18.07.2012

Wissenschaftliches Schreiben und Männer? Nicht nur eine Kritik der Geschlechterkritik

Die falschen Differenzen
Es passiert schon wieder und immer noch. Die Verquirlung von Differenzen zu einem ungenießbaren Brei, diesmal von und bei Christof Zirkel auf seinem Blog schreibschrift. Hier wird großzügig die Männer/Frauen-Differenz auf die Kognition/Emotion-Differenz aufprojiziert. Eigentlich will Christof etwas Gutes: verständlich geschriebene Wissenschaft. Uneigentlich liest sich dann aber mit: Männer halten sich an Tatsachen, Frauen nicht. Männer seien zwar langweilig, dafür aber realistisch. Frauen dagegen seien zwar hysterisch, dafür aber begeisterungsfähig (man könnte auch, wenn man einer gewissen vulgären Psychoanalyse und ihrer Definition der Hysterie folgt, sagen: sexsüchtig).
Natürlich bringt Christof dann noch eine weitere, oft herbei zitierte Differenz ins Spiel, die zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Die Naturwissenschaften seien weitestgehend emotionslos, würden von emotionslosen Männern geschrieben und bestünden aus Tatsachentexten, die nicht zu begeistern vermögen. Auch das ist leider völlig falsch. Es gibt in den letzten zwei Jahrhunderten genügend Beispiele aus der Mathematik, in der namhafte Mathematiker ganz bezaubernde Bücher über logische Probleme geschrieben haben, allen voran Lewis Carroll. Auch die Physiker haben sich hier verdient gemacht. Ich erinnere an Ernst Mach und sein Buch ›Erkenntnis und Irrtum‹.
Man zeige mir aber ein Buch über die generativen Transformationsgrammatik, dass für eine breitere Masse und verständlich geschrieben ist. Ich wette, es gibt keines.

Perspektive und Popularität
Vor 25 Jahren habe ich diesen Unsinn von dem möglichen emotionalen Dasein einer Wissenschaft auch geglaubt. Und natürlich auch das Gegenteil gesehen: die völlig unterkühlten Texte. Heute sehe ich das ganze komplett anders.
Es gibt wissenschaftliche Texte, die anschaulich geschrieben sind und den interessierten Dilettanten bei seinen Erfahrungen abholen. Dies nennt Kant popular (und noch nicht: populärwissenschaftlich). Fachtexte dagegen sind für Fachmenschen geschrieben, die sich weitestgehend die Inhalte selbst veranschaulichen können sollten. Solche Texte sind natürlich schwer zugänglich, wenn man von dem Gebiet keine oder wenig Ahnung hat. Da sie aber nur für den Austausch innerhalb des Faches gedacht sind, dürfen sie dann auch unanschaulich (für den Laien) sein.
Andererseits gibt es kaum etwas formaleres als ›Die Akkumulation des Kapitals‹ von Rosa Luxemburg. Die Anteilnahme wird man hier schwerlich in Lippenbekenntnissen finden. Sie steckt in der Form der Analyse (oder, in der Sprache des Strukturalismus gesprochen: die Anteilnahme ist konnotiert, nicht denotiert).
Und wenn man sich anschaut, wie populärwissenschaftliche Autoren, die einen ernsthaften Anspruch haben, arbeiten, dann sind diese Bücher teilweise dermaßen streng durchgeplant, dass man an die Arbeit eines Geometers oder Programmierers denken muss. Es ist einfach ein erhöhter Aufwand, wenn man bei einem Fachtext noch an Menschen denken muss, die eine komplett andere Perspektive auf das Fach haben. Bei dem Fachkollegen kann man eine ähnliche Perspektive voraussetzen.

Wissenschaft denotiert, Anteilnahme konnotiert
Christofs Problem ist also nicht nur, dass er diese Differenzen zwischen Mann und Frau, verständlich und unverständlich, tatsachenfixiert und emotional, Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft auf konventionelle, aber leider völlig undurchdachte Art und Weise vermengt. Er kommt auch nicht zum Kern des Problems: popular oder populärwissenschaftlich kann man nur schreiben, wenn man Erfahrungen mit ganz anderen Menschen aus ganz anderen Wissensgebieten hat. Es ist eine Sache der Einstellung und dem damit einhergehenden Interesse, ob ein Text "emotional" (und das lesen wir jetzt einfach mal als: mich herausrufend und in die Sache hineinrufend) ist oder eben nicht. Die andere "Emotion" kann ich aber nicht berücksichtigen, wenn ich sie nicht erfahren habe. Und so lässt sich zuletzt nur schlichtweg festhalten: für die Wissenschaft ist die wissenschaftliche Arbeit in all ihren Abkürzungen und (für den Laien) Unverständlichkeiten auch eine Sache der Ökonomie; für die Verbreitung der Erkenntnisse dieser Wissenschaft ist eine Kenntnis des sozialen Lebens in seiner Breite notwendig.
Aus meiner Erfahrung ist das Problem auch nicht, dass an den Universitäten zu viel emotionslos geschrieben wird, sondern dass überhaupt zu wenig geschrieben wird. Das fängt schon damit an, dass zu viele Studenten glauben, sie hätten ein Buch gelesen, wenn sie die wichtigen Stellen in dem Buch unterstrichen hätten. Hier steckt allerdings zu wenig Arbeit drin, und damit auch zu wenig das Ringen um die eigene Darstellung.
Bei manchen meiner Kunden fange ich deshalb folgendermaßen an: Zwischenüberschriften erstellen, Listen mit den wichtigen Begriffen anlegen, Begriffsdefinitionen aus dem Text heraus verfertigen, eine Zusammenfassung eines Textes oder Textabschnittes schreiben, ausführlicher den Text mit dem eigenen Vorwissen interpretieren, also kommentieren. 
Und hier stellt sich immer wieder als größtes Hindernis heraus, dass der betreffende Student eigentlich gar nicht an seinem Fach interessiert ist oder dass er durch die Angst vor dem Schreiben zu sehr abgelenkt wird. Den Menschen, die nur deshalb schreiben oder schreiben wollen, weil sie einen Status erringen wollen, ist selten zu helfen. Den Menschen, die vor allem eine Art "Schreibangst" haben, helfen Formalien, wie zum Beispiel die Methoden, die ich eben genannt habe. Es sind nicht nur Methoden, um den Sinn eines Textes zu erfassen, sondern auch Methoden, um das Schreiben zu lernen und sich in kleinen Schritten an das eigene, kompetente Formulieren heranzuwagen.
Zum Schluss muss man sagen: es geht nichts über eine fachlich klare, an Tatsachen orientierte Darstellung (Tatsachen sind diese vielen, kleinen und vor allem anschaulichen Dinge, die so in der Welt herumschwirren, wie zum Beispiel bewölkte Himmel, kläffende Hunde oder herabfallende Äpfel). Die fachwissenschaftliche Anteilnahme steckt dagegen in der Struktur und damit im Nachvollzug der fachlichen Logik. Sie ist konnotiert, also zwischen den Zeilen zu lesen. Und auch, wenn ich populärwissenschaftlich schreibe, konnotiert sich diese Anteilnahme am Dilettanten, indem ich auf seine Welt und seine Perspektive der Welt in der Veranschaulichung eingehe. Was ich allerdings dabei nicht vergessen darf, ist, dass ich eine Wissenschaft "korrekt" darstellen muss. Ich muss also zwischen den Zeilen schreiben: auch für dich, Herr Müller, und auch für dich, Frau Schulz, sind diese wissenschaftlichen Ergebnisse wichtig und nützlich. Aber es sind eben "diese wissenschaftlichen Ergebnisse": diese müssen denotiert (also deutlich ausgeschrieben) sein (dass dies teilweise sehr falsch läuft, wenn nämlich ein Dilettant meint, einen Artikel über Forschungsergebnisse schreiben zu müssen, habe ich zum Beispiel hier kritisiert: Erkennen Säuglinge Grammatikregeln?).

Fazit
Mich nerven diese orientierungslos ineinandergeschobenen Differenzen schon seit langem. Hier werden Wortfelder und Sachgebiete konstruiert, die völlig mythisch sind, an jedem ordentlich argumentierenden Feminismus, an jeder ordentlich argumentierenden Psychologie einfach nur vorbeilaufen und eigentlich nichts zu sagen wissen.
Christof (und viele andere) wird also folgende Aufgaben zu leisten haben:
(1) Er wird die bei ihm leider immer wieder aufscheinende, sehr vulgäre Geschlechterdifferenz aufzulösen müssen. Solche vulgären Geschlechterdifferenzen laufen leider viel zu häufig auf biologistische Ansichten zu. Nun soll nicht bestritten werden, dass es biologische Differenzen zwischen Männern und Frauen gibt. Gestritten wird über die Reichweite, die sich aus solchen biologischen Differenzen für die Kultur ergeben, bzw. auch, wo die Eigendynamik der Kultur Identitäten geschaffen hat, die mit der Biologie gar nichts zu tun haben.
Dieser Aspekt ist bei Christof umso ärgerlicher, als er "schwul" ist. Nun ist die Sorge um die Geschlechterdifferenz zwar keine Aufgabe, die nur Minderheiten oder Unterdrückten zufällt. Sie ist für alle Menschen verpflichtend (sic!). Aber zumindest bei einem studierten und homosexuellen Menschen sollte man hier doch etwas mehr Sensibilität erwarten und auch etwas mehr Interesse an der fachlichen Diskussion.
(2) Das Verhältnis zwischen Kognition und Emotion wird bei ihm primitiv begriffen, nämlich als oppositionell. Man hat manchmal den Eindruck, dass Christof (aber nicht nur er, sondern ein breiter Teil der populärwissenschaftlichen Literatur) das Verhältnis zwischen Kognition und Emotion wie den Urzustand der Gesellschaft bei Thomas Hobbes begreift: als ein Krieg aller gegen alle, nur, dass es hier nur zwei Parteien gibt, eben die Kognition und die Emotion. Dies ist etwas karikierend ausgedrückt, soll aber verdeutlichen, wohin es geht. Zum ersten ist die Beschreibung der Emotionen und ihre vielfältigen Wechselwirkungen einfach zu reduziert. Zum zweiten wird hier auf einen ordnenden Staat zumindest implizit immer wieder Bezug genommen. Ich möchte eigentlich gar nicht wissen, wie ein solcher "Staat" für das Verhältnis zwischen Kognitionen und Emotionen aussieht. Viel wichtiger als der Endzustand und viel offensichtlicher im Ergebnis ist, dass sich Trainer und Berater hier als Staatsgründer andienen.
(3) Eine bessere Neurophysiologie! Dazu habe ich bereits viel gesagt. Ich muss es hier nicht wiederholen.
(4) Schreiben muss begriffen werden. Um Texte zu begreifen, muss man hier in die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft hineinschauen. Um den Schreibprozess zu begreifen, muss man in die Psychologie hineinschauen. Für die Wirkung von Texten und die Aufgabe von Texten braucht man die Soziologie. Dies ist keine einfache Aufgabe. Was mich besonders frappiert, ist die Abwesenheit sprachwissenschaftlicher Bezüge bei Christof. Um überhaupt ausdrücken zu können, was ein Satz macht, wie er im Zusammenhang mit seinen Wörtern und seiner Umgebung (dem Kontext) steht, brauche ich (möglichst) präzise Beschreibungen. Da hilft leider dieses: ›es ist alles so hübsch bunt (= kreativ)‹ nicht. Das Wort ›kreativ‹ oder ähnliche Behauptungen besagt einfach zu wenig und deshalb heißt es ja auch weiter (im Lied von Nina Hagen): ich kann mich gar nicht entscheiden. Will sagen: Christof bietet zu wenig Entscheidungshilfen und damit verkommen seine eigentlich immer sehr guten Übungen zu reinem Aktionismus.
Kommentar veröffentlichen