30.09.2014

Achtsamkeit (nicht nur für Autoren)

Da ich im Moment mal wieder meine ganzen Notizen zum Schreibcoaching durchgehe (eine Arbeit, die mich mittlerweile immer einige Wochen kostet), bleibe ich natürlich bei all den Problemen hängen, die meiner Ansicht nach noch nicht zufriedenstellend gelöst worden sind (ich lasse jetzt mal offen, ob nur nicht von mir, oder auch ganz allgemein).

Achtsamkeit und die Perspektive

Ganz zu Beginn meiner Selbstständigkeit hatte ich immer wieder das Problem, Kunden deutlich zu machen, was alles zu einer Ich-Perspektive dazu gehört. Ich dachte, dass das ganz einfach sei, da ja jeder Mensch die Erfahrung macht, in einem Körper drin zu stecken. Aber ganz so einfach ist das eben doch nicht. Noch heute empfinde ich viele deutsche Autoren als unterkühlt, geradezu emotionslos. Und manchmal ist das so schlimm, dass ich sogar einen Thomas Mann als Vorbild hinstellen würde. Man kann Thomas Mann nun nicht nachsagen, dass er eine besonders ausführliche Art und Weise besitzt, Emotionen zu schildern.

Osho

Mit der Achtsamkeit hatte ich mich schon einmal ausführlich auseinandergesetzt. Der Weg zu diesem Thema ist etwas verworren; er führt über Foucault und Wurmser. Schließlich bin ich bei Osho gelandet, jenem nicht-schreibenden Vielschreiber (seine Bücher wurden weitestgehend von Anhängern aufgezeichnet und zusammengestellt; sie waren also ungefähr das, was das Spracherkennungsprogramm für mich heute ist).
Osho schreibt:
„Ich sehe euch. Ich nehme euch wahr, einfach so. Könnt ihr mir folgen? Ich sehe euch einfach nur, ich denke nicht. Dabei kommt eine unvergleichliche Ruhe, eine lebendige Stille über mich, in der alles gesehen und alles gehört wird, aber innen regt sich nichts. Da ist keine Reaktion im Inneren, da sind keine Gedanken. Da ist nur Sehen. Rechtes Gewahrsein ist die Methode der Meditation. Du musst sehen, einfach nur sehen, was außen und was innen ist. Außen gibt es Objekte, innen Gedanken. Du musst sie betrachten ohne jede Absicht. Da ist keine Absicht, nur Sehen. Du bist ein Zeuge, ein unbeteiligter Zeuge, und du siehst einfach nur. Dieses Beobachten, diese Achtsamkeit, führt dich allmählich hin zum Frieden, zur Leere, zum Nichts, zur Freiheit von Denken.“ (Osho: Das Buch des Ego, S. 384 f.)

Schreibmeditation

Damals kannte ich aus Julia Camerons Buch Der Weg des Künstlers die allmorgendliche Schreibübung, die ich gerne, nach einer Paraphrase von ihr, die „unrühmliche Gedankenentleerung“ nenne. Das ist im Prinzip Freewriting, also das Schreiben von all dem, was einem gerade in den Sinn kommt. Die Schreibmeditation vertieft dieses Prinzip, indem man sich vorher durch eine einfache Meditationsübung in einen entspannteren Zustand versetzt. Wenn man dies häufiger macht, dann gelingt einem auch, dies anstelle einer Figur, eines Protagonisten zu tun. Und wenn eine Stelle im Roman nicht sinnlich genug ist, dann kann man sich durch eine solche Schreibmeditation gute Anregungen holen.


Achtsamkeitstraining


Thomas Metzinger schreibt in seinem Buch Der Ego-Tunnel etwas sehr ähnliches, auch mit den Begriffen der Achtsamkeit und der Meditation. In dem Kapitel ›Meditation und geistige Autonomie‹ schlägt Metzinger verschiedene Techniken zur Erhöhung der Achtsamkeit vor. Dies geschieht im Zuge einer Diskussion, was für die Schulbildung von der Neurophysiologie aus vorgeschlagen werden kann. Und ein zentraler Vorschlag von ihm ist die Einführung eines Meditationsunterrichts.
Schließlich folgert er:
„Es sieht im Moment so aus, als ob Befreiung immer nur innerweltliche Befreiung sein kann und Erlösung immer nur innerweltliche Erlösung. Es geht dann nicht mehr um ein Jenseits oder eine mögliche Belohnung in der Zukunft, sondern immer nur um den geliebten Augenblick der Achtsamkeit, im Moment des Mitgefühls, um das aktuelle Jetzt. Wenn es so etwas überhaupt noch gibt, dann ist der eigentlich sakrale Raum immer nur das bewusst erlebte Jetzt.“ (401)
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