20.01.2014

Einige grundlegende Einteilungen der Erzählperspektive und Erzählsituation

Die Erzählperspektive wird häufig nur sehr schwach und undifferenziert dargestellt, wenn man über sie spricht. Und das Seltsame dabei ist, dass eigentlich alle Autoren, so falsch sie über die Erzählperspektive sprechen, in der Praxis wesentlich mehr richtig machen. Das ist ein typischer Fall dafür, dass die Praxis bis zu einem bestimmten Niveau gut beherrscht wird, dann aber durch eine falsche Theorie ausgebremst wird, so dass eine Verbesserung über ein bestimmtes Niveau hinaus nicht mehr möglich ist. Dann aber ist Theorie tatsächlich nutzlos. Günstigenfalls fördert die Theorie aber die Praxis.
Dieser Artikel soll also einige grundlegende Betrachtungen einführen, so dass zunächst einmal all die Mythen aus der Welt geschafft werden und ein wenig Klarheit in dieses ganze Tohuwabohu gebracht wird. Um mit den ganzen Begriffen differenziert umgehen zu können, braucht es wesentlich mehr Beispiele. Der Artikel ist schon lang genug geworden. Weiteres muss eben später folgen.

Erzählsituation, Erzählperspektive und Erzählhaltung

Eine der schlimmsten Verwechselungen, die derzeit im Internet kursieren, ist die Verwechslung zwischen Erzählsituation und Erzählperspektive. Hinzu kommt noch die Erzählhaltung.

Erzählperspektive

Die Erzählperspektive ist tatsächlich jene Perspektive, aus der ein Mensch die Welt wahrnimmt. Dass diese Perspektive in einem Roman nicht einheitlich sein muss, fällt einem spätestens dann auf, wenn aus der Sicht verschiedener Personen geschrieben wird. Der Satz, man dürfe die Erzählperspektive nicht wechseln, ist also grundlegend falsch. Dies wird dann zwar meist auf den Ich-Erzähler und den personalen Erzähler gemünzt, doch handelt es sich hier um eine Verfälschung des Begriffs, da dies Erzählsituationen sind, also eine Ich-Erzählsituation und eine personale Erzählsituation und diese noch einige weitere Probleme aufweisen, die ich im folgenden Abschnitt klären werde.

Erzählhaltung

Die Erzählhaltung betrifft wiederum die Stellung des Erzählers zu der Geschichte. Und hier kann man zum Beispiel zwischen einer distanzlosen Erzählhaltung und einer distanzierten unterscheiden. Die distanzlose Erzählhaltung ist häufig in Thrillern zu finden, während die distanzierte in humorvollen und ironischen Romanen üblich ist.

Erzählsituation

Die Erzählsituation schließlich verweist auf den gesamten Roman. Wenn aus der Sicht von mehreren Personen erzählt wird, spricht man auch von einer vielperspektivischen Erzählsituation. Typisch dafür sind viele Werke von Stephen King, zum Beispiel Es, Das Monstrum oder In einer kleinen Stadt. Typisch für solch eine vielperspektivische Erzählsituation ist aber auch Medea von Christa Wolf. Manchmal ist diese Erzählsituation äußerst kompliziert zu erfassen, zum Beispiel in Kassandra von Christa Wolf. Kassandra erprobt hier verschiedene Perspektiven für ihr Leben, um sich selbst zu beurteilen. Und dieser Denkvorgang, so spannend er zu lesen ist, wird durch ein beständiges Kippen innerhalb dieser Erzählsituation erfasst. Genauso ist Jahrestage von Uwe Johnson mal distanziert ironisch, mal distanziert humorvoll und mal wieder undistanziert und voller Pathos und Mitgefühl. Das allerdings hat alles nichts mit der Erzählperspektive zu tun, sondern eher mit der Atmosphäre des Romans und dann auch wieder mit der Wirkungsweise auf den Leser.

Autor und Literaturwissenschaftler

Etwas Verwirrung bringt nun noch eine andere Tatsache ins Spiel. Untersucht ein Literaturwissenschaftler die Erzählsituation, dann kann er sich nicht nur auf die Erzählsituation des gesamten Romans konzentrieren, sondern auch auf die Erzählsituation einzelner Stellen. Nehmen wir ein anderes berühmtes Beispiel, den Ulysses von James Joyce. Dieser ist in sieben große Abschnitte geteilt und jeder dieser Abschnitte hat eine komplett andere Erzählsituation, wenn man diese für sich nimmt. So besteht zum Beispiel der berühmte letzte Abschnitt komplett aus einem inneren Monolog, während der erste Abschnitt auf der Grenze zwischen einem Ich-Erzähler und einer auktorialen Erzählsituation zu finden ist. Deshalb muss man sich, zumindest als Literaturwissenschaftler, immer klarmachen, ob das gesamte Buch oder nur Abschnitte daraus gemeint sind. Für den Leser, der ein Buch aus Vergnügen liest, ist das selbstverständlich nicht ganz so wichtig. Und auch ein Schriftsteller darf sich dabei stark auf seine Intuition verlassen.

Grammatische und ontologische Konstruktion der Perspektive

Immer wieder erlebe ich auf Facebook Diskussionen über die Erzählperspektive. Da erdreisten sich dann selbst ernannte Bestseller-Autoren, dass sie in der personalen Erzählperspektive schreiben, wobei dies aber meist die auktorialen Erzählsituation meint mit starken Einsprengseln von Ich-Erzählsituationen. Mit der personalen Erzählsituation hat dies relativ wenig zu tun.

Dogmatischer Deutschunterricht

Ursprung dieses ganzen Missverständnisses darf man im Deutschunterricht suchen. In den Schulbüchern der achtziger Jahre findet man nämlich tatsächlich solche Behauptungen und Vereinfachungen und hier teilweise auch einen dogmatisch geführten Deutschunterricht. Dabei wird meist missverstanden, dass diese ganze Diskussion um die Erzählsituation ein Hilfswerkzeug ist, um Romane zu interpretieren und eventuell auch zu schreiben. Mit endgültigen Wahrheiten hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

Ontologische Konstruktion

Solche etwas arg schlichten Gemüter verwechseln die grammatische Markierung mit der ontologischen Konstruktion des Erzählers.
Es kann nämlich passieren, dass ein Satz, in dem ein »Er« auftaucht und durch den eine Person eingeführt wird, immer noch aus der Ich-Erzählsituation heraus funktioniert. Die einzelnen Einteilungen werden wir weiter unten betrachten. Hier ist erst mal wichtig, dass wir die Grammatik zwar als Anhaltspunkt, aber nicht als Beweis nehmen.
Ein typisches Beispiel für einen Roman, der weitestgehend in einer Ich-Erzählsituation geschrieben ist (aber eben nur weitestgehend), mindestens zwei Perspektiven beinhaltet und trotzdem dieses grammatische Ich nicht gebraucht, ist Bookless von Marah Woolf. Ein anderes Beispiel, wo aus der ersten Beurteilung eine Ich-Erzählsituation geschlossen werden könnte, aber tatsächlich ein beständiges Schwanken zwischen einem Ich-Erzähler und einem auktorialen Erzähler stattfindet, ist Die Elefanten meines Bruders von Helmut Pöll. Der Ich-Erzähler ist typisch für eine dramatische Gestaltung einer Erzählung, während der auktoriale Erzähler typisch ist für eine ironische Gestaltung. Da der Roman von Pöll streckenweise ironisch und streckenweise dramatisch ist, sind auch beide Erzählsituationen erforderlich. Da es ein äußerst vergnüglicher und spannender Roman ist, stört dieser Wechsel in den Erzählsituationen auch nicht. Würde man den Dogmatikern glauben, dann müsste man diesen Roman in Schutt und Asche reden, weil er nicht dem Dogma entspricht. Es wäre schade um einen solch schönen Roman.

Erzähltyp und Erzählsituation

Wem jetzt schon der Kopf raucht, dem habe ich jetzt noch eine weitere Unterscheidung an den Kopf zu werfen.
Wir hatten bisher gesehen, dass die Perspektive und die Erzählsituation nur lose miteinander zusammenhängen. Innerhalb der Erzählsituation gibt es nun bestimmte Erzähltypen, die für die Erzählsituation stehen und die sich jeweils im kleinen Textabschnitten erfassen lassen. Von der Textlinguistik aus kann man hier von Textmustern reden. Von der Erzählforschung aus spricht man eben von Erzähltypen.

Er: der Ich-Erzähler

Auch das machen wir uns jetzt an einem ganz konkreten Beispiel klar. Der Roman Bookless von Marah Woolf beginnt folgendermaßen:
Lucy trat durch die Eingangstür des Archivs, deren alte Scharniere zur Begrüßung knarrten. Sie presste die Bücher in ihrem Arm fest an sich. Hier war sie in Sicherheit. Hierher konnte ihr niemand folgen. So schnell es die steilen Stufen zuließen, eilte sie die Treppe hinunter. (Position 20)
Zeichen dafür, dass es sich um einen Ich-Erzähler handelt und um eine Ich-Erzählsituation, ist, wenn man die Figur (also Lucy) durch ein Ich ersetzen kann. Ihr könnt das ausprobieren. Und siehe da: es funktioniert relativ problemlos. Das ist allerdings nur ein Zeichen dafür, und noch nicht ein Beweis. Ich hatte oben schon ausgeschlossen, dass man Erzählsituationen endgültig beweisen kann. Und ich hatte ausgeschlossen, dass hier Dogmen nützen. Bleiben wir also bei der vorsichtigen Behauptung: hier liegt eine Ich-Erzählsituation vor.

stream of consciousness

Es gibt eine andere Einteilung, die hier nützlich sein kann und die unterhalb dieser Erzählsituationen auftaucht, die der Erzähltypen. Eine der bekanntesten (vom Namen her) ist der Bewusstseinsstrom oder stream-of-conciousness. Bei diesem Erzähltyp wird das Denken abgebildet, ohne vermittelnde Grammatik und ohne Einschübe, die dem Leser etwas erklären. Das ist wohl der reinste Erzähltyp der Ich-Erzählsituation: er ist komplett aus der Innenperspektive geschrieben und unmittelbar auf das Erleben aus einer Perspektive gerichtet.

Erlebendes und erzählendes Ich

In dem Roman von Marah Woolf ist das allerdings leicht verschoben. Hier gibt es als Erzähltypen einmal das erlebende Ich und zum anderen das erzählende Ich. Das erlebende Ich nimmt die Umwelt unmittelbar wahr, aber bereits gefiltert durch eine „ordentliche“ Grammatik. Und das erzählende Ich fügt Informationen ein, die der Erzähler normalerweise weiß, die aber in dieser Situation mehr dazu da sind, dem Leser ein umfassenderes Bild zu vermitteln. Sie gehören eben nicht direkt zur Situation und zum Erleben der Situation dazu. Der erste Satz in dem Roman von Marah Woolf ist vom erlebenden Ich aus geschrieben. Der letzte Satz der von mir zitierten Stelle scheint distanzierter zu sein, also eher vom erzählenden Ich aus. Hier müsste man sich überlegen, ob es Sätze gäbe, die direkter ein Erleben ausdrücken. Vielleicht dieser: "Sie huschte die Treppen hinunter, vorsichtig darauf bedacht, nicht auszurutschen." Aber eine solche Einteilung ist überpenibel und auch wenig hilfreich.
Zu dem erzählenden Ich gehört auch das wertende Ich. Hier wird die Bedeutung eines Erlebnisses erfasst und emotional oder moralisch beurteilt. Der dritte und der vierte Satz sind dafür Beispiele. Man erlebt diese Sicherheit nicht direkt sinnlich, sondern schlussfolgert sie aus den Wahrnehmungen.

Oft zu kompliziert, manchmal hilfreich

Das alles ist schon recht kompliziert. Und weder möchte ein Schriftsteller von Unterhaltungsromanen noch ein Leser solcher Werke so genau an einen Text herangehen. Manchmal allerdings wird dieses Werkzeug tatsächlich nützlich, nämlich genau dann, wenn man mit dem Geschriebenen unzufrieden ist. In einer Situation, in der typischerweise eine Ich-Erzählsituation vorliegt, also zum Beispiel in sehr dramatischen Situationen der Hauptfigur, sollte ein Schriftsteller schon darauf achten, ob er tatsächlich vorwiegend diese beiden Erzähltyp, den erlebenden und den erzählenden Ich-Erzähler nutzt. Erläuterungen, die auf einen auktorialen Erzähler hinweisen, bremsen den Lesefluss und dann funktioniert die Dynamik der Szene tatsächlich nicht mehr.
Um solche „Fehler“ zu vermeiden, darf man aber nicht bei der Erzählperspektive bleiben, sondern muss auf solche Erzähltypen zurückgreifen. Und die Erzähltypen wiederum sind nicht auf eine Erzählsituation eingeschränkt. So hatte ich oben zum Beispiel gesagt, dass die modernen Thriller immer aus der auktorialen Erzählsituation geschrieben sind. Aber die auktoriale Erzählsituation ist zum Geschehen recht distanziert. Und so ist es klar, dass in den dramatischen Passagen ein Wechsel der Erzählsituation stattfindet und eine Ich-Erzählsituation vorliegt. Aber auch hier gibt es tatsächlich Ausnahmen. Thriller aus dem Technikbereich, wie zum Beispiel Michael Crichton, gehen sehr selten in die Ich-Erzählsituation. Stattdessen findet sich immer wieder die personale Erzählsituation vor.
Klingt immer noch kompliziert? Ja, ist es auch.

Erzähler und Perspektive

Zwischen dem Erzähler einer Geschichte und der Perspektive, aus der eine Geschichte geschrieben ist, muss man ebenfalls unterscheiden. Der Erzähler ist jemand, der eine Geschichte erzählt, während die Perspektive bezeichnet, dass jemand in einer Welt lebt und diese erlebt und überdeckt.
Wenn ich euch also die Geschichte des Odysseus erzähle, bin ich zwar der Erzähler, aber selbst wenn ich diese aus der Perspektive des Odysseus erzähle, ist euch klar, dass ich nicht in der Welt des Odysseus lebe. Hier gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen Erzähler und Perspektive. Und auf der anderen Seite lassen sich Erzähler und Perspektive kaum unterscheiden. Zwischen diesen beiden Kategorien gibt es also sehr viele Möglichkeiten, wie diese zueinanderstehen.
Unterscheiden sich Erzähler und Perspektive deutlich, dann handelt es sich entweder um einen ironischen Roman oder um einen, bei dem meist eine große zeitliche Distanz eine wichtige Rolle spielt. Dabei ist es unwichtig, ob der Erzähler und die Perspektive die gleiche Person sind. Wenn irgendjemand seine Lebensgeschichte aufschreibt, weil er mitteilen möchte, was er vor vielen Jahren erlebt hat, dann kann man hier sehr gut zwischen diesen beiden Funktionen trennen.
Sehen wir uns das auch an einem Beispiel an, an dem ersten Satz aus Thomas Manns Roman Felix Krull:
Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit — gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärtsschreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin.

Der Typenkreis

Im Internet findet man nun ein Kreisdiagramm, auf dem die drei typischen Erzählsituationen eingetragen sind, meist mit folgender Aufteilung.

Innen-/Außengrenze

Diese hatte ich oben bereits abgelehnt. Der Witz an diesen Erzähltypen besteht für mich nicht in diesen typischen Erzählsituationen, sondern an der Aufteilung selbst. Diese Schnitte durch den Kreis bezeichnen nämlich drei Grenzen, die von der Erzählsituation eingehalten oder eben auch verlassen werden können. Die bekannteste Grenze und die am leichtesten verständliche ist die Innen-/Außenperspektive. Ob eine solche vorliegt, dazu muss man sich die Frage stellen, ob aus einer Figur heraus erzählt wird oder ob von außerhalb einer Figur eine Situation geschildert wird.
Tatsächlich kann auch hier ein Wechsel vorliegen. Die Frage ist, ob dieser Wechsel sinnvoll ist. So beginnt Der Zauberberg von Thomas Mann sehr distanziert. Ein Zeichen für diese Distanz ist, dass sich der Erzähler vornimmt, dem Leser etwas zu erzählen, weil es für den Leser interessant ist. Dann reist der Protagonist dieses Romans, Hans Castorp, in das Lungensanatorium, in dem der Roman weitestgehend spielt, und auf dieser Reise gleitet die Erzählsituation nach und nach in eine Innenperspektive über, wenn auch eine ironisch gebrochene. Dieses Hineingleiten hat natürlich eine Erzählfunktion. Manche der Figuren in diesem Roman sind sehr distanzlos und diese distanzlose Erzählweise reflektiert die Lebensweise dieser Figuren ebenso, wie sich der Erzähler an einigen Stellen unvermutet als sehr distanziert zu Wort meldet, also wieder ganz in die Außenperspektive überwechselt. Und das wiederum reflektiert das Bemühen mancher Figuren, zu den Geschehnissen im Lungensanatorium Distanz zu gewinnen.

Ich/Er-Grenze

Die zweite Grenze ist die Ich/Er-Grenze. Hier finden wir tatsächlich so etwas wie eine grammatische Grenze, denn diese ist vor allem darauf ausgerichtet, ob jemand sich selbst als Erzähler benennt, oder ob dieser Erzähler jemand anderen in seinem Roman auftauchen lässt, ohne auf sich selbst zu verweisen. Die Leiden des jungen Werther führen anhand von Briefen einen auf sich selbst verweisenden Erzähler ein. Die Elefanten meines Bruders (Helmut Pöll) ist dafür ebenso typisch.
Diese Grenze fällt nicht mit der Innen-/Außengrenze zusammen. In Robinson Crusoe oder in Der Name der Rose, in Das foucaultsche Pendel ebenso wie im Felix Krull finden wir verschiedene Techniken, wie die Ich/Er-Grenze in Bezug zur Innen-/Außenperspektive gestaltet werden kann. Jemand findet zum Beispiel ein Manuskript (und der Leser erlebt ihn dabei, wie er dieses Manuskript findet), aber die Erzählung selbst handelt nicht von diesem Finder, sondern von jemand ganz anderem, eben meist dem Autoren des Manuskripts.

Erzähler/Reflektor

Schließlich haben wir noch die Grenze zwischen Erzähler und Reflektor. Der Erzähler erzählt jemandem etwas, weil es interessant oder lehrreich ist. Reflektor dagegen ist eine etwas missverständliche Bezeichnung, weil man an Reflexion denkt, also eine bewusste geistige Tätigkeit. Tatsächlich ist mit diesem Reflektor allerdings jemand gemeint, der eine Wahrnehmung ohne Kommentare ablichtet. Das wird deutlicher, wenn man sich den vielleicht markantesten Erzähltyp aus diesem Bereich anschaut, das so genannte camera eye. Und dann wird klar, dass dieses Kameraauge nicht wertet, sondern einen roten Apfel als roten Apfel beschreibt, einen Sturz als Sturz, einen Schuss als Schuss und eine Dämmerung als Dämmerung, egal, was dies in der gesamten Geschichte bedeutet. Wir kennen diese starke Reflektorfigur von Landschaftsbeschreibungen, die "objektiv" sind. Zitieren wir für eine solch objektive Passage noch einmal aus Bookless:
Das Gewölbe, das sich vor ihr ausbreitete, schien kein Ende zu nehmen. Links und rechts des Aufgangs erstreckten sich rohe in das Erdreich geschlagene Wände. Auch der Boden bestand aus vom Alter fleckig gewordenen abgewetzten Steinquadern. Die hohen Bücherborde, die vor ihr aufragten, bogen sich unter ihrer Last. (Position 181)
Wir haben also diese drei Aufteilungen und damit drei Schnitte durch den Erzählkreis, die insgesamt sechs Segmente bilden:

Die Erzählsituation im Typenkreis

Und jetzt, an dieser Stelle, kann man auch die drei Erzählsituationen eintragen und erst mit diesem Hintergrund wird dann auch deutlich, was diese drei Erzählsituationen ausmacht. Es sind nämlich Mittelwerte nach dem Motto: tauchen besonders häufig auf und sind besonders beliebt. Keinesfalls handelt es sich aber um Regeln oder gar Definitionen:
Die Ich-Erzählsituation zeichnet sich durch eine Innenperspektive aus und parallel dazu, dass der Erzähler und die Figur identisch sind. Zudem mischt sich der Erzähler durch Kommentare und Bewertungen in das Geschehen ein.
Bei der personalen Erzählsituation finden wir zwar auch eine Art Innenperspektive, aber weitestgehend ohne Einmischung der Figur. Wenn das Innenleben der Figur geschildert wird, dann „objektiv“. Im Übergang von der Ich-Erzählsituation zur personalen Erzählsituation verschwindet also die psychologische Tiefe der Figur. Und manche dieser Romane in der personalen Erzählsituation lesen sich dann auch eher wie Verhaltensbeobachtungen.
Je stärker sich der Erzähler dann aus dieser Situation des Geschehens herauszieht und zu einer eigenständigen Person wird, umso stärker kommen wir zur auktorialen Erzählsituation. Und der Erzählertyp, der diese auktoriale Erzählsituation am besten ausdrückt, ist jener Erzähler, der den Leser bei der Hand nimmt und sagt: Du, komm mal her, ich habe hier eine interessante Geschichte für dich.
Von dort aus gleitet der Erzähler weiter und wieder zurück zur Ich-Erzählsituation, wenn nämlich der Erzähler, der dem Leser etwas erzählen möchte, mehr und mehr wieder zu der Figur wird, die die Handlung erlebt und mitgestaltet. In diesem Zwischenraum zwischen auktorialer Erzählsituation und Ich-Erzählsituation sitzt die Autobiografie (auch die fiktive) und das Geständnis, und das Ganze verdichtet sich dann mehr und mehr im Briefroman, wo zwischen den einzelnen Briefen die eigentliche Handlung stattfindet und die Briefe selbst häppchenweise diese Handlung reflektieren und erzählen.

Und noch einmal die Erzählperspektive

Woher kommt aber nun diese Regel, man dürfe die Erzählperspektive nicht wechseln? Es gibt zumindest einen sachlichen Grund. Wenn man aus der Perspektive einer bestimmten Person erzählt, braucht der Leser eine gewisse Zeit, um sich mit dieser Person zu identifizieren. Und dann ist es schon wichtig, eine Perspektive über einen längeren Abschnitt durchzuhalten.
Manchmal findet man ungekonnte Passagen bei jungen Schriftstellern, in denen diese Perspektive ständig verändert wird. Mal wird die Welt aus der Sicht von Petra betrachtet, dann sofort wieder aus der Sicht von Manfred und wenn dann noch ein Johannes dazu kommt, dann wird es schon meist sehr kompliziert. Und zumindest im Unterhaltungsroman mag das kein Leser. Dann bricht der Leser entweder den Roman ab oder er versucht sich die Lücken mit Hilfe seiner Einbildung zu füllen. In beiden Fällen aber liest der Leser den Roman nicht.
Und genau aus diesem Grund sollte man dann auch für eine gewisse Zeit die Erzählperspektive einhalten. Sie dient dem Leser und insofern sie dem Leser dient, kann man mit der Erzählperspektive machen, was man will. Ein gut orientierter Leser wird natürlich eine Geschichte als klar empfinden und deshalb ist der Wechsel der Erzählperspektive, so zumindest meine Empfehlung, immer deutlich zu machen. Aber das ist, wie gesagt, kein Dogma. Christa Wolf hat in einigen Werken mit diesen Erzählperspektiven experimentiert und ganz wunderschöne Romane geschrieben. Kassandra hatte ich bereits genannt. Ein anderer schöner Roman von ihr ist Kindheitsmuster.
Und die Gestaltung der Erzählsituation hängt natürlich auch davon ab, was der Roman ausdrücken soll. Der Ich-Erzähler ist subjektiv dicht am Geschehen dran und eignet sich deshalb vor allem für Spannungsromane. Der personale Erzähler ist objektiv, wodurch er sehr dicht an den Tatsachen entlang schreibt, weniger an den Figuren selbst und deshalb zum Beispiel häufig in Wissenschaft-Thrillern zu finden ist. Die auktoriale Erzählsituation schließlich stellt das Erzählen besonders in den Mittelpunkt, weshalb sich diese wieder sehr für ironische oder pädagogische Romane eignet.

Thriller und die Flucht vor einer eindeutigen Erzählsituation

Wie wenig Gespür die Deutschen für das Erzählen zeigen, dazu muss man nur die vielen Thriller betrachten, die derzeit aus deutscher Feder auf den Markt fließen. Diese sollen besonders dramatisch sein, was eine Ich-Erzählperspektive nahelegt. Aber hier scheint es ein grundlegendes Problem zu geben, wenn sich ein Autor mit seiner Figur identifizieren soll. Im Allgemeinen finde ich es ja sympathisch, wenn jemand nicht weiß, wie sich ein Serienkiller von innen heraus anfühlt. Was die Vermutung nahe legt, dass er nicht dazu neigt, Menschen direkt und massenweise umzubringen. Aber dann sollte man so etwas auch nicht schreiben, zumindest nicht aus Sicht des Serienkillers.
Wenn derselbe Autor sich dann auch noch als unfähig erweist, aus der Sicht eines verzweifelten Vaters und eines entführten Mädchens zu schreiben, also für diese auch keine Empathie zu empfinden scheint, dann wird das auch nichts mit der Ich-Erzählsituation. Und dann findet man plötzlich einen Ich-Erzähler, der mehr über die Welt doziert, in der er lebt, als dass er diese Welt erlebt. Wenn sich derselbe Autor dann auch keine Gedanken gemacht hat, was er dem Leser mitteilen möchte, wo also seine Erzählung für den Leser wichtig ist (jenseits der Spannung), dann wird das auch nichts mit der auktorialen Erzählsituation. Und wenn er zusätzlich noch schlecht recherchiert hat, und statt dass er objektiv ist, einfach nur peinlich wirkt, fällt auch die personale Erzählsituation aus. Das wiederum führt dann zu Erzählungen, die wild in der Gegend herumstolpern und weder richtig erzählen, noch spannend sind, noch etwas mitzuteilen haben.

Fortsetzungen folgen

Quellen
Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, Göttingen 1991.
Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1990.
Pöll, Helmut: Die Elefanten meines Bruders.
Woolf, Marah: Bookless. Wörter fluten durch die Zeit.
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