25.09.2014

Bücherschwund (Kai Meyer und Marah Woolf)

Nein, nein; ich habe noch alle meine Bücher.
Ich bin nur gerade über das neueste Buch von Kai Meyer gestolpert. Es heißt Die Seiten der Welt.In diesem Buch werden die Bücher in ihrer Existenz bedroht. Ein junges Mädchen macht sich auf, sie zu retten. Nun könnte man das als eine Allegorie auf die Bedrohung der etablierten Verlage lesen. Man könnte es auch als eine Allegorie auf die Fantasielosigkeit des Fernsehens sehen. Man könnte es eigentlich für alles mögliche halten. Wäre da nicht eine Ähnlichkeit, die mich stört.

Kein Plagiat, aber …

Vor einem Jahr hat Marah Woolf den ersten Band ihrer Trilogie BookLess veröffentlicht. Dieser handelt von einem Mädchen, das entdeckt, dass irgendjemand die ganzen Bücher stiehlt, auf geheimnisvolle Weise, und diese nicht nur materiell gestohlen werden. Die Menschen erinnern sich plötzlich nicht mehr daran, dass es diese Bücher gegeben hat.
Nun denn. Dieser Stelle darf man sich zurücklehnen und denken: das klingt ja tatsächlich sehr ähnlich.

Wolfgang Hohlbein

Ich gestehe, dass ich Wolfgang Hohlbein in meiner Jugend sehr spannend fand. Besonders begeistert hat mich sein Roman Der wandernde Wald. Den fand ich wirklich unheimlich. Ich habe aufgehört Hohlbein zu lesen, nachdem ich während einer Busfahrt von Hamburg nach Paris seinen Wälzer Feuer gelesen habe (heißt der wirklich so? Ich habe den Titel und den Inhalt, glaube ich, erfolgreich verdrängt. Doch die Rezensionen sprechen dafür.). Jedenfalls ist das einzige, woran ich mich noch erinnere, dass der Bösewicht am Ende des Romans ein ewig langes Lamento anstimmt, warum er jetzt so böse geworden ist. Das war nun wohl die Anti-Glanzleistung in Hohlbeins Karriere schlechthin. Sie ist dann noch einmal getoppt worden, als mir eine junge Cousine eine Stelle aus dem Filmbuch Der Fluch der Karibik vorlas. Dort versucht Hohlbein seinen Lesern zu erklären, dass er gerade einen Witz gemacht hat. Tatsächlich habe ich Tränen gelacht, aber nicht, weil der Witz so witzig war, sondern die Erklärung so dämlich.

Meyers Trilogie —  am Ende bleibt die Monotonie

Nun gut. Es gab dann ja, und es gibt ihn immer noch, den Kai Meyer. Eine Zeit lang fand ich ihn wirklich klasse. Die Trilogie von der Fließenden Königin ist ein hübsches, poppiges Märchen; die Muschelmagier sind stellenweise hervorragend geschrieben; mit der Trilogie um das Wolkenvolk konnte ich mich nicht mehr so anfreunden. Sie ähnelte mir zu sehr in ihrer Struktur den Muschelmagier. Als die Trilogie um die Sturmkönige in die gleiche Richtung lief, war ich gelangweilt und habe diese abgebrochen.
Meyer bietet solides Erzählhandwerk. Ohne Frage. Und wenn ihn jemand lesen möchte, bitte sehr: das ist wirklich keine Schande. Im Gegenteil. Aber ich verstehe auch jeden, der irgendwann aufhört, Kai Meyer zu lesen. Er werde monoton, so das Urteil.

Stumpfsinn im Reich der Fantasie

Zum Glück gibt es seit Jahren eine rege Szene von selfpublishern. An neuen Fantasy-Romanen herrscht kein Mangel. Hier hat sich besonders Marah Woolf etabliert. Bereits mit ihrer ersten Trilogie MondSilberLicht wurde sie sehr bekannt. Es ist auch eine sehr spannende und gut geschriebene Serie. Nun, ich darf das, aus persönlicher Vorliebe, insofern einschränken, als dass es für eine Fantasy-Autorin sehr gut geschriebene Serie ist. (Meiner einer hat gerade Emil Cioran entdeckt.)
Dabei gibt es nun ein wirkliches Problem: es gibt kaum noch wirklich neue Ideen für fantastische Geschichten. Nehmen wir zum Beispiel die ganzen Werwolf-Romane. Seit einigen Jahren werden Werwölfe in gewisser Weise stark romantisiert, wie zehn Jahre zuvor die Vampire. Doch was ist hier aus dem Werwölfen geworden? Nur die Nachfolger von dem, was in den sechziger Jahren die Piraten und edlen Räuber waren.
Woolf hat mit ihren beiden Trilogie mit Sicherheit nichts aufregend Neues geschaffen, aber sie hat ihren Geschichten einen sehr eigenen Ton gegeben. Und das ist manchmal besser als diese postmodernen Romane, deren Erzähltechniken mehr darauf hinweisen, dass die Autoren Bücher über Joyce und Kafka studiert haben, als dass sie wirklich etwas zu erzählen hätten.
Es ist nun sehr bedauerlich, dass ein namhafter Fantasy-Autor, ich meine Kai Meyer, eine solch ähnliche Idee für seine Bücher nutzt. Es ist mehr als bedauerlich. Es ist peinlich. Er schreibt für ein anderes, jüngeres Publikum. Trotzdem hätte er damit warten sollen, diese Idee mit den Büchern so kurz nach der erfolgreichen Trilogie Bookless umzusetzen.

Ein Tadel

Ich bin nicht der einzige, der dies bemerkt hat. Und ich bin nicht der erste, der sich darüber abfällig äußert. Es ist eine andere Sache, wenn ein Thriller-Autor ein erfolgreiches Buch schreibt und sich dann zahllose weniger bekannte Autoren auf ein ähnliches Thema stürzen, um auf der Welle mitzureiten. Es sind eben weniger bekannte Autoren und der Abglanz des Erfolges sollen ihnen gegönnt sein.
Aber ein Kai Meyer? Der es nun so gar nicht nötig hat?
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