26.09.2014

Dispositionen

Ein hartnäckiges Problem der Sozial- und Geisteswissenschaften ist die Kausalität. Kausalität bedeutet zunächst, dass ein Ereignis notwendig auf ein anderes folgt. Als Beispiel dafür kann man folgende zwei Ereignisse angeben: Ich lasse den Apfel los. Er fällt auf den Boden.
Man kann dann auch sagen: Weil ich den Apfel loslasse, fällt er auf den Boden.

Äpfel und die Schwerkraft

Natürlich stimmt diese erste Beobachtung nicht, obwohl sie für den alltäglichen Gebrauch hinreichend gut ist. Der Apfel fällt nicht, weil ich ihn loslasse, sondern weil die Erde ihn anzieht. Dadurch, dass ich den Apfel in der Hand halte, habe ich der Schwerkraft entgegengewirkt. Indem ich den Apfel loslasse, wirke ich der Schwerkraft nicht mehr entgegen.

Die Deduktion

Die Deduktion ist ein Schluss und damit ein Element der Argumentationslehre. Sie besteht aus einer Beobachtung, einer Regel und einer Schlussfolgerung.
Schreiben wir uns das ganze formal auf:
  • Beobachtung: Ich lasse den Apfel los.
  • Regel: Was man loslässt, fällt auf den Boden.
  • Schlussfolgerung: Also fällt der Apfel auf den Boden.
Man kann auch sagen: es gibt eine Ursache, ein Gesetz und eine Wirkung.

Erster Einwand: die umgedrehte Deduktion

Die Deduktion kann auch umgedreht werden:
  • Beobachtung: Der Apfel fällt auf den Boden.
  • Regel: Was auf den Boden fällt, ist losgelassen worden.
  • Schlussfolgerung: Also habe ich den Apfel losgelassen.
Diese Deduktion funktioniert genauso gut.
Nun lässt sich dieser Einwand leicht überwinden. Ein notwendiges Gesetz funktioniert in beide Richtungen. Was notwendig in seiner Wirkung ist, muss auf die entsprechende Ursache notwendig folgen.

Zweiter Einwand: die Umstände

Astronauten werden an dieser Stelle behaupten können, dass die Schlussfolgerung keinesfalls stimmt, denn sie haben die Erfahrung gemacht, dass ein Apfel, den man loslässt, keineswegs zur Erde fällt, sondern in der Luft schweben bleibt. Auch ob ein Apfel fällt oder nicht fällt, hängt nicht vom Apfel ab, sondern von dem Körper mit enormer Masse, der infolge der Anziehungskraft den Körper fallen lässt.
Und der Philosoph wird gleich eine nächste Argumentation nachschieben: dass wir meinen, dass der Apfel fällt, sei so auch nicht richtig. In Wirklichkeit bewegen sich Apfel und Erde aufeinander zu. Da aber die Erde wesentlich größer (und damit träger) als der Apfel ist, bewegt sich die Erde nur minimal. Unsere Sinnesorgane sind für diese Erdbewegungen nicht ausreichend sensibel.
Außerdem stehen wir selbst auf der Erde und bewegen uns deshalb mit der Erde mit, weshalb wir keinen absoluten Standpunkt zur Bewegung der Erde einnehmen können, wären wir doch einen relativ absoluten Standpunkt zur Bewegung des Apfels besitzen.
Es kommt also auf die Umstände an, wie etwas passiert, und auf die Umstände, wie wir etwas beobachten.

Induktion

Neben der Deduktion, die ich hier der Illustration wegen genannt habe, finden wir als andere wichtige Form der Schlussfolgerung die Induktion. Folgt man einer klassischen Logik, der Logik Kants, dann ist die Deduktion eine Schlussfolgerung der Form nach, während die Induktion eine Schlussfolgerung des Inhalts nach ist. Man könnte auch sagen, dass die Deduktion eine transzendentale Schlussfolgerung sei, die Induktion dagegen eine empirische.
Entsprechend gibt es relativ wenig Deduktionen, da es, jedenfalls nach Kant, nur begrenzt Formen "existieren". Man kann dort auch nur relativ abstrakte Schlussfolgerungen ziehen, zum Beispiel: wenn B auf A folgt und C auf B, folgt auch C auf A. Soweit aber der kleinste Fetzen Erfahrung in einer solchen Schlussfolgerung auftaucht, ist diese nicht mehr deduktiv sondern induktiv.

Disposition

Dem fügt Quine nun einen weiteren Aspekt hinzu. Er behauptet, dass ein Objekt eine bestimmte Disposition besitzen muss, um unter einem bestimmten Umstand eine Eigenschaft aktualisieren zu können. Treffen also ein Umstand und eine Disposition aufeinander, entsteht ein Phänomen.
Nehmen wir den Umstand, dass ein Mensch betrunken ist. Nehmen wir des Weiteren die Disposition eines Autos, bei bestimmten Fahrweisen zu schlingern. Sobald also ein betrunkener Mensch und ein Auto aufeinandertreffen, kann sich das Schlingern aktualisieren.
Das ist jetzt nun ein relativ harmloses Beispiel. In den Sozialwissenschaften werden solche Schlussfolgerungen aber ständig gebraucht. Es wird zum Beispiel gesagt: unter gewissen Umständen wird ein Mensch kriminell, bzw. zeigt kriminelles Verhalten. Es wird zum Beispiel gesagt: unter gewissen Umständen kann ein lernbehindertes Kind lernen wie ein normales Kind.
Anders gesagt: ein Mensch hat die Disposition zu kriminellem Verhalten und ein lernbehindertes Kind hat die Disposition zu einem normalen Lernen.

Dispositionen und die soziale Evolution

Nicht immer tauchen Dispositionen von Anfang an auf. Wir müssen uns fragen, ob es bestimmte Dispositionen gibt, die den Menschen angeboren sind, die also biologisch vorliegen, oder ob bestimmte Dispositionen erlernt werden, wie vielleicht die Disposition, besonders gründlich mit seinen eigenen Sachen umzugehen oder die Disposition, unter Menschen schüchtern zu sein.
Die eine Disposition, die sozusagen biologisch vorliegt, wäre durch die biologische Evolution entstanden, während die andere Disposition unter kulturellen Bedingungen gelernt wurde.

Die Grenzen erlernter Dispositionen

Wenn man herausfinden möchte, was ein Mensch alles sein kann, zugleich aber berücksichtigt, was er individuell werden kann, dann muss man alle möglichen Spielarten des Mensch-Werdens berücksichtigen, gleich, wie diese ausfallen mögen. Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass die biologische Disposition in gewisser Weise am einfachsten zu verwirklichen sein wird, sodass man in dieser Richtung auch die meisten Menschen finden wird.
Zugleich kann man davon ausgehen, dass die menschlichen Ausnahmen, im Guten wie im Schlechten, ungewöhnliche Erfahrungen gemacht haben und sich dadurch abseits der „leichtgängigen“ biologischen Dispositionen bewegen.

Statische oder dynamische Eigenschaften

Eine weitere Frage, die man sich bei den Eigenschaften von Menschen stellen muss, ist, ob diese nur auf eine gewisse Dynamik zutreffen, zum Beispiel auf Handlungen, oder ob diese statisch sind, also tatsächlich so etwas wie feste Charaktereigenschaften bilden. Intelligenz zum Beispiel wird seit vielen Jahren ihr als eine dynamische Charaktereigenschaft angesehen, nämlich als die Fähigkeit, besonders schnell zu lernen (bzw. bestimmte Gedächtnismuster zu bilden). Es gibt deshalb keine feste Intelligenz, die von Anfang an gleich bleibt und die man mit einem Intelligenztest messen könnte. Bei diesem bekommt man punktuelle Werte, die über die mögliche Intelligenz eines Menschen wenig aussagen.

Kreativität

Man kann sich so zum Beispiel die Kreativität vorstellen. Obwohl man immer behauptet, dass bei kleinen Kindern eine hohe Kreativität vorliege, glaube ich, dass das nicht stimmt. Kinder neigen dazu, alle möglichen Sachen miteinander zu verknüpfen, wie sie gerade vorliegen. Das ist natürlich in gewisser Weise auch kreativ. Aber Kreativität auf diese Art und Weise zu definieren, widerspräche den kreativen Techniken.
Was machen nun kreative Techniken? Sie ordnen vorhandenes Material so um, dass das Ziel dieser Umordnung nicht deutlich vor Augen steht. In gewisser Weise ist die Umordnung eine Unordnung. Nun kann eine Unordnung alles mögliche sein: das Zimmer ist verwüstet, das Haus zusammengefallen, die Buchstaben purzeln durcheinander. Doch all das sind reale Unordnungen. Eine kreative Technik dagegen erzeugt spekulative Unordnung. Dabei muss das materielle Ergebnis einer kreativen Technik nicht unordentlich sein. Eine Mindmap ist nach bestimmten Regeln geordnet. Nicht geordnet ist hier die Seite der Bedeutung, die semantischen Seite der Mindmap.
Normalerweise erwarten wir, dass unser Leben und unsere Welt geordnet sind. Unordnungen stoßen uns von außen zu, in Form von Problemen. Kreativität stellt uns vor Probleme, und wir brauchen eine Disposition dazu, Probleme gut zu lösen. Wir brauchen also Erfahrungen mit uns selbst als Problemlöser. Und wir brauchen Erfahrung damit, dass wir unsere selbst gestellten Probleme in den Griff bekommen.
Problemlösen ist eine kognitive Fähigkeit, die von der Bildung, aber auch von der Selbstsicherheit und einer gewissen emotionalen Autonomie abhängt. - Und ihr merkt schon, man kann hier gewisse Grundbedingungen formulieren, ohne diese vollständig festlegen zu müssen. Wenn zwei Dispositionen aufeinandertreffen, können diese sich gegenseitig verstärken und eine neue Disposition bilden.

Die Formel der Disposition

Doch das alles nur ganz am Rande, um ein wenig die Anwendungsmöglichkeiten des Begriffes Disposition zu zeigen.
Kehren wir zurück zu einer formellen Betrachtung, dann ist die Disposition eine Möglichkeit eines „Dings“, unter bestimmten Umständen eine Eigenschaft oder Fähigkeit x zu zeigen.
Oft haben wir es aber mit wechselseitigen Dispositionen zu tun. So kann ein A unter der Bedingung y die Eigenschaft x zeigen, während ein B unter der Bedingung x die Eigenschaft y hervorbringt. Dies ist eine gegenseitige Ermöglichung, die unter anderen Umständen nicht funktioniert.
Nun kann man darauf noch ein weiteres Gedankenspiel setzen. Die Eigenschaft x kann zu weiteren Eigenschaften führen, zum Beispiel zu a, b oder c. Trifft diese Eigenschaft x auf die Eigenschaft y, dann zeigt sich zusätzlich die Eigenschaft b. Somit leiten sich aus bestimmten Dispositionen weitere Dispositionen ab.

Lernen

Wenn das „Dings“ ein komplexes System ist, zum Beispiel ein Mensch, dann kann sich eine Eigenschaft x nicht nur unter den Bedingungen y und z zeigen, sondern immer unabhängiger von den Bedingungen y und z. Das „Dings“ lernt diese Eigenschaft. Was zunächst eine Disposition ist, wird schließlich zu einer Fähigkeit, die bewusst gezeigt und initiiert werden kann, eventuell sogar dann, wenn die äußeren Bedingungen eine solche Eigenschaft nicht nahe legen.
So gesehen ist Lernen das Unabhängig-werden eine Disposition von Umweltfaktoren. Lehren dagegen wäre das Einüben dieser Unabhängigkeit.
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