22.01.2014

Flexibilität und Nachhaltigkeit. Lanz, die Medien und die Tugenden.

Emran Feroz twittert gerade:
Während Qualitätsjournalismus immer seltener wird (und wenig bezahlt), verdient Lanz also 250.000 €/Jahr für seine Sendung? Ein Witz.
Und was mir noch auffällt: immer dann, wenn Politiker nicht flexibel sein wollen, sprechen sie von Nachhaltigkeit. Und immer dann, wenn Politiker nicht nachhaltig Politik machen können, sprechen sie von Flexibilität. Ich habe nun weder etwas gegen Nachhaltigkeit noch gegen Flexibilität. Aber wenn man diese beiden Wörter als Begründung benutzt, dann habe ich schon etwas gegen sie.
Frage ist also, was im politischen Bereich Nachhaltigkeit ist und was Flexibilität. Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit, Werte und Ziele der Politik kritisch durchzuhalten. Und kritisch meint hier tatsächlich das Gegenteil von dogmatisch. Natürlich muss man immer wieder darauf achten, standfest zu sein, aber Starrsinn ist noch lange nicht Standfestigkeit. Ebenso ist die Flexibilität nicht auf Moden gegründet, sondern die Fähigkeit, seinen Standpunkt mit neuen Tatsachen begründet zu vermitteln.

Damals, als Guttenberg in den Massenmedien (zurecht) so skandalisiert wurde, habe ich mich gerade in einer Auseinandersetzung mit der Praxis der Argumentation gefunden. Und abgesehen davon, was dies rechtlich bedeutet, ist der Skandal bei Guttenberg natürlich der, dass er seinen propagierten Werten durch sein Tun widerspricht und dass er in dem Moment, in dem dies offensichtlich wurde, plötzlich ein unglaublich hohes Maß an „Flexibilität“ an den Tag gelegt hat. Plötzlich konnte er Tag für Tag eine andere Meinung und eine andere Position haben.
Wenn eine Tugend daraus besteht, dass Handeln und Denken weitestgehend parallel läuft, wie ich hier vorsichtig mit Aristoteles formulierte, dann hat Guttenberg in dieser Situation sehr untugendhaft gehandelt.

Flexibilität und Nachhaltigkeit erweisen sich in Bezug auf politische Tugenden nicht selbst als Tugenden, sondern als Regulative für den Weg zu einem (politisch) tugendhaften Leben. Und man kann sie deshalb auch nicht wie Tugenden beurteilen, sondern muss den je einzelnen Weg zu bestimmten Tugenden betrachten, bei jedem Menschen neu.
Damit sind es aber Bedingungen der Selbstreflexion. Und wenn man diese ganze Diskussion auf eine griffige Formel bringen möchte, in der sowohl der Weg zu den Tugenden als auch diese Selbstreflexion aufgehoben ist, dann in dem Spruch: Practice what you preach! - Tue selbst, was du anderen predigst.

Ich glaube ja, dass diese ganze Diskussion um Markus Lanz auch ein Stück weit der Selbstversicherung dient. Die Menschen weisen darauf hin, dass Lanz eben auch nur ein Mensch ist, sich aber nicht so verhält. Und natürlich tun sie das gerade an den Stellen, wo überdeutlich wird, dass er seine Kompetenz völlig überschreitet. In der Diskussion mit Sahra Wagenknecht hat er ja nur gezeigt, was schon lange bekannt ist: dass er eben keine Ahnung von der Volkswirtschaft hat und deshalb auch kein Recht hat, so mit Sahra Wagenknecht umzugehen. Und viele Menschen, die ebenfalls weit von sich weisen würden, dass sie die Volkswirtschaft begriffen hätten, sehen eben trotzdem ganz grundlegende Fehler oder erahnen sie zumindest. Und auch da muss man einfach den vielen Stimmen, die sich jetzt gegen Lanz empören, Respekt zollen. Denn später, wenn diese Debatte abgeflaut ist, wird es nicht um Markus Lanz gehen, sondern um die Aufklärung über ökonomische Bedingungen und natürlich auch die Gestaltung von ökonomischen Bedingungen.
Insofern begrüße ich diese Debatte.

Vorhin habe ich irgendwo gelesen (es tut mir leid, dass ich jetzt die Quelle nicht nennen kann), dass Lanz doch etwas Gutes getan hätte: er hätte doch eine wichtige Debatte angestoßen, nämlich den um den Zustand unserer Massenmedien. Nun: diese Aussage ist nun wirklich lächerlich. Denn diese Debatte um die Massenmedien, die ist schon im 19. Jahrhundert geführt worden, wahrscheinlich noch früher. Aber einige der ganz ganz großen philosophischen Werke des letzten Jahrhunderts, von Adorno, von Arendt, von Marcuse, von Negt/Kluge, von Sloterdijk, von Luhmann, sind Werke, die sich auf sehr unterschiedlich kritische Art und Weise mit den Massenmedien auseinandersetzen. Lanz hat ja gar nichts dazugetan.

Im übrigen ist diese Formel ›hat eine wichtige Debatte angestoßen‹ auch ein Feigenblatt. Ob man eine wichtige Debatte anstoßen kann oder nicht, das ist auch ein wenig Zufall. Wichtiger ist doch, ob man diese begleiten kann. Und anscheinend hat Lanz sich entschlossen, samt dem ganzen ZDF, diese Debatte nicht zu begleiten und sie stattdessen totzuschweigen. Das ist nach den ganzen politischen Skandalen in der Bundesrepublik auch schon deshalb sehr tragisch, weil jetzt offensichtlich die Feigheit und Dummheit endgültig im Journalismus angekommen ist.
Wahllose Aussagen und verstocktes Schweigen, so stelle ich mir Flexibilität und Nachhaltigkeit in einer funktionierenden Demokratie nun nicht vor.
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