26.07.2012

Dilettanten

TRÄGE SCHLEICHEN die Tage in dem kleinen Karpatenbade dahin. Man sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber - was spreche ich da - ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als die Leinwand aufspannen, die Bogen zurechtglätten, die Notenblätter liniieren, denn ich bin - ach! nur keine falsche Scham, Freund Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich selbst anzulügen - also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentanten sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben. Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt, die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch bin ich. 
[...] 
Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt hinausgekommen ist. 
Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch übertroffen werden könnte. 
Sacher-Masoch, Leopold: Venus im Pelz, (leider besitze ich keine Seitenzahlen) 

Nur Dilettanten stellen alles in der Kunst aufs Unbewusste ab. Ihr reines Gefühl repetiert heruntergekommene Cliches. Im künstlerischen Produktionsvorgang sind unbewusste Regungen Impuls und Material unter vielem anderen. Sie gehen ins Kunstwerk vermittelt durchs Formgesetz ein; das buchstäbliche Subjekt, welches das Werk verfertigte, wäre darin nicht mehr als ein abgemaltes Pferd. Kunstwerke sind kein thematic apperception test ihres Urhebers. 
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. S. 21 

Wenn Nägeli in seiner Rede auf der Münchener Naturforscherversammlung sich dahin aussprach, dass das menschliche Erkennen nie den Charakter der Allwissenheit annehmen werde, so sind ihm die Leistungen des Herrn Dühring offenbar unbekannt geblieben. Diese Leistungen haben mich genötigt, ihnen auch auf eine Reihe von Gebieten zu folgen, auf denen ich höchstens in der Eigenschaft eines Dilettanten mich bewegen kann. Es gilt dies namentlich von den verschiednen Zweigen der Naturwissenschaft, wo es bisher häufig für mehr als unbescheiden galt, wenn ein „Laie" ein Wort dareinreden wollte. Indes ermutigt mich einigermaßen der ebenfalls in München gefallene, an einer andern Stelle näher erörterte Ausspruch Herrn Virchows, dass jeder Naturforscher außerhalb seiner eignen Spezialität ebenfalls nur ein Halbwisser, vulgo Laie ist. Wie ein solcher Spezialist sich erlauben darf und erlauben muss, von Zeit zu Zeit auf benachbarte Gebiete überzugreifen, und wie ihm da von den betreffenden Spezialisten Unbehülflichkeit des Ausdrucks und kleine Ungenauigkeiten nachgesehn werden, so habe auch ich mir die Freiheit genommen, Naturvorgänge und Naturgesetze als beweisende Exempel meiner allgemein theoretischen Auffassungen anzuführen, und darf wohl auf dieselbe Nachsicht rechnen. 
Engels, Friedrich: Anti-Dühring. Ohne Seitenzahl. 

Der Einfall eines Dilettanten kann wissenschaftlich genau die gleiche oder größere Tragweite haben wie der des Fachmanns. Viele unserer allerbesten Problemstellungen und Erkenntnisse verdanken wir gerade Dilettanten. Der Dilettant unterscheidet sich vom Fachmann - wie Helmholtz über Robert Mayer gesagt hat - nur dadurch, daß ihm die feste Sicherheit der Arbeitsmethode fehlt, und daß er daher den Einfall meist nicht in seiner Tragweite nachzukontrollieren und abzuschätzen oder durchzuführen in der Lage ist. Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit. Und die Arbeit ihrerseits kann den Einfall nicht ersetzen oder erzwingen, so wenig wie die Leidenschaft es tut. Beide - vor allem: beide zusammen - locken ihn. Aber er kommt, wenn es ihm, nicht, wenn es uns beliebt. 
Weber, Max: Wissenschaft als Beruf

Proust hat es verstanden, Gesicht, Landschaft, Malerei, Musik etc. gegenseitig in Schwingung zu versetzen. Drei Momente in der Geschichte von Swann und Odette. Zunächst wird ein ganzes Dispositiv der Signifikanz geschaffen. Das Gesicht von Odette mit breiten weißen oder gelben Wangen und Augen wie schwarze Löcher. Aber dieses Gesicht verweist ständig auf andere Dinge, die auch auf der Wand angeordnet sind. Darin liegt der Ästhetizismus, der Dilettantismus von Swann: im Zeichen des Signifikanten muss ihn im Netz der Interpretationen eine Sache immer an etwas anderes erinnern. Ein Gesicht verweist auf eine Landschaft. Ein Gesicht muss ihn an ein Bild "erinnern", an einen Bildausschnitt. Ein Musikstück muss ein kleines Thema anklingen lassen, das sich mit dem Gesicht von Odette verbindet, so dass das kleine Thema nur noch ein Signal ist. 
Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Berlin 1997. S. 255
Der Dilettantismus ist, weil er eng mit der Interdisziplinarität zusammenhängt, ein modernes Phänomen. Pierckheimer konnte noch sagen: Ich nichts missfalle ich mir. Und man hat diese Universalgelehrten dann auch lange eifrig nachgeahmt, sie Goethe sogar angedichtet (auch wenn er viel dafür getan hat). Heute muss man eher, um mich einer schizoanalytischen Sprache zu befleißigen, in Rudeln jagen gehen. Oder Hummelnester bauen. 
Die Hummeln besitzen häufig keinen Staat, sondern bilden eher so etwas wie eine zeitweilige Arbeitsgemeinschaft. Es gibt bei ihnen auch oft keine Spezialisierung. Die Nester sind klein, provisorisch. Die Hummeln dilettieren nur Staatenbildung.
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