22.09.2014

Form und Vernunft (Wittgenstein und die Hegemonie)

Die Form ist ein seltsamer Begriff. Man denkt, man wisse alles über ihn, bis man sich die Philosophie des 20. Jahrhunderts anschaut und feststellt, dass er, streng gesehen, am Rande zahlreiche Fragen aufwirft. 
Ich werde im folgenden nun zeigen, wie sich der Wittgensteinsche Begriff der Form in eine politische Theorie einbinden lassen kann. Dies ist, wie ich gestehen muss, nur eine Skizze. Wie immer formuliere ich auf meinem Blog Ideen in gewisser Weise aus, ohne sie auf ein "hohes Niveau" zu bringen.

Form als Differenz 

Ich hatte gestern in Form und Übersetzung darauf hingewiesen, dass Wittgenstein die Form in der Operation wiederfindet. Das war vielleicht dahingehend missverständlich, als die Form nicht die Operation ist. Genauer müsste man sagen: die Operation gibt die Form. Sie entsteht aus einer Übersetzung (oder Operation) in eine andere Form. Die Form entsteht aus dieser Differenz. 

Übersetzbarkeit 

Weiter hatte ich argumentiert, dass sich einem Satz prinzipiell eine Übersetzbarkeit eignet. Übersetzbarkeit ist eine substantielle Eigenschaft des Satzes und insofern transzendental. Transzendental ist hier im Kantschen Sinne zu verstehen, als Bedingung der Möglichkeit. Und insofern ist ein Satz nur, als er übersetzt wird. 
Wir müssen also das Verstehen eines Satzes als Übersetzung lesen. Dies wiederum ist eine Übersetzung in etwas anderes, in eine von der Form des Satzes geschiedene Form, die durch die Differenz verbunden und zugleich getrennt ist. 
Verstehen in diesem Sinne heißt übersetzen und übersetzen ist ein Sich-Unterscheiden und zugleich Konstruieren des Originals. Die Übersetzung macht sich ihr Original. 

Materieller und gedachter Satz 

Insofern Wittgenstein den Satz in seiner materiellen Form von dem Satz in seiner gedachten Form trennt, haben wir es nicht nur mit zwei verschiedenen Formen, sondern mit zwei unterschiedlichen Begriffen der Form zu tun. Manchmal sagt man zu dieser geistigen Form des Satzes Gestalt. Alles, was ich zur Übersetzung des Satzes gesagt habe, betrifft diese Gestalt. 

Vielfalt und Zweckmäßigkeit 

Transzendentale Übersetzbarkeit, differentielle Form - das sind die ersten beiden Merkmale des Satzes. 
Die Übersetzbarkeit ist prinzipiell nicht reduzierbar. Alles kann in alles übersetzt werden. Eine solche Offenheit ist nicht sinnvoll, weil sie nicht praktikabel ist. Ich kann ein nach links zeigendes Straßenschild natürlich so auffassen, dass es mir nach rechts zeigt. Dann aber würde ich nicht zu meinem Ziel kommen. Deshalb ist es sinnvoll, im Satz auf die Zeichen zu achten, die mich auf die Vollendung des Zwecks hinweisen. Zeigt ein Pfeil also nach links, so werde ich mich nach links wenden. 

Konventionen 

Straßenschilder liegen nicht naturhaft in der Gegend herum. Sie sind aus Konventionen geprägt. Natürlich gibt es naturhafte Zeichen. Ich kann den Amboss, der über einer schwarzen Wolke aufsteigt, als Zeichen eines Gewitters lesen. Ich kann den Flug des Bussards als die Suche nach Mäusen deuten, die der Bussard zu greifen gedenkt. Eine bestimmte Art des Bussardfluges weist also auf die "Maushaltigkeit" eines Feldes hin. 
In der Welt gibt es verschiedene Arten von Konventionen. An diesem Begriff darf man sich nicht stören, wenn man nur ihr Prinzip beachtet. Konventionen stabilisieren den Umgang mit der Umwelt. Manche dieser Konventionen sind durch die biologische Evolution geschaffen. Dazu gehören die unterschiedlichen Nahrungsbedürfnisse unterschiedlicher Tiere (die Raupen von Tagpfauenaugen findet man nur auf Brennnesseln). Dazu gehören aber auch kulturelle Zeichen, wenn gleich diese nicht von der naturhaften Evolution geschaffen wurden (wenngleich diese die Vorbedingungen für künstliche Zeichen bietet). 

Limitationen 

Konventionen betreffen die Übersetzbarkeit eines Satzes. Sie machen beliebige Übersetzungen unplausibel, andere plausibel. Ich kann den Satz "A high gate swung open." nicht mit "Gegen Morgen erreichten sie die Hänge des Ereth Muil." übersetzen. "Gate" hat, durch die Konvention, dies in einem englischen Buch als englisches Wort zu identifizieren und der Zuordnung zu dem deutschen Wort "Tor", keine beliebige Bedeutung. Gleichsam könnte ich mich hinstellen und behaupten, hier habe sich der Autor (in diesem Fall John Steinbeck) einen Scherz erlaubt und die familiäre Form von "gâteaux" (frz. für Kuchen) eingefügt. Aber das würde uns bei der Konvention des Übersetzens nicht weiterhelfen. 
Übersetzungen werden so durch Konventionen begünstigt und begrenzt. 

Die vergesellschaftete Form 

Wenn man in diesem Sinne Form als die nahegelegte Übersetzung versteht, dann ist zwar die Übersetzbarkeit transzendental, die empirische Übersetzung aber sozial. Wie übersetzt wird, bindet an die Gesellschaft. Die Form ist, entgegen dem Kantschen Begriff, nicht transzendental. 

Praktikabilität 

Dass das Ganze auch mit naturwissenschaftlicher Forschung funktioniert, kann man im historischen Kontext an verschiedenen Beispielen deutlich machen. Gelegentlich greife ich auf den Äther des Elektromagnetismus des 19. Jahrhunderts zurück. Man kann dasselbe Prinzip aber auch am Bohrschen Atommodell deutlich machen. 
Das Bohrsche Atommodell ist nach den neuesten Erkenntnissen der Physik so falsch, wie es nur geht. Trotzdem reicht uns dieses Modell für viele Anwendungen hinreichend gut, so wie uns ein Stuhl zum Hinsetzen reicht, weil wir uns nicht vorstellen müssen, dass wir eigentlich nur auf eine schwirrende Masse aus subatomaren Teilchen Platz nehmen. 

Widerstand 

Ein Modell ist ausreichend, solange es funktioniert. Das Äther-Postulat hat solange für den Elektromagnetismus eine gute Erklärung geleistet, als dieser mit der Mechanik nicht ins Gehege kam. In gewisser Weise wurde dann aber der Streit zwischen der Mechanik und dem Elektromagnetismus unübersehbar. Die Lösung lag dann darin, einen Äther zu postulieren, der nicht mehr stillstand, aber doch ein Ruhepunkt (eine Konstante) war. Dies war die Lichtgeschwindigkeit. 
Ebenso kann man Konventionen in Kulturen betrachten. Sie sind hinreichend nützlich, solange sie eine Stabilität bedingen oder günstige Erklärungen ermöglichen. Sobald der Widerstand zu groß wird, verlieren solche Modelle ihre "Günstigkeit" und müssen durch andere ersetzt werden. 

Streit 

Macht sei, so hat dies Max Weber einmal formuliert, die Chance, seinen eigenen Willen auch gegen den Unwillen des anderen durchzusetzen. Im Falle von körperlicher Gewalt ist dies die Rolle des Stärkeren. Sobald sich eine Gesellschaft aber zivilisiert, sind es die Konventionen, die die Beziehungen regeln und deren Konventionalität man ausnutzen kann. 
In einer "pluralen" Kultur findet sich nun vielfältige Traditionslinien, die christliche ebenso wie die marxistische, die buddhistische (mittlerweile) oder eine streng naturwissenschaftliche. Insofern jede dieser "Gruppierungen" eine andere Art hat, Übersetzungen zu regulieren, hat man es mit unterschiedlichen Bedeutungen unterschiedlicher Phänomene zu tun. Dies hatte ich in den letzten Jahren zum Beispiel an dem Begriff des Gender durchbuchstabiert. 

Hegemonie und Deutungshoheit 

Entlang solcher Traditionen bilden sich dann Deutungsgruppen, die bestimmte Formen der Übersetzung als besonders günstig oder einzig wahr bezeichnen, während andere als verboten betrachtet werden. 
Hegemonien bestärken aber nicht nur bestimmte Deutungen, sondern verschweigen auch andere, weshalb es schwierig ist, Andersdeutungen geltend zu machen. Solche sozialen Phänomene nennt man (im weitesten Sinne) Hegemonien und die Macht, die sie ausüben, Deutungshoheit. 
Sie erlangen ihre Stabilität aus stabilen Formen der Bedeutung, die wiederum durch Konventionen des Übersetzens (im weitesten Sinne verstanden) entstehen. 

Vernunft 

Nach Kant ist das, was sich dem Verstand gibt, ein sinnlicher Inhalt, der durch die Vernunft geformt ist. Die Sinnesorgane liefern das Material, die Vernunft ordnet dieses entlang bestimmter "Modi", die ihr, der Vernunft, eigen sind. 
Folgt man nun Wittgenstein, dann ist dieses Sinnesmaterial aber weniger durch eine dem Menschen qua Vernunft gegebene transzendentale Form gegeben, sondern durch die Konventionen, die die Übersetzungen regeln und über diese Übersetzungen die Form. Mit anderen Worten: die Vernunft ist kein Zeichen einer wie auch immer gearteten Bedingung des Denkens, sondern ein Zeichen der Sozialisierungsfähigkeit des Denkens. 

Bachtin 

Ich werde, glaube ich, jetzt wieder zu Bachtin zurückkehren. Dieser hat (in Ästhetik des Worts) einen sehr aufschlussreichen Artikel zu der Unterscheidung Form und Inhalt geschrieben; Bachtin hat sehr eng an Kant argumentiert. Seine bedrückende Lebensgeschichte (die Denunziationen im stalinistischen System) hat mich ebenso berührt, wie sein Glaube daran, dass eine liberale und vom Volke aus getragene Demokratie möglich ist.
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