29.07.2012

Völlig durch den Wind (kognitive Dissonanz)

Irgendwie bin ich heute völlig durch den Wind. Jedenfalls seit ungefähr 14:00 Uhr. In mir wühlt irgendetwas großes herum und ich kann nicht im leisesten sagen, was das sein soll.
Meine Freunde wissen, dass ich solche Phasen immer mal wieder habe und immer dann passieren, wenn in meinem Denken irgendwelche großen Verschiebungen stattfinden, weil ich anscheinend, an dem bewussten Lernen vorbei, Wissenstrukturen aneinander integriere. Der amerikanische Entwicklungsspychologe Jerome Bruner begründet solche Phänomene in einer kognitiven Dissonanz. Damit meint er eben genau jenes Phänomen, dass die Vernetzung von spannungsvollem Wissen im Hintergrund, unkontrolliert ausgelöst wird und zu großen Teilen auch unbewusst abläuft. 
Tatsächlich habe ich mich in den letzten Wochen ziemlich mit Informationen gefüttert. Adorno und Benjamin, Dewey und Irigaray, Kant und Nietzsche, Schopenhauer und Deleuze. Adorno habe ich stellenweise mit rhetorischen Mitteln analysiert. Bei Nietzsche habe ich zu einer recht alten Arbeit Ergänzungen gemacht (ein Ergebnis dieser Arbeit ist: Nietzsches Aphorismus Der Erzähler - Rhetorik der Unbestimmtheit).
Auch Goleman (Emotionale Intelligenz), das Flow-Buch und Lakoffs Leben in Metaphern habe ich (teilweise) kommentiert.

Besonders geliebt habe ich die "Wiederentdeckung" von Irigaray vor einigen Tagen, und hier ganz ausdrücklich ihr Gespräch "Macht des Diskurses. Unterordnung des Weiblichen" in Das Geschlecht, das nicht eins ist. Eine so präzise Darstellung! (Und danke an Melusine für die Motivation.)
Vor einigen Jahren (ich glaube 2009) habe ich rhetorische Mittel in Speculum - Spiegel des anderen Geschlechts untersucht. Was mich an diesem Buch so begeistert, ist der hohe Stand der Argumentation und sein bissiger Humor. Hier gehen eine präzise Logik und ein tiefer Witz Hand in Hand. Ein wesentliches logisches Mittel, das Irigaray dabei benutzt, ist die Analogie. Analogien sind nicht nur ein Mittel der Argumentation, sondern auch eine wichtige Technik im Humor (vgl. Analogien - gut für Problemlösen, Kreativität und Humor). Es ist also kein Wunder, wenn hier das Ineinander von hoher Wissenschaftlichkeit und vergnüglicher Darstellung so gut gelingt.

Kognitive Dissonanzen widersprechen auf jeden Fall diesem Primat der Bewusstseinskontrolle bei Czikszentmihaly. 
Um einem Missverständnis vorzubeugen: ich spreche nicht gegen eine Kontrolle des Bewusstseins. Aber ich wehre mich gegen diese Darstellung, dass eine 100%ige Kontrolle möglich sei. Man braucht beides: Planung von Denkprozessen und die Fähigkeit, sich von seinem eigenen Denken überraschen zu lassen.
Ich zitiere hier nochmals Adorno:
Nur Dilettanten stellen alles in der Kunst aufs Unbewusste ab. Ihr reines Gefühl repetiert heruntergekommene Cliches. Im künstlerischen Produktionsvorgang sind unbewusste Regungen Impuls und Material unter vielem anderen. Sie gehen ins Kunstwerk vermittelt durchs Formgesetz ein; das buchstäbliche Subjekt, welches das Werk verfertigte, wäre darin nicht mehr als ein abgemaltes Pferd. Kunstwerke sind kein thematic apperception test ihres Urhebers. 
Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. S. 21
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