06.10.2012

Mimikry (noch einmal: Lamarckismus)

Schon gestern bekam ich eine Mail, aus der ich kurz zitieren möchte:
Das kennt man doch aus der Biologie. Eine Stabheuschrecke ahmt einen Ast nach, um sich besser verstecken zu können. Damit ist Ihre Behauptung, die Natur kennen keine Zwecke, widerlegt.
Keineswegs, lieber Herr Schmidt!
Es zeigt nur, dass Sie meine Argumentation nicht verstanden haben. Als allererstes: Mimikry ist nicht Nachahmung. Die Mimikry bezeichnet eine Ähnlichkeit in der Natur, die sich für das Überleben aus irgend einem Grund als günstig erweist.

Günstige ökologische Zusammenhänge
Nun hat sich für die Stabheuschrecke aus irgendeinem Grund als günstig erwiesen, wie ein Ast auszusehen. Dabei war keine Planung im Spiel, sondern man kann dies mit den simplen evolutionären Mechanismen der Variation, Selektion und Restabilisierung erklären.
Oder nehmen wir die Ameisenspringspinne (Myrmarachne formicaria). Diese sieht Ameisen ähnlich, wie schon der Name sagt. Der Vorteil dieser Ähnlichkeit besteht darin, dass sie damit aus dem Beuteschema zahlreicher Spinnen fressender Tiere herausfällt. Der zweite Vorteil ist etwas komplexer. Diese Spinnenart lebt häufig mit Ameisen zusammen. Da sich diese Spinne nicht so stark vermehrt wie andere Spinnenarten (sie legt nur 2-3 Eier im Jahr), bieten Ameisennester einen guten Schutz für die Jungtiere und die Eier.
Es wäre aber falsch zu sagen, dass die Ameisenspringspinne das so geplant hätte und ebenso falsch ist es, eine Art großen Organisator (Gott) anzunehmen, der all dies geplant hat. Das ist Lamarckismus. Und den können wir mit der Darwinschen Theorie ablehnen.

Ökologische und evolutionäre Gesetze
Der entscheidende Fehler in Ihrer Argumentation ist allerdings, dass es natürlich funktionelle Ketten in der Natur gibt. Diese dürfen aber nicht mit der Evolution solcher Funktionen verwechselt werden. Was ist eine funktionelle Kette? Nun, ganz einfach: die Stabheuschrecken spürt eine entsprechende Erschütterung, „verwandelt“ sich in einen Ast und wird deshalb übersehen, bzw. nicht gefressen. Dies kann man tatsächlich ganz kausal, also zweckhaft, erklären.
Aus diesem Grund habe ich allerdings auch das Beispiel mit den Naturgesetzen gegeben. Noch einmal: wenn ein Apfel vom Baum fällt, dann ist das nicht durch das Gesetz von der Anziehung der Massen bewirkt, sondern dieses Gesetz drückt sich in dem fallenden Apfel aus.
Dasselbe passiert mit solchen Operationsketten in der Natur. Natürlich kann man diesen eine Absicht unterstellen. Aber es sind eben Absichten, die momentan in ein ökologisches System hineinpassen und einer Art das Überleben sichern, indem mehr einzelne Individuen überleben und sich fortpflanzen können. Solche Operationsketten oder Kausalitäten, ich sage es nochmal, sind nicht geplant worden, sondern haben sich als günstig erwiesen. In ihnen drücken sich die Gesetze der Evolution aus; deshalb müssen wir zwischen evolutionären und ökologischen Gesetzen unterscheiden. Ökologische Gesetze sind zwar nicht kausal in einem technischen Sinne, aber durchaus zweckmäßig. Evolutionäre Gesetze dagegen kann man nicht als zweckmäßig bezeichnen. Anders gesagt: ökologische Gesetze führen zu praktischen Sätzen und evolutionäre Gesetze zu theoretischen Sätzen (siehe: Praktische und theoretische Sätze - Kant und die gender-Theorie).

Die christliche Ehe und die Fortpflanzung
Wir müssen also zwischen Operationsketten und Naturgesetzen scharf unterscheiden. Ebenso, wie das Gesetz von der Anziehung der Massen nicht existiert, damit Äpfel von Bäumen fallen, existieren evolutionären Mechanismen nicht, damit sich Heuschrecken durch Mimikry Ästen anpassen. Und, das war die ärgerlichste Behauptung Ihrer E-Mail, ist die Fortpflanzung nicht dazu da, damit heute Mann und Frau die christliche Ehe realisieren. Die christliche Ehe ist eine Möglichkeit des Zusammenlebens von Mann und Frau. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber sie ist weder die einzige Möglichkeit, noch drückt sich darin das Gesetz der Fortpflanzung aus, wie Sie das suggerieren.
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