23.10.2012

aber Mann mus rchtig schreiben lärnen

Gerade habe ich eine sehr nette E-Mail bekommen, aus der ich im Titel zitiert habe. Da sie das Thema „sprachliche Richtigkeit“ betrifft, gebe ich eine öffentliche Antwort.

Liebe W.!
Ohne Frage. Eine gute Rechtschreibung ist von Vorteil. Es funktioniert allerdings auch ohne sie, wenn man ein bisschen höflich ist. Ihre E-Mail an mich ist höflich und deshalb habe ich auch kein Problem, sie ernst zu nehmen.
Nur, damit das klar ist: Ihre Rechtschreibung ist sehr gewöhnungsbedürftig. Um nicht zu sagen: grundlegend falsch. Sprache allerdings besteht aus vielerlei Schichten. Und eine dieser Schichten ist zum Beispiel, dass Sprache der Kommunikation dient.
Ihre Kommunikation mit mir hat hervorragend geklappt. Ich habe alles verstanden. Muss ich mich in einem solchen Fall bei der Rechtschreibung aufhalten? Ich denke nicht.

Eine andere Sache ist natürlich, wenn man etwas „offiziell“ veröffentlicht. Dann sollte man sich schon ein wenig Mühe geben und die Formalien der Sprache beachten.

Sie schreiben, dass Sie gerade dabei sind, einen Roman zu schreiben. Das ist grundlegend gut und ich kann Sie dazu nur ermutigen. Allerdings möchte ich Sie davor warnen, diesen Roman zu veröffentlichen. Denn dafür ist Ihre Rechtschreibung tatsächlich nicht gut genug. Was nicht heißt, dass Sie diese nicht auf ein gutes Niveau bringen können.

Dazu ist der Duden erstmal äußerst nützlich und im Zweifelsfall darf man sich auch an den Duden halten. Was im Duden steht, ist auf jeden Fall richtig; es ist nur nicht ausschließlich richtig. 
Deshalb hatte ich ja auf ein sprachliches Phänomen hingewiesen, das man als Modifikation oder Derivation bezeichnet, also als Abwandlung oder Ableitung. Ein typisches Beispiel dafür ist das ungebeugte Attribut: „Ein garstig Lied! ... Ein politisch Lied!“. Grammatisch ist das sogar falsch, wenn man von der Grammatik des Behördendeutsch ausgeht. Aber kommunikativ und poetisch erfüllt diese „falsche“ Form einen wichtigen Zweck.
Und auch das ist gute Sprache. Oder man müsste Goethe schlechtes Deutsch vorwerfen. Diese Passage steht, ich zitiere hier allerdings aus dem Kopf, im Faust I in der Szene „Auerbachs Keller“. (Jetzt habe ich doch nachgeschaut: sonst kommt wieder so ein Besserwisser und behauptet, ich sei zu doof zum richtigen Zitieren. Nachlesbar in Vers 2092.)

Oder nehmen wir alle Figuren der rhetorischen Deviation. Deviation ist sozusagen eine Misshandlung sprachlicher Richtigkeit. Sie können sehr bewusst als stilistisches Mittel gewählt werden und werden es auch, zum Beispiel häufig in der humoristischen Literatur. Siehe Arno Schmidt.
Deviationen müssen überlegt gesetzt werden. Da sie die Rechtschreibung bewusst missachten, sind solche Deviationen nur im entsprechenden Kontext sinnvoll.
Anders ist es mit den Derivationen. Diese sind in offiziellen Dokumenten unerwünscht (und werden trotzdem manchmal gebraucht), aber sonst auf jeden Fall akzeptabel. Die Grenze zwischen Deviation und Derivation existiert nicht offiziell, sondern wird vom Sprachgefühl bestimmt. Es ist also eine unsichere Grenze.

Sie fragen außerdem, ob ich nicht auch Rechtschreibfehler machen würde. Natürlich mache ich Rechtschreibfehler. Manchmal bin ich einfach müde und manchmal zu bequem. Aber darum ging es auch nicht. Jener Mensch hat mir vorgeworfen, ich würde die Rechtschreibung „nicht beherrschen“ und dieser Vorwurf ist nun deutlich beleidigend, weil er grundlegend falsch ist. Dass sich betreffender Mensch dann mimosenhaft darauf zurückzieht, er habe doch nur einen guten Tipp geben wollen, zeigt, dass er Sprache nicht verstanden hat.
Es ist doch so: Sie haben mir eine E-Mail geschrieben. Sie haben mir diese E-Mail geschrieben, um mit mir zu sprechen. Sie haben mir diese E-Mail nicht geschrieben, damit ich Ihre Fähigkeiten zur Rechtschreibung kritisiere. Natürlich musste ich, zur Verdeutlichung, auf Ihre Rechtschreibung eingehen. Wichtiger aber ist, dass ich auf Ihre Frage eingegangen bin. Ich hoffe, in einer zufrieden stellenden Art und Weise.
Und, um dies noch mal deutlich zu sagen: mit Ihnen unterhalte ich mich wesentlich lieber, als mit einem solchen plärrenden Besserwisser. Was nützt einem das korrekteste Deutsch, wenn man inhaltlich nur Unsinn zu erzählen hat? Dann doch lieber umgedreht.

Liebe Grüße,
Frederik Weitz
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