23.10.2012

Wozu liest man eigentlich schwierige Bücher?

Warum ich Kant lesen würde?

Diese Frage wird mir häufig gestellt, meist von meinen Kunden. Dazu muss man wissen, dass ich im Textcoaching zu wissenschaftlichen Arbeiten eigentlich immer mit einem sehr reduzierten Kant beginne. Ich halte dieses Vorgehen für äußerst nützlich (und meine Kunden bestätigen das), weil zwar viele Menschen ungefähr das wissenschaftliche Arbeiten begriffen haben, aber eine schärfere Trennung, zum Beispiel von Urteilsbildung und Begriffsbildung, für eine enorme methodische Klarheit sorgt.

Einwände gegen Kant sind zum Beispiel folgende: der ist doch gar nicht mehr modern, oder: der ist doch so schwierig.

Zur Modernität von Kant ist folgendes zu sagen: zwar kann man Kant als philosophisch mittlerweile sehr überholt bezeichnen, aber er hat doch extrem wichtige Grundlagen gelegt. Und so ist er schon alleine deshalb wichtig, um zu verstehen, warum sich die Philosophie in den letzten 200 Jahren so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat. Und dass es sich bei neueren Philosophien oftmals nicht um eine Widerlegung, sondern um eine Verschiebung Kantischer Ansätze handelt. Ich denke zum Beispiel an die Unterscheidung von Noema/Noesis (Husserl), die an die Unterscheidung zwischen  Empfindung und Form erinnert. Ich erinnere an Whitehead, den man durchaus als Kantianer bezeichnen kann. Ich erinnere an die Spuren, die Kant in den Werken von Adorno oder Foucault hinterlassen hat.

Und warum liest man schwierige Bücher?
Kurz gefasst: wer nur Informationen aus Texten herauslesen will, ist mit schwierigen Büchern nicht gut bedient. Wer allerdings die historische Dimension einer Information erfassen will, sollte von dieser Art des Lesens wegkommen.
Texte sind Bedeutungsstrukturen. Strukturen liest man nicht; man erfasst sie oder arbeitet sie heraus. O.k., das ist natürlich auch eine Art von Lesen. Worin aber besteht nun dieses andere Lesen?
Machen wir uns das an einem Beispiel deutlich.

Umberto Eco bezieht sich in seinen frühen Werken zum Beispiel auf die Unterscheidung von kategorematischen und synkategorematischen Wörtern. Kategorematische Wörter sind Wörter mit einer möglichen außertextuellen Referenz. Das Wort Hund zum Beispiel ist ein solches. Ich kann es hier schreiben und trotzdem wissen Sie, dass irgendwo in der Welt mindestens ein Hund existiert.
Dagegen sind synkategorematische Wörter Wörter, die nur in den Text hinein verweisen. Man könnte sie deshalb auch als grammatische Markierungen bezeichnen, da sie die Stellung der Wörter zueinander regulieren. Sage ich zum Beispiel: „Victoria pflückt auf dem Feld Margeriten.“, dann ist das Wort „auf“ synkategorematisch. Victoria schwebt weder über dem Feld, noch hat sie sich darunter eingegraben. Sie ist eben „auf dem Feld“.
Diese Ansicht ist übrigens äußerst veraltet und wirft, das werden Sie bei einigem gründlicheren Nachdenken feststellen, eine ganze Reihe von Problemen auf. Für eine erste Illustration allerdings finde ich sie ganz brauchbar.
Wichtig ist mir vor allem, dass dieser Beispielsatz sich nicht nur als grammatische Form präsentiert, sondern dass er eine Art logischen Zusammenhang andeutet. In diesem Fall ist es eine „räumliche Logik“.
Wollen wir den Sinn eines Textes verstehen, dürfen wir uns nicht bei der Grammatik aufhalten, sondern müssen zu diesen logischen Formen kommen, d.h. wir müssen die Grammatik daraufhin interpretieren. Dass es zwar zwischen Grammatik und Logik einen deutlichen Zusammenhang gibt, aber auch einen Bruch, sieht man daran, dass manche Menschen zwar grammatisch richtig, aber logisch falsch schreiben. Beispiel: „Westerwelle ist Außenminister, weil er schwul ist.“

Wie überall, so gibt es auch hier einen Kompetenzaufbau. Das Verhältnis zwischen Grammatik und Logik beruht nicht darauf, dass man dies abstrakt begriffen hat, sondern dass man damit gearbeitet hat. Kern eines solchen Kompetenzaufbaus ist immer noch die Übung, also die praktische Anwendung von Begriffen. Das gilt für das Kind, das seine Buchstaben lernt, genauso, wie für den Studenten, der seinen Kant liest.
Kant muss man ebenfalls einüben.

Trotzdem muss man natürlich Kant nicht lesen. Es gibt auch andere Autoren, die lesenswert sind. Man kann sogar, dies war mal eine Behauptung, mit der ich eine Professorin sehr verärgert habe, die Bild-Zeitung hochintellektuell lesen. Ich habe ebenfalls eine Seminararbeit über Konsalik geschrieben, wobei das Thema zunächst mit einem Stirnrunzeln bedacht wurde (es war ein Seminar über Kleist) und ich beschäftige mich seit Jahren mit „niederer“ Literatur. Die Komplexität solcher Texte steht denen in Kants Werken in nichts nach, ja häufig sind sie sogar anspruchsvoller, weil sie eben nicht nach einer guten, philosophischen Logik funktionieren, sondern eher nach einer diffusen und fragmentierten Logik.
Eine solche fragmentierte Logik nenne ich auch Alltagslogik. Sie ist deshalb erlaubt, weil es im Alltag zeitlich gar nicht möglich ist, sich über eine „gute“ Logik Gedanken zu machen. Auf der anderen Seite ist natürlich eine systematische Logik wichtig, vor allem wenn es um grundlegendere Entscheidungen geht oder wenn, was häufig mit der fragmentierten Logik zusammenhängt, ein Streit hochbrandet, in dem sich zwei Parteien ineinander verbeißen. Dann muss zumindest die Möglichkeit da sein, in eine bessere, konsistentere Logik zu wechseln.

Auch das ist noch immer keine Begründung für Kant. Aber es ist zumindest ein gutes Argument für die Lektüre von Philosophen. Und jetzt seien wir mal ehrlich: Nietzsche, dessen Sprüche so gerne zitiert werden, und der deshalb noch eine recht große Popularität genießt, ist gar nicht so einfach, wenn man ihn gründlicher liest. Im Gegenteil: er wird sogar richtig schwierig.
Oder: Heidegger, Adorno.

Letzten Endes ist es also egal, welchen Autoren man gründlich liest. Viel wichtiger ist, dass man sich in die Zusammenhänge zwischen Grammatik und Logik, zwischen Information und Zusammenhang einarbeitet und hierfür ein größeres Gespür entwickelt. (Und man beachte, dass ich hier Gespür sage und nicht Wissen. Denn letzten Endes lässt sich dieser Zusammenhang nie vollständig erfassen. Es gibt immer einen unlogischen Rest, den wir nicht bedacht haben.)
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