02.11.2014

Schnelle Hunde, noch schnellere Vietnamesen — und Kassandrarufe

Mein Frühstück habe ich kurzerhand meinen Mittagessen verbunden, heute zumindest, und bin zu dem Vietnamesen in der Torstraße gegangen, dem dort, wo die Torstraße durch den Rosenthaler Platz unterbrochen wird.
Gegessen habe ich Vit Chien, Ente in scharfer Sauce; wobei mir der Name des Gerichtes zu vielfältigen Assoziationen Anlass gegeben hat. In China essen sie Hunde und das ziemlich schnell. Meine Vietnamesen allerdings waren überraschend flott: kaum hatte ich mich gesetzt, hatte ich das Gericht bereits vor mir stehen.

Christa Wolf liegt vor mir, schon seit gestern Abend. Nachdem ich in den letzten Tagen wirklich geschafft habe, meine sämtlichen Notizen zum Homo Faber in den Zettelkasten zu übertragen, dazu auch alle meine Notizen zu den Tagebüchern von Max Frisch, einige umfangreichere Kommentare zu Aufsätzen von Christa Wolf, und einen teilweise sehr innigen Dialog aus einer Lektüre des Homo Faber und Leibhaftig (Christa Wolf), habe ich dann begonnen, meine Notizen zu Kassandra durchzusehen und diese zu ergänzen.

Eigentlich hatte ich nur die Sachen, die ich zu Susanne Gerdoms Buch Last Days on Earth notiert hatte, in eine Form bringen wollen, dass sich mit ihnen systematischer arbeiten kann. Und das ist natürlich immer mein Zettelkasten gewesen, der mir das ermöglicht hat. Dann aber hat mich diese unglaubliche Menge an Fragmenten, Ideen und halb ausgeführten Kommentaren, die ich ja immer auf OneNote abspeichere, so erschlagen, dass ich mir einfach jeden Tag zwei Stunden Zeit genommen habe, um sie mit Stichwörtern und Querverweisen zu versehen.

Jedenfalls liegt nun Kassandra wieder auf meinem Schreibtisch. Wunderbare Satzgefüge, dicht gewebt in Wiederholungen, die das Thema langsam verschieben, zum Beispiel hier:
Und ich, hörte ich mich zu Aineias sagen, ich habe es von Anfang an gewusst. Die Stimme, die das sagte, war mir fremd, und natürlich weiß ich heute, weiß ich seit langem, es war kein Zufall, dass diese fremde Stimme, die mir oft schon in der Kehle gesteckt hatte, in seiner Gegenwart zum ersten Mal aus mir sprach. Willentlich ließ ich sie frei, damit sie mich nicht zerrisse; was dann kam, hatte ich nicht in der Hand. Ich hab es gewusst, ich hab es gewusst, immer mit dieser fremden hohen wimmernden Stimme, bei der ich mich in Sicherheit bringen musste, mich an Aineias anklammern, der erschrocken war, aber standhielt. Standhielt, ach Aineias. Schlotternd, gliederschüttelnd hing ich an ihm, jeder meiner Finger tat, was er wollte, klammerte sich in seine Kleider, riss an ihnen; mein Mund, außer dass er den Schrei hervorstieß, erzeugte diese Art von Schaum, der sich auf Lippen und Kinn absetzte, und meine Beine, die ich so wenig in der Gewalt hatte wie irgend ein andres Glied, zuckten und tanzten in einer anrüchigen unpassenden Lust, die ich gar nicht empfand, unbeherrscht waren sie, war alles an mir, unbeherrscht war ich. Vier Männer konnten mich kaum halten.
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