23.05.2012

der Tunnelblick und die Theorie

Das langsame, analytische Denken (System 2) ist also anstrengend, kostet mentale Energie, so dass man unbewusst dazu neigt, es zu umgehen. Hierzu ebenfalls ein Beispiel aus dem Buch. Es wurden die Urteile von Richtern untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass die Urteilsspüche weniger mit den individuellen Fällen und stattdessen mehr mit dem Tagesablauf der Richter zu tun hatten. Die Richter haben viel mehr Leute auf Bewährung entlassen, wenn der Fall früh oder nach der Mittagspause dran kam. Die schlechtesten Chancen hatten Häftlinge, wenn ihr Fall verhandelt wurde und die Richter schon mehrere Stunden gearbeitet hatten. Hier wurden die meisten Bewährungsanträge abgelehnt.

Kahnemann erklärt dieses Phänomen mit mentaler Müdigkeit. Er sagt, dass die Arbeit von Richtern in erster Linie langsames, analytisches Denken beansprucht. Dies ist aber anstrengend und laugt die mentalen Energiereserven aus. Deshalb ist es eine menschliche Reaktion der Richter, irgendwann im "Standard-Modus" zu denken. In diesem Fall mit der Überlegung: er sitzt schon im Gefängnis, also lieber nichts dran ändern.
Dieses Zitat von Falk Müller aus seiner Rezension zu dem Buch ›Schnelles Denken, langsames Denken‹ von Daniel Kahneman fand ich sehr hübsch. Und es bringt natürlich auch ein Problem auf den Punkt, den manche meiner Leser immer wieder mit mir haben: Sie finden meine Texte anstrengend. Manche geben auch offen zu, dass sie meine langen Texte nicht zu Ende lesen.

Automatisieren
Es gibt allerdings noch eine andere Betrachtungsweise, die unter anderem den Begriff des analytischen Denkens torpediert.
Alles, was wir häufig tun oder häufig denken, automatisieren wir. D.h., dass wir bestimmte Muster verinnerlichen und diese (wie immer auch das neurophysiologisch genau passiert) uns durch häufige Übung mehr und mehr erleichtern. Dies nennt man dann auch Kompetenzaufbau.
Es ist klar, dass ich, weil ich mich schon lange mit diesem Thema beschäftige, größere Kompetenzen aufgebaut habe, als die meisten meiner Leser. Damit soll übrigens nicht gesagt werden, dass ich intelligenter bin. Es heißt eben nur, dass ich bestimmte Denkmuster, die der Autor hier analytisch nennt, besser automatisiert haben.

Analytisch?
Im übrigen mag ich diesen umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes "analytisch" überhaupt nicht. Er wird immer einer hochintellektuellen Tätigkeit gleichgesetzt. Im Prinzip ist die Analyse aber nichts anderes als ein Urteil über die Merkmale einer Anschauung. Solche Urteile können völlig unsystematisch passieren. Ich sage zum Beispiel: "Wunderbar, wie blau der Himmel heute wieder ist!" und habe damit ein Merkmal (blau) einer Anschauung (Himmel) in ein Urteil (mein Satz) gepackt.
Einzelne Urteile zu treffen fällt mir leicht. Sollte ich aber eine systematische Beschreibung des Himmels abliefern (und zwar ausschließlich eine anschauliche), wird mir das viel schwerer fallen.

Systematische Urteile
Der Hintergrund von systematischeren Urteilen wird durch Begriffe gebildet und aufgebaut. Begriffsbildung ist der grundlegende Mechanismus des Kompetenzaufbaus. Sie strukturieren die Wahrnehmungen (und damit auch die Urteile) und die Handlungen. Das ist zwar etwas oberflächlich formuliert, zeigt aber, dass der grundlegende Mechanismus seit Kant, eigentlich schon Leibniz und, wenn man etwas großzügig ist, sogar schon seit Aristoteles bekannt ist.
Neu allerdings, jedenfalls relativ neu, ist, dass die Kognitionspsychologie heute bestimmte Phasen beim Begriffsaufbau unterscheidet. Es gibt eine Phase des Erstkontaktes: entweder nehme ich Phänomene wahr, habe für diese aber noch keinen Begriff; oder lese von einem Begriff, weiß aber noch nicht genau, wie ich mir diese anschaulich zu machen habe. Diese beiden Zustände stecken schon in dem Satz von Immanuel Kants drin, Anschaulichkeit ohne Begriffe sei blind, wie Begriffe ohne Anschaulichkeit leer wären.

Übungen
Viel wichtiger allerdings ist die zweite Phase: Hier werden Begriffe automatisiert, d.h. angewendet. Psychologisch gesehen verlieren die Begriffe damit nach und nach ihre hohes, energetisches Niveau und werden für uns leichter zugänglich, leichter gebräuchlich. Didaktisch erreichen wir das durch Übung, durch Anwendung von Begriffen auf anschauliches Material: das ist im Prinzip der Sinn vom ›Lernen mit allen Sinnen‹. Diese Anwendung von Begriffen auf anschauliches Material nennt Kant übrigens Erfahrung machen. Insofern ist auch dieses scheinbar neumodische Lernprinzip ein alter Hut. Kant hat es nur etwas anders, weniger werbewirksam ausgedrückt.

Mühseligkeit der Übung
Es ist übrigens auch ein alter Hut, dass diese zweite Phase, die Phase der Übung, von vielen Menschen gerne abgelehnt wird. Übungen sind mühsam und man muss damit rechnen, dass man bei der Überprüfung eines Begriffes anhand eines anschaulichen Materials auch mal gar nichts findet und sowieso nicht sofort. Ansonsten würde ich zum Beispiel nicht seit Jahren an einem solchen Begriff wie dem Spannungsaufbau herumarbeiten.
Werden Begriffe aber nicht geübt, wird der entscheidende Schritt vergessen: so entstehen auf der einen Seite Worthülsen (das sind Begriffe ohne Anschauung) und auf der anderen Seite der Aktionismus (man versucht mit der Anschauung umzugehen, ohne diese begriffen zu haben).
Für die Begriffe allerdings scheint es zunächst egal zu sein, ob diese mit etwas zusammenhängen, was man als Analyse bezeichnet. Jeder Begriff ist in sich aus einer Analyse entstanden (dazu muss ich nämlich die Umwelt nach ihren sinnlichen Merkmale analysieren) und jeder Begriff ist auch systematisch (insofern er einen inneren Zusammenhang aufweist).
Insofern könnte man auch behaupten, dass ein Kind, das gerade lernt, sich ein Brötchen zu streichen, dabei gleichzeitig Butter, Brötchen und Messer analysiert, d.h. diese Gegenstände nach den für einander wichtigen Merkmalen abschätzt.

Tunnelblick: Dummheit oder Trägheit?
Letzten Endes müssen die Ergebnisse von Kahneman nicht überraschen.
Wenig gebrauchte Begriffe erscheinen uns in ihrer Anwendung noch schwierig und unsicher. Die Unsicherheit verweist aber auch auf ein physiologisches Alarmniveau: unser Gehirn befindet sich mehr oder weniger in einem Zustand hoher Aktivität. Das ist anstrengend und kann nicht lange durchgehalten werden.
Was passiert? Bevor wir zu einem Tunnelblick kommen (ein Anzeichen von großer Müdigkeit), entwickelt sich in unserem Denken bereits dieser Tunnelblick. Menschen, die anfangen, müde zu werden, haben eine geringere Intelligenzleistung und dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sie weniger Begriffe miteinander kombinieren können (was Kahneman als "mentale Müdigkeit" bezeichnet). Etwas salopp formuliert haben wir so, wenn wir wach sind, eine umfangreichere und differenziertere Theorie im Kopf, als wenn wir müde sind. Dadurch kann es zu Fehleinschätzungen kommen und zu Enttäuschungen.
Allerdings erscheint mir dies als eine ganz normale Phase in der Theoriearbeit zu sein, was allerdings viele Menschen nicht erfahren, weil sie nicht so bewusst und reflexiv mit Denkprozessen umgehen, wie Menschen, die viele und schwierige Bücher lesen.
Es mag also sein, dass dieser zeitweilige Tunnelblick und diese allererste Anstrengung und Unsicherheit sehr viel eher die Ursache dafür sind, dass Menschen vor der Theorie zurückschrecken, als die Theorie selbst. Es geht also um die Unterscheidung zwischen Dummheit und Trägheit.

Frei nach Seneca:
Es ist nicht die Theorie, die uns beunruhigt, sondern was wir über die Theorie denken.
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