11.12.2007

Wozu Analysen?

Erschrecke ich dich, wenn ich dir gestehe, dass ich Krimis aus dem Bauch heraus konstruiere? - fragt Alice, nachdem sie meinen kleinen Beitrag zu Verrätselungen gelesen hat.
Nein, tatsächlich nicht. Im Gegenteil ist es sogar notwendig, genau das zu tun. Fragt sich nur: warum?
Die ganze Sache hängt mit der Art und Weise zusammen, wie man Begriffe definiert. Begriffe gelten - klassischerweise - als intellektuelles Metier. Man hat zwar seit langer Zeit immer wieder gegen die künstliche Trennung von Körper und Geist, von Verstand und Gefühl gewettert, aber dem hat man kein gutes Konzept entgegenstellen können und so sind Begriffe immer ein intellektuelles Spiel geblieben.
Als ich, fast noch vor meinem Studium, hier immer wieder auf einen seltsamen Bruch stieß, der sich weder von den sogenannten Bauchmenschen, noch von den Denkern erklären ließ, begann mich diese Sache sehr zu interessieren. Nach einer etwas längeren Reise sieht heute mein Konzept für Begriffe - knapp gesagt - so aus: sie bestehen aus drei verschiedenen Teilen, den konkreten Wahrnehmungen, dem kognitiven Muster und dem emotionalen Leim. Quer hindurch spannt sich dann eine Handlungsfähigkeit.
Damit soll zuallererst gesagt werden, dass Begriffe keineswegs intellektuell sind. Ihr Ziel ist nicht das Begreifen, sondern das Handeln-Können. Und sie gehen nicht im Intellektuellen auf.
Der eigentliche Skandal dabei ist, dass die Begriffe sogar garnicht in Büchern auftauchen. Selbst in wissenschaftlichen Büchern nicht! - Und auch ich habe keineswegs Begriffe beschrieben. Es handelt sich hier eher um Muster.
Wie kommt man nun zu dem Begriff? Das ist unglücklicherweise eine etwas mühsamere Sache als man durch Auswendiglernen erreichen kann. Wer etwas auswendig lernt, kommt meist zum Nachplappern eines Musters; und hat damit natürlich einen Teil des Begriffes gelernt. Um aber von dort zu dem Begriff zu kommen, muss man das Muster anwenden. Erst durch dieses Anwenden kommt man dann zum emotionalen Leim, und damit zu einer Sensibilität und Handlungsfähigkeit. - Und hier - ein für allemal! - geht es nicht mehr um ein intellektuelles Konstruieren, um einen Entwurf, der so klar und sauber niedergelegt ist, wie der Grundriss eines Hauses auf dem Tisch des Architekten. Nein, es geht darum, "aus dem Bauch heraus" zu entwerfen. Erst dann wendet man Begriffe richtig an. Sie haben eben einen nicht-intellektuellen Anteil, der sich weder in Büchern, noch in der Sprache insgesamt feststellen lässt. Eher zeigt sich dieser Anteil im Handeln, und zwar auch hier wieder nicht so, dass man sofort erfolgreich handelt, sondern eher so, wie man mit Sackgassen und Widersprüchen umgehen kann.
Man kann also sagen, dass Analysen zwar Muster anreichern, und einem so mehr "intellektuelles Fleisch" an die Hand geben, aber deshalb kommt man damit noch lange nicht zum Handeln. Erst muss man mit diesen Mustern etwas getan haben.
Die eine Möglichkeit ist, dass man ein Muster zum Analysieren benutzt. Tatsächlich ist das der einfachere Weg: ich suche einfach aus einem Buch weitere Beispiele zusammen. - Nichts anderes habe ich in den letzten Monaten getan, als ich Bücher analysiert habe.
Der andere Weg ist schwieriger: ich nutze die Muster, um etwas zu synthetisieren. Zum Beispiel eine Geschichte. Dieser Weg ist deshalb komplexer, weil die Synthese mehr Möglichkeiten offen lässt. Ihr Ziel ist undeutlicher. Bei einer Analyse kann ich notfalls immer noch sagen: trifft zu/trifft nicht zu. Bei einer Synthese komme ich eher zu Einschätzungen wie günstig/nicht günstig.
Und auch hier greift die Emotion stark ein: ist ein Muster wenig emotional verankert, gibt es also nur ein intellektuelles Überprüfen, wird ein Wohlfühlgefühl nur schwach ausgeprägt sein. Dann aber kann ich mich kaum auf eine Einschätzung stürzen, mit der ich selbst zufrieden sein kann. Die Begriffe, mit denen ich gearbeitet habe, sind dann eben wenig praktisch.
Deshalb: Muster sind etwas Feines, aber noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Wer ein Buch über das Schreiben von Krimis liest, und dann meint, einen Krimi schreiben zu können, ist ein ausgemachter Hornochse. Zunächst einmal sollte er viele Krimis lesen und eben viel schreiben. Also handeln; und damit aus dem Intellektuellen und Kochbuchhaften eine enge Verbindung zur eigenen Persönlichkeit herausschälen. Dann und erst dann hat dieser Mensch das Krimi-Schreiben "begriffen". Und dann und erst dann kann Schreiben sowohl persönlich sein, Spaß machen, als auch Neues oder zumindest fundierte Unterhaltung transportieren. Man erkauft sich diesen Spaß damit, dass man nicht hundertprozentig sagen kann, wie man seine Geschichten schreibt: der emotionale Leim, der nicht-sprachliche Anteil am Begriffenen, verhindert das.
Insofern Alice!: nein, ich bin nicht erschrocken! - Eher sehe ich darin eine Qualität. In der Art, wie du zwischen Handeln und Reflektieren hin- und herpendelst, liegt eine große Offenheit. Und sicherlich hast du Begriffe. Sie tragen nur nicht so pompöse Namen wie Metonymie. Bei dir tauchen solche Sachen mehr in Beispielen auf, in Anekdoten, wenn du etwas erläuterst. Der eine wirkliche Vorteil von scharfen Begriffsbezeichnungen für den Schriftsteller ist, dass man sich darüber rascher verständigen kann. Und der andere, dass man die ganze Angelegenheit des Schreibens besser systematisieren kann. Die dritte wäre, dass man Probleme besser diagnostiziert, eine Aufgabe, die eher für den Leiter einer Schreibwerkstatt als für den praktizierenden Schriftsteller wichtig ist.
Weshalb ich immer wieder auf diesem Unterschied herumreite, hat einen ganz anderen Grund: das Nicht-Sprachliche im Begriff wird von vielen Menschen als Ausrede benutzt, um dann garnicht mehr darüber nachzudenken. Dann wird entweder ein Begriff generell zur Seite geschoben und als Humbug bezeichnet. Und das ist er dann ja auch: wenn man einen Begriff nicht durchdringt, bleibt er eine leere Hülle, ein Muster. Oder man nutzt dieses Nicht-Sprachliche im Begriff, um sich aufzuspielen und dem anderen Unverständnis vorzuwerfen.
Nicht-Reflektieren und Nicht-zum-Handeln-kommen-lassen sind die beiden Todsünden beim Begriff. Während das Nicht-Reflektieren nur die eignenen Ziele monopolisiert und damit Alternativen nicht zulässt, damit aber despotisch ist, will das Nicht-zum-Handeln-kommen-lassen anderen Menschen ein leeres, unbegriffenes Nachplappern aufzwingen, und ist damit terroristisch. - Toleranz ist die Gegenantwort: Toleranz dafür, dass es zu den eigenen Begriffen Alternativen gibt, und Toleranz dafür, dass andere Begriffe ein anderes Handeln und Denken nahelegen, und dass der Weg dorthin mit "Fehlern" gespickt ist (statt Fehler könnte man auch Abweichungen sagen).
Wozu also Analysen? - Aus einem einfachen Grund: je mehr man sich mit kleinen Mustern anreichert, je mehr man Umgang mit dem Weg vom Muster zum Begriff hat, umso eher "spürt" man diesen ganzen Zusammenhang. Analyse - in diesem Sinne - ist keine Frage der Wissenschaftlichkeit, sondern eine Frage der Toleranz und Solidarität.
Kommentar veröffentlichen