26.07.2012

Nachtrag zum Dilettantismus: Irigaray und die Montage der Repräsentation

»Dieses Geschlecht, das sich nicht sehen lässt, das nicht ein Geschlecht ist, wird als kein Geschlecht gezählt: als Negativ, Gegenteil, Kehrseite, Mangel … Deshalb kann es nicht darum gehen, eine neue Theorie auszuarbeiten, deren Subjekt oder Objekt die Frau wäre, sondern der theoretischen Maschinerie selbst Einhalt zu gebieten, ihren Anspruch auf Produktion einer viel zu eindeutigen Wahrheit und eines viel zu eindeutigen Sinn zu suspendieren.« (Luce Irigaray) 
Dieses wunderbare Zitat, das ich eben bei Melusine gefunden habe. 
Jeder darf in seiner Geschlechtlichkeit, Körperlichkeit, Existenz dilettieren, ohne den Diskurs aufzugeben oder aufgeben zu müssen. 
Das Entscheidende dabei ist, die Montage der Repräsentation gemäß ausschließlich "männlichen" Parametern aus der Fassung zu bringen.
Irigaray, Luce: Macht des Diskurses. Unterordnung des Weiblichen. in dies.: Das Geschlecht, das nicht eins ist. Berlin 1979. S. 70.
Anja Wurms Textexperimente sind vielleicht gerade deshalb "feministisch", weil sie die Geschlechterdifferenz in gewisser Weise komplett missachten. Oder, wissenschaftlicher gesagt: Anja behandelt die Geschlechterdifferenz nicht als Metasprache, sondern als Konnotation. Auch die Metasprache ist nur eine Konnotation, aber sie ist eine Konnotation, die von bestimmten Serien eingeklammert wird und sich nur über diese Serien als Metasprache legitimiert. 
Anja montiert ihre Texte eben nicht als solche Serien, als solche Repräsentationen. Aber gerade weil sie sich nicht um diese Emanzipation der weiblichen Serie kümmert, die dann eigentlich immer wieder darauf hinausläuft, was Freud in seinem Aufsatz zur Weiblichkeit gesagt hat: "Wir müssen nun anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner Mann." (die weibliche Karriere ist nur dann gut, wenn sie wie die männliche Karriere verläuft); gerade weil sie diese Serie misshandelt, indem sie sie ignoriert (zumindest in den Texten, die ich von ihr kenne), emanzipiert sie sich. 
Für mich sind solche Romane wie zum Beispiel die der Simone de Beauvoir immer auch deshalb kritisch, weil sie zwar reflektierend in das gesellschaftliche Feld eingreifen, aber nicht ästhetisch, will sagen: die Gefahr bei ihnen besteht darin, dass sie die Metasprache und ihre Konnotationen wiederholen, weil die Metasprache sich nur dadurch legitimiert, indem sie sich den etablierten Serien (bei Irigaray: theoretischen Maschinen, Montage der Repräsentation, heterosexuelle Matrix) unterordnet.

Nachtrag:
Man lese, wie vorsichtig Irigaray ist. Sie schließt das "Männliche" und die männlichen Parameter nicht aus, sondern sagt eben "gemäß ausschließlich "männlichen" Parametern".
Wir entkommen den Metasprache nicht so einfach, aber wir können sie zumindest erschüttern.
Kommentar veröffentlichen