiner allgemein theoretischen Auffassungen anzuführen, und darf wohl auf dieselbe Nachsicht rechnen. 
Engels, Friedrich: Anti-Dühring. Ohne Seitenzahl. 

Der Einfall eines Dilettanten kann wissenschaftlich genau die gleiche oder größere Tragweite haben wie der des Fachmanns. Viele unserer allerbesten Problemstellungen und Erkenntnisse verdanken wir gerade Dilettanten. Der Dilettant unterscheidet sich vom Fachmann - wie Helmholtz über Robert Mayer gesagt hat - nur dadurch, daß ihm die feste Sicherheit der Arbeitsmethode fehlt, und daß er daher den Einfall meist nicht in seiner Tragweite nachzukontrollieren und abzuschätzen oder durchzuführen in der Lage ist. Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit. Und die Arbeit ihrerseits kann den Einfall nicht ersetzen oder erzwingen, so wenig wie die Leidenschaft es tut. Beide - vor allem: beide zusammen - locken ihn. Aber er kommt, wenn es ihm, nicht, wenn es uns beliebt. 
Weber, Max: Wissenschaft als Beruf

Proust hat es verstanden, Gesicht, Landschaft, Malerei, Musik etc. gegenseitig in Schwingung zu versetzen. Drei Momente in der Geschichte von Swann und Odette. Zunächst wird ein ganzes Dispositiv der Signifikanz geschaffen. Das Gesicht von Odette mit breiten weißen oder gelben Wangen und Augen wie schwarze Löcher. Aber dieses Gesicht verweist ständig auf andere Dinge, die auch auf der Wand angeordnet sind. Darin liegt der Ästhetizismus, der Dilettantismus von Swann: im Zeichen des Signifikanten muss ihn im Netz der Interpretationen eine Sache immer an etwas anderes erinnern. Ein Gesicht verweist auf eine Landschaft. Ein Gesicht muss ihn an ein Bild "erinnern", an einen Bildausschnitt. Ein Musikstück muss ein kleines Thema anklingen lassen, das sich mit dem Gesicht von Odette verbindet, so dass das kleine Thema nur noch ein Signal ist. 
Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Berlin 1997. S. 255
Der Dilettantismus ist, weil er eng mit der Interdisziplinarität zusammenhängt, ein modernes Phänomen. Pierckheimer konnte noch sagen: Ich nichts missfalle ich mir. Und man hat diese Universalgelehrten dann auch lange eifrig nachgeahmt, sie Goethe sogar angedichtet (auch wenn er viel dafür getan hat). Heute muss man eher, um mich einer schizoanalytischen Sprache zu befleißigen, in Rudeln jagen gehen. Oder Hummelnester bauen. 
Die Hummeln besitzen häufig keinen Staat, sondern bilden eher so etwas wie eine zeitweilige Arbeitsgemeinschaft. Es gibt bei ihnen auch oft keine Spezialisierung. Die Nester sind klein, provisorisch. Die Hummeln dilettieren nur Staatenbildung.

25.07.2012

Multimedia-E-Books und Textexperimente

Matthias Czarnetzki hat auf seinem Blog einen Artikel über die Zukunft des Buches geschrieben, bzw. vor allem ein Video eingebunden, was ich sehr anregend finde.

1999 war ein Jahr, in dem meine Textexperimente im wissenschaftlichen Bereich fremdartige Formen angenommen haben. Eine Hausarbeit in Pädagogik habe ich in Form kurzer, durchrhythmisierter Texte geschrieben. 
Besonders habe ich aber eine Arbeit über das Käthchen von Heilbronn verfasst und diese auf Folien veröffentlicht, die ich dann gebunden habe. Dabei waren die Folien teilweise abgeweißt, teilweise nicht, so dass Texte der nächsten Folie durchscheinen konnten. Durch entsprechende Leerstellen in der oberen Folie waren Texte der nächsten Folie also zweimal zu lesen, jeweils in einem anderen Zusammenhang.
Meine Professorin hat dieses Werk konfisziert. Bzw. sie hat gefragt, ob sie es behalten dürfe. Die Datei dazu ist mir dann verloren gegangen und abgesehen davon ließe sich das Format wahrscheinlich garnicht mehr öffnen, heute.

Salat

Ich habe mir früher gerne gemischte Salatteller zusammengestellt. Diese Tradition wollte ich heute mal wieder aufleben lassen, habe allerdings schon mit dem Salatkopf eine viel zu große Menge produziert. Gebratene Auberginen, Zucchini, Pilze, Tomaten und Mozarella musste ich auf später verschieben. Trotzdem lecker.
Außerdem hat mir jemand meinen Artikel Pornotexte schreiben kommentiert, ob ich keine Kamera hätte, auf meine Frage hin, ob nicht jemand ein gutes Penisbild für mich habe. Ich fotografiere, wie man sieht, lieber potente Speisen.

Shostakovitch und Sarah Quigley: Der Dirigent

Neulich haben mir Thao und Daniel Der Dirigent von Sarah Quigley geschenkt, ein Buch über die Zeit, als Shostakovich seine siebte Sinfonie komponierte, die sogenannte Leningrader. Das Buch habe ich noch nicht fertig lesen können, aber es zumindest angefangen. Insgesamt erscheint es mir ordentlich geschrieben, obwohl auch sehr konventionell.
Dem Buch liegt eine CD mit der Sinfonie bei, eingespielt von dem Russian Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitri Jablonski. Ich selbst habe die gesamte Einspielung der Sinfonien von Kirill Kondrashin, seit ich sechzehn bin. Damals hatte ich übrigens Probleme mit meiner Mutter deswegen, weil sie meinte, ich habe mein Geld für nutzlose Dinge ausgegeben.
Shostakovitch war lange Zeit mein Lieblingskomponist. Insbesondere einige seiner Streichquartette mag ich sehr.
Die Einspielung, die dem Buch beiliegt, ist sehr zu empfehlen. Die siebte Sinfonie selbst mag ich nicht so sehr. Sie ist mir zu manieristisch. Vor allem das lange Crescendo aus dem ersten Satz ist - nun - recht gezwungen wirkend. Es soll, angeblich, den Vormarsch der nationalsozialistischen Truppen auf Leningrad darstellen. Die Zerfaserung in ein groteskes Forte sei dann die zerstörerische Kraft der deutschen Truppen während der Leningrader Blockade. Ich weiß nicht, ob diese Deutung von Shostakovich selbst kam. Seine fünfte Sinfonie soll sogar per Parteibeschluss interpretiert worden sein. Sie hieß damals ganz offiziell "Die Sozialistische". Sieht man sich die prekäre Lage an, in der Shostakovich während der Regierung Stalins steckte, so ist diese teilweise rücksichtslose Vereinnahmung einiger seiner Werke unverständlich. Einige Zeit hat Shostakovich, aus Angst vor einer Verhaftung, immer mit einem gepackten Koffer am Bett und in voller Kleidung geschlafen.

Besonders zugesetzt hat ihm auch Andrei Schdanow, Mitglied des ZK.
Barthes schreibt über den Schdanowismus und dessen repressive Kulturpolitik:
Der Mechaniker, der Ingenieur, sogar der Benutzer sprechen das Objekt; der Mythologe hingegen ist zur Metasprache verurteilt. Diese Ausschließung hat bereits einen Namen; sie ist das, was man als Ideologismus bezeichnet. Der Schdanowismus hat ihn beim frühen Lukàcs, in der Marrschen Linguistik, in Arbeiten wie denen von Bénichou oder Goldmann heftig verurteilt (im übrigen ohne zu beweisen, dass er einstweilen vermeidbar wäre) und ihm den Vorbehalt eines Realen entgegengesetzt, das der Ideologie unzugänglich ist, so wie Stalin zufolge die Sprache. Gewiss löst der Ideologismus den Widerspruch des entfremdeten Realen durch eine Amputation, nicht durch eine Synthese (während der Schdanowismus ihn überhaupt nicht löst): Der Wein ist objektiv gut, und gleichzeitig ist die Güte des Weins ein Mythos. Darin liegt die Aporie. Der Mythologe versucht, so gut er kann, aus ihr herauszukommen: Er befasst sich mit der Güte des Weins, nicht mit dem Wein selbst, ganz wie sich der Historiker mit der Ideologie Pascals, nicht mit den Pensées beschäftigt.
Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main 2011, S. 315.
Und bei Adorno findet sich folgendes Urteil:
Seitdem haben die Schdanows und Ulbrichts mit dem Diktat des sozialistischen Realismus die künstlerische Produktivkraft gefesselt nicht nur sondern gebrochen; die ästhetische Regression, die sie verschuldeten, ist gesellschaftlich wiederum als kleinbürgerliche Fixierung durchsichtig.
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1973, S. 376.

31 Fragen an Leser:innen

Melusine schreibt in ihrem neuesten Artikel über Bücher, bzw. über bestimmte Bücher, die nach bestimmten Kategorien ausgewählt sind. Ich nehme das mal als Stöckchen auf und folge ihr.

Ein Buch aus deiner Kindheit
Melusine schreibt: Pippi Langstrumpf. Das könnte ich auch nennen, aber ich erinnere mich auch lebhaft an den Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler, den ich später mit ähnlichem Vergnügen meinem Sohn vorgelesen habe. Mein Kommentar dazu: ein hervorragend geschriebenes und fast schon altersloses Werk. Wer es noch nicht kennt, sollte es dringend lesen.

Das 4. Buch in deinem Regal von links
Melusine hat schon recht, wenn sie fragt, welcher Mensch denn nur ein (Bücher-)Regal besitze. Und der zweite Einwand ist: welche Reihe?
Na gut! Spezifizieren wir das ganze Mal willkürlich auf die zweite Reihe von oben. Dort steht der Anti-Ödipus von Deleuze, das ich während meiner Studienzeit mehrmals gelesen habe. Das letzte Mal hatte ich es vor drei Jahren in der Hand. Ich müsste und dürfte mal wieder hineinschauen, vor allem, da ich es endlich mal geschafft habe, meine Auseinandersetzung mit Kant deutlich auszudehnen und Deleuze sich ja doch teilweise sehr intensiv auf ihn bezieht (man denke an die Verschiebungen der kantschen Paralogismen).
Eine Reihe höher, dort, wo für große Bücher mehr Platz ist, findet sich ein Buch über die Dresdner Gemäldegalerie, eine Reihe darunter (meine Reihe mit den Systemtheoretikern) von Peter Fuchs Intervention und Erfahrung.

Das 9. Buch in deinem Regal von rechts
Ich gehe mal nach ganz unten (im selben Regal): die Entwicklungspsychologie von Oerter/Montada, in einer alten, broschierten Ausgabe (daneben steht die aktuelle, gebundene). Zu dem Buch muss man nicht viel sagen. Für Pädagogen ist dies immer noch und weiterhin ein Standardwerk.
Wechsle ich das Regal, so finde ich (1) Mensch, Kunst! 4, dem Kunstschulbuch aus dem Klett-Verlag, dessen ersten Band ich so liebe. (2) (wobei ich jetzt auch mal das Zimmer wechsle) die Briefe der Droste (also: Annette von Droste-Hülshoff). (3) Den von Jörg Huber und Alois Müller herausgegebenen Band Raum und Verfahren. Darin befindet sich vor allem ein Aufsatz von Marianne Schuller über Freud, Warburg und Benjamin, den wir damals, 1997, im Zusammenhang mit ihrem Seminar Bühne und Gewalt gelesen hatten. Später habe ich mich mit mit den Aufsätzen von Alfred Messerli (Grenzen der Schriftlichkeit) und Aleida Assmann (Exkarnationen: Gedanken zur Grenze zwischen Körper und Schrift) beschäftigt. Da sich im selben Band auch Aufsätze zum Thema Hypermedien und Cyberspace finden, diese aber eben von 1993 sind, müsste ich, alleine wegen der neueren Entwicklungen, diese noch einmal durchforsten. Schon diese Jahreszahl macht mir nostalgische Gefühle.

Augen zu und irgend ein Buch aus dem Regal nehmen
Das geht bei mir nur schlecht, da ich immer recht genau weiß, wo meine Bücher stehen. Ich habe mich aber dann an die zweite Reihe (diesmal waagerecht) in meinem nicht sortierten Bücherregal im Schlafzimmer gewagt und prompt mein Lieblingshassbuch aus dem Hause Gräfe und Unzer hervorgefischt: Basics for Lovers, das mir eine als boshaft zu bewertende Exfreundin geschenkt hat. Diese "Feministin" wollte mich bekehren, oder was auch immer, indem ich ein Buch lese, das über die Normalität des Steinzeitmenschenbewusstseins bei Männern schwadroniert. Tauschen wir Judith Butler gegen die Mammutkeule ein!
Das Buch existiert noch deshalb in meinem Bestand, weil ich es mal rhetorisch untersuchen wollte.
Eingekeilt wird dieses Buch von einem Lehrbuch über abnorme Persönlichkeitsstörungen (rechts) und meiner Zweitausgabe von Derridas Glas. Den Derrida hatte ich mir mal gekauft, weil die Originalausgabe von Glas ein fetter Wälzer in einem unhandlichen Format ist und diese Ausgabe zweibändig und im Taschenbuchformat existiert.

Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Meine Bücher sind eher prosaisch, vom Cover her. Viele dunkelblau (suhrkamp) oder grünerdig (Meiner-Verlag; grünerdig kommt vom passenden Stift aus meinem Buntstiftkasten, auf dem Grünerde als Bezeichnung steht), manche farbiger, aber meist eben deutlich keine "attraktiven" Buchtitel. Sehr hübsch ist das Cover von writing crime fiction der amerikanischen Autorin Lesley Grant-Adamson (Threatening Eye). Abgesehen von dem herrlich ironischen Bild ist es ein toller, sehr klar geschriebener Schreibratgeber, den ich besser als Beinharts Buch How to write a mystery finde.

Perspektivenwechsel (Anmerkung zu Nora Roberts)

Der Wechsel von Perspektiven in Erzählungen ist ein nur auf den ersten Blick einfaches Problem. Meinen Kunden gebe ich zunächst immer die Empfehlung, auf ihn zu verzichten. Nun ist das erste, knackige Problem aber dabei, dass mit dem Perspektivenwechsel meist der Wechsel der personalen Perspektive gemeint ist. Erst wird aus der Sicht von Peter geschrieben, dann aus der Sicht von Paul. Der Wechsel zur auktorialen Erzählperspektive wird dabei häufig vergessen.

Engführung?

Nora Roberts ist für mich zu einer Art Hobby geworden, auch einer, man höre, intellektuellen Herausforderung. Schlecht geschriebene Romane sind anforderungsreicher als gut geschriebene. Und Nora Roberts schreibt schlecht, äußerst schlecht sogar. Trotzdem ist es interessant, weil am Rande des etablierten, guten Schreibens neue Textmuster entstehen, die dann durchaus zu Neuerungen in literarisch wertvollem Sinne führen können. So fasziniert mich der manchmal recht verwirrende personale Perspektivwechsel, den Roberts vornimmt und der teilweise Satz für Satz hin- und herspringt.
Hier als Beispiel noch eine sehr gemäßigte Szene:
Wollte Lara ihn wirklich zum Narren halten? „Und wem gehört Isabelle?"
„Gehören?" Lara bekam vor Überraschung ganz große Augen. „Wer möchte wohl so ein böses Vieh sein eigen nennen?"
„Warum gibst du sie nicht weg, wenn du sie so abscheulich findest?"
Lara blieb ihm die Antwort schuldig und wechselte unvermittelt das Thema „Ich führe dich jetzt in Papas Studio. Wir überspringen die dritte Etage. Die Möbel sind ohnehin alle abgedeckt."
Anatole öffnete den Mund und wollte etwas erwidern, besann sich aber eines anderen. Manche Dinge blieben besser ungesagt.
Er vergaß die seltsame Katze und den hässlichen kleinen Hund und folgte Lara in die Halle. Die Treppe führte in elegantem Bogen weiter in den dritten Stock. Nach einer scharfen Kurve ging sie gerade und steil nach oben. Lara blieb auf dem Treppenabsatz stehen und wies auf den Flur.
Roberts, Nora: Der Maler und die Lady. in dies.: Love Affairs I, Hamburg 2004.

Experimentierfelder

Ist es zynisch, diese Schreibweise als postmodern zu bezeichnen, als eine Art, klassischere Erzählmethoden aufzubrechen? Ich denke nicht. Die Frage, die sich mir dabei stellt, zielt weniger auf die Technik als auf die Gesamtbedeutung eines Romans. Und hier ist Roberts sehr viel mehr zu kritisieren. Ihre Romane sind belanglos. Sie stecken halb in einer mystischen Welt einer unhinterfragten protestantischen und neoliberalen Glücksseligkeit, will sagen: Jeder ist seines Glückes Schmied! Und diese Gegenwelt schaffen ihre Romane eben auch, weil sie von den realen gesellschaftlichen Prozessen nichts wissen wollen. Statt ästhetischem Widerstand also ästhetische Ignoranz.
Aber fernab solcher Kritiken sind sie eben auch ein Experimentierfeld für gewisse Textmuster. Ähnlich übrigens wie zahlreiche Kindle-Romane, denen man durchaus Dilettantismus vorwerfen dürfte, wenn, ja wenn es nicht große, geradezu enorme Dilettanten schon immer gegeben hätte. Zum Beispiel Montaigne, zum Beispiel Rimbaud. Oder der enorme Erfolg von Herbstmilch (Anna Wimschneider), der sich vermutlich auch deshalb erklärt, weil er nicht den konventionalisierten Erzählstrukturen folgt.

Joyce und Kafka

Zumindest stellenweise bietet sich bei Roberts also ein Vergleich mit solchen Schriftstellern an, die ganz bewusst die klassischen Schreibweisen zerstören, wie zum Beispiel James Joyce.
Roberts ließe sich auch mit Kafka vergleichen. Die enormen und absurden Raumfluchten, die uns Kafka in seinen Romane anbietet, wiederholen sich in gewisser Weise in den gespenstischen Architekturen Roberts. Mit gespenstisch meine ich nicht, dass ihre Romane unheimlich sind, sondern dass ihre Häuser am Rande der Erzählung ein merkwürdiges Eigenleben führen: sie wachsen, sie schrumpfen, sie evolutionieren, und das alles ohne eine deutliche Logik. Sie sind experimentell, ohne dass dies von der Autorin gewollt wird.

24.07.2012

Thomas Mann lese er nicht,

so mein Deutschlehrer an meiner Berufsschule während meiner Ausbildung zum Kommunikationselektroniker. Grund sei, dass der durchschnittliche Satz bei ihm 28 Wörter zähle. Nun, auch das ist eine Art von Logik.
Manns Werk Der Tod in Venedig ist gerade 100 Jahre alt geworden. Grund genug für Edo Reents, stellvertretendem Leiter des Feuilletons der FAZ, ein Feuilleton zu verfassen: Pervers? Was für ein pfuscherisches Wort!
Reents jedenfalls macht sich daran, den Satzbau eines Thomas Mann ein wenig nachzuahmen. Allerdings kommt er hier nicht, wie das bei Mann häufiger üblich ist, zu einer streng durchrhythmisierten Prosa, sondern zu in sich verschachtelten Sätzen, mit teils schwer verständlichem Gehalt. Ein Beispiel:
So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte.
Thomas Mann behagt mir nicht mehr. Vor etwa fünf Jahren habe ich noch einmal den Zauberberg gelesen. Danach habe ich Joseph und seine Brüder angefangen, bin aber nicht über die ersten hundert Seiten hinausgekommen.

22.07.2012

Auch Frauen furzen, oder: müssen Homosexuelle bessere Menschen sein?


Ich habe Christof, übrigens ohne dieses wirklich zu begründen (was mir anzulasten ist), eine vulgäre Geschlechterdifferenzierung vorgeworfen. Hier müsste ich, um fair zu sein, konkrete Texte von ihm analysieren. Ich bleibe auch jetzt etwas generell: mir behagt häufig diese Mischung aus bunt, aber einheitlich, mit der sich die homosexuelle Szene (wenn auch nicht nur diese) schmückt, überhaupt nicht. Sie verleugnet all die Animositäten, die in dieser Szene bestehen; am frappierendsten finde ich diesen Jugendwahn.
Der Jugendwahn hat allerdings sein Problem nicht darin, dass man (als Homosexueller) junge Männer nicht hübsch finden darf, sondern dass die Werte älterer Männer nicht oder nur wenig anerkannt werden. Nun mag das bei homosexuellen Männern (ich weiß es ehrlich gesagt nicht) auch deshalb ein Problem sein, weil diese häufig nicht in den Genuss von eigenen Kinder kommen und deshalb plötzlich eine ganz andere Verantwortung tragen müssen. Es gibt deshalb vielleicht mehr Kontinuität im Leben von Homosexuellen. Das ist aber nicht unbedingt ein Vorteil. Man hat hier auch weniger Erfahrungen, die man vergleichen und vermitteln muss. — Das ist übrigens nur ein sehr pauschales Urteil! Die reale Spannbreite erscheint mir viel zu groß, um hier eindeutige Aussagen zu treffen. Es handelt sich eher um eine Tendenz.

Was nun die Frage, ob Homosexuelle bessere Menschen sein müssen, angeht: Nein, natürlich nicht. Meine Argumentation lief nicht darauf hinaus, dass Homosexuelle mehr Ahnung von der Gender-Theorie haben müssen als heterosexuelle Menschen. Ich dachte immer, dass es hier ein größeres Problembewusstsein bei Schwulen gibt und deshalb auch eine größere Bereitschaft, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen.
Ich habe aber nicht gesagt, dass Heterosexuelle sich damit nicht beschäftigen müssen. Die Geschlechterdifferenz, bzw. Gender geht deshalb alle Menschen in einer Demokratie etwas an, weil die Demokratie aus einer Vielfalt besteht und weil diese Vielfalt zu schützen ist, von jedem einzelnen Menschen.
Meine Verwunderung, dass es doch sehr vulgäre Blickweisen auf sexuell-kulturelle Variationen gibt, ist weniger ethisch zu verstehen als psychologisch. Es sind immer noch die Homosexuellen, die mit Vorurteilen zu rechnen haben und die deshalb, aber eben psychologisch, ein größeres Problembewusstsein haben dürften. Ethisch gesehen müssen sowohl die Schwulen als auch die "Heten" ein solches vertreten.

Übrigens kommt hier von Heterosexuellen häufig der Einwand: ich muss doch nicht jeden Schwulen mögen. Das stimmt natürlich! Aber das persönliche Wohlbefinden wird nun mal nicht durch ein Zurechtstutzen der Demokratie und der mit ihr verbundenen kulturellen Vielfalt erreicht und ist manchmal auch nicht vermittelbar.

Deshalb meine Gegenfrage an Christof: haben Schwule deshalb gleich das Recht, genauso doof wie Heten zu sein?

Und zum Schluss: natürlich furzen auch Frauen. Das ist allerdings ein körperlicher Zustand, der sich nicht wirklich vermeiden lässt. Geistige "Fürze" dagegen kann man sehr wohl vermeiden. Es ist ja auch keine Ausrede, dass jemand, nur weil er schwul ist, jeden hanebüchenen Unsinn in der Welt verbreiten darf. Ich gestehe, dass ich einmal einem Homosexuellen ein Glas an den Kopf geworfen habe, aber nicht, weil er homosexuell war, sondern weil er Auschwitz geleugnet hat.

Alter Wein in alten Schläuchen

Vor ein paar Wochen habe ich mir ein kostenloses E-Book von einer Internetseite heruntergeladen. Es ging um die Manipulation von Menschen. Autor war ein gewisser Stefan Moreno. Mich interessierte daran vor allen Dingen, wie der Begriff der Manipulation aufgefüllt wird. 
Ich finde diese Entwicklung, die in den letzten Jahren in dieser Ratgeberliteratur stattfindet, höchst gefährlich. Sie trägt sowohl Allmachtsfantasien in sich, als auch ein völlig reduktives Menschen- und Gesellschaftsbild. Die Allmachtsfantasie besteht darin, zu glauben, einen Menschen und dessen Lebenszusammenhang vollkommen durchschauen zu können. Kein Satz ist schlimmer, keine Beleidigung größer, als zu jemandem zu sagen: ich weiß genau, wer du bist; oder: ich kenne dich besser, als du dich selbst. Das ist unverhohlener Größenwahnsinn und trägt in sich eigentlich nur die Aussage: es interessiert mich nicht, was du sagst, da ich das schon alles kenne (bzw. zu kennen glaube).
Das reduktive Menschenbild entsteht unter der Hand, weil die Manipulation dem anderen Menschen Ziele vorgibt, die der Manipulator ihm gesetzt hat und weil diese Ziele häufig nicht verhandelbar, sondern nur streitbar und deshalb strittig sind. Manipulative Gesprächstechniken müssen deshalb zwangsläufig entweder zur Überredung des Gegenübers führen oder zum Streit, bzw. zum Gesprächsabbruch. Überredung heißt in diesem Fall aber nicht Überzeugung. In der Überzeugung gelten vor allem sachliche Argumente. In der Überredung sind es vor allem rhetorische Tricks, die meist nur situativ wirken. Man hört das dann auch manchmal: da habe ich mir dummerweise etwas aufschwatzen lassen.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass die Menschen so wenig Ahnung von der Logik haben, so dass jede Argumentationsfolge nur noch teilweise begriffen wird und die Argumentationen selbst windig in der Gegend herumschwanken. Das ist nicht nur ein Problem, wenn man selbst argumentieren muss, sondern auch, wenn man den Argumentationen anderer Menschen zu folgen hat.
So hat denn auch Stefan Moreno den Experten-Trick vorgestellt, den die klassische Rhetorik als argumentatio ad hominem kennt, nämlich, die Meinung eines so genannten Experten zu zitieren. Die Fragwürdigkeit dieser Methode wird schon in den klassischen Rhetoriken diskutiert, obwohl die alten Griechen noch nicht die "Freuden" der Massenmedien gekannt haben, oder, um Aristoteles zu zitieren: Glaub keinem Zitat aus dem Internet, das du nicht selbst gefälscht hast.

Ich arbeite weiterhin an der Logik von John Dewey, d.h., zur Zeit lese ich sie noch und komme gar nicht richtig zum Schreiben. Selbst meine Kommentare dazu sind äußerst knapp. Das liegt allerdings auch daran, dass ich sehr häufig zu Kant und zu Deleuze abdrifte. Seltsamerweise (oder auch nicht) steht Dewey Deleuze sogar recht nahe, zumindest für mich und im Moment.

18.07.2012

Generalisierung und Polemik (erste Antwort auf Christof)

Natürlich erzeugt man eine Gegenreaktion, wenn man kritisiert und vor allem so massiv kritisiert, wie ich es getan habe. Hintergrund: Christof hat in einem Artikel (wissenschaftliches Schreiben und Männer) meiner Ansicht nach sehr haltlos Differenzen vermischt. Ich habe ihm darauf geantwortet (Wissenschaftliches Schreiben und Männer?).

Daraufhin antwortete er (übrigens sehr freundlich) in einem Kommentar zu meinem Artikel. Ich werde seine Antwort in mehrere Artikel zerlegen müssen, um nicht wieder zu völlig unterschiedlichen Aspekten innerhalb eines Artikels zu schreiben.

Meine erste Antwort betrifft die Eingangspassage des Kommentars. Diese lautet folgendermaßen:
was für ein horrender anspruch an einen blog und an einen menschen. das gesamtgesellschaftliche große ganze mal eben in ein post fassen ist für mich nicht der anspruch meiner schreibe. es darf trennschärfe verloren gehen, es darf vereinfacht, polarisiert und provoziert werden.
Es war aber nicht meine Forderung, "das gesamtgesellschaftliche große ganze" zu berücksichtigen, sondern überhaupt die Ergebnisse der Fachwissenschaften stärker einzubinden. Ich folge hier nicht mehr Kant, wenn ich für Begriffe immer wieder eine Lanze breche. Bei Kant scheint der Begriff ausschließlich die Wahrnehmung zu strukturieren. Ich dagegen behaupte, dass Begriffe die Handlungen strukturieren und dies natürlich auch deshalb leisten können, weil sie die Wahrnehmung ordnen.
Wer schreibt, braucht also zwei Arten von handlungsstrukturierenden Begriffen: zum ersten die Begriffe aus dem Fachgebiet, über das er/sie schreibt, also zum Beispiel einen ordentlich definierten Begriff der Motivation, wenn das Thema Motivation ist; zum zweiten müssen aber Begriffe des (wissenschaftlichen) Schreibens existieren, damit der betreffende Mensch seinen eigenen Schreibprozess strukturieren kann.
Dieser zweite Aspekt wird nicht durch reine Übung erfüllt, sondern durch ein Ineinander von Übung und Begriff, bzw. von Praxis und Theorie.

Ich hatte nun nicht kritisiert, dass Christof diesen "globalen Zusammenhang" außer acht lässt, sondern eher (aber hier bin ich sehr undeutlich gewesen), dass er diesen geradezu etabliert, indem er sehr generalisiert schreibt.
Nun hat Christof zumindest eine halbe Antwort auf diese Kritik geliefert: er begründet sein Vorgehen mit der Polemik und der Polarisation. Diese Antwort ist aber ebenfalls problematisch. Meiner Ansicht nach verlängert er mit seinem Text einen etablierten Mythos (Männer = ohne Emotionen; Frauen = emotional), mit dem man nicht polemisieren kann. Man kann nur gegen ihn polemisieren.

Identität und Differenz
Das ganz grundlegende Problem hinter der (1) Generalisierung und dem (2) Verhältnis von Konvention und Polemik scheint mir allerdings im Unterschied zwischen Identität und Differenz zu liegen. Das identitätsorientierte Denken versucht dynamische Phänomene (jeder Mensch ist ein solches dynamisches Phänomen) von einer vorhergehenden Wesenheit zu denken (jeder Mann ist männlich (auch wenn es einen gewissen Spielraum gibt), weil er ein Mann ist).
Das differenzorientierte Denken dagegen erfasst solche Differenzen als relational. Ein Mann ist nur in Bezug auf etwas ein Mann, das von diesem begründet unterschieden werden kann. Diese begründete Unterscheidung existiert aber nur auf der Ebene der körperlichen Existenz. Bei Menschen gibt es zwei körperliche Geschlechter und deshalb unterscheidet sich der Mann von der Frau. Eine ganz andere Sache dagegen ist der Gebrauch dieses Körpers innerhalb der intimen und sexuellen Handlung. Diese ist zwar mit biologischen "Ordnern" versehen (zum Beispiel durch die erogenen Zonen), aber nicht darauf festgelegt. Eine weitere Quelle der Disziplinierung sind kulturelle Vorgaben. Und genau hier muss man dann ganz entschieden relational argumentieren: das kulturelle Geschlecht existiert relational zum biologischen Geschlecht und die verschiedenen kulturellen Geschlechter existieren relational zueinander. Der Homosexuelle ist nicht homosexuell, weil er homosexuell ist, sondern weil er seinen Körper sexuell anders benutzt als der Heterosexuelle.
An dieser Stelle dürfen wir aber nicht Halt machen. Denn betrachtet man zum Beispiel "die" homosexuelle Szene, findet man wiederum zahlreiche Differenzen. Und genau dasselbe passiert, wenn man sich "die" heterosexuellen Sexualitäten anschaut. Ja, man muss sogar sagen, dass man niemals auf die gleiche Art und Weise seine Sexualität, bzw. Intimität auslebt. Man ist selbst in seiner eigenen Sexualität relational. Und so besteht ein Mensch immer aus verschiedenen Geschlechtern, niemals nur aus einem.

Dasselbe passiert nun beim Schreiben. Ein Text ist nur insofern eine Glosse, ein Bericht oder eine Maxime, insofern er sich von anderen Texten unterscheidet. Gäbe es zum Beispiel auf der Welt nur berichtende Texte, könnte man diese gar nicht von anderen Texten abgrenzen. Salopp formuliert: wenn meine Welt voller Bombecks wäre, was machte ich dann mit den Büchern?

Es geht mir also gar nicht darum, zum Beispiel die Rolle der Männer global zu erfassen oder eine generelle positive Arbeit mit Emotionen zu etablieren, sondern um die Differenzen innerhalb einer Situation. Genau dorthin möchte ja die ganze Halb-Theorie, die sich um die Anteilnahme der Emotionen am rationalen Denken bemüht: es geht nicht um eine generalisierte Theorie, sondern um ein situatives und konstellierendes Geschehen. Es geht um genau diese oder jene Gefühle, die in dieser oder jener Situation die Gedanken mit beeinflusst haben.

Konvention und Polemik
Soviel zur Generalisierung, bzw. zur Relationierung.
Das zweite Problem, das Verhältnis von Konvention und Polemik, lässt sich daraus rasch ableiten: eine Polemik muss mehr Differenzen einführen. Sie muss situativ argumentieren und auf diese situativen Unterschiede eingehen. Anders ausgedrückt: die Polemik muss das Unkonventionelle in der Konvention herausarbeiten, so wie zum Beispiel Gilles Deleuze gesagt hat: Hört auf, ein Geschlecht zu sein! Macht euch eure eigenen Geschlechter!
Deshalb hatte ich oben geschrieben, dass die Polemik nicht mit, sondern gegen die Konvention existiert. Christof scheint sich zwar außerhalb der Konvention zu bewegen, wenn er das wissenschaftliche Schreiben als emotionslos zeiht, aber diese Kritik ist weder neu noch fruchtbar (der Rousseauismus!). Im Gegenteil: in der antiintellektualistischen Tendenz der so genannten Coaching- und Ratgeber-Literatur ist die Opposition von Emotionen und Kognitionen zu einem reinen Mythos geronnen und damit eine Kopfgeburt, die mit sinnlich-praktischer Anschauung nichts zu tun hat.

Zum Schluss: ich weiß, dass ich in meinem ersten Kommentar zu Christof schon recht salopp formuliert habe und so Missverständnisse provozieren musste. Ich hoffe, dass jetzt einige der Kritikpunkte deutlicher geworden sind.
Als rein praktischer Vorschlag: Nicht über Wesenheiten (und sei es noch so ironisch) philosophieren, sondern in Situationen eingreifen. Oder anders gesagt: es geht darum, einer bestehenden Situation (einen Menschen, einer Gruppe, einem Text, usw.) neue Bedeutungen zu gewinnen, so wie Judith Butler dies mit etablierten und nicht etablierten Texten zur Geschlechterdifferenz macht. Sie nennt dies Resignifikation. Einen Text, bzw. eine Situation gegen den Strich der konventionellen Interpretation zu bürsten.

Walter Benjamin schreibt in seinem berühmten Büchlein ›Einbahnstraße‹:
Meinungen sind für den Riesenapparat des gesellschaftlichen Lebens, was Öl für Maschinen; man stellt sich nicht vor eine Turbine und übergießt sie mit Maschinenöl. Man spritzt ein wenig davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen muss.
Benjamin, Walter: Einbahnstraße. in: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. IV,1. Seite 85

Lesetipp: Jeff Koons in Frankfurt

Melusine hat mal wieder einen sehr faszinierenden Beitrag auf ihrem Blog veröffentlicht: Jeff Koons in Frankfurt: Der Erotomane lässt sich sehen.

Ideologischer Überbau: der religiöse Führer als Gespenst

"Alle materiellen und intellektuellen Kräfte, die für die Realisierung einer freien Gesellschaft eingesetzt werden können, sind da. Dass sie nicht für sie eingesetzt werden, ist ausschließlich der totalen Mobilisierung der bestehenden Gesellschaft gegen ihre eigene Möglichkeit der Befreiung zuzuschreiben." 
Marcuse, Herbert: Das Ende der Utopie
Was Marcuse hier totale Mobilisierung nennt, findet sich bei Marx als das Spannungsverhältnis zwischen sinnlicher Basis und ideologischem Überbau. Neulich habe ich irgendwo gelesen (ich glaube, bei Antje Schrupp), dass unser politisches Denken immer noch vom Bild des religiösen Führers geprägt wird. Dieser Gedanke war mir sofort einleuchtend. Der Kampf im politischen Denken der letzten zwei Jahrhunderte gilt auch der Auflösung dieser Verbindung. Man denke nur an Nietzsche, der sich so heftig gegen die Bevormundung der Menschen durch die Religion, bzw. deren Protagonisten gewehrt hat und ihren Metaphern doch so verfallen ist.
Vielleicht sollte ich hier wieder mal Derridas Politiken der Freundschaft lesen (in Abweichung zur offiziellen Übersetzung stelle ich die Mehrzahl der Politik, wie im französischen Original, heraus). Denn die Opposition zwischen (politischer) Freundschaft und Feindschaft scheint sich von einem ausgeschlossenen Dritten abzuleiten (soweit ich mich erinnere), deren Aporie darin besteht, Identität zu sein, aber darin beständig hin und her zu changieren. Dieses ausgeschlossene Dritte, in der binären Logik, ist sowieso schon ein unmögliches Ding, wenn es trotzdem an der Konstitution beteiligt ist, eben ein paradoxes Element.
Diese Nicht-Identität der Identität drückt sich dann auch in zahlreichen und scheinbar heterogenen Bestimmungen aus: mal als Freund, mal als Bestie. Besonders bezeichnend aber ist, dass das Gespenst angeführt wird. Das Gespenst sei, so Brittnacher in seiner Ästhetik des Horrors, deshalb eine so bürgerliche Horrorfigur, weil sie keine Gestalt und damit keine Identität habe. Es gleicht dem unbekannten Mörder und wie der unbekannte Mörder durch eine Kette von Syllogismen dingfest gemacht werden kann (zumindest bei Poe und Doyle), so wird im klassischen Gespensterroman die Ursache des Spukens oft deduktiv erschlossen. Man muss sich fragen, ob diese ausgeschlossene Figur, die den Diskurs von Freund und Feind heimsucht, nicht auch die heimliche Gleichsetzung des religiösen Führers als Gespenst beinhaltet, als desjenigen, der seine Identität momenthaft ändern darf (in Form eines religiösen Privilegs).
Das Gespenst scheint mir auch in dem Kapital, bzw. der Ökonomie zu stecken: mal ist sie Heilsbringer und Wohlstandsvermehrer, mal Schreckteufel und Sorgenkind. Dass es eine Ökonomie jenseits der herrschenden Ökonomie geben könne, scheint den wenigsten in den Sinn zu kommen. Insofern scheinen die religiösen Figuren vor allem in die politisch-ökonomischen Protagonisten abgewandert.

Und weil's so schön ist: Säbelzahntiger jagen ist männlich

denkwerkstatt schreibt über die neue Kochzeitschrift für Männer, BEEF! und verweist auf einen Artikel die diestandard.at: So männlich können Sie kochen.
Frecherweise ist dieses Magazin untertitelt: Für Männer mit Geschmack. Die Inhalte sind latent bis offen sexistisch und die Kritik von denkwerkstatt, kurz: Frau=Fleisch, sehr ernst zu nehmen.
Zwei der Poster, die BEEF! anbietet, tragen die Sprüche: "Rosa ist für Mädchen. Blutrot für Männer." (ein Satz, der wesentlich mehr als nur Männer sind anders als Frauen konnotiert: man beachte alleine die Verniedlichung der Frau durch Mädchen; und auch das Adjektiv blutrot ist nicht ohne: Blut konnotiert die Jagd, das Martialische, das Rohe, etc.) und "Das Schönste hat Gott schon immer aus Rippen geschaffen" (der Fleischer, den man auf dem Poster sieht, wird mit Gott gleichgesetzt; die aus der Rippe erschaffene Frau wird mit dem essbaren Fleisch gleichgesetzt).
Ist das nicht ganz entsetzlich? Ist so eine Verquarkung für einen halbwegs gebildeten Menschen nicht geradezu eine Zumutung?

Wissenschaftliches Schreiben und Männer? Nicht nur eine Kritik der Geschlechterkritik

Die falschen Differenzen
Es passiert schon wieder und immer noch. Die Verquirlung von Differenzen zu einem ungenießbaren Brei, diesmal von und bei Christof Zirkel auf seinem Blog schreibschrift. Hier wird großzügig die Männer/Frauen-Differenz auf die Kognition/Emotion-Differenz aufprojiziert. Eigentlich will Christof etwas Gutes: verständlich geschriebene Wissenschaft. Uneigentlich liest sich dann aber mit: Männer halten sich an Tatsachen, Frauen nicht. Männer seien zwar langweilig, dafür aber realistisch. Frauen dagegen seien zwar hysterisch, dafür aber begeisterungsfähig (man könnte auch, wenn man einer gewissen vulgären Psychoanalyse und ihrer Definition der Hysterie folgt, sagen: sexsüchtig).
Natürlich bringt Christof dann noch eine weitere, oft herbei zitierte Differenz ins Spiel, die zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Die Naturwissenschaften seien weitestgehend emotionslos, würden von emotionslosen Männern geschrieben und bestünden aus Tatsachentexten, die nicht zu begeistern vermögen. Auch das ist leider völlig falsch. Es gibt in den letzten zwei Jahrhunderten genügend Beispiele aus der Mathematik, in der namhafte Mathematiker ganz bezaubernde Bücher über logische Probleme geschrieben haben, allen voran Lewis Carroll. Auch die Physiker haben sich hier verdient gemacht. Ich erinnere an Ernst Mach und sein Buch ›Erkenntnis und Irrtum‹.
Man zeige mir aber ein Buch über die generativen Transformationsgrammatik, dass für eine breitere Masse und verständlich geschrieben ist. Ich wette, es gibt keines.

Perspektive und Popularität
Vor 25 Jahren habe ich diesen Unsinn von dem möglichen emotionalen Dasein einer Wissenschaft auch geglaubt. Und natürlich auch das Gegenteil gesehen: die völlig unterkühlten Texte. Heute sehe ich das ganze komplett anders.
Es gibt wissenschaftliche Texte, die anschaulich geschrieben sind und den interessierten Dilettanten bei seinen Erfahrungen abholen. Dies nennt Kant popular (und noch nicht: populärwissenschaftlich). Fachtexte dagegen sind für Fachmenschen geschrieben, die sich weitestgehend die Inhalte selbst veranschaulichen können sollten. Solche Texte sind natürlich schwer zugänglich, wenn man von dem Gebiet keine oder wenig Ahnung hat. Da sie aber nur für den Austausch innerhalb des Faches gedacht sind, dürfen sie dann auch unanschaulich (für den Laien) sein.
Andererseits gibt es kaum etwas formaleres als ›Die Akkumulation des Kapitals‹ von Rosa Luxemburg. Die Anteilnahme wird man hier schwerlich in Lippenbekenntnissen finden. Sie steckt in der Form der Analyse (oder, in der Sprache des Strukturalismus gesprochen: die Anteilnahme ist konnotiert, nicht denotiert).
Und wenn man sich anschaut, wie populärwissenschaftliche Autoren, die einen ernsthaften Anspruch haben, arbeiten, dann sind diese Bücher teilweise dermaßen streng durchgeplant, dass man an die Arbeit eines Geometers oder Programmierers denken muss. Es ist einfach ein erhöhter Aufwand, wenn man bei einem Fachtext noch an Menschen denken muss, die eine komplett andere Perspektive auf das Fach haben. Bei dem Fachkollegen kann man eine ähnliche Perspektive voraussetzen.

Wissenschaft denotiert, Anteilnahme konnotiert
Christofs Problem ist also nicht nur, dass er diese Differenzen zwischen Mann und Frau, verständlich und unverständlich, tatsachenfixiert und emotional, Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft auf konventionelle, aber leider völlig undurchdachte Art und Weise vermengt. Er kommt auch nicht zum Kern des Problems: popular oder populärwissenschaftlich kann man nur schreiben, wenn man Erfahrungen mit ganz anderen Menschen aus ganz anderen Wissensgebieten hat. Es ist eine Sache der Einstellung und dem damit einhergehenden Interesse, ob ein Text "emotional" (und das lesen wir jetzt einfach mal als: mich herausrufend und in die Sache hineinrufend) ist oder eben nicht. Die andere "Emotion" kann ich aber nicht berücksichtigen, wenn ich sie nicht erfahren habe. Und so lässt sich zuletzt nur schlichtweg festhalten: für die Wissenschaft ist die wissenschaftliche Arbeit in all ihren Abkürzungen und (für den Laien) Unverständlichkeiten auch eine Sache der Ökonomie; für die Verbreitung der Erkenntnisse dieser Wissenschaft ist eine Kenntnis des sozialen Lebens in seiner Breite notwendig.
Aus meiner Erfahrung ist das Problem auch nicht, dass an den Universitäten zu viel emotionslos geschrieben wird, sondern dass überhaupt zu wenig geschrieben wird. Das fängt schon damit an, dass zu viele Studenten glauben, sie hätten ein Buch gelesen, wenn sie die wichtigen Stellen in dem Buch unterstrichen hätten. Hier steckt allerdings zu wenig Arbeit drin, und damit auch zu wenig das Ringen um die eigene Darstellung.
Bei manchen meiner Kunden fange ich deshalb folgendermaßen an: Zwischenüberschriften erstellen, Listen mit den wichtigen Begriffen anlegen, Begriffsdefinitionen aus dem Text heraus verfertigen, eine Zusammenfassung eines Textes oder Textabschnittes schreiben, ausführlicher den Text mit dem eigenen Vorwissen interpretieren, also kommentieren. 
Und hier stellt sich immer wieder als größtes Hindernis heraus, dass der betreffende Student eigentlich gar nicht an seinem Fach interessiert ist oder dass er durch die Angst vor dem Schreiben zu sehr abgelenkt wird. Den Menschen, die nur deshalb schreiben oder schreiben wollen, weil sie einen Status erringen wollen, ist selten zu helfen. Den Menschen, die vor allem eine Art "Schreibangst" haben, helfen Formalien, wie zum Beispiel die Methoden, die ich eben genannt habe. Es sind nicht nur Methoden, um den Sinn eines Textes zu erfassen, sondern auch Methoden, um das Schreiben zu lernen und sich in kleinen Schritten an das eigene, kompetente Formulieren heranzuwagen.
Zum Schluss muss man sagen: es geht nichts über eine fachlich klare, an Tatsachen orientierte Darstellung (Tatsachen sind diese vielen, kleinen und vor allem anschaulichen Dinge, die so in der Welt herumschwirren, wie zum Beispiel bewölkte Himmel, kläffende Hunde oder herabfallende Äpfel). Die fachwissenschaftliche Anteilnahme steckt dagegen in der Struktur und damit im Nachvollzug der fachlichen Logik. Sie ist konnotiert, also zwischen den Zeilen zu lesen. Und auch, wenn ich populärwissenschaftlich schreibe, konnotiert sich diese Anteilnahme am Dilettanten, indem ich auf seine Welt und seine Perspektive der Welt in der Veranschaulichung eingehe. Was ich allerdings dabei nicht vergessen darf, ist, dass ich eine Wissenschaft "korrekt" darstellen muss. Ich muss also zwischen den Zeilen schreiben: auch für dich, Herr Müller, und auch für dich, Frau Schulz, sind diese wissenschaftlichen Ergebnisse wichtig und nützlich. Aber es sind eben "diese wissenschaftlichen Ergebnisse": diese müssen denotiert (also deutlich ausgeschrieben) sein (dass dies teilweise sehr falsch läuft, wenn nämlich ein Dilettant meint, einen Artikel über Forschungsergebnisse schreiben zu müssen, habe ich zum Beispiel hier kritisiert: Erkennen Säuglinge Grammatikregeln?).

Fazit
Mich nerven diese orientierungslos ineinandergeschobenen Differenzen schon seit langem. Hier werden Wortfelder und Sachgebiete konstruiert, die völlig mythisch sind, an jedem ordentlich argumentierenden Feminismus, an jeder ordentlich argumentierenden Psychologie einfach nur vorbeilaufen und eigentlich nichts zu sagen wissen.
Christof (und viele andere) wird also folgende Aufgaben zu leisten haben:
(1) Er wird die bei ihm leider immer wieder aufscheinende, sehr vulgäre Geschlechterdifferenz aufzulösen müssen. Solche vulgären Geschlechterdifferenzen laufen leider viel zu häufig auf biologistische Ansichten zu. Nun soll nicht bestritten werden, dass es biologische Differenzen zwischen Männern und Frauen gibt. Gestritten wird über die Reichweite, die sich aus solchen biologischen Differenzen für die Kultur ergeben, bzw. auch, wo die Eigendynamik der Kultur Identitäten geschaffen hat, die mit der Biologie gar nichts zu tun haben.
Dieser Aspekt ist bei Christof umso ärgerlicher, als er "schwul" ist. Nun ist die Sorge um die Geschlechterdifferenz zwar keine Aufgabe, die nur Minderheiten oder Unterdrückten zufällt. Sie ist für alle Menschen verpflichtend (sic!). Aber zumindest bei einem studierten und homosexuellen Menschen sollte man hier doch etwas mehr Sensibilität erwarten und auch etwas mehr Interesse an der fachlichen Diskussion.
(2) Das Verhältnis zwischen Kognition und Emotion wird bei ihm primitiv begriffen, nämlich als oppositionell. Man hat manchmal den Eindruck, dass Christof (aber nicht nur er, sondern ein breiter Teil der populärwissenschaftlichen Literatur) das Verhältnis zwischen Kognition und Emotion wie den Urzustand der Gesellschaft bei Thomas Hobbes begreift: als ein Krieg aller gegen alle, nur, dass es hier nur zwei Parteien gibt, eben die Kognition und die Emotion. Dies ist etwas karikierend ausgedrückt, soll aber verdeutlichen, wohin es geht. Zum ersten ist die Beschreibung der Emotionen und ihre vielfältigen Wechselwirkungen einfach zu reduziert. Zum zweiten wird hier auf einen ordnenden Staat zumindest implizit immer wieder Bezug genommen. Ich möchte eigentlich gar nicht wissen, wie ein solcher "Staat" für das Verhältnis zwischen Kognitionen und Emotionen aussieht. Viel wichtiger als der Endzustand und viel offensichtlicher im Ergebnis ist, dass sich Trainer und Berater hier als Staatsgründer andienen.
(3) Eine bessere Neurophysiologie! Dazu habe ich bereits viel gesagt. Ich muss es hier nicht wiederholen.
(4) Schreiben muss begriffen werden. Um Texte zu begreifen, muss man hier in die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft hineinschauen. Um den Schreibprozess zu begreifen, muss man in die Psychologie hineinschauen. Für die Wirkung von Texten und die Aufgabe von Texten braucht man die Soziologie. Dies ist keine einfache Aufgabe. Was mich besonders frappiert, ist die Abwesenheit sprachwissenschaftlicher Bezüge bei Christof. Um überhaupt ausdrücken zu können, was ein Satz macht, wie er im Zusammenhang mit seinen Wörtern und seiner Umgebung (dem Kontext) steht, brauche ich (möglichst) präzise Beschreibungen. Da hilft leider dieses: ›es ist alles so hübsch bunt (= kreativ)‹ nicht. Das Wort ›kreativ‹ oder ähnliche Behauptungen besagt einfach zu wenig und deshalb heißt es ja auch weiter (im Lied von Nina Hagen): ich kann mich gar nicht entscheiden. Will sagen: Christof bietet zu wenig Entscheidungshilfen und damit verkommen seine eigentlich immer sehr guten Übungen zu reinem Aktionismus.

16.07.2012

Bimbam der Worte

Einen einzigen Satz haltbar zu machen,
auszuhalten in dem Bimbam von Worten.
Es schreibt diesen Satz keiner,
der nicht unterschreibt.
So lese ich gerade in Ruth Klügers Rede über Ingeborg Bachmann.

Dewey und das Erzählen

Es gibt bei Dewey, vor allem in der Logik, eine enge Verbindung zum Erzählen. Die wissenschaftliche Logik "erbaut" sich gleichsam aus den Erzählungen der Menschen, die Weltverhältnisse ausdrücken, bzw. Interessenverhältnisse. Vor allem das 12. Kapitel seiner Logik ("Das Urteil als räumlich-zeitliche Bestimmung: Erzählung und Beschreibung") inspiriert mich derzeit sehr. Nebenher arbeite ich an einem Aufsatz von Anthony Kenny: "Handlung, Emotion und Wille", der in dem Buch "Philosophie der Gefühle" (Hrsg.: Sabine Döring) erschienen ist.
Meine Blogleser wissen, dass ich in den letzten Jahren immer wieder zu diesem Problem des Willens gearbeitet habe. Meine Begeisterung für Schopenhauer (die, zugegeben, mehr eine lyrische als eine philosophische ist: d.h. ich schätze seinen Stil, nicht unbedingt seine Philosophie) und Nietzsche, meine immer wieder aufkochenden Arbeiten zum Rubikon-Modell, mein neu belebtes Interesse an der Frankfurter Schule, aber auch an Karl Marx, all dies weist auf eine neue Phase meines Schaffens und Nachdenkens hin.
Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, darüber wieder mehr Artikel zu verfassen und die eine oder andere vergleichende Studie zu erstellen.

Heute habe ich mich allerdings mit dem Entwurf von Geschichten befasst. Am Freitag hatte ich ein kurzes Telefonat mit einem Nicht-Kunden. Nicht-Kunde deshalb, weil ich mich nicht in der Lage sah, ihn weiter zu qualifizieren. Ok, ich hätte es schon tun können, aber in eine andere Richtung, als es für diesen Menschen wichtig gewesen wäre. Doch natürlich hat das Telefonat und die Aufgabenstellung mal wieder in mir rumort und so habe ich heute den halben Tag an Geschichtsentwürfen herumgebastelt. 
Es geht, genauer gesagt, um das Schreiben symbolischer Geschichten, die ich bedingt den Spannungsromane gegenüberstelle. Spannungsromane werden durch eine logische Handlung zusammengehalten, symbolische Romane durch einen ausgewählten Bedeutungs- und Ausdruckshintergrund. Die großen klassischen Romane sind dabei eigentlich immer symbolische Romane, wie die von Max Frisch, Günther Grass, Fontane, Broch, und so weiter, Ulla Hahn, Elfriede Jelinek oder Herta Müller. Spannungsromane sind fast alle "populären" Romane (Ausnahme: Humor und Lebensbekenntnisse), zum Beispiel alle Krimis und Horrorromane, aber auch die ganze romantic fantasy. Natürlich gibt es Mischformen, wie viele (oder alle?) Romane von Stephen King, wie auch Harry Potter.
Wie aber schreibt man symbolische Romane? Worauf gründet die Auswahl der Szenen, und worauf, wenn nicht (immer) auf Spannung, die Abfolge der Szenen? Das waren also die Fragen, mit denen ich mich heute beschäftigt habe. Während ich mittlerweile eine ganz gute Systematisierung für Spannungsromane besitze (Abenteuergeschichten plotten und schreiben: obwohl mir dieses Buch vom Stil und der Leserfreundlichkeit nicht wirklich gefällt, enthält es doch die meisten Grundlagen sehr richtig dargestellt), fehlt mir diese für die symbolischen Romane. Das liegt aber auch daran, dass spannende Handlungen sehr konventionell daherkommen und deshalb gut systematisierbar sind.
Nun, der Anrufer war sich selbst sehr im klaren, was er schreiben wollte. Ich hätte ihn auf einem absolut neuen Terrain begleiten müssen, was sich für mich nicht lohnt. Dahinter steckt einfach zu viel Arbeit, die ich mir garnicht hätte bezahlen lassen können. Ich denke hier nur an meinen Artikel über die Konnotation (der Nachfolgetext zu meinem Artikel über die Isotopie), an dem ich seit Februar arbeite, bzw. hier regelmäßig weiterkommentiere, ohne zu einem Endergebnis zu kommen. 

Alles ging heute langsam von sich. Ich bin wohl etwas krank, weil ich Freitag bis in die tiefe Nacht gelesen und kommentiert habe und es doch recht kühl war. Das hat mir wohl meine Abwehrkräfte geschwächt.