27.12.2007

Metonymien : Konnotationen

Seit längerer Zeit arbeite ich mit den Metonymien, mehr als mit den Metaphern. Gerade bei erzählenden, handlungsorientierten Texten erscheinen mir die Metonymien fruchtbarer als die Metaphern. Um das Ganze deutlich zu machen, habe ich viele Beispiele gebracht. Nachteil dabei ist, dass die Begriffe nicht mehr dicht beieinander stehen. – Weggelassen habe ich auch einige Übungen dazu; da es sich meist um analytische Übungen handelt, oder diese mit den üblichen Methoden des Brainstorming nachvollziehen lassen, sei jeder aufgerufen, sich diese entsprechend selbst auszudenken.

Metonymien

Figur.

Als Metonymien bezeichnet man Figuren der semantischen Kontiguität. Na, das klären wir jetzt erst mal, was dieser Satz genauer bedeutet. Eine Figur ist sozusagen ein kleines Element aus einem Text, das für sich innerlich eine bestimmte Logik hat. So ist ein Satz wie
"Halb zog sie ihn, halb sank er hin ..." (Goethe)
durch die Wiederholung geprägt: man sieht hier schon, dass mit Logik etwas anderes gemeint ist als was man allgemeinhin unter Logik versteht. Oder:
"Das Leben ist kurz, lang ist die Kunst."
stellt einen Kontrast dar, der zudem durch die Satzumstellung (Inversion) verstärkt wird. Solche Figuren kommen auf sehr unterschiedlichen Ebenen des Textes vor. Stellt man neue Wörter zusammen, wie zum Beispiel "Weltentrücken" (Wagner) oder "Kanaksprech", handelt es sich um eine morphologische Figur, um eine wortinterne Abweichung. Ein Satz wie "He war." (Joyce) ist im doppelten Sinne eine Figur: morphologisch gesehen wird hier die Sprachgrenze zwischen dem Deutschen und dem Englischen missachtet, semantisch jedoch gerade diese misshandelte Sprachgrenze zunutze gemacht, um auf den kriegerischen Charakter hinzuweisen. Oder:
"Voilà: ein ungekämmter Morgenmensch der gähnt: ..." (Arno Schmidt)
noch einmal das Vermischen verschiedener Sprachen; gleich darauf eine morphologische Figur:
"... wir zehenspitzten aus dem winzigen Flur."

Semantik.

Figur kann man also all das in einem Text nennen, in dem man eine geordnete Beziehung herstellen kann, und die nicht auf reiner Gewohnheit oder Regelhaftigkeit der Sprache beruht: ein wohlgeformter Satz ist also noch keine Figur, und ebenso ist ein richtig geschriebenes Wort noch keine Figur. Man findet in Figuren sogar eher den Missklang geschickt am Werke, wie zum Beispiel beim Wort "zehenspitzte", das es eigentlich nicht gibt, hier aber trotzdem Sinn stiftet. Semantische Figuren wie die Metonymie betreffen nun die Bedeutung eines Wortes (Semantik ist die Wissenschaft von der Bedeutung). Die Semantiker unterscheiden hier bedeutungstragende Teile (Seme) und unterscheidende Aspekte (Sememe). Seme sind damit ganz allgemein alle Zeichen, denen ich eine Bedeutung zuweisen kann. Nicht immer sind das Wörter (man denke an die Sprache des Kinos oder der Werbung), aber hier lässt es sich am besten verdeutlichen. Nehmen wir das Wort "Hund": Hund ist ein Zeichen; es hat keine Ähnlichkeit mit einem echten Hund. Damit ich die Bedeutung des Wortes "Hund" feststellen kann, gliedere ich seine bedeutungstragenden Merkmale auf: er ist vierfüßig, ein Säugetier, frisst Fleisch, lebt auf dem Land, und so weiter; im Prinzip bekomme ich hier einen Lexikoneintrag, bzw. eine Definition. Je mehr Bedeutungsaspekte ich erfasse, umso genauer kann ich etwas beschreiben. Fügte ich dem Hund weitere Merkmale hinzu wie: ist weiß mit schwarzen Flecken, hätte ich zum Beispiel keinen allgemeinen Hund mehr, sondern schon, enger gefasst, einen Dalmatiner.

Nachbarschaft.

Diese Aspekte (die Sememe) stellen durch die Gleichheit eine Nachbarschaft her. Nachbarschaft heißt, dass bei zwei Semen (zum Beispiel zwei Wörtern) einige, aber nicht alle Sememe gleich sind. So kann man bei Hund und Katze feststellen, dass beide vierfüßig und Säugetiere sind, zudem wilde Urformen und domestizierte Arten haben (das Semem domestizierbar), dass sie Fleisch fressen, und so weiter; dagegen sind Katzen eher Einzelgänger, Hunde eher Rudeltiere (schon hier stellt man aber auch fest, dass es graduelle Unterschiede gibt). – Solche klassifizierenden Nachbarschaften sind aber für den dichterischen Text eher nebensächlich, obwohl sie natürlich gebraucht werden.
Ganz anders kann man diese Nachbarschaft in einem Gedicht von Droste-Hülshoff lesen; nehmen wir hier, der Einfachheit halber, die Buntheit als verbindendes Merkmal:
Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant
Natur die Trödelbude aufgeschlagen.
Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,
Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,
Als das Gerölle, gleißend wie vom Schliff,
Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff
Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.
Die Buntheit teilt sich durch eine Vielfältigkeit mit: dazu gehören einerseits Pluralformen (Gesteine, Gerölle), Aufzählungen (blau, gelb, zinnoberrot) und Sammelbezeichnungen (Gant [=Jahrmarkt], Trödelbude, Fell, Gefieder). Man kann also sagen, dass diese drei recht unterschiedlichen Textelemente die Buntheit (mit-)bezeichnen, da sie in ihrer Nachbarschaft liegen. Es sind Metonymien.

Metonymien.

Roman Jakobson gibt ein anderes Beispiel für Metonymien. Er nimmt das Wort "Hütte" und beschreibt "Reizwörter", die mit dem Wort "Hütte" verbunden sind: Strohdach, Streu, Armut. Das Strohdach steht in unmittelbarer Beziehung zur Hütte, ist sozusagen ein Teil von ihr. Unschwer lässt sich hier das klassische Beispiel von Aristoteles wiederfinden, der die Metonymie mit "dreißig Segel auf dem Meer" erläuterte; wie die Segel für die Schiffe stehen, so steht das Strohdach für die Hütte. Ähnlich verhält es sich mit der Streu: diese befindet sich in der Hütte als Boden. Und die Armut verursacht, dass Menschen in Hütten leben, also steht die Hütte auch für die Armut.

Klassifizierung

Metonymien lassen sich klassifizieren. Plett beschreibt in seinem Buch Systematische Rhetorik vier Formen der Metonymie. Wie wir oben gesehen haben, ersetzt der semantische, bedeutungsvolle Nachbar das "eigentliche" Zeichen, also handelt es sich bei der Metonymie immer um eine Form des Ersetzens.

generell / partikulär:

Der erste Typ ersetzt etwas Allgemeines durch etwas Besonderes und umgekehrt. Das Schiff wird durch das Segel ersetzt, die Hütte durch das Strohdach. Droste-Hülshoff beginnt ihr Gedicht Die junge Mutter so:
Im grün verhangnen duftigen Gemach,
Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;
Wie brennt die Stirn, sie hebt das Auge schwach
...
während die ersten beiden Zeilen noch indifferent bleiben, führt die dritte Zeile gleich zwei Metonymien für die Krankheit ein: die heiße Stirn (hier noch mit der Metapher brennen) und die träge Augenbewegung (ebenfalls metaphorisiert: heben). All dies ersetzt etwas Allgemeineres durch etwas Besonderes. Es funktioniert aber auch umgekehrt, indem man zum Beispiel einen Teil mit dem Ganzen gleichsetzt:
Etwas ist faul im Staate Dänemark,
wobei Dänemark für Hamlets Stiefvater König Claudius steht;
Ihr Schall gehet aus in jedes Land und ihr Wort an alle Enden der Welt, ...,
wie es in Händels Messias heißt (Verallgemeinerungen dieser Art sind typisch für religiöse Botschaften und politische Propaganda).
Diese Form der Metonymie ist für den Schriftsteller besonders wichtig, gerade in der Richtung vom Allgemeinen zum Besonderen: denn das Besondere ist meist auch das Sinnliche, und fast immer lebt eine Erzählung von der Sinnlichkeit, der "prallen Wirklichkeit". Statt also zu schreiben: "Die Mutter war tödlich krank." schreibt Annette von Droste-Hülshoff: "Wie brennt die Stirn, sie hebt das Auge schwach ..." und erzeugt dadurch sehr viel mehr Nähe.
Was dagegen fängt man mit einem Satz wie
Zusammengekauert wie ein verwundetes Tier, lag sie auf ihrem Bett, dachte an Keelin und an das, was er zu ihr gesagt hatte. Sie fühlte sich so einsam und hilflos wie niemals zuvor, aber es gab niemanden, dem sie sich in ihrem Unglück anvertrauen mochte.
(Monika Felten: Die Schattenweberin)
Abgesehen davon, dass die Autorin hier immer wieder solche überspitzten Wendungen wie "wie niemals zuvor" verwendet, so dass man ihr bald nicht mehr glaubt, bringen diese Sätze wenig Plastisches mit sich. Vergleiche à la "wie ein verwundetes Tier" wirken abgedroschen. Was hätte sie stattdessen machen können? Sie hätte die Szene metonymisieren können. Wie zeigt man, ganz exemplarisch, dass sich jemand einsam fühlt? Indem man ihn zum Beispiel etwas tun lässt, nur um sich abzulenken; indem man ihn Kontakt zu einer bestimmten Person aufnehmen lässt, und sei es nur das Zimmermädchen (oder wer sonst gerade in diesem Roman zur Hand ist), und dann den Kontakt abrupt abbrechen lässt. Es gibt ja tausend Arten, diese Einsamkeit zu schildern. Gut: was ich hier mache, ist sozusagen der Übergang zur plastischen Szene, zur szenischen Mimesis, aber genau diesen ersten Schritt muss man immer wieder gehen: vom Allgemeinen weg hin zum Besonderen und Konkreten. Nebenbei schreiben zwar alle Schreiblehrbücher, dass man sinnlich schreiben sollte, aber die "pralle Wirklichkeit" ist ja auch nur eine Abstraktion. Nur das sinnlich und konkret Geschilderte ist eben das sinnlich und konkret Geschilderte. Nie ist das Alles, sondern immer ein kleiner Ausschnitt, ein Beispiel, immer eine Form der Metonymie.

Zwischenschritt: die Konnotation.

Die Konnotation ist eine etwas umstrittene Sache. Mit ihr wird aus einem Zeichen ein Bezeichnendes für etwas Allgemeineres. Klingt kompliziert? Ist es nicht. Wir hatten oben schon genug Beispiele. Ich komme gleich darauf zurück. Nehmen wir zunächst ein großes Haus, mehrere Diener darin, einen gepflegten, großen Garten, helle Erleuchtung, viele Gäste, eine rauschende Party: all dies sind Spuren des Reichtums. Im Prinzip ist eine Konnotation nichts anderes als die Spuren eines Allgemeinen in einem Text. Man sucht als Leser einen Text nach diesen Allgemeinheiten ab und findet sie hier und dort und eigentlich überall. Oben hatte ich dasselbe Prinzip schon an dem Gedicht von Droste-Hülshoff mit der Konnotation "Buntheit" erläutert.
Um dies deutlicher zu machen, nehmen wir einfach einen beliebigen Text von irgendwoher, die Konnotation steht im Fettdruck zwischen dem eigentlichen Text:
Manchmal reicht das Genügsame ein Schokoladenbad das Luxuriöse und Groteske, ein peinlicher Versprecher die Ausnahme, das Peinliche oder schlicht der richtige Mann an der Seite das Accessoire - und schon ist frau die (grammatische) Abwertung zum Star, zur Stil-Ikone avanciert die Erhöhung. Doch woran liegt es, dass es bei einigen Frauen einfach nur peinlich das Peinliche ist und andere zu den "It-Girls" werden? das Rätsel Wir haben die Antworten… das Versprechen
- Wie ihr seht, habe ich einfach "irgendwie" den Text angefüllt, und trotzdem einige recht typische Eigenarten herausschälen können: es gibt einen Kontrast zwischen der Erhöhung und der Abwertung, dazwischen liegen eher zwiespältige Konnotationen wie das Genügsame, das Groteske, das Accessoire, das Peinliche; auf diese Zwiespältigkeit weist die Frage hin, die – klassische Maßnahme des Sensationsjournalismus – Rätsel stellt und gleich darauf ein Versprechen gibt. Es geht also an dieser Stelle zunächst um eine Polarität, ein Zwischenreich, und darum, wie in diesem Zwischenreich entschieden wird. Diese Frage nach der Entscheidung hat etwas von der Geste des römischen Kaisers vor den Gladiatoren (Daumen hoch, Daumen runter). Der dieser Stelle folgende Text will uns sagen, wie der "römische Kaiser" im Falle von It-Girls seinen Daumen bewegt.
Je länger der Text ist, umso eher kommt man zu gemeinsamen Merkmalen, die man systematisieren kann. Wenn man mit Konnotationen arbeitet, kommt natürlich eine gewisse Willkür ins Spiel. Nicht alles, was einem einfällt, wird man notieren, nicht alles systematisch ausarbeiten: gerade lange Romane eignen sich dafür nicht; und so schwenken dann häufig auch die Konnotationen in die Zusammenfassung über.
Die Konnotation nutzt also die Metonymie zu "analytischen Zwecken".

ursächlich / bewirkt.

Wenn ich Goethe lese, lese ich natürlich nicht Goethe, sondern eines seiner Werke. Ich ersetze dieses Werk durch seinen Verursacher: eine Metonymie, auch kausative Metonymie genannt. Wir finden solche kausativen Metonymien zum Beispiel im Kriminalroman: der Tatort ist eine Metonymie des Verbrechens. Wir finden solche Metonymien auch bei Menschen, vor allem bei Kindern; das Kind zeigt, was es zustande gebracht hat, und der Stolz auf das eine gelungene Werk ist der Stolz auf sich selbst. Wir finden diese kausativen Metonymien schließlich im Größenwahn und im Narzissmus: diese engen die Wirklichkeit auf einen bestimmten Bereich ein und ziehen aus diesem engen Bereich die eigene Größe; wie der Wahnsinnige, der auf seine drei Bücher im Schrank hinweist, und sich für professoraler als ein Professor hält.
Oft werden solche Metonymien hin und her gewendet: vom Ursächlichen zum Bewirkten und vom Bewirkten zum Ursächlichen; Texte sind voll davon, logische Abfolgen zu erklären: diese mögen zwar auch in der Welt so vorkommen, aber im Text interessiert den Sprachwissenschaftler die Verkettung der Zeichen. So schreibt Droste-Hülshoff:
O schaurig ist's über's Moor zu gehen,
...
– das Schaurige ist hier das Bewirkte, in Form eines Rätsels (warum ist es schaurig? was bewirkt, dass es mich schauert?) –
... Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
...
– so dass hier zum Bewirkten gleich eine ganze Reihe von Ursachen geliefert werden.
Auch der Text zu den It-Girls, den ich oben zitiert habe, verspricht eine solche Abfolge: die Berühmtheit mancher It-Girls ist das Bewirkte, die kausative Metonymie auf der einen Seite, die Erläuterungen zeigen auf die Ursachen, die kausative Metonymie auf der anderen Seite. – Und noch einmal gesagt: ob dies wirklich so war, oder sich nur jemand erfunden hat, ist zunächst nicht so interessant, sondern hier ist alleine die Rhetorik wichtig, die solche Abfolgen konstruiert.
Wie wichtig und wie mühsam solche Abfolgen sind, mag man an zwei Kindern ermessen, die sich versuchen gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben (du hast angefangen! – nein, du!). Dasselbe, wenn zwei Menschen sich im Streit trennen. Und im sekundären Krankheitsgewinn findet man – jedenfalls nach der Psychoanalyse – ebenfalls eine solche kausative Metonymie, auf den Kopf gestellt, oder verzerrt: die Lust, die man aus seinen pathologischen Handlungen zieht, ist eigentlich die Abwehr einer Unlust (der primäre Krankheitsgewinn). Freuds kleine Schrift zur Pathologie des Alltagslebens liefert einen ganzen Schwarm solcher hübschen verdrehten Metonymien.

substantiell / akzidentiell.

Licht wird alles, was ich fasse,
Asche alles, was ich lasse, ...
schrieb Nietzsche einmal, wobei das Licht und die Asche keine Eigenschaften von einem Ding sind, sondern diesem durch die Tätigkeit zukommen: sie sind akzidentiell (darin steckt das englische Wort accident, Unfall). Wird ein solcher punktueller oder nebensächlicher Moment verallgemeinert, hat man es mit einer attributiven (zuweisenden) Metonymie zu sein. Andersherum:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.
(Goethe natürlich)
– und natürlich ist Faust ein Mensch, ganz im Allgemeinen, im Substantiellen: hier aber wird ihm aus der Situation heraus das Mensch-Sein verliehen, ist also akzidentiell.
"So kann nur ein Verbrecher aussehen!", "Wann du Frau sein darfst, bestimme ich."
– sind zwei weitere Beispiele dafür, wie attributive Metonymien funktionieren. Meist sind sie natürlich nicht so grob.
Wann ist ein It-Girl wirklich ein It-Girl und wann nur einfach eine peinliche Frau? – Wer den Text bis hierher gelesen hat, mag sich natürlich wundern, dass ein und dasselbe Beispiel – die It-Girls - für so viele verschiedene Metonymien herhalten kann. Aber so verwunderlich ist das nicht: die Konnotation selbst ist ja eine Metonymie, und rein linguistisch gesehen kommen wir gar nicht aus dem Gebrauch der Metonymien heraus. Wenn ich etwas als eine Metonymie bezeichne, ist das ja selbst wie eine verkürzte Metonymie: ich erkläre ein bestimmtes Zeichen (die Substanz) zu einer Metonymie (die Akzidenz); und natürlich kann ich von hier aus in jede Richtung weitergehen. Ich kann mir das It-Girl als Ursache für etwas, als Wirkung von etwas nehmen und dementsprechend Schlüsse ziehen.
Man findet diese Metonymien überall und in jeder Form. Noch ein Beispiel:
"Zum Schutz von Kindern vor Verwahrlosung sollen Eltern angehalten werden, häufiger mit ihnen zum Arzt zu gehen." (zu Ulla Schmidt)
Wenn ein Kind häufig beim Arzt ist (Substanz), ist es besonders geschützt (Akzidenz). Wenn die Eltern ihr Kind nicht regelmäßig zum Arzt bringen (Ursache), erleidet das Kind eine Vernachlässigung (Wirkung). Dass Eltern ihr Kind regelmäßig vom Arzt untersuchen lassen (partikulär), bedeutet, dass sie es gut umsorgen (generell). Alleine die Nachbarschaft in einem Text erzeugt schon eine Menge solcher Metonymien. Semantische Nachbarschaft ist ja auch die Definition für die Metonymie.

inhaltlich / inhaltsumschließend.

Hier werden Inhalt und Behälter gegeneinander ausgetauscht: Ich trinke ein Glas; anderswoher kennen das die Leser meines Blogs schon. Häufig findet man dies auch in der Politik und der Wirtschaft: Brüssel intervenierte hier mit zusätzlichen Regelungen. Natürlich intervenierte nicht die Stadt, sondern nur ein Teil der europäischen Regierung, also Menschen. Die Schule war für die Katz'!, aber wohl eher der Unterricht. Der Brief freute ihn; da aber wohl eher die Nachricht, die im Brief stand. – Das Problem dieser vierten Art der Metonymie ist wohl auch, dass sie ebenso wie die erste Art (generell/partikulär) zu einem Begriff gehört. Wenn ich Hütte sage, dann gehört zum Beispiel das Strohdach ebenso zu diesem Begriff der Hütte wie das Streu auf dem Fußboden. Wenn ich Brief sage, dann ist die Briefmarke ebenso Teil des Briefes wie die Wörter, die darin auf einem Briefbogen stehen. Ein Begriff bezeichnet ja eine bestimmte Ganzheit. Diese Ganzheit kann recht unterschiedliche Elemente besitzen, wie der Brief zum Beispiel mit einer Briefmarke, einer Adresse, einem Briefbogen und einer Nachricht verbunden ist. Ob man das als Teil oder als Inhalt wertet, ist dann fast egal. Nur wenn man hier strenger räumlich denkt, kann man eine Trennung vollziehen, doch auch mit der sollte man vorsichtig sein, denn vom Text her gesehen ist die Nachricht nicht Inhalt eines Briefes, sondern steht neben diesem: Sätze sind nun einmal linear, und ein Wort kann nur neben einem anderen Wort stehen, nicht aber "in" diesem.

Erzählen

Wenn im Allgemeinen Texte voller Metonymien stecken, dann natürlich auch Geschichten. Schon das Plotten, also das Entwerfen einer Handlungskette, ist ein Konstruieren von Metonymien. Jede Atmosphäre in einer Erzählung spielt auf Allgemeines an:
Draußen vor der Hammerschmiede knurrte ein Hund. Drinnen in dem Vorsprung des Erkers, ohne auf die Dorf­straße blicken zu können, da ihm die Sicht durch das Fenster in Schulterhöhe versperrt wurde, saß Melrose Plant, trank Old Peculier und las Rimbaud. Der Hund gab ein tiefes, kehliges Knurren von sich und fing dann wieder an zu bellen; seit einer Viertelstunde ging das nun so.
(Martha Grimes, Inspektor Jury schläft außer Haus)
– hier wird über den Gegensatz drinnen/draußen auf den Müßiggang angespielt, aber auch darauf, dass "draußen" Gefahr bedeutet. Obwohl diese Szene eher nebensächlich ist, umfasst sie schon eine zentrale Opposition dieses Romans im Allgemeinen. Andererseits aber kann diese kleine Szene auch in einem ganz anderen Roman stehen und dort eine ganz andere Funktion haben. Welche Funktion eine Szene hat, wird eben durch ihre Nachbarschaften bestimmt. Sie hat die Funktion nicht aus sich selbst heraus.
Wenn ein Autor einen Charakterzug verdeutlichen will und nicht einfach nur behaupten möchte, dass seine Figur diesen Charakterzug hat, muss er dies verdeutlichen, also konkret erzählen. Und da kein Autor einfach nur weitere Beispiele bringen wird, bis auch der letzte Leser weiß, dass zum Beispiel eine Figur besonders mutig und edel ist – obwohl es natürlich auch solche Romane gibt, Pornoromane zum Beispiel, die durch endlose Wiederholungen gekennzeichnet sind -, darum wird jeder Autor exemplarisch bleiben. Er muss dann darauf vertrauen, dass der Leser vom Besonderen zum Allgemeinen schließt und damit die Metonymie umdreht. – Dass das Allgemeine in einem erzählenden Text vermieden werden sollte, zeigt auch, dass verallgemeinernde Metonymien in Werbebotschaften und politischer Propaganda eine große Rolle spielen. Doch genau das erwartet der Leser ja nicht, wenn er einen Roman liest. Sicher: sozialistische Bildungsliteratur, Lehrstücke, aber auch Literatur von "Außenseitern", wie eben Pornografen, werben auch für sich oder ihr Thema, und allemal hat Brecht dies zu einer Kunstform erhoben. Aber das sind entweder vorbildliche Ausnahmen (im Falle von Brecht) oder abschreckende Beispiele.
Kausative Metonymien spielen für den Handlungsverlauf eine starke Rolle. Jede Geschichte ist konstruiert; sie folgt zahlreichen gewöhnlichen Handlungsabfolgen, aber jede gute Geschichte wartet auch mit Überraschungen auf. Konstruiert sind beide Formen. Moderne Psychothriller und andere Sensationsromane (Sakrileg von Dan Brown) etwa erklären etwas aus der Vergangenheit als Ursache für etwas in der Gegenwart. So was kommt von so was. Aber auch Herr der Ringe oder Harry Potter sind voll von solchen kausativen Metonymien, ja, alle rätselhaften Vorgänge in Romanen basieren auf ihnen. So fantastisch Harry Potter anmutet, Rowling verkauft uns über sieben Bände hinweg seine Geschichte als "logische Abfolge". Und wir als Leser fallen gerne darauf rein, obwohl wir wissen, dass alles nur konstruiert ist. Die Kunst der kausativen Metonymie besteht gerade in dem Rätsel, das hier gestellt wird: man kennt sozusagen eine Situation, und der fiktive Text schiebt uns automatisch die Fragen unter, wie es zu dieser Situation gekommen ist, wie sie wohl weitergehen wird: jedes Rätsel steht schon für etwas anderes.
Metonymien sind deshalb so schön, weil sie immer wieder andere Bedeutungen anspielen/anspülen können. Die Metonymie ist das Treibgut des Textes, wir die Schiffbrüchigen darin, die sich festen Boden unter den Füßen wünschen (und allzu oft halluzinieren wir uns diesen festen Boden). Metonymien sind aber auch ein Werkzeug, um Texte zu analysieren (mehr als die Metaphern) und Texte zu kritisieren (siehe politische Propaganda).
Schließlich erlauben uns Metonymien das Spiel mit den Assoziationen. Jedes Brain-Storming, Rico's Cluster-Methode basieren auf Metonymien. Gabriele Rico hat uns – wenn auch nicht unter dem linguistischen Begriff – mit ihrem Buch Garantiert schreiben lernen schöne Beispiele dazu vorgestellt; Freuds Pathologie des Alltagslebens führt uns in zahlreiche alltägliche Verwendungen ein; Roland Barthes führt den Gebrauch der Konnotation in seinem Buch S/Z vor; und Deleuze und Guattari haben mit ihrer Philosophie der Ströme im Anti-Ödipus und in Tausend Plateaus die Nachbarschaft, die Zufälligkeit der Nachbarschaft und die Notwendigkeit, ja den Zwang zur Nachbarschaft zu einem philosophischen Denkmodus erhoben.
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