27.01.2014

Isolation und Vereinheitlichung: Stefan Niggemeier und der etablierte Journalismus

Stefan Niggemeier muss man einfach mögen.
Gerade hat er in seinem Artikel So mögen sie Gulaschsuppe essen: eine Kritik der Kritik an der Lanz-Petition eben jene Mechanismen benannt, die durch eine rhetorische Analyse herausgearbeitet werden können. Und dies sind eigentlich zwei Mechanismen, die zudem meist im gleichen Satz auftauchen: die Isolation und die Vereinheitlichung.

Isolation und soziale Struktur

Schon das erste Beispiel zeigt, was hinter der Rhetorik oder der rhetorischen Analyse immer wieder auftaucht: dass hier eine soziale Struktur suggeriert wird. Pflücken wir dies mal ein wenig auseinander und etwas umfassender, als das Niggemeier selbst macht.

Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF, sagt
(…) Markus Lanz hat in mehr als 500 Sendungen einen hervorragenden Job gemacht. Dann geht es einmal nicht gut, und das sorgt dann für eine Riesenwelle. Das ist unverhältnismäßig.
Himmler schiebt dem aktuellen Ereignis eine Opposition unter (eine semantische zunächst). Auf der einen Seite gibt es den hervorragenden Job und auf der anderen Seite dieses ›dann geht es einmal nicht gut‹. Damit wird jene Sendung mit Sahra Wagenknecht von allen anderen Sendungen, die Markus Lanz gemacht hat, isoliert. Und Niggemeier wirft hier zu Recht ein, dass sich diese Opposition bei genauerem Hinschauen rasch verflüchtigt. Es sei, so Niggemeier, typisch für Lanz, so mit Politikern und über Politik zu reden.

Über die Opposition wird dann diese Bewertung ›unverhältnismäßig‹ etabliert und damit die Kritik zurückgewiesen.

In diesem Zitat von Himmler gibt es allerdings noch eine zweite Isolation. Lanz wird hier vom restlichen ZDF und dessen Leistungen abgetrennt. Niggemeier schreibt aber sehr zu Recht, dass Lanz hier nicht als Person gemeint ist, sondern eben als Symbol für das ZDF und dass sich die Kritik nicht gegen den Menschen Markus Lanz richtet, sondern gegen den Protagonisten eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, an dem der Unmut in der Gesellschaft so gewachsen ist, dass er sich an diesem "Ereignis" (also Lanz) dann zahlreich zeigt.
Indem Himmler diesen Zusammenhang verschweigt, sieht es so aus, als sei es vor allem Markus Lanz als Person. Und hier wird dann auf einer ganz subtilen Ebene um Mitleid geheischt.

Lanz als Symbol

Symbol? Nun, in einem Symbol kreuzen sich verschiedene Interessen und Bedürfnisse. Folgt man einer klassischen Darstellung dessen, was ein Symbol ist, nämlich der Traumdeutung von Sigmund Freud, so ist das erste, was man liest (und gerne überliest), dass das Symbol der Auslegung bedarf. Schon das hat es eigentlich in sich. Denn das Symbol existiert nur so lange, solange es nicht gedeutet ist. Und indem man es deutet, verschwindet es.
Hinter dem Symbol gibt es Mechanismen, die die Wirksamkeit dieses Symbols hervorrufen. Und hier nennt Freud vor allem zwei Mechanismen: die Verschiebung und die Verdichtung. Ich möchte das ganze nun nicht nach der Psychoanalyse behandeln, sondern möchte nur auf die Komplexität hinweisen, mit der im allgemeinen Symbole zustandekommen und dann als sehr einfache und sehr dingliche Monumente auftreten.
Es ist natürlich klar, dass Lanz hier auch ein ganzes Stück weit ein Symbol ist, in dem sich sehr verschiedene Unzufriedenheit mit den öffentlichen Sendern oder auch mit der Kultur im Allgemeinen verdichten. Und natürlich kann man diese Symbolisierung dann auch den Menschen vorwerfen, die sich gerade über Lanz echauffieren.
Doch Niggemeier hat hier schon recht, auch wenn er es so nicht sagt. Den Kritikern fällt nichts anderes ein, als ebenfalls zu symbolisieren und dann besteht der Kampf nur noch darin, wer sein Symbol durchsetzen kann. Der Effekt: die Lager bilden und spalten sich; sie isolieren sich voneinander und vereinheitlichen dabei. Langfristig gesehen ist das nicht hilfreich.
Was bleibt? Man muss eben in die Analyse gehen und das Symbol auflösen. Psychoanalytisch müsste man also die Bedürfnisse und Wünsche hinter dem Symbol aufdecken. Gesellschaftlich gesehen müsste man in die verschiedenen Strukturen eindringen, die eine Person wie Markus Lanz erzeugen und eine Zeit lang notwendig machen.

Analyse der Nicht-Analyse

Analysiert allerdings wird wenig. Man muss Niggemeier dankbar sein, dass er die Nicht-Analyse der Analyse so dezidiert darstellt. Er bleibt dort stehen, wo es dann um weiterführende Strukturen geht. Das grundlegende Elemente einer Struktur ist der Kontrast, bzw. die Opposition (der Kontrast sagt, dass etwas unterschiedlich sei, die Opposition, dass etwas entgegengesetzt sei).

Die Rhetorik untersucht nun, wie sich solche Kontraste bilden oder wie sie auch wieder verschwinden. Die Isolation ebenso wie die Vereinheitlichung sind die zwei typischen Bewegungen, die solche Kontraste auf- und abblenden.
Wenn zum Beispiel aus den verschiedenen Stimmungen, die sich in einer Ablehnung von Lanz symbolisieren, ein „linker Shitstorm“ (Jörges) gemacht wird, dann wird hier eine Meinung von allen Bedingungen, unter denen sie entsteht, isoliert und damit vereinheitlicht. Man kann hier Jörges nur vorwerfen, dass er nicht differenziert und damit den Konflikt abstrakt hält, nämlich genau in jener Feindschaft, die eigentlich nur noch ein Kampf um das etablierte Symbol ist und nicht mehr eine Kritik an realen, gesellschaftlichen Bedingungen.

Nachtrag

Die Kritik am Diskussionsstil im deutschen Öffentlich-Rechtlichen ist nicht neu. Und wenn wir hier einen altbekannten Herren, den Herrn Jörges, wiederfinden, dann wundert das wenig. Birgit Kienzle schrieb im April 2010 über eine Sendung vom 13. Januar 2010: hartaberunfair: Vier Schwänze wackeln mit dem Hund ...
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