28.08.2011

Homo Faber und der Lehrer

Zum einen die Schlangen, die im Buch auftauchen (klar, einmal die, von der Sabeth gebissen wurde und dann sind da aber noch ein paar andere glaub ich). Die Schlange soll ein Symbol für Inzest sein, hat uns zumindest unser Lehrer so gesagt, und wenn die so was sagen, dann ist das auch richtig… und nichts anderes.
Erstens: es gibt nur eine einzige "wirkliche" Schlange und das ist die, die Sabeth beißt. Auf der Fahrt zur Tabakplantage hat Walter Faber Angst vor Schlangen; im zweiten Teil des Buches fragt Faber Juana, ob sie glaube, dass Schlangen von Göttern gesteuert werden, worauf Juana ihn fragt, was seine Meinung sei.
Zweitens: klassischerweise ist die Schlange das Symbol für die Verführung und die Sünde (siehe Adam und Eva). (Zum Symbol siehe weiter unten.)
Drittens: wenn Lehrer so etwas sagen, dann haben sie keine Ahnung von kulturellen Symbolen und der Interpretation von Romanen. Das ist sehr, sehr traurig.
Ein Besucher schreibt dann auch:
UNGLAUBLICH unseriöse interpretation; inhaltlich, faktisch überwiegend zutreffend wird durch diese pseudolässige ausdrucksweise und eigene meinung aber völlig aus dem literarisch analytischem zusammenhang gerissen

Symbole in Kultur und Literatur

Das Symbol unterscheidet sich vom konventionellen Zeichen durch das Vorhandensein eines ikonischen Elements, einer gewissen Ähnlichkeit zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene. Der Unterschied zwischen symbolischen Zeichen und Symbolen lässt sich an der Antithese von Ikone und Gemälde illustrieren. Im Gemälde ist die dreidimensionale Realität durch die zweidimensionale Darstellung vertreten. Allerdings wird die unvollständige Projektion der Ausdrucks- auf die Inhaltsebene durch einen illusionistischen Effekt verborgen: Dem Rezipienten soll eine vollständige Ähnlichkeit suggeriert werden. Bei der Ikone (und dem Symbol überhaupt) gehört es zur Natur des kommunikativen Funktionierens des Zeichens, dass die Ausdrucksebene nicht auf die Inhaltsebene projiziert wird. Der Inhalt schimmert durch den Ausdruck nur hindurch, und der Ausdruck spielt auf den Inhalt nur an. In dieser Hinsicht verschmilzt die Ikone mit dem Index: Der Ausdruck verweist auf den Inhalt in demselben Maße, wie er ihn darstellt. Dies erklärt eine gewisse Konventionalität des symbolischen Zeichens.
Das Symbol ist also quasi ein Kondensator aller Prinzipien des Zeichenhaften und führt zugleich über das Zeichenhafte hinaus. Es ist Vermittler zwischen den unterschiedlichen Sphären der Semiose und auch zwischen der semiotischen und der außersemiotischen Realität.
(Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens, Frankfurt am Main 2010, S. 160)
Lotmans Theorie ist komplex und - leider - von Formulierungen durchzogen, die z.B. das Symbol personifizieren. So muss man seine Texte manchmal nicht nur wissenschaftlich, sondern auch rhetorisch lesen. (Ich wollte mich hier um eine stärkere Systematisierung bemühen, bin dann aber über Bachtin und Jakobson zu Schopenhauer gekommen.)
Halten wir fest: das Symbol beruht nicht auf einer Ähnlichkeit (wie im "naturalistischen" Gemälde), sondern auf einer Allusion (Figur der Anspielung), bzw. (und hier hat Lotman den Ausdruck ikonisch tatsächlich unglücklich gewählt) auf einer undeutlichen (oder kreativen) Analogie zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene. - Allerdings muss man hier mehr sehen: das Symbol transzendiert den "naturalistischen" Inhalt auf allgemeinere Begriffe, so wie eine Szene mit einer Schlange diese Szene mit dem Begriff der "Sünde" anreichert. Die Struktur des Ausdrucks verdoppelt (oder vervielfacht) den Inhalt, indem der Ausdruck auf ein Mehr im Inhalt anspielt, indem die Struktur des Ausdrucks in gewisser Weise analog zu einem Mehr an Bedeutung ist.
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