18.07.2012

Generalisierung und Polemik (erste Antwort auf Christof)

Natürlich erzeugt man eine Gegenreaktion, wenn man kritisiert und vor allem so massiv kritisiert, wie ich es getan habe. Hintergrund: Christof hat in einem Artikel (wissenschaftliches Schreiben und Männer) meiner Ansicht nach sehr haltlos Differenzen vermischt. Ich habe ihm darauf geantwortet (Wissenschaftliches Schreiben und Männer?).

Daraufhin antwortete er (übrigens sehr freundlich) in einem Kommentar zu meinem Artikel. Ich werde seine Antwort in mehrere Artikel zerlegen müssen, um nicht wieder zu völlig unterschiedlichen Aspekten innerhalb eines Artikels zu schreiben.

Meine erste Antwort betrifft die Eingangspassage des Kommentars. Diese lautet folgendermaßen:
was für ein horrender anspruch an einen blog und an einen menschen. das gesamtgesellschaftliche große ganze mal eben in ein post fassen ist für mich nicht der anspruch meiner schreibe. es darf trennschärfe verloren gehen, es darf vereinfacht, polarisiert und provoziert werden.
Es war aber nicht meine Forderung, "das gesamtgesellschaftliche große ganze" zu berücksichtigen, sondern überhaupt die Ergebnisse der Fachwissenschaften stärker einzubinden. Ich folge hier nicht mehr Kant, wenn ich für Begriffe immer wieder eine Lanze breche. Bei Kant scheint der Begriff ausschließlich die Wahrnehmung zu strukturieren. Ich dagegen behaupte, dass Begriffe die Handlungen strukturieren und dies natürlich auch deshalb leisten können, weil sie die Wahrnehmung ordnen.
Wer schreibt, braucht also zwei Arten von handlungsstrukturierenden Begriffen: zum ersten die Begriffe aus dem Fachgebiet, über das er/sie schreibt, also zum Beispiel einen ordentlich definierten Begriff der Motivation, wenn das Thema Motivation ist; zum zweiten müssen aber Begriffe des (wissenschaftlichen) Schreibens existieren, damit der betreffende Mensch seinen eigenen Schreibprozess strukturieren kann.
Dieser zweite Aspekt wird nicht durch reine Übung erfüllt, sondern durch ein Ineinander von Übung und Begriff, bzw. von Praxis und Theorie.

Ich hatte nun nicht kritisiert, dass Christof diesen "globalen Zusammenhang" außer acht lässt, sondern eher (aber hier bin ich sehr undeutlich gewesen), dass er diesen geradezu etabliert, indem er sehr generalisiert schreibt.
Nun hat Christof zumindest eine halbe Antwort auf diese Kritik geliefert: er begründet sein Vorgehen mit der Polemik und der Polarisation. Diese Antwort ist aber ebenfalls problematisch. Meiner Ansicht nach verlängert er mit seinem Text einen etablierten Mythos (Männer = ohne Emotionen; Frauen = emotional), mit dem man nicht polemisieren kann. Man kann nur gegen ihn polemisieren.

Identität und Differenz
Das ganz grundlegende Problem hinter der (1) Generalisierung und dem (2) Verhältnis von Konvention und Polemik scheint mir allerdings im Unterschied zwischen Identität und Differenz zu liegen. Das identitätsorientierte Denken versucht dynamische Phänomene (jeder Mensch ist ein solches dynamisches Phänomen) von einer vorhergehenden Wesenheit zu denken (jeder Mann ist männlich (auch wenn es einen gewissen Spielraum gibt), weil er ein Mann ist).
Das differenzorientierte Denken dagegen erfasst solche Differenzen als relational. Ein Mann ist nur in Bezug auf etwas ein Mann, das von diesem begründet unterschieden werden kann. Diese begründete Unterscheidung existiert aber nur auf der Ebene der körperlichen Existenz. Bei Menschen gibt es zwei körperliche Geschlechter und deshalb unterscheidet sich der Mann von der Frau. Eine ganz andere Sache dagegen ist der Gebrauch dieses Körpers innerhalb der intimen und sexuellen Handlung. Diese ist zwar mit biologischen "Ordnern" versehen (zum Beispiel durch die erogenen Zonen), aber nicht darauf festgelegt. Eine weitere Quelle der Disziplinierung sind kulturelle Vorgaben. Und genau hier muss man dann ganz entschieden relational argumentieren: das kulturelle Geschlecht existiert relational zum biologischen Geschlecht und die verschiedenen kulturellen Geschlechter existieren relational zueinander. Der Homosexuelle ist nicht homosexuell, weil er homosexuell ist, sondern weil er seinen Körper sexuell anders benutzt als der Heterosexuelle.
An dieser Stelle dürfen wir aber nicht Halt machen. Denn betrachtet man zum Beispiel "die" homosexuelle Szene, findet man wiederum zahlreiche Differenzen. Und genau dasselbe passiert, wenn man sich "die" heterosexuellen Sexualitäten anschaut. Ja, man muss sogar sagen, dass man niemals auf die gleiche Art und Weise seine Sexualität, bzw. Intimität auslebt. Man ist selbst in seiner eigenen Sexualität relational. Und so besteht ein Mensch immer aus verschiedenen Geschlechtern, niemals nur aus einem.

Dasselbe passiert nun beim Schreiben. Ein Text ist nur insofern eine Glosse, ein Bericht oder eine Maxime, insofern er sich von anderen Texten unterscheidet. Gäbe es zum Beispiel auf der Welt nur berichtende Texte, könnte man diese gar nicht von anderen Texten abgrenzen. Salopp formuliert: wenn meine Welt voller Bombecks wäre, was machte ich dann mit den Büchern?

Es geht mir also gar nicht darum, zum Beispiel die Rolle der Männer global zu erfassen oder eine generelle positive Arbeit mit Emotionen zu etablieren, sondern um die Differenzen innerhalb einer Situation. Genau dorthin möchte ja die ganze Halb-Theorie, die sich um die Anteilnahme der Emotionen am rationalen Denken bemüht: es geht nicht um eine generalisierte Theorie, sondern um ein situatives und konstellierendes Geschehen. Es geht um genau diese oder jene Gefühle, die in dieser oder jener Situation die Gedanken mit beeinflusst haben.

Konvention und Polemik
Soviel zur Generalisierung, bzw. zur Relationierung.
Das zweite Problem, das Verhältnis von Konvention und Polemik, lässt sich daraus rasch ableiten: eine Polemik muss mehr Differenzen einführen. Sie muss situativ argumentieren und auf diese situativen Unterschiede eingehen. Anders ausgedrückt: die Polemik muss das Unkonventionelle in der Konvention herausarbeiten, so wie zum Beispiel Gilles Deleuze gesagt hat: Hört auf, ein Geschlecht zu sein! Macht euch eure eigenen Geschlechter!
Deshalb hatte ich oben geschrieben, dass die Polemik nicht mit, sondern gegen die Konvention existiert. Christof scheint sich zwar außerhalb der Konvention zu bewegen, wenn er das wissenschaftliche Schreiben als emotionslos zeiht, aber diese Kritik ist weder neu noch fruchtbar (der Rousseauismus!). Im Gegenteil: in der antiintellektualistischen Tendenz der so genannten Coaching- und Ratgeber-Literatur ist die Opposition von Emotionen und Kognitionen zu einem reinen Mythos geronnen und damit eine Kopfgeburt, die mit sinnlich-praktischer Anschauung nichts zu tun hat.

Zum Schluss: ich weiß, dass ich in meinem ersten Kommentar zu Christof schon recht salopp formuliert habe und so Missverständnisse provozieren musste. Ich hoffe, dass jetzt einige der Kritikpunkte deutlicher geworden sind.
Als rein praktischer Vorschlag: Nicht über Wesenheiten (und sei es noch so ironisch) philosophieren, sondern in Situationen eingreifen. Oder anders gesagt: es geht darum, einer bestehenden Situation (einen Menschen, einer Gruppe, einem Text, usw.) neue Bedeutungen zu gewinnen, so wie Judith Butler dies mit etablierten und nicht etablierten Texten zur Geschlechterdifferenz macht. Sie nennt dies Resignifikation. Einen Text, bzw. eine Situation gegen den Strich der konventionellen Interpretation zu bürsten.

Walter Benjamin schreibt in seinem berühmten Büchlein ›Einbahnstraße‹:
Meinungen sind für den Riesenapparat des gesellschaftlichen Lebens, was Öl für Maschinen; man stellt sich nicht vor eine Turbine und übergießt sie mit Maschinenöl. Man spritzt ein wenig davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen muss.
Benjamin, Walter: Einbahnstraße. in: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. IV,1. Seite 85
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