28.09.2014

Literaturkritik

Manchmal ist man überrascht, was Menschen von sich geben. Diesmal hat es mich besonders getroffen. Zu meinem letzten Beitrag kommentierte Helmi Schäfer. Ich kenne Helmi aus früheren Zeiten als kompetenten und fachlich versierten Redakteur. Sein eigener Blog (den ich gerade nicht finde, weshalb ich nicht verlinken kann) ist ein netter Plausch; was noch kein Qualitätsurteil wäre. Aber seine Texte haben einen schönen Hintersinn, der mal weise, mal ironisch, mal sarkastisch ist, und dazu braucht es Erfahrung und Kultur.

Trotzdem fragt er mich gerade allen Ernstes, ob ich Literatur überhaupt beurteilen könne.
Nun, formal gesehen kann sogar jeder Mensch Literatur beurteilen. Die Frage ist, wie haltbar dieses Urteil ist. Und wenn man davon ausgeht, dass die Qualität der Literatur wohl einer der unklarsten Begriffe ist, die es gibt, dann muss man ein Urteil über ein Buch eher danach einschätzen, ob es fruchtbar ist und ob man durch dieses Urteil einen anderen Blick auf ein Buch gewinnt.

Ich könnte jetzt natürlich auch einwenden, dass ich Literaturwissenschaftler bin. Könnte ich, empfände ich das als eine Aussage über die besondere Qualität, die in einem literaturwissenschaftlichen Urteil steckt. Nur: Literaturwissenschaftler verstehen zwar gelegentlich enorm viel von Literatur, aber nicht immer etwas vom Schreiben. Die Chance, dass man auf einen Literaturwissenschaftler trifft, der auch schreiben kann, ist groß, aber nicht die Regel.
Das liegt auch daran, dass die Interpretation von Literatur eine andere Tätigkeit ist als das Schreiben eines Romans. Uwe Johnson zum Beispiel hat herzlich wenig Ahnung von der Literaturwissenschaft. Aber was hat er für großartige Romane geschrieben.

Also ein kleiner Tipp für die Literaturkritik: Natürlich müsst ihr Romane beurteilen. Schließlich braucht ihr einen eigenen Standpunkt zu einem Roman. Aber nehmt euer Urteil bitte nicht so ernst.

Und ein Tipp für alle die, die schreiben lernen wollen:
Selbst an einem schlechten Roman kann man immer noch etwas lernen. Ihr lernt, indem ihr eure Urteile präzise ausformuliert, am Text selbst. (Urteile wie "doof" oder "langweilig" sind allerdings nicht erlaubt.)
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