09.11.2014

Analyse von Lernstoff

Heute morgen habe ich mir ein Upgrade von einem Programm (Magix) geleistet, um meinen Computer aufzuräumen. Bisher hatte ich meine alte Version, die noch nicht für Windows 8 ausgelegt war, weiter verwendet. In den letzten Wochen ist mein PC deutlich verzögert gestartet. Jetzt legt mir das Upgrade gerade meinen Computer lahm: es gibt zu viel aufzuräumen.

Schule: Analyse des Lernstoffs

Für die Schule stöbere ich gerade in meinen Grammatik-Büchern herum. Eine für mich wichtige Arbeitstechnik ist die Analyse des Lernstoffes mit den Instrumenten Peter von Polenz'. Dieser klassifiziert in seinem Buch Deutsche Satzsemantik die semantischen Rollen von Satzteilen und die semantischen Klassen von Verknüpfungen.
Polenz bietet damit ein wesentlich präziseres Modell an als Fillmore. Fillmore wiederum findet sich als Bezugstheoretiker bei Hans Aebli, wenn es um die Analyse von Handlungsfolgen geht. Diese sind auf doppelte Weise für den Unterricht nützlich: (1) können Handlungen, die die Schüler lernen sollen (Aebli beschreibt zum Beispiel die Herstellung von Hartkäse), in einzelne Schritte aufgegliedert werden; (2) ist Unterricht selbst eine Handlungsabfolge, die so analysiert und damit differenzierter durchdacht werden kann.

Aebli und die semantischen Netze

Hans Aebli ist ein Schweizer Psychologe, der den Lehrstuhl für Lernpsychologie in Bern inne hatte. Er gilt als einer der bedeutendsten Schüler Jean Piagets.
Seine Handlungstheorie hat er in Denken: Das Ordnen des Tuns I dargestellt. Ein zentraler Punkt dafür sind semantische Netze, die darstellende und eingreifende Assimilationsschemata verknüpfen und so handlungsleitend wirken. Die semantischen Netze sind, wie die darstellenden und eingreifenden Assimilationsschemata, symbolische Repräsentationen von Vorgängen und Objekten in der Welt.

Schemata

Das war jetzt nun ein bisschen arg viel Fachvokabular auf einmal. Bleiben wir zunächst bei den Schemata als solche. 
Als Schema gilt eine zusammengefasste Vielheit, die eine Handlung strukturiert und wiederholbar macht. So kann man sich zum Beispiel ein Schema aus Mund und Daumen vorstellen, einem unangenehmen Gefühl und die Erwartung einer Befriedigung, die durch das Daumenlutschen erzeugt wird. Indem das Kind nun diesem Schema folgt, handelt es und erreicht dann, nachdem es den Daumen in den Mund gesteckt hat, entweder eine Erfüllung oder eine Versagung.

Darstellend

Schemata kann man, in diesem Sinne, als Kleinstbausteine unseres Denkens bezeichnen. Sie bilden sich aus den ersten, sehr undifferenzierten Erfahrungen. Im Laufe des Säuglingsalters bilden sich nun zahlreiche solcher Schemata, die sowohl die Handlung als auch die Wahrnehmung betreffen.
Schemata bezüglich der Wahrnehmung nennt Aebli darstellende Assimilationsschemata. Der Zusatz Assimilation bedeutet, dass die von außen kommenden Reize in ein solches Schema integriert werden, wenn es nur hinreichend passt.
So lernen Neugeborene relativ rasch, Gesichter zu erkennen. Sie reagieren dann eine Zeit lang auf jedes Gesicht durch Signale. Dabei wird aber zwischen verschiedenen Gesichtern nicht unterschieden. Diese werden als etwas anderes als andere Objekte in der Umwelt erkannt, aber nicht als in sich unterschieden. Relativ kurz darauf kann der Säugling dann aber Gesichter differenzieren, Mama, Papa, Geschwister unterscheiden und dann immer individueller reagieren.
Die Unterscheidung der Gesichter läuft über Schemata. Zunächst scheint es ein einziges solches Gesichtsschema zu geben, mit dem passende Signale aus der Umwelt erfasst werden. Passend bedeutet, dass diese noch recht unterschiedlich sein können; sie werden an das bisher entwickelte Schema des Gesichts angepasst. Deshalb nennt sich diese Art von Schema auch darstellendes Assimilationsschema.

Eingreifend

Eingreifende Assimilationsschemata entwickeln sich in derselben Form. Sie dienen aber nicht der Wahrnehmung/Interpretation der Umwelt, sondern ihrer Veränderung. Sie greifen in die Umwelt ein.

Semantische Netze

Sobald genügend Assimilationsschemata vorliegen, können diese miteinander kombiniert werden. Daraus entwickeln sich dann feste Kombinationen von Schemata, sog. semantische Netze. Semantische Netze selbst können dann so automatisiert ablaufen, dass sie zu Schemata gerinnen und in noch komplexere semantische Netze eingebunden werden können.

Analyse von Lernstoff

Damit sind wir im Prinzip bei einer einfachen Analyse des Lernstoffs angelangt: zunächst muss ich mir den Stoff fachlich darstellen; dann schaue ich, welche Elemente darstellende, welche eingreifende Assimilationsschemata sind.
Für die Pflege eines Meerschweinchens muss das Kind wissen, was ein Meerschweinchen ist, d.h. es muss das entsprechende Schema aufgebaut haben, um dieses Tier von anderen Tieren zu unterscheiden. Um es aber zu pflegen, gehört zum Beispiel das Schema dazu, dem Tier Futter in seine Schale zu geben. Das ist ein eingreifendes Schema.
Jedes eingreifende Schema stützt sich auf ein oder mehrere darstellende Schemata. Eine Handlung braucht, so sagt man, ein Handlungssignal.

Handlung und Konstellation

An dieser Stelle kommen nun "grammatische" Theorien ins Spiel. Eine Handlung koordiniert entlang der Körpergrenze eine innerlich/äußerliche Bewegung. Um Text in meinen Computer einzutippen, muss ich meine Finger bewegen und die Tasten der Tastatur drücken. Um einen komplexeren Text einzutippen muss ich noch gelegentlich einen Blick auf meinen Fahrplan werfen, den ich mir für die Gliederung meines Textes entworfen habe.
Die Koordination von Körper und Umwelt wird in der kognitiven Psychologie durch Sätze dargestellt, in deren Mittelpunkt eine Bewegung, also ein "aktives" Verb steht. 
Entlang solcher "aktiver" Verben kann nun der Lernstoff entschlüsselt werden.

Didaktisierung

Wenn man nun einen Lernstoff entschlüsselt, dann sind zunächst die Handlungen herauszuarbeiten, die zu einer gewünschten Tätigkeit mit einem gewünschten Ziel führen. Die Kinder bilden etwa Plusquamperfekt-Formen aus Sätzen, die im Präsens stehen (man muss dort einberechnen, dass dieses Ziel ein künstliches, schulisches ist). Die Handlung besteht darin, die Verbformen des Satzes zu ersetzen, indem die Verbform im Präsens erkannt und ins Plusquamperfekt abgeändert wird.
Das ist aber nur das einfache Handlungsschema, das die Kinder später verinnerlicht haben sollen. Auf dem Weg dorthin sind methodische Umwege nötig, die die Kinder zur Wahrnehmung der Verbformen eines Satzes befähigen, die verschiedenen Tempi eines Verbes verknüpfen und eventuell auch noch die Kinder (ausgiebig für diese trockene Übung) motivieren.
Die einfache Handlungsabfolge kann also so nicht stehen bleiben: sie muss didaktisiert werden.

So, mein Computer signalisiert mir gerade, dass ich jetzt weiterarbeiten darf: alles weitere folgt später. Ich muss auch noch ein wenig Unterricht vorbereiten.
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