24.09.2014

Die Wurzeln der Referenz

Liebe Leser meines Blogs! Ihr seid einiges gewohnt. Ich danke euch dafür, dass ihr trotzdem so treu seid. 
Noch ein Autor, der mich in den letzten 15 Jahren sehr beeinflusst hat, ist bisher in meinem Blog kaum aufgetaucht. Und eines der Bücher, die mich nach wie vor faszinieren, auch nicht. Vermutlich, weil ich schon ahne, dass viele von euch die zum Teil sehr mathematische Luft dieses Werkes scheuen.
Trotzdem werde ich heute ein wenig über William van Orman Quine und sein Buch ›Die Wurzeln der Referenz‹ berichten. Vielmehr: über meine Leseerfahrung mit diesem Buch.
Gekauft habe ich mir das vor vielen Jahren, wenn ich mich recht erinnere sogar ganz zu Beginn meines Studiums. Und abgesehen davon, dass ich es dann lange Zeit nicht mehr angerührt habe (tatsächlich kaufe ich mir mehr Bücher, die ich nicht lese, als Bücher, die ich lese), hat es mich dann sehr zuverlässig und mit störender Genauigkeit begleitet. Immer, wenn ich mich an die Grundlagen der Zeichentheorie setze, ist es Quine, der bei mir auf den Schreibtisch wandert. Nicht immer genau dieses Buch (es gibt in meinem Bücherschrank auch eine sehr zerfledderte Ausgabe von ›Wort und Gegenstand‹, und andere, etwas weniger zerlesene Bücher von ihm).

Der aktuelle Anlass: Der Ego-Tunnel, Konzentriert euch!

Anfang dieses Jahres war der Piper-Verlag so freundlich, mir zwei Bücher zuzusenden, kostenlos und zur freien Rezension. Über das eine, ›Der Ego-Tunnel‹ von Thomas Metzinger, habe ich eine Zeit lang berichtet, wie immer von den Leseerfahrungen damit. Und schon damals dachte ich daran, hier genauere Verbindungslinien zu ›Die Wurzeln der Referenz‹ zu knüpfen. Dann kamen mir diverse Arbeiten dazwischen und ich hatte keine Zeit.
Das andere Buch hatte ich wie der Wind durchgelesen; es ist von Daniel Goleman ›Konzentriert euch!‹. Ich fand es wesentlich besser geschrieben und inhaltlich deutlich fundierter als sein Buch zur emotionalen Intelligenz. Von dort her drängte es mich dann zum zweiten Mal, Quine wieder in die Hand zu nehmen.

Ein Kundenbericht

Schließlich habe ich, man kann sagen mit großem Erfolg, über das Frühjahr hinweg einen Kunden gecoacht; ich habe ihm für seine Diplom-These einen semiotischen Zugang empfohlen. Dies erschien mir günstig, weil eines der Werke, auf das er sich beziehen wollte, semiotische Theorien eingebunden hat. Als dann die ersten Schwierigkeiten auftauchten, habe ich mir dieses Buch besorgt und es selbst durchgelesen, mit leichtem Grausen. Denn so, wie dieser Autor (der nicht genannt werden darf) die semiotischen Theorien benutzt, bleibt es leider bei Schlagwörtern und name-dropping.
Dies wiederum hat mich dazu geführt, dem Kunden zu versprechen, ihm stärker bei seiner Arbeit zu helfen und die Theorien aufzuarbeiten. Ich fühlte mich ein wenig schuldig. Wir hatten nun allerdings ganz andere Autoren an Wickel, Umberto Eco, Michel Foucault, Judith Butler. Doch weil er, genauso wie ich, nicht bei den Schlagwörtern stehen bleiben wollte, wurde daraus eine intensive Zusammenarbeit mit zahlreichen kleinen Zwischenergebnissen von beiden Seiten.
Am Horizont stand dabei ebenfalls der gute Quine.

Der Inhalt des Buches

Worum geht es nun in diesem Buch? Es handelt von der Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung und woher diese Verlässlichkeit kommt. Quine folgt hier Kant, bzw. den Neokantianern, indem er die Formen der „Vernunft“ in den Blick nimmt, also all jene Phänomene, die unserem geistigen Leben zugehören und nicht einfach nur in der Welt auffindbar sind. In diesem Sinne ist er ein radikaler Konstruktivist. Ihn interessieren nicht die Wirklichkeiten jenseits unseres Verstandes. Im Gegenteil behauptet er, dass wir zu dieser Wirklichkeit keinen Zugang haben außer über das dünne Band der Sinnesreize.
Dementsprechend zeigt er, wie sich in unserem Geist jene Welt entwickelt, die wir voll und plastisch vor uns sehen. Und er zeigt, wodurch es uns möglich wird, diese Welt mit anderen zu teilen.
Das Buch behandelt also die Wahrnehmung, das Lernen, die Sprache und die Kultur als notwendige Gemeinsamkeit von Menschengruppen. Letzteres allerdings nur sehr am Rande.

Quine lesen

Quine zu lesen heißt für mich nicht, ihn von Anfang bis Ende zu lesen. Es bedeutet für mich (mittlerweile), genau an den Stellen einzusteigen, die mich momentan interessieren. Es bedeutet, mit diesem Buch zu arbeiten und am Faden eines Textes über meine Erfahrungen und meinen Wissensstand zu reflektieren.
Solche Bücher gab es immer wieder und meist habe ich mehrere solcher Bücher, die über eine gewisse Zeit mein Denken beeinflussen und meine Arbeit begleiten. Wittgenstein ist mir im Moment sehr wichtig. Es gab mal eine Zeit, in der ich fast nur Luhmann gelesen habe; und es gab eine Zeit, in der ich mich ausführlich mit Michel Foucault beschäftigt habe. Viele dieser Werke sind aus meinem aktuellen Nachdenken verschwunden. Nicht, dass ich Luhmann oder Foucault nicht mehr schätzen würde; aber sie regen mich nicht mehr zu neuen Gedanken an. Ihr Werk ist, so scheint es, getan. Ich muss mich nach anderen Autoren umsehen.
Quine dagegen bleibt so frisch und so aufwühlend wie am ersten Tag. Im Gegenteil: von Mal zu Mal wird er für mich interessanter und wichtiger. Seit ich gestern Abend begonnen habe, wieder einige Passagen von ihm durchzukommentieren, sind zahlreiche Notizen dazu entstanden, vom Umfang her: 4400 Wörter. Das ist eine Menge, und würde nicht passieren, wenn ich nicht angeregt Gedanken produzieren würde.

Störung, Aufmerksamkeit und Lust

Das sind im Moment die Themen, um die mein Denken kreist. Angeregt worden sind sie durch Goleman. Der Gedanke ist folgender: wenn die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, im Gehirn konstruiert wird, dann muss auch die Aufmerksamkeit als eine Funktion begriffen werden, die an der Wahrnehmung der Welt, bzw. an ihrer Konstruktion, Teil hat.
Hier hatte ich einmal, vor Jahren, ein Schema zu verschiedenen Formen der Aufmerksamkeit entworfen. Obwohl es, soweit ich das weiß, eine der besten und kürzesten Übersichten über die Formen der Aufmerksamkeit ist, war ich damit nie richtig zufrieden. Mir war die Anbindung an das emotionale System und Abläufe der Motivation nicht fest genug. Das neue Buch von Goleman bietet dazu zahlreiche Anregungen. Da es allerdings sehr populärwissenschaftlich geschrieben ist, führe ich meine Lektüre lieber über Quine, sodass ich Quine lese, um Goleman zu analysieren. 
Mein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Kapiteln 6-8. Dieser heißen: § 6 Störungen von innen; § 7 Spuren und Auffälligkeit; § 8 Lust.
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