19.11.2008

Krimis plotten und schreiben: Spuren, Indizien, Rätsel

Krimis zu schreiben ist immer wieder eine Frage der Konstruktion. Ein zentraler Punkt dabei ist die Konstruktion eines Rätsel, sei es nun eines Tatorts, einer Spur, eines Geheimnisses.

Krimis nachahmen

Viele Autoren verlassen sich darauf, zahlreiche Krimis zu lesen, und aus diesen dann neue Krimis zu basteln. Sie „klauen“. Dies ist eine gängige und sinnvolle Praxis. Nachahmen ist hier übrigens das schönere Wort. Dazu schrieb mir Melanie schon vor längerer Zeit eine e-mail. Da Melanie Germanistik studiert, hatte sie eher Fragen zu den linguistischen Einheiten, die zur Konstruktion eines Krimis notwendig sind, als zu der Praxis des „Klauens“. (siehe auch: Die Kreativität der Schriftsteller)
Wenn man also keine Versatzstücke benutzen will, wie konstruiert man dann einen Kriminalfall? Und wenn man einen solchen konstruiert hat, wie setzt man diesen in einen guten Plot um?
Diesen Fragen möchte ich hier nachgehen.
Eine Warnung zuvor, übrigens eine meiner üblichen Warnungen: ohne etwas Theorie läuft gar nichts. Wir brauchen zum Beispiel Begriffe, um die Elemente eines Krimis handhabbar zu machen. Begriffe sind mit dem Handhabbaren, also mit einer Praxis engsten verbunden.

Zitieren

Strukturen lesen

Bevor man sich nun gänzlich auf theoretische Konstruktionen stürzt, eine gegenteilige Warnung. Was mancher Schriftsteller unter "bei berühmten Kollegen klauen" versteht, ist ein Zitieren. Zitieren kann man nicht nur kluge Worte berühmter Menschen, sondern auch Strukturen.
Zu Strukturen kommt man, wenn man einen Text oder ein Textstück von allem Beiwerk befreit und auf ein nacktes Skelett reduziert (man sagt auch abstrahieren).

Nehmen wir folgenden Fall:
Ein Kommissar fährt irgendwohin. Durch einen dummen Zufall demoliert er auf dem Weg dorthin ein fremdes Auto. Er klemmt einen Zettel mit seiner Telefonnummer unter den Scheibenwischer. Auf der Rückfahrt steckt dieser Zettel immer noch da. Als sich dann niemand meldet, stattet er dem Auto einen Besuch ab. In dem Haus, vor dem das Auto geparkt ist, findet er eine nackte Frauenleiche.
Dies ist aus dem ersten Kapitel von Andrea Camilleris Krimi Die Stimme der Violine. So beschrieben hat die Struktur wenig Reiz. Der Leser mag sich aber überzeugen, dass schon dieses erste Kapitel eine enorme Spannung aufbauen kann und – wie für Camilleri typisch – eine Menge Humor besitzt, wenn man es auskleidet.

Strukturen zitieren

Nun kann man diese Struktur zitieren, indem man entweder das Ganze übernimmt, oder leichte Veränderungen einführt.
Nehmen wir an, dass der Kommissar statt einer Frauenleiche im Haus eine Männerleiche im Kofferraum entdeckt. Oder nehmen wir an, dass der Kommissar ins Haus eindringt, aber statt einer Frauenleiche entdeckt er eine Sammlung höchst pikanter Briefe. Später wird der Mensch, der diese Briefe geschrieben hat, anderswo ermordet aufgefunden. Der Kommissar denkt dann natürlich zuerst, dass der Ehepartner den Briefeschreiber ermordet hat, muss dann aber feststellen, dass der Briefeschreiber in ganz andere, sehr viel düsterere Sachen verwickelt war (um hier mal die Geschichte weiter auszugestalten).
Sie sehen also: man braucht nur einen kleinen Abschnitt aus einem Krimi zu zitieren, und schon spinnt unsere ungebändigte Phantasie den Faden weiter und weiter und weiter.

Zitieren funktioniert nicht nur wortwörtlich, sondern gerade mit Strukturen gut. Warum? Strukturen sind immer abstrakt. Wir können sie mit allem möglichen auffüllen. Deshalb muss ich in unserem Beispiel nicht auf einen Kommissar zurückgreifen wie den Commissario Montalbano von Camilleri, sondern kann eine ganz andere Hauptfigur auftreten lassen. Deshalb muss es auch nicht um eine gestohlene Violine gehen, sondern um ein ganz anderes Verbrechen.
Zitieren ist sinnvoll, ja notwendig.

Dagegen ist das Werkzeug, das ich nun vorstellen möchte, recht bescheiden.

Schlussfolgerungen

Erwartungen

Schlussfolgerungen sind übliche Werkzeuge unseres Denkens. Wenn der Himmel grau ist, schleierförmige Wolken herabhängen und ein kräftiger Wind weht, denken wir an Regen. Wir schlussfolgern ihn. Es muss nicht schon regnen und es muss auch in Zukunft nicht regnen. Aber es scheint naheliegend. Und wenn es dann nicht regnet, behaupten wir, das sei seltsam oder sogar, wir hätten Glück gehabt.
Schlussfolgerungen sind recht banale Sachen. Man kann auch sagen, es seien Erwartungen. Wenn ich meinen Kühlschrank aufmache, erwarte ich, dass ich irgendetwas zu essen finde. Aus dem Kühlschrank schlussfolgere ich, dass Essen darin ist, und wenn ich den Kühlschrank sehe, erwarte ich, dass sich Essen darin befindet.
Schlussfolgerungen laufen im alltäglichen Leben oft unbewusst ab. Formulieren wir sie bewusst aus, nennt man dies ein Argument.

Die Deduktion

Sehen wir uns nun ein bewusst ausformuliertes Argument an:
(a) Am Tatort liegt ein abgebrochener Fingernagel.
(b) Fingernägel brechen ab, wenn gekämpft wird.
(c) Also hat das Opfer mit seinem Mörder gekämpft.
Der Satz (a) lässt sich – im Kontext eines Krimis - unschwer als Spur erkennen. Eine Spur ist ein Zeichen. Sie verweist auf ein Geschehen, das in der Vergangenheit passiert ist und eben seine Spuren hinterlässt.
Der Satz (b) bezeichnet eine Regel. Regeln sind Verallgemeinerungen, aber keine Wahrheiten. Der Fingernagel hätte auch abbrechen können, weil sich der Täter an einem Hebel verletzt hat und dabei der Fingernagel so tief eingerissen ist, dass er später gänzlich abgebrochen ist.
Schließlich finden wir im Satz (c) die Schlussfolgerung aus (a) und (b).

Das richtige oder falsche Auffinden beruht also auf drei verschiedenen Sätzen, bzw. Sachverhalten: einer Spur, einer Regel und einer Schlussfolgerung.

Der Syllogismus

Das typische Beispiel für ein solches Argument ist folgendes:
(a) Sokrates ist ein Mensch.
(b) Alle Menschen sind sterblich.
(c) Also ist Sokrates sterblich.
Immanuel Kant nannte dies auch einen Syllogismus. Eine Beobachtung (Satz(a)) wird mit einer Regel (Satz(b)) in Zusammenhang gebracht, woraus man dann etwas folgern kann (Satz (c)).

Wenn wir beim Krimi bleiben, dann lässt sich zum Beispiel folgendes Argument finden:
(a) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Nur Frauen tragen Frauenkleider.
(c) Also ist die Leiche eine Frau. (aus Donna Leon: Venezianische Scharade)

Übung zur Deduktion

Die Spur im Sand

Der Zusammenhang zwischen einer Spur und einer Regel lässt sich an einem typischen Beispiel verdeutlichen: der Spur im Sand.
(a) An diesem Sandstrand sind Fußspuren.
(b) Wenn ein Mensch über feuchten Sand geht, hinterlässt er Fußspuren.
(c) Also ist hier ein Mensch entlang gegangen.
Sie finden aber alltäglich sowohl Spuren, die durch Regeln interpretiert werden können, als auch Regeln, die zum Interpretieren von Spuren genutzt werden können.

Spuren sammeln

1. Sammeln Sie Spuren im Alltag und erfinden Sie dazu Regeln.
2. Sammeln Sie Regeln zur Interpretation und erfinden Sie dazu Spuren.
Diese beiden Übungen sollten Sie an banalen Dingen machen. An herumliegenden Coladosen, an Flecken auf einem Hemd, an dem Klang einer Stimme. Denn all dies sind Spuren. Und ebenso sollten Sie auf der Jagd nach den alltäglichen Interpretationsregeln sein.
Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. – Zwar ist die Deduktion ein ebenso schlichtes wie trockenes Mittel der Logik, aber gerade durch ihre Schärfe, durch ihr starres Muster vermag sie der Phantasie einen ordentlichen Schubs zu geben.

Widerspruch zur Deduktion

Die falsche Deduktion

Nun hatte ich schon weiter oben geschrieben, dass Schlussfolgerungen in Deduktionen nicht notwendig wahr sind. Sehen wir uns folgende Sätze an:
(a) Lisa ist ein Mädchen.
(b) Alle Mädchen sind Vögel.
(c) Also ist Lisa ein Vogel.
Offensichtlich stimmt dieses Argument nicht. Das liegt daran, dass wir eine andere Vorstellung von Vögeln im Kopf haben und diese Vorstellung von Vögeln stimmt mit unserer Vorstellung von Mädchen nicht überein.
(a) Amseln haben Flügel.
(b) Alle Vögel haben Flügel.
(c) Also ist die Amsel ein Vogel.
und:
(a) Lisa hat keine Flügel.
(b) Alle Vögel haben Flügel.
(c) Also ist Lisa kein Vogel.
Offensichtlich widersprechen sich hier zwei Regeln. Die erste Regel, dass alle Mädchen Vögel sind, verträgt sich nicht mit der zweiten Regel, dass alle Vögel Flügel haben. Hier gibt es also einen Widerspruch zwischen zwei Deduktionen.

Falsche Fährten

Nehmen wir noch einmal unser Beispiel von Donna Leon:
(a) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Nur Frauen tragen Frauenkleider.
(c) Also ist die Leiche eine Frau.
Zunächst erscheint uns diese Deduktion als schlüssig.
Nun entdecken aber die Polizisten, dass die Leiche ein Mann ist. Dadurch gerät die Regel in Satz (b) durcheinander.
Wir finden eine konkurrierende Schlussfolgerung:
(a1) Die Leiche ist ein Mann.
(a2) Die Leiche trägt Frauenkleider.
(b) Männer, die Frauenkleider tragen, sind Travestiten.
(c) Also ist diese Leiche ein Travestit.
Donna Leon nutzt gerade die erste Schlussfolgerung sehr lange aus: bis zum Ende des zweiten Kapitels von Venezianische Scharade gilt die erste Schlussfolgerung, nämlich die, dass es sich um eine ermordete Frau handelt.

Die Interpretationsregel

Halten wir zunächst fest, dass eine Schlussfolgerung aufgrund einer nahe liegenden Regel getroffen wird. Solange nicht alle Spuren eingeordnet sind, sind auch die Schlussfolgerungen vorläufig.
Je mehr Spuren gesammelt werden, umso mehr ändert sich die Regel (die wir hier immer durch den Satz (b) ausdrücken).
Wichtig dabei ist, dass Spuren trotz der Deduktion falsch interpretiert werden können. Und genau das nutzt der Krimi aus. Donna Leon hält zunächst wichtige Tatsachen zurück, um dann den ersten Knall zu zünden: die Frau ist ein Mann.

Widersprüche im Krimi-Plot

Widersprüche im Krimi

In einem Krimi sind solche Widersprüche durch Entdeckungen gekennzeichnet. Bisher hatte man dann noch nicht gründlich genug geforscht, Zusammenhänge nicht erkannt, und deshalb waren die Schlussfolgerungen falsch.

Wir können hier zwei weitere Merkmale der Deduktion erkennen.
Als erstes müssen Spuren haltbar sein. Wenn eine Leiche mit Frauenkleidern herumliegt, dann muss man annehmen, dass die Leiche eine Frau ist. Wenn man dann aber entdeckt, dass die Leiche ein Mann ist, muss man andere Annahmen machen.
Als zweites müssen die Regeln anwendbar sein. Die Regel, dass Frauen Frauenkleider tragen, ist auf einen Mann in Frauenkleidern nicht anwendbar. Daher muss man nach neuen Regeln suchen.

Widersprüche entstehen also durch neue Spuren, durch unbrauchbare Spuren oder durch unbrauchbare Regeln. Wenn Sie sich die üblichen Krimis ansehen, dann werden Sie rasch herausfinden, dass unbrauchbare Spuren und Regeln durchaus gängige Werkzeuge in diesem Genre sind: der Detektiv oder Kommissar irrt sich, um es schlicht zu sagen.

Ein Beispiel von Donna Leon

In Donna Leons Venezianische Scharade wird der erste Irrtum, der, dass es sich um eine ermordete Frau handelt, bis zum Ende des zweiten Kapitels aufrechterhalten. Dass es sich überhaupt um eine Frau handelt, wird erst am Ende des ersten Kapitels deutlich. Bis dahin denkt der Mann, der den Schuh entdeckt, es handele sich nur um einen herumliegenden Schuh. Erst als er ihn aufheben will, merkt er, dass ein Fuß darin steckt.
Selbst hier haben wir es mit einer Schlussfolgerung zu tun, deren Regel schließlich nicht mehr angewendet werden kann:
(a) Dort liegt ein roter Schuh herum.
(b) Schuhe, die irgendwo herum liegen, kann man mitnehmen.
(c) Also kann man diesen Schuh mitnehmen.
Als der Mann dann den Fuß bemerkt, schließt er ganz anders:
(a1) Im Schuh steckt ein Fuß.
(a2) Dieser Fuß gehört zu einer Leiche.
(b1) Wenn man eine Leiche entdeckt, muss man die Polizei informieren.
(b2) Kleidungsstücke von Leichen darf man nicht mitnehmen.
(c) Also informiert man die Polizei und lässt den Schuh liegen.
Natürlich muss man nicht immer so penibel ausformulieren. Ich mache das hier nur deshalb so genau, um zu zeigen, dass Schlussfolgerungen ständig wieder auftauchen, sei es in Krimis, sei es in unserem Alltag.
Sie geraten in Konkurrenz zueinander, lösen Konflikte aus, schaffen Widersprüche.
Vor allem lassen sie sich zueinander anordnen und unterschiedlich interpretieren.

Konstellationen

Bisher haben wir uns recht einfache Deduktionen angesehen. Meist sind diese aber von komplexen Voraussetzungen abhängig. Das heißt, wir haben zum einen mehrere Wahrnehmungen und zum anderen mehrere Regeln.
Zu Beginn sollten wir uns nicht darüber den Kopf zerbrechen. Je schlichter wir zunächst vorgehen, desto größer ist der Übungseffekt. Die Komplexität kommt dann von alleine.
Wenn wir uns im weiteren mit einem echten Krimi-Entwurf herumschlagen, sollten wir aber mehrere Voraussetzungen einführen. So wie Donna Leon das tut:
(a1) Ein Schuh liegt in einer Einöde.
(a2) Im Schuh steckt ein Fuß.
(a3) Der Fuß gehört zu einer Leiche.
(a4) Die Leiche hat Frauenkleider an.
(a5) Die Leiche ist ein Mann.
Commissario Brunetti irrt durch eine ganze Menge falscher Regeln, bis ihn ein medizinischer Befund auf die richtige Fährte (Satz (a6)) bringt:
(a6) Der Mann ist rasiert.
(b1) Wer sich rasiert, hat minimale Blutungen unter der Hautoberfläche.
(c1) Also hat der Mann minimale Blutungen unter der Hautoberfläche.
(a7) Der Mann hat aber keine minimalen Blutungen unter der Hautoberfläche.
(b2) Nur wenn man nach dem Tod rasiert wird, hat man keine minimalen Blutungen …
(c2) Also war der Mann bereits tot, als er rasiert wurde.
(c3) Also war der Mann kein Travestit.
(c4) Also ist die Verkleidung des Mannes als Frau ein Täuschungsmanöver des Mörders.
Während die Sätze (a1) bis (a5) den Gang der ersten Untersuchung schildern, wird in den Sätzen (a6), (b1) und (c1) eine Hypothese (Satz (c1)) durchformuliert, die auf einer Erfahrung (Satz (b1)) beruht. Aufgrund der Hypothese (c1) kann dann eine neue Beobachtung (a7) gemacht werden, die zu einer weiteren Erfahrung (b2) führt und eine weitere Hypothese (c2) ermöglicht.
Konstellationen führen zu Verbindungen untereinander. So ist die Regel (b1) mit der Regel (b2) engstens verknüpft: vor dem Tod kann ein Mensch bluten, danach nicht mehr. Die Schlussfolgerung, dass der Mann ein Travestit sei, wird dadurch wieder offen. Sie ist deshalb nicht ausgeschlossen. Aber – wie Leon ihren Commissario schließen lässt – die Möglichkeit eines Täuschungsmanövers muss in Betracht gezogen werden.
Zudem können solche neuen Entdeckungen ganze Ketten von Schlussfolgerungen zunichte machen.

Konstellationen und Szenen

Die Geschichte gliedern

Wenn wir Donna Leons Krimi lesen, können wir uns aus diesen doch sehr abstrakten Sätzen einige konkrete Hilfen zum Konstruieren von Krimis ziehen.
Zunächst führt uns Leon in zwei Kapiteln von Satz (a1) zu Satz (a2) im ersten Kapitel, lässt den Satz (a3) als Voraussetzung für das zweite Kapitel, da hier die Polizei schon vor Ort ist, und führt im zweiten Kapitel selbst den Leser von Satz (a4) zu Satz (a5).
Wir können also an der Spurensuche entdecken, dass sie auch den Gang der Geschichte gliedert.

Beispiel

Schauen wir uns folgenden Fall an:
(a1) Eine Frau wird ermordet aufgefunden.
(a2) Die Frau ist mit großer Kraft erstochen worden.
(b1) Wenn jemand mit großer Kraft erstochen wird, ist der Mörder ein Mann.
(c1) Die Frau ist von einem Mann umgebracht worden.
(a3) In der Toilette schwimmt eine Zigarettenkippe mit Lippenstift.
(a4) Die Ermordete ist Nichtraucherin.
(b2) Wenn bei einer Nichtraucherin eine Zigarettenkippe in der Wohnung gefunden wird, hatte sie Besuch von einem Raucher.
(b3) Lippenstift auf einer Kippe kommt von einer Raucherin. (Nur Frauen benutzen Lippenstift.)
(b4) Kippen in Toiletten sollen eigentlich nicht gefunden werden.
(c2) Also stammt die Kippe in der Toilette von der Mörderin.
(a5) Der Lippenstift ist sehr exklusiv.
(a6) Frau A nutzt einen solchen Lippenstift.
(a7) Frau A ist Raucherin.
(b5) Wenn viele Indizien übereinstimmen, gehört eine Person in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(c3) Frau A gehört in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(a8) Frau A hat eine Affäre mit der Ermordeten.
(a9) Frau A ist verheiratet.
(a10) Im Tagebuch der Ermordeten steht, dass sie Frau A aus dieser unglücklichen, nur finanziell vorteilhaften Beziehung befreien will und Herrn A die Affäre aufdecken will.
(b6) Wer Angst vor finanziellen Nachteilen hat, handelt so, dass diese nicht eintreten.
(c4) Frau A ist den finanziellen Nachteilen ausgewichen, indem sie ihre Geliebte ermordet hat.
(a11) Herr A hat auch eine Geliebte.
(a12) Frau A gibt an, dass sie ihren exklusiven Lippenstift nicht finden kann.
(a13) Der Lippenabdruck auf der Zigarettenkippe stimmt nicht mit dem sonstigen Lippenabdruck von Frau A überein.
(a14) Nur Herr A hatte die Möglichkeit, an den Lippenstift zu kommen.
(b7) Wenn viele Indizien übereinstimmen, gehört eine Person in den engeren Kreis der Verdächtigen.
(c5) Also gehört Herr A in den engeren Kreis der Verdächtigen. (Er könnte zum Beispiel die Frau ermordet haben, was Satz (a2) plausibel macht, sich dann Lippenstift auf die Lippen aufgetragen haben, eine Zigarette geraucht haben, und diese dann absichtlich in die Toilette geworfen haben, ohne hinunterzuspülen, um damit seine Frau zu belasten.)
Sie sehen also, dass sich hier eine sehr lange Konstellation und ein Ineinander von Sätzen ergibt, die immer wieder zu neuen Wahrnehmungen, neuen Regeln und neuen Schlussfolgerungen führt. Und dabei entsteht dann das Grundgerüst eines Krimiplots.

In Szenen umwandeln

Um zu einem richtigen Plot zu kommen, muss man dieses Grundgerüst dann in Szenen umwandeln.
(a1) 1. Szene: Die Leiche der Frau wird entdeckt.
(a2) 2. Szene: Die Leiche der Frau wird untersucht.
(b1) + (c1) 3. Szene: Der Kommissar zieht seine Schlussfolgerungen.
(a3) + (a4) 4. Szene: Die Zigarettenkippe wird entdeckt.
(b2), (b3), (b4) + (c2) 5. Szene: Der Kommissar sucht eine Raucherin im Freundeskreis von der Ermordeten.
(a5) 6. Szene: Die Marke des Lippenstiftes wird entdeckt.
(a6) 7. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A einen solchen Lippenstift benutzt.
(c3) 8. Szene: Der Kommissar durchleuchtet das Leben von Frau A.
(a8) + (a10) 9. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A mit der Ermordeten eine Affäre hat.
(a10) 10. Szene: Der Kommissar findet heraus, dass Frau A finanzielle Nachteile hätte, wenn ihr Mann von dieser Affäre erfährt.
(c4) + (a11) 11. Szene: Frau A wird verhört. Dabei behauptet sie, dass ihr Mann auch eine Geliebte hat.
(a11) 12. Szene: Der Kommissar findet die Geliebte des Mannes.
(a13) 13. Szene: Der Kommissar vergleicht verschiedene Lippenstiftabdrücke miteinander. Zusammen mit der großen Kraft, mit der der tödliche Stich geführt wurde und der Tatsache, dass Herr A auch eine Geliebte hat, zweifelt er, ob Frau A die Mörderin ist.
(a14) 14. Szene: ….
Ich denke, dass hier klar wird, wie sich aus einer Argumentationsfolge ein Plot mit Szenen konstruieren lässt.

Trotzdem: die Erzähllust

Wenn Sie sich nun Krimis anschauen und daraus die Argumentationsabfolge herausziehen, samt der dazugehörigen Szenen, werden Sie feststellen, dass die Szenen nicht immer nur einen Satz der Argumentation nutzen, dass mehrere Szenen sich auf nur einen Satz beziehen können, dass manche Indizien, die erst später sinnvoll eingeordnet werden, schon sehr früh erwähnt werden.
Wenn man also einen Krimi analysiert oder einen Krimiplot entwirft, sollte man sich an die eigene Erzähllust halten, mehr als an das penible Abarbeiten der konstruierten Argumentation.

Athmosphärische Szenen

Außerdem werden Sie feststellen, dass es in einem Krimi zahlreiche Szenen geben kann, die nicht direkt mit dem Fall zu tun haben, sondern Lokalkolorit, Atmosphäre, das Umfeld des Kommissars oder der möglichen Täter schildert. In dem ersten Entwurf des Plots müssen Sie solche Szenen noch nicht einbauen. Im zweiten Entwurf des Plots ist es aber sinnvoll, hier der Geschichte mehr „Fleisch“ zu geben. Was wäre denn ein Commissario Montalbano ohne seine kleinen und großen Eskapaden, ohne seine ulkigen Gefechte mit seinen Mitarbeitern, seiner Vorliebe für das Essen und seine ewig konflikthafte Beziehung zu Livia? Es wäre nicht Commissario Montalbano! Tatsächlich sind die eigentlichen Krimiplots von Camilleri nicht so spektakulär komplex. Und sie würden mit Sicherheit nicht eine so große Leserschaft anziehen, wenn der Commissario nicht ein solch knurriger Mensch wäre und die Szenen teilweise so lustig. Dies wird jedoch nicht durch den Kriminalfall selbst erreicht, sondern durch all das Drumherum.

Übung zu Konstellationen und Szenen

Um sich mit den Argumentationsgängen und der Umsetzung in Szenen sicher zu werden, sollten Sie auf jeden Fall einige Krimis analysieren. Seien Sie dabei nicht allzu genau. Die Autoren sind es häufig auch nicht. Schludern Sie aber auch nicht herum.
Suchen Sie zuerst das Grundgerüst des Falls. Dann skizzieren Sie, wie dieses Grundgerüst in Szenen umgesetzt worden ist.

Wenn Sie sich dann sicherer fühlen, entwerfen Sie selbst einige Argumentationen und plotten diese durch. Ihre ersten Versuche werden übrigens furchtbar sein. Lassen Sie sich davon nicht aufhalten. Mit der Übung werden Ihre Plots besser.

Spuren und Indizien

Spuren

Oben hatte ich alle Sätze, die ich mit (a) markiert habe, als Spuren bezeichnet. Linguistisch gesehen ist das aber nicht immer der Fall. Wenn jemand zum Beispiel zugibt, er sei am fraglichen Abend bei dem Opfer gewesen, ist das keine Spur.

Spuren sind immer Abdrücke in der materiellen Welt, die auf ein vergangenes Geschehen hinweisen. Fußspuren im Sand weisen auf einen Spaziergänger hin, der barfuß war. Lippenstift auf einer Zigarettenkippe weist auf eine Raucherin hin.
Wir müssen hier linguistisch nicht allzu genau sein. Wichtig ist erst mal, dass wir in den mit (a) bezeichneten Sätzen Wahrnehmungen finden, die durch die mit (b) gekennzeichneten Regeln interpretiert werden können.

Indizien

Der Unterschied zwischen Spuren und Indizien ist nun, dass Spuren durch naturwissenschaftliche Regeln interpretiert werden müssen, während Indizien durch einschränkende Regeln interpretiert werden.

Wenn an einer rasierten Leiche keine Blutungen unter der Haut festgestellt werden können, handelt es sich um eine Spur, die durch eine biologische Regel interpretiert werden kann. Dagegen ist Lippenstift auf einer Kippe zwar eine Spur, insofern der Kontakt von bemalten Lippen mit einer Kippe zu einem Abdruck führt und dies naturwissenschaftlich erklärt werden kann. Sieht man aber in diesem Abdruck einen Fingerzeig auf eine Frau, dann ist dies ein Indiz: denn damit werden alle Männer ausgeschlossen und der Kreis der Verdächtigen eingeschränkt.
Ja selbst ein Mord ist schon ein vages Indiz: denn er verweist auf alle Menschen, die ein Motiv haben und schließt alle motivlosen Menschen aus.

Der Wegweiser

Prototyp des Indiz ist übrigens der Wegweiser. Wer an einer Kreuzung steht, nach Hamburg will und der Wegweiser nach Hamburg weist nach Westen, wird wohl kaum nach Osten laufen. Trotzdem ist nicht gesichert, dass man nach Hamburg kommt: Westen ist einfach eine zu ungenaue Angabe. Wenn man allerdings an jeder Kreuzung wieder einen solchen Wegweiser für Hamburg findet, kann man tatsächlich einer Spur folgen. Denn irgendjemand hat gewollt, dass Menschen den Weg nach Hamburg finden.
Ein einzelner Wegweiser schränkt lediglich die Richtung ein. Sämtliche Wegweiser lassen sich aber durch eine „geographische Regel“ interpretieren.

Die Faszination des Pathologen

Wenn in Das Schweigen der Lämmer eine Leiche gefunden wird, der ein Stück Haut fehlt, ist das ein Indiz auf die Vorliebe des Mörders. Wenn aber an einer Reihe von Leichen unterschiedliche Hautteile fehlen und diese sich zu einer Art Kostüm aus Haut zusammenpuzzeln lassen, dann ist dies fast schon eine Spur. Dass es nicht ganz genau eine Spur ist, liegt daran, dass sich mörderische Perversionen nicht auf naturwissenschaftliche Gesetze zurückführen lassen.
Dies ist zum Beispiel die Faszination bei Pathologen: diese können anhand des Zustandes einer Leiche bestimmte Schlussfolgerungen ziehen. So verweist das Auftauchen bestimmter Fliegenlarven auf einer Leiche nicht nur auf den ungefähren Zeitpunkt des Todes, sondern vielleicht auch auf den möglichen Ort, wo diese Leiche gelegen hat. All das sind oft Mischungen aus Spuren und Indizien. Die Spur besteht aus dem Eindringen der Fliegenlarven, während diese als Indiz den Zeitraum des Todes einschränken. Und mehrere Indizien zusammen können eine Unsicherheit so einschränken, dass sie eine Spur ergeben (man denke an die Wegweiser).

Logik des Indiz

Ein Indiz ließe sich argumentativ so ausdrücken:
(a1) An der Kreuzung H weist der Wegweiser für Hamburg nach Westen.
(b) Wegweiser zeigen die richtige Richtung zu einem Ort an.
(c) Also muss ich nach Westen fahren.
Das Indiz besteht hier nur aus Satz (a1).
Finde ich weitere Indizien, wie:
(a2) An der Kreuzung I weist der Wegweiser für Hamburg nach Nordwesten.
(a3) An der Kreuzung K weist der Wegweiser für Hamburg nach Westen.
dann ist dies schon eine Spur. Freilich muss ich mich dabei immer darauf verlassen können, dass meine Regel (b) gilt. Würde ich in München landen, statt in Hamburg, müsste ich meine Regel ändern.
Wenn ein Pathologe an einer Leiche ein fortgeschrittenes Stadium der Verwesung feststellt, zieht er daraus einige Indizien, die dann zu einer bestimmten Spur führen, etwa, dass die Leiche in der Nähe eines Moores sechs Monate gelegen haben muss. Finden die Ermittler nun heraus, dass der Mörder wahrscheinlich viel Ahnung von Verwesungsvorgängen hat, dann kann der Zustand der Leiche eine bewusste Täuschung sein. Aus der Spur sind wieder Indizien geworden, die durch diese neue Tatsache ganz anders interpretiert werden müssen.

Rätsel

Nicht interpretierbar

Rätsel entstehen, wenn erstens eine Wahrnehmung nicht interpretiert werden kann: dann fehlt eine Regel zur Interpretation, und zweitens, wenn eine Schlussfolgerung nicht in den Gesamtkontext passt: dann fehlen nötige Spuren und Indizien.

Klassisch sind befremdliche Spuren am Tatort. Dort befindet sich zum Beispiel ein Gummiring. Wozu dieser Gummiring aber notwendig ist, bleibt ein Rätsel.
In diesem Fall muss der Ermittler weitere Spuren und Indizien suchen und neue Regeln erfinden.

Beispiel

Zum Beispiel wird ein ertrunkener Mann von Tauchern aufgefunden, der eigentlich ein guter Schwimmer ist. An seinen Beinen findet man Bleimanschetten und in seinem Blut kann man Spuren von Äther nachweisen. Da dieser Mann aber in keiner Weise ins Meer geworfen werden konnte, steht die Polizei vor einem Rätsel. Erst als der Detektiv einen luftleeren Rettungsring findet und dies mit dem Fluss, der ins Meer fließt, kombiniert, kommt er auf die Lösung: der Mann wurde betäubt, in den Rettungsring gesetzt, so dass dieser auf’s Meer hinaustrieb. Da der Rettungsring ein kleines Loch hatte, wurde dieser immer schlaffer. Schließlich wurde der betäubte Mann durch das Gewicht nach unter gezogen, während der Rettungsring nach oben weggezogen wurde.

Ebenso klassisch ist die Schlussfolgerung, die so gar nicht möglich ist. Etwa wenn ein Mann in einem abgeschlossenen Zimmer erdolcht aufgefunden wird, er sich aber keineswegs selbst umgebracht haben kann. Oder wenn ein Mann von einem bärenstarken Kerl erschlagen worden ist, aber nur zierliche Frauen die Gelegenheit zu dem Mord gehabt haben.

Whodunnits

Rätsel bilden zentrale Komponenten von Whodunnits.
Wenn man einen Whodunnit konstruiert, muss man einfach ein paar wichtige Spuren zunächst verschweigen oder eher beiläufig einflechten, und andere Spuren als wichtig aufblähen, obwohl sie nicht wichtig sind. – Hier ist ein wenig Phantasie gefragt. Wer Vorlagen braucht, kann sich bei Detektiv Conan (dem Manga) umschauen. Diese sind teilweise allerdings dermaßen überkonstruiert, dass sie recht unglaubwürdig sind. Aber zum Studium und zum Üben sind sie trotzdem klasse.

Perspektiven

Argumentationen aufteilen

Eine ganz andere Möglichkeit, mit Argumentationen umzugehen, ist diese nach Perspektiven aufzuteilen. Während der Detektiv glaubt, dass aus (a1)-(a5) sich nach der Regel (b1) der Schluss (c1) folgern lässt, denkt der Kommissar, dass aus (a1)-(a5) nach der Regel (b2) die Schlussfolgerung (c2) zu ziehen sei.
Oder, zwei unterschiedliche Personen haben nicht nur unterschiedliche Regeln, sondern erkennen unterschiedliche Spuren und Indizien. Auf solch einer Basis sind die Sherlock Holmes-Geschichten aufgebaut: während Watson bieder im Trüben stochert, spekuliert sich Holmes in die seltsamsten Konstruktionen hinein. Wer sich mit den argumentativen Gerüsten von Holmes beschäftigt, wird ziemlich rasch erkennen, dass diese Konstruktionen teilweise wirklich größenwahnsinnig sind. Trotzdem stehen wir als Leser zunächst einmal davor und denken: Wow, wie sich das alles wieder gut zusammenfügt!

Episodieren

Verschiedene Perspektiven sind meist episodenhaft ausgestaltet. Das reicht von einem kurzen Widerspruch, der ausgehebelt wird bis hin zu mehreren Szenen, in denen zwei Ermittler konkurrierende Wege verfolgen.
In Camilleris Krimi Die Stimme der Violine wird ein beschränkter, junger Mann von dem Konkurrenten des Commissario erschossen, weil dieser irrtümlich annimmt, dass der junge Mann der Mörder ist. Diese Episode zieht sich in seinen Folgen fast durch das ganze restliche Buch, allerdings weniger als eine andere Möglichkeit, den Mord zu lösen, als als eine Gegenhandlung, die neben den eigentlichen Ermittlungen nur noch herläuft.

Schluss

Die Deduktion ist ein Element von Krimis. Sie ist in ihrer einfachen Form ein sehr bescheidenes Werkzeug. Kombiniert man mehrere Deduktionen, kann dies aber zu einem hervorragenden Ausgangspunkt für den Plot werden.

Eine einfache Deduktion besteht aus einer Wahrnehmung, einer Regel und einer Schlussfolgerung.
Verweist die Wahrnehmung auf ein vergangenes Geschehen, handelt es sich um eine Spur, die eine naturwissenschaftliche Regel braucht, um interpretiert zu werden.
Verweist die Wahrnehmung auf eine gegenwärtige Tatsache, handelt es sich um ein Indiz, die eine einschränkende Regel braucht, um interpretiert zu werden.
Führt eine Kette von Indizien zu einer notwendigen Interpretation, kann man diese als Spur betrachten.

Aus einer Argumentationsfolge kann man ein Grundgerüst an Szenen entwerfen. Ohne weitere Szenen wird die Geschichte aber meist farblos.

Schließlich ist die Konstruktion eines Krimis aus Deduktionen nicht ein sicherer Weg zu einem tollen Krimi. Erstens muss man dieses Vorgehen hinreichend oft üben, sei es, indem man Krimis analysiert, sei es, indem man Krimis entwirft; zweitens muss man sich trotzdem auf eine reichere Erzählung einlassen, mehr Szenen, auch nebensächlichere Szenen einflechten, um Menschen „aus Fleisch und Blut“ zu erschaffen.
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